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Wenn durch die eigene Vergangenheit das kollektive Gedächtnis eines Volkes zur Last wird, trägt auch der Einzelne eine Bürde. Jenseits von Vergessen und Verdrängen kann die "Arbeit" der Seele mühsam, ja bitter sein. Kaiserreich und Nationalsozialismus – Ausgangspunkte zweier Weltkriege – haben bei uns Deutschen tiefe Spuren hinterlassen. Diesen Prägungen im Spiegel der eigenen Familiengeschichte nachzugehen, hat sich Jutta Gujral zur Aufgabe gemacht. Ihr "Friedenskind" wird zum Mittelpunkt eines kritischen Dialogs mit Mutter, Großmutter und Tante. Deren Tagebücher und Briefe lassen Geschichte lebendig werden. Die Wirkungsmacht des Vergangenen zeigt sich in persönlichen Schicksalen. Das Erlittene wird weitergegeben – und aus Opfern werden, oft ungewollt, neue Täterinnen.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2026 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1205-2
ISBN e-book: 978-3-7116-1206-9
Umschlag- und Innenabbildungen: Jutta Gujral
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt,
wird blind für die Gegenwart.“
(Richard von Weizsäcker)
In ihrem neuen Roman „Friedenskind“ nimmt die Autorin die nach dem Tod ihrer Mutter gefundenen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe zum Anlass, den Leser und die Leserin auf eine faszinierende Entdeckungsreise durch ihre Familiengeschichte vor und während des Zweiten Weltkriegs mitzunehmen.
Der ständige Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie zwischen verschiedenen Orten und Protagonisten fordert die Leserinnen und Leser zu aufmerksamem und konzentriertem Lesen heraus. Kierkegaards Worte „Da, wo das Heute und das Gestern sich ähneln wie zwei Schwestern, verschwinden Zeit und Raum …“ scheinen diesen Wechsel treffend zu kommentieren.
Mit „Friedenskind“ gelingt es der Autorin, Brücken zu schlagen und Mauern der Unkenntnis einzureißen. Sie wirft die Frage auf, inwieweit es gerechtfertigt ist, über Vergangenes zu urteilen.
Angesichts der aktuellen globalen Unruhen und der gegenwärtig geführten Kriege ist der implizierte Appell gegen das Vergessen unüberhörbar.
Der wachsende Antisemitismus und die Bedrohung durch Extremisten von den politischen Rändern stellen eine reale Gefahr für unsere Demokratie dar, die nach einer langen Zeit des Friedens beständig gewachsen ist.
Die Autorin betont, wie wichtig es ist, Verantwortung füreinander zu übernehmen, kein stiller oder lauter Mitläufer zu sein und durch innere Klarheit auch unbequem zu werden, um gegen Unrecht aufzustehen. Sie zeigt in lebendiger Form, dass es entscheidend ist, sich aktiv für Gerechtigkeit und Menschlichkeit einzusetzen.
In den nächsten Jahren werden die letzten Zeitzeugen des Hitler-Regimes mit seinen unvorstellbaren Grausamkeiten nicht mehr da sein, umso wichtiger ist es, dass die Nachfolgenden dieser oftmals schweigenden Generation auch ihren Kindern vermitteln, wie unabdingbar es ist, immer wieder die Türen der Erinnerung aufzustoßen. Die Neugier soll ihnen Zutritt gewähren.
Helga Leydag
Marlene
Hamburg
Marlene steht im Wintergarten, schaut in den Garten, spürt ihr Herz. Wie blinde Menschen in sich hineinhören können und ihren Herzschlag besser spüren als Sehende.
Wie wenige Überlebende sind heute noch da, können über die Schreckenszeit damals berichten.
Und heute?
Weltweit Hetzparolen, Lebensbedrohung und Alltagsterror, selbst an Schulen nimmt die Gewalt unter jungen Schülern zu.
Rassismus und Antisemitismus überall. Doch hier bei uns hat das alles eine andere Qualität. Schließlich landet das Elend vor der eigenen Haustür, wenn man es ignoriert. In der Vergangenheit steckt die Erklärung für die Gegenwart.
Historische Verantwortung …
Rolf ruft nach ihr.
Sie friert, lässt sich neben Rolf aufs Sofa fallen.
Rolf legt den Arm um sie, zieht sie an sich.
„Vielleicht hat es in deiner Familie jemand gegeben, der sich nicht herausgehalten, nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat. Vielleicht hat sich jemand in deiner Familie eingemischt. Du weißt es nur nicht.“
„Da hast du recht. Ich weiß so wenig über meine Familie früher. Sie haben kaum etwas erzählt.“
Sie schaut Rolf an, als könne er ihr all ihre Fragen beantworten.
„Sehr wahrscheinlich wollten sie nicht mehr über ihre ‚ruhmreiche‘ Vergangenheit reden“, brummt er und streicht Marlene über die Haare.
„Ach, Leni, diese schweigsamen Kriegsgenerationen … Sie mussten oder wollten vergessen lernen. Es war verlockend, sich neu zu erfinden.“
Rolf lacht.
Marlene sieht ihn erstaunt, etwas irritiert an.
„Ich weiß, eigentlich ist das alles ja überhaupt nicht zum Lachen, aber ich muss gerade an eine Erzählung aus den uraltindischen-buddhistischen Jataka Tales denken, die schon lange vor unserer Zeitrechnung aufgeschrieben wurden, warum Menschen immer wieder gegeneinander in den Krieg ziehen:
Ein Jäger hatte den Anführer einer Affenhorde gefangen und seinem König zum Zeitvertreib in den Palast gebracht. Der König war hoch erfreut. Der große, schöne Affe wurde sein ständiger Begleiter. Er bekam die erlesensten Speisen vorgesetzt, schlief in seidenen Kissen und wurde verwöhnt wie kein anderes Tier im Palast.
Doch der König bekam Gewissensbisse, weil er dem Affen die Freiheit genommen hatte. Er bat den Jäger, den Affen in seine natürliche Umgebung zurückzubringen.
Die Affenhorde war sehr glücklich über die Rückkehr ihres Anführers. Sie waren neugierig, was er in der Zwischenzeit erlebt hatte, und fragten ihn unaufhörlich, wie es bei den Menschen gewesen sei.
Wie leben die Menschen?
Ihr Anführer wollte aber darüber nicht berichten und sagte: Es war schrecklich, und ich möchte darüber nicht reden.
Eines Tages jedoch wurde er der Fragerei seiner Affenhorde müde und erzählte.
Die Leute schreien immer alle lauthals: „Mein! Mein! Mein!“
Dieses Gold ist mein, dieser Baum ist mein, dieses Stück Land ist mein – immer nur mein, mein.
Sie haben keinen Frieden. Sie haben keine Hemmungen. Sie töten, sie morden wegen dieses schrecklichen, ständigen ‚Mein! Mein! Mein!‘
Du siehst, selbst in mehr als vielen Jahrtausenden sitzen die Menschen immer noch auf diesem Karussell des Egoismus und der Habgier!“
Trotz ihrer trüben Stimmung muss Marlene lachen – wie klug diese kleine Story. Rolf immer mit seinen Geschichten …
Sie umarmt ihn dankbar.
Doch der Trübsinn kommt zurück.
Marlene hängt den alten Gedanken nach.
Rolf unterbricht sie nicht, hält sie nur im Arm.
Früher hat sie sich oft gefragt, warum sie das Verhalten und die Handlungen ihrer Großmutter und ihrer Mutter so wenig verstanden hatte.
Irgendwann hat sie aufgehört, darüber nachzudenken.
Ihre Großmutter war eine harte alte Frau.
Und Mutter?
In gewisser Weise hat Marlene auch sie als hartherzig empfunden, streng. Selten hatte sie eine Umarmung für sie. Mit Liebkosungen wurde sie nicht verwöhnt. Die Mutter hat sie auf Distanz gehalten. Für sie war Marlene das Dummerchen.
Warum waren sie so geworden? Lässt es sich durch Kriege erklären, die Familien zerstört haben?
Es hat so viele Tote gegeben. Das Unglück hatte sich einen Weg gebahnt, als niemand es erwartete. Und ihre Kinder?
Wissen diese Kinder, wie sie gelitten haben, welche Schrecken sie durchlebt haben, wie oft sie vor Schmerz vergangen waren?
Die nachfolgenden Generationen wissen nur das Wenige, was erzählt wurde. Wie viel mag unausgesprochen geblieben sein?
Krieg, Gewalt und Misshandlungen werden nicht weniger grausam, weil nicht darüber gesprochen wird, auch nicht, weil darüber gesprochen wird.
Kein Gott entscheidet hier zwischen Leben und Tod, es ist eine Frage von Macht und Gier.
Großmutter Anna hatte im Ersten Weltkrieg um ihren Mann Hugo und ihren ältesten Sohn Gustav geweint.
Mutter Ella im Zweiten Weltkrieg um ihren Mann Johannes. Er war im Polenfeldzug in einen Hinterhalt der Partisanen geraten und gefallen, Johannes’ Mutter im Bombenhagel von Berlin umgekommen.
Marlene kann sich den Krieg nicht vorstellen. Zwar hat sie unzählige Filme gesehen, Bücher gelesen. In den Schulen in der DDR wie auch in der Bundesrepublik wurde im Unterricht das Dritte Reich jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven durchgenommen.
Marlene beschließt, sich an den Satz von André Malraux zu halten:
„Wer in der Zukunft lesen will,muss in der Vergangenheit blättern“,
und eben nicht, wie Platon in seiner „Politeia“ berichtet, das Wasser des Lethe trinken, um nicht mehr an die Vergangenheit erinnert zu werden.
Sie wird das jetzige und frühere Leben miteinander in Verbindung bringen, ist schon mitten in der Vergangenheit.
Was würde wohl ihr alter, längst verstorbener Geschichtslehrer sagen, erführe er, wie seine Lehren ihr heutiges Denken beeinflussen? Wie anwendbar diese mystischen Gedanken auf die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit sind.
Sie holt aus dem Schrank das Fotoalbum mit den Familienfotos.
Hier auf den alten Fotos wird Seite für Seite die gute Vergangenheit der beiden Frauen wieder lebendig. Hier sind sie zu sehen auf vergilbten Abzügen in Friedenszeiten, diese beiden Frauen, die Menschen, die sie verloren hatte.
Großmutter Anna, eine früh gealterte Frau mit faltigem Hals, verkniffenem Mund, kleinen, tiefliegenden Augen, durch eine Nickelbrille betont.
Mutter Ella im schwarzen Kleid mit Spitzenkragen oder im Mantel mit Pelzkragen und mondänem 30er-Jahre-Hut, Tauben fütternd auf der Place de la Concorde in Paris.
Großmutter Anna, Mutter Ella mit ihrem im Zweiten Weltkrieg gefallenen Mann Johannes und den beiden Kindern Manfred und Lieselotte, ihren Halbgeschwistern, im schicken Garten-Café in Berlin.
Ein Foto mit dem kleinen Reinhard, der 1938 noch vor Kriegsbeginn geboren wurde und seinem Vater Johannes sehr ähnlich sah.
Keine Fotos von Onkeln oder Tanten, Cousins oder Cousinen.
Nur ein einziges Foto von Tante Helene. Ein Porträt. Eine junge Frau, vielleicht 18 Jahre alt. Mehr nicht.
In Kriegszeiten wurde nicht fotografiert – in Kriegszeiten wurde gestorben.
Marlene
Hamburg
Das Fotoalbum liegt aufgeschlagen auf Marlenes Knien.
Rolf hat ihre Gedanken nicht unterbrochen.
„Weißt du, Rolf, ich habe in den letzten Jahren nicht mehr viel über das Schicksal meiner Familie nachgedacht. Jetzt, da die Welt wieder vor einem Umbruch zu stehen scheint, Demokratien auf dem Prüfstand stehen, wird mir bewusst, dass wir es uns viel zu lange in unserem Wohlstand bequem gemacht haben. Die beiden Weltkriege haben die Überlebenden in meiner Familie zu Zerrissenen und Entwurzelten gemacht und nicht nur in meiner Familie. Es gibt so viele Kriegsgeschädigte.“
„Damals waren zu wenige Menschen vorausschauend“, sagt er. „Viele Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler haben das Land verlassen, als es für sie zu gefährlich wurde. Kann man ihnen einen Vorwurf machen? Sich in Sicherheit zu bringen, das eigene Leben und das der Familie zu schützen, ist nicht verwerflich. Wie hätten wir gehandelt, damals? Hätten wir den Mut gehabt, uns aufzulehnen, uns in Gefahr zu begeben? Würden wir heute handeln, wenn eine extreme, undemokratische Partei in Deutschland regiert? Die Tendenzen gehen ja überall in Europain diese Richtung. Aggression hatzugenommen, drückt sich auch aus in Gewalt gegen Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter auf den Straßen.“
„Ich habe nachgedacht über Nichtverstehen, Ambivalenz, Fremdheit und eigene Schuld, auch in meiner Familie. Aus heutiger Sicht kann man sagen, ja, es gab zu wenige Mutige.“
Rolf verschränkt seine Arme.
„Könnten wir es heute besser machen? Im Nachkriegsdeutschland hat es lange gedauert, bis die alten Nazis aus den Ämtern verschwunden waren. Dafür haben erst die Demonstrationen in den 68er Jahren gesorgt. Und ausgerechnet im Oktober 1968 ist ein Gesetz erlassen worden, das die Taten der Nazis, nicht die der Mörder, aber die der Mordgehilfen, als verjährt ansah. Und auch in der DDR ist das meiste unter den Tisch gekehrt worden. Der Staat hat entschieden. In den Augen der Bonzen hatten im Dritten Reich doch nur die Kommunisten gelitten, waren eingekerkert und ermordet worden. Ihr braven DDR-Bürger habt euch nicht gewehrt. Es war ja schön einfach für euch. Ihr brauchtet euch nicht festzulegen, nichts zu definieren – auch nicht für euch persönlich. Hat alles der Staat für euch getan. Im Grunde war die DDR doch irgendwie eine Fortsetzung des Dritten Reichs.“
Marlenes Lachen klingt genervt.
„Ist ja richtig, drüben in der DDR ist man schnell im Zuchthaus in Bautzen gelandet. Aber dann, die friedlichen Demonstrationen 1989 … und das Regime war am Ende.“
Sie ist jetzt richtig wütend.
Rolf legt begütigend den Arm um sie.
„Lass dich nicht ärgern, Leni. Wir werden sehen, ob wir es besser machen und unser Land nicht zu einer Pseudodemokratie verkommt. Oder sind wir vielleicht schon auf dem Weg dazu?“
Marlene hat keine Lust, das Thema zu vertiefen, legt das Fotoalbum zurück in den Schrank.
Sie wird morgen Reinhard anrufen. Vielleicht weiß er mehr über die Vergangenheit, über die unbekannte Tante Helene und über all die unbekannten Tanten und Onkel.
Da sind noch auf dem Dachboden drei Umzugskartons mit irgendwelchem Kram, fällt ihr ein.
Akten und Papiere aus Mutters Nachlass.
Rolf und die Kinder hatten damals die Wohnung ausgeräumt, während sie sich um die Formalitäten, Beerdigung, Grabstelle, Kontoauflösung, eben alles Organisatorische gekümmert hatte.
Marlene war nie auf die Idee gekommen, sich den Inhalt der Kartons anzuschauen. Da konnte doch nichts drin sein, was sie nicht schon kannte.
Bisher hatte sie kaum jemals in die Vergangenheit zurückgeschaut. Die Gegenwart besitzt für sie die Klarheit, die sie braucht. Vergangenheit ist vergangen, basta!
Doch jetzt muss sie zurückschauen. Vielleicht findet sie in den alten Sachen von Mutter mehr über die Frauen ihrer Familie.
Marlene
Hamburg
Was weiß Marlene aus den Erzählungen ihrer Eltern?
Das Haute-Couture-Atelier Ott, von ihrer Mutter Ella und deren erstem Mann Johannes geführt, war im Berlin der 30er-Jahre legendär gewesen. Aber Johannes war gefallen, und Mutter hatte es nicht mehr halten können. Sie musste sich mit ihren drei Kindern allein über Wasser halten, nähte Soldatenuniformen, lebte mehr schlecht als recht davon.
Zur Unterstützung im Atelier war ihr von der Schneiderinnung ein russischer Kriegsgefangener zugewiesen worden.
Iwan, der sich hin und wieder einen Schluck alkoholhaltigen Haarwassers gönnte, hatte in Moskau eine eigene Herrenschneiderei geführt. Er war ein guter Schneider, und Mutter konnte sich nun ab und zu eine Pause gönnen. Dann nahm sie sich Zeit für die Kinder, die sonst von Großmutter Anna betreut wurden.
Bald bemerkte Mutter, dass Iwan nicht mehr konzentriert arbeitete. Sie sah Angst in seinen Augen. Iwan fürchtete sich.
Abends musste er zurück ins Gefangenenlager, die Nacht dort verbringen, um dann, wie alle Zwangsarbeiter, morgens die Arbeit wieder aufzunehmen.
In den Lagern der russischen Kriegsgefangenen ging die Angst um. Was würde mit ihnen geschehen, wenn es russischen Soldaten gelänge, Deutschland einzunehmen?
Die Kriegsgefangenen waren recht gut über das Vorrücken der sowjetischen Armee informiert, anscheinend besser als die meisten deutschen Zivilisten.
Eines Tages zeigte Iwan auf Johannes’ Foto, das Mutter Ella seit Johannes’ Tod in der Küche hinter dem Atelier in einem Rahmen aufgestellthatte.
Als die Mutter nicht zu verstehen schien, zeigte er auf Johannes’ Anzug, dann auf seine Kleidung, machte eine Bewegung in die Ferne – und Ella verstand.
Iwan bat um einen von Johannes’ Anzügen, um unerkannt vor seinen eigenen Landsleuten flüchten zu können.
Johannes brauchte keine Anzüge mehr.
Iwan bekam einen Anzug, konnte fliehen – wohin, hat Mutter Ella nie erfahren.
Dass die Ängste der russischen Kriegsgefangenen berechtigt waren, sollte sich bei Kriegsende zeigen. Das stalinistische Regime verurteilte sie als „Fahnenflüchtige und Verräter“.
Viele wurden sofort erschossen, andere zu jahrelanger Haft in den sibirischen Gulags verurteilt. Die wenigsten haben die Lager überlebt.
Die notwendige Buchhaltung konnte Mutter nicht mehr allein bewältigen, brauchte jemanden für diese Büroarbeiten.
Traudel, Ellas Freundin, kannte in der naheliegenden Kaserne einen Soldaten, im zivilen Beruf Verlagskaufmann, Werner Reiter – Ellas späteren Mann – Marlenes Vater.
Man brauchte einander, kam sich schnell näher. In Kriegszeiten nicht ungewöhnlich, man fühlte sich einsam, suchte Nähe.
Doch dann wurde Werner Reiter nach Schleswig-Holstein auf den dortigen Militärflugplatz Jagel versetzt – Mutter Ella stand wieder allein da.
Kurz vor Ende des Krieges standen die Russen vor Berlin.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass Berlin eingenommen wurde.
Werner Reiter holte Mutter Ella, Lieselotte und den kleinen Reinhard mit einem Militärlastwagen aus dem umkämpften Berlin heraus.
Der damals sechzehnjährige Manfred blieb bei Großmutter Anna zurück. Beide wollten ausharren und abwarten, was da auf sie zukommen würde.
In Schleswig-Holstein kam Ella mit den Kindern in dem kleinen Ort Dannewerk, auf dem Land unter. Alte Bauernhäuser, weite Felder, Kuhställe ohne Kühe. Die Kühe waren als Verpflegung für die Soldatengebraucht worden.
In einem dieser leeren Kuhställe lebte Mutter Ella mit ihren beiden Kindern.
In diesem Dorf ohne Eigenschaften wurde unterschieden zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Es war das Anderssein der Städter, das die Menschen voneinander separierte und das Besitzen und das Nichtbesitzen.
Einzig die Einheimischen lebten in Wohnungen. Das war ihnen geblieben.
Die Geflüchteten mussten in die Ställe.
Eine Ausweglosigkeit, die sie Demütigungen klaglos ertragen ließ, auch das Nichtbeachtetwerden. Nicht willkommen, verloren, nirgends zugehörig, einfach überflüssig zu sein.
Man ließ es sie spüren.
Dreckiger Flüchtling wurde die vierzehnjährige Lieselotte immer wieder von den Bauernjungen beschimpft.
Lieselotte, alles andere als ein Angsthase, ließ das nicht auf sich sitzen.
Ja, sie waren Flüchtlinge, aber nicht dreckig.
Eines Tages hatte sie genug.
Stark war Lieselotte, das bekam er zu spüren, der Bauernbub.
Nachdem Lieselotte mit ihm fertig war, flüchtete er breitbeinig mit vollgeschissener Hose.
Das Wort von den aggressiven Flüchtlingen machte im Dorf die Runde.
Erst Werner Reiter konnte die Situation beruhigen.
Vom nahegelegenen Militärflugplatz Jagel kam er häufig ins Dorf. Er war zuständig für die Lebensmittelbeschaffung. Man respektierte ihn. Er übervorteilte die Bauern nie.
Die enge Verbindung zwischen Ella und Werner Reiter sprach sich herum. Die Stimmung wurde gelöster.
Werner Reiter und Ella heirateten am 28. Mai 1945 nach der Kapitulation Deutschlands auf dem Standesamt in Schleswig – kein Fotograf war zur Stelle.
Aber wozu Fotos?
Man hatte überlebt, das war das Wichtigste – mehr wollte und brauchte man nicht.
Die Engländer hatten den Flugplatz in Jagel besetzt, behandelten die deutschen Soldaten gut.
Werner Reiter kam jeden Abend mit einem Militär-Lkw zurück zu seiner Familie.
Reinhard, damals sieben Jahre alt und furchtbar neugierig, was dort auf dem Flugplatz passierte, versteckte sich bei passender Gelegenheit auf der Ladefläche. Auf dem Gelände des Flugplatzes schlich er sich dicht an einen englischen Bomber heran, schaffte es bis ins Cockpit. Erst dort wurde er von den Engländern entdeckt und nicht einmal unfreundlich hinauskomplimentiert.
Für Kinder hatte der Krieg den Schrecken verloren.
Im März 1946 kam Marlene zur Welt.
Keine Babyfotos, kein Kinderwagen, kein Kinderbett – aber sie war gesund.
Marlene
Hamburg
Rolf ist aus dem Haus.
Marlene nimmt die Taschenlampe, zieht mit dem Haken die Dachbodentreppe herunter.
Hier oben ist alles ordentlich in Kisten verpackt übereinandergestapelt. Zwischen den mit Isolationsmaterial vollgestopften Dachsparren hängen Spinnweben.
Der Dachstuhl ist groß. Man hätte ihn gut ausbauen können, wie Marlene es gewollt hätte. Aber eigentlich sind die vorhandenen Zimmer völlig ausreichend.
Hier stehen all die alten Sachen, das Kinderfahrrad und die Kartons mit Carstens Märklin-Eisenbahn. An der Stirnwand das Regal mit den vier Koffern, die Marlene und Rolf auf ihren Reisen begleitet haben.
Die Kartons von Mutter Ella sind bis dicht unter die Dachschräge geschoben.
Rolf hatte sie jeweils mit dickem schwarzem Filzstift beschriftet. In Druckbuchstaben steht übergroß MUTTER darauf.
Marlene muss grinsen.
Rolf hatte ihrer Mutter offenbar über den Tod hinaus einen hohen Stellenwert geben wollen. Ja, er und Mutter Ella haben sich gut verstanden.
Rolf ist der Meinung, jeder lebt mit seiner Mutter in einer Art Symbiose, und so sollte es auch sein. Auf was für absurde Ideen Männer manchmal kommen.
Es kostet Marlene einige Anstrengung, die Kartons in die Mitte des Raumes zu schieben. Mit Rücksicht auf ihre schmerzenden Knie sucht sie nach einer Sitzmöglichkeit.
Der alte Blumenschemel neben den Kartons mit der Eisenbahn bietet sich an.
Mit der Decke, die über dem Kasperle-Theater hängt, wischt sie den Staub von der Sitzfläche und den drei Kisten, ist erstaunt, wie viele Dinge sich über die Jahre hier angesammelt haben.
Das Kasperle-Theater – wie schön!
Ihr Vater hatte es für die Kinder gebaut und liebevoll mit Bärchen und Hasen bemalt.
Von der Frontseite lachen der Hund Wum und der Elefant Wendelin, die beiden Comic-Figuren von Loriot aus der Show der 70er-Jahre mit Wim Thoelke.
Eigentlich wäre das doch jetzt gerade richtig für die Enkelkinder. Sie muss unbedingt mit Susanne darüber reden.
Zum ersten Mal nach dem Tod ihrer Mutter öffnet Marlene den Deckel des ersten Kartons.
Darin ein Chaos, alles wild durcheinander.
Zwei alte Poesiealben, drei verschlossene Tagebücher, ein Stapel Postkarten, mit einer Schnur zusammengebunden, ein paar Buntstiftzeichnungen von Susanne und Carsten für ihre Oma, ein großer DIN-A4-Umschlag und ein Schuhkarton.
Aus dem Umschlag rutschen einige Schwarz-Weiß-Fotos mit gezackten Rändern.
Marlene lässt die Fotos aus dem Umschlag auf den Boden gleiten.
Das Licht aus dem Dachfenster reicht aus. Die Taschenlampe ist nicht nötig.
Auf dem kleinen 7 × 10-Foto liegt sie, vielleicht 6 Jahre alt, neben einem dürren, schlaksigen Reinhard im Sommer im Schwimmbad auf einer Decke.
Auf einem anderen Foto mit einem Hut, einem Tirolerhut verdächtig ähnlich.
Was für ein Foto!
Ihre Eltern waren wohl damals schon vom Fernweh geplagt. Besonders Vater war vor dem Krieg viel auf Reisen gewesen. Sämtliche Nachbarländer hatte er als junger Mann bereist. Das fehlte in der Nachkriegs-DDR. Man konnte und durfte in der Deutschen Demokratischen Republik anfangs gar nicht reisen. Später dann nur in die kommunistischen Bruderländer. Also mussten die Kinder „weltoffen“ gekleidet werden.
Eigentlich hatte Marlene ihre Kindheit als schön empfunden, bis auf die häufigen Streitereien in der Familie. Sie konnte das als Kind nicht einordnen.
Das Leben war für ihr kindliches Empfinden weitgehend einfach verlaufen. Die Erwachsenen arbeiteten, um das neue, sozialistische Deutschland aufzubauen.
Der Vater arbeitete beim Aufbau-Verlag, machte Hilfsarbeiten.
Dass ihr Vater nicht in seinem Beruf als Verlagskaufmann arbeiten durfte, weil er 1936 als Prokurist beim Reichssportverlag über die Olympiade berichtet hatte und damit in dieser Position ein Parteibuch brauchte, hat Marlene erst später begriffen.
Im Verlag seiner Onkel hatte ihr Vater die Ausbildung zum Verlagskaufmann abgeschlossen, sollte in anderen Verlagen Erfahrungen sammeln, um später von den kinderlosen Onkeln den Verlag zu übernehmen. Nach Kriegsende waren die Onkel zu alt, um ihren in West-Berlin gelegenen Verlag weiterzuführen. Das Verlagshaus und die Druckerei wurden verkauft.
Mutter Ella hatte sich als Damenschneiderin in einem kleinen, gemieteten Einfamilienhaus in Berlin-Heinersdorf, im Ostteil Berlins, selbstständig gemacht.
Das Ladengeschäft im Erdgeschoss wurde geteilt. In einem Teil war Ellas Schneiderei untergebracht, der andere diente ihrem Vater als Büro.
Die Wohnung im ersten Stock war mit Patchwork-Gardinen aus alten Kleiderresten gemütlich gemacht. Für Formen und Farben hatten beide Eltern einen Sinn.
Das kleine Häuschen. Sie sah es vor sich, versunken im Weiß, wenn sie im Winter erst spät im Dunkeln nach Hause kam. Zwischen Schnee und Dach kein Unterschied.
Das Licht im Küchenfenster leuchtete ihr entgegen, wenn sie durchfroren und durchnässt vom Rodeln oder vom Schlittschuhlaufen zurückkam. Das Licht im Fenster versprach Trockenheit und Wärme. Der Platz auf dem Wassertank des alten Kohleherdes in der Küche war ihr sicher.
Wenn es mal Briketts gab, ging das Feuer im Herd nicht aus. An vielen Tagen und in vielen Nächten blieb es aber in der Küche genauso kalt wie in allen anderen Zimmern.
