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Autor:innen schreiben für die Ukraine: Unter dem Hashtag "Miteinanda für die Ukraine" setzten Dutzende von Autor:innen ein solidarisches Zeichen und griffen zur Schreibfeder. Ob romantisch, sinnlich, leidenschaftlich, liebevoll, fantastisch oder nachdenklich, alle Kurzgeschichten haben eins gemeinsam: Sie haben ein Happy-End und erzählen von Liebe, Hoffnung, Glück und Neuanfängen. Mit dem Kauf der Benefizanthologie "Friedenszeit" unterstützen Sie die gemeinsame Spendenaktion "Wir für Ukraine" der "Caritas" und der "Kleinen Zeitung". Sämtliche Autor:innen sowie der Verlag verzichten auf ihr Honorar und ihre Bezahlung. Alle Einnahmen kommen der Spendenaktion zugute.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
© HOMO Littera Romy Leyendecker e. U.,
Am Rinnergrund 14, A-8101 Gratkorn,
www.HOMOLittera.com
E-Mail: [email protected]
Grafik und Gestaltung: Rofl Schek
Cover: Pray for Ukraine © famveldman by AdobeStock.com
Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages gestattet.
Handlung, Charaktere und Orte sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.
Originalausgabe: Oktober 2022
ISBN Print: 978-3-99144-008-6
ISBN PDF: 978-3-99144-009-3
ISBN EPUB: 978-3-99144-010-9
ISBN PRC: 978-3-99144-011-6
Friedenszeit
Impressum
Einleitung
Friedenszeit
Kyo Anejan: Hoffnung mit dir
Hans Christian Baum: Plüschhasen und schwule Söhne
Finn Beck: Vom Gefühl zu fliegen
Reg Benedikt: Sich verlieben
Domenic Blair: Lass mich nie wieder los
Sabine Brandl: Zurück im Dorf
Unsere Unterstützer
Unsere Benefizanthologien
Friedenszeit
Friedensboten
Friedensfreunde
„Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht siegt, wird die Welt Frieden finden.“, wusste schon Jimi Hendrix zu sagen. Es ist immer schwer, die passenden Worte für eine Einleitung einer Benefizanthologie zu finden, vor allem dann, wenn die Hintergründe so schwerwiegend und bedrückend sind.
Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die Ukraine, eine vom russischen Präsidenten W. Putin befohlene Invasion, die auf das gesamte Staatsgebiet abzielt und den seit 2014 gärenden Russisch-Ukrainischen Krieg eskalieren ließ. Am 7. März rechtfertigte das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche den Angriff auf die Ukraine in der Sonntagspredigt mit einer „Loyalitätsprüfung“ zwischen Ost und West. Es sei seiner Meinung nach eine Zumutung für Menschen, Schwulenparaden ertragen zu müssen (Quelle: Bayrischer Rundfunk, Russischer Patriarch: Schwulenparaden sind Hauptgrund für Krieg, 07.03.2022).
Homophobie als Rechtfertigung für das Verbrechen am ukrainischen Volk und den Verstoß gegen das Völkerrecht heranzuziehen, ist mehr als absurd. Als Österreichs erster Verlag für ausschließlich homosexuelle Literatur wollten wir deshalb ein Zeichen setzen und allen Menschen aus der Ukraine helfen. Unter dem Motto: #Miteinanda für die Ukraine riefen wir die Benefizanthologie „Friedenszeit“ ins Leben. Wir suchten Autor:innen, die auf ihr Honorar verzichten und uns mit einer Kurzgeschichte unterstützen würden.
Alle guten Dinge im Leben sind bekanntlich DREI, und neben den Menschen aus der Ukraine leiden auch die Tiere an den verheerenden Folgen des Krieges. Tiere können nicht für sich sprechen, sie brauchen ein Sprachrohr – und das werden wir an dieser Stelle gerne sein. Unsere dritte Benefizanthologie „Friedensfreunde“ für die Tiere in und aus der Ukraine entdeckte das Licht der Welt. Abermals baten wir Autor:innen um ihre Unterstützung, und auch dieses Mal erhielten wir wunderbare Beiträge.
#Miteinanda kreierten wir drei großartige Benefizanthologien für den guten Zweck. Sämtliche Einnahmen der Anthologien „Friedenszeit“ und „Friedensboten“ gehen an die gemeinsame Spendenaktion der Caritas und Kleinen Zeitung „Wir für Ukraine“. Alle Einnahmen der Anthologie „Friedensfreunde“ gehen an den Verein Vier Pfoten und sein Notfallprojekt „Hilfe für die Ukraine“, das sich auch an die zurückgelassenen Tiere vor Ort richtet.
Wenn man ein Projekt aus Liebe und Solidarität ins Leben ruft und innerhalb weniger Tage so viel Zuspruch und Unterstützung erfährt, geht einem das Herz auf. So ist es nur logisch, dass hinter einem Projekt wie diesem, das die Eigenschaft hatte, sich selbst zu vermehren, eine Vielzahl an Personen steckt, ohne die es niemals möglich gewesen wäre, die Benefizanthologien zu veröffentlichen.
Als Verlegerin von HOMO Littera verbeuge ich mich deshalb zutiefst vor allen Autor:innen und bedanke mich von ganzem Herzen für euer Engagement und euren Einsatz. Herzlichen Dank, dass ihr ein Teil des Projektes #Miteinanda für die Ukraine seid. Es ist nicht selbstverständlich, auf sein Honorar zu verzichten und kostenlos einen Beitrag zur Verfügung zu stellen. Ein großes DANKESCHÖN dafür.
Ebensolcher Dank gilt meinem Team. Ihr habt nicht nur auf eure Bezahlung verzichtet und ehrenamtlich gearbeitet, ihr habt das Projekt auch in allen Belangen unterstützt. Vielen Dank für euren unermüdlichen Einsatz und eure Hilfe.
Dank gebührt auch unseren Unterstützern, die am Ende der Anthologie noch einmal aufgeführt sind. Ohne euch hätte sich die Umsetzung des Projektes viel schwieriger gestaltet. Vielen Dank für eure Hilfe.
Der größte Dank geht aber an alle Leser:innen und Käufer:innen. Mit dem Erwerb dieses Buches unterstützen Sie Menschen und Tiere aus der Ukraine, die durch den Krieg viel zu viel verloren haben. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für mehr Liebe, Solidarität und Frieden. Vielen Dank, dass Sie sich für den Kauf von „Friedenszeit/Friedensboten/Friedensfreunde“ entschieden haben.
In diesem Sinne bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Möge sich die Situation der Ukraine bald stabilisieren und wieder Frieden in das Land einkehren. Denn schon Mutter Teresa wusste: „Das Leben ist Liebe, und die Frucht dieser Liebe ist Frieden. Das ist die einzige Lösung für alle Probleme der Welt.“
Herzlichst
Romy Gorischek
Verleger und Geschäftsführer HOMO Littera
Ein Hustenreiz weckt mich aus meinem Dämmerschlaf. Es fühlt sich an, als hätte ich Staub verschluckt, und ich ringe zwischen meinem Bellen nach Luft. Der saure Geschmack in meinem Mund lässt mich würgen, und ich würde mir ebendiesen so gerne ausspülen, wenn es nicht wichtiger wäre, etwas zu trinken zu haben.
Wasser, denke ich, und mein Blick fixiert den Metallkaffeebecher, der in meiner Nähe steht. Eigentlich sollte ich das Wasser nicht mehr trinken, aber ich habe keine Wahl. Ich versuche, mich zu bewegen, doch nur schleppend streckt sich mein Arm dem Gefäß entgegen. Es ist, als würde ein bleiernes Gewicht auf meinem Körper lasten, und ich bin völlig verschwitzt, als sich meine Finger endlich um den Behälter schließen. Mit meiner anderen Hand stupse ich die Kappe ab, denn das Zudrehen kommt nicht mehr infrage. Zu groß ist die Angst, dass ich zu schwach sein werde, um sie wieder abzubekommen.
Ich hebe den Kopf und kippe den Becher, während ich den strengen Geruch und die Konsistenz des Inhalts ignoriere.
Der Krieg kam über Nacht, und vor lauter Angst habe ich mich nicht einmal aus dem Haus getraut. Eigentlich wäre ich gar nicht hier, aber meine Eltern wollten nicht in den Urlaub fahren, wenn ich mich nicht dazu bereit erklärt hätte, auf das Haus aufzupassen. So kann ich zumindest wissen, dass sie in Sicherheit sind, was tröstlich für mich ist. Das Haus wurde von einem Geschoss getroffen, und blind vor Angst habe ich mich ins Nachbarhaus geflüchtet, das schon seit Jahren leer steht. Nachdem letztes Jahr das Dach halbseitig eingestürzt ist, sieht das Domizil so aus, als hätte es bereits Kriegstreffer eingesteckt, weswegen ich hoffe, dass Geschosse darauf ausbleiben und ich sicher bin.
Mein Bauch rumort, weil er auf das schmutzige Wasser reagiert und darauf, dass ich schon ewig nichts gegessen habe. Mein Fieber ist wieder gestiegen, aber trotzdem ist mir so kalt, dass mein ganzer Körper schlottert. Da ich nur in Jeans, Pullover und dünnen Turnschuhen geflohen bin, war es klar, dass ich bei diesem nasskalten Wetter krank werden könnte.
Kurz nachdem ich hier ankam, war ich bereits so kraftlos, dass ich mich einfach in eine Ecke gelegt hatte. Ich habe vergessen, welcher Tag ist, weil mein Wach- und Schlafrhythmus völlig durcheinandergeraten ist. Unregelmäßigkeiten bestimmen nun mein Leben, und nur der Wechsel von Tag und Nacht zeigt an, wie die Zeit vergeht.
Seitdem meine Heimat unter Beschuss steht, verharre ich in ständiger Anspannung und zucke bei jedem Geräusch zusammen. Ein Geschoss, das einschlägt, das Bersten von Glas, die Schreie der Menschen und auch die gespenstische Stille, bis der nächste Angriff geschieht – alles hört sich so surreal an, ist aber meine neue Realität. Manchmal gelingt es mir, die Augen zu schließen und zu schlafen, wenn die Erschöpfung mich übermannt. Ich bin auch jetzt kurz davor, in den Schlaf zu entfliehen, als eine Explosion zu hören ist. Ich erstarre. Eine weitere Detonation lässt meine Zuflucht erzittern. Die Fenster bleiben davon unbeeindruckt, da die Scheiben schon lange geborsten sind. Ein Grollen naht, und ich weiß, was das heißt: Panzer.
Ich traue mich kaum, Luft zu holen, doch die Angst lässt mich kurze und flache Atemzüge ausstoßen. Mit den Beinen stemme ich mich gegen den Boden und versuche, näher an die Wand zu rutschen. Auch wenn es keinen besseren Schutz bietet, fühle ich mich dadurch etwas sicherer. Doch das Gefühl verfliegt augenblicklich, als ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln bemerke, die von der kaputten Tür herrührt, die nicht mehr richtig schließt und schief in den Angeln hängt. Mein ängstlicher Blick erkennt mit Schrecken eine russische Uniform und ein Gesicht unter einem gestärkten Helm mit einer Maske, die den unteren Teil davon komplett verdeckt. Mir ist schwindelig, die Konturen des Fremden verschwimmen zu einer unheimlichen Gestalt. Die Angst überwältigt mich und verleiht mir neue Kraft, die ich in meine Lungen schicke: Ich schreie.
Das Monster kommt auf mich zu. Meine Stimme versagt, ich presse meine Lider zusammen und mein Atem steigert sich zu einem schnellen und abgehackten Stakkato. Ich werde nach oben gerissen und spüre das steife Material einer Schutzweste. Schwindel und Übelkeit erfassen mich, dazu kommt dieses Gefühl der absoluten Schwäche, die kribbelnd durch meinen Körper fährt. Mein Puls rast, und mein Herz fühlt sich an, als würde es jeden Augenblick durch meine Brust brechen wollen.
Die Albtraumgestalt spricht zu mir, und ich vermute grausame Worte, die mich in den Tod begleiten sollen. Die Panik wird größer, der Griff fester – und auf einmal höre ich, wie sich die Worte melodisch verändern. Ich brauche einige Zeit, um darauf zu kommen, dass ich ein Lied höre. Meine Ohren konzentrieren sich darauf und versuchen, zu verstehen, was der Inhalt des Gesungenen ist. Als ich endlich erkenne, dass es ein altes ukrainisches Kinderlied ist, bin ich so ruhig wie schon lange nicht mehr. Die Umgebung und das Monster kehren in den Ursprungszustand zurück, ich drifte langsam in den Schlaf und mein Begleiter ist nicht der Krieg, sondern die sonore, tiefe Stimme, die mich an meine Kindheit erinnert, in der alles noch anders war.
Die nächste Erschütterung, die ich spüre, kommt nicht von einer Explosion, sondern von Händen, die mich sanft rütteln. Ich öffne die Augen und brauche ein paar Augenblicke, um mich zurechtzufinden. Meine Träume waren dieses Mal viel ruhiger und fühlten sich derart echt an, dass ich sie jetzt kaum abschütteln kann, weil ich stattdessen die trostlose Realität vor mir sehe, der ich damit entfliehen konnte.
Meine heruntergekommene Zuflucht ist die gleiche, der Staub fliegt in winzigen Partikeln umher und ab und zu ist ein Bröckeln zu hören, so, als ob die Gemäuer jeden Moment in sich zusammenfallen könnten.
„Andriy, wach auf“, sagt die Stimme, die mich vorhin in den Schlaf begleitet hat, und ich wende den Kopf in jene Richtung, in der festen Annahme, jemanden meiner Angehörigen zu erblicken.
Doch da sitzt nur dieser Mann in russischer Soldatenuniform. Bevor ich dieses Mal schreien kann, hält er mir schon den Mund zu.
„Willst du, dass wir sterben?!“, zischt er mir zu.
Mit geweiteten Augen sehe ich ihn an. Er hat seinen Helm abgenommen, und extrem kurze Haare sind zu sehen, die eine rotbraune Färbung aufweisen. Er wirkt, als äße und schliefe er nicht genug, trotzdem spüre ich, wie viel Kraft er hat. Seine Augen sind braun, und ein Dreitagebart bedeckt sein Kinn. Sein Gesichtsausdruck ist derart ernst, dass ich ihm glaube.
Ich schüttle daher leicht den Kopf, und er nimmt langsam seine Hand von meinem Mund. Trotzdem bleibt mein Misstrauen, und ich weiche vor ihm zurück, während ich mich gleichzeitig aufsetze und mich in die äußerste Ecke verziehe. Ich bemerke überrascht, dass ich etwas mehr Kraft habe und sich mein Körper nicht mehr schwer wie Blei anfühlt. Dennoch wird mir schwindelig, und ich bin froh über die Wand hinter mir, die mich stützt.
Erst da fällt mir auf, dass er mich vorhin mit Namen angesprochen hat. Doch bevor ich danach fragen kann, unterbrechen mich Geräusche. Leise Schritte werden lauter, Gesprächsfetzen dringen zu mir. Mein Blick gleitet zu dem Soldaten, der einen Finger an seine Lippen legt, ein Zeichen dafür, dass ich den Mund halten muss. Doch was ist, wenn das ukrainische Soldaten sind, die mir helfen könnten? Ich will schon rufen und auf mich aufmerksam machen, doch da höre ich, wie jemand auf Russisch Befehle erteilt. Meine Hoffnung stürzt in sich zusammen, und augenblicklich verhalte ich mich vollkommen ruhig, während ich mich an die Wand presse und meine Atemgeräusche eindämme. Mit klopfendem Herzen warte ich, dass die Schritte und Stimmen sich entfernen, und als sie es tun, atme ich leise und erleichtert aus. Im gleichen Moment kommen mir die Tränen.
Erneut vernehme ich Geräusche, dann setzt sich der Fremde, der mich eben wohl ein weiteres Mal gerettet hat, wortlos neben mich. Er tadelt mich nicht, er ermuntert mich nicht, nein, stattdessen sitzt er einfach nur neben mir und wirkt ebenso gebrochen wie ich.
Mein Fieber ist zurückgegangen, und der Soldat hat mir Essen und sauberes Wasser verabreicht. Ich konnte mich sogar waschen und habe saubere Kleidung von ihm bekommen, wodurch ich mich zumindest äußerlich besser fühle. In meinem Inneren herrscht hingegen weiter Aufruhr, und merkwürdigerweise wünsche ich mir, dass der Fremde noch einmal für mich singt. Er ist mir nicht von der Seite gewichen, und das macht alles ein wenig erträglicher. Trotzdem brennt mir noch immer die eine Frage auf den Nägeln: Wer ist er, und woher kennt er meinen Namen?
So viele Gedanken ihn betreffend kreisen in meinem Kopf herum, aber ich halte weiterhin den Mund. Auch dem Fremden ist nicht nach Reden zumute, und so verbringen wir die nächsten Tage in absolutem Schweigen, während das Kampfgeschehen um uns herum tobt. Unsere Zuflucht hält stand, ebenso wie unsere Anspannung, sobald die nächsten Geschosse niedergehen.
Irgendwann schreien keine Menschen mehr, vermutlich, weil er und ich die Einzigen sind, die sich noch hier aufhalten. Ich kann nur hoffen, dass sie alle entkommen sind, denn an alle anderen Optionen möchte ich nicht denken.
Nach einer weiteren unruhigen Nacht wache ich auf, und mein Kopf lehnt an der Schulter des Fremden, der ruhig atmet. Er verharrt neben mir an der Wand, und als ich den Kopf hebe, sehe ich, dass er noch schläft. Das gibt mir ein paar Augenblicke, in denen ich ihn noch einmal ausgiebig betrachten kann. Sein schlafendes Gesicht lässt ihn jünger wirken, er kann maximal zwei Jahre älter sein als ich. Seine Haare ziehen meinen Blick magisch an, denn die rotbraune Färbung erinnert mich an jemanden. Ich sehe genauer hin und versuche, mir den Soldaten jünger zu denken, aber ich scheitere.
Vielleicht habe ich auch eine mentale Blockade, denn es ergibt keinen Sinn, dass er in einer russischen Uniform hierherkommt. Doch da fällt mir ein Detail ein, das ein paar Zweifel ausräumen könnte.
Er hatte eine wulstige Narbe in der Nähe seiner Kehle. Automatisch richtet sich mein Blick auf die Stelle, die von seiner hochgeschlossenen Armeejacke verdeckt wird. Ehe ich richtig weiß, was ich tue, hocke ich vor ihm und öffne behutsam die Knöpfe. Doch sein Schlaf ist leicht, und er wacht auf.
„Was tust du da?“, fragt er mich, sieht mich aber völlig ruhig an, als könnte ihn nichts erschüttern.
„Bist du … Daniil?“, will ich wissen.
„Sieh nach.“
Ich tue, was er sagt, und schiebe den Kragen mit angehaltenem Atem beiseite. Tatsächlich erwartet mich der Beweis genau dort, wo ich ihn vermutet habe. Überrascht sehe ich den Fremden an, der nun kein Unbekannter mehr für mich ist. „A-aber was …? Was machst du hier?“, will ich mit bebender Stimme wissen.
„Ich wurde eingezogen. Das Ganze sollte eine Übung sein, zumindest wurde uns das gesagt. Wir haben alle gedacht, wir kommen nach ein paar Tagen wieder nach Hause, aber dem war nicht so. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin abgehauen. Der einzige Ort, der mir sicher erschien, war dieser hier.“
„Daniil“, murmle ich erstickt und falle ihm um den Hals.
Er fängt mich auf, streicht mit seinen Händen über meinen Rücken und hält mich fest. Was vor Jahren während eines Sommers begann, als wir fünfzehn Jahre alt waren, hat sich nicht geändert. Wir sind gemeinsam aufgewachsen, waren Nachbarn und Spielkameraden, ehe noch ganz andere Gefühle zwischen uns entstanden. Ich erinnere mich noch genau, wie mein Herz schmerzte, als er mit seinen Eltern nach Russland ziehen musste, auch wenn es mit den darauffolgenden Jahren besser wurde. Dennoch war der Ausgang meiner ersten Beziehung für mich so traumatisch, dass ich danach niemanden mehr so nah an mich heranließ. Nur Daniil hat es geschafft, mir unter die Haut zu gehen, und auch jetzt spüre ich dieses Gefühl in mir, als hätte mein Herz nur darauf gewartet, wieder von ihm erweckt zu werden.
Wir lassen einander nicht los, und ich entschuldige mich immer wieder, dass ich ihn nicht erkannt habe, während er einfach nur leise lacht. Als wir uns nach all den Jahren zum ersten Mal küssen, weiß ich endlich wieder, wie sich Hoffnung anfühlen kann.
Hätte ich etwas Anständiges gelernt, säße ich jetzt nicht in Kretzelkirchen fest. Aber nein, ich musste zur Kripo gehen. Alles lief wunderbar, bis zu jenem Tag, als ich das Bett mit dem Sohn meines Vorgesetzten teilte. Dazu muss ich sagen, der Gußlechner war seit jeher ein Inspektor der alten Schule. Alles muss seine Ordnung haben, nur keine Grauzonen. Ein Arschkriecher, wenn ich ehrlich bin, dafür hat er aber hübsche Kinder. Drei Söhne. Einer davon wurde mir zum Verhängnis. Junior feierte in einem Lokal, in dem es vermehrt zu Drogenverkäufen kam. Ich war inkognito vor Ort, als er mich anquatschte – und ja, auch ich bin nur ein Mann. Wenn man Single ist und mit 34 das Angebot bekommt, einen 23-Jährigen mit nach Hause zu nehmen, sagt man nicht Nein. Blöderweise dachte Junior, ich wäre sein neuer Lover, während ich das Ganze als One-Night-Stand abhakte. Als der Verschmähte bei Papi in der PI auftauchte, beschimpfte er mich, womit nicht nur ich, sondern auch er geoutet war.
Ich wurde suspendiert und schließlich nach Kretzelkirchen versetzt – als Dorfgendarm. Eigentlich Polizist, aber am Land heißt das noch Gendarm.
Es ist mir ein Rätsel, was ich hier soll, weil die größte Aufregung ein vom Wurm angefressener Apfel ist, der unerlaubterweise auf der Straße liegt.
Egal. Am Montagmorgen läutet das Telefon in meinem Büro. Ich habe noch keinen Kaffee getrunken, aber das kümmert niemanden. Seit die Dienststelle besetzt ist, bin ich für Recht und Ordnung zuständig, freitag- und samstagnachts auch für die gute Sitte.
Der Anruf kommt vom Bürgermeister.
In seine Jagdhütte hätte jemand eingebrochen – er kauere direkt davor im Dickicht.
Ich will nicht, mache mich aber auf den Weg. Dienstvorschrift ist Dienstvorschrift, obwohl die Aufregung vermutlich umsonst ist. Ziemlich gelassen, steige ich in meinen VW Amarok – das einzig Positive an dem Job. Ich brauche 47 Minuten, ehe ich einparke und mich zu Fuß auf den Weg durch den Wald mache. Zehn Minuten später bin ich da. Der Bürgermeister springt hinter einem Busch hervor und fuchtelt wild mit seinem Jagdgewehr herum.
„Herr Rennhold, wo waren Sie so lange? Ich wart’ seit einer Stunde!“
„Der Weg ist holprig, Herr Landberger, da ist Vorsicht geboten. Wenn mir etwas passiert, steht Kretzelkirchen ohne Polizist da – und das wollen wir doch nicht!“ Ich schmunzle, weil er furchtbar stolz ist, als einzige Gemeinde in der Umgebung einen Polizeibeamten zu haben. „Was ist mit Ihrer Jagdhütte? Schaut doch gut aus!“
„Da drinnen liegt einer!“ Der Landberger zeigt zur Tür. „Ich glaub’, der ist tot!“
Eine Leiche in Kretzelkirchen? Das muss ich sehen. Wie ein Filmagent ziehe ich meine Glock 17, halte sie mit beiden Händen mit der Mündung nach oben hoch und schleiche mich an. Es ist nur Show, aber damit ich meine Ruhe habe und der Landberger seinen Spezialagenten, täusche ich vollen Einsatz vor.
Ich drücke mit einer Hand geräuschlos die Klinke nach unten, halte die Luft an und stoße die Tür auf. Dann stürme ich in die Hütte, mach’ mir einen raschen Überblick und bleibe mitten im Raum stehen. Nichts – keine Leiche.
„Landberger?“ Ich stecke die Waffe weg. „Da ist keine Leiche!“
„Sie war da!“ Er läuft durch die Stube und bleibt vor einem Diwan stehen. „Da!“ Er zeigt auf eine zerknüllte Decke. „Da lag sie – nackt!“
Ich gehe zu ihm. „Hauchen Sie mich mal an!“
„Rennhold!“, schreit er. „Übertreiben Sie’s nicht!“
Er spielt auf meine Strafversetzung an. Keine Ahnung, wie viel er weiß, vermutlich kennt er keine Details. Gereizt schnappe ich dennoch die Decke und hebe sie hoch. Sie ist noch warm. „Geschlecht?“, frage ich übergangslos.
„Was?“
„Die Leiche!“
„Ach so – männlich!“ Hektisch dreht er sich im Kreis. „Wo kann sie sein?“
„Wer?“
„Die Leich’!“
Ich sehe mich um. Das Fenster ist nur angelehnt – vermutlich von außen zugezogen. „Geflüchtet?“ Ich zeige auf die Fensterflügel.
„Die Leich’?“, fragt der Bürgermeister, und ich komme mir vor wie in einem Theaterstück.
„Die Leiche wird nicht tot gewesen sein!“ Ich schaue mich noch einmal um. In der Spüle stehen zwei benutzte Teller. „Und es waren zwei.“
Der Landberger schüttelt den Kopf. „Es war nur eine Leiche.“
„Sie schauen zu viele Krimis, Bürgermeister. Es gibt keine Leiche. Hier hat jemand übernachtet und gegessen.“ Ich zeige auf die Teller.
Dem Landberger entgleiten die Gesichtszüge.
„Wer hat denn einen Schlüssel?“ Ich weise auf die intakte Tür. Jemand muss sie ordnungsgemäß aufgeschlossen haben.
„Niemand, nur der Franz, der Julius, der Sepp, der Ignatz und ich.“
Gereizt gehe ich zur Tür. „Dann fragen Sie am besten bei denen nach. Vielleicht hat einer der Herren ein Gspusi!“
Jegliche Farbe weicht aus dem Gesicht des Landbergers. „Sind Sie deppert ’worden?“, schreit er, und eine einzelne Ader erscheint auf seiner Stirn, die so anschwillt, dass ich mir Sorgen mache, dass sie platzt. „Die sind alle verheiratet!“
Ich gehe nach draußen. „Und?“
„Und!“ Der Bürgermeister läuft aufgeregt hinter mir her. „Das war eine männliche Leich’!“
„Vielleicht war eine der Ehefrauen der besagten Männer hier.“
„Das war eine junge Leich’! Kaum 20. Was sollen die alt’n Schachteln mit dem jungen Burschen?“
Ich grinse breit. „Das haben jetzt Sie gesagt, Bürgermeister; aber vielleicht machen die Frauen dasselbe wie die alten Säcke mit den jungen Mädchen.“
Er wird rot im Gesicht. Die dicke Ader pulsiert gefährlich. „Rennhold! Machen’S Ihren Job, und hören’S auf, unschuldige Bürger zu verunglimpfen. Kretzelkirchen ist eine anständige Gemeinde.“
Ist das eine Anspielung? Der Grund für meine Versetzung käme in einer kleinen Gemeinde sicher nicht gut an. Ich will patzig antworten, aber ich erspare es mir und gehe.
„Wo wollen Sie hin?“
„Ich gehe meiner Pflicht nach und suche die Leiche!“
„Aber die Leich’ war ja nicht tot!“ Er folgt mir aufgeregt. „Oder glauben’ S, die hat wer weggebracht?“
„Durch das kleine Fenster?“ Ich zeige zur Hütte zurück, dann latsche ich darum herum und schau mir das Fenster an. Keine Einbruchspuren, dafür ist das Gras davor niedergetrampelt. Mehrere Schritte führen weg.
„Die Leich’!“ Der Bürgermeister zeigt auf die Fußabdrücke. „Jetzt hab’n wir sie!“
„Wir haben gar nichts“, murre ich, weil niedergetrampeltes Gras keinen Fußabdruck ergibt. Ich bücke mich, da etwas Pelziges vor mir liegt. Ein Anhänger – mit Schlüsselsatz. Grinsend baumle ich damit vor den Augen des Bürgermeisters herum. „Kennen Sie den? Wer von den besagten Herren hat einen weißen … Plüschhasen als Anhänger?“
Am Blick vom Landberger erfasse ich, dass er den Anhänger kennt. Vorsichtig greift er das einzige Beweismittel des Falls an. Ich will etwas sagen, erinnere mich aber, dass es keinen Fall gibt. So wie die Sache mit dem wurmstichigen Apfel kein Fall war.
„Der gehört dem Simon“, stammelt er.
„Wem?“
„Meinem Buben!“
„Dann war wohl der Sohnemann hier … Warum flüchtet der aus dem Fenster?“
Der Landberger zuckt mit den Schultern, seine Finger schließen sich krampfhaft um den Anhänger.
„Gut“, erkläre ich triumphierend. „Dann bräuchte ich bitte die Daten von Ihrem Sohn, zwecks Vorladung.“ Der Landberger überlegt es sich das nächste Mal dreimal, ob er mich anruft.
„Vorladung?“
„Ja. Anscheinend ist Ihr Sohn eingebrochen.“ Ich zeige auf den Plüschhasen. „Vielleicht hat er auch aufgeschlossen.“ Geschäftig hole ich mein Handy heraus, öffne die Memo-App und schau den Bürgermeister erwartungsvoll an. „Wo und wie erreiche ich den Sohn?“
Farbe kehrt in sein Gesicht zurück. „Der Simon ist in der Schule.“
Ich nicke, während ich gleichzeitig den Namen des Sprösslings in mein Handy tippe. „Wie alt?“
„18. Er maturiert heuer.“ Stolz schwellt er die Brust.
„Und wo geht der Simon zur Schule?“
„In Weihnecken, aufs Gymnasium. Das ist die nächste Stadt in der Gegend.“
Stadt war gut. Weihnecken war nichts anderes als eine Ansammlung von mehreren Dörfern.
„Gut“, sage ich bedeutungsschwanger und stecke mein Handy weg. „Ich fahre nach Weihnecken.“
„Warum?“
„Um Ihren Sohn zu vernehmen.“ Die Ader an der Stirn des Bürgermeisters schwillt wieder an. „Irgendwer hat ihm anscheinend den Schlüssel gestohlen, dazu muss ich ihn vernehmen“, räume ich ein.
Der Landberger beruhigt sich. „Warten’S mit der Befragung aber, bis er zu Hause ist.“ Er kommt einen Schritt näher. „Sie wissen schon, das Gerede.“
Jaja, der Buschfunk. Ich nehme ihm den Schlüssel ab. „Beweismittel!“, erkläre ich und geh zurück zum Auto.
Natürlich warte ich nicht bis zum Nachmittag. Womöglich war der Sohnemann selbst bei der Hütte – dann würde ich ihn in flagranti erwischen. Schließlich muss er mit dem Zug oder Bus erst nach Weihnecken fahren. Ich trete aufs Gas, damit ich vor ihm an der Schule bin.
Der Parkplatz ist fast leer. Als ich aussteige, fährt ein alter VW Bus vor. Ein junger Bursche springt heraus.
Ich warte, bis der VW Bus weg ist, dann folge ich dem Schüler über den Parkplatz. „Simon Landberger?“
Der Junge schaut zu mir zurück. Er wirkt jung, jünger als 18, aber der Augenfarbe nach zu urteilen, ist es der Landberger. Das Blau ist einzigartig, auch wenn der Senior sonst anders ausschaut.
„Ja?“
Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, dass ich aus Kretzelkirchen bin. Es haben sich schließlich nur dreiviertel der Einwohner bei meinem Dienstantritt vorgestellt.
Hastig mustere ich ihn. Er ist schlank. Die Jeans sitzen locker auf den Hüften, die Jacke wirkt zu weit. Mein Blick fällt auf seine weißen Sneakers, die grünlich verfärbt sind. Grasspuren, eindeutig. „Wo warst du heute Morgen?“
Unsicher tritt er von einem Fuß auf den anderen. „Sie sind der neue Gendarm, oder?“, stellt er eine Gegenfrage.
Sie ist berechtigt, nervt aber. „Fängt die Schule so spät an – oder schwänzt du?“
„Ich bin später gekommen …“ Er runzelt die Stirn. „Warum fragen Sie?“
„Weil …“, ich ziehe den Anhänger aus meiner Jackentasche und lasse ihn in der Luft baumeln. „Fehlt dir der zufällig?“
Erschrocken tastet er seine Jacke ab. „Das ist … Woher haben Sie den?“
„Gefunden!“ Ich stecke ihn wieder ein und trete dann so nahe an ihn heran, dass er gezwungen ist, zu mir hochzusehen. „Vor der Jagdhütte deines Vaters.“ Eine unheilvolle Pause folgt. „Wo warst du heute Morgen?“
Er schluckt, seine Augen fliegen nervös umher, während er rot anläuft.
„Warst du in der Jagdhütte?“ Gereizt zeige ich auf die weißen Sneakers. „Schaut nach Grasflecken aus.“
Er folgt dem Fingerzeig. „Ja …“
„Also?“
Sein Adamsapfel springt unruhig auf und ab, als er abermals schluckt.
„Warst du in der Hütte?“
„Es ist die Hütte meines Vaters …“
„Dein Vater hat mich geholt, weil er eine nackte Leiche dort gesehen hat!“ Ich überlege. Eine nackte männliche Leiche. Ist Simon schwul? Mein Gaydar funktioniert normalerweise einwandfrei, aber bei Jugendlichen ist es nicht erprobt. „Was hast du dort gemacht?“
„Das geht Sie nichts an! … Denke ich.“
„Ich denke schon. Dein werter Papi will nämlich, dass ich nach der Leiche suche, die gar keine war, und jetzt stellt sich heraus, dass der Einbrecher sein Sohn ist – mit einem nackten Kumpel.“ Ich grinse ihn triumphierend an.
Simon sieht sich hektisch um. „Das stimmt so nicht.“
„Was stimmt dann?“
„Wir sind nur Freunde“, rechtfertigt er sich. Beinahe tut er mir leid, doch das Wissen, dass er womöglich schwul ist, spielt mir ein Ass in die Hand.
„Ist mir egal, wer er ist. Von mir aus kannst du mit der ganzen Schule fi…“
„Pst!“ Er drückt mir die Finger auf den Mund.
Ich bin so sprachlos, dass ich nicht reagiere. Noch vor Wochen wäre mein Gegenüber jetzt mit dem Gesicht nach unten im Dreck gelegen. Ich schiebe seine Hand weg. „Spinnst du? Das ist ein tätlicher Angriff auf einen Polizeibeamten!“
„Aber das …“ Er sieht sich abermals um. „Tut mir leid …“
„Na, Landberger?“, hallt es unerwartet über den Parkplatz. „Was hast du angestellt, dass die Polizei dich abholt? Den Arschficker Marcel rangelassen?“
Ein Bursche in Simons Alter eilt Richtung Schuleingang.
Simon wird knallrot, wie ein geprügelter Hund zieht er den Kopf ein und blickt zu Boden.
„Hast du keinen Unterricht?“, mische ich mich ein und marschiere auf den Jungen zu. „Schwänzt du die Schule? Schulabsentismus ist kein Kavaliersdelikt!“ Breitbeinig baue ich mich vor ihm auf und überkreuze die Arme vor der Brust. Das reicht. Er senkt den Blick und wird sichtlich nervös. „Wenn ich dich noch einmal beim Schwänzen erwische, dann melde ich es dem Jugendamt, verstanden?“
Keine Antwort, nur ein knallroter Kopf.
„Verstanden?“
Er nickt kaum merklich.
„Gut, Abmarsch!“
Der Bursche flüchtet regelrecht.
Als ich mich umdrehe, wirkt Simon niedergeschmettert. Ich seufze, dann zeige ich in Richtung meines Einsatzfahrzeuges. „Komm mit!“ Vor dem Auto murmle ich ein: „Steig ein!“
Simon setzt sich auf den Beifahrersitz und starrt auf seine Finger.
„Du warst also mit einem … Freund in der Hütte?“, beginne ich.
Er nickt vorsichtig.
„Will ich wissen, was ihr gemacht habt?“
„Nichts, wir haben nur geredet.“
„Nackt?“
Er schließt kurz die Augen, ehe er müde aus dem Fenster sieht. „Marcel war nicht nackt. Er hatte nur kein Shirt an.“
Typisch – Täterbeschreibungen fallen immer undeutlich aus. Der Bürgermeister macht da keine Ausnahme.
„Als Paps rauslief, sind wir durch das Fenster abgehauen.“
„Wo warst du, als dein Vater reinkam?“
„Im Bad.“
Ich sehe durch die Frontscheibe. Eine Gruppe von Teenager läuft über den Parkplatz. „Kommen hier alle zu spät, oder was?“
„In den ersten Stunden haben wir Sport – da fehlen die meisten aus der Klasse.“ Er schaut zu mir. „Was passiert jetzt?“ Seine Stimme zittert. Womöglich wissen seine Eltern nichts über seine Sexualität.
Ich weiß, wie er sich fühlt, und er tut mir unerwartet leid. Ich zucke mit den Schultern. „Nix.“
„Nichts?“
„Du gehst in den Unterricht, während ich nach Kretzelkirchen zurückfahre. Dort erkläre ich deinem Vater, dass dir ein paar Mitschüler den Schlüssel abgenommen hätten.“
Überrascht sieht er mich an.
„Jetzt schau nicht so.“ Ich stoße den Atem laut aus. „Wenn du mich das nächste Mal angreifst, dann nehme ich dich mit auf die Wachstube, verstanden?“
Er nickt heftig.
„Gut, dann Abmarsch!“ Ich zeige zur Schule.
„Danke“, murmelt er und flüchtet aus dem Wagen.
Was soll ich sagen – einen Gleichgesinnten verpetzt man nicht. Schon gar nicht, wenn er erst 18 ist.
Somit fahre ich zurück ins Büro. Dem Bürgermeister erkläre ich, dass es ein Bubenstreich war.
Das ist wohl mein neues Leben – statt Kriminalfälle lösen, decke ich schwule Söhne. Na ja, zumindest ist das besser als die Sache mit dem Apfel auf der Hauptstraße – aber das war eine ganz andere Geschichte.
Die Stunde, bevor der Zirkus seine Zelte für die Schaulustigen öffnet, mag Buck am liebsten. Denn dann tummeln sich auf dem Gelände allerhand fragwürdige und auch spannende Kuriositäten, die beizeiten die eigentlichen Mitglieder des Zirkus in den Schatten stellen. Damen mit stärkerem Make-up, als es sich so mancher Clown erlauben würde, mit toupierten Haaren, riesigen Reifröcken und einem kleinen Vermögen, in Form von glänzenden Ringen, an den Fingern. Sie werden von stolzen Männern begleitet, die sie umherführen wie die Dresseure ihre Pferde in der Manege. Aufgeweckte Kinder, adrett gekleidet, aber mit allerhand Flausen im Kopf.
Es fasziniert Buck jedes Mal aufs Neue und erinnert ihn gleichzeitig daran, dass ein kultiviertes Stadtleben nichts für ihn wäre. Nicht, dass er sich ein Leben wie das der reichen Zirkusbesucher leisten könnte. Nein, er würde schnurstracks in den Armutsvierteln landen. Genau deswegen ist Buck vor zwei Jahren aus dem Waisenhaus geflohen und hat beim Zirkus angeheuert. Der dicke, strenge Zirkusdirektor hat ihm gerne Arbeit gegeben. Ställe ausmisten und Zelte aufbauen. Jede Menge anstrengende Aufgaben, die für den kleinen, schmächtigen Buck echte Qualen bedeutet haben. Aber er hat sich hochgearbeitet. Zumindest redet er sich das ein, während er in die viel zu bunte Kleidung schlüpft, die er als Clown tragen muss. Danach nimmt Buck auf dem wackligen Holzschemel, direkt vor dem großen, dreckigen Spiegel im hinteren Bereich des Zirkuszeltes Platz. Er greift nach den kleinen Döschen voll Schminke und beginnt freudlos, sich auf seinen Auftritt vorzubereiten. Dabei ist die billige Schminke hart und lässt sich nur schwer mit Schwämmchen oder Pinsel aufnehmen.
„So ein verdammter Mist.“ Buck murmelt leise vor sich hin, bis eine kräftige Hand auf seiner Schulter landet.
„Na Kleiner, führst du wieder Selbstgespräche?“ Merkur, der Messerwerfer. Er schaut gehässig lächelnd zu Buck hinab, den Kopf auf die Seite gelegt und den Oberkörper bedrohlich über den kleineren Clown gebeugt.
„Verpiss dich, Merkur!“ Nach dem ersten Schock ist Buck nur noch genervt. Er boxt den Messerwerfer halbherzig zwischen die Rippen, ein Angriff, den der durchtrainierte Merkur wahrscheinlich gar nicht spürt. Aber er begreift die Intention dahinter, lässt kopfschüttelnd von Buck ab und schreitet davon. Der Clown bleibt abermals alleine in seiner Ecke zurück.
Da Buck der Jüngste unter ihnen ist, wird er oft drangsaliert, und auch die Narben vom ersten Aufeinandertreffen mit dem wankelmütigen Messerwerfer erinnern ihn oft genug an seinen Platz innerhalb ihrer kleinen Zirkustruppe. Hinzu kommt, dass Buck gleichermaßen Interesse an Männern und Frauen hat, was die anderen gerne mit Verachtung und Spott kommentieren. Es gibt Tage, an denen schämt er sich regelrecht dafür, auch wenn er eigentlich gar nicht weiß, warum. Aber es ist auszuhalten, denn manchmal darf er trotzdem Teil der Gemeinschaft sein, und von ihrem wertvollen Tabak bekommt er auch etwas ab.
„Hey Buck.“ Er hat sich gerade zu Ende geschminkt, als Maxim zu ihm kommt. Er ist Feuerspucker, nur ein Jahr älter als Buck und beinahe freundlich. Er ist hinter Buck stehen geblieben, die Hände fest auf den Schultern des Clowns. Ihre Blicke treffen sich in der schmutzigen Reflexion des Spiegels.
„Hast du schon den Neuen gesehen?“ Bei der Frage blitzen Maxims dunkle Augen vorwitzig auf.
„Wir haben einen Neuen? Nein, hab’ ihn noch nicht gesehen.“ Neue Artisten kommen und gehen. Die wenigsten bleiben länger als ein Jahr. Doch während Buck unbeeindruckt mit den Schultern zuckt, scheint Maxim ungewohnt aufgeregt.
„Ja, ein Trapezkünstler. Ganz schräger Vogel.“ Maxim verzieht das Gesicht.
„Was meinst du?“ Buck setzt beim Sprechen die rote Lockenperücke auf, seine kurz geschorenen, braunen Haare verschwinden komplett darunter.
„Er sieht aus wie ein verrückter Papagei. Oder sie? Ach, keine Ahnung. Aber das sagt doch schon alles.“ Lachend macht Maxim Platz, während Buck aufsteht und sich ausgiebig streckt.
Hinter dem schweren, abgewetzten Samtvorhang ist bereits tosender Applaus zu hören.
Bevor er die Manege betritt, setzt der junge Clown ein breites, falsches Lächeln auf.
An diesem Abend trifft Buck noch nicht auf den rätselhaften, neuen Trapezkünstler. Doch am Tag darauf, als er gerade Pause macht und dafür rauchend auf einem Heuballen sitzt, bemerkt Buck den farbenfrohen Neuzugang. Maxim hat recht gehabt, es ist schlichtweg unmöglich diesem Wesen ein Geschlecht zuzuschreiben. Ganz im Gegenteil, Buck bezweifelt sogar, überhaupt in der Gegenwart eines gewöhnlichen Menschen zu sein. Fae1 hat kupferfarbene, lange Haare, die zu einem strengen Dutt zusammengefasst sind. Außerdem trägt fae ein enges Leotard, bunt und voll mit funkelnden Pailletten. Dazu eine hellblaue, weite Hose aus feinstem Stoff. Buck ist regelrecht hingerissen, verzaubert von dieser Person, die scheinbar schwerelos über ein aufgespanntes Drahtseil tänzelt und dabei schwungvoll Pirouetten dreht.
„Hallo trauriger Clown.“ Eine sanfte Stimme reißt Buck aus seinen Gedanken. Nach der Vorstellung hat er sich davongestohlen, um abseits des Trubels etwas Ruhe zu finden. Aber natürlich muss ihm ausgerechnet ihr neues Zirkusmitglied über den Weg laufen. „Ich glaube, wir haben uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Lory.“ Fae lächelt und streckt dem zur Salzsäule erstarrten Buck die Hand entgegen. Lory hat schöne, ebenmäßige Gesichtszüge, blasse Haut und strahlend grüne Augen, die wachsam auf den kleineren Clown gerichtet sind. Schweiß glänzt auf faes Stirn.
„Ja. Nein. Haben wir nicht.“ Buck stolpert ungewollt über seine eigenen Worte. „Mein Name ist Buck, und ich bin nicht traurig.“ Er schnaubt genervt und zieht sich gleichzeitig die Perücke vom Kopf.
Lory wirkt nicht überzeugt. „Du scheinst allerdings so.“ Fae zuckt kaum merklich mit den Schultern. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?“
***
In den kommenden Tagen verbringt Lory viel Zeit mit Buck. Dabei muss sich der junge Clown eingestehen, dass er sich allmählich in Lory verliebt. Es ist mehr als bloße Schwärmerei, denn Lory ist ruhig und besonnen, hat erstaunliches Selbstbewusstsein und unendliche kindliche Neugierde.
„Warum bist du nicht bei den anderen?“ Lorys Frage ist ziemlich eigenartig, immerhin leistet fae dem jungen Clown Gesellschaft beim Alleinsein. Sie liegen beide ausgestreckt in der Mitte der leeren Manege, Stroh im Haar und müde von den Proben.
„Sie wollen mich nicht dabeihaben.“
Bei dieser Erklärung dreht Lory den Kopf zur Seite und schaut lächelnd zu Buck. „Ja, sie reden nicht wirklich gut über dich.“
Der Clown verdreht theatralisch die Augen. „Tatsächlich?“
Der Sarkasmus scheint völlig an Lory vorbeizugehen, denn fae spricht langsam und ernst weiter: „Sie machen sich lustig über dich, verspotten dich. Sie haben mir erzählt, dass du auch mit Männern anbandelst, als wäre es tatsächlich eine Sünde.“ Lory stoppt erst, als fae Bucks erschrockene Miene und die Tränen in seinen braunen Augen bemerkt. „Lass dir von solchen Leuten nicht einreden, dass du wertlos bist.“ Fae rappelt sich auf und greift nach Bucks Händen.
„Du kannst das leicht sagen. Es stört dich nicht, wenn sie schlecht über dich reden.“ Buck klingt resigniert.
Trotz der schweren Stimmung beginnt Lory schallend zu lachen. „Natürlich nicht! Ich bin ein Kunstwerk, genau wie du, Buck. Genau wie jeder andere. Wir sind alle wertvoll und haben es verdient, geliebt zu werden.“
Buck errötet. Mit jedem neuen Wort hat sich Lory weiter zu ihm gebeugt und liegt nun praktisch auf ihm.
„Du kannst mit mir weggehen.“
Das reißt Buck allerdings ganz schnell aus seinen unanständigen Gedanken. „Du willst gehen?“
Lory zuckt gelangweilt mit den Schultern. „Irgendwann, ja. Ich bin frei und an keinen Ort gebunden.“ In der großen Manege herrscht kurz bedrücktes Schweigen. „Ich meine es ernst. Du kannst mich begleiten. Wir könnten zusammen auftreten.“
Als Buck das Angebot hört, schüttelt er hastig den Kopf. „Ich komme gerne mit, aber auf das Trapez gehe ich auf keinen Fall. Ich hab’ schreckliche Höhenangst.“
Irgendjemand muss sie belauscht haben. Denn während der nächsten Vorstellung, als Buck kleine Kunststücke und Albereien aufführt, betritt der Zirkusdirektor die Manege. Er umfasst unvermittelt Bucks Schultern und zieht ihn dicht an sich. Während der Clown noch überrascht in seine Arme stolpert, dröhnt die Stimme des Direktors bereits durch das Zirkuszelt: „Meine Damen und Herren, liebe Kinder! Wollen wir nicht einmal schauen, wie sich unser Clown in acht Metern Höhe bewegt? Ob er dann immer noch so frech ist?“
Mit diesen Worten deutet der Zirkusdirektor zum Trapez, das in schwindelerregender Höhe über ihnen hängt – nicht mehr, als zwei schmale Holzstangen, mit dicken Seilen an der Zirkusdecke befestigt, jeweils links und rechts der Manege eines, erreichbar nur durch Strickleitern, die verloren herabbaumeln und zu winzig kleinen Plattformen führen.
Buck wird beim bloßen Anblick schon schlecht, doch der Zirkusdirektor hält ihn so fest umklammert, dass an Flucht nicht zu denken ist.
Unter neuem Applaus betritt Lory die Manege, doch faes Blick huscht sofort zu Buck, der zitternd und schwitzend einem Zusammenbruch nahe ist.
Dessen ungeachtet schubst der Zirkusdirektor den Clown ruppig nach vorne. „Nun mach schon.“
Buck erschaudert. Die Worte klingen bedrohlich, wie ein Todesurteil. Nicht einmal ein Sicherheitsnetz ist über den Boden gespannt.
„Wer weiß, vielleicht entdecken wir ja heute unsere nächste große Sensation? Lory hilfst du ihm, bitte?“
Zumindest Lory reagiert auf die Aufforderung des Zirkusdirektors. Buck hingegen wird wütend. Die ganze Aktion ist also nicht mehr als ein schlechter, fataler Scherz.
Wieder schaut Buck verunsichert zu Lory. Das Lächeln reicht nicht mehr bis zu faes Augen, Besorgnis liegt stattdessen in faes Blick. Fae bedeutet ihm, an einer der Strickleitern emporzuklettern, bereit die andere zu nehmen.
Mit schweißnassen Händen klettert der junge Clown die Leiter hinauf, bis er die kleine Holzplattform erreicht. Dort fällt er auf die Knie, unfähig sich zu bewegen, geschweige denn, die dort hängende Trapezstange zu umfassen. Auf der anderen Seite macht Lory gute Miene zum bösen Spiel. Fae lächelt und animiert das Publikum, während Buck noch immer zitternd mit seinem Leben abschließt.
„Na los! Wir warten!“ Wieder die Stimme des Zirkusdirektors, diesmal von sehr weit unten. Unnötigerweise setzt ein Trommelwirbel ein. Buck kriecht bis zum Rand der Plattform und greift nach dem Trapez. Ihm gegenüber wartet Lory geduldig.
Und dann passiert es doch. Mit einem panischen Aufschrei lässt sich Buck nach vorne fallen. Er muss die ängstlich geschlossenen Augen nicht öffnen, um zu bemerken, dass er unbeholfen hin- und herschwingt, während seine Kraft in Armen und Händen allmählich nachlässt.
Er muss ein erbärmliches Bild abgeben. Das ist das Erste, was ihm ungefragt durch den Kopf geht. Lächerlich, selbst kurz vor dem Tode noch. Vielleicht steht ihm die Rolle des Clowns doch ganz gut.
Ein unerwarteter Ruck reißt Buck aus den dunklen Gedanken und stoppt seinen unkontrollierten Flug. Er spürt warme Hände, die sich um seine Arme geschlossen haben, und hört tosenden Applaus. Unsicher öffnet er nun doch die Augen. Lory hat sich zu ihm geschwungen und ihn abgefangen. Dabei hat fae die Beine angewinkelt um die Trapezstange geschlungen und hängt kopfüber in der Luft.
„Lass los. Ich hab’ dich.“
Buck nickt, Tränen der Erleichterung laufen über seine Wangen. Natürlich hält Lory ihn fest. Nichtsdestotrotz schreit der junge Clown, als er endlich loslässt und sie erneut über die Manege schwingen. Dass Lory an dieser waghalsigen Flugschau Spaß hat, kann er nicht verstehen.
Einen Augenblick später schubst Lory ihn auch schon zurück auf die Holzplattform, wo Buck unzeremoniell aufkommt. Noch steif vor Angst hockt er einfach da, während Lory leichtfüßig neben ihm landet. Doch auch fae zittert und atmet ungewohnt schwer.
Pflichtbewusst zieht Lory den angsterfüllten Clown auf die Beine und drängt ihn dazu, sich zu verbeugen.
Ach ja, das Publikum hatte Buck fast vergessen. Es applaudiert, als wäre nichts gewesen.
Buck schüttelt langsam, voll Entsetzen den Kopf, doch dann zieht Lory ihn abermals ganz nah an sich heran und küsst ihn unvermittelt. Buck glaubt, schon wieder über die Manege zu fliegen. Aber diesmal ist es ein sehr schönes, warmes Gefühl. Er erwidert den Kuss zaghaft.
Empörtes Raunen geht durch das Publikum, aber das ist Lory und Buck egal, als sie voneinander ablassen. Lory lacht sogar und flüstert Buck kurz etwas ins Ohr, bevor fae sich erneut mit dem Trapez in den Abgrund stürzt.
„Ich liebe dich. Geh runter und pack deine Sachen. Sobald mein Auftritt vorbei ist, verschwinden wir.“
1Bevorzugtes Neopronomen des Charakters; Neopronomen werden wie binäre Pronomen (er/sie) verwendet, sie sind Wortneuschöpfungen, die auf die nicht-binäre Geschlechtsidentität der Person hinweisen;
Sich verlieben … Was heißt das überhaupt?
Man sieht jemanden und interessiert sich für ihn. Kommt es dann doch eher auf die so verpönten äußeren Werte an? Denn die Person kann ja nicht in meine Seele schauen oder meinen Charakter bis ins Detail analysieren, wenn ich nicht ein Wort sage, um etwas von mir preiszugeben. Die inneren Werte, die immer so geschätzt werden, bleiben verborgen, bis ich sie offenlege, und selbst da neigt man anfangs dazu, jemand sein zu wollen, der man gar nicht ist. Aber immerhin war ich nicht Darth Vader, dem seine Schlechtigkeit schon von Weitem aus allen Poren drang. Ich war allerdings garantiert auch nicht die untadelige Prinzessin Leia.
Diese Fragen stellten sich mir gerade, als ich im Fitnessstudio auf dem Laufband einen imaginären Berg von fünfzehn Prozent erklomm und Mühe hatte, Luft zu bekommen. Es war noch früh an einem Sonntag, keine Uhrzeit, bei der sich Gelegenheitssportler trafen, sondern nur jene, die extra aufstanden, um herzufinden. So wie ich – und wie die Frau, die eben aus der Umkleide gekommen war und sich auf das Laufband in der Reihe schräg vor mir stellte. Sie war groß und sportlich, und sie trainierte nicht zum ersten Mal, obwohl ich sie noch nie hier gesehen hatte. Gekleidet war sie in enge Leggings und ein armfreies Trägershirt. Ich konnte sehen, dass sie gut definiert war, mit breiten Schultern und einer schmalen Taille. Eindeutig verbrachte sie viel Zeit in solchen Studios. Vermutlich die Zeit, die ich auf der Couch versackte. Mit Eis. Oder Chips und mich mit Netflix berieseln ließ. Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen.
Ihr Gesicht war schmal und wirklich schön. Dunkle Brauen, ein energisches Kinn, sanft geschwungene Lippen. Sie war gepflegt und gab sich selbst für den Sport Mühe, nicht auszusehen, als wäre sie erst aufgestanden, was sie in Anbetracht der Uhrzeit sicher war. Ich wusste nicht, ob sie leiert war, ob sie sich überhaupt für Frauen interessierte oder ob ihr gut aussehender Freund sie nachher abholte. Es war mir auch egal, denn heute Morgen war ich verliebt in ihre äußeren Werte.
Sie beschäftigte sich eingehend mit dem Laufband, das ihr alle möglichen Fragen stellte und mich fast neidisch werden ließ. Das machten diese Dinger jedes Mal, und ich log das Gerät immer an, wenn es um das Gewicht ging. Es merkte ja niemand. Irgendetwas schien aber nicht zu funktionieren, jedenfalls startete sie nicht, sondern schaute sich nach rechts und links um. Da das Studio aber ausgesprochen spärlich besetzt war, gab es nicht viele Möglichkeiten. Die immer schlaflose Rentnerriege war vertreten und hatte sich um ein Ergometer versammelt, auf dem ein älterer Herr in die Pedale trat. Der Rest der heiteren Gruppe stand drum herum, um den Wetterverlauf der letzten Tage auszuwerten, einschließlich der gesundheitlichen Beschwerden, die dieser mit sich brachte.
Sie zögerte und drehte sich dann zu mir. Ich erschrak, kam aus dem Tritt und hielt mich schnell an den Griffen fest, ehe ich unelegant von dem Band stürzen konnte, das gnadenlos weiterlief.
„Kannst du mir helfen?“, fragte sie mich.
Aber sicher. Egal was. Drachen schupsen, die seltenste Blume der Welt für sie pflücken, einen Stern vom Himmel holen, was immer man damit auch wollen könnte, ich würde es tun.
„Ich glaube, das Gerät ist defekt.“
Nicht kaputt, nein: defekt. Sehr gewählt. Ich unterdrückte ein Grinsen, weil sie es womöglich falsch interpretiert hätte, und stoppte mein Band. Hilfsbereit kletterte ich hinunter und kam zu ihr.
„Du hättest nicht aufhören müssen.“
Ich war genötigt, zu ihr aufzusehen, weil sie auf dem Band stehend jetzt größer war. „Sonst sehe ich ja nicht, was du schon gemacht hast.“
Sie lächelte leicht und zuckte mit den Schultern. „Auch wieder wahr.“
Aufmerksam widmete ich mich dem Sportgerät und erkannte, dass sie alles richtig eingestellt hatte. Ich lehnte mich an ihr vorbei hinüber und drückte Start. Sofort setzte sich das Band in Bewegung. Sie geriet aus dem Gleichgewicht, und ich nahm schnell ihren Arm, damit sie nicht fiel.
Ja, so war ich, und mein weißes Ross mit Namen Suzuki parkte draußen vor der Tür. Sie lachte verlegen und hielt sich an mir fest. Sehr gern, holde Maid.
„Da habe ich mich dumm angestellt, oder?“
Ich grinste sie an. „Nein, es ist wirklich nicht einfach.“
„Auf Start zu drücken?“
„Ja, gelingt kaum einem auf Anhieb“, behauptete ich so überzeugt, wie es mir möglich war.
Sie hob ein wenig spöttisch die Brauen und nahm sich demnach selbst nicht ganz ernst. Sehr sympathisch. „Der Knopf ist recht groß.“
„Er könnte größer sein“, blieb ich charmant. Nach einem kurzen Zögern fragte ich: „Bist du das erste Mal hier?“
„Merkt man das?“
„Die Geräte sind in den meisten Studios unterschiedlich. Deshalb.“ Eine Erklärung, die etwas lahm klang. Passender wäre wohl, dass ich mir ihr Gesicht definitiv gemerkt hätte, wenn sie schon einmal zu dieser ehrgeizig frühen Stunde hier gewesen wäre.
Bevor sich Schweigen ausbreiten konnte, nickte ich ihr zu, lächelte mein freundlichstes Lächeln, das sie willkommen heißen sollte, und begab mich zurück an mein Laufband. Eigentlich war ich mit meinem Fitnessprogramm fertig. Es sollte nur die Erwärmung sein, aber da die Maid gerade erst angefangen hatte und ich nichts lieber wollte, als ihr zuzusehen, wie sie mit wiegenden Hüften auf der Stelle lief, machte ich weiter. Himmel, war das anstrengend! Aber ich weigerte mich, aufzugeben. Allerdings war ich überaus erleichtert, als sie nach zwanzig Minuten stoppte.
Sie verließ das Band und drehte sich noch einmal mit einem Lächeln zu mir. Ich straffte mich, atmete entspannt, auch wenn ich fast erstickte, und gab mich souverän. Erst als sie sich in Richtung der Kraftgeräte im hinteren Teil der Halle entfernt hatte, sackte ich zusammen und schlug auf den Stoppknopf. Nach Luft ringend wartete ich, bis ich wieder einen Puls hatte, der nicht jedes Cardiogerät in Alarmbereitschaft versetzte.
Ich hatte keine großen Ansprüche an mein Training, sondern wollte mich nur fit halten – ein wenig straffen und weiblichen Problemzonen entgegenwirken. Kurse waren eindeutig nichts für mich. In Gruppen ab drei Leuten gelang es mir regelmäßig, alle durcheinanderzubringen, weil ich entweder die Schritte der zumeist komplizierten Choreografie vergaß, oder rechts und links verwechselte. Lieber blieb ich an den Geräten, in meinem Tempo mit meiner Stärke, auch wenn dieser Bereich etwas im Testosteron schwamm und diverse Herren mit ihren Muskeln kämpften, um sie noch ausgeprägter und größer werden zu lassen. Ein paar glotzten immer, wenn eine Frau mit den Gewichten trainierte. Damit konnte ich leben, indem ich es ignorierte.
Einzige Ausnahme hierbei war Dennis der Spanner – so wie heute Morgen. Er war nicht der Jüngste und hatte viele Tattoos, von denen einige sicher aus dem Knast stammten, denn sie waren wirklich schlecht. Ein Fünfjähriger konnte bessere Bilder malen, als jene, die man Dennis auf seine Brust gestochen hatte. Woher ich das wusste? Er trug ein Muskelshirt, das aus so wenig Stoff gemacht war, dass kaum Fragen offenblieben. Sein blond gefärbtes Haar lichtete sich auf der Stirn und lockte sich üppig im Nacken, während seine Haut durch den jahrelangen Besuch im Solarium etwas ledrig wirkte.
Dennis schaute gern. Er machte seine Übungen und glotzte allem hinterher, was Brüste hatte. Das tat er auch nicht heimlich, sondern ganz offensiv. Ich musste gar nicht wissen, wo meine Maid hingegangen war. Ich musste nur Dennis’ Blicken folgen und fand sie an deren Ende an einem der Geräte. Sie arbeitete konzentriert mit einer Menge an Gewichten, die mich stark beeindruckte. Ich konnte sehen, wie sich ihre Muskeln spannten und sich unter ihrer Haut bewegten. Ein schöner Anblick. Aber war ich jetzt nicht wie Dennis?
Ich schnalzte missbilligend über mich selbst mit der Zunge und wandte mich ab, um mein eigenes Training zu absolvieren. Viel Zeit verging nicht.
„Was ist dein Problem?“
Ich merkte auf, als ich ihre Stimme hörte. Sie klang scharf und wütend.
„Problem? Ich schau’ doch nur.“ Dennis lächelte anzüglich. Er hatte sich unweit meiner Maid aufgebaut und tat so, als würde er Hanteln stemmen. Seltsam, was er sich einbildete. Er war sicher zwanzig Jahre älter, nicht der schönste Mann und sein Charakter ließ sehr zu wünschen übrig, wenn er Frauen nur als Objekte betrachtete.
„Dann glotz in den Spiegel und nicht mich an!“
„Nun bilde dir mal nichts ein“, maulte er zurück. „Oder bist du eine von diesen frigiden Weibern, die gleich hysterisch werden, bloß weil ein Kerl mal schaut? Du musst ja hier keinen Sport machen.“
„Vielleicht solltest du versuchen, ein wenig Respekt zu zeigen.“ Sie starrte Dennis an, blieb auf der Hantelbank sitzen und ließ sich nicht einschüchtern.
Ich wusste, wie Dennis tickte. Er machte das mit jeder Frau, und die meisten wichen ihm aus, bis es ihm langweilig wurde und eine andere kam. Beschwert hatten sich schon viele, aber vermutlich kannte er den Eigentümer des Studios, denn er war immer noch hier und das fast täglich.
Er schüttelte abfällig den Kopf. „Jetzt nimm dich mal nicht so wichtig.“
Ich konnte sehen, wie sie um Fassung rang. Ehe ich richtig realisierte, was ich eigentlich tat, ging ich zu den beiden hinüber. Ich legte meiner Maid die Hand in den Nacken – sehr vertraulich. „Da bist du ja. Ich habe dich schon gesucht.“ In dem Moment, als sie sich mir überrascht zuwandte, beugte ich mich zu ihr hinunter und küsste ihre Wange.
Ich konnte spüren, wie sie erstarrte. Sie machte den Mund auf, vermutlich um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, denn ich war weit mehr als nur übergriffig gewesen. Keine Ahnung, ob ich dem gewachsen sein würde. Ich kapierte selbst nicht, warum ich das getan hatte. Außer eine Wildfremde zu küssen, hätte ich auch einen Trainer holen können, der Dennis in seine Schranken wies.
Die nörgelige Stimme von Dennis erreichte uns: „Ach, ’ne Lesbe. Kein Wunder.“ Er drehte sich um, sammelte seine Hantel ein und trollte sich zu den anderen Bodybuildern, um zu spielen.
„Entschuldige“, setzte ich sofort an, ehe sie ihre Tirade loswerden konnte. „Dennis ist anstrengend und ein bisschen homophob. Er wird dich kein zweites Mal mehr ansehen, wenn er weiß, dass du auf Frauen stehst.“ Ich lachte nervös. „Was du natürlich nicht tust, aber das weiß ja Dennis nicht. Ich …“ Du meine Güte, ganze Sätze wären wunderbar.
„Dennis?“
„Nein. Also, keine Ahnung. Ich nenne ihn so. Sieht er nicht aus wie ein Dennis?“
Sie zuckte mit den Schultern, schaute sich aber nicht nach Dennis um, sondern mir ins Gesicht. Ich merkte, wie ich rot wurde. War ja auch klar. „Ich … mach dann mal weiter …“ Eilig drehte ich mich um und flüchtete in die Umkleiden. Niemals wieder – niemals in meinem Leben – würde ich noch mal hierherkommen! Ich suchte mir einfach ein anderes Studio. Es gab ja viele Zweigstellen.
Wie blöd konnte ein Mensch sein? Ich hatte sie geküsst, um sie vor Dennis zu retten. Das war schlimmer, als Drachen schupsen.
Ich blieb in meinen Sportsachen, holte meinen Rucksack aus dem Spint und hetzte zu meinem Wagen, während ich vor mich hin fluchte und mich für meine Dämlichkeit selbst mit Schimpfwörtern belegte. Ich wollte eben den Schlüssel im Zündschloss drehen, als jemand an meine Scheibe klopfte. Vor Schreck zuckte ich zusammen und schaute in das Gesicht meiner Maid. Sie musste gerannt sein, um mich einzuholen. Da war kein Lächeln auf ihren Lippen, und sie musterte mich undurchdringlich durch das Fenster. Schwer zu sagen, was jetzt kam. Nichts Gutes, würde ich mal schätzen.
Ich schluckte trocken und betätigte den Knopf, um die Scheibe hinunterzulassen. „Ja?“ Das klang etwas dünn.
Sie neigte sich vor, umfasste sanft mein Kinn und küsste mich – nicht auf die Wange, sondern direkt auf die Lippen. Ganz weich, und ich konnte ihren Duft riechen – nach frischer Wäsche und einem Parfüm, das ich nicht zuordnen konnte. Ich vergaß das Atmen und rührte mich keinen Millimeter, während die Hitze mir den Rücken hochkroch.
Nach einem langen Moment gab sie mich frei und lächelte mich an – vielleicht ein wenig überrascht. Das würde zu dem passen, was ich fühlte.
„Normalerweise lade ich die Frauen erst auf einen Kaffee ein, bevor ich sie küsse“, erklärte sie ruhig. „Aber diesen Schritt haben wir ja übersprungen.“
„Haben wir?“ Meine Stimme war etwas kratzig.
„Haben wir“, bestätigte sie amüsiert.
Ich hob die Brauen und fragte neugierig: „Wie geht es also weiter?“
„Da fällt uns schon was ein. Für den Anfang könntest du mir deinen Namen verraten.“
Das könnte ich tun, auch meine Maid würde dann einen Namen haben – und ich würde ihre inneren Werte kennenlernen und sie meine. Vermutlich waren wir beide nicht Prinzessin Leia. Aber wer wollte das schon sein?
Die Einfahrt zum Haus sah aus wie vor zehn Jahren. Die Mülltonnen standen an gleicher Stelle, nur ein paar Aufkleber waren dazugekommen. Die Treppenstufen waren erneuert worden; anstatt einer Klingel befand sich mittig des Türblattes ein goldener Löwenkopf. Darüber war ein Schild angebracht, auf dem der Familienname geschrieben stand.
Ich las ihn im Stillen und bekam Herzrasen. Wie oft hatte ich mir vorgestellt, hierher zurückzukommen?
Viel zu oft.
Crawford. Ein schottischer Name – und er gehörte dem gut aussehenden Jack Crawford, dem Sohn von Martha und Bill Crawford. Jack war nach seiner Zeit beim Militär zu seinen Eltern gezogen und lebte bereits seit einem Jahr hier, ohne dass ich ihn in der ganzen Zeit besucht hätte.
Aus einem Grund: Ich hatte mich nicht getraut – aus Angst, dass er mich wegschicken würde.
Und so stand ich hier. Mit angespannten Schultern, zitternden Knien und mit in den Hosentaschen steckenden Händen. Mein Herz schlug mir hart gegen den Brustkorb.
CRAWFORD. Die Buchstaben wurden immer größer.
Ich musste mich zusammenreißen.
In dem Moment, wo ich den Türklopfer betätigen wollte, öffnete sich die Tür. Verdutzt sah ich in das gleichfalls überraschte Gesicht von Jacks Mutter.
„Du? Hier?“ Die Frau, die ich bereits seit etlichen Jahren kannte, hatte sich kaum verändert. Ihre Haare waren etwas ergraut, ein paar Fältchen waren dazugekommen, aber ansonsten hatten die letzten zehn Jahre ihrem Äußeren nicht merklich geschadet.
„Hallo Martha“, begrüßte ich sie und biss mir vor Aufregung auf die Unterlippe.
Martha hielt eine Mülltüte in ihren Händen, die ich erst jetzt wahrnahm. „John, was für eine Überraschung. Mit dir hätte ich nicht gerechnet. Schon gar nicht nach all den Jahren, die ins Land gezogen sind.“
Ich blickte zu den Mülltonnen. „Ja … ich bin ebenfalls überrascht, dass ich hier bin.“ Es war nicht das, was ich hatte sagen wollen. Ich kam mir wie ein dummer Junge vor, der nicht die richtigen Worte fand.
„Jack ist nicht da, aber er müsste jeden Augenblick nach Hause kommen. Du kannst gerne hereinkommen, wenn du magst. Ich bring’ den Müll weg, und dann mache ich uns etwas zu trinken.“
„Gerne.“ Nervös nestelte ich an meiner Jacke herum.
Martha grinste, als sie das sah. „Immer noch die gleichen Marotten, mein Junge. Du hast dich nicht verändert.“
Oh doch, das hatte ich. Ich war reifer und klüger geworden, war nicht mehr der naive Junge, der sich in ihren Sohn verknallt hatte, um ihn, nach der Entscheidung, zum Militär zu gehen, in den Wind zu schießen.
Ich selbst war nie beim Militär gewesen und verabscheute Waffen.
Jack hatte gemeint, ich hätte ihn nicht genug geliebt. Hätte nicht zu ihm gestanden, und dass mir seine Entscheidungen egal gewesen wären.
Doch so war es nicht.
Nachdem Martha den Müll in die Tonne gestopft hatte, geleitete sie mich ins Haus. Die Inneneinrichtung hatte sich komplett verändert. Trotzdem fühlte ich mich wie zu Hause.
„Und, wie geht es dir? Was hast du die letzten Jahre gemacht? Und wieso kommst du erst jetzt?“
Zusammen gingen wir in die Küche, wo sie eine Kanne Kaffee zubereitete. Ich setzte mich an den Küchentisch und bewunderte das Blumengesteck, das auf der Anrichte stand.
„Mit geht’s gut. Ich wohne außerhalb der Stadt in einer kleinen Wohnung und arbeite als Computerfachmann.“
Martha nahm zwei Tassen aus dem Hängeschrank, stellte sie auf den Tisch und sah mich eindringlich an. „Du weißt, dass du Jack das Herz gebrochen hast, als du dich dazu entschlossen hast, seinen eingeschlagenen Weg, nicht mitzugehen?“
„Ja, ich weiß, aber es hatte so keinen Sinn. Er wollte unbedingt Soldat werden, und ich …“
„Du wolltest ein anderes Leben führen.“
„Ja, aber nicht aus den Gründen, die du denkst.“
„Dann erzähl es mir“, meinte sie und lächelte freundlich.
Nachdem ich ihr gesagt hatte, worum es mir wirklich gegangen war, kam sie auf mich zu und schloss mich in ihre Arme. „Oh John, wieso hast du nie darüber gesprochen? Er hätte das sicher verstanden.“
„Hätte er das?“, wisperte ich und schluckte schwer. Ich löste mich aus ihrer Umarmung und sah sie sehnsüchtig an. „Ich habe die ganzen Jahre über an ihn gedacht – und glaube mir, es war extrem hart für mich.“
