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Autor:innen schreiben für die Ukraine: Unter dem Hashtag „Miteinanda für die Ukraine“ setzten Dutzende von Autor:innen ein solidarisches Zeichen und griffen zur Schreibfeder. Ob romantisch, sinnlich, leidenschaftlich, liebevoll, fantastisch oder nachdenklich, alle Kurzgeschichten haben eins gemeinsam: Sie haben ein Happy End und erzählen von Liebe, Hoffnung, Glück und Neuanfängen. Mit dem Kauf von „Friedensfreunde“ unterstützen Sie das Notfallprojekt „Hilfe für die Ukraine“ des Vereins Vier Pfoten. Sämtliche Autor:innen sowie der Verlag verzichten auf ihr Honorar und ihre Bezahlung. Alle Einnahmen kommen der Spendenaktion zugute.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
© HOMO Littera Romy Leyendecker e. U.,
Am Rinnergrund 14/5, A-8101 Gratkorn,
www.HOMOLittera.com
E-Mail: [email protected]
Grafik und Gestaltung: Rofl Schek
Cover: Portrait of a staffordshire bull terrier © Jon Anders Wiken, Adobe Stock.com
Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages gestattet.
Handlung, Charaktere und Orte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.
Originalausgabe: November 2022
ISBN Print: 978-3-99144-016-1
ISBN PDF: 978-3-99144-017-8
ISBN EPUB: 978-3-99144-018-5
ISBN PRC: 978-3-99144-019-2
Friedensfreunde
Impressum
Einleitung
Friedensfreunde
Für unsere kleinen Leseratten
Astrid Winkler: Gerania und der Frosch
Für unsere großen Leseratten
Sandra Altmann und Peter Straßer: Am Viehgatter
Hans Christian Baum: Kiwis und Neufundländer
„Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht siegt, wird die Welt Frieden finden.“, wusste schon Jimi Hendrix zu sagen. Es ist immer schwer, die passenden Worte für eine Einleitung einer Benefizanthologie zu finden, vor allem dann, wenn die Hintergründe so schwerwiegend und bedrückend sind.
Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die Ukraine, eine vom russischen Präsidenten W. Putin befohlene Invasion, die auf das gesamte Staatsgebiet abzielt und den seit 2014 gärenden Russisch-Ukrainischen Krieg eskalieren ließ. Am 7. März rechtfertigte das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche den Angriff auf die Ukraine in der Sonntagspredigt mit einer „Loyalitätsprüfung“ zwischen Ost und West. Es sei seiner Meinung nach eine Zumutung für Menschen, Schwulenparaden ertragen zu müssen (Quelle: Bayrischer Rundfunk, Russischer Patriarch: Schwulenparaden sind Hauptgrund für Krieg, 07.03.2022).
Homophobie als Rechtfertigung für das Verbrechen am ukrainischen Volk und den Verstoß gegen das Völkerrecht heranzuziehen, ist mehr als absurd. Als Österreichs erster Verlag für ausschließlich homosexuelle Literatur wollten wir deshalb ein Zeichen setzen und allen Menschen aus der Ukraine helfen. Unter dem Motto: #Miteinanda für die Ukraine riefen wir die Benefizanthologie „Friedenszeit“ ins Leben. Wir suchten Autor:innen, die auf ihr Honorar verzichten und uns mit einer Kurzgeschichte unterstützen würden.
Alle guten Dinge im Leben sind bekanntlich DREI, und neben den Menschen aus der Ukraine leiden auch die Tiere an den verheerenden Folgen des Krieges. Tiere können nicht für sich sprechen, sie brauchen ein Sprachrohr – und das werden wir an dieser Stelle gerne sein. Unsere dritte Benefizanthologie „Friedensfreunde“ für die Tiere in und aus der Ukraine entdeckte das Licht der Welt. Abermals baten wir Autor:innen um ihre Unterstützung, und auch dieses Mal erhielten wir wunderbare Beiträge.
#Miteinanda kreierten wir drei großartige Benefizanthologien für den guten Zweck. Sämtliche Einnahmen der Anthologien „Friedenszeit“ und „Friedensboten“ gehen an die gemeinsame Spendenaktion der Caritas und Kleinen Zeitung „Wir für Ukraine“. Alle Einnahmen der Anthologie „Friedensfreunde“ gehen an den Verein Vier Pfoten und sein Notfallprojekt „Hilfe für die Ukraine“, das sich auch an die zurückgelassenen Tiere vor Ort richtet.
Wenn man ein Projekt aus Liebe und Solidarität ins Leben ruft und innerhalb weniger Tage so viel Zuspruch und Unterstützung erfährt, geht einem das Herz auf. So ist es nur logisch, dass hinter einem Projekt wie diesem, das die Eigenschaft hatte, sich selbst zu vermehren, eine Vielzahl an Personen steckt, ohne die es niemals möglich gewesen wäre, die Benefizanthologien zu veröffentlichen.
Als Verlegerin von HOMO Littera verbeuge ich mich deshalb zutiefst vor allen Autor:innen und bedanke mich von ganzem Herzen für euer Engagement und euren Einsatz. Herzlichen Dank, dass ihr ein Teil des Projektes #Miteinanda für die Ukraine seid. Es ist nicht selbstverständlich, auf sein Honorar zu verzichten und kostenlos einen Beitrag zur Verfügung zu stellen. Ein großes DANKESCHÖN dafür.
Ebensolcher Dank gilt meinem Team. Ihr habt nicht nur auf eure Bezahlung verzichtet und ehrenamtlich gearbeitet, ihr habt das Projekt auch in allen Belangen unterstützt. Vielen Dank für euren unermüdlichen Einsatz und eure Hilfe.
Dank gebührt auch unseren Unterstützern, die am Ende der Anthologie noch einmal aufgeführt sind. Ohne euch hätte sich die Umsetzung des Projektes viel schwieriger gestaltet. Vielen Dank für eure Hilfe.
Der größte Dank geht aber an alle Leser:innen und Käufer:innen. Mit dem Erwerb dieses Buches unterstützen Sie Menschen und Tiere aus der Ukraine, die durch den Krieg viel zu viel verloren haben. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für mehr Liebe, Solidarität und Frieden. Vielen Dank, dass Sie sich für den Kauf von „Friedenszeit/Friedensboten/Friedensfreunde“ entschieden haben.
In diesem Sinne bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Möge sich die Situation der Ukraine bald stabilisieren und wieder Frieden in das Land einkehren. Denn schon Mutter Teresa wusste: „Das Leben ist Liebe, und die Frucht dieser Liebe ist Frieden. Das ist die einzige Lösung für alle Probleme der Welt.“
Herzlichst
Romy Gorischek
Verleger und Geschäftsführer HOMO Littera
Es war einmal Gerania, eine kleine Baumelfe, die mutterseelenallein am Rand des kleinen Wäldchens in der Nähe deiner Stadt lebte. Sie bewohnte mit ihren wenigen Habseligkeiten eine winzige Höhle in einer sehr, sehr alten Buche, und nur bei Nacht traute sie sich ins Freie, denn die anderen Elfen waren hässlich und gemein zu ihr …
Da saß sie dann auf einem Blatt im Mondschein, beobachtete, wie die Wolken einen Stern nach dem anderen verdunkelten und – wusch – wieder freigaben, wie in einem Schleiertanz, der nie endete.
Gelegentlich hörte sie am Tag, wenn sie in ihrer Höhle saß, in der Ferne ein Schaf vor sich hin jammern: „Mäh … mir ist so öd. Immer muss ich allein hier stehen …“
Doch was sollte die kleine Elfe tun? Sobald sie ihren Baum verließe, würden die anderen Elfenkinder über sie herfallen und sie an ihren spitzen Ohren ziehen, denn Baumelfen gab es nicht mehr sehr viele in dem Wäldchen am Rand der Stadt. Sie war den Kindern fremd, und so blickten sie auf Gerania herab und hatten begonnen, sie zu piesacken.
Tag für Tag hörte Gerania das Schaf jammern, und Nacht für Nacht sah sie den Wolken beim Tanzen zu …
Eines Morgens hörte sie ein Geräusch, das sie noch nie, nie vorher in ihrem langen Elfenleben gehört hatte. Es klang lustig, für eine Elfe sogar sehr lustig – so wie: „Quark!“
Elfen sind ein überwiegend gutmütiges, verspieltes Volk, und Gerania sprang lachend auf und rannte ohne zu zögern aus ihrer Höhle, um möglichst schnell die Quelle des Geräusches ausfindig zu machen.
Die anderen Kinder – nun, die hatte sie ganz vergessen.
Sie lief blitzschnell, und der Wind nahm sie auf und blies sie noch viel schneller vorwärts, sodass sie sich fast überschlagen hätte. Da landete sie genau vor einem komischen grünen Ding, das die Backen aufblies und sie aus glubschigen Augen anblickte.
„Hallo, wie heißt du? Machst du diese lustigen Geräusche?“, fragte sie und ging zur Vorsicht lieber einige Schritte rückwärts. Man konnte ja nie wissen.
„Das ist doch normaaal“, quakte der Frosch.
Gerania beäugte ihn misstrauisch. Diese grüne Farbe, die plumpen Zehen mit den Häuten dazwischen, fast wie die hässlichen Wassermänner. Dann diese dicken runden Augen, die in alle Richtungen blicken konnten.
Huh! Gerania schüttelte sich ein wenig, sagte aber nichts.
Da hörten sie ein triumphales Geheul durch den Wald schallen: „Hier ist sie! Dort, bei dem grauslichen Frosch! Kommt, wir fangen sie, und dann geht es ihr an den Kragen!“
Die kleine Elfe erbleichte, als sie die Meute der frechen Kinder heranrennen sah. Sie waren so viele – und sie war hier ganz allein, ohne ihre Höhle und nur in Gesellschaft dieses grünen Dings. Ihr wurde ganz elend. Diesmal gab es kein Entrinnen.
Wie dumm war sie doch gewesen, einfach ihrer Laune nachzugeben und alle Vorsicht zu vergessen. Sie würden sie einfangen und ihr bestimmt die Flügel ausreißen!
Gerania fing bitterlich an zu weinen.
Da sprach der Frosch zu ihr: „Könntest du mich lieb haben?“
„Was hast du gesagt?“, fragte die Elfe, die sich gerade zum Weglaufen umdrehen wollte.
„Könntest du mich lieb haben?“, sagte der Frosch erneut. „Ich weiß, ich bin nicht aus deinem Volk und nicht so zart und lieblich wie du, aber ich will dir ein treuer Freund sein, wenn du mich wirklich lieb hast.“
Gerania überlegte kurz, denn die Kinder waren schon bedenklich nah gekommen. Sie hatte noch nie einen Freund gehabt. Was machte es da, ob er grün war?
Sie holte einmal tief Luft und nickte.
„Dann setz dich auf meinen Rücken“, befahl der Frosch. „Schnell, dir bleibt nicht mehr viel Zeit!“
Gerania tat wie ihr geheißen und kletterte auf den Rücken des Frosches. Aber was war das? Der Frosch begann zu wachsen und wurde immer größer und größer. Er wurde größer als die Blumen, größer als die Büsche und zuletzt sogar größer als die Bäume. Gleichzeitig wuchsen ihm Zacken aus dem Rücken und ein langer Schwanz, und als er den Kopf zu ihr drehte, da sah sie, dass der Frosch sich ganz und gar gewandelt hatte.
„Aber du bist ja ein Drache!“, rief Gerania voller Erstaunen aus.
Der Drache lächelte freundlich und nickte.
Da kam die Kinderschar herangestürmt. „Wir suchen die komische Elfe, hast du sie gesehen?“ rief ihr Anführer dem Drachen zu, ein besonders gemein aussehender Elf mit grimmigem Gesicht. „Wenn wir sie finden, wird es ihr schlecht ergehen, also besser du sagst es uns, sonst sollst du ebenfalls büßen.“
Der Drache blickte weiterhin freundlich in die Runde, suchte sich ein mickriges Bäumchen aus, das kaum noch ein Blatt am Leibe trug, holte tief, tief Luft und blies mit einem riesigen Feuerstrahl das Bäumchen an, das sofort in Flammen aufging und im Nu zu Asche niederbrannte.
Die Kinder schauten entsetzt zu dem Baum, dann wieder zu dem Drachen, schließlich schauten sie einander an und – hast du nicht gesehen! – waren sie davongerannt.
Gerania klatschte in die Hände, ließ sich von dem Rücken des Drachens heruntergleiten und hielt ihm ihre feine, kleine Hand hin. „Danke, dass du mir geholfen hast, mein großer Freund“, sagte sie feierlich. „Ohne dich hätten sie mir ein Leid getan …“
„Schon gut“, brummte der Drache.
„Ich habe dich sehr lieb“, flüsterte die Elfe, sodass der Drache seinen großen Kopf ganz dicht zu ihr wenden musste, um sie zu verstehen.
„Kann ich denn noch etwas für dich tun, kleine Freundin?“, fragte er, um zu verbergen, dass er ganz rot angelaufen war vor Freude.
Gerania überlegte einen Moment – dann fiel es ihr wieder ein. Das Schaf! „Da ist noch ein Schaf, das auch immer allein ist. Das möchte ich gern besuchen, aber bisher hab’ ich mich nicht getraut.“
Der Drache nickte, ließ die Baumelfe wieder aufsteigen und stapfte mit ihr durch das Wäldchen zu der Wiese, auf der das Schaf stand – und wie das Schaf sich über die Gesellschaft freute! Es machte hohe Sprünge, und man hat es nie wieder auch nur eine Minute lang jammern gehört.
Sie hatten viele vergnügliche Tage, der Drache, das Schaf und die Elfe.
In den Nächten aber blickte Gerania nun nicht mehr den Wolken hinterher. Sie schlief – in die wohlige Nähe des Freundes gehüllt – sicher und beschützt bis zum nächsten Morgen.
Dass das mit mir und den Mädchen nichts werden wird, habe ich mir spätestens damals gedacht, als Tante Elsbeth ihre Kühe vom besten Zuchtochsen aus Niederviehbach hat decken lassen. Ich war sieben. Wir standen am Zaun, schauten dem Ochsen bei seinem wilden Treiben zu und Tante Elsbeth schwadronierte irgendetwas vom idealen Erstbesamungsgewicht ihrer Kühe. Diese ganze Heterosache war schon damals nicht so mein Ding, und daran hat sich nichts geändert.
Dass es mit der Partnerwahl aber so kompliziert würde, hätte ich nicht gedacht: Zugegeben, ein Dreihundert-Seelen-Dorf wie Niederviehbach mitten im oberbayrischen Nirwana ist für schwule Männer Anfang zwanzig nicht gerade ein Eldorado, obwohl meine Familie mein Coming-out relativ gelassen aufgenommen hat. Onkel Willi meinte sogar, dass die schwule Lebensweise, die einzig wahre sei, weil man es mit Frauen langfristig ohnehin nicht aushalten könne, zumindest ihm als Pazifisten sei das bisher nicht geglückt. Damit meint er vermutlich sein etwas anstrengendes Eheleben mit Tante Elsbeth, ihrem Putzzwang, ihrem überfüllten Schuhregal und ihrem Faible für die Rinderzucht.
Onkel Willi, Tante Elsbeth, meine Eltern und ich stehen also wieder einmal am Zaun des neu errichteten Freistalls, und Tante Elsbeth schwatzt von den Vorzügen der neuen Stalltechnik in Abhängigkeit von der Fertilität ihrer Kühe. Da merke ich, dass es endlich an der Zeit ist, mit der Wahrheit herauszurücken. Ich unterbreche meine Tante und sage es einfach rund heraus: „Ab dem Wintersemester studiere ich Agrarwissenschaften in Berlin!“
Wie es in Familien üblich ist, hat jeder sofort eine fertige Meinung parat.
„Warum studieren?“, fragt mein Vater.
„Warum Agrardingsbums?“, fragt meine Mutter.
„Warum studierst du nicht Landwirtschaft, Junge?“, fragt mein Onkel.
„Warum Berlin?“, fragt Tante Elsbeth – und alle sind sich einig: Das Schlimmste an der Sache ist der Umzug nach Berlin und das nicht allein wegen der schlechten Braukunst.
Als ich meiner Familie erkläre, dass ich nur deshalb in die Hauptstadt gehen möchte, weil ich mir dort größere Chancen auf dem Partnermarkt ausrechne, entgegnet Tante Elsbeth: „Junge, das machen wir schon!“
Ich hätte mich nie auf das Angebot meiner Familie einlassen sollen. Schließlich haben ihre Gemeinschaftsaktionen noch nie funktioniert: angefangen beim Kauf meines Kommunionanzuges – ich war der einzige Junge ganz in Weiß – bis hin zu Onkel Willis Marihuanaplantage, für die mein Vater eine fette Anzeige kassierte. Jedenfalls gehen nun meine Eltern, Onkel Willi und Tante Elsbeth für mich auf die Suche nach dem idealen Mann. Zugegeben, sie stellen sich der vermutlich größten Herausforderung in Niederviehbach. Vielleicht ist diese Aufgabe aber für jemanden, für den eine geglückte Partnerwahl bedeutet, den richtigen Zuchtochsen zu finden, ohnehin nicht lösbar.
Drei Wochen später hat Tante Elsbeth eine vage Vorstellung von ihrem Plan entwickelt, schließlich hat sie sich das Buch „Schwulsein leicht gemacht“ in der Dorfbücherei in Niederviehbach ausgeliehen. Es wundert mich, dass es in unserer Dorfbibliothek solche Titel gibt, genauso wie es mich wundert, dass es in Niederviehbach überhaupt eine Bücherei gibt. An die darin enthaltenen Tipps will sich Tante Elsbeth genau so exakt halten wie an ihre Rinderbesamungstermine. Sie entwickelt einen Schlachtplan, wie ihn Napoleon nicht ausgeklügelter hätte erarbeiten können. Durch ihre Lektüre meint sie zu wissen, dass schwule Männer vor allem in bestimmten Berufsgruppen anzutreffen seien: Friseur, Bademeister, Barkeeper. Darauf wollen sie sich also zuerst fokussieren – wie ein Fuchs, der die Fährte aufgenommen hat. Sofort meldet sich Onkel Willi für den Gastronomieeinsatz. Tante Elsbeth will den Bademeister unter die Lupe nehmen, was sich nach ihrem Training bei den Synchronschwimmerinnnen in Niederviehbach durchaus anbietet, und Vater wird beim Friseur angemeldet – ob er mag oder nicht.
Es kommt, wie es kommen muss: Schon am nächsten Tag versammelt sich die gesamte Familie an der Viehkoppel, um die anderen über den Erfolg von Tante Elsbeths Schlachtplan zu informieren.
Muffig erklärt mein Vater: „Ergebnis negativ!“
Wir haben ihn aufgrund seiner neuen Dauerwelle erst gar nicht erkannt und für Thomas Gottschalk gehalten. Einstimmig votieren alle Familienmitglieder in Anbetracht der Verwüstung auf seinem Kopf dafür, dass so ein Pfuscher wie dieser Friseur nicht auf den Hof kommen kann, mag er noch so schwul sein.
Auch Tante Elsbeth meldet: „Ergebnis negativ!“ Als sie beim Synchronschwimmen zu ertrinken vorgegeben und der Bademeister sie zur Reanimation aus dem Wasser gefischt hat, musste sie an ihm einen so starken Knoblauchgeruch feststellen, dass er jeden Vampir selbst bei Gegenwind bis Hintertranssilvanien in die Flucht geschlagen hätte.
Gespannt schauen wir alle auf Onkel Willi, und er ruft mit leuchtenden Augen: „Ergebnis positiv! Aber so was von positiv!“ Schon schwärmt er von seinem Gastronomiefeldzug, und dass er sich einmal durch die gesamte Getränkekarte gesoffen habe. Besonderen Zuspruch gibt es seinerseits für das diesjährige Zeugl, das so süffig ist, dass man nach fünf Litern sofort Lust auf den sechsten bekommt.
Tante Elsbeth unterbricht seinen Erzählfluss mit einem lauten Zischen und fragt, ob der Barkeeper denn als Partner für ihren Neffen infrage komme.
Da winkt Onkel Willi verständnislos ab: „Aber Elsbeth, du weißt doch, dass an der Theke unserer Wirtschaft die Gudrun steht. Das tut sie doch seit zwanzig Jahren!“
Onkel Willi ist also leicht angesoffen, aber in der Gesamtbilanz: Ergebnis rundum negativ, sogar noch negativer als negativ.
Berlin, ich glaube, ich komme doch!
Nun, so Tante Elsbeth, greife ihr Plan B, ein weiterer Schlachtplan wie ihn Napoleon nicht ausgeklügelter hätte erarbeiten können. Ihrem Ratgeber zufolge heißt es: „Wenn alle Stricke reißen, sollten Sie sich einen Dackel zulegen. Schwule lieben Dackel.“
Drei Wochen später bin ich Herrchen von Waldi, einem Prachtkerl von Rauhaardackel. Stolz führe ich ihn täglich dreimal an der Landstraße spazieren – Gehwege Fehlanzeige! – und warte darauf, dass alle Schwulen von Niederviehbach über mich herfallen. Der Erfolg hat bisher auf sich warten lassen. Aber Tante Elsbeth hält an ihrem Plan fest, sie hat dem Hund sogar ein rosa Regenmäntelchen und mir eine Leine in Regenbogenfarbe gekauft.
„Man muss ja auf dich aufmerksam werden!“, meint sie, und ich bin froh, dass sie mir nicht auch ein Regenmäntelchen im Partnerlook zu meinem Hund gekauft hat. Dabei wollte ich eigentlich keinen Hund, einen Dackel schon gar nicht. Ich bin überhaupt kein Hundemensch, ich bin normal, und ich verstehe beim besten Willen nicht, was die Leute daran finden, mit Kottütchen durch die Gegend zu flanieren und darauf zu warten, dass der hauseigene Flohtransporter ein Häufchen lässt.
Bilanz weiterhin negativ. Da ich von Onkel Willi weiß, dass es nicht zielführend ist, sich Tante Elsbeths Wünschen zu widersetzen, führe ich den Hund weiter stolz auf der Landstraße auf und ab.
Meine schicksalsträchtigste Erfahrung mit Waldi liegt nur wenige Tage zurück: Ein Gewitter hat uns kurz hinter Niederviehbach überrascht, sodass ich ohne das Regenmäntelchen des Hundes unterwegs war. Tante Elsbeth tadelt mich ob meiner mangelnden Fürsorglichkeit, ich nicke. Völlig durchnässt verpestet Waldi daraufhin unser Haus mit seinem typischen Nasser-Hund-Geruch und das bestialischer, als es die hundert Kühe meiner Tante jemals geschafft haben.
Obwohl Tante Elsbeth, wenn es um Rinder oder um Onkel Willi geht, mehr die Frau fürs Grobe ist, schickt sie mich präventiv mit dem Dackel zum Tierarzt. „Damit sich das Hunderle nicht erkältet!“, meint sie.
Mich ihren Wünschen beugend, packe ich den Hund samt seines Geruchs ins Auto und ab zum Tierarzt. Als ich ihn dort aus seiner Transportbox hebe und ich mich darauf konzentriere, mich ob Waldis typischem Nasser-Hund-Geruch nicht vor allen Leuten zu übergeben, öffnet sich die Tür zur Praxis. Gleißende Lichtstrahlen dringen heraus. Ich reibe mir die Augen, und vor mir steht ein sagenhaft schöner Mann im weißen Kittel, vor dem selbst Onkel Willi in Jugendjahren verblassen müsste.
„Ich habe ja selbst so ein Dackelchen!“, sagt der Tierarzt und drückt mir seine Visitenkarte in die Hand: Dr. Jochen Schwertlein.
Bingo! Die Urlaubsvertretung von Tante Elsbeths Rinderarzt. Es ist wie ein Versprechen.
Ein paar Wochen später stehen wir wieder am Viehgatter: Onkel Willi, Tante Elsbeth, meine Eltern, Jochen und ich. Tante Elsbeths Plan ist also aufgegangen, und das nicht nur, was mein Privatleben betrifft. Auch ihre Jahresbilanz dürfte in Zukunft ertragreicher ausfallen, schließlich glänzt an unserer Hofeinfahrt neuerdings ein Klingelschild: Dr. Jochen Schwertlein, Veterinär. Wer einen praktizierenden Tierarzt im Haus hat, spart eine Menge an Behandlungskosten. Niemand weiß das besser als Tante Elsbeth.
Gesamtbilanz: positiv, mehr also positiv, und das sogar ohne Umweg nach Berlin – und noch etwas: Ja, ich bin ein Dackelmensch, das hab ich immer gewusst. Ich bin schließlich normal.
Manchmal frage ich mich, warum mich das Schicksal hasst. Ich mein’, hätte es nicht wenigstens eine Kleinstadt sein können? Oder zumindest eine Marktgemeinde?
Nein, Kretzelkirchen musste es sein – das kleinste Dorf, das der Gußlechner, mein ehemaliger Vorgesetzter bei der Kripo, hatte finden können. Kretzelkirchen hat nix – und wenn ich nix sage, dann meine ich nix. Es gibt weder ein Restaurant noch ein Nachtlokal noch ein Café. Es gibt auch kein Hotel – nur ein einfaches Landgasthaus, indem die ausgestopften Viecher leer von den Wänden starren. Gut besucht ist der Dörflwirt trotzdem – oder gerade deshalb. Es gibt ja weit und breit nur ihn.
Auf jeden Fall sitze ich jetzt hier fest – vom Spezialagenten bei der Kripo zum Dorfgendarm. Schöne Karriereleiter war das, nämlich eine, die steil nach unten ging.
Zumindest habe ich mein eigenes Büro – mit einer Zelle im Nebenraum –, wenn dieses auch im Gemeindehaus liegt. Aber besser als nichts, es hätte schlimmer kommen können. Kurz sah es bei meiner Ankunft nämlich so aus, als müsste ich mein Büro in der Zelle aufschlagen. Aber ich habe dem Bürgermeister klargemacht, dass ich wieder fahren würde, wenn ich hinter Gittern arbeiten müsse. Das hat er eingesehen, womit ich nun stolzer Landgendarm mit eigenem Büro und Zelle bin – und einem verdammten Festnetztelefon! Seit ich hier bin, klingelt es. Es vergeht keine Stunde, in der ich nicht angerufen werde. Ich mein’, ich versteh’ das, schließlich bin ich von der Polizei, dein Freund und Helfer in der Not – aber mir erscheint, die Not ist hier übergroß. Für manche ist ein wurmstichiger Apfel auf der Landstraße ein Beweismittel und ein riesiger Fall, sodass ich mit Blaulicht und Sirene ausrücken musste.
Ich will gerade in meine Schnitzelsemmel beißen, als das Telefon schon wieder läutet.
Polizeikommissariat Josefstadt, Oberinspektor Rennhold am Apparat, will ich sagen, erinnere mich im letzten Moment aber, dass ich in Kretzelkirchen festsitze. „Polizeiinspektion Kretzelkirchen, Wachmann Rennhold am Apparat!“, leiere ich die Wörter runter. Den Oberinspektor verkneife ich mir, weil das nur zu unnötigen Diskussionen führt. Das ist so eine Landsache. Ein Titel ist ein Titel und sorgt für Gesprächsstoff, den ich nicht gebrauchen kann.
„Bei mir hat wer eingebrochen!“, schreit die Besenreißer Mitzi in den Hörer, dass ich meinen so weit es geht von mir weghalte. Ihre schrille Stimme ist unverkennbar. Sie ist 83 und schwerhörig, aber das stört sie nicht. Irgendwie kommt sie immer an ihre Informationen.
„Bei Ihnen zu Hause?“, komme ich gleich zur Sache, weil ich weiß, dass sie erst Ruhe gibt, wenn ich bei ihr vorbeigeschaut habe. Sie ist da hartnäckig – wie alle alten Leute. Gleich bei meiner Ankunft hat sie mir auch gesagt, wo sie wohnt. Das erste Haus direkt neben der Kirche. Das mit den vielen schönen Blumen und dem Riesengartenzwerg ohne Laterne. Die Laterne hat letzten Sommer jemand gestohlen.
„Bei mir ist eingebrochen worden!“, kreischt sie erneut in das Telefon. „Hörst mi’ du?“
Ich nicke, auch wenn sie das nicht sieht, und ärgere mich, weil sie mich schon wieder dutzt. Anscheinend ist es am Land üblich, dass ältere Leute jüngere duzen dürfen, während es umgekehrt nicht der Fall ist. Da würde auch nicht der Titel des Oberinspektors helfen.
„Ich komme“, kürze ich die Angelegenheit ab, weil es keinen Sinn hat, mit ihr zu diskutieren, schon gar nicht am Telefon.
„Kommst du jetzt, oder was?“
Benefizanthologie
ISBN Print: 978-3-99144-008-6
ISBN PDF: 978-3-99144-009-3
ISBN EPUB: 978-3-99144-010-9
ISBN PRC/Mobi: 978-3-99144-011-6
Autor:innen schreiben für die Ukraine: Unter dem Hashtag „Miteinanda für die Ukraine“ setzten Dutzende von Autor:innen ein solidarisches Zeichen und griffen zur Schreibfeder. Ob romantisch, sinnlich, leidenschaftlich, liebevoll, fantastisch oder nachdenklich, alle Kurzgeschichten haben eins gemeinsam: Sie haben ein Happy End und erzählen von Liebe, Hoffnung, Glück und Neuanfängen.
Mit dem Kauf der Benefizanthologie „Friedenszeit“ unterstützen Sie die gemeinsame Spendenaktion „Wir für Ukraine“ der Caritas und der Kleinen Zeitung. Sämtliche Autor:innen sowie der Verlag verzichten auf ihr Honorar und ihre Bezahlung. Alle Einnahmen kommen der Spendenaktion zugute.
#Miteinanda für die Ukraine – Ein Projekt aus Liebe und Solidarität
www.miteinandafuerdieukraine.at
Benefizanthologie
ISBN Print: 978-3-99144-012-3
ISBN PDF: 978-3-99144-013-0
ISBN EPUB: 978-3-99144-014-7
ISBN PRC/Mobi: 978-3-99144-015-4
Autor:innen schreiben für die Ukraine: Unter dem Hashtag „Miteinanda für die Ukraine“ setzten Dutzende von Autor:innen ein solidarisches Zeichen und griffen zur Schreibfeder. Ob romantisch, sinnlich, leidenschaftlich, liebevoll, fantastisch oder nachdenklich, alle Kurzgeschichten haben eins gemeinsam: Sie haben ein Happy End und erzählen von Liebe, Hoffnung, Glück und Neuanfängen.
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