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Dieses Heft beinhaltet die Wiedergabe der im Hauptstaatsarchiv in Dresden als Handschrift liegenden Erinnerungen von Friedrich Vollborn. Vollborn trat 1808 beim Regiment v.Oebeschelwitz ein und kam 1810 – nach Auflösung dieses Regiments – ins Regiment Prinz Clemens. 1811 wurde er zum Korporal, 1812 zum Feldwebel und am 08.03.1813 wegen Rückeroberung einer am 13.02.1813 bei Kalisch durch russische Ulanen genommenen Haubitze zum Unterleutnant in diesem Regiment befördert.
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Seitenzahl: 208
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Beiträge zur sächsischen Militärgeschichte zwischen 1793 und 1815
Heft 40
Abb. 01 – Faksimile mit Eintragungen zum 27.07.1812 (Vollborn S.→)
Vorwort
Erinnerungen aus dem Zeitabschnitte vom 16
n
April 1808 bis zum 3
n
April 1811
Inhaltsverzeichniss des Erlebten vom 3
ten
April 1811 bis mit 27
ten
März 1813
Tagebuch vom 3
n
April 1811 bis mit 27
n
März 1813
Quellen
Abb. 02 – Gegend um Warschau (Map)
Mit den nun veröffentlichten Tagebüchern für den Zeitraum von April 1808 bis März 1813 schließt sich der Zyklus der Vollborn’schen Tagebücher1.
Der 1790 in Naumburg geborene Vollborn trat 1808 beim Regiment v.Oebeschelwitz ein und kam 1810 – nach Auflösung dieses Regiments – ins Regiment Prinz Clemens. 1811 wurde er zum Korporal, 1812 zum Feldwebel und am 08.03.1813 wegen Rückeroberung einer am 13.02.1813 bei Kalisch durch russische Ulanen genommenen Haubitze zum Unterleutnant (Patent vom 08.03.1813) in diesem Regiment befördert.
Den breitesten Raum in den nun vorliegenden Tagebüchern nimmt der Feldzug von 1812 ein. Die Bearbeitung dieses Zeitabschnittes hatte ich bewusst hinten an gestellt, da das Tagebuch zu diesem Feldzug durch Herrn Baumgarten-Crusius2 – zumindest auszugsweise – der Öffentlichkeit bekannt zu sein schien. Nach der Transkription ist allerdings verwundert zu fragen, woraus Baumgarten-Crusius seine Vollborn-Zitate nahm. So gibt Baumgarten-Crusius nicht nur den Text nicht richtig sondern mehrfach auch völlig sinnenstellt wieder3. Es entsteht der Eindruck, dass der
Herr Oberst z.D. seine Arbeit nicht auf Basis der Quellen erstellt sondern die Quellen seiner Arbeit angepasst hat.
Die Tagebücher bieten eine Fülle an Details zum inneren Zustand der Truppe – hier der 7ten Kompanie des Regiments Prinz Clemens – wie sie nur ein Angehöriger des Unteroffizierskorps liefern kann und welches den ewiggültigen Beweis erneut bestätigt, dass eine Truppe ohne ein tüchtiges und erprobtes Unteroffizierskorps verloren ist.
Diese Erinnerungen sind so originalgetreu wie möglich wiedergegeben. Es sind allerdings Worte meinem Rechtschreibverständnis (POS-Schulbesuch um 1970) und dem des Textverarbeitungsprogramms angepasst.
Anzumerken für den Text ist folgendes: Die „normalen“ Seitenzahlen beziehen sich im Inhaltsverzeichnis auf die vorliegende Wiedergabe, die tiefgestellten Zahlen auf die Seitenzahlen des Originals. Letztere befinden sich ebenfalls tiefgestellt im Text.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle beim Team des HStA in Dresden für die wiederum problemlose Bereitstellung vom Akte und Kopien.
Insofern Sie – geschätzter Leser – Anmerkungen oder Fragen zum Buch haben oder mir einfach nur mitteilen wollen, wie es Ihnen gefallen hat, so können Sie mich unter [email protected] erreichen.
Sprotta-Siedlung im Januar 2016
Ihr
Jörg Titze
1 Teil I 16.04.1808 – 03.04.1811; Teil II 04.04.1811 – 27.03.1813; Teil III 28.03.1813 – 15.03.1814 und Teil IV 16.03.1814 – 02.01.1816
2 Baumgarten-Crusius „Die Sachsen 1812 in Russland“ Leipzig 1912
3 Ob Baumgarten-Crusius das Wolferdorff’sche Tagebuch einer gleichen „Bearbeitung“ unterzogen hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht feststellbar, da das Wolfersdorff’sche Tagebuch im HStA Dresden bisher nicht aufzufinden war.
__________
(1) Als ich in dem Infanterie Regimente des Prinzen Xavier, nachher von Oebschelwitz, freiwillig in Königl. Sächs. Dienste trat, stand die Organisation der 30.000 Mann starken Armee auf tönernen Füßen, denn es zeichnete die Armee lange Dienstzeit, und, wenn auch gerade nicht viel äußerer Glanz, doch aber äußere und innere Wohlhabenheit und Gediegenheit aus.
Seit einem vollen Jahre dem Rheinbunde beigetreten, war man jedoch beflissen, sich aus dem alten deutschen Schlendrian herauszuwinden, zog zuvörderst die, den Soldaten im Felde nicht schützenden Leinwandkittel aus, und versah die Soldaten mit Capots; man lieferte die Spieße der Unteroffiziere in das Hauptzeughaus, legte den langsamen Schritt ab und gab den Unteroffizieren 1808, statt der Spieße, neue Gewehre mit langen, schwuppigen Bajonetten, hing ihnen, statt des bisher getragenen Bandoliers, in welchem zur Verteidigung für 40 Schritte (2) Entfernung, ein langes Pistol eingeschoben war, und spottweise Schöpskeule genannt wurde, einen Kartusch, mit allerhöchstem Namenszuge verziert, um und ließ ihnen – wie jetzt auch – das Gewehr im rechten Arm tragen.
Eine Art französischer Marsch, zusammengezimmert aus dem bisherigen sächsischen Marsche – Prräm – pämpäm – päm – mit dem, französischen Marsche Prräpäpä – päm, päm, päm pp. wurde , nebst den oben genannten Veränderungen in dem Kantonnement bei Merseburg – mein Erstes – vom 16ten April b/m. Mai 1808 einstudiert und vorzugsweise eingeprügelt. –
Dieses Kantonnement zeichnete sich überhaupt in Allem aus, wodurch die bisherige Maschinenartigkeit der Soldaten, wenn auch nicht auf einmal gehoben, doch aber im weiteren Fortschreiten gehemmt wurde.
Die Unbehilflichkeit und Ungelenkigkeit der Soldaten war damals sehr groß und man freute sich ungemein, in diesem Kantonnement es dahin ge (3) bracht zu haben, dass die Handhabung des Gewehrs nicht mehr nach dem Zeichen des, vor die Front des rechten Flügels getretenen Flügelmannes – der sich wie ein Harlekin gebärdete – geübt, sondern auf das Kommandowort eingeprügelt war. – Demnächst wurde aber auch fleißig nach hölzernen Scheiben geschossen und in der Linienstellung der Bataillone wurde die Formierung eines Quarrée long auf die kürzeste Weise eingeübt. Die Supposition hierzu war: Sicherstellung eines, in Linie stehenden Bataillons, welches keine Zeit behält, gegen anprellende Reiterei ein Quarrée zu formieren. In diesem Falle machte das 3te Glied Rechtsum kehrt, ging 10 Schritte weit gerade zurück, machte Halt, behielt seine Front bei und die beiden Flügelpeletone – das rechte Flügelpeleton und das des linken Flügels – setzten gegen das 3te Glied Flanken – stumpfe Winkel – an.
Die sogenannten 12 Scharfschützen p. Compagnie (4) wurden in 2gliedriger Aufstellung, nach dem Flügelhorne im Blänkern geübt, standen nicht mit in der zugehörenden Compagnie, sondern zu 6 und 6 Mann in einem Gliede hinter den beiden halben Divisionen, in der Reihe der schließenden Unteroffiziere. Dieses Exerzieren dehnte sich jedoch jetzt noch keineswegs auf die übrige Mannschaft aus, auch ward dasselbe in einem sehr mangelhaften Stande und überhaupt in der Kindheit. –
Das Ende eines Kantonnements war die, über Alles hoch stehende Musterung, welche zugleich auch das größte militärische Zwangsopfer war. Man kannte in der Tat keine höhere festliche Bedeutung als den sogenannten „Mustertisch“ an welchem der Sollizitant mit seinem Gesuche erschien und den Bescheid darauf erhielt; auch kannte man damals gar nicht das Wort Revue, was Heutzutage oft vorkommt und oft Platz nimmt. Daher putzte man Alles (5) ungewöhnlich auf und sich so heraus, um in möglichster Vollkommenheit zu erscheinen und quälte sich Tag und Nacht. – Noch hatten die älteren Soldaten die Haarzöpfe und zeichneten sich dadurch gegen den Rekruten martialisch aus, weil diesem ein Probezopf noch nicht eingeschraubt werden konnte, indem seine Kopfhaare dazu noch nicht lang genug waren; aber eben deshalb waren die älteren oder zopftragenden Soldaten sehr geplagt, denn sie saßen die ganze Nacht vor der Musterung in dem Keller, damit die, in die Haare dick eingestrichene Unschlittpomade nicht weich wurde und den stark aufgetragenen Puder gehörig fest hielt. –
Die Eisenteile der Gewehre, so wie nicht minder das bleierne Futter des Steines, wurden poliert und erstere sogar noch mit Zinnasche abgerieben; die Patronentaschendeckel und Kasten wurde so glänzend, dass man sich darinnen besehen konnte; (6) die Montierungen, Westen und Hosen wurden – wer nicht neue Stücke daran hatte – mit warmer Kleie und Kreide tüchtig abgerieben, oder mit aufgeweichter Kreide angestrichen; die rote Halsbinde , am oberen Rand mit einem ½ Zoll breiten weißen Leinwandstreifchen versehen, war bei jeder Musterung neu und das daran befindliche messingene Schloss – welches übrigens über dem sehr niedrigen Montierungskragen und unter dem Zopfe hervorblickte – musste poliert sein.
Nur am Tage der Musterung erschien der Mann mit dem Tornister und dieser wurde nur an einem Riemen über die rechte Schulter gehangen getragen, so, dass die Patronentasche rechts, der Tornister links von dieser hing; im Übrigen war keine Packordnung des Tornisters gegeben und es war derselbe kugelrund gepackt.
War dieser heilige, martervolle Tag vorüber, so erfolgte Tages darauf das Exerzieren vor dem so genannten Muster-Inspekteur, damals der einäugige General von Lindt, und wohl auch noch das Exerzieren der neuen Mannschaften. –
(7) War auch dieses vorüber, das Qualvollste und Prügelreichste was es gab, dann marschierten die Bataillone wieder in ihre Garnisonen und ruhten gewöhnlich bis zur nächsten Musterung aus. – Dies sei im Allgemeinen gesagt und nun zu meinem Regiment zurück.
Kurz vor der Musterung war die Ordre beim Regiment eingegangen, dass das 1ste Bataillon desselben einen Teil des, im Juli dieses Jahres nach dem Herzogtum Warschau abmarschierenden 6.000 Mann starken Kontingents bilden werde. Unser Oberst – von Zisky – ein Pole, machte uns diese Ordre auf dem Exerzierplatz bekannt als das Regiment in geschlossener Kolonne stand. Wohl mochte der alte, gute Mann Freude empfinden, auch einmal wieder in sein Vaterland zu kommen, als er im harten Deutsch zu uns sagte:
„Ik führe Euk in mein Vaterland“
allein er brach uns allen den Mut, denn wer geht gerne nach Polen? Und vollends damals!
(8) Allein was half dies, man murmelte zwar von diesem geliebten und gelobten Land in der Kolonne, und man musste sich fügen.
Der Abmarsch nach Naumburg erfolgte und der Monat Juni wurde zur Mobilmachung des Bataillons verwendet, während der größte Teil der Mannschaft noch auf diesen Monat Urlaub erhielt.
Am 1ten Juli 1808 erfolgte der Abmarsch von Naumburg nach Warschau, zunächst jedoch nur bis in das Kantonnement bei Guben, dem Versammlungspunkt des Kontingents. –
Auf dem Marsche dahin wurde die Haarzöpfe, von der jüngeren Mannschaft gern, von den Veteranen aber ungern, jedoch nach und nach abgeschnitten und weggeworfen und man konnte nach den, an den Wegen liegenden Zöpfen genau die Marschroute verfolgen, welche wir angenommen hatten.
Man fing auch an, sich, wie die Franzosen, in leichte Pantalons zu kleiden und hing sogar das Kuppel, was bisher über die Hüfte geschnallt getragen (9) wurde, lang aufgeschnallt über die rechte Schulter.
Weil nun aber die Franzosen den Tornister an zwei Riemen und über beide Schultern gehangen trugen, so ahmte man auch diese Tragart nach, schnitt eigenmächtig den breiten Tragriemen der Länge nach durch und nähte nun die, so aus einem Riemen gewonnenen beiden Riemen auf der Mitte der oberen Seite des Tornisters auf. Der Capot wurde lang gewickelt und über die rechte Schulter gehangen getragen.
Der weitere Marsch von Guben aus erfolgte über Züllichau, Crossen, Karga, Posen, Lowicz nach Warschau, woselbst wir am 16ten August eintrafen und einquartiert wurden.
Die Marschverpflegung, von Naumburg bis Warschau, wurde von den Quartierwirten, natürlich in Polen mangelhafter als in Deutschland gewährt.
Gegen Ende des Monats August starb der sächsische General von Donath und wurde mit großem Pomp beerdigt.
Anfang September bezogen sämtliche, in (10) Warschau befindlichen sächsischen Truppen die Kron-Kasernen und erhielten, wie früher in den Quartieren, Magazin-Verpflegung.
So verstrich der Rest des Jahres 1808 in einem leichten Garnisonsleben, ohne dass etwas Erheblicheres als die Revue vor unserem, zum Reichstage nach Warschau gekommenen Königs Anfang November vorgekommen wäre; jedoch hörten wir, dass die in Sachsen verbliebenen Truppen 2 große Lager bei Bautzen und bei Pirna bezogen hatten.
Mit dem Jahre 1809 fing man aber an, von einem, wahrscheinlich gegen Österreich ausbrechenden Kriege sich zu unterhalten, auch reiste unser König wiederum nach Dresden ab.
Gegen Ende Februar hob die Eisdecke der Weichsel die, während des verflossenen Sommers über diesen Strom gebaute hölzerne Brücke aus ihrem Grund, führte selbige auf der Weichsel fort und wurde unfern der, ebenfalls erst gebauten Festung Modlin stückweise wieder aufgefangen. Von nun an begnügte (11) man sich daher – wie jetzt noch – mit einer, über den Strom geschlagenen Schiffbrücke.
Das Regiment von Burgsdorff, welches mit in den Kron-Kasernen untergebracht war, marschierte nach Glogau ab und die sächsischen Truppen bestanden daher noch, und nachdem das Infanterie Regiment von Rechten früher hin nach Danzig, und das Regiment von Dyherrn nach Stettin beschieden worden war, aus unserm 1sten Bataillon und einem kombinierten Grenadier-Bataillon mit der hierzu nötigen Artillerie, demnach aus 2 Bataillonen.
Im Monat März wurden mehrere österreichische Spione aufgegriffen und einige davon auf dem sächsischen Platze – dem Paradeplatz – erschossen, auch rückten einige polnische Regimenter gegen die polnischgalizische Grenze, bis wir selbst am 15ten April Warschau verließen und bei dem Städtchen Raszyn – 3 bis 4 Stunden von Warschau entfernt – einen Bivouac (12) bezogen. – Dies war der Anfang der Kampagne von 1809 und zugleich auch unser erster Bivouac.
Kaum aus dem Gewehr getreten wurde ich, damals wohlbestallter Korporal, mit 12 Mann zum Fouragieren nach einem, ½ Stunde rechts seitwärts von Raszyn gelegenen Edelhofe kommandiert und somit in die Mysterien des französischen Requisitions-Systems zum ersten Mal eingeführt. – Um die Hände frei zu haben, wurden Gewehr und Gepäck im Bivouac zurück gelassen, und als ich mit meinem beladenen Kommando wieder beim Bataillon eintraf, hatte man mir meinen Tornister gestohlen. – Darüber außer mir vor Ärger möchte das inzwischen eingetretene kalte Regenwetter noch beigetragen haben, dass ich von dem, in dieser sumpfigen Gegend heimischen Wechselfieber befallen und sehr krank wurde. Dessen ungeachtet ging ich aber nicht in das Hospital nach Warschau, teils aus eigenem Triebe, teils um nicht den Vorwurf auf mich (13) zu laden, das Kanonenfieber zu haben, denn täglich fielen mit den polnischen und österreichischen Vorposten Neckereien und Gefechte vor.
Am 19ten April mischten sich aber die Kanonen mit ins Spiel und jeden Augenblick mehrte sich das Feuern. Immer näher rückte der Moment in welchem auch wir tätig werden mussten, denn einige polnische Truppenabteilungen kamen flüchtig durch Raszyn und stellten sich auf unserm linken Flügel auf. –
Das Städtchen Raszyn liegt – von Warschau aus – jenseits eines sumpfigen Terrains, durch welches eine Straße – Knüppeldamm – nach dem Städtchen führt, die zu beiden Seiten mit tiefen Gräben versehen ist, in welchen sich das Sumpfwasser sammelt und eine breite Passage nicht zulässt. Unsere Position war, wie schon gesagt vor diesem Städtchen und insofern eine gewählte, als die Straße von uns bestrichen werden konnte und dem Verfolger ein Ziel setzte. Auf jeden Fall hätten wir beide Bataillone hier verbleiben müssen.
(14) Die feindlichen Kanonenkugeln pfiffen schon über unsere Köpfe dahin – und dies war meine erste Affaire – als wir erst unters Gewehr traten, indeß die Polen große Eile hatten, hinter Raszyn zu kommen, obschon dieser Ort ihnen manche Verteidigung bot. – Das Bataillon erhielt nun Befehl, von wem? ist mir nicht bekannt, seinen Platz mit der Aufstellung, unmittelbar vor dem Eingange des Städtchens, zu verändern um dem Nachdringen des Feindes Einhalt zu tun. Dadurch nun kam mein Bataillon tüchtig ins Feuer, auch verlor meine Compagnie sehr bald ihren Kommandanten – den Prem.Ltn. v.d. Planitz – welcher, schwer blessiert, zurück gebracht wurde und an dem darauf folgenden Tage in Warschau starb.
Wäre das Blänkern uns damals so bekannt gewesen wie jetzt, so hätten die Häuser allerdings gute Verteidigungsgegenstände geboten, allein hinter diesen Häusern stopfte sich alles zu dicken Knäulen, weil die Österreicher die nur einzige Passage bis zu unserem Bivouac mit Kartätschen bestrichen. – In dieser, (15) für uns so kritischen Lage, hatte eine sächsische Fußbatterie links seitwärts von Raszyn – also in unserer linken Flanke – einen praktikablen Weg gefunden und unterstützte uns durch ihr Feuer. Ohne diese Erscheinung würden wir aufgerieben worden sein, denn eine Unterstützung vom Bivouac aus hätte, bevor sie uns erreichte gewaltig gelitten und fand auch bei uns weder links noch rechts Terrain, unsere Linie zu verlängern, man hätte denn beabsichtigt, durch deren Mitwirkung, den Österreichern den, von ihnen besetzten Teil von Raszyn mit dem Bajonett zu nehmen; allein dies ist gewiss Niemanden eingefallen. Die Batterie erhielt uns dennoch diesen Teil von Raszyn, obschon sehr bald ein Geschütz demontiert, und zurück gebracht wurde. – Dem Stückjunker Jentzsch – jetzigem Oberstleutnant außer Dienst – ging eine Kanonenkugel durch beide, auseinander gesetzte Beine und schlug die Säbelscheide krumm, ohne denselben nur einigermaßen zu beschädigen.
Mit Einbruch der Dunkelheit verließen wir Raszyn, (16) setzten das Städtchen in Brand und zogen uns während der Nacht nach Warschau zurück, woselbst wir bei den alten Verschanzungen den folgenden Tag verblieben, in der Nacht vom 20n zum 21n April aber aufbrachen und auf der Schiffbrücke die Weichsel passierten.
Am 21n April wurde Warschau von den Polen, die sich ihrerseits ebenfalls nach Praga zurück gezogen und die Schiffbrücke an das rechte Weichselufer legten, an die Östreicher übergeben. Obwohl nun Praga die Vorstadt von Warschau und damals den 8n Distrikt derselben bildete, hatten doch die Polen listigerweise bei der schriftlich abgefassten Übereinkunft nur von sieben Distrikten Warschaus gesprochen, dadurch die Schiffbrücke und sich und uns einen ungestörten Fortgang in den Bewegungen gesichert. Wie man vernahm, sollen die Österreicher über diesen listigen Streich der Polen sehr mürrisch geworden sein und mit ihrer Heeresstärke gegen die Organisation der Polen, jenseits der Weichsel, intakt gehalten worden sein.
(17) Wir setzten unsern Marsch auf dem rechten Weichselufer ununterbrochen bis Thorn fort, passierten hier wieder die Weichsel und gingen über Bromberg, Cayn und Karga nach Sachsen zurück, indem das Vaterland, von den übrigen sächsischen Truppen entblößt, welche sich seit dem 20n März unter dem Marschall Ponte Corvo 19.000 Mann stark bei der Großen Armee an der Donau befanden, der feindlichen Invasion von Böhmen her ganz offen war. – Die polnischen Truppen hingegen blieben, unter dem Fürsten Poniatowski, in Polen und haben dort den Kampf mit abwechselndem Glücke ausgefochten.
Die Truppenbewegungen in Böhmen und im Rücken der Großen Armee ließen einen feindlichen Einfall in Sachsen, namentlich aber in Dresden fürchten, welches letztere nur von den Depots der Regimenter besetzt war. Es erfolgten daher sehr starke Märsche und endlich wurden wir, auf hierzu requirierten Bauernwagen, in Eilmärschen der Niederlausitz zugeführt, eine Transportweise, wie sie nur das französische System erdachte. Nur in Torgau (18) wurde uns ein Rasttag vergönnt und dann unvermittelt der Marsch nach Dresden fortgesetzt.
Bei dem Dorfe Gorbitz, vor Dresden, standen die Depots der Armee im Lager; wir erhielten hier einige Verstärkung und das Kommando der somit vereinigten Truppen übernahm der Königl. Flügel-Adjutant Oberst Thielmann. Nach diesem Obersten wurde, nun auch das Truppenkorps das Thielmannsche genannt. –
Der Herzog von Braunschweig-Oels, welcher 1806 sein Herzogtum verloren hatte, und dasselbe jetzt, und im Rücken der französischen Armee insurgieren und gelegentlich wieder erobern wollte, organisierte in Böhmen ein Korps Freiwilliger.
Dasselbe erhielt, der angenommenen schwarzen Bekleidung zu Folge, gemeinhin den Namen „die Schwarzen“ oder auch „die Totenköpfe“ weil sie einen Totenkopf von Zinn vorn als Schild an dem Tschako trugen und Niemanden Pardon geben wollten. Von diesem Korps hatte eine Streifpartei einen Einfall in Zittau gemacht und – wie es Allgemein verlautete – dieser Stadt eine Brandschatzung von 6.000 Talern aufgelegt (19) und mit sich genommen. Thielmann entsendete daher eine Truppenabteilung nach Rumburg in Böhmen und bat sich dieses Kapital auf gleiche Weise wieder aus. Weil aber wiederholt eine Streifpartei in Zittau eingefallen und schnell hierher – nach Dresden – berichtet worden war, so wurden eines Sonntags Freiwillige aufgeboten, um den Feind in Zittau zu überfallen. Es meldeten sich eine große Zahl von Mannschaften, so, dass man viele zurückschicken musste, um mit weniger Mannschaft schneller fortzukommen. Ich war mit bei der, diesen Überfall unternehmenden Partei. Damit wir rasch fortkamen, ließen wir die Tornister in Dresden, nahmen aber hinreichende Munition mit und so ging es über Stolpen und Neusalz die ganze Nacht hindurch der selbst gewählten Bestimmung mit großen Enthusiasmus entgegen. Den Montag am Tage hielten wir uns, ungefähr 3 Stunden von Zittau entfernt, in einem dichten Walde seitwärts der Straße verborgen und verließen erst unser Versteck als es anfing zu dämmern. Es mochte ungefähr (20) abends gegen 11 Uhr sein, als wir Zittau erreichten, die schwache Besatzung überfielen und den größten Teil derer – meistens Husaren – zu Gefangenen machten, aber auch mit denselben eiligst wieder nach Dresden zurück gingen.
Indessen hatte aber auch der österreichische General am Ende ein beträchtliches Korps Landwehr auf der böhmisch sächsischen Grenze zusammengezogen, sich mit dem Korps des Herzogs von Braunschweig vereinigt und rückte gegen Dresden vor.
Obwohl nun die Residenz damals noch mit Hauptwällen und detachierten Werken versehen war, mangelte jedoch das Geschütz, auch waren wir zu schwach, Dresden in seiner Weitläufigkeit gegen einen ernsten Angriff verteidigen zu können; wir zogen uns daher gegen Wilsdruff zurück und der Feind nahm Besitz von Dresden.
Den darauf folgenden Tag bestanden wir bei Wilsdruff ein Gefecht, in welchem wir zwar eine Landwehr-Compagnie gefangen machten uns aber doch (21) bis gegen Nossen zurückzogen.
Tages darauf bestanden wir hier wieder ein Gefecht, in Folge dessen wir uns, ohne weiteren Verlust als einiger Blessierter, über Waldheim und nach und nach bis in die Gegend von Leipzig zurück zogen. Der Feind rückte uns, ohne gerade sehr zu drängen, nach und es kam am 22nJuni bei Stötteritz wieder zu einem Gefechte, wonach wir uns bis hinter Weißenfels zurück zogen. Das, daselbst in dem Königl. Schlosse befindliche Feldhospital wurde hingegen bis nach Eckartsberga in Thüringen verlegt.
Da nun die Verhältnisse, in diesem Teile von Deutschland, sich zum Vorteile der Österreicher und der nur erstandenen, mit demselben verbundenen Koprs Freiwilliger gestalteten, auch ein preußischer Offizier – Namens Schill – mit, oder ohne Vorwissen und Bewilligung seiner Regierung, mit seinem untergebenen Husaren-Detachement seine Garnison verlassen und viel Zulauf von Liederlichen und Nichtliederlichen erhielt, mit diesem Korps (22) sich auch sogar dem befestigten, nur von einer schwachen Abteilung von uns, unter dem Major von Wittern, besetzten Wittenberg nahte und dies sogar so dreist war, zur Übergabe aufzufordern, aber tüchtig abgefertigt wurde, auch alle vorerwähnte Korps sich zu einem Zwecke verbanden; so befand sich der, in seiner Residenz zu Kassel befindliche König Jerôme Napoleon, von Westphalen bedroht und bewogen, uns mit einigen Regimentern zu Hilfe zu kommen, und verband sich bei Weißenfels mit uns.
Unterdessen hatte aber doch der Herzog von Braunschweig mit seinem Korps Leipzig passiert, in der Gegend von Borna unsere, von dem feigen Hauptmann von Walther geführte Kriegskasse aufgehoben und Zeit gehabt insofern seinen Plan durchzuführen, als er sich seinem Stammland ungehindert nahen konnte. Allein es ist ihm nur so viel gelungen, dass er sich an dem Gestade der Nordsee einschiffte und nach England entkam.
(23) Dadurch hatten wir nun zwar einen unternehmenden und verwegenen Gegner weniger, allein die Bewegungen die dieser Herzog und Schill in dem nördlichen Deutschland hervorruften, die zumeist gegen das errichtete Königreich Westphalen gerichtet waren, wurden, wenigsten für den König Jerôme bedenklich. Er verließ uns daher wieder mit dem größten Teil seiner mitgebrachten Truppen und kehrte in sein eigenes Land zurück. Wir waren aber doch nunmehr in einer solchen Stärke, dass wir es allein mit den Österreichern aufnehmen konnten. Zu einer Affaire ist es jedoch nicht wieder gekommen, obschon die böhmische Landwehr im fortwährenden Rückzuge bis Dresden begriffen war.
Der, zu Preßburg mit Österreich abgeschlossene Friede ließ uns ein friedliches Lager bei Dresden – vor dem Ziegelschlage auf dem Sande und dem Tännich – errichten, in welchem ich bis Mitte August verblieb, hier aber zum ersten Mal die Prozeduren (24) erlebte, einen, zum Erschießen verurteilten französischen Soldaten die Todesangst ausstehen zu sehen. – Ein großes, nach der hinteren Seite offenes Quarrée wurde durch Franzosen formiert, der Deliquent vor einen aufgeworfenen Sandhügel gestellt, ihm laut der Kriegsrechtsspruch vorgelesen und hiernach – auf dem Sandhügel kniend – wurden ihm die Augen verbunden. Die, zum Erschießen kommandierten 9 Mann standen schussfertig, und es erwarteten dieselben das Zeichen zum Anschlagen als im Namen des Kaisers dem Verurteilten Pardon zugerufen und ihm das kaiserliche Dekret vorgelesen wurde, nach welchem derselbe 10jährige Galeerenstrafe erhielt, - Hierauf wurde ihm eine ledernes Kuppel, woran eine Kette mit eiserner Kugel befestigt war, umgehangen und damit, die schwere Kugel im tiefen Sande nach ziehenden, im Quarrée herumgeführt. Nach diesem Aktus wurde derselbe in einen Fourgon gebracht, die Decke über ihm zugeschlossen und durch zwei französische Gendarmen nach seiner Bestimmung abgeführt.
(25) Gegen Ende des Monats August wurde ich nach Meißen kommandiert, um bei einem der, in dieser und der Lommatzscher Gegend stehenden Rekruten Bataillon – dem provisorischen Bataillon von Low – zum Exerzieren verwendet zu werden, während mein Bataillon im Lager bei Dresden verblieb.
Dieses Kommando, obgleich sehr strapazenreich, trug unstreitig sehr wesentlich zu meiner praktischen Ausbildung bei, so wie dasselbe auch nicht minder und insofern meinen Wohlstand beförderte, als das Glück mir immer sehr gute Quartiere bescherte.
Anfangs Oktober wurde jedoch diesem ausexerzierten provisorischen Bataillon Wittenberg als Garnison angewiesen und die goldene Zeit war demnach vorüber.
Die in Österreich gestandenen sächsischen Truppen trafen Anfang des Jahres 1810 in ihren Garnisonen ein, auch war mein zugehöriges Bataillon in Naumburg wieder eingerückt und es verlautete allgemein, dass die bei den provisorischen Bataillonen kommandiert stehenden Unteroffiziere, daselbst stehen bleiben würden.
Indessen erschien, diesem Gerede ganz entgegen, und (26) meinem sehnlichsten Wunsche gemäß der Befehl, dass die beiden Unteroffiziere vom 1sten Bataillon Oebschelwitz den 1n März in Naumburg eintreffen sollten. Demnach verließ ich mit dem Korporal Weißenborn Wittenberg und wanderte in meinen Garnisonsort.
In dem Feldzuge 1809 hatte die Armee viel gelitten und es sah daher dieselbe 1810 einer durchgreifenden Organisation und überhaupt einer gänzlichen Umgestaltung entgegen. Nach dem hierzu im Monate März erschienenen Plane wurden, zur Verstärkung der 8 Linien-Infanterie Regimenter, und zur Errichtung von 2 leichten Infanterie-Regimentern, die 4 jüngsten Regimenter der Armee aufgelöst und in die besagten Regimenter verteilt. Dieses Los traf daher auch das Regiment von Oebschelwitz.
In Folge dieser Verteilung kam ich zu dem Linien-Infanterie-Regiment Prinz Clemens, welches dermalen in Langensalza pp garnisonierte, vom 1sten Mai an aber seine Standquartiere in Leipzig und Eilenburg /: die Grenadiere in Wittenberg :/ erhielt. Am 1n
