Fünf Fremde - Romy Fölck - E-Book
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Fünf Fremde E-Book

Romy Fölck

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Beschreibung

Dieses Buch gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Farbschnitt. Sobald die Farbschnitt-Ausgabe ausverkauft ist, liefern wir die Ausgabe ohne Farbschnitt aus.

Die Wellen peitschen gegen die Fähre, als fünf Passagiere an einem stürmischen Oktobertag die Insel Neuwerk in der Nordsee erreichen. Für vier von ihnen ist es die Rückkehr an einen Ort, der dunkle Erinnerungen wachruft. An einen Sommer vor dreißig Jahren, in dem zwei Teenager spurlos aus dem Schullandheim verschwanden. Auch damals waren die vier auf Neuwerk - und eine Frage hat sie seither nie mehr losgelassen: Was geschah in jenem verhängnisvollen Sommer wirklich? Als ein Orkan aufzieht und niemand die Insel verlassen kann, drängen lang gehütete Geheimnisse an die Oberfläche. Denn es gibt jemanden, der die Antwort kennt. Und der nicht eher ruht, bis eine alte Schuld endlich gesühnt wird ...

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

[Cover]

[Inhalt]

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Epilog

Dankeschön

[Feedbackseite]

Über das Buch

Die Wellen peitschen gegen die Fähre, als fünf Passagiere an einem stürmischen Oktobertag die Insel Neuwerk in der Nordsee erreichen. Für vier von ihnen ist es die Rückkehr an einen Ort, der dunkle Erinnerungen wachruft. An einen Sommer vor dreißig Jahren, in dem zwei Teenager spurlos aus dem Schullandheim verschwanden. Auch damals waren die vier auf Neuwerk - und eine Frage hat sie seither nie mehr losgelassen: Was geschah in jenem verhängnisvollen Sommer wirklich? Als ein Orkan aufzieht und niemand die Insel verlassen kann, drängen lang gehütete Geheimnisse an die Oberfläche. Denn es gibt jemanden, der die Antwort kennt. Und der nicht eher ruht, bis eine alte Schuld endlich gesühnt wird …

Über die Autorin

Romy Fölck wurde 1974 in Meißen geboren. Sie studierte Jura, ging in die Wirtschaft und arbeitete zehn Jahre für ein großes Unternehmen in Leipzig. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in der Elbmarsch bei Hamburg. Die ersten fünf Bände ihrer Krimiserie um das ungleiche Ermittlerduo Paulsen und Haverkorn schafften es allesamt auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und wurden von Rezensenten und Lesern vielfach begeistert besprochen.

Romy Fölck

Fünf Fremde

Nur einer kennt das tödliche Geheimnis, das sie alle verbindet

THRILLER

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2026 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Einband-/Umschlagmotiv: © FinePic®, München

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-8972-1

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Für JuliaDanke, dass du mich auf deine Insel mitgenommen hast.Im Gedenken an Lars Schultze-Kossack.

Prolog

CHARLOTTE HAHNEL

Insel Neuwerk, 31. August 1995

Auf die Dunkelheit folgt das Licht, auf die Nacht der Tag, auf die Verzweiflung neue Hoffnung. Kurz nach Sonnenaufgang ist Charlotte wieder auf den Beinen. Ihr Schlaf war kurz, wie die letzten acht Nächte zuvor auch. Wenn sie eingenickt ist, hat sie sich in seltsamen Träumen verfangen, ist hinter Schemen hergelaufen oder vor dunklen Schatten geflohen. Charlotte wischt sich über die müden Augen und brüht sich in der verwaisten Küche des Schullandheims einen starken Kaffee auf. Schwarz mit etwas Zucker. Sie trinkt ihn viel zu heiß, aber sie will keine Minute des Tages verlieren. An der Ausgangstür zieht sie sich Gummischuhe und Regenjacke an, weil in der Nacht einige Schauer über die Insel hinweggezogen sind. Lange hat sie dem Trommeln des Regens in dem kleinen Betreuerzimmer gelauscht. Und den Geräuschen, die das leere Haus nachts macht, wenn sie auf den Schlaf wartet. Noch vor einer Woche ist das Schullandheim voller Menschen gewesen. Zwei Schulklassen und ihre Lehrerkollegen haben hier auf Neuwerk wundervolle Tage verbracht.

Bis zu jener Nacht.

Bis das Unaussprechliche geschah.

Charlotte fröstelt bei den ersten Schritten. Ihr wird, seit die beiden Kinder verschwunden sind, gar nicht mehr warm.

»Es ist nicht Ihre Schuld«, hat der Rektor ihrer Schule gesagt. »Sie haben sich korrekt verhalten.«

Charlotte hat einen schalen Nachgeschmack, wenn sie sich diese Worte wieder und wieder in ihr Gedächtnis ruft. Die beiden Schüler waren in ihrer Obhut. Ja, sie haben sich heimlich in der Nacht aus dem Schlafsaal geschlichen. Aber es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass sie mit ihren Kollegen hier die Aufsicht und somit die Verantwortung über die minderjährigen Schüler übertragen bekommen hatte.

Nach drei Tagen der vergeblichen Suche sind alle abgereist. Die Eltern der Vermissten waren noch ein paar Tage länger geblieben. Aber gestern sind sie ebenfalls abgereist, da niemand mehr glaubt, dass die Kinder auf Neuwerk zu finden sind. Nur Charlotte ist geblieben und jeden Tag auf der Insel zu Fuß unterwegs, um eine Spur von Isa und Janosch, den beiden Vermissten, zu finden.

Sie steigt auf den Deich, läuft Richtung Osten an den Salzwiesen entlang, die das Land mit dem Meer verbinden. Gänse schnattern kehlig. Ein paar Feldhasen machen lange Sätze und verschwinden im saftigen Grün. Ein idyllisches Stück Land im Wattenmeer, das für Charlotte das größte Glück bedeutet. Und seit acht Tagen das größte Unglück.

Die Polizisten haben tagelang jeden Winkel der Insel nach den Kindern abgesucht. Mehrere Tage und Nächte ist die drei Quadratkilometer große Insel von den Beamten der Hamburger Bereitschaftspolizei durchkämmt worden. Selbst die Niedersachsen haben Amtshilfe geleistet und bei der Aktion geholfen. In allen Höfen, Häusern, Ställen und Schuppen auf der Insel haben die Beamten und Bewohner nachgesehen. Letztendlich war die Suche nach den beiden Teenagern eingestellt worden, weil es nichts mehr zu durchsuchen gab. Wenn die beiden nachts schwimmen gegangen und ertrunken wären, würde das Meer sie vielleicht irgendwann wieder hergeben. Wenn sie allein durchs Watt gelaufen und von der Flut überrascht worden wären, vielleicht nicht einmal das. Hier vor Neuwerk und Scharhörn sind eine Menge Seeleute ersoffen. Die Körper der armen Seelen, die angelandet sind, liegen nun auf dem Friedhof der Namenlosen. Die anderen auf dem Grund des Meeres.

Charlotte beißt die Zähne zusammen und zieht das Tempo an. Sie nähert sich der Ostbake, einem der historischen Bauwerke und Wahrzeichen der Insel. Es stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert und ist errichtet worden, um den Kapitänen der Tonnenleger in der Elbe zur Orientierung zu dienen. Charlotte kann noch mehr Hintergrundinformationen abspulen, die sie den Schülern beim Besuch der Bake weitergegeben hat. Was sie ihnen nicht erzählt hat, ist, dass dieses Seezeichen ein beinahe magischer Ort für sie ist, der etwas tief in ihr anrührt. Sie sieht hinauf zu der runden Spitze der sogenannten Klappmützenbake. Die gut siebenundzwanzig Meter hohe Holzkonstruktion ragt hoch über der Insel auf. Über ihr kreisen Seemöwen und werfen ihre harschen Rufe zu der einsamen Gestalt nach unten. Charlotte steht immer lange hier, schaut weit hinaus aufs Meer, atmet die klare Luft und hofft auf eine Antwort.

Wo seid ihr?, fragt sie stumm. Wie jeden Tag.

Seenebel wabert von Weitem über das Wasser wie eine weiße Wand. Dichte Schwaden erreichen Minuten später die Insel wie ein Heer von durchsichtigen Reitern. So schnell, wie er das Land um sie herum einhüllt und die Sicht einschränkt, kann sie gar nicht den Rückweg antreten. Von der Elbmündung hört sie das Nebelhorn eines Schiffes.

Was für eine beängstigende Szenerie, als wäre sie der einzige Mensch auf der Insel, allein mit den Toten hier draußen. Charlotte atmet tief durch und läuft los, konzentriert sich auf die Deichkrone unter ihren Stiefeln. Aber sie sieht nicht, was vor ihr ist, kann sich nur mit den Füßen vorwärtstasten. Sie hat kein Gefühl mehr für Distanzen. Ist sie zehn Meter gegangen oder fünfzig? Der Nebel macht sie blind, aber er lässt auch kaum einen Laut zu ihr durchdringen. Es müssen doch noch andere Spaziergänger unterwegs sein. Die Frau, die morgens ihren Hund spazieren führt. Das ältere Pärchen, mit dem sie sich immer kurz unterhält. Niemand ist hier draußen im Nebel. Wahrscheinlich haben alle außer ihr gewusst, dass er kommen und einen Spaziergang unmöglich machen würde.

Vorsichtig tastet sie sich vorwärts, spürt den Schweiß unter ihrer Regenjacke. Was, wenn sie vom Weg abkommt und ins Meer läuft? Wie weit war das Wasser entfernt? Haben sie jetzt Ebbe oder Hochwasser im Watt? Sie kann sich nicht erinnern.

Was, wenn sie selbst jetzt hier auf Neuwerk verloren ginge? Würde ihr Rektor dann immer noch Verständnis für ihren Alleingang zeigen? Immerhin hat sie als Einzige nicht die Fähre zum Festland genommen. Die Schüler und Betreuer haben nach dem Verschwinden der beiden Teenager aus dem Schullandheim und den zermürbenden Tagen der Suche nach Hause gewollt. Das hat Charlotte verstanden. Aber nachdem auch der letzte Polizeieinsatz abgebrochen worden war, hat sie darum gebeten, bleiben zu dürfen. Sie wird nicht früher zurückfahren, als dass sie in Erfahrung gebracht hat, was mit ihren beiden Schützlingen geschehen ist. Und wenn sie den Herbst hier verbringen muss. Was auf diesem winzigen Landstück im Wattenmeer, das nicht einmal dreißig Einwohner hat, kein Zuckerschlecken ist.

Sie muss die Insel fast umrundet haben. Ist sie bereits am Friedhof der Namenlosen vorbeigelaufen? Woran kann sie sich orientieren?

Die Häuser! Irgendwann wird sie auf der Deichkrone zu den Hotels und Restaurants kommen. Diese haben Bänke auf den Deich gestellt, ein Orientierungspunkt. Kurzzeitig ist ihr, als würde der Nebel aufklaren, als könne sie für einen Moment die Salzwiesen und das Meer sehen. Doch das scheint ein Trugschluss, denn wieder umhüllt sie der dichte Brodem des Meeres.

Da! Charlotte kann etwas in der Waschküche erahnen. Ein roter Tupfen im Nebel, der immer intensiver wird. Sie kann nicht sagen, was oder wer dort steht, läuft aber, so schnell sie kann. Mehr und mehr schält sich eine kleine Gestalt aus dem Dunst, wird immer besser sichtbar. Ihr stockt der Atem, als sie die Person erkennt.

»ISA!« Sie rennt beinahe. Ist das wirklich Isa, in ihrem roten Regenmantel? Das seit acht Tagen verschwundene Mädchen, hier auf dem Deich? Charlotte wischt sich die Feuchtigkeit aus den Augen. Ist das real oder halluziniert sie?

»Isa?« Sie hat das Mädchen erreicht und legt ihre Hände auf die Schultern der schmalen Gestalt, die sie, ohne ein Wort zu sagen, ansieht. Ihre Augen sind geöffnet, aber sie scheinen durch sie hindurchzublicken.

»Isa? Ich bin’s! Charlotte Hahnel!«

Das Mädchen reagiert nicht. Eine Träne rollt über ihre Wange. Oder ist das ein Tropfen, die Feuchtigkeit des Nebels?

»Isa, geht’s dir gut?« Charlotte hockt sich vor sie, sieht zu ihr auf. Ihr Herz schlägt wie wild. »Wo ist Janosch?«, fragt sie. »Ist er bei dir?«

Das Mädchen antwortet nicht, starrt stumm in den Nebel, als höre sie sie nicht. Charlotte richtet sich wieder auf und fasst die Hände des Mädchens. Sie sind eiskalt. Wie die bleichen Finger einer Toten.

»JANOSCH!«, schreit sie, dreht sich zur anderen Seite, ruft wieder und wieder den Namen des Vermissten, ohne jedoch das Mädchen loszulassen, das noch immer keine Regung zeigt. Aber Janosch bleibt verschwunden, und die dichten Nebelschwaden ersticken jeden Laut.

»Du bist ja völlig durchgefroren!« Charlotte zieht dem Mädchen die Regenjacke aus, die wie eine feuerrote Haut zu Boden sackt. Sie reibt Isas Hände, bis sie sich etwas wärmer anfühlen und Farbe bekommen.

»Wo warst du die ganze Zeit?«, fragt sie erneut.

Die seit Tagen Vermisste sieht ihr in die Augen, aber sie antwortet nicht.

»Wenn du weißt, wo Janosch ist, musst du es mir sagen!«

Regungslos, beinahe ungläubig sieht das Mädchen sie an. Ohne eine Reaktion.

»Sag doch bitte etwas!«

Isa steht mit hängenden Armen da, verfolgt mit ihren Augen jede Bewegung, die Charlotte in ihrer Aufregung macht, lässt sich von ihr zu einem der Lehrerzimmer bringen und mit einer Wärmflasche ins Bett stecken. Charlotte überlegt, ob sie das Zimmer abschließen soll, damit das Mädchen nicht plötzlich wieder verschwindet, lässt es dann aber offen. Isa ist wieder hier. Nun müssen sie nur noch den Jungen finden.

Sie erreicht das Büro im Erdgeschoss, geht zum Festnetztelefon, nimmt den Hörer ab. Das Rufzeichen bohrt sich in ihr Ohr. Wen soll sie zuerst informieren, dass eines der Kinder wieder aufgetaucht ist? Die Polizei, die Eltern, die Schulbehörde?

Sie entscheidet sich, Ole Lundt anzurufen, den Hotelbesitzer, der zugleich Inselobmann ist. Er hält hier alle Fäden in der Hand, ist außerdem Vorsteher der Freiwilligen Feuerwehr. Lundt muss sofort einen neuen Suchtrupp zusammenstellen. Wenn Isa zurück ist, kann auch Janosch nicht weit sein. Alle verfügbaren Helfer auf Neuwerk müssen noch einmal ausschwärmen. Danach informiert Charlotte die Kontaktperson der Vermisstenstelle der Hamburger Polizei, die zusagt, einen Helikopter für den Transport des Mädchens ins nächste Krankenhaus und Beamte für die weitere Suche nach Neuwerk zu entsenden. Erst am Schluss informiert sie den Rektor ihrer Schule in Hamburg, dass eines der vermissten Kinder lebend und, wie es scheint, unbeschadet zurückgekommen ist. Ungeduldig wartet sie die Freudenbekundungen und Floskeln ab, die an ihr abprallen. Ja, jetzt sind sie plötzlich froh, dass Charlotte hiergeblieben ist und daran geglaubt hat, dass man die Kinder finden würde. Schmallippig legt sie schließlich auf. Bloß keine Zeit verlieren.

In der Küche am Hinterausgang setzt Charlotte Wasser auf und füllt eine Teekanne, stellt zwei Tassen, Honig und etwas Zwieback von ihrem Frühstück aufs Tablett. Dann trägt sie alles nach oben in das Zimmer, wo sie Isa ins Bett gelegt hat.

Sie tritt ein und erschrickt, weil das Mädchen am Fenster steht und nicht reagiert, als sie lautstark das Tablett auf den Tisch setzt.

»Isa? Was ist denn?«

Sie stellt sich hinter das Mädchen, das sich nicht rührt, blickt ihm über die Schulter. Hat Isa da draußen etwas gesehen? Der Nebel hat sich fast gänzlich aufgelöst. Gemeinsam blicken sie auf den Vorplatz des Schullandheims in Richtung der Fluttore, die die Einfahrt zur Turmwurt, dem von einem zusätzlichen Deich umgebenen Gebäudeensemble, bilden. Aber niemand ist dort an diesem Morgen zu sehen.

Was hat Isa durchgemacht in den letzten Tagen? Wo ist das Mädchen gewesen? Was ist mit Janosch passiert, dass er nicht bei ihr ist? Fragen über Fragen, die Charlotte zu gern stellen würde, aber sie will Isa nicht überfordern.

»Hier, ich habe Tee mitgebracht. Und etwas Zwieback, mehr habe ich leider nicht da. Aber ich kann beim Inselkaufmann etwas holen, wenn du willst.« Behutsam fasst sie die Arme des Mädchens und dreht es zu sich. »Wir bringen dich heute noch hier weg. Wenn du vor jemandem Angst hast, musst du das nicht mehr. Ich bleibe bei dir, bis der Hubschrauber gelandet ist.«

Isa beginnt zu zittern, ihr ganzer Körper schlackert. Charlotte schiebt sie wieder zum Bett, schlingt eine Wolldecke um den zierlichen Körper. So sitzt das Mädchen vor ihr, starrt zu Boden, sagt noch immer nichts. Ihre Arme liegen auf den Knien.

»Bist du verletzt?« Charlotte tritt näher, hockt sich neben sie, zeigt auf eine Stelle von Isas linkem Handgelenk.

Die Haut ist dort gerötet und angeschwollen. Isa legt die andere Hand auf die Stelle, aber Charlotte schiebt sie sanft weg. Eine Verbrennung, denkt sie. Aber diese Brandverletzung scheint nicht zufällig entstanden, sie hat eine Form. Ein ineinandergedrehtes Muster, eine Spirale.

Das Mädchen zieht ihren Arm weg und bedeckt ihn. Charlotte wird die Rettungskräfte später darauf hinweisen. Plötzlich werden im Haus Stimmen laut. Ihr Name wird gerufen. Sie will aus dem Lehrerzimmer gehen, um zu sagen, wo sie sich befinden. Da spürt sie eine kalte Hand in ihrer. Isa klammert sich an ihr fest und sieht sie angsterfüllt an. Ihr Mund ist geöffnet, als wolle sie etwas sagen, aber sie bleibt stumm.

Kapitel 1

ANNIKA LUNDT

Auf der Fähre nach Neuwerk, 10. Oktober 2025

Eine hohe Welle krachte an die Fensterscheibe der Fähre, machte sie kurzzeitig blind, bis das Wasser abgelaufen war. Annika griff mit einer Hand nach ihrem Rollkoffer, mit der anderen hielt sie ihr Teeglas fest, als das Geschirr auf den Tischen zu rutschen begann.

Ein dumpfer Schlag hatte den Schiffskörper erbeben lassen, was man körperlich spüren konnte. Die Nordsee schien die Fahrt zur Insel bremsen zu wollen. Ein Raunen ging durch den Salon, in dem sich die Bordgastronomie befand. Annika blickte sich um, sah bleiche Gesichter und Hände, die sich an den festgeschraubten Tischen festhielten.

Die Überfahrt auf die Insel war an diesem trüben Oktobermorgen von Unruhe geprägt, die Annika anfangs auf ihren eigenen Gemütszustand geschoben hatte. Doch allmählich begriff sie, dass die stürmische See der MS Flipper heute merklich zu schaffen machte. Die Fähre, die zu Hochzeiten im Sommer gut fünfhundert Passagiere transportierte, heute jedoch fast leer war, wurde von Wind und Wellen durchgeschüttelt, was man dem knappen Dutzend Reisenden, die sich so spät in der Saison an Bord gewagt hatten, ansehen konnte. Der Salon, wo sich ein kleiner Imbiss befand, wurde heute kaum genutzt.

Annika sah sich um. Hinten in der Ecke saß ein Mann in Jeans und Kapuzenpullover, der seinen Laptop festhielt, bis das Schiff wieder ruhig Fahrt aufnahm. Den nächsten Tisch hatte sich eine Frau ausgesucht, deren geflochtener Zopf einen verspielten Gegensatz zu ihrer Outdoorjacke bildete. Ein Rucksack stand auf dem Sitz neben ihr. Mit ein paar Servietten tupfte sie eine Lache des Kaffees vom Tisch, der bei dem Versuch, die Tasse festzuhalten, verschüttet worden war. Ihr gegenüber saß eine Nonne im Habit mit Schürze, Gürtel und Schleier. Annika betrachtete diese Frau, die um die siebzig Jahre alt sein mochte, länger als nötig. Sie saß kerzengerade am Fenster, ließ nicht die kleinste Bewegung zu, als beobachtete sie das Geschehen von außen.

Etwas an dieser Geistlichen kam Annika seltsam vertraut vor, aber sie kam nicht darauf und schob die Empfindung beiseite. Sie selbst war zwar getauft, aber nicht besonders gläubig. Vor einigen Jahren war sie sogar aus der Kirche ausgetreten. Und eine Nonne hatte sie hier auf der Fährte tatsächlich noch nie gesehen.

Ihr Blick wurde abgelenkt, da plötzlich ein Besatzungsmitglied der MS Flipper die Treppe herunterpolterte, mit harten Schritten den Salon durchquerte, auf eine Tür am vorderen Bereich des Passagierdecks zusteuerte und diese hinter sich zuwarf. Gab es ein Problem in der Kajüte? Sollte sie sich Sorgen machen?

Annika drehte den Kopf und sah wieder nach draußen. Sie hatte schon schlimmere Überfahrten erlebt. Hier war nichts dramatisch, nur die Angst der Passagiere hockte mit ihnen auf den Plätzen. Wasserspritzer klatschten an die Scheibe, sie beobachtete einen Tropfen, der am Glas herablief und bald zerrann. Wie mein Leben, dachte sie. Wahrscheinlich brauche ich eine Zäsur, um neuen Schwung hineinzubekommen. Steckte sie in einer Midlife-Crisis? Sie war nicht mehr jung, aber noch nicht alt. Was wollte sie mit ihrem Leben anfangen, nun, da ihr Sohn das seine allein bewältigen konnte?

Die Insel rückte in Zeitlupe näher, war eher ein Schemen hinter der Wasserkante als ein klar umrissenes Stück Land in der Nordsee. So oft hatte sie bereits diese Fähre zur Insel Neuwerk genommen. Die in die Jahre gekommene alte Dame MS Flipper, die in den Siebzigern vom Stapel gelaufen war, schob sich durch die wogende See. Annika hatte schon befürchtet, dass sie heute gar nicht ablegen würde, weil die Reederei die Wetterverhältnisse als kritisch einschätzte. Wenn sie die Fähre einsetzte, dann war die Überfahrt zur Insel auch sicher, davon ging sie fest aus. Nicht selten hatte sie in den letzten Jahren auf den Wattwagen oder Trecker vom Hotel ihres Onkels umsatteln müssen, um bei Ebbe übers Watt zu kommen, wenn die Fähre ausgefallen war, weil das Wetter von einem Tag zum anderen zu unberechenbar geworden war.

Die schwankende Fähre war sicher, da hatte Annika keine Bedenken. Aber nicht jeder hielt eine stürmische See aus. Sie selbst war noch nie seekrank geworden, besaß schon seit ihrer Kindheit einen starken Magen. Nicht jedoch die Frau, die ihr mit leichenblassem Teint am Tisch gegenübersaß und seit Minuten bewegungslos durch die Scheibe auf den Horizont starrte. Sie hatte sich einen auffällig bunten Schal umgeschlungen, der zwischen den Blau- und Grautönen der Bekleidung der anderen Passagiere hervorstach. Eine Sonnenbrille, lässig ins Haar geschoben, wirkte wie ein Fremdkörper an diesem grauen Morgen an Bord. Woher kommt die Frau, fragte sich Annika, ist sie eine Tagestouristin? Dagegen sprach der Rollkoffer, den sie unter den Tisch geschoben hatte, damit er fixiert war. Sicherlich würde es ihr an der frischen Luft besser gehen, aber auf dem oberen Sonnendeck war es heute viel zu stürmisch, dort hielt es niemand lange aus. Annika kramte in ihrer Umhängetasche und fand die Tüte mit dem Ingwer. Sie nahm ein Stück heraus und reichte es der Frau. »Hier, das hilft, wenn Ihnen übel ist. Einfach etwas darauf herumkauen.«

Die Frau sah sie ungläubig an, dann nahm sie das Stück der asiatischen Wurzel und schob es sich in den Mund. Sie nickte ihr dankbar zu, richtete ihren Blick sofort wieder nach draußen. Auch Annika nahm ein Stück vom Ingwer, weil sie das Gefühl hatte, dass eine Erkältung im Anmarsch war. Dann war das Kauen von Ingwer immer die beste Abwehr, bevor der Infekt ausbrach.

Zwei Tische weiter begann die Nonne kurz zu husten. Sollte sie ihr auch etwas von ihrem kleinen Wundermittel anbieten? Aber die Frau in der geistlichen Tracht fing ihren fragenden Blick nicht ein, sah weiter mit kerzengerader Haltung zum Fenster hinaus. Die andere Passagierin mit dem Zopf schien kein Problem mit dem unruhigen Wetter zu haben. Sie hatte ein Buch herausgeholt und las darin trotz des Wellengangs.

Annika trank einen Schluck Tee. Bei der Abfahrt hatte sie sich sofort an einen Tisch unter Deck gesetzt und ein Glas bestellt. Assam mit Milch, wie immer. Versonnen rührte sie darin und hing wieder ihren Gedanken nach. Nur die nötigsten Sachen hatte sie auf diese Reise mitgenommen. Sie wollte es wie eine kleine Auszeit aussehen lassen, die es jedoch nicht war. Wahrscheinlich hatte sie dem Ende ihrer Ehe vorgegriffen, indem sie Justus für die nächsten Wochen allein in ihrer Wohnung in Eimsbüttel zurückließ. Wie erleichtert ihr Mann gewesen war, dass sie den ersten Schritt machte!

Sie hatte ihm, dem Berufsmusiker, der beim Elbphilharmonie-Orchester Fagott spielte, vor einigen Tagen eröffnet, dass sie Hedda, ihre Mutter, für einige Wochen auf Neuwerk unterstützen würde. Er hatte nicht einmal gefragt, wie sie es geschafft hatte, bei ihrem Chef diese Auszeit herauszuschlagen. Justus war in seinem kleinen Refugium verschwunden, das früher das Kinderzimmer ihres Sohnes gewesen war, wo er nun seit sechs Monaten auch schlief. Ihre Wohnung war, seit Nils ausgezogen war, unausgesprochen zur Wohngemeinschaft geworden, ihre Ehe nur noch bessere Fassade. Seit ihr Sohn in Berlin studierte, war das vorrückende eheliche Verfallsdatum zwar kein Thema zwischen ihnen, weil sie und Justus ihre Routinen mochten, die Bequemlichkeiten des Zusammenlebens und keiner von ihnen beiden sich allein eine annähernd schöne Wohnung in dieser Lage von Hamburg leisten könnte, aber sie waren miteinander nicht glücklich, lebten in dieser WG, sprachen nicht mehr miteinander als nötig, gaben sich nur Auskunft, wer wann ging oder kam. Mittlerweile kauften sie sogar getrennt voneinander ein und hatten den Kühlschrank aufgeteilt, sodass es keine Konflikte gab. Lediglich die Benutzung des Bads war noch ein kleines Minenfeld, wenn sie und Justus am Morgen gleichzeitig aus dem Haus mussten.

Doch nun war Annika fort, für ein paar Wochen aus der Ehe-WG ausgezogen. Vielleicht konnten sie sich getrennt voneinander Gedanken machen, wie es danach mit ihnen weitergehen sollte. Manche Ehepaare schafften einen zweiten Frühling, wenn die Kinder aus dem Haus waren. Dafür, das war ihnen beiden klar, waren sie beide zu pragmatisch. Sie schnupperten gerade an ihrer neuen Freiheit, was für Annika, wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, letztendlich auf eine Scheidung hinauslief. Würde sie Justus vermissen? Sie überlegte eine Weile, stellte sich die Wohnung ohne ihn vor. Seine Currys würden ihr fehlen, seine kleinen privaten Konzerte, mehr als er selbst. Was ein Armutszeugnis war, weil sie weit über zwanzig Jahre verheiratet waren.

Annika ließ das Wort auf der Zunge zergehen. Geschieden. Und das mit dreiundvierzig. Eigentlich war sie genau im richtigen Alter, um einen Neustart hinzulegen. Aber dieser musste warten. Erst einmal brauchte ihre Mutter ihre Hilfe. Annika würde sich den Dämonen von Heddas Vergesslichkeit unterordnen müssen. Und sie selbst bekam in den nächsten Wochen auf einer Insel, in der man im Herbst nur den Wind und die Seevögel hörte, genug Zeit, um sich über ihre private und berufliche Zukunft Gedanken zu machen und nötige Entscheidungen zu treffen.

In ihrer Tasche ertönte der vertraute Ton, als eine E-Mail einging. Annika holte ihr Smartphone heraus, obwohl sie sich vorgenommen hatte, sich nicht mehr von den Hamburger Nachrichten ablenken zu lassen. Aber noch konnte sie nicht ganz loslassen. Deshalb öffnete sie die Mail, die eindeutig beruflich und in sachlichem Ton verfasst war. Es ging um eines dieser nervigen täglichen Updates auf den Dienstcomputern. Uninteressant, sie löschte die Nachricht der IT. Noch immer kamen die Team-Mails bei ihr an, obwohl sie sich offiziell für mehrere Wochen eine Auszeit vom Dienst in der Mordkommission genommen hatte. Sie legte das Handy zurück in die Handtasche, blickte wieder nach draußen auf die wogende See. Grautöne überall. Ein Wellenkamm klatschte an die Scheibe, die Frau mit dem bunten Schal zuckte zusammen. Aber ihre Gesichtsfarbe wirkte wieder etwas lebendiger. Annika nickte ihr aufmunternd zu.

Heddas Krankheit und deren schneller Verlauf waren ein nachvollziehbarer Grund gewesen, um einen Antrag auf unbezahlten Urlaub zu stellen. Nach dem ersten Entsetzen ihres Chefs über ihre Bitte, bis zum Ende des Jahres freigestellt zu werden, hatte er sie ziehen lassen. Demenz war ein schweres Los, das niemand hinterfragte. Natürlich, Heddas zunehmende Bedürftigkeit und die Bitte ihres Onkels, sich um sie zu kümmern, waren ausreichende Beweggründe gewesen, auf die Insel zurückzukommen. Doch was tatsächlich hinter ihrem Weggang aus Hamburg steckte, was sie veranlasst hatte, für Wochen ihre Wohnung und ihren Arbeitsplatz zu verlassen, wusste nur sie allein. Sie wischte die unschönen Gedanken weg.

Ihre Augen juckten, sie nahm die Brille ab und rieb darüber. Die Augentropfen hatte sie im Badezimmerschrank vergessen. Justus würde sie ihr nachschicken müssen, da Neuwerk so klein war, dass es dort keine Apotheke gab. Wenigstens hatte sie an ihre Ersatzbrille gedacht. In ihrem Elternhaus, in dem Hedda, seit sie nach Hamburg gezogen war, allein wohnte, wartete ein eigenes Zimmer mit Bad auf sie. Annika freute sich auf das gemütliche maritime Flair mit den Korbmöbeln und der gestreiften Bettwäsche, auf Mutters Butterkuchen, vor allem jedoch auf die Ruhe draußen im Wattenmeer, auf die langen Spaziergänge bei Wind und Wetter, das Rufen der Möwen, Gänse und Austernfischer.

Obwohl ihr der Gedanke an die frühe Dunkelheit nun im Herbst zu schaffen machte. Denn wenn etwas da draußen Seltenheit hatte, dann waren es Straßenlaternen. Das Dunkel war auf Neuwerk schon immer besonders intensiv und für sie damals als Kind beängstigend gewesen. Angst hatte sie nicht mehr, aber einigermaßen Respekt, weil ihre Augen nicht mehr perfekt funktionierten.

Am Horizont sah sie die Insel auftauchen, obwohl sie sicherlich noch eine gute Stunde brauchen würden, bis sie den Anleger erreichten. Ein wohliges Gefühl brach sich Bahn, das sie immer dann etwas nostalgisch werden ließ, wenn sie hier draußen im Wattenmeer war. Ein warmes Gefühl des Heimkommens, gepaart mit der Sehnsucht nach der Weite, die sie in Hamburg anfangs vergeblich gesucht hatte. In der Großstadt wurde der Blick immer eingefangen, egal wo man war, ob zwischen den Häuserschluchten, im Stadtpark oder an der Alster. Sie hatte sich in den ersten Monaten oft etwas in die Enge getrieben gefühlt. Erst als diese Beklemmung langsam abgefallen war, hatte sie Hamburg als neues Zuhause annehmen können. Aber das Inselgefühl ihrer Kindheit übermannte sie spätestens hier auf der Fähre.

Vielleicht hätte sie damals bleiben und im Hotel ihres Onkels Ole anfangen sollen. Ole Lundt war ein harter Hund, der das Familienunternehmen zu dem gemacht hatte, was es heute war. Hotel, Wattwagenfahrten und Restaurant liefen, trotz der harten Jahre während der Pandemie, und er schrieb wieder schwarze Zahlen. Ole war kein zartbesaitetes Gemüt, verlangte viel von seiner Familie und seinen Angestellten. Gegenwind formt den Charakter, sagte er immer, wenn sich jemand von ihm ungerecht behandelt fühlte. Aber er war ein Mann, der alles für die Familie tat, bei dem sie immer ein Dach über dem Kopf haben würde, wenn es in der Großstadt nicht mehr lief. Auf ihn konnte sie sich hundertprozentig verlassen.

Warum sie weggewollt hatte von Neuwerk und ausgerechnet zur Polizei gegangen war, hatte seinen Grund gehabt. Der ihr, wenn sie ganz ehrlich mit sich war, in diesem Moment so fadenscheinig wie wackelig erschien. Aber mit sechzehn machte man andere Fehler als mit dreiundvierzig. War es wirklich eine Fehlentscheidung gewesen, zur Polizei zu gehen? Nein, es war ein guter Job, spannend, sinngebend und fordernd. Das bereute sie nicht. War es ein Fehler, zurückzukommen? Das würde sich noch zeigen. Denn sie wusste, wie vereinnahmend ihr Onkel sein konnte, wenn es darum ging, den Familienbetrieb fortzuführen. Und wenn etwas fehlte, dann waren es hart arbeitende Familienmitglieder. Bei jedem ihrer Besuche hatte er versucht, sie mit einem guten Gehalt, einer eigenen Wohnung im Haus, ja sogar mit der Aussicht auf das Erbe des Hotels zurück auf die Insel zu locken. Annika war hart geblieben.

Wieder wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als auf den Tischen das Geschirr gefährlich in Richtung Tischkante rutschte. Eine Servicekraft trat hinter dem Tresen hervor, um die Tische vorsorglich abzuräumen. Annika trank den Tee aus und stellte ihn der Frau aufs Tablett. Diese nickte dankbar, balancierte das Geschirr zum nächsten Tisch. Annika achtete nicht mehr auf sie, ein normaler Tag auf der Fähre. Sie sah nach draußen und lächelte, als sie hinter der gurgelnden Gischt die Umrisse von Neuwerk klar erkennen konnte. Im Regengrau des Hamburger Schmuddelwetters hatte sie die Insel wirklich vermisst.

Kapitel 2

SINJE BIANCHI

Rom, Trastevere, 9. Oktober 2025

Der Fächer mit dem großen Blumenmuster war kitschig, aber herrlich praktisch. Anfangs hatte sie ihn wegwerfen wollen, als Giancarlo ihn von einer seiner Asienreisen mitgebracht hatte. Dann war er im Wandschrank verschwunden. Seit sie in die Wechseljahre gekommen war, war Sinje heilfroh, dass er griffbereit neben ihrem Schreibtisch lag. Sie genoss den leichten Luftzug, den sie sich zuwedelte. Der Tag war recht windig gestartet. Dann hatte sich die Sonne durchgesetzt und die Außentemperatur auf sommerliche Verhältnisse hochschnellen lassen. Lediglich eine kleine Brise ließ den Vorhang an der Terrassentür sich aufbauschen und wieder zusammenfallen.

Sinje legte den Fächer zur Seite und trank durstig ein paar Schlucke Wasser. Es war warm in ihrer Wohnung, weil sie heute Morgen die dicken Vorhänge nicht geschlossen hatte, was sie im Herbst nie tat. Wenn die Tage kürzer wurden, wollte sie jede Stunde des Tageslichts genießen. Sie stand auf und inspizierte das Thermometer neben der Terrassentür. Sechsundzwanzig Grad im Schatten, und das Anfang Oktober! Erschöpft setzte sie sich wieder auf den Korbstuhl und lehnte sich zurück. Der Cursor blinkte auf dem Bildschirm, als erwartete er weitere Befehle.

Sollte sie auch gleich noch die nächste Szene überarbeiten? Oder eine Pause einlegen? Ein dumpfes Hungergefühl machte sich bemerkbar, aber was sollte sie essen? Es war nichts im Haus außer Oliven und einer abgelaufenen Tüte Chips. Wieder einmal hatte sie vergessen einzukaufen, war die letzten Tage so in ihren Text versunken gewesen, dass sie nicht einmal mehr Brot im Haus hatte. Sollte sie sich schnell unten in der Bar zwei tramezzini holen?

Aus der Ferne hörte sie einen dumpfen Knall. Tauben flatterten erschrocken vom Dach gegenüber auf. Sie klappte den Laptop zu. Genug für heute. Der Kanonenschuss wurde jeden Tag pünktlich zwölf Uhr vom Gianicolo, dem Hügel, der sich über Trastevere erhob, abgegeben. Eine römische Marotte, die einer der Päpste Ende des neunzehnten Jahrhunderts eingeführt hatte, damit alle Kirchen gleichzeitig läuteten. Und für Sinje das Signal, sich etwas zum Lunch zu holen, nachdem sie beinahe die ganze Nacht durchgearbeitet hatte.

Sie schlüpfte in ihre silbernen Zehensandalen, richtete sich am Spiegel die zerzauste Frisur, legte etwas Lippenstift auf, um halbwegs ausgehfertig zu sein, und verließ das appartamento im Dachgeschoss, das Giancarlo ihr bei seinem Tod hinterlassen hatte. Sie dankte ihrem verstorbenen Ehemann immer noch dafür, dass er ihr nicht nur ermöglicht hatte, Anfang der Zweitausender in diese wunderschöne Weltstadt zu ziehen, sondern dass er auch still und heimlich für ihre Zukunft vorgesorgt hatte, bevor er sie hier allein gelassen hatte. So war es möglich, dass sie als freischaffende Journalistin immer ein Dach über dem Kopf hatte, auch wenn es eine Durststrecke gab. Seit die Aufträge durch die Pandemie nicht mehr so häufig ins Haus flatterten, musste sie ihre Geldreserven einteilen.

Und das Buch, an dem sie gerade Tag und Nacht arbeitete, sollte genug einbringen, um für ihren Lebensabend vorzusorgen. True Crime war gerade der neue Hype auf dem Krimimarkt, und mit dem Knall, mit dem ihr Werk auf dem Buchmarkt aufschlagen würde, waren auch Folgetitel sicherlich nicht ausgeschlossen. Jedenfalls war sie der festen Überzeugung, dass sich nach ihrer Veröffentlichung ganz sicher ein paar ihrer alten Kollegen ihrer erinnern und den Kontakt suchen würden, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie würde sie um den Finger wickeln, denn was ihr Werk brauchte, war eine gute Presse.

In der Bar im Nebenhaus ließ sie sich von Barkeeper Alessio einen espresso doppio und zwei tramezzini reichen, belegte Weißbrotscheiben, einemit Thunfisch und Ei, eine mit Käse und Schinken. Sie stellte sich zu ihm an den Tresen und ließ sich in einen kleinen Small Talk verwickeln. Manchmal dachte sie, dass er mit ihr flirtete. Aber er tat den ganzen Tag nichts anderes. Ob mit ihr oder mit anderen Frauen, Alessio gab ihnen allen das Gefühl, begehrt zu werden. Vielleicht wurde die Bar deshalb von vielen Singlefrauen frequentiert. Sinje fühlte sich mit Anfang vierzig in einem Alter, in dem sie noch immer auf dem Markt war. Warum nicht mit einem jüngeren Mann ausgehen? Es gab niemanden, der es ihr ausreden konnte außer sie selbst.

Während sie aß, tankte sie die quirlige Geselligkeit der Straße. Erst jetzt merkte sie, dass sie tagelang nicht mehr draußen gewesen war. Alessio meckerte über die Massen von Touristen, die sich auch jetzt im Oktober durch die enge Gasse schoben. Sie verkniff sich die Bemerkung, dass seine winzige Bar vor allem vom Geld der Urlauber lebte. Er wurde von einem Geschäftsmann in Anzughose und Birkenstocklatschen aus dem Redeschwall gerissen und wandte sich dem neuen Gast zu.

Sinje blickte auf, als sie plötzlich die vertraute Sprache hörte. Ein junges deutsches Paar unterhielt sich auf der anderen Straßenseite angeregt über die gepfefferten Preise der italienischen Metropole. Sinje genoss es, ihre Muttersprache zu hören, auch wenn sie sich von Deutschen hier in Rom lieber fernhielt. Das Paar packte Wasserflaschen aus und füllte sie unter dem Trinkwasserhahn an der Mauer gegenüber auf. Die junge Frau blickte nach oben, legte die Hände über die Augen, um gegen die Sonne blinzeln zu können.

»Hast du nicht gesagt, es werden heute nur zwanzig Grad?«, fragte sie ihren Begleiter vorwurfsvoll. Er zuckte mit den Schultern. Was sollte er schon daran ändern? Aber sie hatte recht. Es war in dieser Woche sicherlich drei, vier Grad wärmer als im Oktober üblich. Die Hitze stand in der Gasse. Auch vor Rom machte die Klimakrise nicht halt.

Sinje schob sich den letzten Bissen in den Mund und winkte Alessio, ihr noch einen Espresso zu servieren. Irgendwo lachten Kinder, eine Mutter schrie sie laut an, weil sie nicht spurten. Dann knatterte eine Vespa die Gasse herunter. Der Soundtrack Roms, den Sinje so liebte und den sie nie wieder gegen den hektischen Lärmpegel deutscher Großstädte eintauschen würde. Ein Pling auf ihrem Smartphone lenkte sie zurück zu ihren Geschäften. Sie hatte sich verschiedene Google Alerts eingerichtet. Dieses Mal war es der Begriff »Neuwerk«. Sie las die Nachricht und spürte eine wachsende Erregtheit, die, je weiter sie las, in Unruhe umschlug.

Hektisch kramte sie Bargeld aus ihrer Hosentasche, warf einen Schein auf den Tresen, weil Alessio gerade von einer schönen Römerin abgelenkt war, und eilte hinaus. Sie nahm mehrere Stufen auf einmal, konnte gar nicht schnell genug den Schlüssel ins Schloss der Wohnung schieben und den Laptop aufklappen. Auch hier war die Nachricht angekommen, die sie die Treppe hochgejagt hatte. Sie überflog den gesamten Text und dachte nach. Sie las noch einmal die Schlagzeile und traf eine Entscheidung.

DRAMA VON NEUWERK: Die Hinterbliebenen besuchen dreißig Jahre später die Insel und das Schullandheim, wo ihr Sohn 1995 spurlos verschwand.

Es gab nur eine Möglichkeit, weitere Informationen zu bekommen. Sie musste dorthin!

Sie buchte einen Flug nach Hamburg, ein Zugticket nach Cuxhaven und zwei Hotelzimmer – eines in Cuxhaven, ein weiteres auf Neuwerk, hob im Schlafzimmer den Rollkoffer vom Schrank, packte lange Hosen und warme Pullover ein, feste Schuhe, ihren bunten Schal und die gefütterte Regenjacke. Dort, wo sie die nächsten Tage verbringen würde, wurde es gerade recht ungemütlich und kühl. Und ihr war bewusst, dass sie nicht nur wetterfeste Kleidung, sondern eine gute Rüstung für ihre Nerven brauchte. Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog und ins Taxi stieg, hatten sich plötzlich dunkle Wolken über Trastevere gebildet, wie eine unheilvolle Ahnung.

SINJE BIANCHI

Fähre nach Neuwerk, 10. Oktober 2025

Sinje schluckte den scharfen Speichel herunter, spürte, wie der Druck ihres Abdomens und die Übelkeit nachließen. Sie war unsagbar erleichtert. Seit die Unbekannte ihr den Ingwer gegeben hatte, auf dem sie immer noch herumkaute, hatte sich ihr Magen zunehmend beruhigt. Ohne diese nette Geste hätte sie die unruhige Überfahrt wohl nicht so unbeschadet überstanden. Sie hatte schon überlegt, ob sie eine Plastiktüte aus der Tasche ziehen sollte, dann hatte die Sitznachbarin ihr ein Stück der Ingwerknolle in die Hand gedrückt. Sie warf ihr einen schnellen Blick zu.

Die Fremde schien in Gedanken versunken zu sein, wobei sich tiefe Falten um ihren Mund bildeten, die sie älter wirken ließen, als sie offensichtlich war. Mitte vierzig, dachte Sinje, vielleicht jünger, vielleicht älter. Ab vierzig spielten die letzten Jahre beim Thema »Altern« eine große Rolle. Wer Raubbau mit Körper und Seele betrieb, sah schneller alt aus als jemand, der ein sorgenfreies Leben führte. Aber vielleicht spielten auch die Gene eine große Rolle. Und all die Anti-Aging-Produkte sowie der Lebensstil waren völlig überbewertet. Die müden Augen der Fremden deuteten jedenfalls auf stressige Monate hin. Ihre Augenringe zeugten von wenig Schlaf. Ihr Gegenüber war ganz in Dunkelblau und Schwarz gekleidet, vielleicht hätte ein wenig Farbe ihr besser gestanden. Erste graue Haare an den Schläfen, die sie offensichtlich nicht färbte, erinnerten Sinje daran, dass sie blond war und ihre eigenen grauen Haare noch nicht herausstachen. Was die andere wohl für einen beruflichen und familiären Background hatte? Sie selbst war schon immer neugierig gewesen, versuchte, bei Fremden etwas zu entdecken, was etwas über sie aussagte.

Doch es war schwer, diese Frau in eine Schublade zu stecken, was bei Sinje Interesse weckte. Auf den ersten Blick sah man ihr nicht an, wer sie war, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängte. In einer Menge von Menschen würde sie kaum jemand beachten. Dagegen schienen ihre Augen hinter der riesigen, dunkel gerahmten Brille alles um sie herum aufzunehmen, obwohl sie dann wieder abwesend wirkte, wenn sie aus dem Fenster blickte. Attraktiv, keine Frage, aber auf den zweiten Blick, weil diese Frau in den besten Jahren keinen ihrer Vorzüge unterstrich. Die schlanke Figur war unter weiten Klamotten verborgen. Ihr war die schmale, gepflegte Hand aufgefallen, die ihr den Ingwer gereicht hatte. Sinje sah weg, als die andere plötzlich ihren Blick erwiderte. Doch es hatte gereicht, um im Gesicht ihres Gegenübers einen harten Zug und eine Entschlossenheit zu erkennen, die ihr eine Gänsehaut machte.

Was die andere wohl nach Neuwerk führte? Auch sie hatte einen recht großen Koffer dabei, blieb also länger als nur ein Wochenende dort. Urlaub in dieser Jahreszeit auf einer kleinen Insel in der Nordsee machten nur Menschen, die die Abgeschiedenheit suchten oder vor etwas oder irgendwem auf der Flucht waren. Sinje würde den Grund ihres Aufenthaltes wohl nicht erfahren, außer sie sprach sie direkt darauf an. Aber heute fehlte ihr der Sinn für Small Talk.

Sinje nahm eine Serviette und spuckte den strohigen Teil des Ingwers hinein. Ekelhaft, wenn man darauf herumkaute, auch wenn sie Ingwertee eigentlich mochte. Aber das Stückchen hatte sofort ihren unruhigen Magen beruhigt. Ein kleines Wundermittel, das musste sie sich merken, obwohl sie nicht vorhatte, nach diesem Trip noch einmal nach Neuwerk oder auf eine andere Insel in der Nordsee zurückzukehren. Sie sehnte sich schon jetzt nach der herbstlichen Wohligkeit in Rom, nach ihrer gemütlichen Wohnung unterm Dach, nach den gurrenden Tauben und dem Geräusch der Straße unter ihr. Und nach Alessio, der garantiert gerade mit anderen Frauen flirtete. Er war für sie, auch wenn er sie sicherlich sofort vergaß, wenn sie die Bar verließ, das Sinnbild des jungen attraktiven Italieners. Und wenn sie in diesem Leben noch einen Wunsch frei hätte, dann jenen, ein paar schöne Jahre mit einem Mann wie ihm zu verbringen. Das Alter kam viel zu schnell, sie wollte die Zeit in ihren Vierzigern mit allem genießen, was dazugehörte. Aber vorher musste sie auf dieser winzigen Insel etwas klären, was ihrem Buch hoffentlich die gewünschte Aufmerksamkeit bescheren würde. In ihrem Leben hatte sie sich noch nie vor Herausforderungen gescheut und würde ganz sicher nicht jetzt nicht damit anfangen. Sie würde den richtigen Leuten die richtigen Fragen stellen und dann schnellstens wieder mit der Fähre nach Cuxhaven übersetzen. Von dort aus nach Hamburg zum Flughafen fahren und den nächsten Flug nach Rom nehmen.

Plötzlich gab es einen heftigen Stoß, das Schiff bebte und stoppte. Der Motor setzte kurzzeitig aus. Alle Passagiere im Salon waren ebenfalls erschrocken und schienen sich erst einige Sekunden später zu entspannen, als nichts weiter passierte. Dann sah sie, dass die Fremde gegenüber aufstand, um das Geschehen durch die riesige Scheibe zu beobachten.

»Sie hat sich festgefahren«, sagte die Ingwerfrau leise wie zu sich selbst.

Auch Sinje stand auf, wie die anderen Passagiere, die neugierig hinausblickten. Die Insel schien greifbar nah, der Anleger war bereits zu sehen. Doch die Fähre fuhr nicht weiter, saß ganz offensichtlich fest. Der Motor arbeitete auf Hochtouren. Draußen sprudelte aufgewühltes Wasser, klatschte immer wieder ans Fenster.

»Was geschieht jetzt?«, fragte Sinje und hörte selbst, dass ihr Deutsch ungeschliffen und fremd klang.

»Die Fähre wird versuchen, sich selbst zu befreien. Wahrscheinlich eine Sandbank«, antwortete die andere.

»Wie kann das denn passieren? Gibt es hier nicht eine feste Fährroute?«

»Ja, klar. Aber hier draußen ist alles in Bewegung. Die Wasserwege verschlicken immer wieder.« Eine tiefe Falte hatte sich zwischen ihren Augenbrauen gebildet. »Seit der ganze Schlamm von der Elbvertiefung auch noch hinter Scharhörn abgekippt wurde, sitzen die Fähren hier immer wieder auf Sandbänken auf.« Ein verärgertes Kopfschütteln folgte.

»Und Scharhörn ist …«

»Eine menschenleere Insel neben Neuwerk. Da lebt nur eine Vogelwartin mit Tausenden Vögeln im Naturschutzgebiet.« Sie sog wütend die Luft ein. »Genau der richtige Platz, um den giftigen Abraum vom Hamburger Hafen zu verklappen.«

Der Mann, der in der Ecke am Laptop gesessen hatte, ging an ihnen vorbei. »Ich schaue mir das von oben an«, sagte er.

»Ich komme mit. Kann ich den Koffer hierlassen?«, fragte ihr Gegenüber. Sinje wollte schon nicken, bemerkte jedoch, dass die Frage gar nicht an sie, sondern an die Frau am Tresen gerichtet gewesen war.

»Gehen Sie ruhig, ich passe auf«, sagte die Bedienung und räumte etwas in einen Schrank ein.

Sinje nahm ihre Sachen mit an Deck, sie würden ja ohnehin gleich die Fähre verlassen. Was auch immer jetzt passierte, sie wollte es sehen. Oben auf dem Sonnendeck, wo man bei gutem Wetter die ganze Fahrt sitzen konnte, standen vereinzelt ein paar Passagiere, hatten die Kragen hochgeschlagen oder Mützen aufgezogen. Der Wind fegte böig über sie hinweg, aber wenigstens war es trocken. Sinje wickelte den Schal fester, damit er nicht wegwehte. Dann verließ sie die Treppe und betrat das offene Deck, wo auch die anderen standen. Sie hielt sich an der Reling fest, war nicht ganz so seefest wie ihre Sitznachbarin, die das Geschehen aufmerksam verfolgte. Mehrere Männer in der Uniform der Crew hatten sich im vorderen Bereich an die Reling gelehnt und stakten mit langen Stangen im Schlick neben der Fähre, versuchten, dem Schiff mit ihrer Körperkraft beim Freikommen zu helfen. Der Motor heulte dumpf auf, wirbelte Wasser und Schlamm neben ihnen durcheinander. Die Schaulustigen beobachteten mit Interesse dieses Schauspiel, das hier wohl nicht zum ersten Mal stattfand.

Sinje stellte ihr Gepäck auf eine der Sitzbänke in der Mitte des Decks, ging zur Reling und beugte sich neugierig über das Metallgeländer, um besser sehen zu können, was da unten passierte. Hinter sich hörte sie den Motor aufheulen, der die Schiffsschraube Wasserfontänen ins Meer schleudern ließ. Noch immer saßen sie fest, rückten keinen Meter vor. Sie schafften es nicht zur Insel, und die Insulaner, die bereits mit dem Trecker am Anleger auf sie warteten, nicht zu ihnen. Nur ungefähr hundert Meter trennten sie von ihrem Landgang. Minutenlang beobachtete Sinje den Kampf der Maschinen gegen den Schlick der Sandbank, auf der sie sich festgefahren hatte. Das Sprudeln des Wassers und die angespannten Rufe der Crew untermalten diese brenzlige Situation. Vielleicht konnte sie diesen Vorfall in ihr Buch einbauen?

Plötzlich schien ein Ruck durch den Schiffskörper zu gehen, als wäre es das letzte Aufbäumen der Fähre vor der Befreiung. Dann nahm sie langsam Fahrt auf.

Sinje wollte sich wieder aufrichten, als sie von hinten jemand anrempelte. Sie ruderte mit den Armen, doch ihre Hände griffen ins Leere. Dann verlor sie das Gleichgewicht. Die Schwerkraft zog ihren Körper nach unten, die graue Wasserwand flog auf sie zu, und im nächsten Moment erstarrte ihr Körper durch die Eiseskälte der See.

Ich sterbe, dachte sie, als das Wasser über ihr zusammenschlug.

Schockstarre. Für ein paar Sekunden konnte sie sich nicht bewegen, sank nach unten. Dann widersetzte sich ihr Verstand der Lähmung des Körpers. Sie begann, mit den Armen zu rudern, bis ihr Kopf die Wasseroberfläche durchbrach. »Hil…fe!«, schrie sie, schluckte salziges Wasser ein und hustete, bis sie Galle spuckte. Schlieren lagen vor ihren Augen. Sinje zwinkerte und versuchte, etwas zu erkennen. Hatte jemand bemerkt, dass sie ins Wasser gestürzt war? Sie konnte die Reling sehen. Waren da oben Köpfe oder war es vielmehr die Hoffnung, dass sie jemand bemerkt hatte? Eiskalt traf sie die Erkenntnis, dass sich das Schiff bewegte. Sie ließen sie hier einfach zurück! »Hil…« Sie schluckte das schlammdurchsetzte Wasser einer Welle, die über ihr zusammenschlug, kämpfte sich an die Wasseroberfläche. Spuckte, bis sie wieder atmen konnte.

Ihre Kraft ließ nach, die Kleidung an ihr war schwer wie Bleigewichte. Wie lange konnte sie ankämpfen gegen die Kräfte des eiskalten Wassers? Würde sie es bis zur Insel schaffen? Sie ruderte mit den Armen, um in Bewegung zu bleiben, versuchte, sich neben der Fähre zu halten. Die Erkenntnis traf sie in diesem Moment. Allein würde sie es nicht ans nahe Ufer schaffen. So nah und doch so fern! Sie ruderte, schluckte Wasser, kämpfte gegen die Wellen und die Kälte. Aber ihre Kräfte schwanden.

Ich sterbe, dachte Sinje wieder.

Bilder rasten vorbei. Das Gesicht ihres Mannes in jüngeren Jahren, das Lachen ihrer Freundin Eleonore. Dann der Blick von ihrer Dachterrasse auf die Straße, schließlich das schöne Gesicht von Alessio. Ihre Arme verweigerten sich. Ein letzter Hilfe suchender Blick nach oben, wo die Außenwand an ihr vorüberzog. Das Schiff fuhr weiter. Sie ließen sie einfach hier ertrinken.

Kapitel 3

MATS NILSSON

Deutscher Wetterdienst, Seewetteramt Hamburg, 15. September 2025

Auf dem Balkon des Nachbarbüros trank Mats den mittlerweile kalten Kaffee aus. An diesem atemberaubenden Ausblick vom zweiten Stock des Seewetteramts auf den Hamburger Hafen hatte er sich auch nach all den Jahren nicht sattgesehen. Rechter Hand, auf der anderen Elbseite, erhoben sich die typischen rot-blauen Containerbrücken, die zu Hamburg gehörten wie der Michel. Vor ihm befand sich das Gebäude mit den Einfahrten zum alten Elbtunnel. Drehte er den Kopf nach links, ragte hinter den Bäumen das Wellendach der Elbphilharmonie auf. Hamburg, meine Perle.

Mats riss sich los, trank den letzten bitteren Schluck und machte Henri Platz, der hier eine heimliche Kippe rauchen wollte. Dieser Austritt, auf dem höchstens zwei, drei Leute gleichzeitig stehen konnten, stand nur den Kollegen in diesem Büro zur Verfügung. Sie blickten noch nicht einmal von ihrer Arbeit auf, wenn Mats für seine kleine Kaffeepause vor Arbeitsschluss hier hinaus ging.

Er verabschiedete sich von dem Kollegen der nächsten Schicht und bekam einen schmallippigen Gruß von Jens Kruse zurück, der auf einen seiner sechs Monitore starrte. Mehrere Wettermodelle waren bei ihm am Arbeitsplatz »Land« geöffnet, wo die Kollegen rund um die Uhr Schichten schoben. Wenn man, wie auch Mats, an diesem Schreibtisch saß, gab es einige Nachtschichten im Monat. Dann war man hier allein in den hohen Räumen der ehemaligen Navigationsschule auf St. Pauli. Er liebte diese ruhigen Schichten, wenn kaum das Telefon klingelte. Außer der Fachdienst stellte während einer brisanten Wetterlage eine Medienanfrage durch.

Er lief am Pförtner vorbei, der die Hand zum Abschied hob, und überquerte den Hof zur Straße. Sein Weg führte am Tropeninstitut vorbei. Von dort hielt er sich Richtung Reeperbahn. Ein paar Straßen weiter betrat er das winzige Massagestudio von Dao. Zehn Minuten später genoss er die wohlige Wärme der heißen Steine auf seinem Rücken und die massierenden Hände der Thailänderin. Dazu Klangschalenmusik und Duft von Räucherstäbchen, der in den Räumen hing wie die fette Dunstglocke auf einem der Straßenmärkte in Bangkok. Nach seiner Schicht gönnte Mats sich immer wieder diesen Luxus einer Thai- oder Hot-Stone-Massage bei Dao. Sie war die Beste. Und er gab sich nur mit dem Besten zufrieden.

So klein und zierlich Dao war, so kräftig waren ihre Hände, die seine Verspannungen lösten. Die Musik wechselte, nun hörte er leises Vogelgezwitscher und das Tröpfeln von Regen im Dschungel. Er ließ los und nickte ein, wachte erst auf, als Dao ihn bat, sich aufzusetzen. Sie kletterte hinter ihn auf die Massageliege und bearbeitete die Schultern und seine verhärtete Halsmuskulatur. Mats hielt die Luft an, unterdrückte ein Stöhnen. Es schmerzte so stark, als wären seine Nackenmuskeln kleine Steine, die Dao mit den Fingern weich kneten wollte. Der Stress der letzten Tage hatte sich sofort in seiner Nackenmuskulatur eingenistet.

Nachdem er sich angezogen hatte, zahlte er am Tresen vor dem Ausgang, wo eine gelangweilte ältere Version von Dao lehnte und eine Kette aus Kunstblumen bastelte, die überall im Massagestudio die Wände zierten. Die angegraute Dame zog seine EC-Karte über das Kartenlesegerät.

Mats nahm sein Handy aus der Umhängetasche, es war noch auf lautlos geschaltet. Ein verpasster Anruf. Die Mailbox war angesprungen, aber niemand hatte etwas hinterlassen. Fremde Nummern rief er nie zurück, diese Phishing-Anrufe waren lästiger als steife Windböen. Wer etwas von ihm wollte, würde sich wieder melden. Von der Zentrale des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach waren auch einige E-Mails eingegangen. Er würde sie zu Hause checken.

Mats steckte seine EC-Karte ein, hängte seine Brusttasche über die Schulter und verabschiedete sich mit denselben Worten wie immer. »Bis dann!« Mehr Verbindlichkeit mochte er nicht aufzubringen. Die Thailänderin lächelte. Sie hatte sich wieder ins Basteln der Blumenketten vertieft.

Mildes Spätsommerwetter empfing ihn auf der Straße, aber die Schatten wurden bereits länger. In den Straßencafés im Kiez war immer noch reichlich Betrieb. Es war warm genug, dass er im T-Shirt bleiben konnte, er ließ den Hoodie in der Tasche. Beim Spaziergang zu seiner Wohnung spürte er noch immer unangenehm die Nackenmuskeln, die Dao traktiert hatte. Vorsichtig bewegte er die Schultern, ein dumpfer Schmerz zog sich von der einen zur anderen Seite. Er nahm sich vor, ab morgen regelmäßig seine Faszienrolle zu benutzen, um die Verspannung in den Griff zu bekommen. An einem Asia-Imbiss holte Mats sich ein paar scharfe Nudeln und Frühlingsrollen to go, weil er heute die Zurückgezogenheit seiner Wohnung dem Trubel der Straße vorzog.

Der Eingangston einer Whatsapp erreichte ihn kurz vor der Haustür. Es war eine Audio von Fabienne, die er am Wochenende in seiner Stammkneipe kennengelernt hatte. Sie schlug vor, ihn am Abend zu treffen. Ihm war klar, wohin das spontane Date führen würde. Eine Frau, die sich so kurzfristig bei ihm meldete, sandte eindeutige Signale. Mats lehnte sich an der Hauswand in die Sonne, stellte einen Fuß an die Wand. Er hatte schon Lust, die attraktive Brünette zu bekochen, wie er es ihr versprochen hatte. Aber die Schmerzen im Rücken sprachen eine andere Sprache. »Heute Abend Ruhe!«, hatte Dao ihm noch auf den Weg gegeben. Mats sollte keine weiteren körperlichen Anstrengungen unternehmen. Fabienne war heiß, aber er war nicht auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung, wo man sich mit einem ersten romantischen Dinner zufriedengab. Er wollte Sex, nachdem er für eine Frau gekocht hatte. Und er wollte keine falschen Erwartungen schüren. Passt heute leider nicht, antwortete er ihr. Ich melde mich bei dir, okay?

Okay, schrieb sie zurück, dahinter einen Grins-Emoji. Also hatte sie seine Absage nicht in den falschen Hals bekommen wie so manches andere Date, das mit einem Nein nicht umgehen konnte und ihn zutextete, bis er den Kontakt blockierte.

In seiner Wohnung öffnete er das Fenster zur Feuertreppe, packte die Asiakartons und den Laptop auf den kleinen Küchentisch. Während er die Nudeln aß, checkte er die E-Mails, beantwortete zwei von ihnen, grübelte über der dritten. Er stand auf und schloss das Fenster, weil es dunkel geworden war und kühl. Die Tage wurden kürzer, der Herbst stand vor der Tür. Vielleicht sollte er sich für Oktober, wenn er Urlaub hatte, einen Flug ins Warme buchen. Thailand wäre eine Idee. Meer, gutes Essen, etwas Sport, Thai-Massage. Was sprach dagegen?

Eine weitere E-Mail ging ein. Mats setzte sich wieder, sah den Absender und vergaß zu atmen. Was zum Teufel sollte das? Er öffnete die Mail, sein Herz schlug bis zum Hals.

Ich weiß, was du getan hast. Dein altes Leben gibt es bald nicht mehr. Keine Anrede, keine Grußformel.

Jedoch ein Absender. Clemens Ludwig. Er kannte diesen Namen, hatte seit Jahren nicht mehr an ihn gedacht. Clemens war tot. Seit beinahe zwanzig Jahren.

Mats stand auf und nahm ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete die Flasche und trank sie halb aus. Was sollte dieser Scheiß? Wer wusste davon? Wer hatte die Sache ausgegraben, die ihn zu Fall bringen konnte?

MATS NILSSON

Fähre nach Neuwerk, 10. Oktober

Ein Rucken war unter seinen Füßen zu spüren, die Fähre nahm endlich wieder Fahrt auf. Mats ließ die Unterarme auf der Reling aufgestützt und genoss den strammen Fahrtwind. Endlich ging es weiter. Die kürzlich entstandene Sandbank hatte die MS Flipper nur ein paar Minuten aufgehalten. Von den Problemen durch den verklappten Schlick hatte er bereits gehört. Und das war nicht alles. Das Wattenmeer veränderte sich im Rekordtempo. Der Klimawandel, der hier draußen die Temperaturen in den letzten sechzig Jahren um zwei Grad hatten steigen lassen, setzte diesem sensiblen Lebensraum maßgeblich zu. Was hieß, dass Fischarten Richtung Pol wanderten, bodenbewohnende Arten sich in tieferes und kälteres Gewässer zurückzogen und sich eingeschleppte Arten ansiedelten, die mit der Wärme besser klarkamen.

Er sah hinüber zu der Insel. Neuwerk gehörte kurioserweise als Stadtteil zu Hamburg, war quasi eine Exklave der Freien Hansestadt. Was für einen Kampf führten die wenigen Einwohner zwischen Klimawandel und bürokratischem Schlagabtausch zwischen Hamburg und Niedersachsen, zu dem ein Großteil des umliegenden Wattenmeeres gehörte? Mats richtete sich auf, noch ein paar Minuten. Ihm war kalt, aber es lohnte sich nicht, noch einmal runter in den Salon zu steigen.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Aus dem Augenwinkel bemerkte er einen Schatten, drehte den Kopf nach links und sah einen Körper von der Reling nach unten fallen.

Erschrocken lehnte er sich nach vorn. Da unten war nichts außer dem braunen, aufgewühlten Wasser. Vielleicht war das lediglich ein Schattenwurf vom Schiff gewesen. Er wollte sich wieder aufrichten, als plötzlich ein Kopf auf der Wasseroberfläche auftauchte, eingerahmt von einer seltsam bunten Welle. Ein greller Schrei, dann war der Kopf wieder weg.

Scheiße, durchfuhr es ihn. »Mann über Bord!«, schrie er laut. Er sah sich um, aber die anderen Passagiere hatten das Sonnendeck bereits wieder verlassen. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg nach unten, um das Gepäck zu holen.

Ein Hilfeschrei drang von unten zu ihm. Mats war klar, dass er keine Zeit hatte, jemanden von der Crew zu suchen. Beim Einsteigen aufs Schiff hatte er die Rettungsringe begutachtet. Seinem prüfenden Auge entging so etwas nicht. Er beugte sich über die Reling, sah ein paar Meter weiter den roten Rettungsring in der Halterung und setzte sich in Bewegung. »Mann über Bord!«, schrie er nochmals in der Hoffnung, dass ihn jemand von der Crew hören und die Fähre stoppen würde. Denn dass diese in Richtung des Anlegers fuhr und den verlorenen Passagier gleich hinter sich zurücklassen würde, war ihm bewusst. Er musste es schaffen, der Person wenigstens den Rettungsring zuzuwerfen.

Er riss den Ring aus der Halterung, lief zurück zum Heck und beugte sich über die Reling. Er sah zwei rudernde Arme inmitten der seltsamen bunten Welle. Die Person im Wasser schien kaum noch Kraft zu haben, sich über Wasser zu halten. In diesem Moment begriff er, dass die bunte Welle der Schal einer der Passagierinnen war, die mit ihm im Salon gesessen hatte. Ihm war klar, wer dort in der kalten Nordsee um sein Leben kämpfte.

»ACHTUNG! FANG DEN RING!«, schrie er durch das Böllern des Motors. Aber die Frau schien ihn nicht zu hören. Sie konnte kaum noch die Arme aus dem Wasser heben.

Verdammt! Mats holte hinter dem Rücken aus und ließ den Ring nach dem Durchschwingen aufs Wasser fallen. Er sah nach unten, der Ring wurde von den Wellen weitergeschoben, aber die Frau war verschwunden. »Scheiße!«, brüllte Mats verzweifelt. Was nun? Sollte er springen?

Plötzlich war jemand auf dem Deck. Die Frau mit dem Zopf, die neben ihm gesessen hatte, kam auf ihn zugerannt. Sie schien zu realisieren, dass etwas nicht stimmte. »Ist was passiert?«, fragte sie.

»Eine Frau ist über Bord gegangen!«, rief Mats und begann, sich auszuziehen. »Halten Sie die Fähre an!«

»WAS? Wie denn!«, schrie die Frau.

»Irgendwie! Wir müssen sofort stoppen!«

»Was haben Sie vor?«

Mats hatte Jacke und Hoodie ausgezogen und kletterte über die Reling. Er sah, dass die Frau den Ernst der Lage verstanden hatte und einen weiteren Rettungsring aus der Halterung riss. Dann sprang er kerzengerade ins Wasser, und die Eiseskälte traf ihn wie eine ungebremste Abrissbirne.

Die kalte Wand umklammerte ihn ein paar Sekunden, bis er sich endlich aus der Erstarrung lösen und im Wasser nach oben abstoßen konnte. Als er wieder auftauchte, sah er neben sich einen der Rettungsringe dümpeln. Er schwamm hinüber, zog den Ring zu sich, beließ ihn in der Armbeuge und drehte den Kopf. Von der Frau war nichts mehr zu sehen. Scheiße, hatte er zu spät reagiert? Hatte er sie verloren? Die Kälte lähmte ihn, er strampelte mit den Beinen, machte Schwimmbewegungen auf der Stelle, um warm zu bleiben.

Plötzlich war der bunte Schal wieder zu sehen. Arme ruderten, die Passagierin war zurück an der Wasseroberfläche. Mats schwamm zu ihr, zog den Ring mit sich, erreichte sie und packte sie an der Jacke. Mit letzter Kraft zog er die Frau nach oben, bis sie mit beiden Armen am Rettungsring hing. Sie hustete Wasser aus.

Und nun? Die Fähre war am Anleger angekommen. Er sah Menschen, die sich oben auf dem Deck und am Strand bewegten. Wussten sie Bescheid? Würde ihnen jemand zu Hilfe kommen können? Sie mussten es zum Anleger schaffen. Mats sah den zweiten Rettungsring ein paar Meter weiter auf den Wellen treiben. Er war unerreichbar.