Fuck the Möhrchen - Barbara Ruscher - E-Book
Beschreibung

Gut gebrüllt, Baby! "Bin noch im Bauch. Draußen schreit eine Frau. Will ihr sagen, mit Schreien erreiche man gar nichts. Jetzt schreit sie MICH an. Heiße wohl PDA. Origineller Name." Nach Monaten der Frühförderung in Mamas Bauch kennt Baby Mia zwar Mozarts Frühwerk, aber leider kann sie sich weder drehen noch sprechen. Nur ihr Teddy versteht sie. Und während Mia die ersten Meilensteine des Lebens – erstes Lächeln, erstes Mal Mama und Papa beim Sex stören, erstes Mal die olle Trulla anpinkeln, die Papa schöne Augen macht – hinter sich lässt, fordert der anstrengende Familienalltag seinen Tribut von ihren Eltern. Als zwischen Pekip und Biobrei die Ehekrise droht, müssen Mia und Teddy handeln... Wer sich je gefragt hat, was uns unser süßes Baby mit seinem ohrenbetäubenden Brüllen sagen will, findet hier Antworten – und was für welche. Die preisgekrönte Kabarettistin Barbara Ruscher liefert hochkomische Einblicke in Babys Sicht der biologisch korrekten Familienwelt. „Bei aller Vorsicht vor schreibenden Comediennes: Dieses Machwerk ist ein Kracher! Ein Buch für im Urlaub, im Zug, während langweiliger Meetings und abends im Bett.“ Gerburg Jahnke, Missfits. „Kabarett vom Feinsten.“ Kölner Stadtanzeiger.

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Seitenzahl:314

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BARBARA RUSCHER

FUCK THE MÖHRCHEN

EIN BABY PACKT AUS

Impressum

ISBN 978-3-8412-0680-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Motivs von Tatyana Tomsickova Photography/ getty images

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1. Ich bin dann mal da

2. Es gibt einen Grund, warum Tiere nicht singen

3. Ab ins Reihenhaus

4. Ist das Kunst, oder kann das weg?

5. Mama gibt Gummi

6. Mütter ohne ernstzunehmende Betreuungsalternative

7. Papas Einsatz

8. Alle Wege führen nach Prag

9. Mama will ihr Ding machen

10. Sankt Martin und der stinkende Dschinn

11. Gebiss und Flasche – alles für mich

12. Endlich kommt Bewegung ins Spiel

13. Nussknackerpopo

14. Es geht immer nur um Knete im Leben

15. Fuck the Möhrchen und fuck the Pastinake

16 Verkehrte Welt

17. Mein erstes Mal im Sitzen

18. Das Dinkel-Ei und der Mops

19. Burgen aus Dreck und ein stehlender Fuchs

20. »Mama« und »Papa«

21. Konfrontation mit der Härte des Lebens

22. Und wie du wieder aussiehst

23. Öl auf Spucktuch – Kunst für alle

24. Ich bin dann mal weg

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

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1. Ich bin dann mal da

Bin noch im Bauch. Draußen schreit eine Frau. Hört sich an wie Tina Turner auf Ecstasy.

Will hier nicht raus.

Sie schreit weiter.

Will ihr sagen, mit Schreien erreiche man gar nichts. Jetzt schreit sie mich an. Heiße wohl PDA.

Origineller Name, klingt nicht schlecht. Die Hebamme heißt Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter und sagt, für die PDA sei es schon zu spät.

Ich horche auf.

Muss raus und sehen, was da los ist.

Vorsorglich packe ich mir ein Stück Mutterkuchen ein.

Sehe Licht am Ende des Tunnels und warte auf den Bus.

»Kommt mal wieder nicht, Fahrplanänderung oder wegrationiert, oder was ist hier los«, murmelt der Mutterkuchen, »scheiß Gesundheitsreform, gerade jetzt.«

»Gemecker bringt jetzt auch nichts«, sage ich unwirsch, »wir müssen uns beeilen!«

Doch er ist bockig und stellt sich tot.

Ich aber kann jetzt keine Rücksicht nehmen und rutsche alleine und bauchwärts den Weg entlang. Komme kaum vorwärts, es ist viel zu eng hier drin und irgendwie unheimlich. Tatsächlich fühle ich mich wie im Dschungelcamp und rechne mit Spinnen, Emus und C-Prominenz.

Plötzlich erfasst Luft mein spärliches Haar. Jemand nimmt meinen Schädel zwischen beide Hände. Wow. Geboren und sofort frisiert werden, ich gebe zu, dass mir diese Welt spontan gefällt.

Schwupps bin ich draußen und mache die Augen auf.

Als Erstes sehe ich einen bleichen Mann mit blutroter Nase, der am Boden liegt.

Das ist der erste Mensch, den ich sehen kann, denke ich beglückt, und er ist mir auf Anhieb sympathisch. Nein, mehr noch, eine riesige Woge der Zuneigung überschwemmt meine kleine Seele.

Wer um Himmels willen ist das?

Vermutlich ein Krankenhausclown, der sich kurz ausruht, denke ich voller Anteilnahme. Plötzlich aber kommt Leben in ihn, und er ruft gerührt: »Ich bin dein Papa, da bissu ja endlich, meine kleine Prinzessin!«

Großartig, denke ich, habe ich ein Glück, mein Papa scheint ein toller Kerl zu sein und noch dazu ein König – ich hätte es wirklich schlechter treffen können.

Dann sehe ich mich erst mal in unserem Palast um und schreie entsetzt los, denn die Wände hat Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter in gebärmutterfarbenem Rosa gestrichen  – zum Glück bin ich ein Mädchen, sonst müsste ich mit Sicherheit sofort schwul werden.

Das nenne ich frühkindliche Prägung. Liebe Güte, wahrscheinlich werden Jungs in diesem Land direkt umgebracht.

»Oder an katholische Priester in St. Pölten verkauft«, brummt der Mutterkuchen, der mittlerweile auch den Weg nach draußen gefunden hat.

Alle schauen mich liebevoll an und weinen, nur die Anthroposophen-Hebamme nicht. Spontan beschließe ich, sie zu hassen, da richtet sich eine Kamera auf mich, und alle weinen weiter, die hören gar nicht mehr auf zu weinen, offensichtlich bin ich hässlich. Vielleicht bin ich aber auch die Wiedergeburt von Elvis. Schreie direkt ein »Muss i denn, muss i denn ...« auf einem einzigen Vokal.

Das hat vor mir anscheinend noch keiner gemacht, denn es kommt enorm gut an, sogar mein bleicher lieber Papa stillt behände seine Nasenblutung und klatscht begeistert auf eins und drei.

Nur die Hebamme findet, dass ich nun fertig mit Singen sei, und stopft mir die Brustwarze einer Frau in den Mund.

Was soll das denn, frage ich mich, da schwant es mir: Das ist meine Mama!

Papa nennt sie allerdings immer »Du-hast-es-geschafft-mein-Schatz«.

Wär mir zu lang.

»Meine Mama«, seufze ich.

Ich bin völlig von den Socken und schenke ihr einen liebevollen Blick. Lächeln kann ich leider noch nicht, doch das  übernimmt sie für mich, und ich habe das Gefühl, es strahlen tausend kleine Sonnen aus ihren Augen heraus. Begeistert taufe ich sie lautstark »Wäh«, und sie weint vor Freude.

Ein Mann in Weiß kommt nun herein und näht Mama untenrum zu, vermutlich soll ich Einzelkind bleiben.

Im Moment ist mir das egal. Ich bin einfach glücklich.

Nach einer halbe Stunde inniger Zusammenkunft reißt mich die Hebamme aus den Armen meiner Mama und meint, sie müsse mich jetzt wiegen und messen, und das Baden könne ja der Papa übernehmen. Engagiert sagt er, klar, das sei kein Problem, das könne er gerne machen  – doch ich sehe in seinen Augen einen Hauch von Angst und weiß nicht, ob sie sich auf das ungewohnte Badeerlebnis oder die Anwesenheit der argusäugigen Hebamme bezieht.

Die nämlich beginnt unverzüglich mit dem Prozedere und verkündet das Ergebnis der Messung.

Zweiundfünfzig Zentimeter und drei Komma sieben Kilo, das sei ja sensationell, ruft Papa voller Elan in Richtung Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter, das habe sein strammes Mädchen aber fein gemacht.

Die Hebamme guckt empört.

Papa wird rot und ergänzt, er meine natürlich seine Mia, das habe sie doch gut gemacht, aber Heike auch, und Heike lacht, ja, das sei dem Naturjoghurt geschuldet, den sie sich säckeweise reingeschaufelt habe.

Und auch dem Eis, das ich dir nachts von der Tanke habe besorgen müssen, ruft Papa, ob sie das noch wisse, erst Paprika, aber um Gottes willen nur die gelbe, dann Lasagne, obwohl man da nie wisse, was drin sei, ob Rind, Pferd oder Känguru, und dann das Eis, er habe damals gedacht, sie habe sie nicht mehr alle, sie solle ihm nicht böse sein, aber jetzt sähe man ja, dass ihr das gutgetan habe, seiner Mia, richtig schön propper sei sie geworden und alles sei dran.

Die Hebamme verdreht die Augen und lässt das Badewasser ein. Papa krempelt sich die Ärmel hoch, nimmt mich in seine Arme und legt mich vorsichtig in die warme Brühe – mh, ich weiß nicht, ob mir das gefallen soll, denn das Fruchtwasser war irgendwie weicher und wärmer, doch er ist sich ganz sicher und säuselt: »Ja, fein, liebe Mia, daaas macht Spaß, oder? Plitsche, platsche, gleich bist du sauber, huch, nicht so spritzen, oder willst du mal Feuerwehrfrau werden, haha, ein Scherz, Humor ist nämlich wichtig im Leben, liebe Mia«, und Frau Wiebkötter fragt er: »Ich habe ein bisschen Angst, dass sie mir absaust, was soll ich tun?«

»Keine Sorge«, sagt die Hebamme trocken, »das machen Sie schon. Nun ist es aber auch gut, hier ist das Handtuch, und auch das Köpfchen schön einwickeln und immer stützen, sonst knickt das ab.«

Bevor er mich schnappen kann, pullere ich noch schnell ins seichte Wasser – ein herrliches Gefühl, das ich mir unbedingt merken muss. Ich hoffe inständig, dass es in meinem Leben noch haufenweise Gelegenheiten geben wird, bei denen ich das wiederholen kann. Dann werde ich mich immer an diesen einen Moment zurückerinnern, in dem mein Papa mich zum ersten Mal gebadet hat.

Hach – die Welt ist schön.

~

Zu meinem Entsetzen wache ich nach meinem ersten Schlaf außerhalb des Mutterleibs nicht alleine auf. Neben mir liegt eine vollständig behaarte Gestalt mit einem Knopf im Ohr und grinst mich an. Meine Eltern beugen sich über die Wiege und grinsen auch.

Ich fasse es nicht. Mama und Papa haben mich heimlich verheiratet.

Ich verstehe die Welt nicht mehr – erst tun sie so nett, und dann verschachern sie mich skrupellos an den Nächstbesten. Will sofort hier weg, kann mich aber nicht drehen und verharre verzweifelt in meiner Rückenlage.

Meine Bewegungsunfähigkeit macht mich noch wahnsinnig.

War der Haarige etwa die ganze Nacht bei mir, und warum grinst der so, frage ich mich und versuche hektisch, mich an den letzten Abend zu erinnern. Vermutlich hatte ich zu viel gesoffen, es gab dieses weiße Zeug aus Mamas warmer Brust, immer weiter wurde mir das mit diesem unwiderstehlichen Lächeln angeboten, da kann man doch nicht nein sagen, aber wer weiß, was in dieser ersten Milch alles drin war, und dann kompletter Filmriss und zack, bist du verheiratet, so schnell kannst du gar nicht gucken. »Wie konntet ihr nur«, schreie ich wütend und enttäuscht, »ich bin doch gerade erst auf der Welt und jetzt schon Hochzeit, wie soll denn das weitergehen, heute Nachmittag dann ins Seniorenheim und abends Wiedergeburt oder was«, doch keiner reagiert.

Alle lächeln weiter und sagen: »Dududu, feinifeinifeini, guckguckguckguck, ja wo isse denn, die Süüüße.«

Nur das braune Ganzkörpertoupet neben mir bemerkt trocken: »Wiedergeburt, warum nicht, im Krankenhaus sind wir ja schon.«

»Für die Witze bin ich hier zuständig«, stelle ich unmissverständlich klar und rufe Mama zu, dass sie mir eine Erklärung schulde, ich hätte sie doch schließlich lieb und sie mich angeblich doch auch, aber sie lächelt nur glücklich und kitzelt mich neckisch am Kinn. Daraufhin wende ich mich an Papa mit der Bitte um schnelle Rückmeldung, doch er zählt ignorant meine Finger und Zehen und sagt begeistert, dass alles dran sei, sogar richtige Nägel.

»Die hören dich nicht«, sagt mein gepiercter Bettnachbar und feilt sich gelassen die Tatzen.

»Das merke ich auch«, rufe ich und schreie lauter.

»Die hören dich nicht«, wiederholt er hartnäckig.

Ich finde ihn arrogant und brülle: »Die haben nur grad keine Zeit! Meine Eltern lieben mich und würden mich nie hängenlassen, dass das klar ist!«

Teddy schweigt.

»Die werden mich schon hören!«, setze ich nach und versuche, an die Vuvuzela ranzukommen, ein Geburtsgeschenk unserer afrikanischen Zimmernachbarin.

»Die verstehen dich nicht«, wiederholt er penetrant, »Erwachsene sprechen keine Babysprache.«

»Was heißt denn hier Babysprache«, empöre ich mich, »ich bin im Mutterleib fünfsprachig aufgewachsen! Mama hat sich richtig Mühe gegeben, an meine Zukunft gedacht und sich Tag und Nacht Kopfhörer mit Bildungs-CDs um den Bauch gespannt. Frühförderung nennt man das, und das macht man heute, wenn man als Mutter was auf sich hält. Ich kann dir alles erzählen über punische Kriege, asklepiadeische Odenstrophen, Mozarts Frühwerk, egal, und du kommst mir hier mit Babysprache, das ist ja lächerlich! Wenn sogar du mich verstehst!«

»Babysprache war Teil meiner Ausbildung«, entgegnet er gelangweilt und beginnt, den Knopf in seinem Ohr zu polieren.

»Was für ne Ausbildung?«, frage ich. »Zum Frauen-gegen-ihren-Willen-Heirater, oder was?«

»Nee, zum Teddy«, erklärt er, während er wie gebannt auf den Hintern des Krankenpflegers starrt, der gerade die Bettwäsche wechselt. Dann raunt er mir ins Ohr, dass er nach dem Willen meiner Eltern von nun an mein Freund sei, aber nur platonisch. Alles andere würde er sich tunlichst verbitten, er sei schließlich schwul, nun sei es heraus, er habe schon immer ausschließlich Interesse an Männern gehabt, und wenn ich was dagegen hätte, könne er auch woanders seinen Job machen.

Mir schwant Böses.

»Moment, Moment, Moment«, rufe ich, »schwörst du, dass du die Wahrheit sagst? Mich kann hier keiner verstehen außer einem sprechenden schwulen Stoffbären?«

»Mein Gott, jetzt hat sie’s«, erwidert er, dreht sich auf die Seite und macht ›Bööööh‹.

»Sonst kann mich hier keiner ...? Aber soweit ich weiß, waren die doch selber mal Babys, da muss doch noch was von da ..., das verlernt man doch nicht.«

»Nein, nicht verlernt, aber sie haben alles vergessen. Mit Eintritt ins Erwachsenenalter wird das ganze Programm gelöscht. Die sprechen auch nicht mehr mit Teddys.«

»Das kann ich verstehen«, murmle ich und sabbere ein bisschen auf unser Ehebett.

Nun ist Teddy beleidigt und sagt unwirsch: »Dann geh ich  jetzt mal, kannst ja sehen, wie du klarkommst«, und versucht, sich durch die Gitterstäbe unserer Koje zu quetschen.

»Nein!«, rufe ich panisch. »So war das nicht gemeint, bitte bleib, und wenn das nur platonisch ist, dann geht das in Ordnung, ich mein, mit wem soll ich denn reden, man muss sich doch auch mal austauschen!«

Und leiser: »Und vielleicht könnte es mit dir sogar ganz nett werden«, und ich lächle, obwohl ich die vielen Haare als Provokation empfinde.

Der Knopf glänzt nun, und Teddy dreht sich um: »Na gut, du bekommst noch eine Chance, ich bin ja kein Unteddy.«

Bevor ich erschöpft einschlafe, höre ich noch ein leises Bööööh, und ich träume von Teddys, die auf Schafen über Zäune springen.

~

Als ich aufwache, ist Teddy immer noch da.

Gott sei Dank, denke ich, man muss doch jemanden zum Sprechen haben, und wenn erst mal die Haare auf dem Rücken weg sind, geht das auch ästhetisch.

Hektisch krame ich nach einem Epiliergerät, doch ich finde keins und blicke suchend im Raum herum. Papa und Mama sind zum Glück immer noch da, sie scheinen mit dem rosafarben gestrichenen Krankenhauszimmer gut zurechtzukommen.

Ich fühle mich bei ihnen geborgen, und es könnte alles wunderbar sein, riefe Mama nicht den ganzen Tag: »Ich bin die Mama! Und der Mann ist der Papa, und wir sind jetzt eine ›richtige‹ Familie, hörst du, ich bin die Mama!«

Irritiert überlege ich kurz, ob es möglicherweise schöner sei, Mitglied einer ›falschen‹ Familie zu sein, da geht die Tür auf.

Na so was. Methusalems Eltern kommen herein und dürfen mich anfassen.

Das seien Opa und Oma, ruft Mama begeistert, und die Oma sei ihre Mama genauso wie sie selbst meine Mama sei. Bin überrascht und vergleiche Mamas Körpergröße mit Omas Bauch. Teddy sieht meinen skeptischen Blick, will sich vermutlich mit mir anfreunden denn er ruft ihr zu, wohlweislich, dass Mama ihn nicht versteht: »Da hast du nie im Leben reingepasst, du Pinocchio-Schlampe.«

Ich antworte: »So sprichst du nicht von meiner Mama!«, muss aber ungewollt in mich hineinkichern. Das Eis ist gebrochen.

Oma und Opa tätscheln eine Weile an mir rum und sagen dabei die ganze Zeit »Dutzidutzidutzi« oder »Schnupsischnupsischnupsi«.

Verwundert sage ich zu Teddy: »Irgendwie mag ich die beiden, auch wenn sie sprachlich nicht die Kompetentesten zu sein scheinen.«

Teddy grinst, während die alten Leute nun sagen: »Jajajajajajajajadududududu.«

Bin überrascht und suche weiter nach Erklärungen: »Vermutlich sind die beiden Ausländer oder schlechte Ernst-Jandl-Imitatoren, was meinst du, Teddy?«

Lakonisch erwidert er: »Dann such ich jetzt mal den kotzenden Mops, um die Sache zu klären.«

Die Idee gefällt mir, und ich will ihm helfen, doch die Einzige, die sich übergibt, bin ich.

Mamas weiße Plörre, die ich eben noch mit großer Kraftanstrengung ihrer Brust abgetrotzt habe, benetzt flächendeckend Opas Anzug sowie Brille, woraufhin der alte Mann leise flucht, um dann in seinen Bart hineinzubrummeln, dass das ja wohl kein Wunder sei und er so was auch nicht trinken würde, haha, er würde mir jetzt was vom Pizza-Taxi bestellen, da gäb’s auch Bambini-Pizzen mit Gesichtern drauf, das liebten doch nun wirklich alle Kinder.

Oma verdreht die Augen und schweigt hörbar.

Das Baby kriege jetzt ausschließlich Vormilch, mischt sich die Steiner-Freundin ein und wedelt mit Mamas Brust vor mir herum, aus der sie wütend ein dünnes Rinnsal trüben Wassers quetscht. Ich finde das unappetitlich und bin enttäuscht, dass Mama sich nicht mehr Mühe gibt. Trotzig verweigere ich die Nahrung, denn Haute Cuisine ist mit Sicherheit was anderes.

Opa sieht mein Gesicht und wiehert, er habe es doch gewusst, ich sei ein intelligentes Mädchen, kein Wunder, bei dem Großvater, Vormilch, das sei ja wie alkoholfreies Bier, nur noch schlimmer. Ich beschließe, mich in einem unbeobachteten Moment von ihm adoptieren zu lassen.

~

Vormilch. Die ersten fünf Tage soll das nun mein Essen sein, behauptet die Hebamme, dann käme die Hauptmilch dran. Bin ehrlich entsetzt über diese schlechte Grundversorgung und vermisse plötzlich meinen Mutterkuchen.

Neun Monate lang war er mein bester Freund, mein einziger richtiger Freund. Er konnte zuhören wie sonst keiner da drin, das war etwas ganz Besonderes, ich gebe zu, nicht jeder hat so ein Glück mit seinem Mutterkuchen. Lange Zeit dachte ich, er könne dichthalten wie sonst keiner und würde mir immer beistehen und mich nähren, doch kaum aus der engen Behausung gekrochen und den Duft der großen Freiheit geschnuppert, ist er einfach verschwunden und hat mich allein gelassen. Er hat mal von seinen guten Kontakten zur Bild-Zeitung gesprochen, doch das habe ich nicht ernst genommen. Ich meine, welcher ordentliche Mutterkuchen hat schon Kontakte zur Presse, diese Sensationsjournalisten haben doch weiß Gott anderes zu tun.

Und nun das. Bestimmt sitzt der feine Herr Plazenta jetzt in der Redaktion und verschachert exklusiv meine Homestory, man kann sich ja wirklich auf keinen mehr verlassen.

Jetzt sitze ich hier fest, handlungsunfähig und zum Trinken von weißer Plörre verdammt.

Dagegen muss Guantanamo ein Ponyhof sein.

Langsam werde ich richtig sauer. Die glauben tatsächlich, mit mir kann man’s machen. Ungeduldig warte ich auf Hauptund Nachmilch und sauge wie verrückt.

Nichts.

In der Hierarchie bin ich offensichtlich ganz unten angelangt.

»Ganz unten«, erklärt Teddy, »ist nur Günter Wallraff«, und er haut mir auf die Schulter und ruft fröhlich, Lehrjahre seien nun mal keine Herrenjahre.

Finde das schwer zu verstehen, wo mir doch eigentlich jeder weismachen will, was für ein Wunder ich sei und dass so was aus so was entstehe, könne man ja gar nicht glauben, manche würden ja jahrelang, und ach, das sei ja auch egal, sie seien einfach gerührt, und jetzt sei ich ja da, ein Mädchen, auch gut, Hauptsache gesund, und ob ich denn viel schreie.

Jaaah, rufe ich, denn selbst in der schlechtesten Mensa gebe es drei Auswahlessen, und wenn ich nicht gleich auch etwas bekäme, dann könnten sie gar nicht genug Schallschutzwände aufbauen, letzte Chance! Doch ich verstumme unter dem Medusenblick der Anthroposophen-Hebamme, beuge mich der Gewalt und sauge Mamas Nippel zu Pershings.

Nichts passiert.

Die Brust sei wohl kein Vier-Sterne-Koch, dröhnt Opa verlegen, und die Hauptmilch wohl nicht im Kader, haha. Ich pflichte ihm bei und frage mich, wie man so Geschmack entwickeln soll.

Außerdem sei Papa bestimmt auch immer sauer, wenn’s bei Mama nur ein Vorspiel gibt, setzt Opa noch einen drauf, woraufhin die Hebamme sagt, er solle bitte sofort das Zimmer verlassen, sie müsse jetzt Mamas Ute untersuchen.

»Ute?«, fragt Mama.

»Uterus«, erklärt die Hebamme, genervt von so wenig sprachlicher Kreativitätskompetenz seitens meiner Mutter, in Professor-Feuerzangenbowle-Kreil-Ton, sie kürze eben gern ab, das sei so ein Tick von ihr, außerdem klänge Ute ja wohl auch viel weiblicher als der medizinisch korrekte und sicher von einem Mann erfundene Fachbegriff.

Mama verdreht die Augen, und ich langweile mich ohne Opa. Fühle mich oral unterversorgt und schreie los. Mama hält sich die Ohren zu, doch Papa behauptet nicht ohne Stolz in der Stimme, Mia schreie ja inbrünstiger als Deep Purple bei Child in Time. Ich beschließe, das als Lob zu werten, und gebe eine Zugabe.

Doch plötzlich werde ich unterbrochen. Mein ganzer Körper kommt in Bewegung, und es brummelt in meinem Bauch. Irgendetwas schiebt sich durch meinen Leib und plumpst in meine Windel.

Mama kreischt vor Freude, öffnet die Windel und ruft: »Das Kindspech! Das Kindspech ist da!«, und ich wundere mich noch, wie man sich über Pech so freuen kann, da zeigt mir Mama den Grund ihres Gefühlsausbruchs: In der Windel liegt eine zähe, dunkle Masse, die sich aus einem Loch an meinem Popo abgesetzt hat. Ich bin entsetzt.

»Ja, das ist das Mekonium«, sagt die Hebamme trocken. »Da wischen wir jetzt mal den Popo ab und schmeißen die Windel weg.«

»Kommt gar nicht in Frage«, ruft Mama. »Die behalte ich!«

Sie schnappt sich ihre Handtasche, zieht einen Gefrierbeutel heraus und verschließt die Windel luftdicht.

Teddy dreht sich pikiert weg. Die Hebamme ist fassungslos und ich ebenfalls, aber Mama hat so ein Leuchten im Gesicht, dass keiner von uns beiden sich traut, ihren psychischen Zustand in Frage zu stellen. Kopfschüttelnd erklärt Gudrun-Rudolf-Steiner Wiebkötter noch, das Kindspech sei doch noch gar kein richtiger Stuhlgang, der käme erst in den nächsten Tagen, das Mekonium bestünde aus Schleimhautprodukten, Gallenabsonderungen und durchs Fruchtwasser geschluckten Hautzellen und hätte sich bereits im Mutterleib im kindlichen Darm gebildet.

So was trage ich schon die ganze Zeit in meinem Leib, igitt, denke ich, und ›Stuhlgang‹, was soll das sein, wandern da Sitzmöbel durch meinen Darm, so groß ist der doch gar nicht.

Die Welt ist ein Mysterium, und ich weiß nicht, ob ich damit einverstanden bin.

2. Es gibt einen Grund,warum Tiere nicht singen

Schon seit zwei Tagen machen wir uns nun im Familienzimmer breit und haben jede Menge Besuch. Ich schreie nuanciert und häufig, und das macht mir großen Spaß, die Begeisterung von Mama und Papa lässt jedoch rapide nach, aber Familie ist Familie, da kommt jetzt keiner mehr raus.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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