9,99 €
Wenn die Wahrheit zur Hölle wird. Gerade hat Journalistin Robin Ballantyne mit einer Dokumentation über vermisste Personen begonnen, da erfährt sie vom rätselhaften Verschwinden einer Kollegin. Melanie Jacobs war Kamerafrau in internationalen Krisengebieten und bekannt für ihre Furchtlosigkeit. Doch als Robin sich auf die Suche nach ihrer Kollegin macht, wird sie in eine Schattenwelt hineingezogen, der sie kaum gewachsen ist ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2018
rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.
Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.
Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire
Catherine Sampson
Furchtlos
Aus dem Englischen von Marie Rahn
Ihr Verlagsname
Gerade hat Journalistin Robin Ballantyne mit einer Dokumentation über vermisste Personen begonnen, da erfährt sie vom rätselhaften Verschwinden einer Kollegin. Melanie Jacobs war Kamerafrau in internationalen Krisengebieten und bekannt für ihre Furchtlosigkeit. Doch als Robin sich auf die Suche nach ihrer Kollegin macht, wird sie in eine Schattenwelt hineingezogen, der sie kaum gewachsen ist ...
Catherine Sampson arbeitete als Korrespondentin für die «Times» in China und schreibt heute für die «Vogue» und den «Economist». Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Peking. «Merken Sie sich ihren Namen», schrieb die englische Zeitschrift Booklist, «sie ist eine der größten Thriller-Autorinnen.» Im Rowohlt Verlag ist bereits erschienen: «In einer hellen Sommernacht».
Für meine Eltern
Sie hatte nicht hierherkommen wollen, an diesen Ort, wo Gewalt alles zerstörte. Aber beim Anblick der Wiesen, mit unberührtem Schnee bedeckt, des silbergesäumten Tals hatte sie eine seltene, wunderbare Vertrautheit empfunden – wie stets angesichts von Schönheit. Wann würde sie begreifen, dass Idylle immer Verrat war, dass die gütige Erde hingemetzeltes Fleisch verbarg und die ungerührte Miene eines Bauern die Maske des Kummers war?
Als sie jetzt das trockene Knacken eines Zweiges hinter sich hörte, wusste sie, dass sie nicht hätte herkommen sollen. Ihr Körper machte sich zur Flucht bereit, Adrenalin durchströmte ihre Adern, Sauerstoff drang in ihre Muskeln, ihre Sinne schrien nach Informationen. Platzangst überkam sie, die Bäume schienen sie zu umzingeln, drückten ihre skelettartigen Äste auf sie nieder. Sie rannte los, ihre langen Beine brachten sie schnell voran, doch plötzlich rutschte sie auf dem Eis, sie schlitterte und fiel.
Als sie sich wieder aufrichtete, vernahm sie trotz des schrillen Summens der Panik in ihrem Kopf leise die Stimme der Vernunft: War da wirklich jemand oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Dann knirschten Schritte hinter ihr, und er holte sie ein und packte sie. Er drückte sie auf die Knie, der Stoff ihrer Jeans fror sofort am Boden fest, und er stülpte ihr einen Sack über den Kopf, sie konnte nichts mehr sehen, ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Ihre Lungen schrien nach Luft, doch der Stoff drückte fest gegen ihre Nase und ihren Mund, und dann sickerte die Ahnung des Todes in ihre Glieder. Sie suchte Trost in ihrem Innern, wollte das Grauen vergessen, das sie gesehen hatte, das Leid der anderen, zurück zum Anfang, zu dem, was wahr und gut war.
Als ich wach wurde, spielten die Zwillinge friedlich am Fußende meines Betts. Die Sonne schien ins Zimmer, ich tat so, als schliefe ich noch, und beobachtete unter halb geschlossenen Lidern hindurch, wie sie in ihren Schlafanzügen mit herausgestreckten Hinterteilen dahockten. Hannah und William sind gerade drei Jahre alt. Hannah besitzt die Willenskraft eines Sherman-Panzers und William die verheerende Gerissenheit eines Tarnkappenbombers. Sie durchwühlten gerade meine Schmuckschatulle und hängten sich Perlenketten um den Hals. An Williams Ohr baumelte ein Armreif, und Hannah hatte sich eine Krone gebastelt. Binnen kurzem würde Hannah William schlagen, woraufhin er ihr gehorsam alles aushändigen würde, was sie begehrte, um es dann, sobald sie nicht hinsah, wieder zurückzumopsen. Sie waren so beschäftigt, dass sie gar nicht daran dachten, nach Essen und Trinken zu verlangen.
Adam, ihr Vater, war fast zwei Jahre zuvor ermordet worden, aber er war ihnen ohnehin nie wirklich ein Vater gewesen. Vielleicht, dachte ich sehnsüchtig, als ich sie beim Spielen betrachtete, würde das Elterndasein so aussehen, wenn sie älter wurden. Die Kinder würden sich darauf beschränken, gelegentlich eine Mahlzeit oder ein Quantum moralischer Führung einzufordern, und ich würde mich auf dem Sofa zurücklehnen und sie bewundern können, während sie sich leise badeten und anzögen oder ihre Köpfe pflichtbewusst über die Hausaufgaben beugten.
Als Finney eine halbe Stunde später eintraf, saß Hannah splitterfasernackt auf der Treppe und kreischte, während William sich an mein Bein klammerte und versuchte, mich zu seiner Eisenbahn zu zerren. Finney überblickte die Lage, verharrte dann bei Hannah und bedachte sie mit einem Blick, den er sich sonst nur für Besoffene und Raufbrüder vorbehielt.
«Wir kommen zu spät», knurrte er.
Lange Wochenendausflüge mit Kindern auf dem Rücksitz entsprechen nicht gerade Finneys Vorstellung von Vergnügen, aber ich hatte ihn gebeten, mich zu begleiten, weil ich den Blick eines Detective Chief Inspectors brauchte. Und er hatte sich einverstanden erklärt, weil er in mich verliebt war – wenn auch nicht in meine Kinder. Wir fuhren auf der A 23, nach Süden Richtung Reigate, zu einer Einrichtung etwas außerhalb von London, die für meine Kollegen beim Fernsehsender nur ‹Kriegsschule› heißt. Dort, in der idyllischen Landschaft Englands, lernen Journalisten von ehemaligen Elitesoldaten, wie man sich bei tödlichen Versteckspielen verhält. Oder wie man die Blutung eines getroffenen Kollegen stillt, dem es die Eingeweide zerfetzt oder das Auge weggerissen hat. Seine Schreie sind zwar reines Laientheater, und die klaffende Wunde ziert Tierblut, doch nichtsdestoweniger geht es um Leben und Tod.
Denn die hohe Anzahl von Journalisten, die im vergangenen Jahrzehnt in Kriegsgebieten gestorben sind, hat die Nachrichtenagenturen zu der Einsicht gebracht, ihren Angestellten Schutz bieten zu müssen, zumindest mit Wissen, und manchmal auch mit Waffen.
«Aber dir ist schon klar, dass wir einem Phantom nachjagen», rief Finney über das Gekreisch der Kinder hinweg. Ich saß am Steuer und er auf dem Beifahrersitz; stoisch ignorierte er Hannah, die mehr lag als saß und versuchte, mit ausgestreckten Beinen von hinten gegen die Lehne seines Sitzes zu treten. «Wenn da irgendwas gewesen wäre, hätte Coburn es doch schon vor sechs Monaten gefunden, als sie verschwunden ist.»
Finney kann ziemlich bissig werden, wenn es um die Unfähigkeit seiner Kollegen geht, sogar bei DCI Coburn, der die Untersuchung zu Melanies Verschwinden leitete. Aber die Polizei ist seine Sache, nicht meine, und ich wollte keinen Streit.
«Ich habe es Melanies Eltern versprochen. Ich muss einfach hin.»
Melanie Jacobs, eine Kamerafrau des Senders, war vor sechs Monaten, am 10. Januar, aus der Kriegsschule verschwunden, die offiziell übrigens HazPrep – Gefahrenabwehr – heißt. Der Sender beschäftigt Tausende Angestellte. Er ist wie ein kleines Land oder eine große Schule. Unter den Kollegen hat man ein paar Blutsbrüder, dann gibt es viele, die man grüßt, und Unzählige, die man nur dem Namen nach kennt. Ich hatte nur einmal mit Melanie zusammengearbeitet und war von ihrem Ernst und ihrer Genauigkeit beeindruckt gewesen. Seitdem hatte ich immer wieder gehört, wie Kollegen anerkennend oder sogar ungläubig über ihren Mut in Krisengebieten gesprochen hatten. Kurz nachdem sie einen besonders blutigen Bürgerkrieg dokumentiert hatte, sah ich sie in der Kantine und ging zu ihr hinüber. Melanie war groß, kräftig und wendig. Sie hatte langes dunkles, glattes Haar, das sie bei der Arbeit normalerweise zu einem Zopf zusammengebunden trug. Dann konnte man auch sehen, dass sie in ihrem linken Ohr nicht nur einen, sondern sechs goldene Ohrstecker hatte. Sie nickte mir zu, lächelte aber nicht. Ich blickte ihr in die Augen und sah, dass sich etwas verändert hatte.
«Es muss hart gewesen sein», sagte ich. Ich weiß nicht, warum. So etwas sagt man unter Journalisten normalerweise nicht.
«Das ist der Job», murmelte sie achselzuckend.
Ich weiß nicht, ob sie das beabsichtigt hatte, aber ich ging, von Schuldgefühlen überwältigt, wieder zu meinem Platz. Ich hatte denselben Job wie sie. Ich hatte zwar als Fernsehproduzentin angefangen, konnte aber mittlerweile eine Kamera bedienen und filmte manchmal mein eigenes Material. Wir waren beide Journalistinnen. Aber ich hatte, fast ohne zu zögern, entschieden, nicht in Krisengebiete zu gehen, weil ich alleinerziehende Mutter zweier Kleinkinder bin. Melanie hielten keine Kinder zurück, und sie war bereit, Tag für Tag ihr Leben zu riskieren, um die menschliche Grausamkeit zu dokumentieren. Für mich war das Journalismus in reinster Form: die Dokumentation der Fakten über das eigene Leben zu stellen. Ich kannte Melanie nicht gut genug, um sie nach ihren Motiven zu fragen. Es kam mir unwahrscheinlich vor, dass sie auf Ruhm aus war – normalerweise ernten Kameraleute keinen Ruhm, ganz gleich, wie gut sie arbeiten. Aber konnte eine derart gefährliche Entscheidung vollkommen selbstlos sein?
Ein anderes Mal traf ich Melanie mit ihren Eltern am Bahnhof von King’s Cross. Als sie dann ein paar Wochen später vermisst wurde, rief ich die Eltern an, um nachzufragen, ob ich irgendwie helfen könnte. Beatrice, Melanies Mutter, war krank vor Sorge; sie dankte mir höflich für meine Anteilnahme und bat mich, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, was ich auch tat. Beatrice und Elliott, Melanies Vater, wohnten in Durham, und Elliotts Gesundheitszustand hatte sich nach dem Verschwinden seiner Tochter schlagartig verschlechtert. Beatrice wollte ihn nicht länger als ein paar Stunden allein lassen, doch der endlosen Zugfahrt nach London war er nicht gewachsen. Eigentlich hätte es sie wohl gedrängt, Nachforschungen zu betreiben, um herauszufinden, was mit ihrer Tochter passiert war, doch so fühlte sie sich ohnmächtig und isoliert. Sie war verärgert, dass man nichts herausfand und die Untersuchung der Polizei ins Stocken zu geraten schien.
«DCI Coburn hat gesagt, es gebe keinen Beweis dafür, dass sie tot sei. Er sagte, möglicherweise habe sie einen Nervenzusammenbruch gehabt und einfach alles hinter sich gelassen, aber bei Melanie kommt mir das sehr unwahrscheinlich vor.»
Schüchtern fragte sie mich, ob ich wohl etwas dagegen hätte, mich mal im Sender umzuhören, was so über Melanies Verschwinden gesagt wurde.
«Mit wem vom Sender haben Sie gesprochen?», fragte ich sie. «Es muss doch jemanden geben, der als Anlaufstelle für die Polizei fungiert.»
«Da ist ein Mann namens Ivor Collins», antwortete Beatrice, «der sehr nett war. Er kam mit dem Zug zu uns und brachte Melanies Sachen mit. Er unterhielt sich lange mit uns, schien aber ebenfalls vollkommen ratlos. Er sagte, er würde uns über alles informieren, was man herausfände, aber …» Sie verstummte unglücklich.
«Er hat sich nicht mehr gemeldet?», fragte ich ungläubig.
«Doch, doch. Er hat uns jede Woche angerufen. Er war sehr nett, aber er hatte keine Neuigkeiten für uns. Vielleicht denkt er, er dürfe uns nur gesicherte Informationen weitergeben. Aber darum geht es mir gar nicht … Melanie hat doch Freunde, sie hat Kollegen, die müssen sich doch über ihr Verschwinden unterhalten, die Leute müssen doch Theorien haben, es muss doch Gerüchte geben! Ich möchte …» Ihr brach die Stimme, und sie schwieg. Ich konnte hören, wie sie versuchte, sich zu beherrschen, wie sie schwer und langsam ins Telefon atmete.
Sie wollte, was ich auch gewollt hätte. Sie wollte jeden kleinsten Informationsfetzen, sie wollte sicher sein, dass allen Möglichkeiten nachgegangen wurde. Sie wollte sicher sein, alles, was in ihrer Macht stand, für ihre Tochter getan zu haben.
Ivor Collins war mir ein Begriff. Normalerweise sah man ihn nur flüchtig aus der Ferne, wie einen Stern am Nachthimmel. Gelegentlich, wenn es Probleme bei der Arbeitsmoral gab, besuchte Collins das Fußvolk, um ein paar ermutigende Worte zu sprechen, hier und da eine Schulter zu klopfen und etwas herumzuschnüffeln, um zu sehen, von wo – oder wem – der Ärger ausging. Nach meinem Gespräch mit Beatrice suchte ich im Mitarbeiterverzeichnis nach Ivor Collins und stellte fest, dass Ivor der HCP (HR) war, also der Head of Corporate Policy Klammer auf Human Resources Klammer zu, und somit die Firmenpolitik gegenüber den Mitarbeitern vertrat.
Am nächsten Tag besorgte ich mir bei ihm einen Termin und traf ihn in seinem komfortabel ausgestatteten Büro in den hinteren Regionen des Managementreiches. Er schüttelte mir herzlich die Hand und bat mich, ihm gegenüber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen. Er hatte erstaunlich blaue Augen und schneeweißes, sehr kurz geschnittenes Haar. Sein Körper war schmal, und weil er so dünn war, wirkte sein längliches Gesicht noch länger. Er sah aus wie ein Ausrufezeichen.
«Sie wollten mit mir über Melanie Jacobs sprechen», sagte er und neigte den Kopf zur Seite.
«Ihre Eltern sind enttäuscht, weil die Untersuchungen keine Fortschritte machen», erklärte ich, «und sie haben mich gebten, mich umzuhören.»
Er nickte nachdenklich. «Und was haben Sie herausgefunden?»
«Sie sind der Erste, mit dem ich spreche.»
«Also …» Er seufzte und sprach so leise, dass er kaum zu hören war. Ob dies auf den Wunsch hindeutete, alle Vorwürfe zurückzuweisen, oder einfach nur auf eine Halsentzündung, konnte ich nicht sagen.
«Es fällt mir nicht leicht, jeden Montag bei Beatrice und Elliott anzurufen, wenn ich ihnen nichts anderes mitteilen kann als das, was in den Zeitungen steht, aber ich tue es. Wir alle helfen der Polizei so gut wie möglich, aber es gibt nicht viel zu erzählen. Melanie war äußerst mutig, äußerst begabt und wurde von uns sehr geschätzt. Wir haben keine Ahnung, warum sie verschwunden ist.»
Zehn Minuten später verließ ich Collins’ Büro – nicht viel schlauer als vorher. Als ich durch die Korridore zu meinem Büro zurückging, wuchs mein Ärger. Collins hatte mich weder abgewiesen noch versucht, mich davon abzuhalten, Erkundigungen einzuholen, doch hatte er auf jede meiner Fragen nur mit einem traurigen Kopfschütteln reagiert und sich entschuldigt, dass er mir nichts Neues sagen könne, und mich mit seinen blauen Augen aufrichtig besorgt angesehen.
Es konnte doch wohl nicht sein, dachte ich, dass Collins mittlerweile immer noch nicht mehr wusste als am Tag von Melanies Verschwinden. Das konnte ich einfach nicht glauben. Und als ich darüber nachdachte, begannen die Alarmglocken in meinem Kopf zu schrillen. Bei dem Mord an Adam Wills knapp zwei Jahre zuvor war ich die Hauptverdächtige gewesen, und der Sender hatte sich nicht schützend vor mich gestellt. Überließ der Sender jetzt Melanie ihrem Schicksal wie einst mich? Ich war die Verdächtige bei einer Morduntersuchung gewesen, daher war es vielleicht verständlich, dass meine Arbeitgeber vorgeben wollten, sie hätten nichts damit zu tun. Aber Melanies Ruf wies keinen derartigen Makel auf.
Am nächsten Tag rief Beatrice mich an und fragte, ob ich wohl etwas dagegen hätte, zur HazPrep zu fahren und ein letztes Mal zu überprüfen, ob es etwas gebe, irgendetwas, das die Polizei möglicherweise übersehen habe. Ich war sofort einverstanden. Wenn Collins nicht für Melanie eintreten wollte, würde ich es tun. Ich stellte fest, dass ich von einem zornigen Eifer ergriffen wurde, der, wenn ich ehrlich zu mir war, wohl eher etwas mit dem zu tun hatte, was knapp zwei Jahre zuvor mir widerfahren war, als mit dem, was Melanie zugestoßen oder nicht zugestoßen war.
Als jetzt die Hecken einer hohen Backsteinmauer mit Stacheldraht wichen, erkannte ich die Kriegsschule aus den Fernsehbeiträgen wieder, die über Melanies Verschwinden berichtet hatten. Die HazPrep hatte damals weder Kameras auf dem Gelände noch Interviews mit dem Personal – außer mit dem Direktor Andrew Bentley – zugelassen. Also hatte es nur eine Menge Bilder von der Außenmauer und dem blauen Metalltor gegeben. Ich rief Bentley mit dem Handy an, worum er gebeten hatte, und daraufhin schob sich das Tor auf.
Wir parkten am Herrenhaus, einem Steinbau, der sich über einen kleinen Hügel erstreckte und von ornamental beschnittenen Sträuchern und Büschen umgeben war. Bentley erwartete uns bereits. Ich hatte ihn mir in Kampfmontur vorgestellt, aber er trug einen dunkelblauen Anzug und eine Krawatte, die ich mit meinen Laienkenntnissen als Regimentskrawatte einstufte. Von Bentley wusste ich nur, dass er früher Offizier beim Special Boat Service gewesen war. Sein kurzes, dunkles Haar war zu einer großen, runden und glänzenden Glatze zurückgewichen, seine Schultern drohten den Anzug zu sprengen, und die offene Jacke gab einen Brustkorb preis, der wie ein V über der Taille saß. In seinen Schuhen konnte ich mein Gesicht sehen.
«Hallo?» Bentley begrüßte Finney in fragendem Ton und schüttelte ihm die Hand.
«Das ist Tom Finney», sagte ich und beließ es dabei.
«Meine Güte, Sie haben ja den ganzen Wagen voll.» Bentley deutete auf den Rücksitz.
«Es ist Wochenende –», setzte ich an, aber er tat meine Entschuldigung mit einer Handbewegung ab.
«Hier ist jede Menge Platz zum Herumrennen. Ich habe selbst Kinder.»
Es freute mich, jemanden zu treffen, der beim Anblick von Kindern nicht erbleichte, doch bis ich es endlich geschafft hatte, William und Hannah aus dem Wagen zu hieven, hatten Bentley und Finney sich schon abgewandt und waren auf dem Weg zum Haus. Es war ein typisch englischer Sommertag, die Sonne vom frühen Morgen war nun von Wolken verdeckt, die Regen ankündigten. Finney trug eine Lederjacke und Jeans. Im Gegensatz zu Bentley, der selbst einen Anzug aussehen ließ wie eine Uniform, war Finney außerstande, selbst einen Anzug wie einen Anzug aussehen zu lassen. Ich hatte Finney nicht als Polizisten vorgestellt, aber als die zwei Männer jetzt mit großen Schritten davonstrebten, schien mir, dass beide im anderen Ähnlichkeiten erkannt hatten – an der Förmlichkeit jemanden, der in einer hierarchisch organisierten Institution arbeitet, und an der Körperhaltung jemanden, der ein gewisses Maß an Respekt erwartet. Sie waren ins Gespräch vertieft.
Ich sammelte die Kinder ein und eilte ihnen hinterher. Im Haus folgten wir Bentley über einen Korridor durchs Erdgeschoss, bis er vor einer Tür stehenblieb, deren obere Hälfte aus Glas bestand.
«Hier ist einer unserer Seminarräume», sagte er leise. «Er ist gerade besetzt, aber Sie dürfen gerne einen Blick hineinwerfen. Wir reden hier viel über Gefahreneinschätzung und darüber, wie man sich selbst wahrnimmt. Wir müssen Kameraleuten wie Melanie immer wieder sagen, dass eine Kamera aussieht wie ein raketenbetriebener Granatenwerfer. Sie denken wohl, ihr Equipment sehe ganz harmlos aus, aber da täuschen sie sich. Und ein Kameramann braucht mindestens vier Sekunden Film, was eine lange Zeit ist, wenn man seinen Kopf in einem Kugelhagel riskiert.»
Ich trat zur Tür und blickte durch die Glasscheibe. In einem Kreis saß auf Metallstühlen, die eher funktional als bequem wirkten, ein Dutzend Männer, jeder mit einem Notizblock neben sich. Zwei von ihnen schoben sich Notizen zu. Ein dritter wirkte, als würde er gleich einschlafen. Ich erkannte nur einen von ihnen, Max Amsel. Max war einer der Kriegsberichterstatter des Senders. Er war klein und kräftig und gebürtiger Österreicher, und einst erklärte ihm ein leitender Angestellter des Senders, er würde nie im Fernsehen auftreten können, weil sein Akzent einfach zu ausgeprägt sei. Jetzt spricht er flüssiges Standardenglisch. Nur wenn man sehr genau hinhört, bemerkt man noch etwas leicht Abgehacktes.
Ein Ausbilder stand vor der Gruppe, hielt eine kugelsichere Weste in die Höhe und beschrieb ihre zahlreichen guten Eigenschaften. Auf Regalen ringsherum stapelten sich Requisiten – Verbandskästen, Helme, ein Paar Stiefel und etwas, was ich für Attrappen von Granaten, Landminen und Mörsern hielt. Vorne im Raum standen zwei altmodische Tafeln, und an der Wand war ein großer Fernseher mit Flatscreen montiert. Auf einer Tafel sah man Schaubilder von Explosionen, von der Flugbahn eines Schrapnells und Klebefiguren, die sich duckten, irgendwo kauerten oder wegrannten. Auf der zweiten stand mit weißer Kreide: «In Deckung bleiben».
«Halt die Schnauze oder verreck» war mit rosa Kreide darunter gekrakelt worden. Zwar hatte jemand halbherzig versucht, es wegzuwischen, aber die Buchstaben waren immer noch deutlich lesbar.
Bentley folgte meinem Blick.
«Bei einer Gruppengeiselnahme empfiehlt es sich immer, sich unauffällig zu verhalten», sagte er mir leise ins Ohr. «Ich glaube, der Kommentar stammt von einem unserer Kunden. Manche halten sich für besonders witzig.»
Ich trat beiseite, damit Finney einen Blick durch die Glasscheibe werfen konnte, dann gingen wir weiter. Über eine Treppe erreichten wir das Zimmer, in dem Melanie gewohnt hatte. Das Einzelbett war mit einer grasgrünen Tagesdecke überzogen. Daneben stand eine kleine Kommode, am Fenster hingen olivgrüne Vorhänge, der Teppich war moosgrün und die Wandfarbe beige. Es war ein Zimmer in Tarnfarben. Das kam wohl dabei heraus, wenn man die Inneneinrichtung ehemaligen Soldaten überließ. Der schmale Schrank war leer bis auf die Bügel. Hinter einer Tür befand sich ein Bad mit unbenutzten Handtüchern. Melanies Spuren waren schon lange aus diesem Zimmer entfernt worden.
«Die Polizei hatte es versiegelt.» Bentley blieb am Eingang stehen, so als würde ein Schritt über die Schwelle ihn wie Melanie verschwinden lassen. «Sie haben alles durchsucht, doch soweit ich weiß, haben sie nichts Ungewöhnliches gefunden, und es gab auch keinerlei Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen. Am Schluss kam jemand vom Sender und packte ihre Sachen zusammen.»
«Wer war das?»
Bentley zuckte die Achseln.
«Den Namen weiß ich nicht mehr. Ich habe sie nur begrüßt. Sie war Ende dreißig, vielleicht Anfang vierzig, hatte hellbraunes Haar. Wenn es wichtig ist, kann ich bei meiner Sekretärin nachfragen.»
«Wenn das möglich wäre. Haben Sie Zeit mit Melanie verbracht?»
Bentley schüttelte den Kopf.
«An den ersten beiden Tagen, an denen sie hier war, hatte ich Termine in London. Die Kurse laufen wie von selbst. Es ist nicht nötig, dass ich meinen Ausbildern auf die Finger gucke.»
Wir folgten Bentley wieder nach unten und hinaus und dann einen Trampelpfad entlang, der vom Speisesaal zum Wald führte. Es regnete leicht, und die Kinder sprangen um uns herum und kreischten vor Entzücken, als sie nass wurden und immer mehr Matsch an ihren Sandalen kleben blieb.
«Erinnere ich mich richtig, dass es damals geschneit hatte?», fragte Finney. «Hat Melanie Spuren hinterlassen?»
«Auf dem Weg rund ums Haus war der Schnee nicht liegen geblieben – hier gehen ständig Leute vorbei. Tja, so wissen wir natürlich nicht, in welche Richtung sie gegangen ist. Der Wachmann am Tor hat sie nicht gesehen. Der Weg zum Wald hinunter war vereist, aber es wurde ja überhaupt erst am Mittag des 11. Januar bemerkt, dass Melanie weg war – als sie nicht im Kurs auftauchte, dachte der Ausbilder, sie sei krank und würde auf ihrem Zimmer bleiben. Also wurde erst am Nachmittag Alarm geschlagen. Und da war schon ein Dutzend Männer und Frauen hier hinauf- und hinuntergegangen. Ich glaube, es schien sogar die Sonne. Also hatten wir nur Schneematsch. Sehen Sie.» Bentley blieb stehen und wies auf den Weg vor uns. «Das ist unser Fallenpfad; wir wollen, dass unsere Kunden ihre Augen und ihr Hirn benutzen lernen. Hier, sehen Sie, diese Abzweigungen, ein Weg ist mit einem Baumstamm blockiert worden. Sie sollten sich fragen: Wer war das? Und warum? Ist da jemand, den man zwar nicht sieht, der einen aber zwingt, diesen Weg hier durch den Wald zu nehmen? Da drüben ist eine Hütte, die sich ausgezeichnet als Unterschlupf eignen würde. Jemand hat Feuerholz vor den Eingang gestapelt – um hineinzugelangen, müsste man es wegräumen …»
«… und dann würde es einem um die Ohren fliegen», beendete Finney den Satz für ihn.
Bentley nickte.
Bentleys Erklärungen waren ruhig und distanziert. Mich fröstelte. Die Buchen in diesem Wald standen schon ein ganzes Jahrhundert oder länger hier, ihr dichtes Laub ließ nur wenig von dem ohnehin spärlichen Tageslicht hindurch. Selbst der Regen war nicht mehr so heftig.
«Und hier ist der Hinrichtungsplatz», sagte Bentley immer noch vollkommen ausdruckslos. Er stand auf einer Lichtung zwischen den Bäumen. Ein perfekter Kreis aus Beton, an einer Seite eine hohe Backsteinmauer mit einfachen Fensteröffnungen. Wie eine Theaterbühne.
«Zwar ist es keineswegs nötig, dass ein Hinrichtungsplatz irgendwie besonders aussieht, aber wenn wir diese Übung durchführen, wollen wir, dass unsere Kunden dies als abgegrenzten Bereich wahrnehmen, als Todeszone, wo sie alles daransetzen müssen, ihr Leben zu retten.» Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: «Melanie hatte am 10. Januar an dieser Übung teilgenommen.»
William sauste an mir vorbei, direkt in die Mitte des Betonkreises, da blieb er stehen und schrie etwas Unverständliches in meine Richtung. Wir alle starrten ihn an. Ich musste mich zwingen, ihn nicht zu packen und von diesem gottverlassenen Ort wegzubringen.
«William will einen Ball, Mama», sagte Hannah.
Ich erklärte ihr, dass ich keinen Ball dabeihätte, woraufhin sie zu William lief, um die Nachricht zu überbringen. Er schrie und trampelte mit den Füßen.
«Was ist an diesem Tag passiert?», fragte Finney Bentley. «Hat Melanie das Richtige gesagt? Hat sie gut verhandelt oder wäre sie exekutiert worden?»
Bentley blies Luft in seine Wangen, und mir schien es, als wäre Finneys Frage ihm unangenehm. Er musste laut sprechen, um Williams Wutgeschrei zu übertönen.
«Uns geht es hier nicht um richtige oder falsche Antworten. Uns geht es um psychologische Vorbereitung und Gefahrenvermeidung, und wenn das fehlschlägt, vermitteln wir Techniken zur Problemlösung. Niemand hat so getan, als würde Melanie exekutiert, wenn es das ist, was Sie wissen wollen. Wir sind nicht hier, um Menschen zu terrorisieren. Das ist gar nicht nötig. Unsere Kunden sind nicht dumm. Sie wissen, worauf sie sich einlassen. Und soweit ich weiß, hatte Melanie einige Erfahrungen mit heiklen Situationen.»
William war mittlerweile verstummt und starrte auf den Boden, während der Regen heftiger und die Tropfen dicker wurden. Sie zerplatzten auf der Betonbühne wie zehntausend winzige Explosionen. Bentley warf einen Blick auf seine Uhr.
«In ein paar Minuten werden meine Leute diesen Bereich für eine Übung brauchen. Gehen wir Mittag essen.»
Der Speisesaal war fast leer, nur ein paar Tische waren von Leuten besetzt, die aussahen wie Angestellte beim frühen Mittagessen. Wir wählten einen Tisch am Fenster und setzten uns. Bentley wies zum angrenzenden Café, wo Melanie zum letzten Mal gesehen worden war. Sie hatte drei Tage lang am Kurs teilgenommen und wollte am vierten abreisen. Das Café hatte einen separaten Ausgang zum Außengelände, durch den Melanie die Bar um zehn Uhr abends verlassen hatte.
«Warum ist sie überhaupt hinausgegangen?», fragte ich. «Wäre der Weg durch den Speisesaal nicht schneller gewesen?»
«Ja. Außerdem war es draußen dunkel und kalt. Aber das Gebäude mit den Zimmern hat noch einen zweiten Eingang, und manche nehmen den Weg außen herum. Um eine Zigarette zu rauchen oder zu telefonieren. Im gesamten Gebäude ist Rauchverbot, das Café eingeschlossen. Der Handyempfang ist hier drinnen schlecht und draußen ein bisschen besser. Ich meine mich zu erinnern, dass irgendjemand gesagt hat, sie habe, kurz bevor sie ging, mit dem Handy telefoniert.»
«Ihr Handy …» Finney dachte laut nach. «Ich glaube, das wurde auch nicht gefunden – stimmt’s?»
«Stimmt», bestätigte ich. Die Presseberichte über Melanies Verschwinden hatte ich so gut wie gar nicht gelesen. «Die Polizei hat ihre Telefonverbindungen überprüft. Die elektronischen Daten zeigen an, dass das Handy an diesem Abend kurz nach zehn vom lokalen Sender abgemeldet wurde.»
«Das heißt, dass entweder der Akku leer war oder jemand das Handy ausgeschaltet hat», sagte Finney, «aber in jedem Fall war das Handy zu diesem Zeitpunkt irgendwo hier auf dem Gelände.»
«Natürlich deckt der Sender einen viel größeren Bereich als nur die HazPrep ab», sagte Bentley rasch. «Und wir sollten nicht vergessen, dass Melanie ohne weiteres auch selbst das Handy ausgeschaltet haben könnte, als sie das Gelände verließ, um nicht aufgespürt zu werden.»
«Aber seitdem hat sie es nicht mehr benutzt», wandte ich ein.
«Jeder, der nur ein bisschen was von Technik versteht, weiß, dass man sein Handy nicht benutzen darf, wenn man untertauchen will», gab Bentley zurück. «Die Kameraleute, die ich kennengelernt habe, benutzen Satelliten- und Videotelefone und GPS und bearbeiten ihre Filme digital. Wenn Melanie Jacobs irgendwo da draußen ist, weiß sie, was sie tut.» Als er das sagte, spürte ich, wie sich etwas Warmes auf meinem Schoß ausbreitete. Hannah, die mittlerweise fast schlief, hatte das Unvermeidliche getan. Ich spürte, wie der Urin mir die Beine hinabrann und auf dem Boden zu einer kleinen Pfütze wurde.
«Hier.» Ich setzte Finney William auf den Schoß und nahm mir eine Handvoll Servietten vom Tisch. «Tut mir leid, da muss ich wohl mal jemanden sauber machen.»
Andrew Bentley blickte ausdruckslos auf die Pfütze und winkte dann mit einigem Nachdruck nach einer Bedienung. Hannah und ich zogen uns auf die Damentoilette zurück, um unsere Kleider sauber zu machen, doch sie schämte sich und wollte nicht aufhören zu heulen. Ich hob sie hoch, drückte sie und betrachtete uns zwei dann im Spiegel. Man würde nicht denken, dass wir verwandt sind. Hannah hatte die attraktiven Züge und den dunklen Teint ihres toten Vaters. Riesige Tränen kullerten aus geschwollenen Augen über ihre runden Wangen mit den Sommersprossen, und ihr Mund zitterte. Im Spiegel wirkte ich mit den rotblonden Haaren, die ich in einem kurzen, wuschligen Bob trug, im Vergleich mit ihr blass. Meine Augen waren riesig vor Erschöpfung, und ich war dünn, weil ich ständig hinter den Kindern herrannte, gleichzeitig versuchte zu arbeiten und keine Zeit zu essen hatte.
Als ich zum Tisch zurückkehrte, sah ich, dass William sich ebenfalls in Auflösung befand. Er war von Finneys Schoß gerutscht, stand dort und schrie mit eng angelegten Armen und roten, tränenüberströmten Wangen nach mir. Andrew Bentley versuchte, ihn aufzuheitern, aber seine anfängliche Kinderliebe hatte ihre Grenze erreicht – ebenso wie meine.
Ich nahm William in den Arm – was Hannah noch mehr in Rage brachte – und schnappte mir einen Teller vom Tisch.
«Ich geh mit ihnen raus. Die Wiese ist doch nicht vermint oder so?»
Andrew Bentley wirkte verwirrt, sagte: «Nein, nein, nein», und zog eine ‹Tut-mir-leid-dass-Sie-schon-gehen-Miene›, die über seinen Mund nicht hinausreichte.
Es war kein würdevoller Rückzug: Hannah und William wetteiferten um den Titel des übellaunigsten Kindes und klammerten sich an meinen vollgepinkelten Rock; ich meinerseits balancierte in der einen Hand einen Teller Pommes frites und umklammerte mit der anderen ihre beiden Händchen. Die Wiese war nass vom Regen, aber unter dem Blätterdach einer großen Buche fand ich eine Bank, die noch fast trocken war. Nach und nach legte sich das Schluchzen der Kinder so weit, dass die Fritten gegessen werden konnten.
Ich betrachtete die Parklandschaft, die vor mir sanft ins Tal abfiel. Aus dem Waldstück weiter unten hörte ich gedämpft eine Explosion und dann das Rattern von Automatikwaffen. Ich wusste, dass ich nicht in Gefahr war, trotzdem schlug mein Herz schneller. Meine Sinne waren stärker als früher auf Gefahr ausgerichtet. Seit Adam ermordet und ich von seiner Mörderin angegriffen worden war, wollte sich bei mir kein Gefühl von Sicherheit mehr einstellen. Sobald ich mich entspannte, spielte mein Verstand mir Streiche. Ich ging schlafen und wachte dann weit vor Tagesanbruch auf, um angestrengt zu lauschen und in die Dunkelheit zu starren, ob sich dort irgendein Eindringling bewegte. Für mich gab es keine Sicherheit, und niemand würde sie mir geben können.
Ich wusste, dass ich es Finney schwermachte. Wir konnten beide nicht auf einen normalen familiären Hintergrund zurückblicken. Meine Familie bestand fast nur aus Frauen – eine lange Geschichte, in der Männer sich nicht gerade als vertrauenswürdig erwiesen hatten. Und Finney hatte überhaupt keine Familie, weder weiblich noch männlich. Doch gerade Finney dachte über Dauer und Zusammensein nach, und er schien mir Geborgenheit geben zu wollen. Ich dagegen fühlte mich allein sicherer. Wenn ich für mich blieb, sowohl emotional als auch praktisch, dann würde ich nie mehr lernen müssen, unabhängig zu werden, falls er mich verließe. So zumindest war mein Gedankengang. Finney spürte wohl, dass ich ihn auf Distanz hielt. Vielleicht machte mir auch Angst, dass Finney gar keine Familie hatte. Denn es ist eine Sache, in jemandes Leben eine von vielen, aber eine ganz andere, für diesen Jemand die Einzige zu sein. Ich wandte mich zum Haus um und sah, dass Finney sich immer noch mit Bentley unterhielt. Er sah zu mir herüber. Ich hob meine Hand zum Gruß, und er lächelte kurz, bevor er sich wieder dem Gespräch widmete.
Aus dem Wald tauchten Leute auf, es war die Gruppe aus dem Seminarraum mitsamt Ausbildern. Als sie näher kamen, konnte ich sehen, dass einige Männer in voller Kampfmontur, ein wenig abseits von den anderen, leise miteinander sprachen. Einer hatte eine Waffe über die Schulter gehängt, die aussah wie eine Automatik. Ein anderer trug ein Netz, das anscheinend voller Granaten war. Soldaten und Journalisten, ausnahmslos männlich, gingen gedankenversunken an uns vorbei. Nur einer aus der Gruppe sah mich im Vorübergehen genauer an und kam dann über die Wiese auf uns zu.
«Hi, Max.» Ich stand auf und begrüßte ihn.
«Robin.» Er sah zu den Kindern hinüber. «Da hast du dir aber ein originelles Ziel für einen Familienausflug ausgesucht.»
«Es ist Samstag, ich hab sie einfach mitgenommen. Wie ist es?»
«Ganz witzig.»
«Irgendwelche Tipps?»
«Schrapnelle fliegen in einem umgekehrten Konus bis zu vierzig Meter hoch. Wenn du eine auf dich zufliegen siehst, schmeiß dich auf den Boden, mit den Füßen Richtung Granate, kreuz die Beine und halt die Hände über den Kopf.»
«Ich werde dran denken.»
Max lächelte leicht und nickte.
«Melanie Jacobs’ Eltern wollten, dass ich mich für sie mal ein bisschen umhöre», erklärte ich. «Sie wissen immer noch nicht, warum sie verschwunden ist.»
Max hatte sich ein wenig von mir abgewandt und sah ins Tal.
«Ich weiß nicht, ob es wichtig ist … ich war weg, hab also nicht die Nachrichten verfolgt … aber wurde erwähnt, dass Melanie einen der Kursleiter kannte, bevor sie hierherkam?»
Gespannt schüttelte ich den Kopf. «Ich glaube nicht.»
Ich sah hinter Max’ Rücken, wie Finney und Bentley, immer noch ins Gespräch vertieft, näher kamen. Finneys und mein Blick trafen sich, und er verstand wohl, dass ich gerade nicht gestört werden wollte, denn er blieb abrupt stehen, sodass Bentley nichts anderes übrig blieb, als es ihm nachzutun. Finney hörte fast ausschließlich zu, nickte und stellte Fragen, die Bentley im Redefluss hielten.
«Ich bin nicht sicher, ob das von Bedeutung ist», sagte Max vorsichtig. «In der Eingangshalle hängen Fotos von den Angestellten mit ihren Namen darunter. Als ich gestern hier ankam, war niemand am Empfang, also lungerte ich dort ein bisschen herum. Einer der Mitarbeiter heißt Mike Darling. Ich war ziemlich überrascht, weil ich einmal ein Foto von Darling mit Melanie gesehen habe.»
Ich verstand, warum Max unbehaglich zumute war. Er war kein Journalist, der gern spekulierte. Die Vorstellung, Urheber eines Gerüchts zu werden, war ihm verhasst.
Bentley ging weiter. Max sah zu, wie er näher kam.
«Frag ihn», sagte er, ging, um sich seinen Kollegen anzuschließen, und nickte Bentley zu, als er an ihm vorbeikam. Ich starrte hinter ihm her. Max Amsel irrte sich normalerweise nicht.
«Mike Darling war doch an diesem Tag einer von Melanies Kursleitern, oder?», fragte ich Bentley, kaum dass die Männer neben mir standen. Beide starrten mich überrascht an.
Bentley runzelte die Stirn.
«Das müsste ich nachsehen.»
«Ich hätte gedacht», sagte ich freundlich, «dass Sie mittlerweile jedes Detail dieses Tages auswendig kennen.»
«Warum interessieren Sie sich für Darling?» Sein Ton war scharf.
«Darling und Melanie waren sich schon mal begegnet», sagte ich. «Das hat Darling Ihnen doch erzählt, oder nicht?»
Bentley starrte mich an. Ich konnte sehen, wie die Schlagzeilen vor seinem geistigen Auge vorbeizogen.
«Meine Frau wartet auf mich. Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Wagen.»
Er hatte die charmante Maske fallen lassen, dahinter zeigte sich, wie beunruhigt er tatsächlich war, dennoch zwang er sich zu der Floskel: «Hat mich sehr gefreut.» Dann wandte er sich zum Gehen.
«Ich würde gerne mit Mike Darling sprechen», sagte ich. Bentley wirbelte herum, seine Miene war angespannt.
«Nein.»
«Nein?» Ich war verblüfft, wie schroff das herauskam.
«Ich fürchte, das ist nicht möglich», sagte er. «Mike arbeitet nicht mehr bei uns.»
Im Sender kämpft jeder um ein bisschen Raum, und Privatsphäre ist der Heilige Gral. Als ich nach Adams Tod mit dem zweifelhaften Ruf einer Mordverdächtigen zurückkehrte, stellte ich fest, dass man mich irgendwo in den Fluren zwischen Dokumentarfilm und Nachrichten ausgesetzt hatte. Ich hatte keine Funktion mehr, ich hatte noch nicht mal mehr einen Schreibtisch. Also ging ich auf Erkundungstour und entdeckte ein Büro auf dem Gang der Nachrichtenredaktion, das offenbar nicht besetzt war. Es war zwar mit allem möglichen Krempel vollgestopft, aber anscheinend arbeitete niemand dort. Also stopfte ich das Zeug in eine Ecke und richtete mich häuslich ein. Gelegentlich steckte jemand den Kopf durch die Tür und sog bei meinem Anblick scharf die Luft ein. Aber ich wurde nicht rausgeworfen. Meine neue illegale Bleibe hatte den zusätzlichen Vorteil, dass ich eine lange und köstliche Zeitspanne kaum mit einem der leitenden Angestellten sprechen musste, da die keine Ahnung hatten, wo ich mich befand.
Dann, einen ganzen Monat nach meinem Einzug, zeigte sich ein neues Gesicht an der Tür. Wir üblich wurde die Luft scharf eingesogen, doch diesmal folgte dem Gesicht ein kräftiger Körper, das Kinn angriffslustig nach vorn geschoben, die Schultern durchgedrückt.
«Was machen Sie hier?»
«Kann ich Ihnen helfen?»
«Sie sitzen an meinem Schreibtisch!»
Ich musterte ihn. Ein üppiger schwarzer, von weißen Strähnen durchzogener Haarschopf über dunkelbraunen Augen, ein Bauch, der sich auf bestem Wege zum Wanst befand, aber ein vertrauenswürdiges, nicht unattraktives Gesicht mit einem Grübchen im Kinn. Er war kräftig gebaut und hatte honigfarbene Haut, seine Lippen sahen fast weiblich aus. Sal Ghosh, heimgekehrt aus dem Nahen Osten, um sein Territorium zurückzufordern. Kein Mann, mit dem man sich anlegte. Er ließ mir ebenfalls eine Musterung angedeihen, und sein Blick verriet Anerkennung.
«Hi, ich bin Goldlöckchen.» Ich streckte meine Hand aus.
«Sal Ghosh. Und jetzt beweg deinen Hintern von meinem Stuhl, Goldlöckchen.»
Zwar bewegte ich meinen Hintern aus seinem Stuhl, nicht aber aus dem Büro, denn es war Platz genug für unsere beiden Hintern – auch wenn Sal seinen schon ziemlich quetschen musste –, während es für unsere beiden Egos ziemlich eng wurde. In den nächsten Wochen folgten ein paar äußerst hässliche Scharmützel, die mit einem Waffenstillstand endeten, als wir beide erkannten, dass wir die Gesellschaft des anderen eigentlich ziemlich angenehm fanden, auch wenn wir wohl lieber eines grässlichen Todes gestorben wären, als dies zuzugeben.
Den Bedingungen des Friedensvertrages folgend, zog ich an einen anderen Schreibtisch, und Sal und ich errichteten zwischen uns eine Wand aus Zeitungen, die drohte, eines Tages zusammenzubrechen und uns unter sich zu begraben. Ab und zu schob ich sie weiter in seine Richtung. Er beorderte Penny, seine Produzentin, in eine andere Ecke des Raums, und da waren wir schon drei. Dazu kamen wechselnde Kameraleute, die die Regale mit Kameras, Kabeln und Mikros vollstopften und sie dann mit Hände-weg-Plakaten pflasterten, auf denen jedem mit dem Tode durch Bauchaufschlitzen gedroht wurde, der es auf die Kamerabatterien abgesehen hatte. Nebenan gab es einen Schneideraum, wo, wenn nötig, innerhalb weniger Minuten das Rohmaterial in eine logische Reihenfolge gebracht und mit einer Stimme aus dem Off unterlegt werden konnte. Sal war notorisch unordentlich, sodass Penny und ich jeden Arbeitstag damit beendeten, den Müll zusammenzutragen, der sich einen Weg von seinem Schreibtisch zu unseren gebahnt hatte, und ihn auf seinen Stuhl zu türmen. Dann klagte er, es komme ihm vor, als lebte er mit einer Mannschaft von Putzfrauen zusammen. Ich glaube, er hatte noch gar nicht bemerkt, dass die Person, die wirklich damit betraut war, unser Reich sauber zu halten, männlich war und Joe hieß.
Als ich am Montagmorgen ins Büro kam, hatte Sal sein Löwenhaupt auf seine rundlichen Arme gebettet und schlief.
«Hi», sagte ich ihm gerade laut genug ins Ohr, um ihn aufzuwecken. Das war zwar grausam, aber er hätte dasselbe mit mir getan. Er stöhnte und zuckte zusammen. Sein Kopf fuhr hoch, dann bedachte er mich unter seinen langen Wimpern mit einem jämmerlichen Blick.
«Bin gerade vom Flughafen zurück», klagte er und streckte sich, sodass ich die Schweißflecken unter den Armen sehen konnte. «Abscheulicher Flug, Unwetter den ganzen Weg von Jerusalem. Dreimal vom Blitz getroffen, abgebrochene Landung, ein Glück, dass ich noch lebe.»
Sals Talent, aus dem Nichts eine Geschichte zu erfinden, ist beim Sender legendär. Aber Fliegen ist ihm wirklich zuwider. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, konnte man vielleicht annehmen, dass es ein paar Turbulenzen gegeben hatte.
Ich setzte mich und loggte mich ein. Ich prüfte meine E-Mails und stellte fest, dass sich übers Wochenende ein paar Dutzend Nachrichten angehäuft hatten. Ich überflog die Liste der Absender und zog eine Grimasse. Ein Dutzend kam von Familien, bei denen ein Angehöriger wie Melanie spurlos verschwunden war. Ihre Verzweiflung drang aus dem kalten Antlitz des Monitors zu mir.
Sal sah meinen Gesichtsausdruck.
«Ich meine mich zu erinnern, dass ich dich gewarnt habe», sagte er. «Das hast du dir selbst eingebrockt.»
Ich ignorierte ihn, befürchtete aber, dass er recht hatte. Ich hatte mir diese Sintflut eingebrockt, weil ich eine Website für meine Serie mit dem Titel ‹Vermisst› eingerichtet hatte. Auf der Site präsentierte ich Fotos der Vermissten, denen ich nachspürte, sowie ein paar Fakten über ihre Situation und die Bitte, dass man sich melden möge, falls einer der Vermissten gesichtet worden wäre oder es andere Neuigkeiten zu berichten gäbe.
Als Melanie verschwand und Tage und Wochen verstrichen, ohne dass ihre Leiche gefunden wurde oder andere Hinweise auf einen Mord auftauchten, erfuhr ich zu meiner Verblüffung, dass DCI Coburn die Möglichkeit in Betracht zog, Melanie sei aus freien Stücken untergetaucht. Es kommt schon vor, dass Leute ihren Selbstmord vortäuschen, um ein neues Leben anzufangen. In vielen Fällen sind die Personen, die einfach verschwinden, geistig verwirrt oder emotional instabil. Aber manchmal verschwindet auch jemand, der keinen ersichtlichen Grund hat, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Als ich von diesen Fällen las, kam mir der Gedanke, dass man über diese verschwundenen Personen spannende Reportagen machen könnte. Ich schlug meinem Boss vor, eine Serie mit vier Sendungen zu drehen, in denen vom Schicksal zweier Männer und zweier Frauen erzählt werden sollte. Ich wollte mit ihren Freunden, Verwandten und Kollegen sprechen und rekonstruieren, was passiert war, warum sie ihr altes Leben hinter sich ließen.
Mein Boss ist Maeve, ihr offizieller Titel lautet Head of Current Affairs Klammer auf Documentaries Komma TV Klammer zu oder HCA (D,TV), das heißt, sie ist zuständig für Tagespolitik und Aktuelles. Zwar macht sie niemals selbst Beiträge, aber sie weiß, was eine gute Idee ist. Sie leitet Einkauf und Erstellung von Filmen und ist eine effiziente Bürokratin. Maeve und ich haben schon einiges miteinander erlebt. Sie hat sich nach Adams Tod nicht schützend vor mich gestellt, und das hatte ich ihr nicht wirklich verziehen. Allerdings hatte sie ihr Bestes getan, um es wiedergutzumachen, und wir arbeiteten erfolgreich zusammen. Wie auch immer, Maeve gefiel die Idee, und ich arbeitete mittlerweile seit zwei Monaten daran, mit dem Ergebnis, dass etliche Familien von vermissten Personen mich neuerdings als ihre letzte Hoffnung betrachteten, ihre geliebten Angehörigen wiederzufinden.
Ich blickte auf. Sal hasste es, wenn ich nicht mit ihm redete. Er betrachtete mich mit dem jämmerlichen Blick eines Welpen, der auf ein Tätscheln und ein freundliches Wort wartet.
«Ich möchte, dass du mal mitkommst», erklärte ich.
«Na gut.» Er erhob sich gehorsam.
Wir durchquerten endlose Korridore. Auf dem Weg sprachen wir weder über Melanie noch darüber, wohin wir eigentlich gingen. Ich glaube, Sal gefiel die Vorstellung eines geheimnisvollen Ausflugs, aber er kann niemals lang still bleiben, also analysierten wir die verschiedenen Teppichfarben, die wir auf unserem Weg sahen.
«Das ist alles Politik», sagte er. «Sieh mal, wie verblichen das Rot ist, wie das Blau aus den Managerbüros dringt und dann hinunter zu den Redakteuren sickert. Guck, das Violett hier, wo das Blau das Rot auffrisst.»
«Oder umgekehrt.»
Irgendwo entdeckte ich Gelb, was ihn sprachlos machte.
«Vielleicht war es ein Sonderangebot», schlug ich vor.
Sal wirkte verstimmt.
«Wohin gehen wir denn?», fragte er schließlich.
Ich führte ihn in den Ostflügel und folgte damit den Anweisungen, die Max mir bei unserem Telefongespräch am Abend zuvor gegeben hatte. Vor einer Anschlagtafel blieben wir stehen. An der Wand, in einem etwa ein Quadratmeter großen Abschnitt, hingen Werbefotos, eine Collage unserer über die ganze Welt verteilten Korrespondenten und darunter ein bisschen Werbung in eigener Sache, wie edel und selbstlos der Sender Informationen beschaffe.
«Schau dir das an», sagte ich zu Sal. «Obwohl nur Gott weiß, warum Max hier war und sich das auch noch angesehen hat.»
«Hier, deswegen hat er sich dafür interessiert.» Sal wies auf ein Foto. Darauf war Max auf dem Roten Platz zu sehen, hinter sich die Turmspitzen des Kreml. Eine schöne Aufnahme. Max fünf Jahre jünger und irgendwie fünf Jahre größer.
«Und da ist sie.»
Wir wussten beide, von wem er sprach. Melanie lag mit kugelsicherer Weste, Helm und Pferdeschwanz in einem Graben, hatte die Kamera einen Moment von der Schulter genommen und ihr Gesicht an der Brust eines Mannes vergraben, dessen Körper sie abschirmte und der offenbar gerade Befehle rief. Zwar sind Geschützkugeln nicht fotografisch zu erfassen, aber man konnte davon ausgehen, dass sie vorhanden waren. Diese beiden Menschen nahmen Deckung vor einem Geschützfeuer. Sie mussten um ihr Leben fürchten. Die Aufnahme ließ uns verstummen. War dort ein kurzer Moment von Zärtlichkeit abgebildet, der in irgendeiner Weise die Beziehung der beiden repräsentierte? Oder vermittelte das Foto ein falsches Bild?
Dass es Melanie war, wussten wir beide aus dem einfachen Grund, weil ihr Name unter dem Bild gedruckt stand. Sonst wäre sie nicht zu erkennen gewesen, denn die Szene war unübersichtlich und ihr Gesicht halb verborgen.
«Und wer ist Sergeant Mike Darling?», fragte Sal nach einer Weile und betrachtete die Bildunterschrift, wo Melanies Beschützer aufgeführt war.
«Das weiß ich nicht», antwortete ich wahrheitsgemäß, «ich weiß nur, dass er bei der HazPrep arbeitet – oder gearbeitet hat oder zumindest ein Mann gleichen Namens – und dass er Melanie an ihrem letzten Tag vielleicht, vielleicht aber auch nicht, gesehen hat.»
«Wo wurde das Foto gemacht?», fragte Sal mit gerunzelter Stirn.
Ich zuckte die Achseln und sah mich um, ob wir allein waren, bevor ich es vorsichtig von der Anschlagtafel löste. Es war mit Stecknadeln befestigt, sodass die einzige Beschädigung ein kleines Löchlein war. Ich drehte es um in der Hoffnung, irgendwelche Informationen auf der Rückseite zu finden. Einen Ort, ein Datum, den Namen des Fotografen, irgendetwas, das uns weitergeholfen hätte. Etwas war mit Bleistift darauf gekritzelt, nichts weiter als der Name Sergeant Mike Darling.
Ich nahm auch den Zettel mit Melanies und Mike Darlings Namen ab und ließ ihn zusammen mit dem Foto in meine Tasche gleiten. Sal arrangierte die anderen Fotos so, dass die Lücke nicht mehr zu sehen war, wobei er ein ziemlich schönes Porträt von sich, auf dem er grübelnd dreinblickte, in der Mitte der Tafel platzierte.
Ich besuchte zuerst die Werbeabteilung, aber wie ich schon erwartet hatte, beschied mich die Frau, die dort arbeitete, sie habe keine Aufzeichnungen über eine Tafel oder gar Fotografien an dieser speziellen Stelle. Sie versuchte so energisch mir nahezulegen, ich hätte mir das Ganze nur eingebildet, dass ich es schließlich aufgab und ging.
Im Bildarchiv reichte ich das Foto einem jungen Mann, der durch sein Namensschild als Henry ausgewiesen wurde und elegante Handgelenke und lange Finger hatte. Er hielt es prüfend unter das Licht und drehte es dann genau wie ich um.
«Aus dem Kopf kann ich nicht sagen, woher das stammt», erklärte er, «und ohne weitere Hinweise wäre es wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.»
Er sah meinen flehentlichen Blick und rollte die Augen.
«Ich werde mal eine Kopie machen. Die lassen Sie dann hier», sagte er ergeben. Ich dankte ihm, wartete, während er die Kopie machte, und hinterließ meine Handynummer.
«Hat sich Melanies Freund eigentlich nochmal bei dir gemeldet?», fragte ich Sal, als ich ins Büro zurückkehrte.
Ein paar Jahre zuvor hatte Sal Melanie eine kurze Zeit nachgestellt, offenbar, weil ihn der Ruf ihrer Unnahbarkeit reizte. Ich wusste, wenn er es erst mal geschafft hätte, mit ihr ins Bett zu gehen, hätte er innerhalb einer Woche das Interesse verloren. Aber sie hatte ihn nicht rangelassen. Ironischerweise hatte ihr Verschwinden bei Sal echte Zuneigung und Fürsorge geweckt, die sein überaus forsches Werben damals vermissen ließ. Seit Melanie verschwunden war, hatte Sal genau wie ich versucht, eins und eins zusammenzuzählen.
«Er sagte, ich solle verduften. Und, ich zitiere: ‹Ich habe den Eindruck, dass das grelle Licht journalistischer Detailversessenheit uns nur blind machen wird gegen die Fakten. Dies ist eine Aufgabe für den Polizeiapparat und nicht für die Jungs von der Presse.›»
«Das hast du dir ausgedacht.»
«Hab ich nicht. Genau das hat er gesagt. Wort für Wort.»
«Dann ist er genauso aufgeblasen wie du», sagte ich.
Ich kannte Fred Sevi, Melanies Freund, nicht. Ich wusste nur, dass er am King’s College Psychiatrie lehrte, dass sie sich seit zwei Jahren kannten und zum Zeitpunkt ihres Verschwindens fast genauso lange zusammen waren und die Polizei ihn nach Melanies Verschwinden im Visier gehabt hatte. Sevi hatte der Polizei erzählt, er und Melanie hätten sich vor ihrer Abreise zur Kriegsschule gestritten. Am 9. Januar, so sagte er, habe er Melanie in der Schule besuchen wollen und ihr seine Ankunft über Handy mitgeteilt, aber sie habe ihn nicht sehen wollen. Melanies Mutter hingegen hatte der Polizei erzählt, ihre Tochter habe daran gedacht, die Beziehung zu beenden. Aber ohne irgendeinen Beweis, dass Sevi etwas verbrochen hatte, war es schwer für die Polizei, ihn auch nur als Verdächtigen zu bezeichnen. Und sollte ihn doch jemand verdächtigen, so hatte er für den Abend von Melanies Verschwinden jedenfalls ein Alibi. Er hatte am Wolfson Lecture Theatre der psychiatrischen Fakultät einen öffentlichen Vortrag über Essstörungen besucht. Danach war er zu einer Party in Elephant and Castle gegangen. Ein Taxifahrer bestätigte, dass er Sevi fünf Minuten nach Mitternacht abgeholt und nach Greenwich heimgebracht hatte.
Mein Handy klingelte. Es war Finney, der beschäftigt wirkte, seine Stimme senkte und sorgfältig die Erwähnung irgendwelcher Namen vermied.
«Ja, er unterrichtete an diesem Tag ihre Gruppe, und nein, sie wussten nicht, dass sie sich schon kannten», erklärte er.
«Und was machen sie jetzt?», fragte ich.
«Hör mal, bist du sicher, dass er sich nicht geirrt hat?»
«Ich bin gerade selbst nachsehen gegangen. Amsel hat recht. Es ist Darling.»
«Trotzdem können sie nichts machen», sagte Finney. «Er hat das Land verlassen.»
«Hat Bentley das erfunden?»
«Offenbar nicht. Darling ist seit vier Monaten in Kambodscha und räumt Landminen.»
«Landminen?», wiederholte ich. «Also … vier Monate … das heißt, er ist kurz nach Melanies Verschwinden abgereist. Was für ein Zufall.»
«Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es anders war.»
«Warum wirkt Bentley dann so, als wäre er in der Defensive?»
«So wie ich es verstanden habe, hat Bentley sich über Darling geärgert, weil der ihn kurzfristig über seine Abreise unterrichtet hat. Aber, wie du gesehen hast, ist Bentley wegen der ganzen Sache in der Defensive. Eine Frau ist von seinem Grund und Boden verschwunden, und ihm sind deswegen bereits Kunden weggelaufen. Das Letzte, was er will, ist schlechte Presse über seine Mitarbeiter. Wie auch immer, wenn Darling zurückkommt, wird die Polizei ihn befragen.»
«Und wann wäre das?»
«In zwei Monaten.»
«Ach, hör auf! Der kommt doch nie zurück.»
«Da ist noch etwas. Er wurde gesehen, wie er kurz vor ihrem Verschwinden mit ihr redete. Im Café. Er war der Letzte, der mit ihr sprach. Daher hat die Polizei ihn bereits befragt und kam zu dem Schluss, dass er nichts damit zu tun hat.»
«Ja, aber die Tatsache, dass sie sich bereits kannten und er dies geheim hielt, ändert doch sicher alles.» Ich ignorierte Finneys Empfehlung, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ich beendete das Gespräch. Dann ging ich zu Ivor Collins und schmeichelte mich an seiner Sekretärin vorbei in sein Büro.
«Und?», sagte er und neigte den Kopf zur Seite, was offenbar seine Art war, Fragen zu stellen.
«Melanie kannte einen ihrer Kursleiter», verkündete ich und legte das Foto vor ihm auf den Schreibtisch. «Sein Name ist Mike Darling. Er plauderte im Café mit ihr, bevor sie verschwand. Er hat die Polizei angelogen. Er gab an, er habe sie vorher nicht gekannt, aber sehen Sie sich das mal an.»
Collins blickte auf das Foto, ohne es anzurühren. Er wirkte beunruhigt.
«Ich verstehe», sagte er mit seiner heiseren Stimme, die immer etwas erkältet klang, und blickte mich dann mit gerunzelter Stirn an. «Haben Sie das der Polizei erzählt?»
«Das habe ich, aber Darling ist noch für zwei Monate im Ausland, und es heißt, man könne nichts tun, bis er zurück wäre.»
«Das ist ganz sicher eine interessante Entwicklung. Ich würde mich freuen, Melanies Eltern etwas erzählen zu können.» Er sprach langsam, als spielte er im Geiste die Möglichkeiten durch. «Wo ist er jetzt?»
«Er räumt Landminen in Kambodscha.»
«Wirklich?» Collins hob die Augenbrauen. «Also, ich denke mal darüber nach, aber ich wüsste nicht, was wir tun könnten, außer warten», sagte er. «Und Sie?»
Als ich ins Büro zurückkehrte, konnte ich es kaum ertragen, dass der erste Hinweis in diesem Fall gleich ans andere Ende der Welt führte, und fand es empörend, dass weder die Polizei noch der Sender willens zu sein schien, dem nachzugehen. Sal blickte mich erwartungsvoll an, und ich erklärte ihm, was ich von Finney erfahren und wie unbefriedigend Collins darauf reagiert hatte. Verärgert schüttelte er den Kopf.
«Ich kann nicht glauben, dass niemand bereit ist, einfach den Flieger nach Kambodscha zu nehmen und zu prüfen, was Darling selbst dazu zu sagen hat», klagte ich. «Alle scheinen sich damit zu begnügen, das Beste zu hoffen und zu warten, dass sie einfach wieder auftaucht.»
«Dann flieg du doch», sagte Sal.
Ich starrte ihn an.
«Hör auf zu jammern und flieg nach Kambodscha», wiederholte er.
National Route 5, Pursat, Kambodscha
Der Dschungel war bleigrau, die Luft drückend von der Feuchtigkeit des Monsuns. Ich hatte das Gefühl, Dampf einzuatmen. Der gelbe Staub, den unser Toyota Land Cruiser aufwirbelte, sackte sofort wieder zu Boden. Meine Geschichtskenntnisse Kambodschas ließen dieses Land bedrohlich erscheinen. Als ich den Wagen anhielt, um zu pinkeln, ging ich nicht ins Unterholz, weil dort alles vermint war. Ich hatte nicht die Absicht, mit heruntergezogenem Schlüpfer in die Luft zu fliegen.
Seit vier Stunden fuhren wir über eine Straße, die wie ein einziges riesiges Schlagloch wirkte. Wir waren später als beabsichtigt aufgebrochen und hatten dann eine Stunde zusätzlich damit verloren, einen Reifen zu wechseln, wobei wir alle drei zur Hand gehen mussten: Dave, unser einheimischer Fahrer und ich. Mein Kameramann Dave war der perfekte Reisegefährte. Nie geriet er aus der Fassung, Unannehmlichkeiten fielen ihm gar nicht auf, alles betrachtete er mit dem Blick des Filmschaffenden. Unterwegs hörten wir ein Hörbuch von ihm, Herodots Historien.
