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Zum Nachmachen schön … Seltsame Dinge geschehen in Berchtesgaden: Hauptwachtmeister Holzhammer fühlt sich von Drohnen verfolgt, Wadlstrümpfe verschwinden ebenso wie die in St. Bartholomä ausgestellte Riesenforelle, und am Toten Mann findet man einen Ornithologen erschlagen auf. Holzhammer interessiert sich mehr für die Forelle als für den toten Feriengast, doch als auf der Wache ein Koreaner meldet, ein Steinadler habe seine Drohne geklaut, wird er hellhörig. Mit seinen Freunden kommt er einer Ungeheuerlichkeit auf die Spur: Berchtesgaden soll in Korea als Themenpark nachgebaut werden.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2017
Fredrika Gers
Holzhammer ermittelt
Ein Alpen-Krimi
Zum Nachmachen schön …
Seltsame Dinge geschehen in Berchtesgaden: Hauptwachtmeister Holzhammer fühlt sich von Drohnen verfolgt, Wadlstrümpfe verschwinden ebenso wie die in St. Bartholomä ausgestellte Riesenforelle, und am Toten Mann findet man einen Ornithologen erschlagen auf. Holzhammer interessiert sich mehr für die Forelle als für den toten Feriengast, doch als auf der Wache ein Koreaner meldet, ein Steinadler habe seine Drohne geklaut, wird er hellhörig.
Mit seinen Freunden kommt er einer Ungeheuerlichkeit auf die Spur: Berchtesgaden soll in Korea als Themenpark nachgebaut werden.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2017
Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Redaktion Tobias Schumacher-Hernández
Umschlaggestaltung yellowfarm gmbh, Stefanie Freischem
Umschlagabbildungen Udo Siebig, Travel Collection/Gregor Lengler, nature picture library/Ben Cranke/mauritius images
ISBN 978-3-644-40222-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Diese Dinger waren mittlerweile überall. Sie schwebten über der Fronleichnamsprozession in der Schönau, über der Oldtimer-Parade an der Rossfeld-Panoramastraße und über den Nackten am Wasserfall. Und jetzt flog eine direkt über Hauptwachtmeister Franz Holzhammer.
Da nichts Besonderes anlag, hatte er nach der ersten Brotzeit die schönste Polizeistation Deutschlands verlassen und sich auf einen Inspektionsgang durch den Markt Berchtesgaden gemacht. Er war über den Parkplatz zum Haus der Berge geschlendert, hatte nebenbei die Nummernschilder der Besucher inspiziert, sich am Fußgängerüberweg gefragt, wieso hier immer noch keiner das Schild mit der 30er-Begrenzung aufgestellt hatte, und war dann, den Watzmann im Rücken, Richtung Zentrum gegangen.
Die ganze Zeit hatte es irgendwo über ihm gesummt, gesurrt, gebrummt, aber erst nach und nach war das Geräusch in sein Bewusstsein gedrungen. Als er schließlich hochblickte, blickte von oben etwas zurück. Ein dickes, fettes Kameraauge mit Flügeln – mit Rotoren, genauer gesagt.
Natürlich hatte er nichts zu verbergen. Er war weder nackt noch auf dem Weg zu einem geheimen Stelldichein. Aber es behagte ihm einfach nicht. Was sollte das? Leider gab es noch kein Gesetz gegen den Überflug von Polizisten. Man durfte nicht über Flugplätze fliegen, über Anlagen der Bundeswehr oder Sportstätten während laufender Wettbewerbe. Doch der Luftraum über Franz Holzhammer unterlag – leider, leider – keiner besonderen Einschränkung.
Holzhammer war jetzt auf Höhe des baufälligen Kiosks mit dem Touristenkitsch. Er blickte an dem gegenüberliegenden Gebäude hoch. Und richtig, aus dem mit einem weiß-blauen Kissen als Armauflage ausstaffierten Fenster im obersten Stock winkte ihm Tante Steffi zu. Wie alt mochte sie jetzt sein? Sie musste auf die neunzig zugehen. Doch mit Hilfe des Fernglases, das er ihr vorletzte Weihnachten geschenkt hatte, sah sie immer noch alles, was sie sehen wollte.
Aus dem Haus gehen konnte sie schon lange nicht mehr, das Essen bekam sie geliefert, aber solange sie ihren Fensterplatz hatte und die zahlreichen Verwandten regelmäßig vorbeischauten, schien sie zufrieden mit ihrem Leben. Tatsächlich gab es inzwischen einen ausgeklügelten Besuchsplan. Holzhammer hatte ihn selbst entworfen und ins Internet gestellt. Da trugen sich die Verwandten nach Lust und Laune ein, je nachdem, wie sie Zeit hatten oder in den Markt kamen. So hatte Tante Steffi alle paar Tage Besuch, und jedem erzählte sie, was der vorige Besuch ihr zugetragen hatte. Es gab inzwischen Wettbewerbe und Wetten auf diese Form der Stillen Post. Marie, Holzhammers geliebtes Weib, fand es allerdings verwerflich, der alten Dame Lügengeschichten aufzutischen, nur um sich darüber zu amüsieren, wie diese beim Weitererzählen verändert wurden.
Über Holzhammers Kopf surrte es immer noch. Die Drohne blieb immer ein paar Meter entfernt, es war nicht daran zu denken, sie mit der Hand zu erreichen. Auch den Besitzer konnte er nicht entdecken. Er schien sich absichtlich zu verstecken. Kein Wunder, Holzhammer hätte ihm wegen dieses Unfugs gehörig die Leviten gelesen.
Gerade als der inzwischen ziemlich genervte Hauptwachtmeister den Alten Friedhof erreichte, donnerte ein Schuss von der Aussegnungshalle herüber. Offenbar wurde einer der letzten Kriegsteilnehmer zu Grabe getragen. Es würden noch ein paar weitere Salutschüsse folgen.
Blitzartig durchzuckte ihn eine Idee. Jetzt oder nie. Schnell machte Holzhammer ein paar Schritte durch die offenstehende Friedhofspforte. Die Drohne folgte ihm und schwebte nun über dem Grab von Anton Adner, der angeblich 117 Jahre alt geworden war. Einige Meter dahinter erhob sich eine solide Hausmauer. Schon hallte der zweite Böllerschuss über das Gelände. Holzhammer zog seine Dienstwaffe, entsicherte und zählte. Bei dreieinhalb brach sich die dritte Salve an der Häuserzeile der Maximilianstraße und kurz darauf am Göllmassiv auf der anderen Seite des Tals.
Er zielte auf den Quälgeist und zählte abermals. Bei drei machte er den Finger krumm. Bei dreieinhalb ging der trockene Knall seiner 38er planmäßig im Donnern der mit Schwarzpulver gefüllten Vorderlader unter. Es war das erste Mal, dass er die Waffe im Dienst benutzte.
Die Kugel wurde von dem leichten Fluggerät kaum abgelenkt und schlug geradewegs in die Hauswand hinter Anton Adners Grab ein. Aus der Wand rieselte Putz, und die Drohne ging zu Boden. Im Kino wäre sie garantiert explodiert. Aber diese surrte und zuckte nur zu Holzhammers Füßen wie ein verletztes Rieseninsekt. Fast schien sie auf ihren verstümmelten Flügeln davonkriechen zu wollen.
Er blickte sich um. Niemand hatte ihn gesehen, niemand hatte ihn gehört. Doch zumindest einer musste es mitbekommen haben – der mysteriöse Besitzer. Vor Holzhammers geistigem Auge tauchte sein Chef Dr. Klaus Fischer auf, die tote Drohne in der einen Hand, die andere wild herumfuchtelnd, und von Dienstaufsichtsbeschwerde faselnd. Doch dazu müsste der Drohnenbesitzer sich erst mal zu erkennen geben. Ha! Dem würde er was erzählen.
Er hob das hartnäckige Ding auf und hebelte den Akku heraus. Jetzt war endgültig Ruhe. Er sah, dass seine Kugel einen der vier Antriebe zerlegt hatte. Die herauskatapultierten Teile waren dann in die anderen Rotoren geraten und hatten sie abrupt gestoppt. Er wog das Ding in der Hand. Es fühlte sich leichter an, als es aussah. Eine leichte Leiche.
Und nun? Zu blöd, dass er zu Fuß unterwegs war. Kein Kofferraum. Also einfach auf den Friedhofskompost damit? Wenn Marie davon erfuhr, würde sie ihn wieder eine Woche lang mit vegetarischer Kost bestrafen. Außerdem war es vielleicht eh besser, das Corpus Delicti nicht einfach herumliegen zu lassen. Holzhammer zog ein Asservatensackerl aus der Tasche und tat die Drohnenleiche hinein. Auf diese Weise sah es wenigstens nicht ganz so blöd aus, wenn er das Ding herumtrug. Er blickte sich noch einmal um, aber von dem Piloten der Drohne war nichts zu sehen.
Er setzte einen wichtigen Blick auf und marschierte zurück zur Wache. Dort schmiss er das Ding in den Kofferraum seines Dienstwagens, ein weiß-grüner BMW, den kein anderer freiwillig nutzte. Denn dann hätte man erst jegliche Sitz-, Lenkrad- und Spiegelpositionen von Holzhammer- auf Normalformat umstellen müssen.
Holzhammer dachte über den Besitzer des erlegten Flugobjekts nach. Es gab diverse einheimische Scherzbolde, denen er so einen Streich zutrauen würde. Schon früher hatte man es auf ihn abgesehen gehabt. Und wenn er in der Dugnacht, der Nacht vor dem ersten Mai, versehentlich sein Auto draußen stehen ließ, wurde es garantiert in Klopapier eingewickelt. Marie wickelte es dann halt am Morgen wieder aus, oft bevor er selbst etwas davon mitbekam. Stand das Auto sicher in der Garage, wurde gern seine Gartenpforte ausgehängt. So war das halt in der Dugnacht.
Nur einmal hatte er sich richtig geärgert, als er nämlich am ersten Mai seinen Briefkasten mit Bauschaum ausgespritzt fand. Die Burschen hatte er dann auch drangekriegt. Er hatte bloß die Verkäuferin im BayWa-Markt fragen müssen, welche kichernden Schüler am Vortag eine Bauschaumpatrone gekauft hatten.
Jetzt hatten offenbar welche ihren Hauptwachtmeister mit einem Luftangriff ärgern wollen. Einen kurzen Rundflug über seinem Kopf hätte er ja auch nicht übel genommen. Ein bisschen Spaß durfte sein, auch mit der Obrigkeit. Aber niemand sollte ihm ungestraft stundenlang auf die Nerven gehen. Wer das tat – wer das wagte –, musste fortan mit dem Äußersten rechnen. Er versuchte sich an einem diabolischen Grinsen. Aber es gelang ihm nicht.
Der Tote Mann ist ein kleiner, grasbewachsener Gipfel, nur wenig höher als die bewaldeten Hügel ringsum. Dennoch ist er ein beliebter Aussichtsberg, denn nach Süden bietet er einen grandiosen Blick auf den Watzmann und ins Wimbachgries. Das Wirtshaus trägt ebenso zu seiner Attraktivität bei wie die Seilbahn, die den eh schon überschaubaren Aufstieg vom Hochschwarzeck auf wenige Minuten verkürzt.
Jetzt, um fünf Uhr morgens, hingen noch kühle Tautropfen an den Grashalmen auf der Gipfelkuppe, doch im Nordosten kündigte ein breiter orangefarbener Streifen bereits den Sonnenaufgang an. Es würde ein schöner Tag werden, und die Tautropfen würden sich schon bald in Luft auflösen.
Der Tote lag genau am höchsten Punkt, und zwar auf dem Bauch. An seinem Hinterkopf befand sich eine Art blutverkrusteter Krater. Auch aus dem rechten Ohr war Blut geflossen. Die Arme des Toten waren angewinkelt, die Hände lagen flach in der Nähe des Kopfes. Genau die Haltung, die man erwarten würde, wenn jemand nach vorn fiel und instinktiv versuchte, den Sturz mit den Händen abzufangen.
«Der liegt schon seit Stunden hier. Schau, der Arm ist ganz steif», sagte Holzhammer und rüttelte zum Beweis an dem fraglichen Körperteil.
«Bist du wahnsinnig, pack den doch ned an!», rief Müllerhuber.
Vor Überraschung ließ Holzhammer den steifen Arm tatsächlich los. Auch wenn sie inzwischen gute Freunde waren, verhielt der junge Polizeimeister sich ihm gegenüber normalerweise respektvoller.
«Die Spuren», schob Müllerhuber nach.
Holzhammer musste fast lachen. Freilich, die Polizeischule war bei Martin Müllerhuber noch frisch, da lernte man natürlich, auf keinen Fall etwas anzufassen, bevor die KTU den Tatort nicht freigegeben hatte. Tatsächlich hatte Holzhammer selbst deswegen schon diverse Rüffel von seinem grimmigen Schulfreund Rolf Berg kassiert, dem Leiter der Spurensicherung Traunstein.
«Die Spuren? Du meinst, die einzig verwertbare Spur könnte sich eventuell an diesem speziellen Punkt am Ellenbogen befinden? Schau dich doch mal um.» Holzhammer deutete in die Runde.
Zwei Meter weiter lag ein tropfenförmiger Stein von der Größe eines Straußeneis, dessen spitzes Ende braunrot eingefärbt war. Holzhammer konnte es plastisch vor sich sehen, wie der Täter den Stein mit beiden Händen packte, ihn hoch über den Kopf hob und dann die Spitze wuchtig auf den Hinterkopf des Opfers krachen ließ. Nie hatte ein Tatort deutlicher «Mord!» geschrien als dieser. Und wenn sich irgendwo Hinweise auf den Täter verbargen, dann an diesem Stein aus Ramsaudolomit.
Wurde Müllerhuber tatsächlich rot? Oder war das nur der Sonnenaufgang? Holzhammer schätzte seinen jungen Kollegen und hatte ihn nicht in Verlegenheit bringen wollen. Müllerhuber war eifrig wie kein anderer, ein schlauer Kerl, der sich außerdem bestens im Talkessel auskannte. Mit Müllerhuber als Nachfolger würde er in ein paar Jahren guten Gewissens in den Ruhestand gehen.
Schnell lenkte er das Gespräch auf ein anderes Thema: «Äh, zum Sonnenuntergang waren bestimmt noch Leute oben. Das heißt, es muss in der Nacht geschehen sein.»
Dankbar sprang Müllerhuber darauf an: «Der Mike sagt, dass er ihn exakt um vier Uhr zwanzig gefunden hat.»
Richtig, der Mike. Er hatte sie alarmiert. Holzhammer sah sich nach ihm um. Der Mike saß ein Stück weiter auf einer Bank bei der kleinen Hütte. Er trug einen hautengen, neongrünen Laufanzug und hatte den Kopf auf die Handgelenke gestützt, sodass die Finger nach vorn herunterhingen. Mit seiner spindeldürren Läuferfigur wirkte er in dieser Haltung zwangsläufig wie eine überdimensionale Gottesanbeterin.
Holzhammer kannte ihn nicht persönlich, hatte ihn aber oft gesehen. Der Bergläufer aus Bad Reichenhall, der an einem Tag von daheim nach Berchtesgaden, über alle Gipfel rund um den Königssee und zurück nach Reichenhall rannte. Für heute Morgen hatte er sich den Verlauf der Saline von Berchtesgaden nach Reichenhall vorgenommen, doch weil das allein zu langweilig war, hatte er noch ein paar Hügel eingebaut. So war er in aller Frühe an der Leiche auf dem Toten Mann vorbeigekommen. Nun saß er erschüttert herum und fror. Kein Wunder bei minus drei Prozent Körperfett.
«Den sollten mir besser schnell weiterschicken, sonst erkältet der sich noch», sagte Holzhammer und erhob sich.
Sie gingen zu ihrem Zeugen hinüber. «Alles klar bei dir?», fragte Holzhammer.
Mike nickte. Dabei schlang er die Arme um den Körper.
«Schön, dann geh jetzt besser heim. Mir telefonieren dann. Falls du nimmer laufen magst, kann der Martin hier dich auch fahren.»
Holzhammer konnte sehen, dass Müllerhuber am liebsten protestiert hätte. Logischerweise wollte er lieber bei den Mordermittlungen dabei sein, anstatt Zeugen heimzufahren. Aber das Problem erledigte sich von selbst.
«Danke, ich lauf lieber», sagte Mike, hörbar erleichtert.
Schon hatte er seinen Trinkrucksack wieder auf dem Rücken und schnellte wie eine Sprungfeder von der Bank. Der dünne Mann stob davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Er sprang die Wiese hinab zum Wanderweg, wo er nochmals beschleunigte. Sekunden später war er um die nächste Kurve verschwunden.
Kurz darauf hörten sie den Hubschrauber. Rolf Berg und seine Mannen schwebten ein, die Spurensicherer aus Traunstein. Nachdem Holzhammer und sein Schulfreund die üblichen Begrüßungsbeleidigungen ausgetauscht hatten, beugte sich Rolf Berg als Erstes über den blutigen Stein.
Der Lebenssaft des Toten war tief in den Kalkstein eingedrungen. Die inzwischen trockene Oberfläche wirkte matt und samtig wie ein Rosenblatt. Auch die Farbe glich der dunkelsten Rose in Holzhammers Garten.
«Jaja, jetzt liegst du unschuldig da», sagte Rolf Berg zu dem Stein. Dann wandte er sich an die Umstehenden: «Ich bräucht mal einen stabilen Asservatenbeutel.»
«Mir haben für größere Fundstücke Ikea-Taschen im Wagen», bot Holzhammer an.
Ihr Allrad stand unten am Wanderweg, auf dem der Mike verschwunden war. Dahinter parkte inzwischen ein weiteres Fahrzeug, das vier Streifenpolizisten heraufgebracht hatte.
«Muss gehen», nickte Berg. Holzhammer winkte einem Polizeischüler, der gleich lossprintete.
Währenddessen nahm Rolf Berg mit einer Pinzette Proben von dem verkrusteten Hinterkopf. Farbe und Konsistenz erinnerten Holzhammer ein bisschen an Maries gebratene Blutwurst. Nur ohne Zwiebeln.
Anschließend zerschnitt Berg die Schulterriemen am Rucksack des Toten. Nur so konnte er ihn abnehmen und in einem großen Klarsichtbeutel verstauen. Sodann förderte er eine zusammengefaltete weiße Plane aus seinem Alukoffer zutage und breitete sie dicht neben der Leiche aus. «Packt mal jemand mit an, wir drehen ihn um.»
Ein Blick von Holzhammer, und Müllerhuber war da. Sie drehten den Leichnam vorsichtig auf den Rücken. Auf dem weißen Plastik lag er nun fast wie aufgebahrt. Doch das schmutzige Gesicht, auf dem gequetschte Grashalme und Sandkörner klebten, würde dem Bestatter noch einige Arbeit bescheren.
Weitere Fotos wurden gemacht. Die Haut des Mannes war inzwischen wächsern gelb, auf seinen nackten Schienbeinen breiteten sich große dunkle Flecken aus. Totenflecken. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, sackt das Blut an Ort und Stelle ins Gewebe ab. Ein weiterer Beweis, dass der Mann auf dem Gipfel gestorben und nicht etwa erst nach seinem Tod hierher transportiert worden war.
Es hatte sicher sein Gutes, dass der Tote so früh gefunden worden war. Sonst wäre von den Spuren, sofern es überhaupt welche gab, kaum noch etwas übrig gewesen. Auch grenzte es den Tatzeitpunkt angenehm ein. Der einzige Nachteil bestand darin, dass Holzhammer zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett geklingelt worden war. Er war noch nie ein Frühaufsteher gewesen. Im Frühtau zu Berge war für ihn keine Option.
Aber das hatte sich eh erledigt, er ging nicht mehr in die Berge, sondern begnügte sich mit der Ersteigung der zwei Stufen zur Veranda seiner Gartenhütte. Genau dort würde er hoffentlich am Nachmittag den versäumten Schlaf nachholen können. Gebettet in einen bequemen Liegestuhl, neben sich ein kühles Weißbier.
Inzwischen war es sechs Uhr, und schon tauchten die ersten Wanderer am Schauplatz auf. Die weiträumige rot-weiße Absperrung hielt sie zurück, aber auch nur gerade so. Nicht zum ersten Mal dachte Holzhammer, dass man über Elektrozäune gegen Gaffer nachdenken sollte. Vielleicht könnte er mit dieser Erfindung reich werden.
Plötzlich sah er, wie Müllerhuber das Plastikband für jemanden hochhielt. Und schon war sie da, die Christine. «Moin, Franz, was ist los?», fragte seine Lieblingszugereiste.
«Du streunst auch überall herum», gab er zurück. «Kann der Matthias dich ned amal in der Küche anbinden?»
Christine tat das mit einem Grinsen ab. Holzhammer grinste zurück, Punkt für ihn. Christine war zwar eine schlaue Person, aber sie hatte immer noch Probleme mit der in Berchtesgaden üblichen, oftmals derben Antreiberei. Normalerweise hätte sie jetzt etwas zurückgeben müssen, zum Beispiel «Marie hat dich ja auch aussi lassen» oder «Hab den Strick durchgenagt».
Christine sah zu der Leiche auf der weißen Plane hinüber.
«Der Mike hat ihn gefunden, um halbe fünfe», sagte Holzhammer. Vor Christine hatte die Polizei Berchtesgaden keine Geheimnisse. Sie war mit Holzhammers ältestem Freund zusammen, sie ging mit seiner rechten Hand bergsteigen, und ihm selbst hatte sie bereits mehrmals bei seinen Fällen weitergeholfen. Christine hatte nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch ein seltsames Talent, über Leichen, Zeugen oder Indizien zu stolpern. Außerdem, und das war vielleicht das Wichtigste, hegte sie eine geradezu kindliche, herzerwärmende Begeisterung für seine Berchtesgadener Heimat.
«Weiß man schon, wer er ist?»
«Ja, er hatte freundlicherweise seinen Personalausweis und sogar Visitenkarten dabei. Franziskus Schmirtzek. Komischer Name.»
«Mann, bei mir piept’s!», rief Christine.
«Wissen wir», gab Holzhammer zurück.
«Nein, das ist doch dieser Vogelforscher. Der hatte die Sendung ‹Bei mir piept’s› im Bayerischen Fernsehen», erklärte Christine.
Holzhammer sah sie verständnislos an.
«Ich hab die Sendung mal gesehen», sagte Müllerhuber. «Da hatte er einen Gänsegeier vor sich auf dem Tisch sitzen, ihr wisst schon, diese großen Viecher mit dem weißen Hals und dem stechenden Blick. Der war am Hals noch ganz blutig von seiner letzten Mahlzeit. Und der Schmirtzek streichelt den wie ein Kuscheltier und redet von einem ‹possierlichen Tierchen›.»
«Genau», fiel Christine ein. «Und der Geier hat ihm dann zum Dank auf den Kopf gehackt.»
«Mei. Erkannt hätt ich ihn ned unter all dem Blut», sagte Müllerhuber, plötzlich wieder ernst. «Aber das erklärt zumindest, warum der alte Knabe so früh unterwegs war. Diese Ornithologen stehen ja mit den Hühnern auf.»
«Solang sie nicht mit den Hühnern ins Bett gehen …», warf Rolf Berg ein, ohne den Blick von der Leiche abzuwenden.
«Apropos alter Knabe», schaltete sich Holzhammer ein. «Wie alt war der denn?» Er hatte ganz vergessen, auf dem Perso nachzuschauen.
«Sein Geburtsjahr weiß ich jetzt nicht», sagte Christine. «Aber der war locker über siebzig. Seine Stirnglatze reichte doch schon seit Jahrzehnten bis zum Hinterkopf. Er hatte so einen Haarkranz, du weißt schon, wie ein silberner Lorbeerkranz.»
«Silbern ist da fei nix mehr», stellte Holzhammer mit einem Blick auf die Blutkrusten fest.
«Und, wie macht ihr jetzt weiter?», fragte Christine.
«Mei.» Holzhammer seufzte. «Mir werden halt schauen, wo er gewohnt hat, in welchem Hotel, ob er allein war oder in Begleitung, sein Zimmer anschauen, das Personal befragen …»
Er verstummte. Zu dieser frühen Stunde erschöpfte ihn bereits die Aufzählung der bevorstehenden Aufgaben. Von den Aufgaben selbst ganz zu schweigen.
Klar, dass Müllerhuber schnell und lehrbuchmäßig ergänzte: «Außerdem informieren wir natürlich die Kollegen an seinem Heimatort. Die müssen sich um das Umfeld kümmern, also Familie, Kollegen, Freunde, Feinde …»
Holzhammer seufzte erneut. Als wenn er das nicht wüsste. «Genau», stimmte er also zu. «Und am Ende war’s dann wieder die Ex oder der Sohn. Oder in dem Fall vielleicht ein verrückter Vogelfeind. Jedenfalls nichts, was irgendwie mit Berchtesgaden zu tun hat. Und unsere ganze Arbeit war für die Hasen.»
«Ja wie, eine Fahndung gebt ihr nicht heraus? Was ist mit Straßensperren?», ereiferte sich Christine.
«Mei Madl, jetzt gib halt a Ruh. Du kannst einen alten Mann ja ganz damisch machen», knurrte Holzhammer.
Er mochte die Norddeutsche sehr, aber ihrer hektischen Art war er so früh am Tag einfach nicht gewachsen.
Müllerhuber übernahm die Erklärung: «Die drei Straßen, die aus dem Talkessel hinausführen, lassen sich zwar leicht sperren, aber was soll das bringen, wonach sollen wir suchen – nach einem Kerl, der irgendwie verdächtig ausschaut? Nein, solange wir nichts über den Täter wissen, können wir auch nicht nach ihm fahnden.»
«Stimmt, ich hab nicht nachgedacht», sagte Christine. «Außerdem kann der inzwischen ja sonst wo sein.»
«Oder er schläft sich erst amal ordentlich aus», widersprach Holzhammer. Aber nur, weil er selbst das jetzt am liebsten getan hätte.
«Na ja, dann noch viel Erfolg. Wir sehen uns.» Damit schlüpfte Christine wieder unter dem Absperrband durch und joggte leichtfüßig davon.
«Hat die jetzt auch schon diesen Rennvirus», murmelte Holzhammer, mehr zu sich selbst.
Aber Müllerhubers Ohren waren offenbar genauso wach wie der Rest von ihm. «Ja, sie joggt oft frühmorgens vor der Arbeit», wusste er.
Vor der Arbeit, das hieß bei Christine, bevor sie ihr pompöses Büro in der Rehaklinik aufsuchte, um sich mit sogenannten psychosomatischen Beschwerden zu beschäftigen. Was das genau sein sollte, war ihm allerdings nach wie vor ein Rätsel. Er kannte zwar diverse Leute mit einer Psychomeise, aber keinen mit einer Psychosomatik. Psychomeise war, wenn Alkoholiker weiße Mäuse sahen oder bayerische Könige sich jede Woche ein neues Schloss bauten. Aber Psychosomatik? Nach Christines Erklärungen lag die irgendwo zwischen Meise und Magenschmerzen. Oder war’s umgekehrt?
Kurz darauf verließen Holzhammer und Müllerhuber den Toten Mann. Für sie gab es hier nichts mehr zu tun. Abgesperrt war alles, und die nachgerückte Streifenwagenbesatzung konnte allein dafür sorgen, dass kein Gaffer das rot-weiße Band ignorierte. Innerhalb dieses Bannkreises würden Rolf Berg und seine Leute sich vermutlich noch stundenlang damit amüsieren, jeden Grashalm einzeln umzudrehen.
Müllerhuber steuerte ihren Allrad zügig den Forstweg hinab. Holzhammer saß auf dem Beifahrersitz, den Kopf ans Seitenfenster gelehnt. Immer wenn er kurz vor dem Wegdösen war, kam eine Querrille, und sein armer Schädel knatterte gegen die Scheibe. Warum bloß musste dieser Vogelhansel sich ausgerechnet hier erschlagen lassen? Und warum zu so unchristlicher Zeit?
«Mann Holzei, das ist schon mein dritter Mord», schwärmte Müllerhuber.
«Super», brummelte Holzhammer im Halbschlaf.
«Na hey, ist das vielleicht nichts? Ein Mord! Oder interessierst du dich etwa mehr dafür, dass sie in Bartholomä die Forelle geklaut haben?»
«Was sagst du?» Holzhammer rappelte sich in seinem Sitz auf. «Die Forelle? Du meinst – die Forelle?»
«Ja. Glatt von der Wand geklaut.»
Der tote Fisch war die zweitgrößte Attraktion der Halbinsel St. Bartholomä. Auf jedem Ausflugsboot wurde den Gästen gleich nach der berühmten Kapelle die ausgestopfte Forelle ans Herz gelegt: Eine Seeforelle von nie gesehener Größe – 1,25 Meter lang und 27,5 Kilo schwer. Sie war einem Fischer im Jahr 1976 ins Netz gegangen. Seitdem hing sie im Wirtshaus von St. Bartholomä an der Wand. Also, hatte gehangen.
«Herrschaftszeiten, leck mi am Arsch! Und wieso weiß ich nix davon? Sacklzement noch amal!»
Vor Schreck über diesen plötzlichen Ausbruch verriss Müllerhuber glatt das Steuer. Der Allrad schwankte wie ein Elektroboot auf dem Königssee bei Sturm.
«He, Vorsicht! Zefix, Martin!» Holzhammer krallte sich instinktiv am Türgriff fest. Links von ihnen ging es über steile Wiesen ziemlich tief abwärts.
«Sorry.» Martin Müllerhuber hatte den Wagen schon wieder unter Kontrolle.
Holzhammer ließ den Türgriff los und sagte mit möglichst ruhiger Stimme: «Also Bua, jetzt noch amal von vorn. Was ist mit der Forelle? Und woher weißt du des um diese Zeit? Gestern war noch nix bekannt.»
Das war nämlich der zweite Punkt, der ihn so hatte hochfahren lassen. Franz Holzhammer war zwar nicht ehrgeizig, was Titel oder Lorbeeren anging, aber seine kleinen Eitelkeiten besaß er doch. Zum Beispiel hielt er sich viel darauf zugute, dass ihm nichts Wesentliches im Talkessel entging.
«Ich geh eben ned so früh zu Bett wie du alter Mann», grinste Müllerhuber. «Und wegen einem toten Fisch wollt ich dich auch ned herausschellen.»
Holzhammer fiel ein, dass Müllerhuber diese Woche Spätdienst hatte. Kein Wunder, dass er als Erster Bescheid wusste, er hatte die nächtliche Meldung selbst entgegengenommen. Und warum hatte der Kerl keinen Großalarm ausgelöst? Als Einheimischer kannte er doch die touristische Bedeutung des Fisches. Mei, vermutlich weil er einfach zu gut aufgepasst hatte auf der Polizeischule. In keinem Polizeilehrbuch der Welt rechtfertigte ein verschwundener toter Fisch die allgemeine Mobilmachung.
«Jaja, scho recht», grummelte Holzhammer. «Jetzt weiß der alte Mann ja Bescheid. Mir haben also ned nur einen Fall zum Lösen, sondern zwei. Das heißt, wenn der alte Mann richtig gerechnet hat.»
«Äh, ja», krächzte Müllerhuber unsicher.
Erwischt! «Ja was ist denn mit deiner Stimme los, Martin?», gluckste Holzhammer. «Hast du wirklich geglaubt, ich bin wegen dem winzigen Sprücherl beleidigt?»
«Mei, ich wusst halt ned …» Die junge Stimme klang schon wieder fester, aber der Inhalt war noch eher mager.
«Solltest mich inzwischen gut genug kennen», sagte Holzhammer. Und meinte es. «Aber egal, eigentlich wollt ich auf was ganz anderes hinaus.»
«Auf was denn?» Müllerhuber klang jetzt wieder wie Müllerhuber. Na dann.
«Ja ähm, ich finde, wir sollten die beiden Fälle für den Anfang aufteilen. Dann kann jeder sich voll auf eine Sache konzentrieren, und wir haben die Grundlagen schneller beisammen.» Das Argument war ihm erst in dieser Sekunde eingefallen und natürlich kompletter Blödsinn. Also redete er schnell weiter: «Also, welchen willst du – Forelle oder Vogelmann?»
«Äh, du würdest mir echt den Mord geben?» Müllerhuber klang ebenso verdattert wie begeistert.
«Du bist mein bester Mann, und du hast es verdient.» Beides stimmte, und Holzhammer sagte es aus voller Überzeugung. Dass er außerdem den Fischfall viel wichtiger fand, musste er ja nicht ständig betonen.
Den restlichen Weg bis zur Wache palaverte Müllerhuber aufgeregt darüber, was er jetzt alles im Mordfall zu unternehmen gedachte. Wie Holzhammer oben am Toten Mann schon Christine erläutert hatte, waren es in diesem Stadium ausschließlich langweilige Routinesachen. Aber warum dem Bub den Spaß verderben. Stattdessen schmiedete er still seinen eigenen Schlachtplan.
Auf der Wache angekommen, schnappte Holzhammer sich gleich den Bericht über den Forellenklau. Wie gewohnt, hatte Müllerhuber alles perfekt aufgezeichnet.
Der Anruf des Wirts war exakt um 22 Uhr 34 eingegangen. Müllerhuber hatte ihm für heute Morgen Polizeibesuch versprochen und ihn eindringlich davor gewarnt, allein im Dunkeln nach dem Dieb zu suchen. Ob er sich daran gehalten hatte, durfte allerdings bezweifelt werden. Vermutlich hatte er sogar noch alle möglichen Jager und Forstarbeiter rebellisch gemacht.
Holzhammer gähnte. Noch nicht einmal sieben in der Früh, und er war schon seit zwei Stunden auf den Beinen. Er war sogar vor Marie aufgestanden. Die konnte sich zwar denken, dass es um einen Fall ging, warum sonst sollte er sich vor ihr aus dem Bett wälzen, aber sie hätte sicher nichts dagegen, über die näheren Gründe informiert zu werden. Schon deshalb, weil sie dann im großen Ratschkarussell des Talkessels wieder einmal die Nase vorn hätte.
Also war der Plan: Erst einmal heimfahren und einen ordentlichen Kaffee trinken, dann die Wasserwacht anrufen und sich nach Bartholomä chauffieren lassen.
Beim Verlassen seines Büros krachte Holzhammer fast mit Müllerhuber zusammen, der aufgeregt um die Ecke fegte.
«Kann man das glauben, der Kasper vom Kriminaldauerdienst in Würzburg sagt, ich soll um achte noch amal anrufen.»
«Vernünftiger Mensch, das», entgegnete Holzhammer, um seinen übereifrigen Adlatus ein bisschen anzutreiben. «Hast du schon mit dem Tourismus gesprochen?»
«Ich hab die Chefin privat angerufen. Sie hat gesagt, erst duscht sie, dann trinkt sie einen Kaffee, danach schminkt sie sich und zieht sich an. Dann fährt sie ins Büro und sucht mir den Übernachtungszettel vom Schmirtzek heraus.» Müllerhuber schnaufte vor Empörung.
«Na, ist doch super», sagte Holzhammer. Damit ließ er Müllerhuber stehen. Der würde sich schon zu helfen wissen.
Holzhammer brauchte jetzt einen Kaffee, und zwar einen gescheiten. Nicht die magenzerfressende Teerbrühe von gestern, die noch im Bereitschaftsraum herumstand, sondern einen aromatischen doppelten Espresso, von Marie mit Liebe und der neuen Supermaschine zubereitet. Danach würde er sich unverzüglich dem eigentlichen Kapitalverbrechen der letzten Nacht zuwenden.
Als Holzhammer daheim ankam, war der Frühstückstisch bereits gedeckt, und es duftete herrlich nach echt italienischem Espresso. So wünschte man sich das als Ehemann. Allerdings war es ein teurer Spaß gewesen.
Der erste Espressovollautomat, den er angeschleppt hatte, war nämlich tags darauf schon wieder verschwunden gewesen. Marie hatte ihn als Hauptpreis für eine ihrer zahlreichen Wohltätigkeitstombolas gespendet. Nachdem er ein bisschen herumgebrüllt hatte, war er in den Laden zurückgegangen und hatte die gleiche Maschine ein zweites Mal gekauft. Die hatte er dann sicherheitshalber gleich ausgepackt und in Betrieb genommen. Er hatte sogar überlegt, das Teil mit schweren Eisen an der Arbeitsplatte zu befestigen. Aber das schien dann doch übertrieben und hätte sie nur jeden Morgen an ihren Streit erinnert.
Marie saß in ihrem geblümten Morgenmantel am Tisch und tropfte sich Honig auf eine gebutterte Semmelhälfte. Unter einem weiß-blauen Küchentuch lagen gekochte Eier in einem Körbchen. Natürlich hatte sie sein Auto gehört. Aber erst als er die Küche betrat, stand sie auf, um ihm seinen Espresso zu zapfen. Ganz frisch und heiß, wie er ihn mochte. Und heute dringend brauchte.
Holzhammer ließ sich auf die Eckbank plumpsen. «Am Toten Mann hams oan daschlogn. Und die Forelle is aa weg», fasste er zusammen.
Aber so leicht kam er natürlich nicht davon. Marie wollte alles wissen. Wie erschlagen, wann erschlagen, von wem erschlagen, und wo war die Forelle jetzt? Seine Angetraute hätte einen guten Verhörspezialisten abgegeben. Das hatte er schon mehr als ein Mal gedacht.
Als sie ihn endlich komplett ausgequetscht hatte, kam sie auch noch mit einem weiteren Verbrechen daher: «Und weißt, wo sie noch eingebrochen haben? Bei der Hingsammer Lore. Und weißt, was sie mitgenommen haben? Ihre Strickmuster.»
«Wie, was sagst?» Er musste sich verhört haben. Hatte er doch glatt «Strickmuster» verstanden.
Bis zur Hingsammer Lore war er noch mitgekommen. Die kannte er. Vom Weghören. Lore Hingsammer war eines jener medizinischen Wunder, die durch die Nase Luft holten, während sie durch den Mund redeten. Wenn sie anrief, wartete sie gar nicht erst ab, bis Holzhammer sich meldete, sondern sprudelte sofort los. Er kam nicht einmal dazwischen, um zu erklären, dass er nicht Marie war. So pflegte er das Telefon einfach schweigend weiterzugeben.
Marie wiederholte ihre Information, indem sie so langsam sprach, als würde sie einem Hundertjährigen an der Supermarktkasse das Konzept des Dosenpfands erklären: «Die Lore Hingsammer. Bei ihr wurde eingebrochen. Während sie einkaufen war. Der Dieb ist in ihre Handarbeitsstube gegangen und hat alle Strickmuster mitgenommen. Du weißt schon, von ihren preisgekrönten Wadlstrümpf.»
«Verstehe.» Zumindest hatte er jetzt verstanden, was angeblich gestohlen worden war. Ein paar Zettel mit handgemalten Kringeln. Richtig, die Hingsammerin war eine der drei Wadlstrumpfstrickerinnen im Talkessel.
Mit diesem speziellen Kleidungsstück war für den Hauptwachtmeister eine traumatische Erinnerung verbunden. Mit Grausen dachte er daran. Vor zwei Jahren hatte Marie ihn gezwungen, vor den Augen des gesamten Talkessels bei einem Wadlstrümpf-Wettbewerb als Model aufzutreten. Obwohl er mit einem kleinen Trick sogar gewonnen hatte, war die Sache einfach nur peinlich gewesen.
Tote Vogelforscher, verschwundene Forellen, ein Wadlstrumpfstrickmusterraub, der unangenehme Erinnerungen weckte, und das alles nach viel zu wenig Schlaf. Plötzlich spürte Holzhammer etwas Heißes auf der Hand. Er zuckte zusammen. «Zefix!»
Er ließ die Tasse fallen. Nicht nur sie war in Schräglage geraten. Die ganze Küche drehte sich jetzt wie das Kettenkarussell früher beim Jahrmarkt am Triftplatz. Um die Küche anzuhalten, packte er mit aller Kraft die Tischkante.
Da spürte er Maries weichen Arm um seine Schultern. Sie roch nach frischer Wäsche und Zuhause. «Schatz, willst du dich hinlegen?»
«Passt scho», sagte er.
«Sicher?»
«Ja, geht scho wieder. Ich bin halt nur a bisserl müd.»
Maries Fürsorglichkeit hatte die Welt wieder geradegerückt. Die Küche stand still, wie es sich gehörte, er konnte die Tischkante loslassen, und seine weißen Fingerknöchel nahmen wieder Farbe an.
Marie drückte ihn noch einmal kurz und stand dann auf, um ihm einen frischen Kaffee zu machen. Sie fragte nichts mehr und ließ ihn auch mit dem Wadlstrumpfstrickmustereinbruchdiebstahl in Frieden. Er hatte halt doch die richtige Frau geheiratet.
Zwanzig Minuten und drei Wurstsemmeln später rief Holzhammer frisch gestärkt bei der Wasserwacht an: «Servus, ich bräucht einen, der mich nach Bartholomä fährt. Dort ham s’ die Forelle gestohlen.»
«Was?» Auch der Wasserwachtler regte sich gebührend über diesen Frevel auf. Selbstverständlich würde er sogleich einen Bootsführer zum Anleger schicken.
Holzhammer war schon halb zur Küche hinaus, da besann er sich, drehte noch einmal um und drückte der verblüfften Marie einen dicken Schmatzer auf den Mund.
Die Polizei hatte kein eigenes Boot auf dem Königssee. Dafür gab es die rührige Wasserwacht, die trotz aller Ehrenamtlichkeit regen Zulauf hatte. Wer würde nicht gern einmal mit einem schnellen Motorboot über den acht Kilometer langen See flitzen.
Am Steg wartete bereits der Plani. Er arbeitete bei der Sparkasse in der Immobilienabteilung. Das passte gut, denn die Immobilien liefen nicht weg, während er im Einsatz war.
