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In "Friedrich List und die erste große Eisenbahn Deutschlands" untersucht Robert Krause die entscheidende Rolle Friedrich Lists in der Entwicklung der Eisenbahninfrastruktur Deutschlands im 19. Jahrhundert. Der Autor entfaltet den historischen Kontext, in dem List seine Ideen formulierte, und analysiert den ökonomischen und sozialen Einfluss der ersten Eisenbahnprojekte. Krauses Schreibstil ist informativ und präzise, angereichert mit historischen Daten und kritischen Reflexionen, die dem Leser ein tiefes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Verkehrspolitik ermöglichen. Robert Krause, ein renommierten Historiker und Wirtschaftsexperte, bringt in dieses Werk seine umfassende Forschungserfahrung und sein tiefes Verständnis für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft ein. Seine Kenntnisse zu Friedrich List, der als Pionier der modernen Wirtschaftstheorie gilt, sowie zu den Anfängen der industriellen Revolution in Deutschland, verleihen dem Buch eine besondere Authentizität. Krauses fundierte Analyse beleuchtet die Zusammenhänge von Lists Theorien und ihrer praktischen Umsetzung in der Eisenbahngeschichte. Dieses Buch empfiehlt sich nicht nur für Wissenschaftler und Studierende der Wirtschaftsgeschichte, sondern auch für Leser, die an der Geschichte der deutschen Industrialisierung und den sozialen Veränderungen interessiert sind. Die tiefgehende Auseinandersetzung mit Lists Ideen und der Entstehung der deutschen Eisenbahn zeichnet ein fesselndes Bild einer Schlüsselperiode der deutschen Geschichte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Je seltener von jeher die Männer waren, die das Genie und den Muth besaßen, trotz aller Hindernisse, die ihnen ihre Zeit in den Weg legte, beharrlich und unter Ansetzung ihrer ganzen Kräfte die Hebung ihrer Nation zu einem in sich gefestigten und zu höchster Machtentfaltung fähigen Gesammtkörper zu erstreben, um so mehr ist es unsere Pflicht, uns mit diesen Männern bekannt zu machen und sie als fördernde Freunde des Vaterlandes zu feiern und zu ehren. Einen solchen Mann haben wir in Friedrich List vor uns. Zu einer Zeit, da Deutschland noch in Zerrissenheit und in Abhängigkeit vom Auslande darnieder lag, hat er durch seinen weitschauenden Geist in genialster Weise wirthschaftliche Systeme entworfen, welche die Einheit und Macht des Vaterlandes bedingten, und ist in bewundernswürdiger Weise für deren Ausführung eingetreten. Noch heute gilt List, so wenig er sonst den weiteren Kreisen der Gebildeten bekannt ist, als der größte Volkswirth[1q]. Seine Schriften sind die Quelle einer überaus großen Menge erhabener, jedes vaterländisch gesinnte Herz erfreuender und belebender Gedanken, die gerade in unserer Zeit der erreichten nationalen Einigung zur Kräftigung und Ueberzeugung des Volksgeistes wirken und den erbitterten Gegnern nationaler Schutzsysteme als ein Spiegel dienen könnten. Diese Andeutung möge hier genügen, da im Uebrigen nur auf einen Theil von List’s Thätigkeit: auf seinen Entwurf eines deutschen Eisenbahnsystems und auf seine Agitation für dasselbe, eingegangen werden und dieses auch nur in Form eines Vortrages geschehen soll, welchen Verfasser bei Gelegenheit des fünfzigjährigen Jubiläums der am 24. April 1837 stattgefundenen ersten Eisenbahnfahrt in Sachsen im Verein der Kgl. Sächsischen Staats-Eisenbahnbeamten zu halten die Ehre hatte.
Um aber in dem gebotenen engen Rahmen ein möglichst eindrucksvolles Bild zu geben, hat Verfasser neben einer auf die Betriebseröffnung der ersten sächsischen Eisenbahn bezüglichen Mittheilung und bildlichen Darstellung noch eine Reihe anderer Bemerkungen, sowie die Abbildung des List’schen Entwurfes zu einem Deutschen Eisenbahnsystem angefügt und hofft so den Zweck erfüllt, List’s Thätigkeit beim Zustandekommen der Leipzig-Dresdner Eisenbahn als der ersten großen Verkehrsbahn Deutschlands würdig gedacht und damit zugleich einen schätzbaren Beitrag zur Eisenbahngeschichte geliefert zu haben.
Leipzig, im Juni 1887.
Wohl traurig ist’s, wenn rühmliches Verdienst[2q] Durch spät’re Ungebühr verdunkelt wird, Erfreulich aber, wenn, noch unerstickt[3q], Der bess’re Geist zum Rechten sich ermannt
Und allen Ruhm erneut.Ludwig Uhland
Der ehemalige sächsiche Cultusminister Dr. von Falkenstein, der sr. Zt. als Kreisdirector von Leipzig in verdienstvoller Weise den Bau der Leipzig-Dresdner Bahn gefördert hat, beklagte sich einmal bitter über die geringe Erkenntlichkeit späterer Geschlechter. Er sagte, man setze sich jetzt ohne weiter daran zu denken, daß es jemals anders gewesen sein könnte, in den Wagen ohne alle Furcht oder sonstige Bedenken und spreche nur allenfalls seinen Unwillen darüber aus, daß die Fahrt nicht rascher vor sich gehe, daß die Wagen nicht bequemer seien, daß durch öfteres Anhalten zu viel Zeit verloren werde und was dergleichen mehr; wer aber der ersten Probefahrt von Leipzig nach Althen auf der Locomotive mit beigewohnt und gesehen habe, wie von den Tausenden von Zuschauern alles von dem neuen und wunderbaren Schauspiele tief ergriffen und selbst bis zu Thränen gerührt gewesen — man habe sich nicht einmal laut zu sprechen getraut, geschweige denn zu rufen; scheu und ängstlich haben die Dorfbewohner auf die unheimliche dampfende Maschine geschaut — der empfinde sicher heute noch die ganze Großartigkeit jener Schöpfung und könne es nur beklagen, daß der Mensch, wenn er einmal im Besitz und im Glücke, auch zu leicht der Personen vergesse, durch deren Genie und Kraft mit unglaublichen Anstrengungen und großen Opfern dieser Besitz und dieses Glück geschaffen worden. Wer spreche jetzt z. B. in Sachsen noch viel von jenen Männern wie List, Harkort, Dufour-Feronce, Seyfferth, Lampe und Kunz!? „O, undankbares Geschlecht![4q]“ ruft von Falkenstein aus, „jetzt wo uns vieljährige Erfahrungen im Eisenbahnwesen zur Seite stehen, ist es freilich keine Kunst mehr, Eisenbahnen zu bauen!“
Heute, nach einem Zeitraume von fünfzig Jahren, muß es sonach um so löblicher erscheinen, wenn wir wieder einmal der Verdienste jener Männer gedenken, welche das Riesenunternehmen der Herstellung der ersten größeren, 115 Kilom. langen Eisenbahn Deutschlands ins Werk setzten[5q].
Aber wie in vielen Dingen, so ist auch hier die Zeit es gewesen, welche uns, den Nachkommen, gebietet, die Gaben unseres Dankes hier und da anders zu vertheilen, als dies die Zeitgenossen vermochten. Es ist nun einmal die Schattenseite[6q] aller Gegenwart, daß sie nur selten gestattet, den Werth und das Verdienst der in ihr um die Bessergestaltung der Dinge Ringenden voll zu würdigen. Nur wenigen wird dieses Glück zu Theil; in den meisten Fällen findet, je nach Gunst der Verhältnisse, eine Ueber- oder Unterschätzung des Einzelnen statt. Erst wenn Jahre dahingegangen und die Saaten einstigen hohen und edlen Strebens aufgegangen sind und deren Segen für die Menschheit erkennbar geworden, gebietet der unparteiische Blick der Nachwelt die Feststellung gebührenden Verdienstes und Ruhmes.
Unter den Männern, welche die Leipzig-Dresdner Bahn in’s Leben riefen, nennt uns auch Dr. von Falkenstein an erster Stelle den Namen List. Dieser Name ist stets zuerst genannt worden, wenn es sich um eine Aufzählung der verdienstvollen Begründer jenes Unternehmens gehandelt hat. Daraus aber schließen zu wollen, daß List bereits genügend gewürdigt worden, müßte als ein Irrthum hingestellt werden, der nur aus der Unkenntniß der List’schen Thätigkeit hervorgegangen sein könnte. Zwar haben wir die Genugthuung, daß neuerdings mehr und mehr der Ruhm dieses Mannes als der größte Volkswirth unserer Nation in breitere Schichten der Gebildeten dringt, aber bis auf wenige hocherfreuliche Ausnahmen[1] war bis vor Kurzem im Allgemeinen nur wenig für die Klarstellung seiner Verdienste geschehen, obgleich er verdiente, dem Volke ebenso bekannt zu sein, wie so viele andere großen Männer, die für das Wohl ihres Vaterlandes ihr Bestes und Alles einsetzten und denen die Nation so gern eine dankbare Gesinnung wahrt.
Am allerwenigsten hat sich nach dieser Richtung hin eine Schrift Mühe gegeben, der es zu allererst zukam, wenn auch nicht List’s ganzer Wirksamkeit als Volkswirth, so doch seiner Thätigkeit beim Zustandekommen der Leipzig-Dresdner Bahn als erste große Vollbahn Deutschlands rückhaltloser und freudiger zu gedenken, als dies in der That geschehen. Es ist dies die Schrift, welche die ehemalige Leipzig-Dresdner Eisenbahncompagnie im Jahre 1864 zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Eröffnung der ganzen Strecke von Leipzig nach Dresden herausgegeben hat. Zwar sieht auch sie sich veranlaßt, List’s als Desjenigen zu gedenken, welcher zuerst den Anstoß zum Baue dieser Bahn gegeben hat, im Uebrigen aber merkt man ihr’s an, daß es ihr schwer gefallen ist, List’s Verdienste anzuerkennen, denn sie beschränkt sich nur auf Abwehrungen, die uns, da wir sie nicht als absichtlich falsch annehmen wollen, heute in Anbetracht der inzwischen vollkommen veränderten Zeitlage recht unzutreffend erscheinen. Anstatt zudem offen anzuerkennen, daß List anfangs nicht nur der Anreger, sondern auch die Seele der ganzen Angelegenheit war, und anstatt — wie das meist bei den übrigen um dieselbe verdienten Männern geschehen — näher anzugeben, worin List’s Thätigkeit bestand, beschränkt sich die Schrift meist darauf, zu sagen, daß List „mit dabei“ war.
Diesen Abwehrungen und Verschweigungen List’scher Verdienste haben wir es denn wohl auch besonders zu danken, daß bis heute in Leipzig selbst kein öffentliches Zeichen, weder ein Denkmal, noch ein Straßenname, von ihm spricht. Der einzige Ausnahmefall hiervon ist aber sonderbar und bezeichnend genug:
Als im Jahre 1876 die Leipzig-Dresdner Eisenbahn in Staatsbesitz überging, da beschlossen die dankbaren Actionäre, dem Mitbegründer und verdienstvollen langjährigen Leiter des Unternehmens, Gustav Harkort, ein dauerndes Zeichen ihrer Anerkennung zu widmen, und sie setzten ihm gegenüber dem Dresdner Bahnhofe zu Leipzig in den öffentlichen Anlagen ein Denkmal — eine Colossalbüste auf hohem Syenitsockel. Harkort ist außerdem noch durch ein Medaillonbild unter einem baldachinartigen Aufbau im Treppenhause des Directorialgebäudes verewigt. Mit der Errichtung eines Harkort-Denkmals auf öffentlichem Platze wurde aber in dem mit der Geschichte der Bahn weniger vertrauten Publicum der Glaube erweckt, als sei Harkort allein als Derjenige zu bezeichnen, der das Unternehmen in’s Leben rief. So hoch auch dessen Verdienste um die Leipzig-Dresdner Bahn und namentlich um deren Fortentwicklung anzuschlagen sind, so wird doch Jeder, dem ein tieferer Einblick in die Entstehungsgeschichte vergönnt war, zugestehen, daß die Erregung einer solchen Annahme gleichbedeutend gewesen wäre mit einer Zurücksetzung der Verdienste der übrigen bei dem Werke hervorragend Betheiligten. Um es dahin nicht kommen zu lassen, hat nicht lange nach der Errichtung des Harkort-Denkmals ein Mitbegründer der Bahn, nicht weit von jenem eine hohe, von einem prachtvollen eisernen Gitter umkränzte Porphyrsäule errichten lassen, welche auf ihrer vorderen Seite die Inschrift „Leipzig-Dresdner-Eisenbahn[2]“ trägt und darunter die Worte:
