In einer hellen Sommernacht - Catherine Sampson - E-Book

In einer hellen Sommernacht E-Book

Catherine Sampson

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Beschreibung

Wenn die Zeugin zum Opfer wird … Eines Abends beobachtet Robin Ballantyne, wie ihre Nachbarin aus dem Fenster in den Tod stürzt. Zunächst nur Zeugin, rückt Robin schon bald ins Zentrum der Ermittlungen, als herauskommt, dass sie in den Tagebüchern der Toten eine zentrale Rolle spielt. Und das, obwohl Robin die Frau nie zuvor gesehen hat …

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EPUB

Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Catherine Sampson

In einer hellen Sommernacht

Aus dem Englischen von Leonie von Reppert-Bismarck

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Eines Abends beobachtet Robin Ballantyne, wie ihre Nachbarin aus dem Fenster in den Tod stürzt. Zunächst nur Zeugin, rückt Robin schon bald ins Zentrum der Ermittlungen, als herauskommt, dass sie in den Tagebüchern der Toten eine zentrale Rolle spielt. Und das, obwohl Robin die Frau nie zuvor gesehen hat ...

Über Catherine Sampson

Catherine Sampson arbeitete als Korrespondentin für die «Times» in China und schreibt heute für die «Vogue» und den «Economist». Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Peking.

Inhaltsübersicht

Für James und ...1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. KapitelDanksagung

Für James und für Martha

1

DER STREIT BEGANN gegen sieben Uhr abends. Es war ein heißer Tag, drückend-schwül, und meine Nachbarn hatten ihre Fenster weit aufgerissen in der vergeblichen Hoffnung, eine Brise hereinzulassen. Die Luft roch versengt. Zunächst hörte man nur Stimmen. Ich stand draußen vor dem Haus, wollte den Müll hinausbringen, und da die täglichen Vorabendserien gerade begonnen hatten, ging ich davon aus, dass der Streit aus dem Fernseher stammte. Eine Männer- und eine Frauenstimme, doch zu diesem Zeitpunkt wurden sie noch durch Zurückhaltung gedämpft, sodass ich kein Wort verstand, selbst wenn ich gewollt hätte.

Eine halbe Stunde später prallten Schreie der Entrüstung und lautstark gehöhnte Verachtung von den Mauern unserer schieferverkleideten Reihenhäuser ab und wurden zurückgeworfen zu den schnörkligen roten Backsteinfassaden der gegenüberliegenden Straßenseite. Die absolute Windstille schien die Stimmen noch zu verstärken, sodass Vorwürfe und Gegenvorwürfe klar und vernichtend durch das offene Fenster drangen. Mittlerweile kniete ich auf dem Boden und versuchte, den Zwillingen ihre Schlafanzüge anzuziehen, doch das Gebrüll lenkte mich ab. Um besser mitzuhören, ließ ich Hannah los, die fröhlich davonkrabbelte, weil sie glaubte, der Anziehprozedur für heute entkommen zu sein. Ich überlegte, ans Fenster zu treten, um zu erfahren, woher die Stimmen kamen, doch die Streitenden hatten schon genug Probleme, auch ohne dass ich meine Nase in ihre Angelegenheiten steckte.

«Natürlich kannst du das nicht verstehen, du egoistisches Arschloch», schrie die Frau gerade, «du lässt mich ja nicht …», sie fuhr fort, irgendetwas von Geld ausgeben zu keifen, doch wurde sie von dem Mann übertönt, der sie so lange als Schlampe beschimpfte, bis die Frauenstimme schließlich verstummte.

Da er nunmehr freie Bahn hatte, drehte er voll auf. «Du bist eine verlogene, Blut saugende Hure», brüllte er, und seine Stimme überschlug sich vor Aufregung, bevor er etwas murmelte, was ich nicht verstehen konnte, um kurz darauf wieder laut zu schreien: «Was, verdammter Mist, geht hier in meinem Haus vor?»

«Dein Haus? Dein …» Sie, wer auch immer sie war, ging wieder aufgebracht auf ihn los, doch dann mischte sich eine dritte Stimme ein, eine helle verängstigte Kinderstimme, und endlich hörte das Geschrei auf.

Ich verzog das Gesicht, in Gedanken befand ich mich in einem fremden Wohnzimmer, wo ein verschrecktes Mädchen oder ein verschreckter Junge seinen ganzen Mut zusammennahm, um irgendetwas zu sagen, ganz gleich was, um die Eltern zum Schweigen zu bringen. Der Streit war hässlich, selbst aus der Ferne. Natürlich würde die Wolke des Zorns letztlich weiterziehen, man konnte sich entschuldigen, Anschuldigungen zurücknehmen. In diesem Fall konnte ich mir jedoch kaum vorstellen, wie das Leben zur Normalität zurückkehren sollte, es sei denn, man nannte seine Frau alle Tage eine verlogene Hure.

Meine Nachbarn auf beiden Straßenseiten waren zurückhaltende Leute. Sie brüllten nicht in der Öffentlichkeit, sie liefen nicht nackt auf die Straße, und einen Fremden, um Gottes willen, nein, nie würden sie ihn anlächeln. Doch dieses Wetter machte jeden fertig. Sie hatten Regen angekündigt, aber stattdessen wurde es immer heißer, die Luft immer schwerer. Seit nunmehr drei Tagen ging das schon so. Wenn der Regen kam, würde er die Himmel leeren.

 

Ich war gerade dabei, William in sein Bettchen zu legen, als über uns das erste Donnergrollen ertönte, der Regen jäh wie ein Wasserfall herabstürzte und so plötzlich gegen die Fensterscheiben trommelte wie jemand, der dringend Einlass begehrt. Ich fragte mich, ob unser Haus wasserdicht war. Es schien unwahrscheinlich, dass eine so labile Konstruktion mehr als einen leichten Schauer aushalten würde. Womöglich war es sogar übertrieben, es ein Haus zu nennen. Der Immobilienmakler hatte es als «charmante Sozialwohnung» bezeichnet. Eigentlich war es wie eine kleine Wohnung, die man senkrecht aufgestellt hatte, die Wände kaum massiv genug, es aufrecht zu halten. Zum Haus gehörte nach vorne hinaus ein schmaler betonierter Streifen mit einem niedrigen Mäuerchen, das einzig dazu diente, unseren Besitz abzustecken, und nach hinten ein winziger Garten, begrenzt von einem wackeligen Holzzaun und Hühnerdraht. Das Haus selbst wirkte, hauptsächlich dank seiner Größe, recht gemütlich. Ich hatte keine Zeit gehabt, irgendetwas daran zu verändern, sodass es noch genau so aussah wie bei meinem Einzug, einschließlich der bunt gestrichenen Wände und fleckigen Teppiche. Das Beste an diesem Haus war sein offener Kamin. Der Makler nannte es ein «antikes Accessoire», und es war tatsächlich ein viktorianischer Kamin. Allerdings lebte jene Viktoria, als dieses Haus vor etwa vierzig Jahren gebaut worden war, schon lange nicht mehr.

Es war nicht das Haus, das ich mir ausgesucht hätte. Es war das Haus, das ich mir leisten konnte. Ein einzelnes Einkommen, doppelte Kosten für Kinderbetreuung und null Aussicht auf einen unverhofften Geldsegen führten notgedrungen zur niedrigsten Hypothek, die ich finden konnte. Mein Haus und überhaupt alle Häuser auf dieser Straßenseite waren die graue britische Variante von Slumhütten, jedenfalls im Vergleich zu den roten viktorianischen Backsteinvillen, die die andere Straßenseite zierten. Jene haben Alarmanlagen und bunte Bleiglasfenster, die wie Juwelen in ihren schweren Holztüren sitzen. Ich habe eine Türklingel, die eine ziemlich verstimmte Fassung von Greensleeves spielt, und hinten ein zerbrochenes Fenster, seit der Elfjährige von nebenan einen Tennisball durch die Scheibe befördert hat.

Bis acht Uhr brauchte ich, um Hannah und William zu füttern, zu baden und in ihre Bettchen zu verfrachten. Danach fühlte ich mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Ich wischte mir die klebrigen Reste ihres Abendessens von den Ärmeln, goss mir ein Glas Merlot ein, zog die Gardinen ein wenig zur Seite, um von der Lehne des Stuhls aus das Gewitter beobachten zu können. Mein Rücken schmerzte, und ich ließ meine Schultern kreisen, spürte die Verspannung im Nacken und versuchte, sie zu lösen. Zusammen wogen die Zwillinge mittlerweile ebenso viel wie ein Elefantenbaby. Draußen war der bedrohlich drückend-schwüle Tag einer zornigen Gewitternacht gewichen. Die Bäume und Büsche gegenüber wurden vom Wind hin und her gepeitscht, und der Regen fiel wie ein dichter Vorhang durch die orangeschimmernde Dunkelheit.

Die Familie gegenüber hatte ihre Vorhänge noch nicht zugezogen, sodass ich das kühle Blau der hohen Wände und die Punktstrahler über ihren gerahmten Reproduktionen sehen konnte. Ich runzelte die Stirn. War es nur meine Einbildung, oder waren tatsächlich wieder Stimmen zu hören, die den Sturm übertönten? Es würde doch keiner vergessen haben, seine Fenster zu schließen. Es sei denn, man wäre derart außer sich, dass man das Unwetter gar nicht bemerkt hatte. Ein Blitz erhellte den Himmel, und unmittelbar darauf entlud sich krachend ein gewaltiger Donner und ließ mein kleines zerbrechliches Haus erzittern. Und dennoch, so unwahrscheinlich es auch sein mochte, meine Ohren registrierten Wortfetzen, ein Kreischen und Schreien, das zu menschlich klang, als dass es vom heulenden Sturm hätte stammen können. Ich schaute die Straße hinauf und hinab, doch der Regen hatte die Menschen in ihre Häuser getrieben.

Ich wollte gerade die Vorhänge zuziehen und das Unwetter aussperren, da stürzte plötzlich am Rande meines Blickfelds eine Frau vom Himmel herab. Wie es dazu kam, sah ich nicht. Ich sah lediglich ihren freien Fall, Füße zuerst, leicht vornübergeneigt, die Arme vorgestreckt, als wolle sie ihren Fall bremsen. Ihre Kleidung vom Regen und Wind hin und her gepeitscht, doch ihr Gewicht zog sie in die Tiefe hinab wie ein Anker. Für einen Augenblick konnte mein Verstand nicht begreifen, was meine Augen deutlich sahen und meine Ohren hörten: einen Schrei, der sich mit dem Tosen des Windes zu einem einzigen Missklang vermischte. Kaum war sie aufgeschlagen, ließ das Heulen nach, war der Sturm wieder unter sich. Diesen kurzen Moment der Gewalt haben das Wetter und die Begleitumstände auf alle Zeit in mein Gedächtnis gebrannt; schon bildete sich ein Narbengewebe um die Erinnerung.

Entsetzt sprang ich auf, mit hämmerndem Herzen und schreckgeweiteten Augen starrte ich zu der Stelle auf dem Bürgersteig, wo ich sie vermutete. Was sollte ich bloß tun? Was konnte ich tun? Adrenalin durchströmte meinen Körper, und ich rannte los, riss meine Haustür auf, spürte, wie die Feuchtigkeit meine Lungen füllte, und rannte weiter. Als ich bei ihr ankam, ging ich in die Hocke und zwang mich, genau hinzuschauen. Bis zu diesem Augenblick hatte ein Teil von mir noch geglaubt, Wind und Regen hätten meine Sinne getäuscht, doch es war, wie ich befürchtet hatte. Das Bündel, das vor mir lag, war eine Frau. Vielmehr das, was von ihr übrig war. Sie trug etwas Langes, Weites, das sich um ihre Glieder geschlungen hatte, die beim Aufprall zerschmettert worden waren. Ihr langes Haar bedeckte den Kopf, ihr Gesicht war dem Boden zugewandt. Der Regen peitschte mir ins Gesicht, rann mir in die Augen, sodass ich nur schwer etwas erkennen konnte. Mir schien, als sickere eine andere, dunklere Flüssigkeit unter ihrem Kopf hervor, doch war ich mir nicht sicher. Ich konnte nicht sehen, ob sie atmete, daher legte ich ihr meine Fingerspitzen leicht auf den Rücken, um dort vielleicht ein Auf und Ab zu spüren. Ich spürte nichts dergleichen.

Ich richtete mich auf und schaute nach oben. Die Haare klebten mir in nassen Strängen im Gesicht. Woher war sie gekommen? Im dritten Stock ragte ein winziger schmiedeeiserner Balkon aus dem Mauerwerk hervor. Ich konnte hier nichts für sie tun. Ich verschwendete Zeit. Was sie brauchte, war ein Krankenwagen. Ich machte vier Schritte zur nächsten Tür und klopfte, klingelte dann Sturm, drückte immer wieder auf den Klingelknopf. Das ganze Haus bewohnt von einer Familie oder gar von nur einer Person, womöglich sogar von der einen Person, die jetzt hinter mir zerschellt auf dem Boden lag. Doch kaum war mir dieser Gedanke gekommen, wusste ich, dass dem nicht so war, dass ich andere Menschen hinter dieser Haustür hatte verschwinden sehen. Ein großer gut gekleideter Mann und ein Teenager im Grunge-Look – das waren die Bilder, die mir in den Sinn kamen. Doch niemand öffnete die Tür.

Das Rauschen des Regens, wie Wellen, die gegen das Ufer branden, sorgte dafür, dass ich nicht hören konnte, ob sich etwas im Haus tat. Ich trat einen Schritt zurück. Soviel ich sehen konnte, brannte im Haus nur ein Licht, und zwar in dem Zimmer mit Balkon im dritten Stock. Ich trat noch weiter zurück, bis ich sah, dass die Glastüren zum Balkon offen standen und die aus leichtem Stoff gefertigten Vorhänge in die Nacht hinausflatterten. Ich hämmerte erneut gegen die Tür und brüllte, bevor ich schließlich aufgab. Ich wandte mich meinem Haus zu, ging ein paar Schritte in die Richtung und erstarrte. Der Wind hatte meine Haustür zugeschlagen. Hannah und William waren drinnen. Verzweifelt fuhr ich mir durch das klatschnasse Haar.

«Scheiße, Scheiße, Scheiße», hörte ich mich brüllen.

Selbstverständlich hatte ich sie wohl behütet in ihren Bettchen zurückgelassen, doch in diesem Augenblick schienen weder Feuersbrünste noch Erdbeben unmöglich oder gar unwahrscheinlich. Ich machte einen Satz über die Backsteinmauer zum Nachbarhaus, dem Haus mit den hellblauen Wänden. Mit einer Hand hämmerte ich gegen die Haustür, die andere presste ich auf den Klingelknopf. Einen Augenblick meinte ich, Schritte zu hören, doch dann herrschte wieder Stille. Niemand. Ich hätte schwören können, dass hinter der Tür jemand stand.

«Bitte öffnen Sie die Tür», rief ich. «Ich brauche Hilfe.»

Immer noch nichts.

«Es ist ein Notfall», schrie ich.

Ich gab auf, kletterte über den Zaun zum nächsten Hauseingang, donnerte gegen die Tür mit demselben Erfolg, gab abermals auf, stieg über eine niedrige Hecke, versuchte es erneut. Dort gab es drei Klingeln, drei Wohnungen. Ich drückte alle Klingeln auf einmal, drückte und hämmerte zugleich gegen die Tür, die Faust mittlerweile gefühllos. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein junger Mann schaute heraus, sichtlich empört über mein rüpelhaftes Benehmen. Wir waren einander bereits auf der Straße begegnet, allerdings ohne uns zu grüßen. Groß und athletisch gebaut, mit kurz geschorenem Haar, trug er einen kurzen Regenmantel und einen Regenschirm und war offenbar im Begriff, das Haus zu verlassen.

«Verdammt, was soll …?» Er registrierte mein zerzaustes Aussehen, meinen irren Blick, und ich sah, dass er mir am liebsten die Tür vor der Nase zugeschlagen hätte. Aber er tat es nicht. Das hätte ich auch nicht zugelassen. Ich war ohnehin schon halb drinnen.

«Ihr Telefon», keuchte ich und tropfte seine Diele nass. «Ich brauch einen Krankenwagen.»

Er ließ zu, dass ich mich an ihm vorbeidrängte, und stand unbeholfen da, die Hände wütend in die Hosentaschen gestemmt, während ich mir das Telefon auf dem Flurtisch schnappte und den Notruf wählte. Während ich mit dem Notdienst redete, von der Frau, die gestürzt war, erzählte und von meinem verschlossenen Haus mit den Kindern darin, behielt ich den Mann im Blick. Er war jedenfalls geistesgegenwärtig genug, still zu sein, während ich redete. Ich sah, wie der Ärger beim Zuhören aus seinem Gesicht wich und sich mehr und mehr Entsetzen darin abzeichnete. Als ich dem Notdienst meine Adresse gab, ging er bereits nach draußen und ließ mich allein in der Diele zurück.

Ich legte auf und schaute mich um. Wie lange würde der Rettungswagen brauchen? Ich konnte nicht so lange warten. In der Diele stand nichts außer einem kleinen Tischchen, ein verschnörkeltes antikes Möbelstück mit etwa dreißig Quadratzentimeter Fläche, gerade groß genug für das Telefon, das ich auf den Boden gleiten ließ. Ich nahm den Tisch und rannte mit meiner Beute über die Straße. Der Mann stand bei der Frau und beugte sich über sie. Ich hielt nicht an, um zu sehen, was er tat, sondern sprang über das Mäuerchen in meinen Vorgarten, schwang das Tischchen an seinen Beinen in Richtung Fenster, und überließ es der kleinen Tischplatte, ihr Zerstörungswerk zu vollbringen, während ich das Gesicht von dem berstenden Glas abwandte. Ich schlug noch ein paar Mal zu, um einige Glasreste zu entfernen, bevor ich fallen ließ, was von dem Möbelstück übrig war. Es war noch fragiler, als ich gedacht hatte, und sein Einsatz war ihm nicht gut bekommen. Ich zog meinen Pullover aus, wickelte ihn mir zum Schutz um die Hände und zog mich vorsichtig über den Fenstersims in mein Wohnzimmer. Ich stürmte die Treppe hinauf und in das winzige Zimmer, in dem die Zwillinge schliefen. Dort herrschte Stille, zwei baumwollüberzogene Popos ragten in die Höhe, die Gesichter waren halb in den Matratzen vergraben, die kleinen Münder arbeiteten, träumten vom Nuckeln.

Ich stand da und betrachtete sie, eine ganze Minute lang, während ich zu Atem kam. Wie friedlich. Mich überkam das übermächtige Bedürfnis, für immer bei ihnen zu bleiben und über sie zu wachen. Draußen hörte ich Sirenengeheul näher kommen. Einen Moment lang blieb ich stehen, dann wandte ich mich schweren Herzens um und verließ den Raum. Ich lief die Treppe hinunter, schnappte mir den Schlüsselbund vom Küchentisch und legte – nur, um ganz sicherzugehen – ein Exemplar des Guardian auf die Türschwelle.

Die Straße war in blinkendes blaues Licht getaucht. Mehr noch: Auf dieser Straße, die gerade eben noch, als ich Hilfe gebraucht, als ich um Hilfe gerufen und geschrien hatte, ausgestorben gewesen war, herrschte nun ebenso viel Betrieb wie auf einem Bahnhof zur Stoßzeit. Hinter Fenstern und halb offenen Türen lugten Gesichter hervor, während sich die Unternehmungslustigeren den erstbesten Regenschutz übergeworfen hatten und auf die Straße gelaufen waren, wo sie nun allein oder in Gruppen herumstanden, ohne recht zu wissen, was sie miteinander reden sollten, ohne in die Sache verwickelt werden zu wollen, aber dennoch voller Neugierde. Nichts fördert doch die Gemeinschaft so sehr wie der Tod in den eigenen Reihen.

Plötzlich flog die Tür des Hauses auf, aus dem die Frau gefallen war. Ein Junge stürzte heraus und schmiss sich, noch ehe sich jemand rühren konnte, auf die tote Frau. Ein animalischer Schrei gellte zum Nachthimmel hinauf, das Blut gefror mir in den Adern. Die schmächtige Gestalt, kaum mehr als ein Kind, hielt den schlaffen Körper fest im Arm, vergrub sein Gesicht in ihrem nassen Haar, als wolle er ihr neues Leben einhauchen. Dann kamen die Polizisten und Sanitäter, zogen den Jungen fort, wollten schützen, wo kein Schutz mehr möglich war. Er versuchte, sie abzuwehren, kleine Fäuste hieben auf die lebenden Körper ein, die ihn sanft von der Toten fortführten, während der Regen herabtrommelte, sein Kreischen ertränkte und uns alle bis auf die Knochen durchnässte.

 

Später, nachdem man die Leiche und den Jungen fortgebracht hatte, nahm eine junge Frau, Kommissarin Mann, meine Aussage zu Protokoll. Sie hatte Stehvermögen, und ich flößte ihr mit zahllosen Tassen Tee mehr davon ein. Sie versuchte, auf jede ihr bekannte Weise meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, es zu durchforsten nach den Dingen, von denen noch nicht einmal ich wusste, dass ich sie wusste, immer auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen, dem Unstimmigen, dem einen entscheidenden Hinweis. Ihre Hartnäckigkeit gefiel mir, weil ich das, was ich gesehen hatte, unbedingt unter die Lupe genommen und eingehend durchleuchtet wissen wollte. Ich hatte ein großes Bedürfnis danach, es laut vor einem anderen Menschen zu wiederholen. Ich wollte es unbedingt festgehalten wissen.

Durch meine Arbeit weiß ich, dass das, was als Wahrheit erinnert wird, womöglich nur eine Version der Wahrheit ist, und so war mir klar, dass ich in den folgenden Tagen auf dieses Dokument, das Kommissarin Mann da erstellte, zurückgreifen würde, um meine Erinnerung zu überprüfen und neu zu stimmen. In den frühen Morgenstunden schließlich war die Schriftform meiner Aussage dann ein Muster an Detailtreue, angefangen von den Witterungsbedingungen über den genauen Winkel, in dem die Frau gestürzt war, und die Höhe, in der ich sie zuerst gesehen hatte, bis hin zum Grad an Leblosigkeit, mit dem der Körper der Frau seltsam verrenkt auf dem nassen Asphalt gelegen hatte.

Ich wiederholte, was ich von der lautstarken Auseinandersetzung am frühen Abend noch in Erinnerung hatte. Es fühlte sich seltsam an, in mitternächtlicher Stille in meiner Küche zu sitzen und ganz gelassen Worte wie «Arschloch» und «Hure» zu wiederholen. Ich erklärte der Kommissarin, ich hätte keine Ahnung, aus welchem Haus der Streit gekommen sei, und wüsste nicht zu sagen, ob er auch nur das Mindeste mit dem Tod der Frau zu tun hätte. Ich erzählte ihr lediglich davon, weil sie jede Kleinigkeit jenes Abends wissen wollte, alles, von Anfang bis Ende. Plötzlich zögerte ich. Als sie mich daraufhin drängte, ihr zu sagen, was mir soeben durch den Kopf gegangen sei, erzählte ich ihr, dass ich gemeint hätte, kurz vor dem Sturz der Frau erneut Stimmen gehört zu haben, dass dies jedoch – und das betonte ich ausdrücklich – auf purer Einbildung beruhen könne. Dieses Mal konnte ich ihr keine Worte wiedergeben, keine Satzfetzen, lediglich meinen Eindruck, in das Lärmen des Sturms hätten sich wiederum Stimmen gemischt. Es widerstrebte ihr, Worte wie «Eindruck» im Protokoll zu verwenden. Sie wollte, dass ich mich festlegte, doch das konnte ich nicht. Schließlich war ich an dem Punkt, dass ich mir wünschte, diese Stimmen nie erwähnt zu haben.

Sie erzählte mir, die Frau sei noch nicht offiziell identifiziert worden, doch erfuhr ich den Namen der Familie, die in dem Haus lebte, aus dem sie gestürzt war. Das Haus gehöre, sagte sie, den Carmichaels. Ich erwiderte, der Name sage mir nichts. Ich las meine Aussage zweimal durch. Meine Worte waren in Polizeijargon verwandelt worden. Ich selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen, die Tote als «weiße Frau, mittleren Alters in hellem Nachthemd» zu beschreiben. Genauso wenig, wie ich Kommissarin Mann auf Anhieb als Schwarze etikettiert hätte, wenn sie es auch war. Die Aussage klang einfach nicht nach mir, und doch war nichts von dem falsch, was Kommissarin Mann aufgenommen hatte. Ich unterschrieb jede Seite und zog Linien über das frei gebliebene Papier der letzten Seite, damit nichts mehr hinzugefügt werden konnte. Die Aussage ging auf jedes Detail ein, doch nichts von dem, was ich gesehen hatte, gab den leisesten Hinweis darauf, worum es eigentlich ging: warum die Frau gefallen war und wie es dazu gekommen war.

2

DIE ELEKTRONISCHE FASSUNG von Greensleeves riss mich aus dem Schlaf. Es dauerte einen Moment, bis mich die Erinnerung an die Ereignisse der Nacht eingeholt hatte, doch als es schließlich so weit war, hatte ich das Gefühl, von einem Vorschlaghammer getroffen zu werden. Ich quälte mich aus dem Bett, die Augen noch halb geschlossen, und schlüpfte in dieselbe Kleidung – Jeans, T-Shirt und Sweatshirt –, die ich erst drei Stunden zuvor abgestreift hatte. Die Sachen rochen nach Schweiß. Und nach Angst. Ich blinzelte in Richtung Uhr. Es war sechs. Selbst als ich aufrecht stand, spürte ich, wie mich der Schlaf mit der Sogwirkung der Schwerkraft ins Bett zurückzog. Ich widerstand ihm und schlurfte barfuß zur Haustür.

Ein großer Mann stand davor, derselbe Mann, den ich in das Haus der Carmichaels hatte ein und aus gehen sehen. In seinem breiten Gesicht arbeitete der Schmerz, seine Augen waren rot und geschwollen. Er trug einen zerknitterten Anzug, den er vermutlich gestern Morgen angezogen und den zu wechseln er noch keine Gelegenheit gehabt hatte.

«Sie sagen, Sie hätten sie fallen sehen», sagte er und überraschte mich mit seinem amerikanischen Akzent. Er trat ein, ohne sich weiter vorzustellen.

Ich schloss die Tür hinter ihm und führte ihn über die zwei Stufen, die meinen Flur ausmachten. Von oben hörte ich die Stimmen der Zwillinge, die von der Klingel aufgewacht waren. Ich ignorierte sie, weil ich wusste, dass ich, während die beiden miteinander plauderten, noch einige Minuten Gnadenfrist hatte, bevor sie nach mir verlangten. Während ich die Tür zum Wohnzimmer öffnete, wunderte ich mich gedankenverloren darüber, dass sie geschlossen war, doch fiel es mir wieder ein, als uns ein Stoß feuchter Luft entgegenschlug. Der Mann betrat hinter mir den Raum und starrte auf das zerbrochene Fenster. Kommissarin Mann hatte zwar nach meiner Vernehmung offiziell Schichtende gehabt, doch anstatt nach Hause zu gehen, hatte sie mir geholfen, das Glas aufzufegen und zu saugen, um sämtliche Scherben zu entfernen, ehe die Kinder darüber krabbelten.

«Das nächste Mal nehmen Sie wohl besser einen Schlüssel mit», hatte sie trocken gemeint.

Sie bemühte sich auch, einen der rund um die Uhr verfügbaren Glasreparaturdienste zu mobilisieren, doch vor neun Uhr gab es keine Termine. So hatten wir eine speckige Plastikplane aus einem Schrank hervorgekramt und sie vor das Fenster geklebt.

Das Ergebnis unserer gemeinsamen Anstrengungen war nicht schlecht, doch über Nacht hatte der Wind das Klebeband teilweise gelöst, sodass wir nun genauso gut auf der Straße hätten stehen können. Mr. Carmichael deutete fragend auf das Fenster.

«Ist meine Frau …?», fragte er verwirrt. Wie hätte sie auch aus seinem Haus in meins fallen können?

«Nein, nein, das war etwas anderes», versicherte ich. Ich bat ihn, Platz zu nehmen. Vermutlich hörte er mich gar nicht, so aufgewühlt war er, und da er sich nicht setzte, tat ich es auch nicht. Ich stand da, die Arme um mich geschlungen, und beobachtete, wie er, gleich einem Tier hinter Gittern, durch mein winziges Wohnzimmer tigerte. Er schien allen Platz einzunehmen und bis zur Decke zu reichen. Mein Gefühl sagte mir, dass er es gewohnt war, schwierige Situationen im Griff zu haben, und dass er nun, da er in dieser Situation keinerlei Kontrolle hatte, sein Möglichstes tat, um zumindest über den Boden unter seinen Füßen zu verfugen. Er hielt am Kamin inne und betrachtete die gerahmten Fotos, die ich auf dem Sims aufgestellt hatte, nahm jedes einzelne in die Hand und stellte es wieder hin, wobei sich eine wesentlich geradere Reihe ergab als bei dem ursprünglichen Arrangement.

Es geschieht nicht oft, dass Fremde mich in meinem Haus aufsuchen, und sein Interesse irritierte mich, bis ich begriff, dass sein Bemühen um Ordnung einen Zusammenbruch verhinderte.

«Es tut mir so Leid», sagte ich ihm. «Wie geht es Ihrem Sohn?»

«Kyle. Also … Er schläft. Der Arzt hat ihm etwas gegeben. Hören Sie», er wandte sich mir zu und gab sich sichtlich Mühe, seine Verwirrung in Worte zu fassen. «Ich verstehe nicht, was da passiert ist.»

«Ich habe nicht gesehen … Ich habe sie nur fallen sehen. Ich schaute gerade aus diesem Fenster.» Ich zeigte in die Richtung, und er ging zu der Stelle, an der ich gestanden hatte, und blickte durch den Nieselregen zu seinem Haus hinüber, als erwarte er, sie noch immer in der Luft zu sehen. «Ich hab sie nur fallen sehen, und dann, als … sie auf der Erde lag, bin ich zu ihr gerannt, aber ich konnte nichts für sie tun, also habe ich den Krankenwagen gerufen.»

«Sie haben also nicht gesehen, wie es passiert ist?»

Hatte ihm das die Polizei nicht schon erzählt? Oder wollte sie ihn aus irgendeinem Grund im Ungewissen lassen? Ich schüttelte den Kopf. Jener freie Fall hatte mich die ganze Nacht über verfolgt. Was musste geschehen, dass eine Frau ihren sicheren Halt aufgab und ins Leere trat?

«Hat sie irgendetwas zu Ihnen gesagt?» Seine Augen fixierten die meinen, ihr intensives Blau traf mich wie ein Schlag. «Man hat mir gesagt, zwischen ihrem Sturz und dem Anruf beim Rettungsdienst sei einige Zeit verstrichen.»

Ich versuchte, die implizite Kritik zu ignorieren, und schüttelte den Kopf.

«Ich bin mir fast sicher, dass sie bereits tot war, als ich bei ihr ankam. Ein Mann, der ein paar Häuser weiter wohnt, war wenig später bei ihr, aber ich glaube wirklich, dass sie zu dem Zeitpunkt schon tot war.»

Er nickte und starrte mich an, dann berührte er mit den Fingern seine Lippen wie ein Kind. Oben hörte ich einen Rums, gefolgt von einem Aufheulen. Er fuhr zusammen, seine Nerven lagen blank.

«Tut mir Leid.» Ich deutete hinauf. «Ich muss rauf und sie holen …»

Er runzelte die Stirn, als hätte ich eine ohnehin vertrackte Situation zusätzlich verkompliziert.

«Meine Kinder sind oben», erklärte ich.

Als ich wenige Minuten später wieder hinunterkam, stand er wieder bei den Fotos. Kaum hatte ich den Raum betreten, drehte er sich um und nahm seine Befragung wieder auf, anscheinend ohne zu bemerken, dass ich zwei müffelnde und strampelnde Kinder auf den Armen hatte.

«Haben Sie irgendjemanden gesehen?»

«Jemanden gesehen?», wiederholte ich etwas begriffsstutzig. Meinte er im Haus? Oder vielleicht draußen? Dann wurde mir klar, dass es irrelevant war. Ich beugte mich hinunter, setzte die Kinder auf den Boden, damit sie sich frei bewegen und spielen konnten – hoffentlich hatten wir in der Nacht zuvor auch tatsächlich sämtliche Scherben aus dem Teppich entfernt –, aber da sie Hunger hatten und ihnen unbehaglich war, saßen sie lediglich herum und heulten.

«Niemanden», sagte ich.

«Aber man hat mir etwas von einem Streit erzählt.»

«Das war früher», korrigierte ich ihn. «Ich habe keine Ahnung, ob da überhaupt ein Zusammenhang besteht.»

«Nein, natürlich nicht. Das festzustellen ist Aufgabe der Polizei. Was ich herausfinden möchte, ist, ob irgendein Grund zu der Annahme besteht, dass jemand bei meiner Frau war, bevor sie starb.»

«Wie gesagt, ich habe nichts und niemanden gesehen, bis zu dem Augenblick, da Ihre Frau stürzte», sagte ich ein wenig kurz. Ich hatte mich schließlich schon beim ersten Mal deutlich genug ausgedrückt.

Er schien plötzlich wieder mehr er selbst zu sein, blickte auf die Kinder hinab, als sehe er sie zum ersten Mal. Hannahs Windel sah aus, als könne sie jeden Augenblick platzen.

«Ich war zum Abendessen eingeladen, meine Frau wollte nicht mit», erklärte er. Ich musste mir Mühe geben, um ihn über das Gejammer der Kinder hinweg zu verstehen. «Mein ältester Sohn war über Nacht bei einem Freund. Er weiß es noch nicht.» Er warf einen Blick auf seine Uhr. «Ich muss los. Ich muss ihn abholen.» Sein Mund verzog sich wieder, und ich meinte, sein Kinn beben zu sehen. Er holte tief Luft, wobei ihm offensichtlich einfiel, dass er sich nicht vorgestellt hatte. «Ich heiße Richard Carmichael», sagte er und streckte mir die Hand entgegen in dem Bemühen um gefällige Umgangsformen. «Wir sind schon seit geraumer Zeit Nachbarn, seit beinahe sechs Monaten.»

«Ich bin Robin Ballantyne.» Ich nahm seine Hand und schüttelte sie. Ohne nachzudenken – das Geplärre der Kinder verhinderte es –, fragte ich unvermittelt: «Wussten Sie, dass Ihre Frau so etwas tun würde?»

Die Frage gefiel ihm nicht. Er zog seine Hand prompt zurück.

«Paula war eine geniale Frau», antwortete er kurz angebunden. «Ich dachte, sie sei klug genug, um es besser zu wissen.»

Nun, wenn ich mich schon durch seine Musterung meiner Fotos pikiert fühlte, dann stand es ihm durchaus zu, ein wenig ungehalten auf meine Frage zu reagieren, ob seine soeben verstorbene Frau suizidal war. Er bewegte sich auf die Haustür zu und murmelte dabei, dass er den Weg hinaus schon selbst finde. Ich wollte hinter ihm her, hätte mich womöglich gar für meine unsensible Frage entschuldigt, doch Hannah hatte mich am Bein gepackt und ließ nicht mehr los. Ich hörte, wie die Tür ins Schloss fiel.

Ich stierte auf die Kinder hinab, überwältigt von meinem Schlafmangel. Die beiden brüllten, als habe man sie ohne Vorräte auf einem Berggipfel inmitten eines Schneesturms ausgesetzt. In solchen Momenten wusste ich nie, was ich zuerst tun sollte. Milch oder Windeln? Hannah oder William? Milch, Windeln, Milch, Windeln, Hannah, William, Hannah, William, es klang wie der Singsang einer Verrückten. Meine Hände begannen jedoch, das Richtige zu tun: Sie zauberten Öltücher und saubere Windeln hervor, stellten Flaschen mit Milch in die Mikrowelle, derweil sich der andere Teil meines Gehirns mit etwas völlig anderem beschäftigte. Er hatte seine Frau Paula genannt. Paula Carmichael.

Die einzige Paula Carmichael, von der ich gehört hatte, war eine bekannte soziale Aktivistin. Sie gehörte der Labour-Partei an und saß als Abgeordnete in den hinteren Reihen des Unterhauses, von wo aus sie der Führungsriege der Partei zusetzte, allerdings war dies nur eine unbedeutende Facette jener Persönlichkeit, die sie war: so großartig und inspirierend in ihren Reden, mit denen es ihr gelungen war, in den letzten ein, zwei Jahren so etwas wie soziales Bewusstsein wieder salonfähig zu machen. Sie hatte erreicht, dass Hunderte, gar Tausende von Menschen ihre Samstagvormittage freiwillig der Verrichtung guter Taten widmeten. Selbst die Grafschaften um London waren zu Hochburgen der Carmichaeliter geworden. In einigen war sogar die ein oder andere Null an ihr übliches Spendenaufkommen gehängt worden. In anderen hatte man tatsächlich die Gin-’n’-Tonic-bedingte Trägheit abgeschüttelt und sich aufgemacht, um jemanden – ganz gleich wen – in ihren wohlhabenden Reihen zu finden, dem man helfen konnte. Für gewöhnlich setzte Paula Carmichael ihr gesamtes rhetorisches Können ein, um die Herren auf allen Rängen des Unterhauses zu beschämen. «Landauf, landab sind ehrenamtliche Helfer dabei, die Scherben Ihrer Politik aufzusammeln», hatte sie dem Premierminister in einer mittlerweile legendären Rede vorgehalten. Diese Menschen helfen anderen, die nie hätten zerbrechen dürfen, und versuchen, den Schaden zu beheben, den gute Politik hätte verhindern können.»

Das Gesicht der stürzenden Frau hatte ich nicht gesehen, auch später nicht, als sie am Boden lag, und doch war da etwas in der Art, wie sie gefallen war, in der Stimme, die die Nacht zerrissen hatte, das mir bekannt vorkam. Jemanden so sterben zu sehen ist ohnehin nicht etwas, das ich mir ausgesucht hätte, aber Paula Carmichael so sterben zu sehen war noch schlimmer. Sie war keine Unbekannte, vielmehr eine Frau, die ich mochte und respektierte. Ich spürte, wie ich erschauderte.

Auf Autopilot geschaltet, säuberte und windelte ich ein Kind nach dem anderen, hob sie in ihre Hochstühlchen, toastete Brot und machte Äpfel und Bananen zurecht. Ich goss Milch in zwei Schnabeltassen und presste die Deckel darauf. Kaum standen Essen und Trinken vor ihnen, verstummten ihre Proteste. Ich schaltete das Radio an, doch ehe ich auch nur die Schlagzeilen hören konnte, klingelte es abermals an der Haustür. Ich seufzte, überließ die Kinder wieder sich selbst und ging die Tür öffnen. Es war Jane. Seit ihr klar geworden ist, dass ich ein Problem damit habe, unsere Mittagessen oder überhaupt irgendetwas kinderfrei zu halten, und dass sie ein Problem mit Kindern hat, sehen wir uns nur noch selten.

Ich ließ sie und mit ihr einen weiteren Regenschwall ins Haus herein. Mittlerweile fühlte sich das ganze Haus feucht an, als sickerte der Regen durch sämtliche Fugen.

Jane schüttelte sich wie ein Hund, wobei sie mich in einen feinen Sprühregen hüllte, glitt aus ihrem Regenmantel, gab ihn mir und zog die Augenbrauen hoch.

«Ganz schön heftige Sache, die da passiert ist, nicht wahr?», sagte sie.

Jane ist chinesischer Abstammung, mit hoher Stirn, ausgeprägten Wangenknochen und schwarzem Haar, das ihr beinahe bis zu den Hüften reicht. Sie sieht ausgesprochen majestätisch aus. Doch dieser Eindruck verflüchtigt sich schlagartig, kaum, dass sie ihre Augenbraue hochzieht, den Mund öffnet und ihren starken schottischen Akzent hören lässt. Als Flüchtlinge vor Maos Regime ließen sich ihre Eltern Ende der fünfziger Jahre in Schottland nieder, wo sie es weiter brachten als die meisten anderen Flüchtlinge. Ihr Vater und ihre Mutter, beide Physiker, die kein Wort Englisch sprachen, eröffneten das wohl erste chinesische Restaurant jenseits der Grenze. Einige Jahrzehnte später konnten sie sich zur Ruhe setzen und Janes Schwester ein Geschäft übergeben, dessen Angebot schon Jahre zuvor um Fish ’n’ Chips erweitert worden war und das kurz davor stand, ein etwas exklusiveres Marktsegment zu erobern und ein thailändisches Menü anzubieten. Janes Eltern schickten Jane zur Spracherziehung, da sie befürchteten, ihr schottischer Akzent würde sie in ihrem Fortkommen behindern, aber Jane weigerte sich mitzumachen. Aus Trotz wurde sie noch schottischer als zuvor.

An diesem Morgen wirkte Jane müde. Im frühen Morgenlicht zeichneten sich um ihre Augen und auf der Stirn feine Linien ab.

«Du bist aber früh auf», sagte ich.

Sie deutete über ihre Schulter auf das Haus der Carmichaels.

«Ich hab bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet, hab zwei und zwei zusammengezählt. Du bist diejenige, die sie gefunden hat, nicht wahr?»

Ich nickte.

«Die Adresse stand auf dem Bericht der Nachrichtenagentur», erklärte sie, während sie sich in Richtung Wohnzimmer bewegte. «Ich …» Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf das Fenster.

«Komm mit in die Küche.» Ich wandte mich um und ging voraus. «Ich hol dir ein Handtuch für deine Haare.»

Ich setzte den Wasserkessel auf, während Jane sich auf einem Barhocker niederließ, sich mit dem Handtuch, das ich ihr gegeben hatte, die Haare trocknete und dabei Hannah und William beobachtete, ohne sie zu berühren, ohne mit ihnen zu reden, ganz offensichtlich unfähig, auch nur das Geringste mit ihnen anzufangen. Nun ja, es ist sicherlich schwer, sich für ein Baby zu begeistern, wenn man dessen Mutter einst nahe gelegt hat, es abzutreiben. Ohne Partner, mit dem man sich die Last teilen könnte, würden sie mein Leben ruinieren, hatte Jane damals gemeint, und natürlich war es so gekommen, wenn auch auf die denkbar netteste Art.

«Hm», meinte sie schließlich selten diplomatisch, «sie scheinen ja prächtig zu gedeihen.» Dann etwas weniger diplomatisch: «Hannah ist Adam wie aus dem Gesicht geschnitten.»

Ich knurrte.

«Was? Findest du das etwa nicht?», protestierte Jane.

«Ich ziehe es vor, sie als frühes Klonexperiment der Mutter anzusehen.»

«William hat exakt seinen Mund. Das wird dir niemand abnehmen.»

Wir schwiegen, während ich kochendes Wasser in die Kaffeekanne goss und mir dabei überdeutlich meines Schlabberpullis mit dem Loch im rechten Ärmel und den Resten von Hannahs heraufgewürgtem Apfel auf dem linken bewusst wurde. Unter Janes kühlem Blick spürte ich, wie die Ringe unter meinen Augen zu Ballons anschwollen. Ich spürte Missmut in mir aufkommen. Ich hatte sie nicht hereingelassen, um von ihr taxiert zu werden.

Ich wandte mich ihr zu, lehnte mich mit der Hüfte gegen die Küchentheke, während ich den Kaffee ziehen ließ.

«Was machst du hier?», fragte ich, obwohl ich es mir denken konnte.

Jane hielt meinem Blick stand.

«Die Polizei schließt ein Verbrechen nicht aus.» Es war ihre professionelle Stimme, die da sprach, selbstsicher und überzeugend. «Hast du gesehen, was passiert ist? War jemand bei ihr?»

Nur wer sie sehr gut kannte, hörte ihrer Stimme die Beschleunigung, die Akzentverstärkung, den atemlosen Unterton an, wenn sie auf einem Adrenalinhoch war. Ich hörte es in diesem Moment, und es bestätigte mir die Identität der Frau, die gestorben war. Keine gewöhnliche oder beliebige Paula Carmichael hätte Jane in solche Spannung versetzt.

«Wieso gehst du davon aus, dass sie sich nicht das Leben genommen hat?», fragte ich.

«Tue ich ja nicht. Aber warum sollte sie?»

Ich funkelte sie an. Mir war flau im Magen, und mein Kopf hatte zu pochen begonnen. Früher, als Jane und ich noch zusammenarbeiteten, hatte sie mich nicht einschüchtern können, war ich fähig gewesen, ebenso gut auszuteilen wie einzustecken oder aber sie zu ignorieren; doch jetzt merkte ich, dass ich aus der Übung war.

«Du machst doch das Interview mit mir, nicht wahr? Ich hab noch nicht mit Jez gesprochen, aber ich werd ihn einfach vor vollendete Tatsachen stellen. Wir strahlen heute Abend eine Sondersendung aus, und natürlich sind Freunde und Verwandte dabei, aber wenn du die ‹Ich hab sie vom Himmel fallen sehen›-Szene beisteuerst, dann wäre das ein wirklich bewegender Kontrapunkt. Um ehrlich zu sein: Wenn du nur mit uns und mit sonst niemandem reden würdest, hättest du echt was gut bei mir.»

Wir schauten einander an. Sie musste mein Zögern falsch verstanden haben, denn sie fuhr hastig fort:

«Wenn ich sage, dass … also, was ich meine, ist, dass ich nicht wüsste, wie wir dich bezahlen sollten …»

«Jane!» Ich hatte meine Krallen ausgefahren. «Noch ein Wort dieser Art, und du kannst sofort gehen.»

Schweigen – einige Herzschläge lang.

«Es tut mir Leid. Ich wollte damit nicht sagen, dass …»

«Nein, natürlich nicht.»

«Ich hab das nur gesagt, weil ich weiß, dass Adam dir nichts gibt, und während er damit beschäftigt ist, beim Fernsehen die Karriereleiter emporzuklettern, sitzt du hier in dieser Elendshütte und ziehst seine … Verdammt, eigentlich solltest du diejenige sein, die heute Abend die Sendung Kontrovers macht, nicht ich … Ich kann es einfach nicht ertragen, dich …»

Ich knallte die Kaffeetasse vor ihr auf den Tisch, die Flüssigkeit schwappte über die Tischplatte. Jane verstummte augenblicklich.

«Das hier ist keine Elendshütte», sagte ich zwischen zusammengepressten Zähnen, «und es sind nicht seine Kinder. Nicht mehr.»

Ich blickte zu den Zwillingen hinüber, und sie erwiderten meinen Blick. So etwas konnte ich jetzt noch sagen, ohne dass sie es in Frage stellen oder sich beschweren würden. Wie viele Jahre das wohl noch funktionierte? Jane starrte mich an, die Augenbrauen hochgezogen.

«Adam gibt mir nichts, weil ich nichts von ihm haben will», sagte ich, bedrückt, weil das etwas war, was mir vollkommen logisch erschien, womit andere jedoch ein gewaltiges Problem hatten.

«Klar, klar, verstehe.» Jane mühte sich, die Fassung wiederzuerlangen, etwas, das man nicht alle Tage zu sehen bekam. «Es tut mir Leid. Ich hab nicht nachgedacht …»

«Vergiss es.»

Jane brauchte genau fünf Sekunden, um sich zu fangen und die Sache zu vergessen. Dann nahm sie wie ein Bluthund die Fährte wieder auf.

«Also: Kanntest du sie oder nicht?»

«Ich glaub nicht.»

Das klang natürlich ein wenig absurd, selbst in meinen Ohren. Entweder man kennt jemanden oder man kennt ihn nicht. Noch wenige Minuten zuvor hatte ich den Gedanken, dass Paula Carmichael mir gegenüberwohnen könnte, als abwegig abgetan, doch mittlerweile hatte mein Gehirn mich ungefragt mit einigen Erinnerungsfetzen konfrontiert, die einige Monate alt waren. Irgendwann im Sommer war mir unter der taubenverseuchten Brücke in der Nähe der U-Bahn-Station eine Frau entgegengekommen, der ich, da sie mir bekannt vorkam, grüßend zugenickt hatte, noch ehe mir einfiel, woher ich ihr Gesicht kannte, dass ich sie im Fernsehen gesehen hatte und es sich um Paula Carmichael handelte. Sie war vorübergeeilt, in der Hand einen Aktenkoffer, aus dem die Papiere wie hastig hineingestopft hervorlugten, und ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, sie könne sich auf dem Nachhauseweg befinden, geschweige denn, ihr Zuhause könne irgendwo in der Nähe sein. Diese winzige Person – sie mochte knapp ein Meter sechzig groß sein – schien zu klein und unbedeutend für die Berühmtheit Paula Carmichael. Selbst ihr Haar, das im Fernsehen schwarz und unbändig wirkte, sah in Wirklichkeit eher wie ein angegrautes Braun aus. Ich weiß noch, dass ich mich nach ihr umgedreht hatte, nachdem mir aufging, wer sie war, und dass ich sie dabei erwischte, wie sie dasselbe tat, sich umdrehte, um sich nach mir umzuschauen. Als wir einander ertappten, hatten wir uns rasch und voller Verlegenheit wieder abgewandt. Ich wusste, warum ich einen zweiten Blick auf sie hatte werfen wollen, aber warum um alles in der Welt hatte sie sich nach mir umgedreht? Sicher, meine Frisur ließ an dem Tag durchaus zu wünschen übrig – eigentlich schon das ganze Jahr –, aber sah ich wirklich so absonderlich aus?

Und dann war da noch eine zweite Erinnerung, allerdings etwas unscharf, etwa eine Woche älter: im Supermarkt, beide Kinder versuchen, sich aus dem Kinderwagen zu befreien, um durch die Gänge zu toben, ich bin mit den Nerven am Ende, hantiere mit Kinderwagen und Einkaufskorb. Eine Frau mit dunkler Sonnenbrille, langem angegrautem Haar, das sie zurückgesteckt trägt, in teurer, aber etwas nachlässiger Kleidung, zwei große tiefgefrorene Pepperoni-Pizzen im Einkaufskorb. Zuerst dachte ich, sie sei erbost, weil wir den Gang versperrten, doch als es mir gelang, den Wagen für sie aus dem Weg zu hieven, warf sie mir ein breites mitfühlendes Grinsen zu. «Kenn ich. War bei mir genauso», sagte sie heiter, und ich schaute ihr hinterher, erfreut und überrascht von solcher Kameraderie. Damals hatte ich sie nicht erkannt, auch als ich später Paula Carmichael unter der Brücke traf, hatte ich keine Verbindung hergestellt, doch nun brachte mein Unterbewusstsein die beiden Situationen zusammen.

«Ich glaube, ich bin ihr ein paar Mal begegnet», korrigierte ich mich. Während ich sprach, begann William zu ächzen und zu stöhnen und gegen die Riemen anzukämpfen, die ihn im Stühlchen hielten. «Aber mir war nicht klar, dass sie gegenüber wohnte.»

William warf eine Schüssel mit Haferflocken auf den Boden, während Hannah ohne ersichtlichen Grund lautstark losheulte. Sie hatten Langmut gezeigt, doch nun waren sie mit ihrer Geduld am Ende. Meine Zeit war um, und Jane wusste es. Sie warf den Kindern einen finsteren Blick zu.

«Hör zu, Jane, ich überleg mir das mit dem Interview und ruf dich an», sagte ich.

«Okay.» Sie war darüber nicht gerade erfreut, aber das ließ sich nicht ändern. Sie erhob sich. Die Zwillinge drehten ihre Lautstärke noch ein wenig auf, sodass Jane schreien musste. «Da ist noch etwas, was du wissen solltest, damit du mir nicht später den Kopf abreißt. Ich habe auch Adam zu der Sendung eingeladen, damit er von ihr erzählt.»

«Wieso um alles …?» Doch die Zwillinge und Jane waren lauter als ich.

«Er kannte sie ganz gut», sagte Jane eilig. Vielleicht dachte sie, dass ich ihre Worte nicht verstehen würde, wenn sie nur schnell genug spräche. «Sie haben vor kurzem zusammen an einer Sendung gearbeitet. Er ist genau der Richtige, um über sie zu sprechen, weißt du. Wenn ich jemals sterbe, möchte ich, dass Adam meinen Nachruf verfasst, und dabei mag er mich noch nicht einmal besonders. Jedenfalls wollte ich es dir gesagt haben. Tangieren tut es dich ohnehin nicht. Ich halt euch schon auseinander, versprochen.»

Ich merkte, wie ich den Kopf schüttelte, und erhaschte einen Blick auf mein Spiegelbild in der Fensterscheibe: herabgezogene Mundwinkel, zusammengekniffene Augen. Ich ließ mich schwer auf den Küchenstuhl fallen und betrachtete die mir ins Gesicht kreischende Hannah mit unbewegter Miene. Ihre großen dunklen Augen – Adams Augen – waren rund und wütend.

«Ich schwör dir, Robin», hörte ich Jane sagen, «du musst ihn nicht sehen. Ich geh mal davon aus, dass du das nicht willst.»

«Darauf kannst du Gift nehmen», sagte ich. Ich hatte das Gefühl, mir sei soeben eine weitere Leiche vor die Füße gefallen.

3

ALS JANE FORT WAR, nahm ich die Kinder auf den Arm und spähte durch die Plastikfolie, die mein Fenster war, hinaus auf die Straße. Der Wind hatte sich gelegt, der Regen war nur noch ein feuchter Nebel, doch die ganze Straße wirkte nach dem Wüten der vergangenen Nacht, als stünde sie unter Schock. Büsche duckten sich unter der Last des Regens, der auf sie niedergegangen war, der Wind hatte Blüten von Blumen und Bäumen gerissen, und die diversen Fast-Food-Behältnisse, die sonst über den Bürgersteig fegten, lagen durchweicht im Gully. Ein gelb-schwarzes Band zeigte die Stelle an, an der Paula Carmichael aufgeschlagen war und die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, ein Tatort war. Ein einzelner Polizeiwagen parkte vor dem Haus der Carmichaels. Das Haus selbst wirkte friedlich. Einige Räume waren erleuchtet, aber es herrschte keine auffällige Geschäftigkeit darin. Ich fragte mich, ob Richard Carmichael und sein ältester Sohn bereits wieder zu Hause waren. Wie tief würde die Polizei wühlen, bis sie sich davon überzeugt hatte, dass Paula Carmichaels Tod ein Selbstmord war?

Vor dem Haus hatten sich bereits Reporter und Fotografen eingefunden. Ich zählte etwa ein Dutzend Männer und einige junge Frauen, die plaudernd in kleinen Gruppen beieinander standen. Jane war ganz schön fix gewesen, doch bei einer solchen Story ließ jeder Sender und jedes Blatt seine Leute so rasch und effizient wie möglich ausschwärmen. Wenn ich an Ort und Stelle bliebe, würde ich schon bald zur Gefangenen in meinem eigenen Haus. Ein ganzes Jahr lang hatte ich mich hier verkrochen, war so sehr mit meinen Kindern zusammengewachsen, dass wir fast zu einem einzigen Organismus verschmolzen waren, in dem absolut synchron geatmet, geschlafen, gewacht und sich entleert wurde. Ein ganzes Jahr war ich zu erschöpft gewesen für einen Adrenalinrausch. Oder für sonst irgendetwas.

Doch wenn einem eine Frau aus heiterem Himmel vor die Füße stürzt, wird man aufgerüttelt. Ich fühlte mich durch den Schock wie unter Strom gesetzt, als sei ein Teil meines Gehirns, das tot gewesen war, wieder belebt worden. Katastrophenkitzel. Es war ein scheußlicher Gedanke, doch sosehr ich ihn auch missbilligte, fand ich Janes Aufregung doch ansteckend. Ich hatte mein Berufsleben links liegen lassen, hatte sämtlichen Leidenschaften entsagt, lebte so fern von der Arbeitswelt, dass ich sie kaum vermisst hatte, doch an jenem Morgen hatte Jane mir mein ehemaliges Leben vor Augen geführt, und plötzlich verlangte mich so sehr danach, dass ich kaum Luft bekam. Ich lege das Ganze hier folgerichtig dar, und natürlich ergibt es Sinn, mit Ursache und Wirkung und all dem. Aber um ehrlich zu sein, kam an jenem Morgen etwas an die Oberfläche, das schon seit Monaten in mir gärte und nun so mächtig aufwallte wie das Bedürfnis nach einer Droge. Ich musste unbedingt aus dem Haus, ich musste unbedingt wieder zurück zur Arbeit.

Wie ich dort am Fenster stand, die Zwillinge auf meinen Armen, schwirrte mir nur so der Kopf. Ich jagte tausend Gedanken gleichzeitig und in unterschiedlichen Richtungen nach, versuchte, mich zu konzentrieren. Ich brauchte Hilfe. Ich brauchte einen Babysitter.

Ich rief meine Mutter an, die nur in Notfällen als Babysitter in Frage kommt. Ich rief sie auf ihrem Handy an, weil ich nie weiß, ob sie zu Hause oder bei meiner älteren Schwester ist. Lorna leidet seit nunmehr fast zwei Jahren an chronischem Erschöpfungssyndrom, und meine Mutter verbringt pro Woche zwei bis drei Abende bei ihr, wenn sie nicht gerade in ihrer Anwaltskanzlei in Streatham ist. Will sagen, dass meine Mutter im Grunde schon genug zu tun hat. Aber sie erklärte sich bereit, zu uns zu kommen, weil es ein Notfall war. Oder sich zumindest wie einer anhörte.

Eine Stunde später verschloss ich meine Ohren vor dem hartnäckigen Jaulen, das von Hannah herrührte, und entwand mich sacht Williams Griff, der meinen Hals mit den Armen und meine Hüfte mit den Beinen umklammert hielt. Ich gab meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und murmelte schuldbewusst meinen Dank. Dann ging ich zur Haustür hinaus und zog sie hinter mir zu. Geschafft. Wie einfach es sich doch anhört.

Leicht wie eine Feder, ohne Kinderwagen zum Schieben, ohne Kinder zum Tragen, ging ich über die Straße zur schwarz lackierten Tür von Nummer 12, der einzigen Tür, die sich mir in der Nacht zuvor geöffnet hatte. Ich war mir nicht sicher, welche der drei Klingeln ich drücken sollte, weshalb ich wie schon am Abend zuvor alle drei betätigte. Im obersten Stock öffnete sich knarrend ein Fenster, und eine Frau in Bademantel, ungekämmt, Erschöpfung im kalkweißen Gesicht, lehnte sich heraus. Es kam mir vor, als werfe ich einen Blick in den Spiegel.

«Was ist denn los?», fragte sie mit gerunzelter Stirn.

«Ich suche den Mann, der mir gestern die Tür geöffnet hat, ich …»

«Ich hab keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich hab ein krankes Kind hier. Es hat die ganze Nacht geschrien», sagte sie voller Verzweiflung. «Lassen Sie uns einfach in Ruhe.»

Das Fenster wurde zugeknallt. Ein Kind? Ich hatte in all den Monaten kein Kind bemerkt. In den letzten zwölf Stunden hatte ich mehr über meine Nachbarn erfahren als im ganzen letzten Jahr, aber vielleicht war dies nicht der richtige Zeitpunkt, um einen Kaffeeklatsch vorzuschlagen.

Ich traute mich nicht, abermals zu klingeln. Ich schaute auf die Uhr. Es war bereits neun Uhr an einem Mittwochmorgen. Der Mann, den ich suchte, war wahrscheinlich bereits um sieben zur Arbeit gegangen. Ich kramte ein Stück Papier und einen Stift aus meiner Tasche hervor, setzte mich auf die Stufen zum Hauseingang und schrieb ihm eine Nachricht.

An denjenigen, der mir gestern Abend die Tür geöffnet hat.

Wollte Ihnen für Ihre Hilfe danken. Und mich für den Tisch

entschuldigen. Zu dem Zeitpunkt hielt ich es für eine gute Idee.

Ich werde Ihnen den Schaden ersetzen. Bitte lassen Sie mich

doch wissen, wie viel ich Ihnen schulde.

Robin Ballantyne, Nummer 19

Ich warf den Zettel durch den Briefkastenschlitz und schaute mich schuldbewusst zu meinem Vorgärtchen um, wo nur noch ein kleiner Stapel Holz an den Tisch erinnerte. Wenn der Tisch irgendeinen sentimentalen Wert hatte, so war ihm dieser gründlich ausgetrieben worden. Ich hoffte nur, dass es sich nicht um eine wertvolle Antiquität gehandelt hatte.

 

Ich umgarnte Gayle so lange, bis ich mich an ihr vorbei und in Maeves Büro manövriert hatte. Maeve war ebenso überrascht, mich zu sehen, wie ich es war, plötzlich in ihrem Büro zu stehen. Sie schaute von ihren Papieren auf, und ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.

«Mein Gott, wen haben wir denn da! Robin, was machst du denn hier unter den Lebenden? Ich erkenn dich ja kaum wieder.»

Womit sie mir auf nette Art sagte, wie abgewrackt ich aussah. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, mein Comeback ins Büroleben in den Jeans vom Abend zuvor zu starten? Und meine Haare hatte ich auch seit drei Tagen nicht mehr gewaschen. Oder waren es vielleicht vier? Ich versuchte, mich zu erinnern. Hatte ich mir überhaupt die Zähne geputzt, bevor ich das Haus verließ? Maeve hatte sich halb aus dem Sessel erhoben, als wolle sie mir zur Begrüßung die üblichen Wangenküsschen geben, aber ich war mir nicht sicher, ob es klug war, sie so nah an mich heran zu lassen. Ich machte einen Rückzieher und sank in den tiefen Ledersessel in der Ecke, sodass auch sie sich wieder setzte. Mit dem Schreibtisch zwischen uns konnte sie mich kaum sehen.

«Ich habe dir vor einem Monat gemailt und angefragt, ob wir mal über meine Rückkehr an meinen Arbeitsplatz sprechen könnten», erinnerte ich sie. Maeve ist Chefin der Abteilung Aktuelles Klammer auf Dokumentation Komma Fernsehen Klammer zu, mit anderen Worten: CA(D,TV). In ihrem Tagesgeschäft hat sie nicht direkt mit Programmgestaltung zu tun, und das ist auch gut so, hat sie doch noch nie in ihrem Leben einen Dokumentarfilm fürs Fernsehen gemacht. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die Auftragsvergabe und ihre Durchführung zu überwachen und das Personal zu managen. Sie ist mit Leib und Seele Bürokratin und scheint eine ganze Armee von Minibürokraten unter sich vereinigt zu haben.

«Das hast du», gab sie zu, während ihr Lächeln abrutschte, «das hast du in der Tat.» Ihr Blick taxierte mich von oben bis unten, und ich schaute zu, wie sie die zerkratzten Stiefel registrierte, die seltsamen weißen Flecken auf meinen Jeans, den Schlabberpulli und mein ungewaschenes Haar, das mein gänzlich ungeschminktes Gesicht umrahmte. Dreckig konnte man mich nicht nennen, aber ich war auch nicht gerade eine strahlende Erscheinung.

«Bist du denn so weit?», fragte sie und bemühte sich, den Zweifel aus ihrer Stimme zu halten. «Mir wäre es gar nicht recht, wenn ich den Kleinen die Mutter entführte.» So, wie sie es sagte, klang es, als sei sie eine Katze, die den Mäusebabys ihre Mamamaus entreißen wolle.

«Hundert Pro.» Ich versuchte, professionell zu klingen. Immerhin war ich offiziell Journalistin, wenn ich auch nicht zur Nachrichtenabteilung gehörte, was mich davon abhielt, Paula Carmichael zu erwähnen. «Es tut mir Leid, wenn ich heute Morgen nicht so präsentabel aussehe. Ich bin gestern in einen Vorfall verwickelt worden und habe die halbe Nacht damit verbracht, meine Aussage für die Polizei zu machen.»

«Oje.» Wenn überhaupt möglich, sah sie nun noch besorgter aus als zuvor, fast als habe sie den Eindruck, ich würde aus Schlafmangel halluzinieren.

Maeve ist gewöhnt, gewiefte Regierungssprecher und hysterische Programmgestalter mit einem kurzen Schnalzen ihrer peitschenähnlichen Zunge gefügig zu machen, doch ich stellte anscheinend einen Problemfall dar. Ich konnte es aus der Art und Weise ersehen, wie sie sich mit ihrem manikürten Zeigefinger über die Unterlippe fuhr.

«Also, wir können es wirklich kaum erwarten, dich wieder an Bord zu haben», sagte sie, ohne mir dabei in die Augen zu schauen. «Terry spricht nach wie vor pausenlos von dir.»

Guter alter Terry: Mein größter Fan und außerdem – zu meinem nicht unerheblichen Vorteil – mein unmittelbarer Vorgesetzter, war letztlich doch nur Maeves Handlanger.

«Hast du dir überlegt, wie du alles unter einen Hut kriegen willst?», blieb sie hartnäckig, doch ich sah, dass sie mit der Frage nur Zeit schinden wollte, während sie nach einer Strategie suchte, mich loszuwerden.

«Ich will einfach nur wieder Sendungen machen», sagte ich. «Ich krieg schon alles unter einen Hut.»

Maeve reckte ihr Kinn vor und nickte langsam. Sie hatte auf eine längere Antwort gehofft.

«Ja, sicher, das ist ja auch deine Stärke. Damit gewinnst du deine Auszeichnungen.» Sie warf mir ein kleines Lächeln zu, ließ dann einen Seufzer hören und schaute mir zum ersten Mal in die Augen. «Also, wir schaun, was sich machen lässt, Robin, aber um ehrlich zu sein, wir sind gerade dabei, ein paar radikale Verschlankungsmaßnahmen vorzunehmen.»

«Ihr wollt Redakteure entlassen?»

«Wir», sie zögerte, «werden einige Leute verlieren. Hauptsächlich auf natürlichem Weg. Du warst weg, du hast vielleicht nicht mitbekommen …»

«Ich habe Anspruch auf einen Job nach meinem Erziehungsurlaub.» Ich knirschte mit den Zähnen.

Wieder nickte sie, und dieses Mal versuchte sie nicht einmal, ihr Unbehagen mit Worten zu tarnen. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf.

«Hast du mal daran gedacht, dich zu verändern?»

«Zu verändern?»

«Na ja, um genau zu sein: dich zu verändern und zu verbessern. Ich meine, einen Job in einer eher leitenden Funktion.»

Ich hätte laut aufgelacht, wenn nicht sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf losgeschrillt wären.

«Der Grund, weshalb ich frage, ist, weil wir gerade die Stelle eines RUER ausgeschrieben haben.»

«Eines wie bitte?»

«Eines Redakteurs für die Umsetzung Ethischer Richtlinien», erklärte sie mir, als sei ich ein besonders begriffsstutziges Kind. «Es ist eine neue Stelle.»

Ich wusste immer noch nicht, was damit gemeint war.

«Jemand, der sicherstellt, dass unsere Sendungen in ethischer Hinsicht einwandfrei sind», erklärte sie matt. «Du weißt schon, Robin: dass wir tun, was wir tun sollten, und unterlassen, was wir unterlassen sollten. Dass wir – und die Freiberuflichen, die wir beauftragen – uns alle an Konzernrichtlinien halten und moralisch integere Sendungen produzieren. Du wärst genau die Richtige dafür.»

Ich legte den Kopf schief.

«Wieso ist das plötzlich so wichtig?», fragte ich.

«Wo bist du gewesen, Robin? Lies Zeitung. Die Welt dreht sich weiter. Wir geraten pausenlos in die Schusslinie der Kritik, weil wir gegen irgendein journalistisches Prinzip verstoßen, und darauf müssen wir reagieren, sichtbar reagieren.»

Der Vorwurf, dass ich nicht auf dem neusten Stand war, war unfair. Meine Tage verbrachte ich in Gesellschaft des Radios und meine Abende in der von Zeitungen. In diesen Medien wurde regelmäßig über unseriöse Praktiken beim Fernsehen berichtet, als handele es sich um eine ungebärdige jüngere Schwester: Da wurden Szenen gestellt und Schauspieler für Reality Shows angeheuert. Natürlich sind Radio- und Zeitungsjournalismus nicht gegen Manipulation gefeit. Um eine Lüge in die Welt zu setzen, bedarf es eines einzigen Menschen und seines Mundwerks. Die Technik braucht man dazu nicht, aber je mehr Technik eingesetzt wird und je vielfältiger die Medien sind, desto mehr Spielraum hat man, und während Spielraum nicht unbedingt guten Journalismus bedeutet, so führt er doch häufig zu einer guten Story. Der Konzern war bisher von Skandalen verschont geblieben, doch seine Manager lebten in der ständigen Angst, dass sie oder einer ihrer Vertragspartner ertappt würden. Im Journalismus läuft alles über Vertrauen. Leser vertrauen Journalisten, und auch Auftraggeber vertrauen Journalisten. Doch Manager sind von Natur aus nicht gerade vertrauensselig. Wer von uns ist das schon? Sie wissen, dass jeder Vertrag gebrochen werden kann. Und gelegentlich ermuntern sie einen sogar dazu.

«Du meinst wohl, uns den Rücken freihalten.»

Maeve presste die Lippen aufeinander und weigerte sich, auf meine Herausforderung einzugehen.