Für ein Lächeln von dir - Lea Baldow - E-Book

Für ein Lächeln von dir E-Book

Lea Baldow

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Beschreibung

Natalie trifft Paul. Sie verlieben sich, heiraten, wünschen sich Kinder. Alles geht seinen Weg – bis Natalie die Ursache ihrer beständigen Kopfschmerzen erfährt und weiß, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hat. Eine Geschichte über die Liebe, das Leben und das, was wirklich zählt … Ca. 43.500 Wörter Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte ca. 200 Seiten

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Natalie trifft Paul. Sie verlieben sich, heiraten, wünschen sich Kinder. Alles geht seinen Weg – bis Natalie die Ursache ihrer beständigen Kopfschmerzen erfährt und weiß, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hat.

Eine Geschichte über die Liebe, das Leben und das, was wirklich zählt …

 

Ca. 43.500 Wörter

Im normalen Taschenbuchformat hätte diese Geschichte ca. 200 Seiten

 

 

 

 

 

 

 

Für meinen Vater, der den langen Weg gehen muss.

 

 

 

 

 

 

von

Lea Baldow

 

 

 

 

 

 

Inhalt

Part 1: Der Liebe Freud …

 

Kapitel 1: Mr. Davis gibt sich die Ehre

Kapitel 2: Von Fischen und Männern

Kapitel 3: Ex-Terror

Kapitel 4: Das Flattern der Schmetterlinge

Kapitel 5: Eislauf und Mütter

Kapitel 6: Liebesgeflüster

Kapitel 7: Mütter und andere tödliche Bedrohungen

Kapitel 8: Seelenvampire

Kapitel 9: Zweifel und Gewissheit

Kapitel 10: Was ich dir niemals sagen wollte …

 

Part 2: Die Liebe, das Leben, das Universum und der Rest

 

Kapitel 1: Erkenntnis

Kapitel 2: Pinke Prinzessinnen und alles was zählt

Kapitel 3: Neue Pläne

Kapitel 4: Vollmondlyrik

Kapitel 5: Erste Zeichen

Kapitel 6: Betrug und Tod

Kapitel 7: Spuren eines Lebens

Kapitel 8: Ein letztes Mal

Kapitel 9: Bis es vorbei ist

Epilog

 

 

Mr. Davis gibt sich die Ehre

 

 

Das zuckende Discolicht brannte in Natalies Augen. Sie war müde nach dem langen Tag, hätte niemals zustimmen sollen mitzugehen. Hätten Eva und Cathy, ihre Kolleginnen aus der Buchhandlung, nicht so hartnäckig gebettelt, würde sie jetzt auf der Couch daheim sitzen. Fernsehen, Füße hochlegen, Zitroneneis löffeln. Barney und Davey beobachten, ihre beiden Neuerwerbe – zwei Elfenwelse. Sie liebte Fische und hatte sich eine ausgeklügelte Aquarienlandschaft in ihrer kleinen Wohnung eingerichtet. Das einzige teure Hobby, das sie sich von ihrem nicht gerade üppigen Gehalt leisten konnte – die Welse befanden sich in einem Dreimeter-Becken, sie konnten unter günstigen Bedingungen bis zu einen Meter lang werden. Die Jungtiere wiesen ein wunderschönes Muster auf, an dem sie sich kaum satt sehen konnte. Wasser, Strom, Futter und vieles mehr zur Pflege ihrer Lieblinge gingen heftig ins Geld. Doch es war ein sehr befriedigendes Hobby, das ihr viel Freude machte. Dafür verzichtete sie auf ein Auto. Wobei man im Großraum London sowieso mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser bedient war. Natalie konnte ihren Arbeitsplatz in North Kensington im westlichen Teil von London bequem zu Fuß erreichen. Oder auch mit dem Fahrrad, wenn sie mal wieder spät dran war. Das geschah ihr leider häufiger. Natalie ging niemals zu Bett, bevor sie nicht wenigstens ein paar Seiten gelesen hatte. War es ein schlechtes Buch, blieb es tatsächlich bei lediglich ein paar Seiten und sie löschte pünktlich das Licht. War das Buch gut, hörte sie oft nicht auf, bis sie es durch hatte und fand erst um drei Uhr morgens oder noch später in den Schlaf. Zum Glück bekam sie die Bücher von ihrer Chefin gestellt, da es zu ihrem Job gehörte, viel zu lesen, um die Kunden beraten zu können. Mit Make-up ließen sich dunkle Augenringe und blasse Wangen verbergen und ein freundliches Lächeln war sowieso wichtiger als energiesprühendes Charisma. Da sie nahezu jedes Buchgenre las, konnte sie selbst im Halbkoma noch adäquate Beratungsgespräche führen. Natalie liebte ihren Job und sie mochte ihre Kolleginnen wirklich gerne.

Trotzdem, sie hatte die letzten drei Nächte zusammengenommen keine acht Stunden Schlaf gehabt und verspürte nicht die geringste Lust, sich noch länger in dieser Disco herumzutreiben. Die Musik war laut genug, um ihre Nerven vibrieren zu lassen, auf eine sehr unangenehme Weise. Nein, sie würde jetzt nach Hause gehen. Feierabend!

„Mädels, ich mach Schluss für heute. Schließlich bin ich diejenige von uns, die morgen in den Laden muss!“, schrie sie Eva zu. Die üppige Blondine, die ihre kaum 1,58 m mit extrem hohen Absätzen kaschierte, nickte im Takt der Musik. Dabei hielt sie ihr Sektglas hoch, um nichts zu verschütten. Eva und Cathy hatten am morgigen Samstag frei, sie wechselten sich stets zu viert damit ab. Ihre Kolleginnen würden noch eine ganze Weile weitertanzen, daran bestand kein Zweifel. Zumindest musste sich Natalie keine Sorgen machen, dass eine der beiden Dummheiten veranstalten könnte – die zwei waren ein Paar, Männer hatten keine Chancen bei ihnen. Cathy mit ihren langen dunklen Haaren, hochgewachsen und schlank wie ein Model, zog viel Aufmerksamkeit auf sich, doch mit ihrer schnoddrigen Art vertrieb sie jeden Flirtwilligen.

Als Natalie sich abwandte, um zum Ausgang zu streben, stieß sie plötzlich mit jemandem zusammen. Ein männlicher Jemand, wie ihr bewusst wurde, als sie den Kopf heben musste, um ihm ins Gesicht zu blicken. Es war ein freundliches Gesicht, das einen halb erschrockenen, halb zerknirschten Ausdruck trug. Das schlechte Licht verhinderte, dass sie ihn besser erkennen konnte, abgesehen von groß, schlank, nackenlanges Haar.

„Tut mir leid!“, brüllte der Mann ihr ins Ohr und gestikulierte dabei in tiefere Regionen. Natalie folgte seinem Blick und bemerkte erst jetzt, dass ihre glücklicherweise schwarze Jeans mit Flüssigkeit durchtränkt war. Ihre apricotfarbene Bluse hatte nichts abgekommen, das wäre schlimmer gewesen, da es sich um Wildseide handelte. Eine dumme Idee, das wertvolle Stück in der Disco zu tragen, sie hatte nach der Arbeit einfach keine Lust gehabt, sich noch umzuziehen.

„Was war es?“, brüllte sie zurück.

„Cola, die müsste sich gut rauswaschen lassen, sorry!“

Sie schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln und drehte sich zur Bar um, die sich direkt in ihrem Rücken befand. Sie hatte das unglaubliche Glück, gerade eine Lücke zu erwischen und beinahe sofort ihre Bestellung aufgeben zu können. Eine Minute später überreichte sie dem verblüfften Mann, der an seinem Tisch geblieben war, ein volles Glas Cola.

„Hunger, Durst und Kälte soll niemand leiden müssen!“, schrie sie gegen die stampfenden Tanzrhythmen. „Das sagt meine Chefin immer. Wohl bekomms!“

Sie lächelte strahlend, klopfte ihm freundlich gegen den Arm und warf sich dann in die Menschenmenge, um gegen den Strom in Richtung Ausgang zu schwimmen. So jedenfalls fühlte es sich an. Erleichtert atmete sie auf, als sie die Treppe hochstieg und den Vorraum betrat. Hier gab es Sitzgelegenheiten, die noch nicht allesamt von knutschenden Pärchen belegt waren. Das Licht war warm und hell, die Musik leise und ruhig. Erschöpft setzte sich Natalie auf eines der Polstermöbel und schloss für einen Moment die Augen. Sie war erst einunddreißig, es war vollkommen lächerlich, sich zu alt für einen Discoabend zu fühlen, oder? Sobald sie sich gesammelt hatte, würde sie nach Hause laufen, es war nicht weit.

„Ist der Platz noch frei?“ Eine tiefe Männerstimme schreckte sie hoch. Verwirrt blickte sie in ein lächelndes Gesicht, das zu dem Typ gehören musste, der sie mit seinem Getränk gebadet hatte. Die Größe stimmte zumindest und er hielt ein Colaglas in der Hand.

Ihre Jeans klebte unangenehm an ihrer Haut, Natalie sehnte sich danach, endlich nach Hause zu kommen. Duschen, umziehen, ein paar Seiten lesen – wirklich nur ein paar! – und dann endlich ins Bett gehen. Hoffentlich machte der sie jetzt nicht blöd an; wäre sie doch direkt losmarschiert!

„Hi, mein Name ist Paul“, sagte der Typ. Ein ausgesprochen netter Typ. Etwa ihr Alter, dunkelblond, strahlend dunkelblaue Augen. Ein offenes, sehr sympathisches Lächeln. Es zauberte Grübchen in seine Wangen, was zum Anbeißen aussah. Trotz ihrer Müdigkeit blieb Natalie nichts anderes übrig, als das Lächeln zu erwidern und sich ebenfalls vorzustellen.

„Normalerweise wollen die Frauen, dass ich ihnen Drinks kaufe. Umgekehrt ist mir das tatsächlich noch nie passiert …“

„Für alles gibt es ein erstes Mal.“ Ein Glück, dass sie Paul nicht gefallen wollte, es war peinlich, solche hohlen Phrasen zu klopfen. Ihn schien es nicht zu stören, er plauderte entspannt. So erfuhr sie, dass er drei Jahre älter war als sie, auch mit seinen Kollegen hergekommen war und ähnlich wie sie morgen arbeiten musste und deshalb früh nach Hause wollte. Allerdings würde er morgen lediglich einige Details klären müssen, um ein Projekt abzuschließen, er arbeitete als technischer Zeichner bei einer Baufirma.

Unwillkürlich betrachtete Natalie seine Hände. Er hatte lange, schlanke Finger, wie ein Pianospieler. Etwas, was ihr unglaublich gut gefiel, sie mochte Männer mit schönen Händen. Und ganz besonders, wenn sie keine dunklen Härchen auf dem Handrücken hatten. Paul gehörte zu den nordischen Typen mit leichter und heller Körperbehaarung, wie es schien. Jedenfalls soweit sie das bei der langen blauen Jeans und dem weißen, kurzärmligen Polo-Hemd beurteilen konnte. Er war außerdem glatt rasiert. Ihn konnte sie sich nicht mit Dreitagebart vorstellen. Es gab Männer, denen das gut stand, die dadurch einen verruchten Piratenlook bekamen. Bei ihm würde es gewiss unordentlich aussehen.

„Möchtest du den letzten Schluck? Ich würde mich gerne für die Cola revanchieren, aber jetzt noch einmal in das Getümmel da unten rein, um dir einen Drink zu kaufen …“ Paul hielt ihr sein Glas hin. Normalerweise hörte Natalie auf die Ermahnungen ihrer Mutter, niemals in der Disco aus fremden Gläsern zu trinken. Doch er hatte die gesamte Zeit still neben ihr gesessen und getrunken und sie war sich sicher, dass er nichts aus der Hosentasche gezogen hatte. Durstig war sie schon und er wirkte wie ein kleiner Junge, der sein Pausenbrot teilen wollte. Darum nahm sie das Glas und trank die letzten Reste. Sollte sich Rohypnol oder ein ähnliches Betäubungsmittel darin befinden und sie morgen früh vergewaltigt in irgendeinem Park aufwachen, würde ihre Mutter vermutlich vor Kummer einen Nervenzusammenbruch erleiden. Eine Vorstellung, die Natalie unangemessen amüsierte, wie ihr selbst bewusst war. Nach einigen weiteren Minuten heiterer, entspannter Plauderei stand fest, dass Paul ihr nichts Bösartiges untergemischt hatte und er einfach bloß ein netter Mann war.

„Ich muss langsam nach Hause“, sagte sie zögerlich und blickte auf die Uhr. Und direkt noch einmal, weil sie nicht glauben konnte, was sie sah: Es war kurz vor Mitternacht! War sie nicht gegen zehn Uhr hochgegangen? Diese Unterhaltung hatte doch höchstens eine halbe Stunde gedauert, sie war sich sicher! Auch Paul wirkte verwirrt, als er ihre Geste nachahmte.

„Himmel, ja, ich gehöre ins Bett!“, rief er aus und stand hastig auf. „Wie kommst du nach Hause?“, fragte er, sich offenkundig an gesellschaftliche Normen von Sitte und Anstand erinnernd.

„Zu Fuß, ich wohne nicht weit von hier.“

„Wir wohnen in einer Großstadt, junge Damen sollten nachts nicht allein durch die Straßen rennen.“ Mit strenger Entschlossenheit im Blick hakte er sich bei ihr unter. „Ich geleite Euch heim, Mylady. In meiner Gegenwart seid Ihr vor Strauchdieben und üblen Gesellen beschützt.“

„Mister, äh …“

„Davis, meine Dame. Paul Davis, zu Ihren Diensten.“

„Mr. Davis, wer versichert mir, dass nicht auch Ihr ein Strauchdieb und übler Gesell seid?“

Natalie bemühte sich um den Tonfall und den großäugigen Blick einer jungen Dame aus der Regency-Zeit. Sie liebte Jane Austen, auch wenn sie wirklich froh war, nicht in diesem sittenstrengen Zeitalter aufgewachsen zu sein.

„Miss, äh …“

„Dunners, Sir. Natalie Dunners.“

„Miss Dunners, ich bin ein Mann von Ehre. Für diese Tatsache kann ich Euch lediglich mein Wort bieten. Doch Gott sei mein Zeuge, ich habe noch nie ein Mädchen aus untadeligem Hause in Schwierigkeiten gebracht.“

„Welch ein Glück also, dass ich tatsächlich aus untadligem Hause entstamme. Andernfalls würde es mir womöglich weniger glücklich ergehen.“

„Ob Milchmagd oder Baroness, es käme mir niemals in den Sinn, die Tugend einer Frau zu gefährden, Miss Dunners!“

Sie lachten und hielten ihr Schauspiel aufrecht, während sie durch die nächtlichen Straßen von North Kensington liefen, bis sie vor Natalies Haus angekommen waren. Ihnen begegneten unterwegs zahlreiche Leute – in diesem Bezirk wohnten viele Immigranten, vor allem in dem älteren Teil, in dem sich auch Natalies Haus befand. Auch wenn die Tage vorüber waren, in denen dies ein regelrechtes Ghetto gewesen war und North Kensington sich bemühte, zu den aufstrebenden Adressen zu gehören. Irgendwann würde es vielleicht mit seinem Nachbar Notting Hill verschmelzen, aber das interessierte Natalie nicht. Sie liebte ihre Straße und das altherrschaftliche Haus mit dem kleinen Vorgarten, in dem sich ihre Wohnung befand.

So müde sie auch war, sie bedauerte es sehr, als Paul seinen imaginären Zylinder schwenkte und sich mit einer formvollendeten Verbeugung von ihr verabschiedete.

Erst als sie das Treppenhaus hochmarschiert und im zweiten Stock vor ihrer Wohnungstür angekommen war, fiel ihr auf, dass sie gar keine Telefonnummern ausgetauscht hatten. Sie hätte ihn durchaus auch hineinbitten können … Nein, Unfug, sie mussten beide morgen arbeiten. Irgendwie schien er ihr auch tatsächlich nicht der Kerl für einen belanglosen One Night-Stand zu sein. Trotzdem hätte sie ihn wahnsinnig gerne wiedergesehen. Einen anständigen Mann, der sie zum Lachen brachte, ohne eine Gegenleistung zu fordern, das war schon Gold wert.

Er weiß, wo ich wohne und kennt meinen Nachnamen. Wenn er mich wiedersehen will, wird er es tun.

Mit diesem Gedanken machte sie sich fertig für die Nacht. Und zum ersten Mal, seit sie sich mit etwa fünf Jahren das Lesen selbst beigebracht hatte, interessierte sie ihr Buch nicht weiter, sodass sie bereits nach einer halben Seite abbrach und das Licht löschte. Einschlafen konnte sie dennoch nicht allzu schnell, dafür war sie zu erfüllt von der Begegnung mit Paul.

 

 

Paul lag im Bett und drehte sich von links nach rechts und rechts nach links. Es war sinnlos. Natalie steckte in seinem Kopf und raubte ihm die Ruhe. Sie war keine klassische Schönheit – klein, ein wenig zu schlank für seinen Geschmack. Aber ihr Gesicht war hübsch, oval geschnitten, von hellbraunen, leicht gelockten Haaren umrahmt, die ihr offen über die Schultern fielen. Die braunen Augen funkelten wunderbar, wann immer sie lächelte und auch wenn sie eher ein ruhiger, stiller Typ zu sein schien, war sie nicht schüchtern. Die Aktion mit der Cola hatte ihn wirklich überrascht und veranlasst, seine Kollegen sang- und klanglos stehen zu lassen, um ihr nachzulaufen. Die Jungs schienen ihn nicht weiter vermisst zu haben, gefolgt war ihm jedenfalls keiner. Nun ja, er hatte von vorneherein angekündigt, dass er nicht lange bleiben konnte, das Projekt morgen war wichtig und musste dringend bis Montag fertig auf dem Schreibtisch seines Chefs liegen. Wäre es nicht Tobys fünfunddreißigster Geburtstag, wäre er überhaupt nicht mitgekommen, sondern bis spät abends im Büro geblieben. Ohne zu wissen, was er verpasst hätte.

Paul haderte mit sich. Natalie war Single, soweit er herausgehört hatte, absolut sicher war er sich nicht. Zumindest stand nur ihr Name auf dem Klingelschild und sie trug keine Ringe. Sollte er einen Versuch wagen? Oder diese perfekte Begegnung zweier Geister, die im Einklang schwangen, für sich stehen lassen? Das Schauspiel als altehrwürdiger Gentleman hatte ihm richtig Spaß gemacht … Eigentlich hatte er die Nase voll von Beziehungen und wollte sich für mindestens drei, vier Jahre ausschließlich auf seine Karriere konzentrieren. Oder auch sechs, bis zu seinem vierzigsten Geburtstag. Dann wäre immer noch genug Zeit für Familiengründung.

Es war ja nichts großartig zwischen ihnen geschehen. Sie hatten sich hervorragend miteinander unterhalten, gut genug, dass sie offenkundig beide komplett die Zeit vergessen hatten. Da war kein Kuss gewesen, keine Berührung, kein Zeichen dafür, dass Natalie mehr wollte. Oder überhaupt irgendetwas wollte. Paul hatte sie galant nach Hause begleitet. Na und?

Sieh’s ein, Junge. Wenn du es nicht wenigstens versuchst, wird diese verpasste Chance in der Top 5 der Dinge stehen, die du auf dem Sterbebett bereust. Willst du das?

Nein, das wollte er nicht. Garantiert nicht!

Und er wusste auch schon, wie sein nächster Schritt aussehen würde …

 

 

Von Fischen und Männern

 

„Natalie, schau nur, der neue Clay Oswold ist da!“ Sabrina schleppte einen schweren Karton herbei und strahlte über das ganze Gesicht. Natalie mochte ihre Chefin, die Buchhändlerin aus Leidenschaft war. Gleichgültig, wie stark sie zu kämpfen hatten mit den Umbrüchen in der Branche – immer mehr Menschen bestellten ihre Bücher bequem im Internet statt sie im Laden um die Ecke zu kaufen, eBooks machten das Leben auch nicht leichter, Verlage debattierten über jede Rechnung, als wäre es eine Morddrohung – Sabrina liebte ihren Job trotzdem. Nichts machte sie glücklicher, als einen zufriedenen Kunden davongehen zu sehen, der seinen Buchschatz an sich drückte. Natürlich mussten sie sich den veränderten Kundenbedürfnissen anpassen. Außer Bücher gab es Schulmaterial, Kalender und jede Menge Nippes bei ihnen zu kaufen. Sie hatten eine urgemütliche Sitzecke mit einem modernen Kaffeeautomaten, die Kunden zahlten lediglich für die erste Tasse und durften sich beliebig oft nachnehmen. Eva und Cathy brachten beinahe täglich Plätzchen und Muffins mit, die sie kostenlos ausgaben; die beiden backten leidenschaftlich gern, aßen ihr eigenes Gebäck allerdings nur spärlich, aus Sorge um die Figur. Es gab genug Leute, die sich hier lediglich kostengünstig durchfuttern wollten und zwar zur Tarnung in Büchern blätterten, jedoch nichts kauften. Es gehörte zu Natalies Aufgaben, solche Typen im Blick zu halten und sie freundlich, aber bestimmt vor die Tür zu setzen. Die treuen Stammkunden hingegen, die sich gerne zwei, drei Stunden Zeit nahmen, lasen, Kaffee tranken, plauderten und anschließend mit einem halben Dutzend Bücher abzogen, wurden sorgsam gehegt und gepflegt. Natalie suchte gerade für eine dieser besonderen Kundinnen einen Titel, der eigentlich vergriffen war. Sie würden nichts daran verdienen, wenn sie ihr dieses Buch im Internet besorgten, doch Mrs. Phillips würde glücklich und zufrieden sein und gerne zu ihnen zurückkommen. Das war wichtiger als irgendwelche Gewinnspannen, die sowieso immer zu mager ausfielen.

„Da Eva und Cathy nicht hier sind, darfst du es als erste lesen.“ Sabrina legte eine schicke Hardcover-Ausgabe neben Natalies Tastatur. Sowohl die düstere Aufmachung als auch der Titel „Crying in the dark“ ließen keinen Raum für Zweifel, dass es sich um einen Thriller handelte. Natalie war kein großer Freund von Thrillern, die Werke von Clay Oswold hingegen las sie wirklich gerne. Intelligent aufgemacht, mehr auf psychologische Feinheiten als blutige Schockeffekte ausgelegt, mit Wortwitz, trockenem Humor und begnadeter Charakterzeichnung gesegnet.

„Ich habe Ihr Buch bestellt, Mrs. Phillips!“, rief sie zu der elegant gekleideten älteren Dame in der Leseecke hinüber, die sich mit einem Lächeln bedankte. Erst danach nahm sie das Buch in die Hand und las den Klappentext. Das war genau ihr Beuteschema, zumindest was Thriller anbelangte. Archäologische Ausgrabungen in Ägypten, was immer interessant war, ein wenig politische Verwirrung, was nicht fehlen durfte und beruhigende Abwesenheit von krautigen Verschwörungstheorien oder Alien-Beteiligung. Welch ein Glück, dass morgen Sonntag war! Da konnte sie die Nacht durchlesen, trotzdem ausschlafen und das Buch direkt an Eva und Cathy weitergeben. Wenn die beiden es ebenfalls fertig hatten, würde es als Ansichtsexemplar in der Leseecke landen.

Sabrina lächelte wissend, als Natalie aufschaute und das Buch in ihrer Handtasche verstaute. Ihre Chefin gehörte zu den Frauen, die mit Mitte Vierzig jegliche Farbe verloren und jetzt, mit über fünfzig, endgültig wie ein Mäuschen wirkte – Haare wie Haut waren gräulich, die Augen hinter der dicken Brille auch vorher bereits hell und nichtssagend. Sie besaß keinerlei Charisma, war menschenscheu, wirkte stets unsichtbar. Und dennoch war sie einer der wertvollsten Menschen, die Natalie kannte, herzlich, hilfsbereit, mit breitem Wissen und sanftem Humor gesegnet. Sabrina hatte nie geheiratet und keine Kinder, was ein Jammer war. Natalie hätte gerne eine Mutter wie sie gehabt und wandte sich mit Kummer und Sorgen stets an sie statt an ihre echte Erzeugerin. Sie hatte Natalie in ihrer schwersten Krise zur Seite gestanden … Ihre eigene Mutter hatte nicht einmal begriffen, warum Natalie sich ausgerechnet für Bücher begeistern musste und sich einen solchen Beruf ausgesucht hatte.

„Du wirst verarmt auf der Straße landen, und was sollen dann die Leute sagen? Nie denkst du an mich! Wenn ich mal alt bin, wie willst du mich unterstützen mit solch einem Bettlerjob? Ach Natalie …“

Wie üblich folgten auf diese Anklagen Tränen, Seufzer und Kopfschmerzattacken. Natalie hatte den größten Teil ihres Lebens damit verbracht, sich schuldig zu fühlen. Egal für was. Erst Sabrina hatte ihr gezeigt, dass emotionale Erpressung noch schlimmere Kindesmisshandlung darstellen konnte als Schläge. Offene Gewalt erkannte schließlich jeder sofort als das, was es war. Natalie hatte beides erfahren.

Ihre Chefin kehrte in den vorderen Teil des verwinkelten Ladens zurück, da die Türglocke ertönte. Es war bereits Mittag, sie würden bald schließen. Viele Kunden kamen zu dieser Zeit nicht mehr vorbei, meistens Leute, die auf die Schnelle noch etwas bestellen wollten, was selbstverständlich bis Montag da zu sein hatte.

„Natalie? Kommst du bitte mal eben?“

Sabrina winkte ihr zu. Nichtsahnend ging Natalie hinüber, auf den Kunden zu, der mit dem Rücken zu ihr stand. Irgendetwas an der groß gewachsenen, schlanken Gestalt wirkte vertraut …

Verwirrt blickte sie in Pauls lächelndes Gesicht, als er sich zu ihr umdrehte. Er hielt ihr einen herrlichen Strauß gelber Rosen entgegen, bedachte sie mit einer ehrerbietigen Verbeugung und sagte:

„Leider wohnt Ihr nicht bei Euren Eltern, Miss Dunners, es wäre demzufolge unanständig, Euch daheim aufzusuchen. Ich dachte mir, ein Besuch unter den Augen Eurer Herrin wäre angemessener.“

Verlegen nahm sie die Blumen entgegen, unterdrückte ein albernes Kleinmädchenkichern, als er ihre Hand abfing und einen Kuss andeutete. Dem Kerl schien es nicht einmal peinlich zu sein, dass er sich vor ihrer Chefin zum Affen machte! Sabrina wandte sich ab, das Zucken ihrer Schultern bewies, dass sie unterdrückt lachte.

„Ich muss noch ungefähr eine Stunde arbeiten, ich sollte die Blumen ins Wasser stellen“, sagte Natalie, als sie ihr bisschen Verstand wieder gesammelt hatte.

„Warum machst du nicht Feierabend? Es ist nicht viel los und du hast sowieso etliche Überstunden“, mischte sich Sabrina mit ihrer sanften, leisen Stimme ein.

„Meinst du das wirklich?“ Natalie war sich plötzlich sehr unsicher. Wollte sie sich auf ein Date einlassen? Und auf alles das, was daraus entstehen könnte? Paul demonstrierte deutliches Interesse an mehr als bloß ein bisschen unverbindlichem Sex. Andernfalls wäre er nicht hier aufgetaucht und hätte ihr keine Blumen mitgebracht, beziehungsweise keinen ganzen Strauß gelber Rosen.

„Hast du heute denn noch etwas Wichtiges vor?“, fragte Paul. Ein Rettungsanker, sie spürte es. Sie könnte einen unaufschiebaren Termin heucheln und ihm damit einen Korb geben, bei dem sie beide ihr Gesicht wahren würden. Er lächelte, dennoch war Traurigkeit erkennbar. Es würde ihm weh tun, wenn sie ihn von sich stieß …

O mein Gott!

Nein, das war Unsinn. Sie kannten sich ja noch gar nicht. Wenn sie es beendete, bevor es anfing, würde nichts weiter passieren. Außer, dass sie womöglich eine Gelegenheit verpasste, die nie mehr wiederkam.

Oder mich vor einer riesengroßen Enttäuschung bewahren. Einmal hat eigentlich fürs Leben gereicht.

Sie war mit neunzehn von zu Hause geflohen und in den Armen von Timothy gelandet. Der war zehn Jahre älter als sie gewesen und hatte Spaß daran gehabt, ein naives junges Mädchen unter seine Fittiche zu nehmen …

Natalie schob die unangenehmen Erinnerungen zur Seite und erwiderte Pauls Lächeln.

„Ich müsste noch ein Buch lesen“, erwiderte sie gedehnt. „Und auf Barney achten.“

„Wer ist Barney? Dein Sohn?“ Sein Lächeln vertiefte sich, er blieb entspannt. Anscheinend schreckte ihn die Vorstellung nicht, sie könnte eine alleinerziehende Mutter mit einem quengelnden Kleinkind sein. Wow! Nun, wenn das nicht genügte, um sie zu überzeugen, dass er ein netter Kerl war, dann hatte sie tatsächlich Schläge verdient.

„Barney ist ein wunderschöner Elfenwels, der gestern mit seinem Kumpel bei mir eingezogen ist. Er scheint ein bisschen zu schwächeln, was aber am Transportstress liegen könnte. Normalerweise sind Welse ziemlich robust.“

„Aha. Nun, ich würde dir gerne beim Fischehüten helfen, wenn ich darf. Ich hab zwar keine Ahnung, bin allerdings sehr gelehrig und werde mich deinen Anweisungen beugen.“ Vergnügt zwinkerte er ihr zu und blickte sich um, als würde ihm erst jetzt bewusst werden, wo genau er sich befand. „Und was das Buch lesen angeht, nun, das ist etwas, was ich immerhin schon mal in meinem Leben irgendwann getan habe. Vielleicht kannst du mir ein schönes Buch empfehlen, mit dem ich dir Gesellschaft leisten könnte?“

„Gerne doch! Was hast du denn bereits gelesen, also welche Richtung gefällt dir? Abenteuer, Krimi, Thriller, Western, Fantasy, Sci-Fi …“

„Soooo viele verschiedene Sachen gibt es?“ Mit gespieltem Erstaunen riss er die Augen auf, wodurch Natalie unwillkürlich zu grinsen begann. Dann gab er sich einen Ruck und wurde deutlich ernster.

„Gestern hab ich einen Pratchett beendet, ich bin ein großer Fan von Sir Terry …“ Bekümmert seufzte er, wozu Natalie verständnisvoll nickte. Auch sie liebte den Humor von Terry Pratchett. Zu wissen, dass dieser großartige Schriftsteller unheilbar krank war und wohl nicht mehr viele Bücher liefern konnte, war extrem traurig. Dafür war sie froh, dass Paul gerne las. Rasch kamen sie ins Gespräch über verschiedene Autoren und Bücher, die sie beide kannten und innerhalb einer Viertelstunde hatte sie ihm einen Fantasyroman verkauft, von dem er noch nichts gehört hatte. Danach packte sie ihre Sachen, schnappte sich ihren Blumenstrauß und verabschiedete sich von Sabrina.

„Ist es was Ernstes?“, fragte ihre Chefin lächelnd.

Natalie vermied es, sich nach Paul umzuschauen, der sich irgendwo hinter ihr befand.

„Bis jetzt noch nicht“, erwiderte sie leise. „Aber ich hoffe, es wird ernst, ja.“ Wie sie das so sagte, wurde ihr klar, dass sie es tatsächlich meinte. Wann hatte sie das letzte Mal das Gefühl gehabt, dass ein Mann ihr wichtiger sein könnte als ein nagelneues Buch eines ihrer Lieblingsautoren, oder als das Wohlergehen eines ihrer Fische?

---ENDE DER LESEPROBE---