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Jamie weiß nicht, was ihn erwartet, als er auf der Flucht vor seiner Vergangenheit den Posten als Privatsekretär bei den Dorchesters annimmt. Der Vater – ein reicher Unternehmer. Die Mutter – einst ein gefeierter Filmstar, heute geistig und körperlich schwer behindert. Niemand kennt den Grund für ihren Zustand und es wird ein großes Geheimnis darum gemacht. Und dann ist da Emily, die das College verlassen musste, um rund um die Uhr für ihre Mutter da zu sein ... Ca. 50.500 Wörter Im gewöhnlichen Taschenbuchformat hätte dieser Roman ca. 250 Seiten
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Jamie weiß nicht, was ihn erwartet, als er auf der Flucht vor seiner Vergangenheit den Posten als Privatsekretär bei den Dorchesters annimmt.
Der Vater – ein reicher Unternehmer.
Die Mutter – einst ein gefeierter Filmstar, heute geistig und körperlich schwer behindert.
Niemand kennt den Grund für ihren Zustand und es wird ein großes Geheimnis darum gemacht. Und dann ist da Emily, die das College verlassen musste, um rund um die Uhr für ihre Mutter zu sorgen ...
Ca. 50.500 Wörter
Im gewöhnlichen Taschenbuchformat hätte dieser Roman ca. 250 Seiten
von
Lea Baldow
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Er tat es schon wieder.
Jamie beobachtete sie. Emily spürte seine Blicke wie eine Berührung auf ihren nackten Armen. Er streichelte ihren Körper mit seiner Aufmerksamkeit. Es lag keine Sanftheit in diesen Blicken, keinerlei Zärtlichkeit. Sie waren wild, intensiv und hinterließen ein feuriges Brennen.
Emily ignorierte ihn, zumindest äußerlich. Jamie war der neue Privatsekretär ihres Vaters. Seit zwei Wochen lebte er unter ihrem Dach in dieser protzigen Zwanzig-Zimmer-Villa, die Emily Zeit ihres dreiundzwanzigjährigen Lebens gehasst hatte. Er war vier oder fünf Jahre älter als sie. Mit seinen wuscheligen dunklen Haaren, dem scharf geschnittenen schmalen Gesicht und den hellblauen Augen, zusammen mit dem schlanken, durchtrainierten Körper, hatte er etwas von einem Schauspieler. Nicht irgendeinem bestimmten, es war einfach nur dieses gute Aussehen, das ein wenig irreal wirkte. Der gepflegte Drei-Tage-Bart sorgte für etwas mehr Menschlichkeit und zwei schmale, blasse Narben am Hals für angenehmere Unperfektion. Diese Narben stammten von einem Autounfall, als er noch ein Kind gewesen war. Zumindest hatte er das bei seinem Vorstellungsgespräch erzählt, bei dem sie ebenfalls dabei sein musste. Ihrem Vater war es wichtig, dass sie sich gut mit jedem Angestellten verstand, da sie den ganzen Tag zu Hause war, er hingegen quasi nie.
Mühsam riss Emily ihre Gedanken von diesem Kerl los, der auf der luxuriösen Terrasse an einem weißen Holztisch saß und vorgab, am Laptop zu arbeiten. Seine Aufgabe war es, die gesamte private Korrespondenz und Steuerunterlagen ihres Vaters zu verwalten. Harold Dorchester war Gründer und Inhaber eines weltweit operierenden Lebensmittelkonzerns. Biokost, ökologisch, fair und nachhaltig produziertes Obst und Gemüse, vegane Nischenprodukte: Emilys Vater lag voll im Trend und wusste das auszunutzen. In den letzten Jahren war er zum Marktführer in seiner Sparte aufgestiegen und baute diese Position stetig weiter aus. Dazu gehörten auch privater Reichtum und jeder erdenkliche Luxus. Sie hatten Gärtner, die sich um jeden Grashalm des weitschweifigen Geländes kümmerten. Einen Koch, der ihnen jeglichen kulinarischen Wunsch erfüllte. Eine Hauswirtschafterin namens Lydia, die sich um die anfallenden Reinigungs- und Instandhaltungsarbeiten der Villa kümmerte und die übrigen Angestellten koordinierte. Seit zwei Wochen gehörte nun auch Jamie Baxter dazu.
Vom ersten Moment an hatte es eine gewisse Spannung zwischen ihm und Emily gegeben. Ein spürbares Knistern, das weder ihrem Vater noch Lydia entgangen war. Jamie versuchte nichts, um ihr näher zu kommen, darum durfte er nach einem strengen Gespräch mit ihrem Vater bleiben. Zu jeder Tages- und Nachtzeit begegnete Jamie ihr ausgesucht höflich und mit aufrichtigem Respekt. Er führte keine Situationen herbei, in denen sie sich berühren oder auch nur unbeobachtet sein mussten. Wann immer er jedoch die Möglichkeit erhielt, verfolgte er sie mit seinen glühenden Blicken. Jamie war ein Raubtier, das spürte Emily. Er wollte sie. Begehrte sie, intensiver als je ein Mann zuvor. Seine Intensität machte ihr Angst. Ein kleines bisschen zumindest. Oder vielleicht treffender: Es bereitete ihr Unbehagen. Sie war schließlich keine Jungfrau mehr und fürchtete nicht wirklich, dass er über sie herfallen könnte.
„Ich will ins Bett.“ Die quengelige Stimme ihrer Mutter riss Emily endgültig aus ihren Gedanken.
„Wir bleiben noch ein bisschen“, erwiderte sie und richtete den Wollumhang, den sie ihrer Mutter um die Schultern gelegt hatte, als Schutz vor den teils recht frischen Windböen. Für Mitte August waren die Temperaturen in New Jersey nicht wirklich angenehm.
Bis vor über einem Jahr hätte diese Frau sich voller Ekel geweigert, einen spießigen, beigefarbenen Wollumhang an ihren damaligen Luxuskörper zu lassen. Jedenfalls keinen aus Wolle, die schlechtere Qualität als Kaschmir aufwies. Tonja Dorchester war es von Geburt an gewohnt gewesen, von allem das Beste zu besitzen.
Diese Zeiten waren vorbei. Willenlos hockte sie in ihrem eher praktischen als eleganten weißen Hausanzug auf der Gartenbank.
„Es ist noch etwas früh fürs Bett“, sagte Emily und strich ihr die strähnigen Haare aus der Stirn. Es war dringend Zeit, einen Friseur zu bestellen und ihrer Mutter einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt verpassen zu lassen. Sie konnte sich nicht dazu durchringen. Ihre Mutter war so stolz auf ihr schönes, taillenlanges Haar gewesen. Brünett, genau wie Emilys. Auch die blaugrünen Augen hatte sie von ihr geerbt. Da endete die Ähnlichkeit bereits, und dafür war Emily wirklich dankbar. „Komm, wir laufen noch eine Runde.“ Sie zog diese lethargische, schwerfällige Frau auf die Füße, die sich wie eine Puppe hängen ließ.
„Warum?“, kam die monotone Gegenfrage, etwa dreißig Sekunden zu spät, um zu einem normalen Gespräch gehören zu können.
„Du brauchst frische Luft, Sonne und Bewegung. Darum.“ Emily hakte sich energisch bei ihrer Mutter unter und zwang sie, über den sorgsam geharkten Kiesweg des Parks zu gehen, der sich an die Villa anschloss. Man könnte ungefähr eine Dreiviertelstunde damit zubringen, einmal rund zu laufen. So lange brauchte ein gesunder Erwachsener, der nicht alle zwei Minuten auf einer Bank zusammenbrechen und mit matter Stimme stöhnen musste, dass er zu erschöpft wäre, um noch einen einzigen Schritt zu schaffen. Emily blieb daher stets in Sichtweite des Hauses. An wirklich schlechten Tagen reichte Überredungskunst nicht aus, um ihre Mutter anzutreiben und man musste schlimmstenfalls einen der Gärtner oder den Koch bitten, sie ins Haus zu tragen. Die schimpften mittlerweile, natürlich leise und hinter Emilys Rücken. Ihre Mutter hatte auf Grund mangelnder Bewegung und ungehemmter Appetitentwicklung Gewicht zugelegt und näherte sich zum ersten Mal in ihrem Leben normalen Werten an. Wenn ihr altes Ich das wüsste … Sie würde sofort eine einmonatige Fastenkur einlegen. Nun, das konnte sie nicht mehr, was gut war. Auch das ewige Genörgel darüber, was Emily tat oder ließ war verstummt. Nicht alles war schlechter geworden seit diesem einen Tag im Mai vergangen Jahres. Jamies Anwesenheit wertete sie jedenfalls als definitive Verbesserung, trotz des leichten Unbehagens, das damit verbunden war. Dabei hatten sie noch kein einziges Mal ein Gespräch geführt, welches diese Bezeichnung auch verdient hätte. Fast immer nur „Guten Morgen, Ms. Dorchester“ und „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Mr. Baxter.“
Als sie spürte, dass ihre Mutter ernstlich erschöpft war, steuerte sie mit ihr auf das Haus zu.
„Zeit fürs Bett, Mama“, verkündete sie. Das genügte für gewöhnlich, um die letzten Kräfte zu mobilisieren. Sie schafften den Fischteich, den ihre Mutter mithilfe eines Feng Shui-Beraters für viel Geld hatte anlegen lassen, und die große Angststelle, nämlich die drei Holzstufen, die zur Terrasse hinaufführten. Der Anblick des Rollstuhls, der dort wartete, lockte die schwerfällig schlurfende Fremde, deren Körper mit so viel Aufwand Tag für Tag versorgt werden musste, damit er weiter funktionierte. Plötzlich stolperte sie und riss Emily mit sich zu Boden. Das geschah häufiger, sie waren beide von Kopf bis Fuß verbeult von diesen kleinen Unfällen. Bevor sie sich aufrappeln und ihrer Mutter helfen konnte, tauchte mit einem Mal ein Schatten über ihnen auf. Jamie hob ihre Mutter mühelos hoch und setzte die leise vor sich hinschluchzende Frau in den Rollstuhl. Dann beugte er sich über Emily und strahlte sie warmherzig an, während er ihr die Hand entgegenstreckte.
„Manchmal ist es nicht leicht, hm?“, fragte er. Seine Berührung löste ein angenehmes Kribbeln aus, das durch ihren gesamten Körper zog.
„Nein, manchmal nicht“, bestätigte sie und zupfte ihr blaues Kleid zurecht. Seit Jamie hier war, trug sie häufiger Kleider als sonst, machte sich Gedanken über ihre Frisur und legte sogar leichtes Make-up auf. Nicht viel, bloß ein wenig Lipgloss und Rouge, damit sie nicht so blass wirkte. „Vielen Dank für die Rettung, Mr. Baxter.“
„Es war mir ein Vergnügen, Ms. Dorchester. Jederzeit wieder.“
„Sie sollten nicht zu viel versprechen. Ich könnte Sie beim Wort nehmen.“
„Oh, ich bestehe darauf, dass Sie genau das tun. Es ist mir eine Ehre, Ihnen zu Diensten sein zu dürfen.“
Sie lächelte ihm zu, bevor sie sich zurück an die Pflicht zwang. Er hingegen blieb völlig ernst und in Ton wie auch Körperhaltung distanziert, wodurch die übertrieben höflichen Worte, die ein Flirt sein könnten, an Wert verloren.
Emily schnappte sich den Rollstuhl und fuhr ihre weinende Mutter ins Haus. Es würde ein kleiner Kampf werden, ihr die Windeln zu wechseln und sie ins Bett zu legen. Noch im Hausanzug, erst nach einem leichten Abendessen zog Emily ihr das Nachthemd an. Gegen 20.00 Uhr endete ihr Dienst, wenn eine Krankenschwester erschien, die die Nacht im Zimmer ihrer Mutter verbrachte. Die blieb bis 7.00 Uhr morgens, dann begann die nächste Tagschicht für Emily. Wie jeden Tag, fast ohne Ausnahme. Es war ermüdend …
Er blickte ihr nach. Ein eleganter blauer Schmetterling, der für einen gefallenen Engel sorgen musste. Wobei Tonja Dorchester wohl nie ein Engel gewesen war, nach dem, was man sich erzählte. Eher ein sechshörniger Rachedämon, der selbst Kleinigkeiten als Demütigung und damit als Kriegserklärung aufgefasst hatte. Jamie seufzte und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Die war wichtig, sonst nichts. Emily durfte er weder berühren noch an sie denken. Sie konnte ihn nicht retten. Harte, ehrliche Arbeit hingegen schon. Ärger wegen einer Frau, und sei sie noch so liebenswert und unschuldig, konnte er sich beim besten Willen nicht leisten. Also, zurück an die Quartalsabrechnung! Ein Job für Helden. Egal wie schwer es fiel. Egal wie wenig er sich im Augenblick als Held fühlte …
„Emily? Emily, Sie müssen kommen, bitte!“
Es dauerte mehrere Sekunden, bis Emily aus dem Tiefschlaf hochschreckte und begriff, warum jemand neben ihrem Bett stand und sie durchrüttelte. Es war Lizzy, eine der vier Krankenschwestern, die sich den Nachtdienst über den Monat untereinander aufteilten. Mindestens zwei Mal in der Woche wachte Emilys Mutter nachts auf und tobte so heftig herum, dass die Nachtschwester sie nicht beruhigen konnten. In diesem Fall musste Emily sich aus dem Bett quälen, denn aus irgendeinem Grund gehorchte ihre Mutter ihr aufs Wort. Dabei hatten sie nicht einmal den Ansatz einer guten Beziehung gehabt, in der Zeit bevor … Bevor alles anders geworden war.
Völlig erschöpft taumelte sie durch den Raum. Sie bräuchte so dringend einmal Pause. Wenn sie abends die Verantwortung an die Krankenschwester abgab, tat sie nichts mehr. Etwas essen, eine Dusche, eine halbe Stunde fernsehen oder etwas lesen. Danach musste sie ins Bett, damit sie rechtzeitig aufstehen konnte, um sich für den neuen Tag Dauerbetreuung und Intensivpflege vorzubereiten. Wie sie die ersten Monate überstanden hatte, als es die nächtliche Entlastung noch nicht gab, wusste sie beim besten Willen nicht. Sie hatte ihren Vater auf Knien anflehen müssen, weil sie sonst durchgedreht wäre. Der hatte schließlich eingesehen, dass es für Emily überlebensnotwendig war, Hilfe zu bekommen, ob ihn das nun enttäuschte oder nicht. Enttäuscht war er, daraus machte er keinen Hehl. Er war kaum je da und verstand nicht, wie anstrengend, langweilig und belastend Emilys Alltag mit einer geistig stark reduzierten, körperlich beeinträchtigten Mutter war. Was er sah war, dass seine Frau durchdrehte, wenn Fremde sie intim beim Waschen oder Anziehen anfassten, hingegen brav und still blieb, solange Emily diese Aufgaben übernahm. Er schaffte es bisher, die Presse darüber im Unklaren zu belassen, was in dieser Villa geschah.
„Ist wieder schlimm heute Nacht, sorry“, murmelte Lizzy. Sie war die jüngste von den vier Nachtschwestern. Emily kam gut mit ihr zurecht und sie unterhielten sich manchmal, wenn sich die Gelegenheit ergab. Seit einer besonders schlimmen Nacht sprachen sie sich sogar vertraulich mit Vornamen an, was Emily sonst keinem Angestellten erlaubte. Es war wichtig für sie, jemanden zu haben. Eine Vertraute. Beinahe, als hätte sie eine Freundin. Im Moment hatte sie nur noch Rebecca, die Tochter des Chauffeurs. Die war einige Jahre älter als Emily, sie waren praktisch miteinander aufgewachsen. Leider hatte Rebecca nur selten Zeit, da sie beruflich sehr eingespannt war.
Im Erdgeschoss erfüllte das nervenzerfetzende Wimmern ihrer Mutter die Luft. Seufzend betrat Emily das Pflegezimmer.
„Mama, beruhige dich“, sagte sie leise und strich ihr über den Kopf.
Der zum lautlosen Schrei geöffnete Mund schloss sich. Die dürren Finger, die sich um die schützenden Bettgitter gekrallt hatten, wurden schlaff. Ihre Mutter sank still in sich zusammen, als hätte Emily irgendeinen Zauberspruch gewispert, der seine Magie sofort entfaltet hatte. Eine Weile stand sie da und beobachtete, wie ihre Mutter schlief. Ein Spuckebläschen bildete sich am Mundwinkel; sie wischte es behutsam fort.
„Wenn ich wüsste, wie du das machst, müsste ich dich nicht immer wecken“, murmelte Lizzy und tätschelte ihr mitfühlend den Rücken. Dafür musste sie sich ein wenig recken, da sie deutlich kleiner als Emily war. Einer solch zarten Person wie ihr wollte man kaum zutrauen, einen derart harten Beruf auszuüben, doch Liz war tough.
„Wenn ich wüsste, wie ich das mache, könnte ich damit aufhören. Das würde mir deutlich weiterhelfen“, erwiderte Emily und winkte ab, bevor Lizzy etwas sagen oder nach einer Erklärung fragen konnte.
„Ich geh wieder schlafen. Gute Nacht!“
Sie schnürte ihren türkisfarbenen Morgenmantel enger und tapste mit halb geschlossenen Augen die Treppe hoch. Es war noch nicht einmal Mitternacht. Wenn es jetzt keine zweite Störung gab, würde sie einigermaßen ausreichend Schlaf abbekommen. Alles, was sie jetzt wollte, war zurück in ihr warmes, behagliches Bett zu kriechen und …
„Ms. Dorchester? Könnten Sie eventuell hereinkommen? Bitte?“
Verwirrt blieb Emily stehen und starrte auf die Tür, hinter der Jamie sein Zimmer hatte. Diese Tür stand einen Spalt offen und Jamies Stimme hatte ein bisschen gepresst geklungen. Das Bitte hatte sogar einen verzweifelten Unterton besessen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt und trat ein. Das Bild, das sich ihr bot, war zum Brüllen komisch: Jamie hockte auf seinem Bett, eng an die Wand gepresst. Davor stand Yvi, die Yorkshire Terrier-Dame, die früher Emilys Mutter gehört hatte. Ausgestattet mit dem riesigen Selbstbewusstsein, das typisch für diese Rasse war, hielt sie Jamie in Schach. Sobald er versuchte sich zu bewegen, knurrte sie bedrohlich, als wäre sie mindestens einen Meter größer und fünfzig Kilo schwerer.
„Ich war kurz im Bad und wollte ins Bett gehen, da kam plötzlich dieses laufende Wollknäuel an mir vorbeigeschossen und drängte sich ins Zimmer hinein“, sagte er betont ruhig und ließ Yvi dabei nicht aus den Augen. Die strengte sich an, noch etwas größer zu wirken. Zum Glück bestand keine Gefahr, dass sie auf das Bett hinaufspringen könnte, andernfalls hätte Jamie bereits einen zornigen Yorkie an der Ferse hängen. Emily presste sich die Hand vor den Mund, um nicht loszulachen. Der erboste Mini-Hund und Jamie, der offenbar auch nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte … Einfach unglaublich! Wobei seine Geschichte verwirrend klang. Das Bad war vom Zimmer aus erreichbar. Anscheinend hatte er die Zimmertür offenstehen gehabt und Yvi wäre auf jeden Fall hereingeplatzt.
„Ms. Dorchester, wem gehört dieses entzückende Hundeviech?“, stieß er mit einer leisen Andeutung von Gereiztheit in der Stimme hervor. „Falls Sie es wissen, könnten Sie dem Besitzer Bescheid geben, dass er es gerne bei mir abholen darf?“
Emily krümmte sich vor unterdrücktem Gelächter, setzte sich aber dennoch endlich in Bewegung.
„Yvi, AUS!“, befahl sie scharf und pflückte die Hundedame vom Boden hoch. Die leckte ihr prompt freundlich hechelnd über das Gesicht und jaulte leise vor Begeisterung, sie wiederzusehen.
„Das ist Yvi“, erklärte sie Jamie so ernst wie es ihr möglich war. „Sie hat meiner Mutter gehört. Vielleicht wissen Sie es nicht, Mr. Baxter, doch dieser Raum war früher das Schlafzimmer meiner Mutter. Yvi hatte hier ihr Hundekörbchen, es ist also auch ihr persönlicher Raum. Sie wohnt jetzt bei der erwachsenen Tochter unseres Chauffeurs. Anscheinend ist Rebecca zu Besuch und Yvi hat die Gelegenheit genutzt, nach Hause zu laufen. Ein fremder Mann in Frauchens Schlafzimmer geht natürlich gar nicht.“
„Das verstehe ich“, murmelte Jamie und rieb sich den Fuß.
„Oh nein, hat sie nach Ihnen geschnappt?“, rief Emily besorgt, aber er winkte lächelnd ab.
„Bleiben Sie mit der kleinen Bestie fern von mir“, sagte er lachend. „Ja, sie hat zugeschnappt, aber da hatte ich noch meine Hausschuhe getragen. Ist nichts passiert. Okay, nichts minus Hausschuhe, die sind ihr zum Opfer gefallen.“ Er wies auf ein Häufchen blauer Stofffetzen, die Emily bislang nicht bemerkt hatte. Dass Jamie lediglich mit einer Boxershorts und einem T-Shirt bekleidet war, beides in schwarz, hatte sie hingegen sehr genau bemerkt.
„Yvi ist ausgezeichnet erzogen“, murmelte sie. „Wir müssen sie einfach nur anständig mit Ihnen bekannt machen. Sehen Sie da über Ihnen den Luftschacht? Die beiden unteren Schrauben sind lose und ich könnte mir vorstellen, dass niemand daran gedacht hat.“ Sie selbst hatte es bis zu diesem Augenblick vergessen. Stirnrunzelnd stand Jamie auf und drehte die Schrauben der Abdeckplatte des Luftschachts los. Er war groß genug, um es ohne Hilfsmittel erledigen zu können. Emily und ihre Mutter hatten dafür ein Fußbänkchen benötigt.
„Hundeleckerlis?“ Jamie brachte ein Päckchen mit luftgetrockneten Fleischstreifen zum Vorschein.
„Meine Mum hatte sie dort versteckt, damit das Hausmädchen sie nicht ständig fortnahm. Mein Vater hatte strikte Anweisung gegeben, dass der Hund nicht verwöhnt werden dürfe, daran mussten die Bediensteten sich natürlich halten. Meine Mutter hingegen, die sich selbst nie das kleinste Stückchen Süßigkeit gegönnt hatte, konnte nicht anders, sie musste etwas für Yvi bereithalten.“ Emily verkniff sich die Grimasse, die sie bei dieser Erinnerung am liebsten gezogen hätte. Der Hund hatte es jedenfalls besser gehabt als sie selbst.
„Kommen Sie, Mr. Baxter, die Leckerlis sind garantiert noch gut. Geben Sie Yvi ein paar davon und sie wird Sie lieben.“
„Auf Ihre Verantwortung …“ Mit skeptischer Miene öffnete Jamie die Schachtel. Yvi betrachtete ihn sehr aufmerksam, mit vorfreudigem Schwanzgewedel und freundlichem Gehechel. Jamie streckte der Hundedame einige der braunen, merkwürdig riechenden Stückchen auf der flachen Hand hin und siehe da: Sie nahm das Geschenk glücklich wuffend an und leckte ihm anschließend über die Handfläche.
„So einfach ist es, ein Hundeherz zu erobern.“ Lächelnd kraulte Emily den Bauch der Kleinen. Sie hatte Yvi sehr vermisst! Halb erwartete sie einen dummen Spruch, mit welcher Leckerei man ihr Herz erobern könnte. Aber Jamie flirtete nicht. Schade …
„Es ist sicherlich schwer für den Hund, aus dem vertrauten Zuhause fortgerissen zu werden“, sagte er stattdessen. „Warum wird sie nicht hier betreut? Vielleicht wäre das auch für Ihre Mutter gut.“
„Nein, leider nicht.“ Emily schüttelte traurig den Kopf. „Meine Mutter hat sich durch den Vorfall derart verändert … Yvi lag nur noch winselnd und jaulend in der Ecke und verstand wohl die Welt nicht mehr. Immer wieder wollte sie an meiner Mum hochspringen und auf ihren Schoß, doch die hat sie fortgestoßen und schien Angst vor ihr zu haben. Es war das Beste für beide, dass Yvi fortgegeben wurde. Rebecca kannte sie bereits vorher, das hat vieles erleichtert.“
„Das ist traurig.“ Jamie rückte noch eine weitere Portion Leckerlis heraus, bevor er die Packung wieder an der alten Stelle versteckte und die Platte verschraubte. In dieser Zeit blickte Emily sich unauffällig in dem Raum um. Es herrschte beinahe militärische Ordnung, abgesehen von den zerfetzten Hausschuhen. Nichts lag auf dem Boden, der Schreibtisch war perfekt aufgeräumt. Es gab keinen Hinweis, dass jemand hier drinnen wohnte. Keine persönlichen Gegenstände, keine Fotos, Topfpflanzen, irgendwas … Beinahe, als würde Jamie damit rechnen, nicht auf Dauer bleiben zu können. Oder war er einer dieser neurotischen Ordnungsfanatiker, die jeden Gegenstand mit Lineal und Wasserwaage ausrichten mussten? Und warum interessierte sie das überhaupt?
Jamie versteifte sich plötzlich.
„Ich danke Ihnen, Ms. Dorchester“, sagte er laut, setzte sich hastig hin und schlug sich die Bettdecke über die Beine. Verwirrt starrte Emily zu der halb geöffneten Zimmertür und entdeckte Rebeccas Blondschopf auf der Treppe, die langsam hochstieg und sich dabei umsah. Zum Glück konnte Rebecca aus ihrer Position nichts erkannt haben. Auch wenn wirklich nichts geschehen war, das Anlass zum Gerede geben könnte …
„Gern geschehen, Mr. Baxter“, erwiderte sie etwas lauter als nötig. „Ich schaue mal, dass ich den kleinen Ausreißer zu seinem Frauchen bringen kann.“ Sie zwinkerte Jamie zu und ging zur Tür.
„Oh, Rebecca! Ich wollte dich gerade suchen. Yvi hatte sich in die alte Heimat reingeschmuggelt.“
„Und das zur nachtschlafenden Zeit. Es tut mir wahnsinnig leid, Emily, ich hoffe, dieser Racker hat keinen Ärger gemacht?“
Jamie lauschte den sich entfernenden Stimmen der beiden Frauen, bevor er die Tür schloss. Mit einem Seufzen entsorgte er die Überreste seiner Hausschuhe in den Mülleimer. Zum Glück waren das billige Exemplare ohne Wert gewesen. Leicht zu ersetzen.
Was Wort für Wort auch auf dich zutrifft, dachte er. Aufgewühlt legte er sich ins Bett. Emily war in seinem Zimmer gewesen. Solche Dinge durften nicht geschehen ... Niemals!
Andererseits war es schön gewesen, sie ungezwungen zu erleben, mit einem heiteren Lächeln auf den Lippen. Emily war viel zu ernst, zu müde, zu traurig. Die Pflege ihrer Mutter fraß sie auf, warum wollte Mr. Dorchester das nicht verstehen? Eine solch junge Frau aus bestem Haus gehörte aufs College, nicht an ein Krankenbett. Wieder dachte er an ihr selbstvergessenes Lachen. Wie liebevoll sie mit dem Hund umgegangen war!
Na großartig. Jetzt würde er von Emilys strahlenden Augen träumen.
Nun, sicherlich wäre das eine angenehme Abwechslung. Normalerweise strahlte in seinen Träumen nichts und niemand …
„Guten Morgen, Mum. Hast du gut geschlafen?“ Emily betrat das Pflegezimmer ihrer Mutter wie jeden Tag: Mit einem gut gelaunten Lächeln und der wilden Entschlossenheit, ihr Schicksal nicht vor dem Frühstück zu verfluchen.
Ihre Mutter blinzelte sie müde aus dem Bett heraus an und furchte angestrengt die Stirn.
„Warum?“, fragte sie schließlich. Ihre Standarderwiderung auf alles, was für sie nicht sofort Sinn ergab. Da quasi nichts für ihr zerstörtes Gehirn Sinn ergab, war es das häufigste Wort, das sie aussprach.
„Ich dachte, du willst heute fit sein. Es ist Mittwoch.“
„Warum?“
„Weil gestern Dienstag war und morgen Donnerstag ist.“ Emily zog ihr die Bettdecke weg, beziehungsweise sie versuchte es: Ihre Mutter klammerte sich daran fest, bis ihre Knöchel weiß wurden, und begann markerschütternde spitze Schreie auszustoßen.
Emily atmete tief durch, ließ die Decke los, wodurch das Geschrei sofort verstummte, und ging zum Fenster. Sie hoffte, dass … Ja, tatsächlich! Jamie verließ gerade das Haus durch die Terrassentür. Sofern es nicht in Strömen regnete, begann er jeden Morgen mit einer einstündigen Joggingrunde durch den Park. Manchmal gönnte er sich abends eine zweite Laufstunde. Einen gut trainierten Körper bekam man nicht vom Nichtstun … Emily achtete darauf, dass er sie nicht sehen konnte, sollte er zufällig zum Fenster blicken. Sie wollte nicht dabei erwischt werden, wie sie Daddys Sekretär anschmachtete, als wäre sie ein dummes kleines Schulmädchen.
Seufzend wandte sie sich zurück zum Bett. Wie erwartet, war ihre Mutter mittlerweile wieder weggedöst. Sie schlich sich heran und riss ihr mit einem Ruck die Decke weg.
„Guten Morgen, Mommy!“, rief sie erneut.
„Die Decke!“, protestierte ihre Mutter empört.
„Die brauchst du gerade nicht.“ Emily stülpte ihr Hausschuhe über, brachte den Rollstuhl in Position und drehte ihre Mutter auf die Seite.
„Warum?“, kam die Frage, auf die sie gewartet hatte. Solange ihre Mum ausreichend mit kniffligen Überlegungen beschäftigt war, dachte sie nicht daran, sich gegen Emilys routinierte Handgriffe zu sperren. Schon hatte sie die spindeldürren Beine über die Bettkante gezogen und ihre Mutter aufrecht hingesetzt.
„Wir machen dich jetzt schön“, erwiderte Emily. Beim nächsten „warum?“ drehte sie ihre Mutter aus der Hüfte heraus und ließ sie in den Rollstuhl plumpsen.
„Mittwoch ist Badetag. In der Wanne liegen, Haare waschen, Nägel feilen.“
„Nägel.“ Laut knirschend begann ihre Mutter, am Daumennagel zu kauen. Schon als Dreijährige wäre es für sie ein unerträgliches Unding gewesen, ihre Nägel zu beschädigen. Dieser Teil ihrer Persönlichkeit war gestorben, wie so viele andere auch …
„Willkommen in der Beautyfarm, Mum. Bitte vorlehnen und jeglichen Widerstand einstellen, die Wanne ist bereits gefüllt und wartet darauf, dass du hineingleitest.“
„Warum?“
„Damit du wie ein Pfirsich duftest und samtig weiche Haut bekommst.“ Emily zog ihr das Nachthemd aus und brachte sie dazu, sich aufrecht vor das Waschbecken zu stellen, damit sie ihr auch die schwere Nachtwindel abnehmen konnte. Der stechende Ammoniakgeruch des Urins auf nüchternem Magen hatte sie in den ersten Wochen mehr als einmal dazu getrieben, würgend und halb bewusstlos in die Knie zu gehen. Inzwischen registrierte sie ihn kaum noch. Ihre Mutter stockte, wie jede Woche, wenn sie auf das dampfende Wasser der gefüllten Wanne blickte. Es interessierte Emily nicht. Sie stieß ihre Mutter mit sanfter Gewalt auf den Badewannenlift und ließ sie so rasch wie möglich hinab.
„Ich mag das nicht“, flüsterte ihre Mum, als würde sie ihr ein großes Geheimnis anvertrauen. Früher hatte sie für ihr Leben gerne gebadet.
„Ich mag das auch nicht“, erwiderte Emily und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sofort lehnte ihre Mutter sich mit dem Kopf gegen ihre Schulter und schmiegte sich zärtlich an. Eines der Dinge, die viel, viel besser als früher waren. Emily kniete am Boden, hielt ihre Mutter fest im Arm, damit diese nicht vom Sitz des Liftes herabrutschte, und genoss minutenlang Stille, Frieden und Nähe. Der Tag könnte gerne so gut weitergehen!
Jamie zuckte innerlich zusammen, als er die Stimme von Mr. Dorchester im Hausflur hörte. Er saß gerade gemütlich am Frühstückstisch, nachdem er seine Sporteinheit und die anschließende Dusche erledigt hatte. Um 9.00 Uhr würde er mit seiner Arbeit beginnen, bis dahin dauerte es noch eine halbe Stunde. Wie unangenehm, dass sein Chef die Morgenidylle stören musste. In den zwei Wochen, seit er hier arbeitete, hatte der Mann noch keine einzige Nacht in seinem eigenen Haus geschlafen und tauchte auch nur gelegentlich persönlich auf, um ihm Arbeit und Anweisungen zuzuteilen.
„Guten Morgen, Sir!“, rief er, als Mr. Dorchester das Esszimmer betrat, und sprang hastig von seinem Stuhl auf.
„Guten Morgen.“ Er bekam ein geistesabwesendes Nicken, sein Chef war in ein Dokument vertieft. Wie üblich war er makellos gekleidet, der maßgeschneiderte graue Anzug harmonierte perfekt mit seinen dunkelblonden Haaren. „Essen Sie weiter, ich brauche Sie gleich leistungsfähig und munter.“ Mr. Dorchester blickte sich suchend um. „Isst meine Tochter nicht mit Ihnen?“
„Eigentlich nie, Sir. Sie ist noch mit Ihrer Frau beschäftigt und wird selten vor 9.00 Uhr fertig.“
„Bedauern Sie das?“ Ein lauernder Ton schwang in der dunklen Stimme mit. Jamie unterdrückte ein Seufzen. Er hatte dieses Misstrauen satt, auch wenn er es gut verstehen konnte und sehr dankbar war, dass er trotz seiner heiklen Vorgeschichte angestellt worden war.
„Ich bin froh darüber“, erwiderte er darum fest. „Nichts liegt mir ferner, als diese Chance zu verspielen, die Sie mir gewähren, Sir.“
„Ich wusste von Anfang an, dass Sie ein verständiger Mann sind, Mr. Baxter. Wenn Sie mit Ihrem Frühstück fertig sind, kommen Sie in mein Büro. Ich habe Post von der Steuerbehörde erhalten, das müssen Sie für mich regeln. Und ein Mieter von einer meiner Immobilien ist im Zahlungsrückstand. Außerdem …“
Emily betrat den Raum. Sofort verstummte ihr Vater, als wären seine finanziellen Belange ein Staatsgeheimnis, von dem sie auf keinen Fall etwas erfahren durfte.
„Guten Morgen, Dad.“ Sie begrüßte ihn steif mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. „Ich störe, also gehe ich besser wieder.“
„Nein, setz dich und iss, du bist blass. Mr. Baxter wollte mir gerade ins Büro folgen.“
Sie hielt sich kerzengerade, als sie an ihrem Vater vorbeischritt und am Tisch Platz nahm. Die Temperatur im Raum schien um mehrere Grad gefallen zu sein. Zwischen Vater und Tochter herrschten extrem ungute Spannungen, das hatte Jamie bereits bei seinem Einstellungsgespräch bemerkt. Da die übrigen Angestellten des Hauses kein Wort darüber verloren, bestenfalls bedeutsame Blicke wechselten, wenn das Gespräch zufällig in diese Richtung abschweifte, musste das Problem beim Herrn des Hauses liegen. Nichts anderes als begründete Angst, den Job zu verlieren, konnte Angestellte am Tratsch und Klatsch hindern. Jamie war jedenfalls nicht unglücklich, dass er das Frühstück abbrechen und seinem Chef folgen musste. Ungemütliches, verkrampftes Schweigen hätte ihm sowieso den Appetit verdorben.
