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Fredrika Gers

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Beschreibung

Frühling: Zeit zum Aufräumen. Zeit für Revierkämpfe … Am Königssee herrscht dicke Luft: Befürworter und Gegner des neuen Hotelprojekts stehen sich unversöhnlich gegenüber. Besonders aggressiv gehen Hotelier Altbauer und Ladenbesitzer Hirsinger aufeinander los. Dann kommt einer von beiden bei einem Lawinenunglück ums Leben. Und Hauptwachtmeister Franz Holzhammer braucht seinen ganzen Grips, seine Freunde und seine Lokalkenntnis, um der Sache auf den Grund zu gehen.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Fredrika Gers

Frühjahrsputz

Ein Alpen-Krimi

 

 

 

Über dieses Buch

Frühling: Zeit zum Aufräumen. Zeit für Revierkämpfe …

 

Am Königssee herrscht dicke Luft: Befürworter und Gegner des neuen Hotelprojekts stehen sich unversöhnlich gegenüber. Besonders aggressiv gehen Hotelier Altbauer und Ladenbesitzer Hirsinger aufeinander los. Dann kommt einer von beiden bei einem Lawinenunglück ums Leben. Und Hauptwachtmeister Franz Holzhammer braucht seinen ganzen Grips, seine Freunde und seine Lokalkenntnis, um der Sache auf den Grund zu gehen.

 

«Kann Kluftinger absolut das Wasser reichen.» (Bayern 3)

 

«Gers' launiger Alpenkrimi liefert ein liebevoll ironisches Porträt der Region.» (Hörzu)

 

«Ein lustiger Krimi mit viel alpinem Lokalkolorit, spannend dazu.» (NDR 90,3)

 

«Auch für Flachland-Tiroler.» (Ruhr-Nachrichten)

Vita

Fredrika Gers ist gebürtige Hamburgerin und schreibt, seit sie schreiben kann. Sie lernte Bankkauffrau und arbeitete als Schiffsmaklerin. Folgerichtig ging sie anschließend in die Werbung und textete für namhafte Agenturen in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München. Nebenher verfasste sie journalistische Beiträge und Romane. Der großen Liebe wegen zog sie im neuen Jahrtausend ins Berchtesgadener Land. Dort entdeckte sie ihre zweite große Liebe: die Berge. Und schon bald entstand die Idee zu der Berchtesgaden-Krimireihe um Hauptwachtmeister Franz Holzhammer. Fredrika Gers verstarb im August 2019.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2016

Covergestaltung yellowfarm gmbh, Stefanie Freischem

Coverabbildung Umschlagabbildungen: mauritius images/ALAMY; Radius Images, Manuel Sulzer, Dietrich Rose/Corbis

ISBN 978-3-644-54531-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Prolog

Plötzlich bewegte sich der Boden um ihn herum. Zuerst wie in Zeitlupe, dann immer schneller. Alles glitt, fiel, stürzte zu Tal. Und er mit. Die zähe Masse riss an ihm und seiner Skiausrüstung. Verzweifelt ruderte er mit den Armen gegen die Naturgewalt an. Ein Ski wurde ihm schmerzhaft vom Fuß gerissen. Der zweite blieb dran und drehte sich in einem unmöglichen Winkel. Noch ein paar Sekunden lang konnte er sich an der Oberfläche halten. Dann verschlang ihn der Mahlstrom. Das Sonnenlicht verschwand, sein Körper wurde über Felsen geschleift. Er registrierte, dass Knochen brachen, aber er fühlte keinen Schmerz.

Dann kam die Welt zum Stillstand. Auch er selbst lag vollkommen still, wie eingegossen in Beton. Keinen Finger konnte er bewegen. In seinem Mund war Schnee. Keine Luft zum Atmen. Alles war schiefgelaufen, alles. Wenigstens wird es schnell gehen, war sein letzter Gedanke. Dieser Idiot! sein allerletzter.

1

«Der Altbauer und der Hirsinger prügeln sich an der Seelände», meldete die Anruferin.

Hauptwachtmeister Franz Holzhammer legte die Leberkassemmel aus der Hand. Zefix, mussten die beiden ihren Streit unbedingt mitten auf der Touristenmeile austragen? «Ist gut, mir kommen.»

Natürlich war mal wieder kein Streifenwagen greifbar. Alle unterwegs, um irgendwo Flüchtlinge einzusammeln. Also machte Holzhammer sich selbst auf den Weg.

Worum es bei der Keilerei ging, konnte er sich denken. Die Sache spaltete ja seit Monaten die ganze Gemeinde. Es ging um das noble Wellnessresort, das unten am Königssee entstehen sollte. Roman Altbauer war der größte Befürworter. Er besaß ein in die Jahre gekommenes Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft des geplanten Neubaus und wollte nur zu gern sein rückwärtiges Grundstück an die Planungsgesellschaft verkaufen. Der Erlös würde ihn sanieren, sodass er das Gleiche mit seinem hundertjährigen Hotel tun konnte. Auf der anderen Seite stand eine Bürgerinitiative, der auch Hirsinger angehörte. Sie wollte den Neubau um jeden Preis verhindern.

In seinem weißgrünen Dienst-BMW fuhr Holzhammer Richtung Königssee. Überall am Straßenrand erinnerten zusammengeschobene Altschneeberge an den vergangenen Winter. Auch die Wiesen trugen noch viele Schneeflecken, wie grün glänzende Tischtücher, auf denen jemand Sprühsahne verspritzt hatte.

Gerade passierte er die neueste Errungenschaft der Berchtesgadener Tourismus GmbH, eine Kombination aus Gästeinformation und Klohäuschen mit eingebautem Geldautomaten. Dahinter begann die Fußgängerzone der Seestraße, wo Andenkenläden, Sport- und Trachtengeschäfte, Cafés und Hotels sich aneinanderreihten.

Der Touristenandrang hielt sich in Grenzen, denn noch bis sechzehn Uhr fuhren die Skilifte, und viele Feriengäste nutzten sie bis zur letzten Minute. Wer dieses Wochenende gekommen war, wollte noch einmal richtig Gas geben. Es ging darum, Abfahrtsmeter zu sammeln, im Tal die allerletzte Gondel vor Betriebsschluss zu erwischen und ein allerletztes Mal auf den Kanten der Carver nach unten zu surfen. Holzhammer war sicher, dass man im Krankenhaus schon ein paar Betten frei hielt für jene Kandidaten, die vor Erschöpfung ihre Beine nicht mehr sortiert kriegten. Gegen Kreuzbandrisse und Schienbeinbrüche war eben noch kein Helm gewachsen.

Am Montag würde die gute alte Jennerbahn für vier Wochen in Revision gehen, und die oberen Sessellifte würden sogar bis zum nächsten Dezember stillstehen. Dann hatten die einheimischen Skitourengeher den Berg ganz für sich. Wenn im Tal der Schnee schon wegschmolz, begann für sie der Spaß erst richtig. Wer brauchte eine Seilbahn, wenn er Touren gehen konnte?

Auch Holzhammer war früher ein begeisterter Skitourengeher gewesen. Er blickte hinauf zu den steilen Wiesen der Hohen Rossfelder. Sie leuchteten noch in der Abendsonne, während hier am See schon der felsengraue Bergschatten eingefallen war. Fünfundzwanzig Jahre und doppelt so viele Kilo lagen zwischen dem heutigen Tag und seiner letzten Skitour. Schee war’s gewesen. Normalerweise war er mit sich, seinem Alter und seiner Figur vollkommen im Reinen. Doch bei diesen Gedanken befiel ihn eine kleine Sehnsucht, die er mit einem Kopfschütteln vertrieb. Im Schritttempo fuhr er weiter durch die Fußgängerzone.

Vor dem alteingesessenen Geschäft Doberer stand ein Sarg. Der war allerdings nicht zu verkaufen. Der Ladenbesitzer hatte das Holzmöbel aus wütendem Protest vor die Tür gestellt. Der Sarg war echt, aber wenigstens leer. Doch wie der Hauptwachtmeister seine Berchtesgadener kannte, hätte genauso gut eine verendete Kuh darin liegen können.

Der Sarg sollte zeigen, was mit dem Geschäft passieren würde, wenn das Landratsamt hart blieb in Sachen Sonntagsschließung. Der meiste Umsatz wurde hier seit jeher am Wochenende gemacht. Und nun plötzlich, nach fünfzig Jahren, sollten alle Geschäfte, die keinen ausdrücklichen Reisebedarf verkauften, am Sonntag schließen.

Neben dem Neubauprojekt war dies der zweite große Aufreger in diesem Jahr, und immer wieder hatte es deswegen handfesten Ärger gegeben. Die neue Anordnung spaltete die Geschäftsleute in solche, die aufgrund ihres Sortiments darunter litten, und solche, die das nicht taten. Einerseits verstand Holzhammer die Anlieger, es ging um ihre Existenz, da durfte man sich schon aufregen. Andererseits sollten sie seiner Meinung nach lieber zusammenhalten und sich nicht auch noch gegenseitig das Leben schwermachen. Und ihm.

Erst nach der letzten Kurve der Seestraße kamen die Raufenden in Sicht. Zefix, vielleicht hätte er doch etwas schneller fahren sollen. Denn das waren ja inzwischen schon drei Personen, die sich da knäuelten.

Holzhammer hielt den Wagen an und ließ die Sondersignalanlage kurz aufheulen. So hieß die Sirene im Polizeihochdeutsch. Aber das Ergebnis war wenig befriedigend. Die drei Raufbolde drehten nur kurz die Köpfe, dann widmeten sie sich wieder ihrer Handarbeit. Ganz schön frech. Meistens reichte schon Holzhammers Erscheinen, um solche Auseinandersetzungen zu beenden. Man respektierte ihn. Durch seine pure Autorität ersetzte er üblicherweise eine ganze Polizeiwagenbesatzung. Deshalb war er auch bedenkenlos allein zum See gefahren.

Sollte er nun Verstärkung rufen oder nicht? Er blickte sich um und versuchte, die allgemeine Gefahrenlage einzuschätzen: Dafür, dass der Hotelbesitzer und der Ladenbesitzer sich seit mindestens zwanzig Minuten im Clinch befanden, sahen sie noch erstaunlich munter aus. Keine geplatzte Augenbraue, keine gebrochene Nase, bis auf kleine Kratzer floss nirgends Blut. Auch der Kampfplatz hatte keinen Schaden genommen. Weder war der etwas wacklige Getränkestand umgekippt, noch hatten die Drehständer mit Plüschmurmeltieren, Edelweißtaschentüchern und Ulkmützen etwas abbekommen.

Nach Holzhammers Ansicht war noch lange nicht jede Rauferei eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Im Gegenteil, die handfeste Austragung privater Meinungsverschiedenheiten gehörte, sofern alle sich an die althergebrachten Regeln hielten, zum schützenswerten Brauchtum.

Sollte er einfach abwarten, bis sie müde wurden? Ewig konnte es ja nicht dauern, denn da waren nicht gerade Spitzensportler am Werk. Der Große, etwas Beleibte, der die ganze Zeit versuchte, einen der beiden anderen in den Schwitzkasten zu nehmen, war der Hotelier Roman Altbauer, ein Mann Ende fünfzig. Das Hotel Altbauer, nur ein paar Meter entfernt, war von seinem Urgroßvater erbaut, von seinem Großvater aufgestockt und von seinem Vater nochmals erweitert worden. Doch wie auch Altbauer selbst war es inzwischen etwas in die Jahre gekommen.

Der zweite Einheimische war Ladenbesitzer Beppo Hirsinger. Um einiges jünger, kleiner und schlanker als Altbauer, entschlüpfte er dem Hotelier immer wieder und schien sich fast einen Spaß daraus zu machen. Sobald er eine Hand freibekam, boxte er wahlweise Altbauer höchst ineffizient in den gut gepolsterten Bauch oder versuchte, irgendwie den Dritten im Bunde zu treffen.

In seinem Reiseshop verkaufte Hirsinger alles, was ein Feriengast brauchte, um seinen Urlaub am Königssee zu genießen – und auch einiges, was nach Holzhammers Meinung überhaupt niemand brauchte. Goldfarbene Plastikrehe etwa oder Schneekugeln mit einem knallbunten Miniatur-Watzmann darin. Hirsingers Ladengeschäft lag schräg gegenüber von Altbauers Hotel, und genau in der Mitte zwischen den beiden Liegenschaften bewegten sich die Streithähne.

Der dritte Beteiligte war Holzhammer unbekannt. Es konnte sich nur um einen Feriengast handeln. Bekanntlich liebten die Besucher das bayerische Brauchtum und versuchten oft mitzutun beim Schuhplatteln oder Jodeln. Aber dass einer sich für typisch bayerische Nasenstüber begeisterte, kam eher selten vor. Holzhammer sah es schon kommen: Am Ende würde der Touri noch Anzeige erstatten.

Der Hauptwachtmeister war nur eins fünfundsechzig groß und sein Bauchumfang nicht wesentlich geringer. Aber das konnte auch von Vorteil sein. In seiner Jugend war er richtig durchtrainiert gewesen, ein gewandter, drahtiger Bergfex. So etwas ging niemals komplett verloren. Es war nur so, dass seine Marie unglaublich gut kochte und er selbst obendrein gern das eine oder andere nahrhafte Berchtesgadener Jubiläumsbier trank. So hatte Holzhammer im Laufe der Jahre mehr oder weniger Kugelform angenommen. Weder ihn noch Marie störte das auch nur im Geringsten. Auch die Touristen mochten das, dauernd wollten sie Fotos von sich und dem «gemütlichen» bayerischen Polizisten. Auf mindestens vier Kontinente war sein Foto sicherlich schon verschleppt worden, und auf allen lächelte er freundlich, friedlich und tourismusfördernd in die Kamera. Doch wenn es sein musste, konnte er auch anders.

Ruhig und entschlossen schritt er auf die Raufenden zu und bahnte sich unaufhaltsam einen Weg in die Mitte des Knäuels. Mit der linken Hand ergriff er die Hosenträger von Altbauer, mit der rechten die von Hirsinger. Vor Überraschung ließen sie den Fremden los, der schnell ein paar Schritte rückwärts machte.

«Schluss jetzt, spinnt’s ihr denn komplett?»

Erst jetzt schienen Altbauer und Hirsinger zu realisieren, wer sie da am Schlafittchen hielt. Während sich die beiden zusehends beruhigten, schimpfte nun der Fremde wie ein schwäbischer Rohrspatz. Offenbar hatte er versucht, die Hitzköpfe zu trennen, worauf sie ihn einfach gleichberechtigt in ihre Handgreiflichkeiten einbezogen hatten. Sein Fehler natürlich, denn in eine zünftige, regelhaft ausgeführte Rauferei mischte man sich nicht ein. Es sei denn, man war von Berufs wegen dazu verpflichtet.

Während der Hauptwachtmeister noch überlegte, ob er die beiden jetzt loslassen konnte, wurde er von einem Blitzlicht geblendet. Kein anderer als der rasende Lokalreporter Bolko Magiera war aus dem Nichts an der Seelände aufgetaucht. Und eigenartigerweise schien die Kamera die Streithähne erneut anzuspornen. Die beiden rissen sich von Holzhammer los und stürzten sich wieder aufeinander.

Seltsam, normalerweise war die Anwesenheit von Kameras ein Grund, sich halbwegs zivilisiert aufzuführen. Während Altbauer und Hirsinger sich noch vor knipsender Kamera herumbalgten, trat der schwäbische Feriengast zu Holzhammer. Er wolle Anzeige erstatten.

Selbstverständlich, aber immer doch. «Dann kommen’s am Montag auf die Polizei bitt schön, da nehmen mir alles auf.»

«Was? Am Mondag bin isch scho längschd wieder in Schtuagard.»

«Oh, des duad ma leid.» Tat es ihm wirklich, aber aus anderen Gründen.

Holzhammer wusste genauso gut wie alle anderen im Talkessel, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der einzelnen Gäste in den letzten Jahren ständig gesunken war. Vor zwanzig Jahren blieb man zwei Wochen, heute nur noch fünf Tage. Durch die häufigeren Wechsel hatten die Vermieter natürlich mehr Kosten und Arbeit – allein schon durch die häufigere Grundreinigung der Ferienwohnungen.

Als der rasende Reporter genug Bilder im Kasten hatte, steckte er die Kamera weg und zückte ein riesiges Mikrophon: «Ich bitte um eine kurze Stellungnahme zum geplanten Bauprojekt hier unten am Königssee.»

Sofort fand die Rauferei ein Ende. Blitzartig verwandelten Hirsinger und Altbauer sich von ungehobelten Raufbolden in engagierte Lokalpolitiker. Noch etwas außer Atem, Hemdzipfel in Hosen stopfend, stellten sie sich artig zu dem Zeitungsmann.

«Das Projekt widerspricht allem, wofür der Königssee steht», begann Beppo Hirsinger. «Außerdem mangelt es an der gebotenen Transparenz und Öffentlichkeit für dieses wichtige städtebauliche Entwicklungsprojekt der Gemeinde Königssee. Da fehlt’s doch schon vom Grund weg. Wo ist das städteplanerische Rahmenkonzept, bitt schön? Mir san hier die Eingangspforte zu einer der bedeutendsten Naturschönheiten Deutschlands. Unsere Landschaft und die gewachsenen baulichen Ensembles müssen erhalten werden.»

Damit hatte der Ladenbesitzer praktisch das komplette Flugblatt vorgetragen, das auch Holzhammer kürzlich in seinem Briefkasten gefunden hatte. Man konnte nur staunen, wie unfallfrei dem Königsseer die ungewohnten Formulierungen über die Lippen kamen.

Dann war Altbauer dran: «Ihr seid Verhinderer und Querulanten, genau das seid ihr!», brüllte er in das Mikro. Und dann etwas ruhiger: «Das Hotel Altbauer ist seit vier Generationen in Familienbesitz, ist das vielleicht nicht erhaltenswert? Ich kann es aber nur fortführen, wenn sich da grundlegend was ändert. Das ist doch sonnenklar.»

«Dann tu halt sensibel renovieren. Und verscherbel ned die Hälfte von deinem Grund an diese Haifische», entgegnete Hirsinger.

«Und wie soll ich sensibel renovieren ohne ein Geld? Sammelt’s ihr dann vielleicht in der Seestraße für mich? Und alles nur, weil ihr Vorkriegsromantiker lieber einen Almkaser mit Sauna wollt, anstatt einem modernen Wellnessresort, das in die heutige Zeit passt.»

«Wir fordern Einstellung der jetzigen Planungen und Abbruch der Verhandlungen mit der Trägergesellschaft. Und zwar sofort. Wir fordern einen planerischen Neuansatz als Voraussetzung für eine Entwicklung, die auch die Akzeptanz der Bevölkerung findet.»

Da die öffentliche Ordnung wiederhergestellt war und er den Mist sowieso nicht mehr hören konnte, machte Holzhammer sich an dieser Stelle vom Acker.

Christine sah vom Balkon auf die beiden Männer, die für sie den Frühling ausgruben. Auf den sonnigsten Flecken im Talkessel hatten sogar schon Primeln die Schneeglöckchen verdrängt, und an warmen Waldrändern blühten lila Leberblümchen. Aber hier, im Schatten des Grünsteins, lag immer noch eine kalte Decke auf den Beeten. Also hatte Christine die Gelegenheit genutzt, dass sie und Matthias ausnahmsweise einen Hausgast hatten, und die beiden gebeten, ihr die Blumenbeete freizulegen. Es war zwar geschummelt, aber sie wollte nicht bis zum Mai auf die ersten Blüten warten.

Sie lebte nun schon seit vier Jahren im Talkessel, und ebenso lange war sie mit Matthias zusammen. Für Christine war es kein Geheimnis, dass jeder sie, die quirlige Schnelldenkerin aus Lübeck, und den ruhigen Einheimischen, der auch noch Buddhist war, für ein seltsames Paar hielt. Doch das war ihnen egal: Sie beide wussten, dass es passte. Denn wenn Christine bei ihren Wanderungen allein in den Bergen unterwegs war, pflegte die sonst so Rationale mit den Gämsen zu reden. Und wenn Matthias an seinem Arbeitsplatz in der Bank saß, ging es um Zahlen und Fakten, nicht um Zen. Und wenn er am Wochenende auf seinem schweren Motorrad saß, konnte Matthias auch mal so richtig aufdrehen.

Nun waren sie also plötzlich zu dritt. An Matthias’ Namenstag, dem 24. Februar, war überraschend sein Bruder Stefan bei ihnen aufgetaucht. Stefan war seit Jahren nicht in Berchtesgaden gewesen, lebte normalerweise in München und verdiente als Food-Fotograf offenbar ganz gut damit, Suppendosen und Fischstäbchen ins richtige Licht zu setzen. Wie Christine inzwischen gelernt hatte, hieß es in der Werbebranche grundsätzlich «Food», niemals «Essen».

Christine arbeitete als Fachärztin für Psychosomatik und Rehabilitationsmedizin in der örtlichen Rehaklinik. Doch um darauf zu kommen, dass hinter Stefans Besuch mehr steckte als spontanes Heimweh, hätte sie nicht einmal Profi zu sein brauchen. Irgendetwas bedrückte ihren «Schwager». Und was half bei einer kleinen Depression schon besser als ein bisschen sportliche Betätigung an der frischen Luft?

So gesehen war die Schneeschaufelaktion also reinste Therapie. Christine grinste in sich hinein, während sie den Schwitzenden zusah. Die beiden Brüder schafften, hackten und schaufelten, was das Zeug hielt. Fast drängte sich der Verdacht auf, dass hier eine uralte brüderliche Rivalität wiederauflebte.

Von ihr aus konnte Stefan so lange bleiben, wie er wollte. Er war der angenehmste Hausgast, den man sich wünschen konnte. Nicht nur, dass er jeden Morgen seine Bettlaken so exakt zusammenfaltete, als stünde eine Kontrolle durch den Stabsoffizier an – er saugte auch regelmäßig Staub, und zwar mit allergrößter Gründlichkeit. Das Beste aber war, dass er leidenschaftlich gern kochte. Was hatte Stefan in diesen vier Wochen nicht schon alles gezaubert – raffinierte Spezialitäten, die auf dem uralten Esstisch in Eiche rustikal fast ein bisschen deplatziert wirkten. Die Einrichtung der geräumigen Wohnküche stammte noch von den Eltern der beiden Brüder, und sie war der einzige Raum, den Christine bei ihrem Einzug vor drei Jahren nicht komplett umgekrempelt hatte.

Als sie fertig waren – in jeglicher Hinsicht, wie die beiden Brüder versicherten –, darüber ausreichend gejammert sowie anschließend geduscht hatten, fuhren sie los in Richtung Hintersee. Christine hatte einen Ausflug ins Klausbachtal vorgeschlagen, mit Aussicht auf den berühmten Schweinsbraten in der Traditionswirtschaft Auzinger.

Sie fuhren am Hintersee vorbei, dessen romantische Kulisse bereits im 18. Jahrhundert die ersten Landschaftsmaler angelockt hatte. Nachts bildete sich zu dieser Jahreszeit noch immer eine dünne Eisdecke auf der Wasseroberfläche, sodass die Ruderboote, die man im Sommer mieten konnte, noch immer umgekehrt am Ufer lagen. Sie fuhren bis zum Parkplatz am Ende der öffentlichen Straße. Nur wenige Spaziergänger und Jogger waren hinter der Sperrschranke unterwegs, die alles draußen hielt, was mehr als zwei Räder hatte.

Die Luft war das, was ein Hersteller von Lufterfrischern wohl als «frühlingsfrisch» bezeichnen würde. Allerdings hätte er diese Art von Duft niemals hinbekommen. Christine betrachtete die Christrosen, die man noch immer an den schattigen Stellen finden konnte. Sie blühten seit Monaten, schon vor Weihnachten hatten die ersten sich geöffnet. Inzwischen verfärbten sich ihre Blütenblätter langsam von Weiß über Rosa zu Grün, und bald würden nur ihre Blätter übrig bleiben. Die streng geschützte Pflanze wuchs nirgends sonst in Deutschland, denn im schneearmen Flachland überlebte sie nicht. Wer sie ausgrub, wurde in jedem Fall bestraft.

Sie bogen vom Weg ab und liefen über eine freie Wiese. Zu ihren Füßen summten die ersten Hummeln über einem Fleck Schneeheide. Auch zarte, violette Leberblümchen waren zu sehen und vereinzelt kleine Seidelbastbüsche mit duftenden rosa Blüten.

Christine sah nach oben, in der Hoffnung, einen Adler zu erspähen. Die schlauen Vögel bezogen am liebsten Horste an steilen Felswänden unterhalb von Almwiesen. Auf diese Weise brauchten sie die auf der Alm erbeuteten Murmeltiere, mit denen sie ihre Jungen fütterten, nur abwärts zu transportieren. Doch kein Raubvogel ließ sich heute blicken.

Auch Stefan sah nach oben, und plötzlich sagte er unvermutet: «Da kriegt man direkt Lust auf Skitouren.»

«Super, das machen wir», rief Christine schnell.

Es war das erste Mal, dass Stefan von sich aus Interesse an einer Outdoor-Aktivität äußerte. Das musste sie ausnutzen, bevor er es sich anders überlegte. Sogleich holte sie ihr Handy heraus und rief Martin Müllerhuber an.

Der junge Polizeiobermeister war nicht nur der Lieblings-Azubi ihres besten Freundes Franz Holzhammer, sondern seit diesem Winter auch Christines Skitourenpartner und -lehrmeister.

«Servus, Christine.»

«Grüß dich, Martin. Ich hätte hier jemand, der möchte mit uns aufs Dritte Kind. Hast du vielleicht gleich morgen Zeit?» Es gab nur einen, dessen Kinder in Berchtesgaden durchnummeriert wurden, und das war der Watzmann. Das Dritte Kind war das beliebteste Skitourenziel im schneereichen Watzmannkar.

«Mei, das Wetter wär schon perfekt, eine klare Nacht ist angesagt und morgen Sonne. Aber eigentlich hab ich Dienst.» Man hörte ihm das Bedauern an.

«Vielleicht lässt sich das regeln? Ich könnte meine Beziehungen spielenlassen.» Sie sagte das halb im Scherz, aber sie wusste, dass Franz Holzhammer ihr im Ernstfall nichts abschlagen konnte. Sogar mit dem famosen Dr. Klaus Fischer, dem Polizeichef, war sie, sagen wir bekannt. Was Christine und Fischer einmal miteinander gehabt hatten, hingen beide nicht gern an die große Glocke.

«Das wär genial, ich mein, bei dem Wetter … warum treffen mir uns ned später bei Manu, Holzhammer kommt sicher auch vorbei. Ich frag ihn gleich mal.»

«Gute Idee, dann kann ich dir den Kandidaten gleich vorstellen. Vielleicht kennst du ihn sowieso, es ist der kleine Bruder von Matthias.»

«Kann mich ned erinnern, aber wenn er von da ist, wird er schon auf Ski stehen können. Bis später dann.»

«Alles klar.» Christine musste grinsen. Dass hier «da» «hier» hieß, hatte sie erst lernen müssen. In ihrer ersten Zeit mit Matthias war deswegen mal eine Verabredung für den gleichen Abend völlig schiefgegangen. «Treffen wir uns da?», hatte sie beim Frühstück in ihrer Wohnküche gefragt. Matthias hatte bejaht und dann vergeblich daheim auf sie gewartet.

Sie steckte das Handy weg. «Es gibt eine Planänderung. Heute Abend gehen wir zu Manu.»

«Was, die gibt’s immer noch?», fragte Stefan.

«Sogar die Gäste sind immer noch die gleichen», sagte Christine. Das war ihr Eindruck gewesen, als sie die Kneipe vor drei Jahren das erste Mal betreten hatte: dass Gäste und Mobiliar gemeinsam gealtert waren. Für viele war Manus Etablissement eine Art Wohnzimmer. Nach Christines Meinung eins mit Investitionsstau, aber immerhin.

«Bleibt denn der Rest des Plans bestehen?», fragte Matthias mit leicht ironischem Unterton.

Sie wusste warum, tendierte sie doch gerne mal dazu, das ganze Wochenende durchzuplanen. Er hingegen pflegte Systematik und Planung beim Verlassen seines Arbeitsplatzes komplett abzulegen. Christine neckte ihn gern damit, dass dies im Grunde auch eine Art von Systematik war.

«Ja, warum nicht? Schweinsbraten um achtzehn Uhr siebzehn, Manu um zwanzig Uhr dreizehn», konterte sie daher trocken.

Inzwischen waren sie beim Auzinger angekommen. Drinnen war es in beiden Stuben brechend voll, doch die ersten Gäste zahlten bereits, sodass nach ein paar Minuten eine Ecke am Ofen frei wurde.

Christine beobachtete die Brüder, wie sie nebeneinandersaßen und ihren Schweinsbraten aßen, der seinem Ruf auch diesmal gerecht wurde. Sogar Stefan, der Food-Spezialist, lobte ihn. Dass die beiden verwandt waren, würde wohl kein Außenstehender vermuten. Sie waren so unterschiedlich wie Weihnachtsmann und Osterhase.

Der großgewachsene Matthias pflegte seine buddhistische Gelassenheit und das dazu passende Bäuchlein, war bedächtig und ruhig, für Christines Geschmack manchmal sogar etwas zu ruhig. Oftmals, wenn sie sich über irgendetwas furchtbar aufregte, brachte Matthias sie mit seiner demonstrativen Gelassenheit noch mehr auf die Palme. Da fehlten ihm irgendwie die Spiegelneuronen.

Der sechs Jahre jüngere Stefan hingegen war klein, schlank und hektisch. Alle Klamotten, die Christine bisher an ihm gesehen hatte, waren schwarz, grau, grauschwarz und manchmal sogar dunkelbraunschwarz, das war allerdings schon der Gipfel der Farbenfreude. Matthias hingegen trug entweder sein Bank-Outfit (gezwungenermaßen), Motorradkluft (am liebsten) oder Dinge, die er irgendwo tief im Kleiderschrank vor Christine versteckt hielt, wie zum Beispiel seine orange-schwarz karierten Flanellhemden oder die ausgeleierten T-Shirts mit anstößigen Aufdrucken.

Holzhammer war erstaunt, als Müllerhuber ihn auf eine Halbe einlud. Normalerweise wahrte sein talentierter Adlatus immer noch einen gewissen Respektabstand – was er selbst allerdings vollkommen unnötig fand. Außerdem bot er in dieser Hinsicht noch nicht einmal ein gutes Beispiel, ließ er es doch seinem eigenen Chef gegenüber, dem famosen Dr. Fischer, komplett daran fehlen. Aber vielleicht gab’s da doch einen kleinen Unterschied – nämlich, dass er für Müllerhuber ein Vorbild war, Fischer für ihn hingegen höchstens ein Ärgernis.

Auf jeden Fall hatte er sich heute eine Halbe verdient, vielleicht auch zwei oder drei. Als er nach Hause kam, war Marie gar nicht da. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: Bin singen. Kalter Braten im Kühlschrank. Holzhammer erinnerte sich. Richtig, der katholische Frauenchor unterstützte neuerdings den evangelischen, weil diesem in letzter Zeit so viele Mitglieder weggestorben waren.

Er fischte einen knallbunten Lieblingspullover und eine ausgebeulte Stretchjeans mit Gummizug am Bund aus dem Kleiderschrank. Das waren die einzigen Hosen, in denen er halbwegs bequem auf den Barhockern bei Manu sitzen konnte, ohne dass es am Bauch zwickte.

Bevor er das Haus verließ, malte er noch ein Bussi auf Maries Zettel und schrieb unter ihr Bin singen ein knappes Bin saufen. Sie würde schon wissen, wie es gemeint war.

Als er eine halbe Stunde später Manus Kneipe betrat, war der Tresen bereits halb besetzt, nämlich mit Müllerhuber (Helles), Christine (Weinschorle), Matthias (Prosecco) und Stefan (Hugo). Sie rückten auseinander, damit Holzhammer zwischen Müllerhuber und Christine Platz nehmen konnte.

Unaufgefordert stellte Manu ein Berchtesgadener Jubiläumsbier vor ihn hin. Kein Zweifel, sie wusste, dass er bei Außentemperaturen unter zehn Grad vom Weißbier zum Jubi umschwenkte.

«Hast du gehört, die beiden Hübschen wollen morgen schon wieder zusammen auf Tour gehen», sagte Matthias bemüht beiläufig.

Vor Holzhammers geistigem Auge erschien der Dienstplan vom Samstag, auf dem Müllerhubers Name stand. Daher wehte also der Wind.

«Ja, das wäre schön, Stefan will nämlich auch mit, und der ist nur noch wenige Tage da», stimmte Christine ein.

Soso. Holzhammer hatte durchaus mitbekommen, dass Stefan bereits seit Februar in der Schönau weilte. Und von seiner Abreise war bisher nie die Rede gewesen.

«Merkst was, dei Frau will scho wieder mit meinem schönsten Mann losziehen», sagte Holzhammer zu Matthias, ohne eine Miene zu verziehen.

«Ja, ich bin empört», gab Matthias ebenso ernst zurück.

Müllerhuber grinste nur.

«Und ich erst», sagte Holzhammer. In Wirklichkeit vermutete er stark, dass Christine vor irgendwelchen Versuchungen durch den jungen Polizisten absolut sicher war. Und das nicht wegen ihres Alters.

Holzhammer prostete den anderen zu, zum Zeichen, dass hiermit der Dienstplan geändert war. «Immerzu muss ich die öffentliche Ordnung allein aufrecht halten. Grad heut schon wieder.»

«Was war denn heute?», fragte Christine.

«Mei, geschlagen haben sie sich. Der Hirsinger und der Altbauer. Mitten auf der Seestraße.»

«Was, jetzt werden die beiden schon handgreiflich? Normalerweise fetzen die sich doch nur in der Presse.»

«Ja, diesmal war’s körperlich. Presse kam aber auch noch. Der Bolko mit seiner Kamera ist plötzlich aufgetaucht. Keine Ahnung, wieso. Jemand muss ihm einen Tipp gegeben haben», sagte Holzhammer. «Jedenfalls geht mir dieser Zirkus langsam auf die Nerven. Es ist ja ned nur, dass die sich prügeln. Die reißen sich auch gegenseitig die Verkaufsplakate obi. Und dann zeigt der eine den andern an. Und des ist des Schlimmste, weil, des macht am meisten Arbeit.»

Holzhammer tat gern alles, was seiner persönlichen Meinung nach zur notwendigen Polizeiarbeit gehörte. Aber gegen überflüssige Arbeit war er allergisch. Und dazu stand er.

«Die zeigen sich an? Weswegen denn?», fragte Stefan, der ganz außen neben Matthias saß und bisher kein Wort gesagt hatte. Klar, der hatte in München von den aktuellen Querelen nur die Hälfte mitbekommen. Nur das Hotelprojekt war durch die gesamte deutsche Presse gegangen. Da hatte es von Ferndiagnosen nur so gewimmelt. Leute, die nie am Königssee gewesen waren, hatten ihren Senf dazugegeben. Die andere Sache war kaum über den Landkreis hinausgedrungen.

«Es gibt außer der Sache mit den Bauplänen noch an zweiten Ärger am See», sagte Holzhammer. Und zu Müllerhuber gewandt: «Erklär du es, ich trink erst amal.»

Folgsam erklärte Müllerhuber: «Die Sache ist die: Seit fünfzig Jahren haben die Geschäfte in der Fußgängerzone am Sonntag geöffnet, und jetzt, nach fünfzig Jahren, ist das Landratsamt drauf gekommen, dass laut Ladenschlussgesetz eigentlich sonntags nur Reisebedarf verkauft werden darf. Und du weißt ja, wie das Angebot unten am See ist. Da gibt’s nicht nur Andenken, sondern auch Sportkleidung, Trachtenzeug, alles Mögliche. Und wenn ein Geschäft neben Wanderkarten und dem üblichen Berchtesgadener Kitsch auch nur einen einzigen winzigen Bikini im Fenster hat, darf es jetzt am Sonntag nicht mehr öffnen. Weil das kein Reisebedarf ist.»

«Und was ist, wenn man im Urlaub baden will?», fragte Stefan.

«Dann hat man Pech», antwortete Holzhammer. «Und Müllerhuber, du musst noch dazusagen, dass es dem Amt ned von allein eingefallen ist.»

«Richtig, es gab eine Anzeige aus dem Markt», sagte Müllerhuber. «Nach fünfzig Jahren ist einem Ladeninhaber drinnen im Ortskern eingefallen, dass die Ladenbesitzer am Königssee ihm Konkurrenz machen.»

«Sehr witzig, die Touristen am See sind doch zu neunzig Prozent Tagesgäste», sagte Christine. «Da nützt es doch dem Geschäft im Markt überhaupt nichts, wenn die Geschäfte an der Seestraße sonntags schließen müssen.»

«Sehr richtig», sagte Holzhammer, der sich inzwischen wieder ausreichend gestärkt fühlte. «Auf jeden Fall gibt es jetzt am See praktisch vier Gruppen. Die einen san für das Hotelprojekt und verkaufen nur Reisebedarf. Die zeigen alle an, die gegen das Hotelprojekt san und sonntags Badekleider verkaufen. Die andern san gegen das Hotelprojekt und verkaufen nur Reisebedarf. Die schwärzen alle an, die für das Hotelprojekt san und sonntags Strümpf verkaufen. Und die sonntags Bergschuh verkaufen und gegen das Hotelprojekt san, reißen denen, die dafür san und sonntags offiziell öffnen dürfen, die Werbetafeln herunter. Dafür werden dann die Schuhverkäufer wieder angezeigt. Und …»

«Verstanden. Krieg am Königssee», sagte Stefan. Richtig, der hatte ja mit Werbung zu tun, da lernte man wohl, knackig zu formulieren.

«Na ja, nackte Existenzangst kann einen schon ziemlich weit treiben», mischte Christine sich ein. «Der Ladenbesitzer, der den Sarg rausgestellt hat, glaubt ja wirklich, dass sein Ruin bevorsteht. Da schlägt man schon mal um sich.»

«Das mag schon sein», sagte Holzhammer. «Aber blödsinnige, überflüssige Delikte und Anzeigen san des allemal. Die Leut’ sollen sich halt z’ammraufen und gemeinsam beim Landrat vorstellig werden.»

«Wär besser», stimmte Christine zu.

«Bleibt immer noch das Bauthema», sagte Müllerhuber.

«Am Ende wird gebaut, da wette ich», sagte Matthias.

«Wieso das denn? Die Bürgerinitiative hat doch jetzt schon genug Stimmen für das Bürgerbegehren», sagte Christine. «Da werden sie auch die Stimmen für den Planungsstopp zusammenkriegen.»

«Die Gemeinde wird schon was finden, um das Bürgerbegehren abzuschmettern», entgegnete Matthias. Wahrscheinlich hatte er recht.

2

Roman Altbauer dampfte. Ihm liefen Tropfen in die Augen und Sturzbäche den Rücken hinunter. Er quälte sich das Watzmannkar hinauf, jene gewaltige Naturarena, die vom Watzmann rechts, Frau Watzmann links und den zwischen ihnen aufgereihten Watzmann-Kindern gebildet wurde. Einige der Kinder waren zum Kar hin abgeflacht und daher beliebte Skitourenziele.

Fast senkrecht ragten die graubraunen Felswände zu beiden Seiten auf. Nur auf einigen Speckröllchen von Vater Watzmann, flachen Bändern, die seine Flanke durchzogen, fand der Schnee Halt.

Wenige Minuten Stillstand reichten, und aus Schwitzen wurde Frieren, die Feuchtigkeit auf der Haut wurde zu Eiswasser, und Altbauer fühlte sich wie ein Fußballer in der Eistonne. Ihm war vollkommen klar, was für eine klägliche Figur er abgab. Jeder Überholer hatte so ein verstecktes Grinsen im Gesicht, zumindest kam es ihm so vor.

In seiner Jugend war ihm der Aufstieg durchs Watzmannkar viel kürzer erschienen. Früher. Als er noch jung war, die Gäste noch Trinkgeld gaben und der Portier vom Hotel Altbauer eine Mütze mit Goldrand besaß. Damals waren die Gäste abends, nach dem Wandern oder Skifahren, belebt und glücklich ins Hotel zurückgekehrt, vielleicht noch kurz in die Sauna gegangen und hatten dann ohne Mäkelei gegessen, was auf den Tisch kam.

Die heutigen Gäste wollten nicht nur ein Zimmer mit Wanne, nein, über der Wanne musste auch noch ein Farbfernseher an der Wand kleben, platt wie eine Flunder und mit mindestens hundert Programmen in Surround-Sound. Als gäbe es nicht direkt vor der Tür die schönste Aussicht der Welt.

Und Wellness wollten sie, jede Menge Wellness, was immer das sein sollte. Verrückte Anwendungen mit Phantasienamen waren gefragt. Je exotischer und idiotischer, desto besser. Früher hatte Altbauer einen mehr oder weniger gelernten, dafür aber gutaussehenden Masseur für die Damen beschäftigt und ein weibliches Pendant für die Herren. Heute wollten die Herrschaften eine Kerze ins Ohr gesteckt bekommen und dazu eine Wambo-Mambo-Massage mit Muschelschnecken. Oder von Kopf bis Fuß mit Steinen belegt werden wie ein Halma-Brett. Gut, das konnte nicht so schwer sein, er würde Monika einen Schnellkurs bezahlen. Dann konnte sie in griechischer Toga als Wellnessfee auftreten und für die halbe Stunde neunzig Euro nehmen.

Roman Altbauer war ja absolut bereit, den Gästen alles zu geben, was sie wollten. Doch dazu brauchte er Geld. Aber der Deal mit der Schweizer Finanzierungsgesellschaft, den er im Herbst schon fest in der Tasche zu haben geglaubt hatte, rückte in immer weitere Ferne. Mit jedem neuen Artikel im Anzeiger, mit jeder Mail von auswärtigen Umweltinitiativen, die bisher kaum gewusst hatten, dass der Königssee überhaupt existierte. Ein eckiger Hotelbau würde die benachbarten eckigen Felsblöcke entwerten, schrieben die Umweltschützer. Es war zum Wahnsinnigwerden.

Inzwischen stand es Spitz auf Knopf, dass die Verhinderer gewinnen oder zumindest das Projekt um Jahre verzögern würden. Das konnte er nicht abwarten. So war Plan B entstanden.

Nur ein einziger Spezi wusste davon. Er hatte den Plan quasi mit ausgeheckt und wollte auch bei der Ausführung helfen. Es war ein guter Plan, bei dem es nur ein winziges Problem zu umgehen galt. Und zwar auf Ski.

In seiner Jugend war Altbauer Kaderfahrer gewesen, so etwas verlernte man nicht, auch nicht dreißig Kilo später. Sein Problem war nicht die Abfahrt, sondern der Aufstieg. Nur deshalb hatte er sich die teure neue Ausrüstung zugelegt. Bei jedem Teil, das der Verkäufer angeschleppt hatte, hatte er immer nur nach dem Gewicht gefragt. Er kaufte die leichtesten Rennstiefel, bei denen der Schaft sich bog wie ein Farn im Wind, und die leichtesten Ski, auch wenn sie schlingerten wie ein Reptil auf der Flucht. Sogar die Socken waren extraleicht. Außerdem waren sie laut Etikett «hochtechnisch und bionisch performant», aber das war Roman Altbauer vollkommen gleichgültig.

Nur beim Rucksack hatte er kurz überlegt, ob er wirklich den allerleichtesten nehmen sollte, der sicherlich keinen Sturz überstand. Denn was er darin transportieren wollte, musste auf jeden Fall heil ankommen. Nun, er durfte eben einfach nicht stürzen. Auf seine Fahrkünste konnte er sich hoffentlich immer noch verlassen.

Doch fürs Aufsteigen musste er trainieren. Dass man ihn dabei sah, ließ sich leider nicht vermeiden. Ein Fitnessstudio bot nun mal nichts, was den Anstrengungen einer Skitour auch nur im Entferntesten nahekam. Und trainieren musste er. Schließlich ging es um Leben und Tod. Und um noch viel mehr. Es ging um den Erhalt des Hotels Altbauer, das seit drei Generationen in Familienbesitz war.

Seine Tochter Monika sollte das Hotel übernehmen. Sein Sohn, den er zunächst ganz automatisch als Nachfolger angesehen hatte, war zwar brav ins Hotelfach gegangen und hatte in einigen der besten Häuser weltweit gelernt. Aber leider war er dabei auch auf den Geschmack der großen weiten Welt gekommen und hatte längst signalisiert, dass er nie mehr heimkommen würde. Schon gar nicht, um das alte Hotel am See zu übernehmen. Nicht mal die Drohung, ihn zu enterben, hatte da geholfen.

«Enterben? Wovon denn enterben?», hatte Felix nur zynisch gefragt. Dann hatte er seine Sachen gepackt und war mit dem Taxi zum Flughafen nach Salzburg gefahren. Ein halbes Jahr später war eine Postkarte aus Indien gekommen. Seitdem nichts mehr.

Monika hingegen hatte seit ihrer Kindheit immer gern im Hotel mitgeholfen. Altbauer hatte sie nur früher nie als Chefin gesehen. Das war ein Fehler gewesen. Monika legte viel Engagement an den Tag und hätte am liebsten jetzt schon alles umgekrempelt. Aber das war nun mal eine Finanzfrage.

Und genau deshalb musste er ein letztes Mal seine müden Knochen in Form bringen, sich auf die Ski stellen und dann, wenn er hoffentlich so weit war, eine letzte, ausgedehnte Tour unternehmen.

Inzwischen war er am letzten, steilen Hang angekommen. Vor ihm zog eine ganze Kolonne im Zickzack die Spur hinauf, die einen respektvollen Abstand zum vierten Kind einhielt. Das vierte Kind war dafür bekannt, gern mit Schnee nach den Skifahrern zu werfen. Es war das einzige Mädchen unter den Watzmann-Kindern und wurde auch Jungfrau genannt. Es tropfte im Frühjahr und war schwer zu besteigen.