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Fünf Landgänge E-Book

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Beschreibung

Literarische Reisereflexionen von Matthias Politycki, Marion Poschmann, Michael Kumpfmüller, Mirko Bonné und Judith Hermann. Seit 2015 bereisen jedes Jahr im Herbst deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller als Stipendiatinnen und Stipendiaten das Oldenburger Land im Nordwesten Niedersachsens. Sie treffen auf Stadtlandschaften verschiedensten Charakters, auf Kultur- und Agrarlandschaften und auf sehr viel Natur. Sie sehen sich um, sie lassen sich ein auf die ganz oben links an der Peripherie gelegene Region zwischen der Nordseeinsel Wangerooge und den Dammer Bergen, zwischen der Weser und Ostfriesland. Ihre Beobachtungen lassen sie in einen Text einfließen. Nach den ersten fünf Jahren werden nun die literarischen Reflexionen dieser Reisen öffentlich gemacht: ein Reiseessay (Matthias Politycki), ein Reisetagebuch mit Gedichten (Marion Poschmann), eine Erzählung (Michael Kumpfmüller), ein Reisejournal mit Gedichten (Mirko Bonné) und ein Reiselogbuch mit Zeichnungen des Grafikers Andreas Reiberg (Judith Hermann).

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Seitenzahl: 179

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Matthias PolityckiMarion PoschmannMichael KumpfmüllerMirko BonnéJudith Hermann

Herausgegeben von Monika Eden

WALLSTEIN VERLAG

Dieses Buch ist im Rahmen einer Förderung der Kulturstiftung Öffentliche Oldenburg entstanden, die seit 2015 der Partner des Literaturhauses Oldenburg bei dem Projekt Literarischer Landgang ist.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2021

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,

unter Verwendung einer Zeichnung von Andreas Reiberg:

Fähranleger Eckwarderhörne, 2019

ISBN (Print) 978-3-8353-3941-5

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4663-5

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4664-2

Inhalt

Fünf LandgängeEine Zwischenbilanz

Matthias PolityckiWo ist überhaupt noch Provinz?Das Oldenburger Land, von Osaka aus betrachtet

Marion PoschmannDas Fade-Orte-Projekt (Oldenburger Land)

Michael KumpfmüllerDer gute Gott von Oldenburg

Mirko BonnéIn der Mitte der WeiteEine Rundreise durchs Oldenburger Land

Judith HermannLAND, KREISE, ZIEHEN, WEITERZIEHENMit Zeichnungen von Andreas Reiberg

Dank

Fünf LandgängeEine Zwischenbilanz

Seit 2015 bereisen jedes Jahr im Herbst deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller als Stipendiaten das Oldenburger Land im Nordwesten Niedersachsens. Sie treffen auf Stadtlandschaften verschiedensten Charakters, auf Kultur- und Agrarlandschaften und auf sehr viel Natur. Sie sehen sich um. Sie lassen sich ein auf die ganz oben links an der Peripherie gelegene Region zwischen der Nordseeinsel Wangerooge und den Dammer Bergen, zwischen der Weser und Ostfriesland. Ihre Beobachtungen lassen sie in einen Text einfließen. Im Frühjahr des Folgejahres treten sie die Reise ein weiteres Mal an. Stellte die besuchte Region bei der ersten Rundtour noch ihr Forschungsfeld dar, wird sie ihnen dann zur Bühne. Auf sieben Stationen bekommen die Besucher ihrer Lesungen nicht nur zeitgenössische Literatur vermittelt. Die Literarisierung der Reiseeindrücke ermöglicht Ortskundigen zudem einen neuen Blick auf vermeintlich Vertrautes. Das Projekt zielt nicht auf Regionalliteratur; es bedient keine lokalen Eitelkeiten. Deshalb ist es nach fünf Jahren an der Zeit, die literarischen Reflexionen der Reisen von Matthias Politycki, Marion Poschmann, Michael Kumpfmüller, Mirko Bonné und Judith Hermann auch einer größeren, nicht regional verorteten Leserschaft zu erschließen: als herausragende Beispiele zeitgenössischer Reiseliteratur. Einen Reiseessay, ein Reisetagebuch mit Gedichten, eine Erzählung, ein Reisejournal mit Gedichten und ein Reiselogbuch mit Zeichnungen des Grafikers Andreas Reiberg.

Matthias Politycki besucht zur Recherche für seine Literaturprojekte oft als exotisch geltende Länder. Ausgerechnet Fahrten in die erweiterte Nachbarschaft bezeichnet er jedoch als Reisen für Fortgeschrittene. Wenn nämlich eine Exkursion nach Indien oder Uganda schnell zu der Annahme verleite, die Unterschiede seien offenkundig, wenn auch offensichtlich in Klischees begründet, sei bei einer Reise von Hamburg ins Oldenburger Land von Anfang an klar, dass man genauer hinsehen müsse, so seine Einschätzung. Als Herausforderung hat diese vermeintliche Übereinstimmung ihn am Landgang-Stipendium gereizt.

Bei seiner Erkundungstour, die ihn im Oktober 2015 von Oldenburg nach Cloppenburg, Lohne, Delmenhorst, Nordenham, Horumersiel und Westerstede führte, sah er sogar sehr genau hin. Er bezog Quartier in den Städten und bewegte sich weit in ihr Umland hinein. Unterwegs schrieb er viel in sein Notizbuch. Dann ging es weiter nach Japan. Dort entstand auf der Grundlage der Notizen und der frischen Erinnerungen der Reiseessay Wo ist überhaupt noch Provinz? Das Oldenburger Land, von Osaka aus betrachtet. Der Text handelt die Stationen des Landgangs nicht der Reihe nach ab. Genereller ist das Interesse des Schriftstellers, und das jeweils Typische seiner Beobachtungen stellt er in einen pointierten Vergleich. Aus der japanischen Mega-City schaut er zurück auf die zuvor von ihm bereiste Region, die in der Gegenüberstellung auf den ersten Eindruck provinziell erscheinen mag. Sein unvoreingenommener Blick auf die Städte, die Landschaften und die Einrichtungen des Oldenburger Landes offenbart jedoch schnell, dass eindeutige Etikettierungen plakativ bleiben müssten. So findet der Landgänger provinziell Anmutendes auch in der japanischen Großstadt und einige Hot Spots der Globalisierung im Oldenburger Land. »Provinz, wie man sie noch bis zur Jahrtausendwende kannte« bilanziert sein Text, »gibt es anscheinend in Reinform gar nicht mehr. Sie ist nur auf andere Weise globalisiert als die Metropolen, und man muss doppelt so genau hinblicken wie dort, um es zu erkennen«.

Seinen Reiseessay stellte Matthias Politycki im Frühjahr 2016 vor. Die Städte und Landstriche, die er ein halbes Jahr zuvor zum Teil bei tristem Wetter durchfahren, durchwandert und durchrannt hatte, lernte er dabei ein weiteres Mal kennen: unter blauem Himmel und bestens ausgeleuchtet. Im Gespräch mit mir erinnerte er sich an einen längeren Trainingslauf, den er während seiner herbstlichen Tour unternommen hatte. Dem Projektnamen zum Trotz war er im Oldenburger Land nämlich weniger als Landgänger, sondern vielmehr als Läufer unterwegs. Als routinierter Läufer lief Politycki auf beiden Reisen alle zwei Tage. Bei der Lesereise hatte er Tage als Lauftage definiert, deren Stationen er beim ersten Besuch nur gehend oder mit dem Mietwagen erkundet hatte. Und er freute sich im Rückblick, dass das Hoch Oldenburgia nicht die komplette Recherchereise dominiert hatte, sondern immer wieder von Regenfronten abgelöst worden war. Allzu schönes Wetter macht ihn traurig, wenn er alleine reist. Weil er das Schöne dann nicht teilen kann. Neben dem Wetter beeinflusste also auch der Wechsel der Geschwindigkeiten seinen Blick, denn das beschleunigte Laufen schärft seine Wahrnehmung.

Matthias Politycki hat nicht zum ersten Mal eine Reise als Stipendiat unternommen. Schon vor Jahren ging er für längere Zeit an Bord der MS Europa. Danach schrieb er den Schelmenroman In 180 Tagen um die Welt. Auf dem Luxusschiff, erwiderte er auf meine Frage nach den markantesten Unterschieden zur Rundtour im Mietwagen, habe er sich wegen der steten Gruppe der Mitreisenden vor allem ein halbes Jahr lang durch Deutschland bewegt. Die Reise durchs Oldenburger Land sei nicht nur deutlich kürzer, sondern im Hinblick auf Ausweichmöglichkeiten auch einfacher gewesen. Allzu einfach soll das Reisen für ihn aber gar nicht sein, sondern lieber zu Ausbrüchen aus der Komfortzone führen. Das Selfie vor der im Reiseführer angepriesenen Sehenswürdigkeit überlässt er gerne den Urlaubern, um sich über die vom Tourismusmarketing gelisteten Sehenswürdigkeiten hinaus in eine Stadt oder Landschaft zu begeben.

Nicht 180 Tage, sondern eine Woche. Nicht um die Welt, sondern in eine Region, die bei Weltreisenden in aller Regel nicht auf der Wunschliste stehen dürfte, führte ihn das Landgang-Stipendium. Im Gespräch mit mir betonte Matthias Politycki die generelle Notwendigkeit, auch an der Peripherie gelegene, kleinere Regionen Deutschlands ins kulturelle Bewusstsein zu heben, um die Vielfalt der Regionen zu bewahren. Und was an der Peripherie liegt, ergänze ich, ist letztlich nur eine Frage der Perspektive.

Die Stipendiaten reisen mit der Bahn oder mit einem Mietwagen durch den Nordwesten, so der Plan. Doch Marion Poschmann wollte mit dem Fahrrad unterwegs sein. Ich traf deutliche Aussagen über Regenfälle im norddeutschen Herbst. Sie konterte mit dem Besitz von Regenkleidung und brachte 2016 Ende September ihr altes Fahrrad aus Berlin mit. Immerhin ließ sie sich von ihrem Mann begleiten, was meine Sorge hinsichtlich möglicher Unglücke – platte Reifen irgendwo im Niemandsland, gestohlene Räder fernab der Zivilisation – relativierte. Die Passagen zwischen den Stationen gewannen an Bedeutung, weil die Autorin des Reisetempos wegen viel Zeit hatte, den Blick unterwegs in die Landschaften zu richten. Auch im Mittelpunkt ihrer zuletzt erschienenen Gedichtbände Geliehene Landschaften und Nimbus steht die Naturbetrachtung. 2017 erhielt Marion Poschmann den erstmals vergebenen Deutschen Preis für Nature Writing. »Bereits in ihren Gedichtbüchern Grund zu Schafen (2004) und Geistersehen (2010) hat Poschmann einen neuen Typus des Naturgedichts entwickelt, der die ästhetische Erfahrung von Landschaft auf neue Fundamente stellte«, formulierte die Jury für den Hölty Preis, der ihr 2020 zugesprochen wurde. »Nimbus präsentiert Gedichte, die vom irreversiblen zerstörerischen Eingriff des Menschen in die Natur erzählen und zugleich der noch nicht verschwundenen Magie der einzelnen Naturphänomene zu sinnlicher Präsenz verhelfen.«

Marion Poschmann sucht nicht nach den augenfälligen Attraktionen der Natur. In ihrem Beitrag On the Road in der WELT vom 25.1.2014 formuliert sie: »Seit einiger Zeit verfolge ich ein Projekt namens FADE ORTE. Ein fader Ort ist ein Ort ohne besondere Merkmale, im Grunde so etwas wie der Mann ohne Eigenschaften, nur eben räumlich aufgefasst. Der Begriff des Faden stammt aus der chinesischen Ästhetik und meint eine subtile Qualität, die des Unauffälligen, Gemäßigten, in keiner Weise Hervorstechenden. Ein fader Ort kann für die Dichtung sehr produktiv sein. Notwendige Bedingung ist die Abwesenheit schriller Reize, wobei schon das satte Grün eines Rasens als unerhört grobschlächtig gilt.« Ich war lange skeptisch, ob die Schriftstellerin im Frühherbst 2016 fade Orte finden würde, als sie im Oldenburger Land mit dem Fahrrad ›on the road‹ war. Auf blauen Himmel traf ihr Blick und auf durchaus noch satte Grünflächen. Umso erleichterter war ich, als Marion Poschmann mir am Ende ihrer Erkundungstour sagte, die Reise habe unter einem guten Stern gestanden.

Ein guter Stern, das legt die Lektüre ihres Reisetagebuchs nahe, begleitete auch ihre Arbeit an diesem Text. Als Vorbild führt sie im Prolog das Reisebuch Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland des japanischen Schriftstellers Bashō an, einen Klassiker der Weltliteratur. In der Reiseliteratur Asiens, so Marion Poschmann, herrsche die Ansicht, dass jeder Reise unabhängig von ihrer Länge die Ernsthaftigkeit einer Lebensreise zugemessen werden könne. Von keiner Reise, dauere sie auch nur sieben Tage, komme man als derselbe zurück. Auch ihre Reise durch den Nordwesten hat sie beeinflusst. »Nach einer Woche im Oldenburger Land bin ich ruhiger geworden. Mein äußeres Tempo war vom Fahrrad vorgegeben, mein inneres Tempo hat sich der Landschaft angepasst«, bilanziert ihr Text.

Im Gespräch ließ Marion Poschmann mich wissen, dass sie bei der Recherche zu ihrem Roman Die Kieferninseln während eines Aufenthalts in Japan auf den Dichter Bashō und sein Reisetagebuch aufmerksam geworden sei. Seine Reise in den wilden Norden Japans habe zu einer Zeit stattgefunden, als wegen der damit verbundenen Gefahren noch ungewiss war, ob man lebend zurückkehren würde. Weitaus interessanter als diese Gefahren sei für sie als Schriftstellerin aber die Tatsache, dass Bashōs Reiseroute eine Art dichterischen Pilgerpfad beschreibe. Schon 500 Jahre vor seiner Zeit, also vor ungefähr 1000 Jahren, wurde die Strecke von dichtenden Mönchen bewandert, von Schriftstellerpilgern. Sie hielten an besonders schönen, landschaftlich bedeutsamen Stellen, an wichtigen Tempeln und verfassten, wenn es ihnen gelang, ein Gedicht. Die über Jahrhunderte festgelegten Stationen der Reise wurden so zu literarisch vielfach überschriebenen Orten. Jeder Dichter, der etwas auf sich halte, so Marion Poschmann, kenne die Texte, die vor seiner Zeit entstanden und beziehe sich, wenn er die Reise selbst nachvollziehe, schreibend auf sie.

Vor diesem Gespräch hatte ich angenommen, mein Konzept für den Literarischen Landgang sei exklusiv, doch meinen verletzten Urheberstolz muss ich nicht lange pflegen, wenn ich mir vorstelle, dass es gelingen könnte, eine ähnliche Tradition zu begründen.

»Ich werde also«, formuliert Marion Poschmann in ihrem Reisetagebuch, »wie Bashō in den wilden Norden meines Landes reisen. Schmale Pfade, Radwege, Hinterland, stürmische Nordsee, alles ist stimmig. Ich verfasse ein Reisetagebuch, und wenn sich ein Gedicht einstellt, werde ich es einbeziehen.« Tatsächlich hatte sie vor, auch bei der Verbindung von Prosa und Lyrik ganz nah am japanischen Vorbild zu bleiben. Dort folgt auf eine kurze Beschreibung in Prosa zu jeder Station ein Haiku. Solche dreizeiligen Gedichte wollte sie unterwegs an den Abenden im Hotel schreiben. Aber Gedichte, so Marion Poschmann, stellen sich entweder ein, oder sie stellen sich nicht ein. Während der Reise sei es ihr nicht gelungen, auch nur eine Gedichtzeile zu verfassen. Erst sehr viel später entstanden die Haikus und Gedichte, in denen die Motive und Themen aus den Prosatexten wieder aufscheinen.

»Ich mag Orte, denn Orte sprechen«, sagte mir Michael Kumpfmüller vor dem Antritt seiner Reise nach Norddeutschland. »Außerdem habe ich keine Scheu, mich mit Fremden zu unterhalten. Als Journalist habe ich das immer sehr genossen und nur gute Erfahrungen mit mir und den anderen dabei gemacht.« Die Erkundungsreise des Schriftstellers, der nach seiner Promotion zunächst als Journalist für diverse Tages- und Wochenzeitungen tätig war, begann im September 2017 in Cloppenburg. Von dort ging es weiter nach Lohne, Nordenham, Delmenhorst, Jever, Westerstede und Oldenburg. Nicht mit einem Mietwagen, sondern lieber im privaten PKW wollte er fahren. Ich widersprach nicht. Auch, weil der Autor sich in einem im Juni 2017 veröffentlichten Text eher als Reiseskeptiker zu erkennen gegeben hatte: »Ich bin mir bis heute nicht sicher, was ich eigentlich vom Reisen halte«, schrieb er in seinem Beitrag Meine Russlandgefühle auf ZEIT ONLINE. »Vieles langweilt mich zu Tode, wenn ich auf Reisen bin. … Insofern kann ich gut und gerne zu Hause bleiben, wenn kein beruflicher Grund mich zum Reisen zwingt oder ermuntert.« Das Landgang-Stipendium war für den Schriftsteller mehr Ermunterung, als Zwang, sich auf den Weg zu machen. Er nahm es gerne an und stellte sich den verschiedenen Aufgaben, die das Reisen mit sich bringt. Die eigentliche Aufgabe sei es, sagte er mir, einen zuvor unbekannten Raum zu betreten. Das Betreten dieses Raumes folge verschiedenen Gesetzen: den generellen Gesetzen des Reisens, den Vorgaben der Veranstalter, der Infrastruktur. Herausfordernd sei es für ihn, sich unterwegs selbst zu ertragen. Auch, dass er sich permanent klarmachen müsse, immer das Falsche anzuschauen und dabei zwangsläufig alles Großartige zu versäumen. Jedenfalls denke er das leicht. Deshalb hat er sich im Nordwesten von Anfang an der Willkür und dem Zufall ausgesetzt.

Schon während seiner Erkundungstour stand für Michael Kumpfmüller fest, dass er seine Beobachtungen in einen literarischen, fiktiven Text einfließen lassen würde. Seine Erzählung trägt den Titel Der gute Gott von Oldenburg. Er schickt darin ein Paar nach Norddeutschland. Rieke, seine Protagonistin, ist gebürtige Oldenburgerin. Sie hat eine schwere Entscheidung zu treffen und hofft, unterwegs ihre Gedanken und Emotionen ordnen zu können und am Ende der Reisewoche klarer zu sehen. Der Erzähler des Textes begleitet sie, folgt der von ihr gewählten Route und gewährt ihr Sicherheit in der ungewissen Situation, in die sie schicksalhaft geraten ist. Die Zufälligkeit seines Reisens, die der Autor im Gespräch mit mir betonte, übertrug er auf die Unternehmungen seiner Protagonisten.

Mit dem Beschluss eine Erzählung zu schreiben stellte er seine Erkundungstour in den Dienst einer Geschichte. Vieles, was der Schriftsteller unterwegs sah, war dafür unverzichtbar. Zu Rieke etwa inspirierte ihn eine Frau, die ihm bei einer Schifffahrt auffiel. Ganz allein saß sie am Bug des Schiffes. Eine Touristin schien sie nicht zu sein. Weit über Langeoog und Spiekeroog hinweg habe sie geschaut. Vielleicht bis ans Nordkap. Und sie drehte sich nicht um, wie später Rieke in seinem Text.

Kumpfmüllers Titel zitiert Ingeborg Bachmanns letztes Hörspiel Der gute Gott von Manhattan, dessen Gott sich keineswegs edel verhält. Er tötet ein Liebespaar, das sich in einem Hotel in Manhattan der ekstatischen, bedingungslosen Liebe hingibt. Auch Michael Kumpfmüller hat eine Liebesgeschichte geschrieben. Seine Erzählung ist jedoch durch einen optimistischen Grundton geprägt. Gerade weil er auf den ersten Blick nicht passe, habe es ihm gefallen, den Titel des Bachmann-Hörspiels aufzugreifen. So transportiere das Zitat gewissermaßen eine Warnung.

Dass er verdammt gerne im Norden sei, sagte mir der Schriftsteller, habe er schon während seiner ersten Reise, spätestens jedoch in den Tagen der Lesereise festgestellt. Und er vermute, dass die Abfolge seiner Wohnorte diese Vorliebe bedingt: Zu seinen frühen Erfahrungen mit Landschaften habe gehört, dass immer irgendwas den Blick verstellt. Später verschlug es ihn aus dem Süden Deutschlands nach Berlin und nach der Wende in das Hinterland der Stadt: nach Brandenburg. Außer vielleicht Fontane, habe er lange gemutmaßt, könne kaum ein Mensch es wirklich schön dort finden. Es müsse aber doch so etwas wie eine Erziehung des Auges geben, denn inzwischen liebe er die Landschaft. Mag sein, dass diese Annäherung seine ästhetische Lehrschule für den Norden war. Dessen landschaftliche Leere, so sagte er, übe jedenfalls seit Langem eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Schon nach dem siebten Tag im Norden meine er seit drei Wochen unterwegs zu sein. Selten genug könne er erfahren, dass sich die Zeit so freundlich dehne.

Auslandsreisen führten Mirko Bonné schon nach Australien, ins Baltikum, nach Skandinavien, Russland, China, Iran, Latein- und Südamerika, in die USA und die Antarktis. 2014 und 2015 war er Writer-in-Residence des Projekts Weather Stations. Mit Autoren aus Melbourne, London, Dublin und Warschau erprobte er dabei, ob und wie sich die Folgen des Klimawandels literarisch darstellen lassen. Im September 2018 reiste der Schriftsteller als Stipendiat durch das Oldenburger Land. Unterwegs machte er Notizen und hielt in Fotos fest, was sein Blick einfing. Erste Notate und Fotos zur Reise stellte er bald darauf in seinen Blog Das Gras. Seit 2012 führt er ihn als poetisches Tagebuch. Insgesamt fünfzehn Landgänge veröffentlichte er dort. Sie wurden zur Grundlage für sein Reisejournal, das poetische, historische und narrative Einträge mit sieben Gedichten verbindet: In der Mitte der Weite.

Mit der Literarisierung seiner Beobachtungen, sagte er mir, habe die Fiktion Einzug in den Text gehalten. Denn sein Journal spare neben banalen Aspekten der Reise vieles aus, was er unterwegs schlicht übersehen habe. Und es erfinde erzählend Neues hinzu. So sei jedes Erzählen letztlich fiktiv, indem es die Realität, die sogenannte Realität, zum Anlass nehme, sie auszuformulieren und individuell zu gestalten.

Die Ernsthaftigkeit der vertiefenden Recherche, die seinen Eindrücken folgte, wird im Journal ebenso deutlich, wie Mirko Bonnés großes Interesse an Architektur und Bildender Kunst. Nicht nur der gelbliche Qualm eines Meppener Moorbrands grundiert seinen Text. Als roter Faden ziehen sich auch die Kunstwerke Georg Schmidt-Westerstedes durch das Journal, die er an vielen Orten im öffentlichen Raum entdeckte. Durch die Notate seines Blogs waren Familienangehörige Schmidt-Westerstedes auf den Schriftsteller und das Landgang-Projekt aufmerksam geworden. Bei unserer Lesung in Westerstede saßen sie zunächst unbemerkt im Publikum und gaben sich dann nach und nach zu erkennen. Mirko Bonné betrachtet solche Erfahrungen als Belege für die Wirkmacht des Erzählerischen.

Auf umfangreiche Recherche war er neben den unterwegs festgehaltenen Notizen zwingend angewiesen, denn ein Hauptmotiv seines Journals ist die Suche nach Verschwundenem. Die Bedeutung, die er generell der Geschichtlichkeit beimisst, war ein Thema unserer Gespräche bei den Lesungen. Zum Verständnis historischer Ereignisse, zur aktuellen Selbstvergewisserung und für den Blick in die Zukunft sei es unverzichtbar, sich der geschichtlichen Tiefe der Dinge zu vergegenwärtigen, sagte er. Jedes Detail aus früheren Zeiten interessiert ihn als eine Art Fenster in die Vergangenheit. Wobei Fantasie und Vorstellungskraft ihm als Motoren für die Vergegenwärtigung früherer Lebensformen und deren lebendige Überlieferung wichtiger sind, als ihre museale Darstellbarkeit. Deshalb wurde das Aufspüren von Verschwundenem zu einem Leitfaden seines Journals. Deshalb ordnet er seine Beobachtungen in zeitgeschichtliche Kontexte ein. Verschwundene Gebäude, Brücken, Kunstwerke und Kulturtechniken kann er als Schriftsteller und Dichter so vielleicht im Bewusstsein seiner Leser lebendig halten und zudem hoffen, dass wir alle einst in der Erinnerung anderer Menschen fortbestehen werden.

Weil die Woche der Erkundungstour für sein großes Interesse zu knapp bemessen war, reiste Mirko Bonné im April 2019 ein weiteres Mal an. Dreimal kam er insgesamt zur Recherche ins Oldenburger Land, denn auch Orte wie Brake, Dangast, Blexen, Bethen und Jade, die keine Übernachtungsstationen darstellten, wollte er kennenlernen. Die wiederholten Reisen waren zudem durch eine persönliche Erinnerung motiviert: An einem Tag im Sommer 1977 ging er als Junge mit seinem Bruder in der Hunte schwimmen. Erst sein dritter Besuch ließ ihn die alte Badestelle wiederfinden. Nicht in Oldenburg, sondern in Hundsmühlen. Ein Großonkel hatte dort gelebt.

Die sieben Gedichte, die als lyrische Höhepunkte in die kaum weniger poetischen Prosapassagen des Journals gesetzt sind, hatte sich der Dichter vor der Reise zur Aufgabe gestellt. Das Schreiben gelinge ihm so besser. Dass auch Marion Poschmann als Stipendiatin Gedichte schrieb, lässt ihn optimistisch in die Zukunft des Projekts blicken. Er hofft auf einen poetischen Diskurs, den der Landgang in den kommenden Jahren begründen könnte. Die literarische Tradition, auf die sich Poschmanns Beitrag beruft, wenn er Bashōs Reisetagebuch als Vorbild zitiert, wäre nicht der schlechteste Anknüpfungspunkt. Vielleicht, so meine tollkühne Vision, reisen in einigen Jahren Dichterinnen und Dichter auch ohne Stipendien und unaufgefordert ins Oldenburger Land, um auf die Gedichte von Marion Poschmann und Mirko Bonné mit eigener Lyrik zu reagieren.

Judith Hermann war als Landgang-Stipendiatin schon mit Teilen des Oldenburger Landes vertraut. Ihr Ururgroßvater war Leuchtturmwärter auf Wangerooge. Ihre Großmutter lebte in Horumersiel. Noch heute ist ihr Haus in der Blickachse des Leuchtturms im Familienbesitz und Judith Hermann hält sich die Hälfte des Jahres dort auf. Leichter war die Reise – mit dem Ziel, einen Text zu schreiben – deshalb für sie nicht. Erinnerungen grundierten die aktuellen Wahrnehmungen und die fehlende Distanz erschwerte das Fokussieren auf Details. »Alles hier ist Heimat«, sagte sie bei unserer Lesung in Jever, »alles hier ist mit meinem Leben verknüpft, ich ließe die Leinen gerne los«.

Auch wegen dieser viel zu großen Nähe zu Teilen der Region, die das Projekt bespielt, ließ sie sich bei der Landgang-Reise von dem Zeichner Andreas Reiberg begleiten. Durch den zweiten Blick, den anderen künstlerischen Zugriff, hoffte sie, zu den vertrauten Orten eine neue Beziehung herstellen zu können. Denn der Zeichner sollte nicht nur ihr Weggefährte sein, sondern wie sie künstlerisch auf die Reise reagieren. In seinem Medium. Die Bitte um Begleitung erwies sich als vorzügliche Idee: Der zweifache Blick, die doppelte Wahrnehmung und deren Überführung in Text und Zeichnung bereichern und erweitern den Text Judith Hermanns zu einem künstlerischen Dialog. Dass der Zeichner seit drei Jahrzehnten im Wangerland lebt, machte die Sache mit der Nähe allerdings nicht besser. Deshalb begann die Reise als Erkundungstour für beide streng genommen erst, nachdem sie Wilhelmshaven und Jever als erste Stationen hinter sich lassen konnten.

Ein graues Notizbuch und ein schwarz gebundenes Skizzenbuch waren die ständigen Begleiter Judith Hermanns und Andreas Reibergs. Er fertigte Zeichnungen an. Die Schriftstellerin machte sich Notizen. Solange sie unterwegs waren, gewährten sie einander keinen Einblick in die Bilder und Formulierungen. Erst in den Monaten nach der gemeinsamen Fahrt, als die Arbeit am Text abgeschlossen war, tauschten sie sich über ihre verschiedenen Zugriffe aus. Und stellten erstaunt und beglückt fest, wie oft sie unabhängig voneinander und doch in Übereinstimmung das Wahrgenommene festgehalten hatten; wie groß die Entsprechungen zwischen Text und Zeichnungen sind. Dennoch stehen sie gleichwertig nebeneinander und nehmen an keiner Stelle eine dienende oder illustrierende Funktion ein.