FUGUE - Christoph Thomas Trick - E-Book

FUGUE E-Book

Christoph Thomas Trick

0,0

Beschreibung

Der spätabendliche Anruf eines angeblich alten Schulkameraden wirft Thomas Bühlers Leben kräftig aus der Bahn. Der arbeitslose Journalist und Trinker wird von dem Anrufer für einen Privatdetektiv gehalten. Und so nimmt er den Auftrag an, dessen Frau zu observieren. Kurze Zeit später wechselt er die Fronten. Schnell stellt sich heraus, dass er in eine Art überaus gefährliches wie raffiniert gestricktes Katz-und-Maus-Spiel geraten ist. Was ist dabei Realität, was Fiktion? Was hat das Ehepaar mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun? Immer tiefer gerät er in einen Strudel voller mysteriöser und nur auf den ersten Blick scheinbar zufälliger Ereignisse. Und so muss Bühler letztlich erkennen, dass man nicht ewig vor seiner eigenen Geschichte flüchten kann.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Moral ist ein privater und teurer Luxus.“

Henry Adams (1838 bis 1918)

Die Moral ist mitunter so unmoralisch, wie nur die Unmoral moralisch sein kann.

Der Verfasser

Meiner geliebten Frau Monica gewidmet.

Dank meiner Schwiegermutter für ihre großartige Unterstützung.

Inhaltsverzeichnis

Eigentlich wollte er nichts

Am nächsten Morgen schreckte

In jenen Augenblicken, in denen

Am nächsten Morgen stand Bühler um

Stuttgart also. Das erschien ihm besser

Am darauffolgenden Tag

Einige Stunden später

Es war bereits früher Abend

Keine zwei Minuten später

Bühlers Leben hatte eine Wendung

So also passierte es

Kemmler kam schneller als erwartet heraus

Eine Woche später folgte

Rom funkelte. Es war ein einziges

Während der darauffolgenden Tage

Dem nächsten Tag maß Bühler

Es war bereits spätabends

Nichts war somit vorbei, und einiges

So löschte also ein Mord gleich

Eine knappe halbe Stunde später

Gut zwei Monate später

Eigentlich wollte er nichts mehr oder zumindest nicht mehr viel von dieser Welt wissen. Er war das, was man landläufig als gescheiterte Existenz bezeichnet, und in seinem Innern war schon nahezu kein Aufruhr mehr. Aber dann klingelte eines späten Abends sein Telefon, weit nach dreiundzwanzig Uhr, ein für ihn eigentlich untragbarer Zustand, solch ein unverschämt später Anruf. Aber so nahm eine Geschichte ihren Lauf, seine Geschichte, und sie würde ihm zeigen: Alles folgt einer stringenten Ordnung, einem vorgegebenen Faden, der dennoch Chaos und Zufall zugleich ist. Oder gaukelt er uns dies bloß erfolgreich vor? Für ihn jedenfalls war das so.

Bühler stand gerade vor dem Badezimmerspiegel und schob sich Zahnseide zwischen die Zähne. Verwundert über den späten Anruf eilte er aus dem Bad hinaus und ins Wohnzimmer hinein, wobei er beinahe über einen vergilbten, staubigen Läufer gestolpert wäre. Hektisch hob er den Hörer ab, aber niemand meldete sich oder wollte sich melden. Er dachte, jemand habe soeben festgestellt, es sei die falsche Nummer. Er schritt somit leicht verärgert zu seiner Zahnpflege zurück. Mühsam zog er den Faden durch enge Zahnzwischenräume, freute sich auf seine Gute-Nacht-Lektüre, etwas Philosophisches, etwas über den Unsinn der Moral und den Sinn der Unmoral, darüber, wie beide einer stringenten Ordnung folgen. So ganz verstand er es nicht. Doch interessierte ihn, was dahinterstecken mochte, und er war fasziniert von dem Gedanken, dass die eigentliche Moral im Leben die Unmoral sei. Dass aus dem unmoralischen Tun das fruchtbare Chaos erwachse. Solche wirren philosophischen Gedanken schwirrten gerade durch seinen Kopf, als es erneut läutete.

Bühler bekam zu jener Zeit nur selten Anrufe. Wenn überhaupt, rief seine Mutter und noch seltener als diese sein Verlegenheitsverhältnis Jutta an. Allerdings nie zu solch später Uhrzeit. War somit etwas Schlimmes passiert?

Er zögerte. Doch dann trieb ihn die Neugierde. Instinktiv spürte er, dass ihn dieser Anruf aus seiner momentanen Agonie holen könnte. Denn er war bereits seit längerem arbeitslos, ihm fehlte jede Perspektive oder auch nur ein entschlossener Blick in eine andere Zukunft. Mit anderen Worten: Er schlitterte gerade durch eine handfeste Identitätskrise. Dank der Arbeitslosigkeit, die ihm mehr zusetzte, als er sich selber gegenüber zugab, hatte er mit dem Trinken begonnen, vorwiegend Rotwein und Bier, das erste Glas trank er stets nahezu auf Ex, noch zitterten die Hände dabei nicht. Nie hätte er zuvor gedacht, dass ihm eines Tages das schäbige Verlies von einem Büro einmal abgehen würde. Ein kaum acht Quadratmeter großer Raum mit angeschimmeltem grauem Teppich und nach Plastik stinkenden Resopalmöbeln. Auf dem Schreibtisch seiner kümmerlichen Arbeitsstätte vegetierte ein Gummibaum vor sich hin. Ein ganz erstaunliches Gewächs, denn weder wuchs noch schrumpelte das Bäumchen, egal ob er ihn goss oder düngte oder nicht. Diese Pflanze erschien ihm wie eine Analogie zu seinem Leben. Er verharrte auf der Stufe eines Lokaljournalisten, in einem Büro, welches dazu geeignet war, auch im Hartgesottensten irgendwann einmal Depressionen auszulösen. Er hielt dem stand wie sein Ficus elastica, den ihm seine Mutter einst zum Bezug dieser Zelle geschenkt hatte. Er hielt dem so lange stand, bis sie ihm seinen knarzenden Stuhl vor die Tür setzten. Den Gummibaum nahm er mit, stellte ihn zu Hause auf das Fensterbrett im Wohnzimmer. Für immer Schicksalsgenossen.

Nun hob er den Hörer ab und blickte dabei in schlechte Gedanken an diese Vergangenheit versunken auf die robuste, scheinbar so gleichgültige Pflanze mit den ledernen, wie gewachst glänzenden dunkelgrünen Blättern.

„Hallo, hier Thomas Bühler.“ Es klang wenig selbstbewusst, eher verunsichert, beinahe wie eine Frage sprach er diese Worte aus. Er bekam erneut keine Antwort. Er war wohl einem dieser Spaßvögel aufgesessen, die Freude daran haben, harmlose Bürger mit Hilfe nächtlichen Telefonterrors zu drangsalieren. Verärgert sah er aus dem Fenster, blickte auf die Straße hinunter. Dort stand auf der anderen Seite im zylinderartigen, spärlichen gelben Lichtkegel einer Laterne ein rauchender Mann. Der Regen perlte sanft an ihm herab. In der linken Hand hielt er ein Handy, und er trug einen Trenchcoat unbestimmbarer Farbe, hatte dazu einen etwas antiquiert wirkenden Borsalino auf, von dem das Wasser in dünnen Rinnsalen herunterlief. Dass er und sein feiner Hut nass wurden, schien ihm nichts auszumachen, als sei etwas anderes wichtiger. Der Typ strahlte, solchermaßen aufgemacht und nachts im Regen stehend, etwas Humphrey-Bogart-mäßiges auf ihn aus. Bogi schien ihm somit zum Greifen nah, und Bühler meinte, der Typ stecke in seinem eigenen Trenchcoat, der jedoch im Kleiderschrank in seinem Schlafzimmer hing. Gerade als Bühler das Fenster öffnen und herausrufen wollte, ob er womöglich der lästige Störenfried sei, schmiss der Mann mit einer lässigen Handbewegung, einer, als wolle er eine Fliege verscheuchen, die Kippe in den Rinnstein, steckte das Mobiltelefon ein und marschierte in moderatem Tempo davon. Er tauchte jedoch kurz darauf unter der nächsten Laterne auf, wurde wiederum eine Sekunde später endgültig von der Dunkelheit verschluckt. Bühler schloss leicht besorgt wie irritiert das Fenster, ging zurück ins Bad, beendete endlich seine Dentalpflege und setzte sich auf die Toilette. Es plätscherte munter auf die Porzellanschale, als das Telefon zum dritten Mal klingelte.

Er hätte nicht hingehen sollen. Auch wenn es ihn aus seiner Apathie reißen sollte. Denn so begann eine ganz und gar mysteriöse Geschichte. Eine, die sein bisheriges, zugegebenermaßen nicht sonderlich aufregendes oder erfolgreiches Leben aus der Bahn brachte. Genauer überlegt war es somit richtig, dass er hinging. Alles ist letztlich ein zweischneidiges Schwert.

Ob dies gut oder schlecht war, steht nicht zur Debatte. In jedem Fall jedoch sollte sich ihm fortan die Kernfrage des Buches auf seinem Nachttisch stellen: Wie moralisch oder wie unmoralisch muss oder darf man sich als Mensch verhalten?

Bühler eilte also verärgert ins Wohnzimmer zurück. Auf dem eingeschalteten Mobiltelefon versuchte es dieser ominöse Plagegeist erst gar nicht. Seine Handynummer besaß er somit wohl nicht. Also sicher ein Unbekannter. Kurz überlegte Bühler, ob er aufgeben würde, wenn er einfach nicht mehr an den Apparat ginge. Doch siegte die Neugierde, er hob ab – und stürzte damit in ein Labyrinth ihm nicht klarer Ereignisse.

„Thomas Bühler, hallo?“

Ein Knacken in der Leitung. Gerade, als er wieder einhängen wollte, ertönte eine krächzende Stimme: „Thomas, alter Knabe!“

Eine ihm unbekannte Stimme sprach ihn so vertraut an, als kenne sie ihn seit früher Kindheit.

„Entschuldige bitte, ich habe schon einige Male angerufen, und wieder aufgelegt, weil … nun, weil ich unsicher war, ob ich …“, die unbekannte Stimme duzte ihn vertraut, sie klang souverän, irgendwie gut vorbereitet, sie machte den Anschein, als kenne sie ihn tatsächlich.

„Thomas, nach so langer Zeit, da habe ich eben ein paar Anläufe gebraucht. Meine Güte, ich habe dir ja nicht mal meinen Namen genannt, oder habe ich das?“ Der Mann sprach monoton, er modulierte in keinster Weise. Für Bühler wohnte dieser Stimme etwas Bedrohliches inne.

Habe ich nicht, was? War diese Zerstreutheit gespielt? „Entschuldige, Kemmler, Ulrich Kemmler. Na, geht dir ein Licht auf, erinnerst du dich jetzt?“

Er hatte keine Ahnung.

Eine sonore, monotone, ihm durch und durch unsympathische Stimme.

„Mensch, Thomas, die Schulzeit! Das Theodolinden-Gymnasium!“

Weiterhin keinen blassen Schimmer.

„Thomas, dein Sitznachbar aus den stinklangweiligen Stunden im Fach Wirtschaft. Weißt du das nicht mehr?“

Ihm fiel dazu ein: Er war wohl tatsächlich auf diesem Gymnasium gewesen. Eine Erinnerung, die er am liebsten verdrängte. Woher wusste dieser Kemmler das?

„Wirtschaft habe ich als Wahlfach gar nicht belegt.“

„Meine Güte, kann sein. Dann war es Biologie, ist ja so lange her, beim alten Pauker Rainald.“ Die Stimme klang nach wie vor metallisch oder blechern, wie von sehr weit entfernt. Bühler dachte: Wer, bitte schön, war dieser Rainald? Und er schloss endgültig daraus, dieser Anrufer sei ein Verrückter. Einer, der sich einen Spaß daraus macht, unbescholtene Bürger nach elf Uhr abends mit erfundenen Anekdoten aus der Schulzeit zu verunsichern. Wie lange war das her, das Abitur? Fast fünfunddreißig Jahre. Womöglich erinnert man sich da nicht mehr an alle Namen, und schon gar nicht an alle Stimmen. Das beruhigte ihn für den Moment. Wieder krachte und knackste es in der Leitung. Blechern. Weit weg, als würde jemand aus dem Äther zu ihm sprechen. Geradezu unheimlich. Sicherlich war dafür die Telefongesellschaft verantwortlich, sie rissen womöglich in der Nähe mal wieder Straßenbeläge auf, verlegten neue Glasfaserkabel. Und so klang dieser merkwürdige Typ wie aus einer anderen Welt. Kannte er ihn doch? Hatte er da etwas verdrängt? Bisweilen tun wir Menschen dies gerne, warum sollte Bühler da eine Ausnahme sein. Er hielt den Hörer in der Hand und wusste nicht, was tun. Kemmler sagte nichts mehr. Gerade als er zu einigen Worten ansetzte, kam ihm sein angeblicher Schulkamerad jedoch zuvor. „Thomas, über die alten Zeiten sollten wir mal in Ruhe reden, auf ein Bier. Aber weshalb ich nach so vielen Jahren bei dir anrufe, hat einen anderen Grund.“

„Ja?“

Wieder eine ausgedehnte Pause. Gerade als er dachte, der Anrufer wäre aufgrund der vorgerückten Stunde eingeschlafen oder habe für ihn unhörbar aufgelegt, sprach dieser scheppernd durch den Äther weiter: „Thomas? Bist du noch dran?“

„Ich kenne Sie nicht. Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.“ Seinen Worten fehlte die Überzeugungskraft. Er klang unentschlossen und unsicher zugleich – aber auch neugierig. Für ihn besaß die Szene etwas Lemurenhaftes, das Ganze war für ihn noch gespenstischer als der Mann kurz zuvor unter der Laterne, dessen Stimme er jetzt womöglich hörte.

„Also, wir könnten uns, finde ich, ruhig duzen“, nahm sich die Stimme nun heraus. Eine Anmaßung. Bühler konnte förmlich das spöttische Lächeln im Gesicht des Typs mit der tiefen Bassstimme sehen.

„Hör mal, Thomas, ich habe Bernd angerufen und ihn gefragt, ob er einen guten Privatdetektiv kennt. Bernd sagt dir jetzt vermutlich auch nichts? Der war in unserer Abiturklasse, in Biologie war er mit uns zusammen. Das Sportass Bernd Meier, der schnellste Schüler, den es je auf unserer Penne und überhaupt in ganz Bayern gab. Die hundert Meter ist der unter elf Sekunden gelaufen, du warst auch nicht gerade langsam, daran musst du dich doch erinnern!“

Bühler hatte keinen Schimmer. War Biologie eines seiner Leistungsfächer gewesen? Nicht mal das war ihm in diesem Moment klar. „Nein, der Name Bernd Meier sagt mir nichts, tut mir leid.“

„Gut, lassen wir das. Wusste allerdings nicht, dass die Schulzeit für dich derart schlimm gewesen ist. Du leidest ja diesbezüglich an einer partiellen Amnesie. Wahrscheinlich treibst du aber deinen Spaß mit mir. Soll mir egal sein. Skurriler Humor gefällt mir.“

Bühler hielt den Hörer fest umklammert. Er fühlte sich schwach und übertölpelt. Er brachte gar nicht die Energie für die Frage auf, wieso ausgerechnet er ein Privatdetektiv sein sollte. Sein Blick fiel auf die Hausbar, doch wagte er nicht, mit dem Hörer in der Hand dorthin zu gehen, als würde ihn dieser Fremde so auf der frischen Tat des Süchtigen ertappen, als wäre es eine Schwäche, sich in Anbetracht solch eines spätabendlichen Gespräches einen zu genehmigen.

„Ich kenne keinen Detektiv, und schon erst recht keinen, der auf den Namen Bühler hört.“

„Das ist lustig, wirklich lustig. Und herrlich ironisch.“ Es folgte ein ganz und gar metallisches Lachen, das genau zu den akustischen Störungen passte.

„Was ist so lustig?“ Bühler fühlte sich zunehmend unbehaglich. Da die Antwort auf sich warten ließ, blickte er jetzt, statt zur Hausbar, gedankenverloren an sich herunter. Was er sah, missfiel ihm: einen kleinen, dem Alkohol geschuldeten Bauchansatz, den dunkelbraunes Haar überwucherte, darunter ein eingeschrumpeltes Glied. So bemerkte er gleichzeitig auch: Er stand vollkommen nackt im Wohnzimmer, während er mit einem offensichtlich Irren sprach. Das schuf eine merkwürdige Art von Intimität zwischen seinem Gesprächspartner und ihm. Irgendwie kam ihm die ganze Szene schlicht grotesk vor.

„Also, Thomas, er hat mir gesagt, wenn du einen guten Privatdetektiv suchst, dann weiß ich einen. Einen, den du bereits kennst. Und er nannte mir deinen Namen, gab mir deine Nummer.“

Es ging auf Mitternacht zu. Bühler pflegte sich zu dieser Uhrzeit bereits nach einem letzten Schlummertrunk dem Dämmerschlaf hinzugeben. Das Gewohnheitstier war todmüde. Er wollte nicht mehr mit diesem Spaßvogel sprechen. Und nicht im Mindesten hatte er Lust auf umständliche Erklärungen. Er sollte ihm besser mit Nachdruck erklären, er wäre bedauerlicherweise kein Detektiv, sondern vielmehr ein redlicher Journalist. Bühler hatte schließlich viele Jahre bei einer namhaften Münchner Tageszeitung als Lokalredakteur und eine Zeit lang in der überregionalen Redaktion geschuftet, bevor man ihn einfach mitsamt seinem Gummibaum an die Luft gesetzt hatte. Davon wenigstens verstand er etwas. Aber Privatschnüffler? Von diesem Metier hatte er keine Ahnung. Aber eigentlich ging das diesen Kemmler rein gar nichts an.

Also besser wieder Schweigen.

„Na, keine Antwort ist auch eine Antwort“, meldete sich prompt die Stimme aus dem Äther. „Egal, ich will deine Dienste in Anspruch nehmen.“

Ganz allmählich sah er eine Angel mit einem Köder. Womöglich hing sogar ein fetter Köder daran, warum sollte er nicht anbeißen? Schließlich hatte er ja viel Zeit – und wenig Geld.

„Ja, und in welcher Angelegenheit?“ Das war unverfänglich und somit keine direkte Lüge. Von Kriminellen, von Mord oder Totschlag, von Diebstahl oder Betrug, ja nicht einmal von Ehebruch (Bühler lebte aus Überzeugung heraus ledig) hatte er eine Ahnung. Aber man würde ja sehen. Mit eigenwilligen, ein wenig verrückten Menschen hatte er schon eher Erfahrungen gemacht, angefangen bei seiner Mutter, die fast ihr ganzes Leben lang trotz zuweilen massiver Depressionen wie besessen geschuftet hatte. Im Akkord gewaschen, gebügelt, gemangelt hatte sie, so lange, so intensiv, bis nicht nur ihr Äußeres, vielmehr auch ihr Inneres buchstäblich abgeschmirgelt war. Das hatte sie krank gemacht. Und er durfte sich ihre zuweilen regelrecht irren Gedanken anhören.

„Thomas. Wie gesagt, sorry, dass ich so spät noch bei dir angerufen habe. Aber es ist dringend, die Sache erlaubt keinen Aufschub.“

Die Sache erlaubt keinen Aufschub? Nun wurde ihm doch unbehaglich zu Mute. Nicht zuletzt, weil sein ganzes bisheriges Leben ihm wie ein einziger Aufschub vorkam.

„Hör mal, also, wenn du keine Zeit hast, an einem anderen Fall arbeitest oder gerade morgen in Urlaub fahren willst, sag es ruhig. Ich zahle allerdings gut. Nein, ich muss sagen, sehr gut.“

Ein Spinner, der vorgab, er kenne ihn von der Schule, und der sehr gut bezahlen wollte. Wo sollte das hinführen? Oder kannte er ihn womöglich doch, nun fiel ihm der Name schon nicht mehr ein … Er vergaß schnell in letzter Zeit, sein Kurzzeitgedächtnis lief unrund, doch wollte er dies nicht auf den offensichtlich momentan viel zu großen Alkoholkonsum schieben. „Wie sagten Sie, heißen Sie gleich noch?“

„Wirklich lustig. Das Kerlchen hat Humor. Ulrich Kemmler, und dies seit meiner Geburt, also hör schon auf damit“, die Stimme tönte jetzt ein paar Oktaven höher und zudem leicht verärgert.

„Thomas! Komm doch bitte morgen Nachmittag zu mir nach Hause. Wäre dir fünf Uhr recht? Ginge das? Es ist mir wirklich wichtig.“

Somit eben ab sofort Privatdetektiv. In Gedanken schnalzte er förmlich mit der Zunge, denn er sah das Geld vor sich, der Rest würde sich schon ergeben, er würde die plötzliche Metamorphose hin zum Detektiv schon meistern.

„Gut, genug der Scherze. Deine Adresse bitte.“

„Authierstraße 28 in Harlaching, nicht weit von unserem Gymnasium. Das Haus kennst du doch noch, du warst einige Male bei mir. Damals hat es noch meinen Eltern gehört. Gott, du weißt das wirklich nicht mehr … na gut, ist lange her, inzwischen sind sogar schon unsere beiden Kinder ausgezogen“, die Stimme klang nun statt gereizt eher konsterniert, als sei er erschöpft von den umständlichen Ausführungen und genervt von den Gedächtnislücken (dieses Mal betreffend das Langzeitgedächtnis seines Mitschülers von einst).

Was hatte es mit dieser Sache auf sich? Er könnte einfach auflegen und bis auf Weiteres nicht mehr an den Apparat gehen. Warum unterdrückte der angebliche alte Schulkamerad seine Rufnummer (auf dem Display erschien „Unbekannt“)? Unbekannt. Das passte. Obwohl er grollendes Unbehagen darüber verspürte, sagte Bühler: „Gut, in Ordnung, ich werde pünktlich da sein“, wartete erst gar keine Antwort ab und hängte ein.

Er stand splitternackt in seinem Wohnzimmer und glaubte, gerade habe jemand eine lediglich oberflächlich verheilte Wunde aufgerissen. Es blutete, doch Bühler wusste solche Wunden schnell zu schließen.

Zuweilen geschehen merkwürdige Dinge mit uns. Jeder kennt so etwas. Wir alle sind eben bloß ein Staubkorn im Universum, wir alle wissen nicht, was man warum mit uns vorhat oder nicht. Ein ominöser Anruf wie dieser ist da keine Ausnahme.

Bühler stand also vor seinem Schreibtisch und massierte seinen zart gewölbten Bauch. Die Schulzeit und das Abitur. Das war erledigt. Und niemals war er danach zu einem dieser peinlichen Klassentreffen gegangen. Er dachte immer, so etwas würde ihn nur langweilen. Kein Bedürfnis, ehemalige Mitschüler, denen langsam die Haare ausgingen, oder Mitschülerinnen, die ihre schwangeren Bäuche triumphierend zur Schau stellen würden, zu umarmen und mit ihnen über dämliche Streiche, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht oder sadistische Lehrer zu reden. Sein eher mittelmäßiges Abiturzeugnis einmal in Händen, war für ihn das Kapitel Schulzeit abgeschlossen. Die daraufhin auf ihn einprallenden, zahllosen Möglichkeiten des Lebens hatten ihn erschreckt. Er wusste weder, was tun, noch wohin. Schließlich leistete er seinen fälligen Wehrdienst bei einem Sanitätsbataillon ab, es folgte eine todlangweilige Lehre als Verlagskaufmann, gefolgt von einem Volontariat bei einer bekannten Münchner Tageszeitung. Wenigstens das gefiel ihm. Er liebte die Recherche, gleich worum es ging, gerne steckte er seine Nase in Dinge, die ihn sonst eigentlich nichts angingen. Vielleicht lag darin nun der Schlüssel für einen erfolgreichen Hobby-Privatschnüffler.

Bühler stand in diese Gedanken verloren vor seinem Wohnzimmertisch, betrachtete ein weiteres Mal sein schlaffes Glied, und bei diesem deprimierenden Anblick entschloss er sich zum Rückzug ins Schlafzimmer. Dort zog er sich Boxershorts an, schlurfte zurück ins Wohnzimmer, schaltete seinen auf einem kleinen Glastisch stehenden Computer ein und googelte unter Privatdetektiv. Er las zuerst über einen angeblich total abenteuerlichen Beruf, doch an anderer Stelle stand genau das Gegenteil, erfuhr danach etwas über spezielle Einsatzmittel, über Teamobservationen, über die Suche nach vermissten Personen, über Schutz vor Erpressung, effektive Abschreckung bei Stalking, Beweissicherung durch modernste Methoden … Doch half ihm das alles wenig. Wie sollte er da bis zum Nachmittag des darauffolgenden Tages einigermaßen glaubhaft einen Privatdetektiv spielen können? Enttäuscht fuhr er den Computer herunter, zündete sich eine Zigarette an. Da fiel ihm der Name Kemmler wieder ein. Rauchend ging er zum Einbauschrank und fischte das Münchner Telefonbuch „A–K“ aus dem Regal. Fieberhaft suchte er unter „K“, fand einige Kemmlers, darunter jedoch keinen Anton, bis Asche auf den Teppich fiel und er seinen Irrtum bemerkte. Ulrich, nicht Anton hatte dieser sich genannt. Und tatsächlich fand er einen Ulrich Kemmler, genauer gesagt einen Doktor Ulrich Kemmler und eine Patricia Kemmler, Authierstraße 28, Rufnummer 6402379.

Er existierte also. Die so sparsam modulierende Stimme besaß sogar einen Doktortitel, während er selbst nicht einmal studiert hatte. Sein Leben kam ihm wieder einmal mehr so nutzlos vor. Diesen Kemmler redet man respektvoll mit Herr Doktor an! Sicher ist er vermögend, wenn nicht sogar reich, er jedoch nur ein armer Schlucker. Er hatte eben einfach zu wenig aus seinem Leben gemacht. Doktor also – vermutlich der Ökonomie, der Betriebs- oder der Volkswirtschaft. Kemmler hatte ja am Telefon über den angeblich gemeinsam absolvierten Leistungskurs Wirtschaft gesprochen. Ein Schulkamerad also, seinetwegen. Einer, der nach fünfunddreißig Jahren plötzlich aus der Versenkung auftaucht und ein Leben im Superlativ führt. Ein Karrierist, während er es gerade einmal zum Lokalredakteur gebracht hatte.

Er würde am nächsten Tag zu ihm fahren. Er würde pünktlich auf die Minute erscheinen und sich als der gewünschte Privatdetektiv ausgeben. Welch eine Posse, eine Scharade würde das werden. Nun, man würde ja sehen. Der Doktor würde ihm stolz sein Haus und Fotografien seiner wohlgeratenen Kinder sowie von seiner sicher adretten Frau zeigen und sich danach lachend auf die Schenkel klopfen, einen regelrechten Lachanfall bekommen, ihm glucksend sagen, nun sei es aber gut, genug gescherzt. Er sei informiert über ihn, den nutzlosen Schreiberling, arbeitslos und unverheiratet. Nicht einmal ein Kind habe er in die Welt gesetzt. Und so habe er sicher Zeit genug, denn er plane eine große Jahrgangsfeier der Schulklasse, und die solle er für ihn organisieren. Bloß: Bühler kannte keinen Kemmler, und dabei blieb es.

Bei diesen Gedanken fröstelte ihn plötzlich, er trug ja bloß Boxershorts. Bühler ging ins Schlafzimmer, zog sich ein Unterhemd über und schlurfte zurück. Er entflammte eine weitere Zigarette und glaubte im Widerschein der bituminösen Flamme für einen winzigen Moment, eine Art Nanosekunde, er sehe tatsächlich eine Gestalt über den Flur huschen. Kein Zweifel, jemand war in seiner Wohnung. Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, löschte das Licht, stand hinter der Tür und lauschte in den Flur hinaus. Das konnte nur der Kerl in dem Trenchcoat sein. Was, wenn er dieser Kemmler wäre, und jetzt stand er auf dem Flur, sah die vergilbte Tapete, die nur noch eine Ahnung von einstiger Farbe trug, verblasst und solchermaßen passend zu Bühlers Leben, und genau dort stand dieser Fremde jetzt, denn er besaß die Angewohnheit, unbemerkt in Wohnungen einzudringen und genüsslich abzuwarten, wann man ihn entdeckt. Ein Verrückter, ein Psychopath. Oder war es womöglich gar kein Fremder, vielmehr jemand, mit dem er eine Rechnung offen hatte? Doch nicht das leiseste Geräusch ließ sich vernehmen. Bühler wartete noch ein Weilchen, bis er sich auf den Gang hinaus und von diesem ins Badezimmer traute. Dort war offensichtlich auch niemand, und so knipste er das Licht aus. Deprimiert wie erleichtert zugleich ging er in sein Schlafzimmer, schlüpfte aus den Shorts und zog das Unterhemd aus, denn er war es gewohnt, gänzlich unbekleidet zu schlafen. Das Buch mit der Moral oder der Unmoral, denn beides lief dem Inhalt zufolge ja quasi auf dasselbe hinaus, es war eben nur eine Frage der Betrachtung, des Standortes, lag auf dem Nachttisch bereit, forderte ihn zum Lesen auf. Aber nach Schlaflektüre war ihm jetzt nicht mehr zu Mute. Er genehmigte sich lieber seinen Schlummertrunk in Form eines doppelten Magenbitters, denn auch diese Flasche stand auf dem Nachttisch, ein allzeit bereites Barbiturat für die schwarze, die einsame Nacht. Bühler schlürfte langsam die bittere Essenz hinunter, zog dann die Tür zu und stellte erleichtert fest, dass außer ihm offensichtlich niemand im Raum war. Er schaute dabei sogar unter sein Bett und kam sich prompt lächerlich vor.

Die Nachttischlampe erlosch, er drehte sich nach rechts zur Wand hin, fingerte nach seiner Schlafbrille (da er sehr lichtempfindlich war, trug er nachts stets eine). Schlaf war zweifellos das, wonach er sich jetzt am meisten sehnte. Doch wie er sich auch im Bett hin und her drehte, wie oft er auch dem Kissen einen Knick per Handkantenschlag verpasste, wie sehr er sich mühte und sogar rührenderweise Schäfchen zählte, es gelang ihm nicht. Der Versuch schlug fast bis zum Morgengrauen fehl. Diese ganze Zeit des Halbschlafes, des Dahindämmerns über wurde er dieses Gefühl nicht los: Es ist noch jemand in der Wohnung. Erst als es bereits dämmerte, träumte er von diesem Kemmler und von diesem Bernd. Wie sie drei zusammen in einem schäbigen Klassenzimmer saßen. Vor ihnen befand sich ein überdimensionales Pult. Dahinter saß niemand, und Kemmler setzte sich einen beigen Borsalino auf, lachte dazu tief und laut, sagte zwischen zwei Lachanfällen: „Du wirst einmal Detektiv werden, und dann wirst du diesen verdammten Lehrer für uns finden.“

Am nächsten Morgen schreckte Bühler aus eben diesem Traum hoch. Die Sonne bahnte sich einen Weg aus gelbweißen Strahlen durch die Ritzen des Rollos. Bühler fühlte sich erleichtert: Es war Tag und es war augenscheinlich niemand in seiner Wohnung. Er lag in seinem Bett, streckte sich und dachte: Du willst nicht an all diese Dinge denken. Nicht an die Schulzeit, nicht an das elende Leben mit der alleinerziehenden Mutter, nicht an diese beengende, triste Wohnung, in welcher er mit ihr so lange gelebt hatte und in der er sich wie eingemauert gefühlt hatte. Und schon gar nicht an Jutta, die sicher bald wieder anriefe. Also besser aufstehen und versuchen, etwas aus dem Tag zu machen.

Kurz darauf brühte er Kaffee auf, strich lustlos Butter und Honig auf Toastbrote, blätterte durch die Tageszeitung, überflog die üblichen Schlagzeilen aus Politik, Wirtschaft und Sport – und beschloss diesem ominösen Kemmler lieber doch keinen Besuch abzustatten. Diese merkwürdige Geschichte wollte er besser gleich vergessen. Zumindest nahm er sich das vor. Doch kaum so mit sich selber abgemacht, schüttete er sich ein erstes Glas Rotwein ein, setzte sich vor seinen Computer und gab bei Google nochmals das Stichwort „Privatdetektiv“ ein. Er fand nichts großartig Neues. Er trank den billigen Bordeaux zu vier Euro neunundneunzig die Literflasche in kleinen Schlucken, es wärmte ihn innerlich, und er beschloss in Anbetracht des prächtigen Frühlingswetters, sogleich einen ausgiebigen Marsch in die Innenstadt anzutreten. Dort wollte er einen Detektivhut kaufen, das würde den entschlossenen Schritt hin zum neuen Leben symbolisch untermauern, gleich ob sich dieser Ulrich Kemmler einen Jux erlaubt hatte oder nicht. Eine ähnliche Kopfbedeckung, wie sie dieser Kemmler oder wer immer das gewesen war, der letzte Nacht vor dem Haus und womöglich in seiner Wohnung herumlungerte, getragen hatte. Also schnappte er sich eine dünne Lederjacke aus der Garderobe im Gang, zog leichte Schuhe mit noch leichterer Gummisohle an und schloss leise pfeifend die Wohnungstür hinter sich zu. Dabei fiel ihm auf, dass er sie am Abend zuvor nicht verschlossen hatte. Bühler maß dem, ungeachtet des Erlebnisses mit dem vermeintlichen Eindringling, jedoch keine Bedeutung zu und machte sich voll guter Laune auf den Weg in sein neues Leben.

Eine gute halbe Stunde später betrat er ein Fachgeschäft für Kopfbekleidungen aller Art. Kurze Zeit darauf kam er mit einem so genannten Bogarthut wieder heraus und setzte diesen zögerlich auf. Er fühlte sich dank der schmucken Kopfbedeckung schon wie ein halber Detektiv.

Bühler schritt durch die Fußgängerzone, warf einem Bettler mit einer kleinen, zotteligen Promenadenmischung auf seinem Schoß eine Münze in den Hut und atmete trotz inzwischen angespannter Börse tief entspannt die laue Frühlingsluft ein. Er würde sich ändern, endlich. Er würde weniger rauchen, vor allem aber nichts mehr trinken und wieder Sport treiben. Ja, das würde er. Der Alkohol war für ihn zu einer Art Treibstoff geworden, ein Kraftstoff für Gefühle, wenn auch falsche. Mit ihm, so glaubte er, ließe sich das Verhältnis mit der sowohl körperlich als auch geistig spindeldürren Jutta genauso ertragen wie die andauernde Arbeitslosigkeit. Mitunter ist durch die Gehirnwindungen wabernder Nebel nicht das Schlechteste für einen deprimierten, wenn nicht gar depressiven Menschen. Dennoch – Schluss damit, schließlich hatte ihm der Arzt bereits die schlechten Leberwerte unter die Nase gehalten, der Beweis für die in ihm bereits angegriffene, wenn nicht schon verseuchte Materie, die leidenden, womöglich bereits siechenden Zellen. Ziellos schlenderte er durch die Stadt, gelangte gedankenverloren vor die Tore des Verlages, der ihm einst sein Brot bezahlte, sah hinauf zum Fenster seines einstigen Büros, eher eine Schießscharte, und dachte an seine früheren Kollegen. Obschon Journalisten, Meister und Schmiede der Worte, gab es von ihnen nie ein persönliches Wort, zumindest nicht eines mit Tiefgang, immerzu bedeckt, undurchschaubar, weder freundlich noch abweisend, ließen sie sich nicht in ihre Karten schauen. Das Privatleben, nun das gab es, zweifelsfrei, jedoch für ihn nur rein faktisch, verheiratet, zwei Kinder, alles in Ordnung, ein Auto, das benötige allerdings die Gattin, drum müsse man immer mit der U-Bahn anrücken, dafür eine Vierzimmerwohnung, die erst noch abbezahlt sein wollte, aber alles im Griff, einmal im Jahr zwei Wochen Urlaub an der Adria oder auf Mallorca, mehr war kaum aus einem Mitstreiter herauszubekommen, gleich wie lange man schon Tür an Tür arbeitete, da half auch der gemeinsam genossene, Magenschmerzen verursachende Bürokaffee nicht (ein festes Ritual – vermutlich in allen Redaktionen). Nur einer ragte da ein wenig heraus aus der gesichtslosen Reportermasse. Schon der Name wie für den Beruf geschaffen, Gunter Maria Millstädter, der ließ Bühler immerzu an Egon Erwin Kisch denken, allein schon wegen der drei Namen. Dieser Millstädter unterstrich das Klischee des geborenen Schreibers geradezu noch durch seine riesige, runde Hornbrille. Blind wie ein Maulwurf war er, aber das in Buchstaben gegossene Herz eines investigativen Journalisten besaß er. Eben wie der Kisch. Einmal auf eine Story angesetzt, ließ er nie locker und hatte dennoch stets ein Ohr für den Kummer seines Kollegen Bühler. Somit sein einziger Freund, somit der Einzige, den er anrufen wollte, um ihm diese merkwürdige Geschichte zu erzählen, ihn um seinen Rat zu bitten. Denn hinauf in die Etage der Lokalredaktion traute er sich nicht. Dort lauerten zu viele Hunde einer ihm unliebsamen Buchstabenmeute.

Mittags saß er dann mit müden Beinen in der Maffeistraße, in Schuhmanns mondäner Tagesbar, in der warmen Frühjahrssonne eines überraschend milden, letzten Märztages. Vor sich eine Zeitung, mit einer Sonnenbrille getarnt, den Hut hatte er vor sich auf den Tisch gelegt. Fast bereute er es, nicht die sommerliche Ausgabe gekauft zu haben, denn dieses Ganzjahresmodell war unter der blanken Sonne zu einem Heizkissen mutiert, und sein dichtes Haar war ganz feucht geworden. Solchermaßen vor sich hin brütend saß er da, einen Teller mit Himbeerkuchen vor sich, und tat so, als würde er lesen, sich hochkonzentriert mit dem Inhalt der im Übrigen anspruchsvollen und ihm wohlbekannten Zeitung abmühen. Doch beobachtete er klammheimlich sein Umfeld. Ein uraltes Männchen mit Spazierstock fiel ihm auf, klein wie ein Zwerg und weit nach vorne gebeugt, schritt es in Zeitlupe auf einen Mülleimer an der Tramhaltestelle zu, wühlte aufgeregt im Papierkorb herum und zog grinsend eine Bierflasche heraus. Das Leben, überlegte Bühler, ist hart und ungerecht. Als habe er dies gehört und wolle es sogleich untermauern, stolzierte nun seitlich von dem Greis ein Mann im teuren Anzug auf und ab, er wirkte wie ein absichtlich gesetzter Kontrast zu dem Bettler, im Knopfloch seines dunkelgrauen Jacketts steckte eine knallrote Nelke – vermutlich wartete er auf ein Rendezvous. Am Tisch neben Bühler wiederum saß eine Frau mittleren Alters, die nervös immer wieder ihren Rock glatt strich. Dies tat sie mit spitzen, langen Fingern, die Fingerspitzen waren dabei nach unten angewinkelt, so dass die Berührung mit dem Stoff ein kratzendes Geräusch ergab. Vor ihr stand ein leeres Bierglas, weißlicher Schaum hatte sich am Rand abgesetzt wie zähflüssiger Schleim oder Speichel. Als er sie über seine Zeitung hinweg ansah, bemerkte sie dies sofort und gab ihm zum Dank für seine Indiskretion ein moralinsaures Lächeln zurück. Sie hatte ihn gleich bemerkt, das musste dringend besser werden. Unbewusst schulte er sein Auge, trainierte seine Beobachtungsgabe, denn er war ja ab sofort Privatdetektiv. Es tat ihm gut. Er war fast ein neuer Mensch. Zu lange schon hatte er in einer Art fein gesponnenem Kokon gelebt, jetzt würde er die Flügel in ein anderes Leben hinüber ausbreiten und keck losflattern. Kemmler erwartete ihn schließlich in ein paar Stunden mit einem ersten Auftrag. Bühler glaubte, dann würde das eine schon das andere ergeben. Dazu fiel ihm ein: Im Gegensatz zu einem echten Detektiv trug er keine Waffe. Das müsste er ändern. Er winkte den emsigen Ober heran, verlangte nach der Rechnung, bestellte jedoch, einem plötzlichen Verlangen nachgebend, noch einen Calvados und einen Espresso dazu. Dass ihm zur angeblich gemeinsamen Schulzeit nach wie vor nichts einfiel, störte ihn nicht. Aber eine Waffe, die wollte er sich bald zulegen, das gehörte zweifellos dazu.

Schnell trank er den Inhalt des bauchigen Glases, spülte den Espresso hinterher, legte das Geld auf das Porzellantellerchen mit der Faktur, aber bevor er ging, sah er mit einem Mal die blassblauen, leicht wässrigen Augen Juttas. Sie sahen ihn ohne Vorwurf, aber eben auch ohne Hoffnung an. Die Pupillen hoben sich in ihrem tiefen Schwarz fast grotesk ab, zwei unbestimmbare dunkle Punkte, die in einem blassblauen Meer schwammen. Dieser Blick war dennoch mehr, als es verbale Vorwürfe jemals sein konnten. Bühler vertrieb den trüben Geist, er stand auf und ging auf die andere Seite der Fußgängerzone hinüber.

Die Beine schmerzten nicht mehr, und als er sah, wie sich das Sonnenlicht in den frisch geputzten Scheiben der Geschäfte widerspiegelte, gleich so, als wäre überhaupt rein alles auf Hochglanz poliert, verspürte er ein Hochgefühl, denn endlich würde auch sein eigenes Dasein wieder glänzen. Bühler spazierte somit voll ausgelassener Stimmung zum Promenadenplatz. An der Kreuzung winkte er ein Taxi heran. Ein Luxus, den er sich eigentlich nicht leisten durfte. Ebenso gut könnte er mit der Tram nach Hause fahren. Aber es war schon zu spät. Der Taxifahrer hatte ihn gesehen, trat auf die Bremse, die Beifahrertür öffnete sich, und so wagte Bühler nicht, es sich anders zu überlegen. Er stieg ein, beruhigte sich mit dem Gedanken an das übliche Honorar, den Tagessatz eines Detektivs, bis zu vierhundert Euro nebst Spesen malte er sich aus. Zudem würde womöglich alles ganz einfach sein. Sicher wäre der Auftrag so etwas wie die Observation der auf ehelichen Abwegen befindlichen Frau Kemmlers. Vielleicht auch eine Art Spionageauftrag gegen die geschäftliche Konkurrenz. Ob er dem gewachsen wäre, vermochte er nicht einzuschätzen, aber warum nicht die Dinge gelassen auf sich zukommen lassen?

Das Taxi pfiff vorbei an Grünanlagen, auf deren noch winterlich bräunlichen Wiesen zaghaft erste gelbe und weiße Osterglocken blühten. Frühe Sonnenanbeter saßen in dunkler Bekleidung auf flaschengrünen Holzbänken. Ein schöner Frühlingstag in München. Ein Zeichen dafür, wie leicht das Leben sein kann.

Was wäre schon groß anders als in seinem alten Job? Statt stichhaltiger Zeilen würde er aussagekräftige Fotos abliefern, statt in Blei gegossene Gedanken visuelle Beweise über Untreue oder kriminelle Machenschaften auf den Tisch statt des Arbeitnun des Auftraggebers legen. Auch der Detektiv recherchiert, beobachtet und analysiert schließlich Vorgänge oder Abläufe, wühlt sich gleich dem Reporter durch allerlei üblen Schlamm der Intrigen und Machenschaften. Eine Sache, die man mögen muss.

Er mochte sie.

Bühler saß in einem klinisch sauberen Mercedes und genoss den kleinen Luxus dieser Fahrt. Der Taxifahrer bog in die Kaiserstraße ein, an der Ecke zur Georgenstraße hielt er an. Ende der Fahrt, macht bitte schön neunzehn Euro fünfzig. Bühler gab ihm eine Zwanzigeuronote und legte gönnerhaft zwei Euro drauf. Er stieg voller Elan aus, öffnete die Haustür und ging hinauf zu seiner im dritten Stock befindlichen Wohnung.

Kaum hatte er aufgeschlossen, klingelte das Telefon, als habe es genau auf diesen Augenblick gewartet. Er schmiss den Schlüsselbund auf ein Tischchen und eilte über den Flur ins Wohnzimmer zum Apparat, es konnte ja Kemmler sein. Stattdessen war es sein halbgares Verhältnis Jutta. Ihre Stimme klang erregt und zugleich verärgert. Im Gegensatz zu Kemmlers sonorem Bass ein durch und durch hysterischer Sopran. Wieder einmal habe er sich nun volle drei Tage nicht gemeldet, obschon er doch wisse, wie sie darauf warte. Sie hänge ihm wohl zum Hals heraus, er habe sie über, solle dies ruhig zugeben, aber nein, so was sage der feine Herr ja nicht. Es folgte eine ihm peinliche Pause. Was sollte er dazu sagen? Stattdessen erklang ihre zitternde Stimme wieder, fast wie ein Nachhall, ein Echo der vorausgegangenen, so bitteren Worte: Überhaupt diene sie ja offensichtlich nur der Erfüllung seiner körperlichen Bedürfnisse, und die verspüre er inzwischen auch nur noch sehr unregelmäßig, ja kärglich selten.

Bühler kamen ihre ausgedörrten Brüste vor Augen. Die geschiedene Jutta, die wieder bei ihrer Mutter lebte, sich dem Matriarchat der diktatorischen alten Vettel in Starre fügte. Die Tochter, die endlich zur Mutterzitze zurückgekehrt war, die auch noch mit ihr zusammen Klavier übte, als wären die beiden ein Abklatsch aus Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“, Literatur, die er auf das Höchste aufgrund ihres abgrundtiefen Sarkasmus und der auf die Spitze getriebenen Nabelschau auf den platonischen Inzest schätzte. Und sie beschimpfte ihn jetzt einmal mehr auf das Schärfste. Aber sie hatte ja durchaus recht. Und so hörte er sich scheinbar schuldbewusst ihre verbitterte Litanei an. Nach einer geschlagenen Viertelstunde hatte er endlich genug, entschuldigte sich, er müsse auflegen, er habe noch einen wichtigen, ja sogar einen überaus wichtigen Termin. Seinerseits kein einziges Wort des Beschwichtigens, des Bedauerns. Er behandelte sie wie eine Sache, doch fühlte er sich daran nicht schuldig, schob es auf ihre innere wie im Übrigen zudem äußere Gestaltlosigkeit.

Nach so vielen Verbalinjurien ging Bühler erstmal in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein. Just klingelte es erneut. Er lief zurück und hob ab. Wie in der Nacht zuvor kratzte und rauschte es metallisch in der Leitung. „Bühler hier, hallo?“ Schnell schob er seine neue Identität hinterher: „Privatdetektei Bühler, Thomas Bühler am Apparat.“

Und wie in der letzten Nacht meldete sich zunächst niemand. Bühler legte jetzt aber nicht auf. Plötzlich hörte er wie aus scheinbar weiter Ferne die Stimme seines angeblichen früheren Schulkameraden. „Thomas, ich bin es. Entschuldige die Störung, aber ich wollte dich an unseren Termin heute Nachmittag erinnern. Du kommst doch?“

Es klang wie ein Befehl.

Auf einmal nahm das Rauschen ab, ohne weitere Worte hatte Kemmler eingehängt.

Solchermaßen vor vollendete Tatsachen gestellt, ging Bühler erst einmal zur Toilette. Dort saß er, bemerkte, dass sein Darm sich einfach nicht erleichtern wollte, und dachte angestrengt nach. Auf was ließ er sich da bloß ein? Wie angestrengt er auch nachdachte, es fiel ihm zu Kemmler weiterhin nichts ein. Unverrichteter Dinge schob er Unterhose und Hose hoch, schloss den Gürtel und eilte ins Wohnzimmer, öffnete eine Schranktür und wühlte in alten Unterlagen herum. Zeugnisse, Fotos, Zeitungsausschnitte, vergilbte Rechnungen, alles ein wildes Durcheinander – aber er ließ nicht locker, denn ihm war eingefallen: Irgendwo unter diesem ganzen Kram musste ein Foto seiner Abiturklasse sein. Bald darauf zog er es tatsächlich heraus. Verschossene Farben, ein dünner, weiß gezackter Rand, und unten rechts stand in Kursivschrift: Abitur. Jahrgang 1982. Ganz vorne knieten einige Schüler. Dahinter folgten die kleineren, zumeist die Mädchen, und in der dritten und vierten Reihe gruppierten sich die großen Jungen. Viele blickten ernst drein, manche lächelten, andere bemühten sich um eine geistreiche Grimasse oder Gestik, allen stand dieses wunderbare Alter zwischen Pubertät und Erwachsensein ins Gesicht geschrieben, diese letzte seelische Gratwanderung vor dem Altern. Er selbst stand in der vierten Reihe, mit damals noch schulterlangen, haselnussbraunen Haaren. War er das überhaupt? Einen Kemmler konnte er indes nicht wiedererkennen, etliche Mitschüler erkannte er allerdings auch nicht mehr.

Plötzlich durchfuhr ihn eine Art Geistesblitz: Was, wenn dieser zwielichtige Kemmler ihn für eine Straftat missbrauchen wollte?

Bühler stand auf, brühte sich in der Küche einen Kaffee auf und holte sich seine Abhandlung über die „Moral der Unmoral und die Unmoral der Moral“ aus dem Schlafzimmer. Darin las er über die Ansichten Nietzsches zu eben diesem Thema der Moral. Dieser habe nicht die Frage gestellt, wie Menschen moralisch handeln sollten, sondern vielmehr warum Menschen meinen, sie müssten auf eine ganz bestimmte Art und Weise handeln – und warum es wiederum andere Menschen darauf anlegen würden, ihre Mitmenschen dazu zu bringen, so oder so zu handeln.

Bühler trank seinen Kaffee in kleinen Schlucken, blickte hin und wieder aus dem Fenster direkt in grelles Sonnenlicht, das kurz davor war, hinter den Fassaden des Nachbarhauses zu verschwinden. Mit einem Mal fühlte er sich missbraucht. Kurz darauf kam ihm noch ein anderer Gedanke, vielmehr eine Vermutung: Wollte sich dieser Kemmler für irgendetwas an ihm rächen? Er fühlte sich schwach und unsicher.

Wie oft in solchen Minuten eines schwankenden Bodens, fiel ihm neben einem kräftigen Schluck Alkohol seine Jutta als Rettungsanker ein, dazu war sie recht, und so ging er ins Wohnzimmer, füllte ein dort stehendes Wasserglas halbvoll mit Wein und rief sie an. Sie saß im Büro ihrer Anwaltskanzlei, als Vorzimmerdame arbeitete sie dort, wenngleich als Fremdsprachenkorrespondentin eigentlich überqualifiziert für diese Art rein zuarbeitenden Tuns. Als sie nun hörte, wer am Apparat war, zischte sie nur in die Sprechmuschel, dies käme reichlich ungelegen, er solle sie doch nicht während der Arbeitszeit anrufen, ihr Chef missbillige dies, das wisse er längst. Bühler entschuldigte sich, meinte, sie habe doch gerade eben erst ihn angerufen und ausgiebig lange beschimpft, er wolle sich lediglich für seine in der Tat rüpelhafte Art mit ihr umzugehen, entschuldigen. Außerdem wolle er ihr, für den Fall, dass der Chef bereits ungehalten neben ihrem Schreibtisch stehe, nur in aller Kürze mitteilen, dass er, der trinkende Langzeitarbeitslose, nun endlich einen neuen, verheißungsvollen Job habe. Sie meinte trocken, das sei ja schön für ihn, und legte auf.

Gedankenverloren schlürfte er am Wein, ging wieder in die Küche und sah erneut aus dem Fenster, wobei er ein in zartes Sonnenlicht gepinseltes dunkles Wolkengebilde mit rosa Fetzen wahrnahm. Ein ideales Licht, um all die Schlieren und den Schmutz auf dem Fenster wahrzunehmen. Trübes Glas, trüb wie sein Verhältnis mit Jutta, und er nahm sich vor die Fenster bald einmal wieder gründlich zu reinigen. Das vernachlässigte Küchenfenster erschien ihm wie ein Symbol für alles, was er sonst noch vernachlässigt hatte. Letztlich wohl sein Leben überhaupt. Er würde nicht nur dieses Fenster polieren wie ein Obsthändler seine Äpfel, er würde sich selbst von Grund auf reinigen, auf Vordermann bringen.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und sah, dass das Fenster noch ein wenig warten müsste, dass es Zeit wurde. Er musste sich dringend auf den Weg zu Kemmler machen.

In jenen Augenblicken, in denen Bühler sein schäbiges Auto vor dem Haus mit der Nummer achtundzwanzig parkte, überfiel ihn eine tiefsitzende Angst, die sich mit einer ordentlichen Portion Argwohn paarte. Er entschied sich, den neu erworbenen Hut besser im Fahrzeug zu lassen (es wäre einfach zu dick aufgetragen), schloss den Wagen ab und blickte auf die Fassade des Hauses. Weiße, sorgsam verputzte Wände, dazwischen dunkelgrüne Holzverstrebungen, und kräftiger Efeu wuchs an manchen Stellen empor, das Gebäude sah fast wie ein Fachwerkgebäude aus, war mindestens ein halbes Jahrhundert alt und wirkte sehr gepflegt. In der Straße schien überhaupt alles wohlgeordnet, wohlhabend und überaus friedlich. Eine Gegend, die seit Jahrzehnten in seliger Ordnung vor sich hin existierte. Sicher, gediegen, langweilig und spießig. Hier durfte man ruhigen Gewissens leben und auch sterben, und all das Leid, die Depressionen und Ängste, der Kummer, der Missbrauch und Hass blieben dabei schön hinter den Gardinen verborgen. Der rasende Puls des nahen Stadtzentrums war hier schon nicht mehr spürbar. Eigentlich dürfte in so einem Viertel niemand die Dienste eines Privatdetektivs in Anspruch nehmen müssen, schoss es Bühler durch den Kopf.

Das schmiedeeiserne Tor zum Haus war angelehnt, er ging hinein und gelangte über einen grau betonierten Weg direkt vor die Haustür. Auf einem angegilbten Klingelschild stand „Kemmler“. Auf den Doktor hatte er somit bescheiden verzichtet. Gerade als Bühler auf den Klingelknopf drücken wollte, öffnete sich die Tür wie von Geisterhand, geräuschlos, niemand war sichtbar. Er nahm all seinen Mut zusammen und ging hinein. Kurz erinnerte er sich an früher, an seine Jugendzeit. Wie er sich manchmal vorgestellt hatte, sämtliche Häuser eines Straßenzuges würden für ihn offen stehen. Nur für ihn – und er könnte hineingehen, einfach so, ein unsichtbarer Geist, und solchermaßen ein Lemure, könne er den Menschen unbemerkt bei ihrem kümmerlichen Leben zusehen.

Nun stand er in einem mit hellgrauem Marmor ausgelegten Gang, und es kam ihm vor wie in seinen Fantasien von damals. Vor ihm führte eine Treppe ins obere Stockwerk, der Handlauf war aus hochglanzpoliertem Messing. Links von ihm stand die Tür zur Küche offen, er sah eine überdimensionale Obstschale voller Birnen und Äpfel – das Obst sah aus wie eine Imitation aus Plastik, perfekt und glänzend – auf einer Anrichte stehend, dahinter ein Herd mit Abzugshaube und ein riesiger eisblauer Kühlschrank, einen, wie man ihn in amerikanischen Spielfilmen zuweilen sieht. Offenbar befand sich niemand in der Küche. Er drehte sich um und ging behutsam einige Schritte, bis er vor einer Tür zu seiner Rechten stand. Er hörte nach wie vor keinerlei Geräusche. An der Türschwelle stehend bemerkte er, wie dort der Marmor in einen dunkelbraunen, sehr edel wirkenden Parkettboden überging, der ähnlich dem Handlauf des Geländers und den Früchten nur so blitzte und glänzte. Just in der Sekunde, in der er sich umdrehen und schnurstracks das Haus verlassen wollte, in welches er kurz zuvor ungefragt eingetreten war, ertönte aus dem Innern des Raumes eine sonore Stimme. Zweifellos gehörte sie Kemmler oder zumindest der Stimme am Telefon. „Thomas! Komm herein, ich habe dich schon erwartet.“ Der Mann saß im Dunkeln, scheinbar ganz in der Tiefe des Raumes, auf einem grünen oder grauen Sessel, so genau konnte Bühler es nicht erkennen. Neben ihm stand eine überdimensionale Standleuchte. Das Gesicht war im Schatten des Lichtkegels verborgen. Bühler kam es so vor, als habe dieser Kemmler dies sorgfältig genauso arrangiert. Der Unbekannte machte sich nicht einmal die Mühe aufzustehen. Er saß dort am hinteren Ende des Raumes, ein Wohn- und Esszimmer wohlhabender Leute mit distinguiertem Geschmack der gehobenen Kategorie, jener Schicht, für die immer genug für ein opulentes Leben da ist. Vor Bühler befand sich ein langer dunkelbrauner Esstisch, darauf standen bunte Kristallgläser, außerdem eine riesige leere Glasschale. Rechts von dem Tisch gab ein großes Fenster mit weißen Verstrebungen den Blick auf den Hauseingang und den dahinterliegenden Garten mit einer altmodischen Gartenlaube frei. Es stand offen, aber plötzlich schlug es zu, denn draußen erhob sich ganz unvermutet ein straffer Wind.