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Der weltberühmte Roman über die Geburtsstunde des modernen Japan Ostasien 1862: Der junge Malcolm Struan ist der Erbe des Hongkonger Handelshauses Struan, der von seiner Mutter nach Yokohama gesandt wird, als Japan nach langer Isolation seine Grenzen wieder für Europäer öffnet. An Bord des Handelsschiffes Tōkaidō trifft er auf eine Reihe Gleichgesinnter - und auf die junge, mittellose Französin Angelique, in die er sich verliebt. In Japan werden die Fremden (Gai-Jin) jedoch alles andere als mit offenen Armen empfangen: Die politische Situation zwischen dem Shogun und den Anhängern des Kaisers ist äußerst angespannt, und fanatische Samurai, die eine Öffnung ihres Landes kategorisch ablehnen, versuchen mit aller Gewalt ein Handelsabkommen zu verhindern. Dabei schrecken sie auch vor Mordanschlägen auf die Delegation von Malcolm Struan nicht zurück. Yoshi Toranaga, ein Nachkomme des legendären Shoguns, versucht so gut wie möglich, die abtrünnigen Samurai in Schach zu halten und alle Parteien zu einer Einigung zu bewegen. Denn er ahnt, dass er Japans Zukunft nur sichern kann, wenn Yokohama nicht in Flammen aufgeht … Wie alle Romane der Asien-Saga von James Clavell wurde auch "Gai-Jin" zu einem Weltbestseller, der bis heute Millionen von Leser*innen begeistert hat. "Ein monumentales Abenteuer, es zieht den Leser in seinen Sog, ja hypnotisiert ihn. Einfach phantastisch." Boston Examiner Der komplette Asien-Zyklus besteht aus - Shogun - Tai-Pan - Gai-Jin - Rattenkönig
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Seitenzahl: 2516
Veröffentlichungsjahr: 2026
James Clavell
Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege und Elke von Scheidt
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der weltberühmte Roman über die Geburtsstunde des modernen Japan
Ostasien 1862: Der junge Malcolm Struan ist der Erbe des Hongkonger Handelshauses Struan, der von seiner Mutter nach Yokohama gesandt wird, als Japan nach langer Isolation seine Grenzen wieder für Europäer öffnet.
An Bord des Handelsschiffes Tōkaidō trifft er auf eine Reihe Gleichgesinnter - und auf die junge, mittellose Französin Angelique, in die er sich verliebt.
In Japan werden die Fremden (Gai-Jin) jedoch alles andere als mit offenen Armen empfangen: Die politische Situation zwischen dem Shogun und den Anhängern des Kaisers ist äußerst angespannt, und fanatische Samurai, die eine Öffnung ihres Landes kategorisch ablehnen, versuchen mit aller Gewalt ein Handelsabkommen zu verhindern. Dabei schrecken sie auch vor Mordanschlägen auf die Delegation von Malcolm Struan nicht zurück.
Yoshi Toranaga, ein Nachkomme des legendären Shoguns, versucht so gut wie möglich, die abtrünnigen Samurai in Schach zu halten und alle Parteien zu einer Einigung zu bewegen. Denn er ahnt, dass er Japans Zukunft nur sichern kann, wenn Yokohama nicht in Flammen aufgeht …
Wie alle Romane der Asien-Saga von James Clavell wurde auch »Gai-Jin« zu einem Weltbestseller, der bis heute Millionen von Leser*innen begeistert hat.
»Ein monumentales Abenteuer, es zieht den Leser in seinen Sog, ja hypnotisiert ihn. Einfach phantastisch.«
Boston Examiner
Der komplette Asien-Zyklus besteht aus
• Shogun
• Tai-Pan
• Gai-Jin
• Rattenkönig
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Hinweis zur Neuausgabe
Widmung
Gai-Jin
Die Wichtigsten Personen
Erstes Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
Zweites Buch
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
Drittes Buch
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
Viertes Buch
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
Fünftes Buch
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
Wir haben den 1993 geschriebenen Text an die moderne Rechtschreibung angepasst. In der Ausdrucksweise einzelner Figuren im Roman finden sich in wörtlicher Rede einige rassistische Zuschreibungen und Begriffe, die in der Zeit, in der der Roman spielt, in Gebrauch waren, heute aber nicht mehr verwendet werden. Größere Eingriffe in den Text, welche die Urheberrechte des bereits verstorbenen Autors verletzt hätten, haben wir nicht vorgenommen.
Dieser Roman ist für Dich,
wer immer Du auch bist,
in tiefer Dankbarkeit – denn
ohne Dich würde, könnte der Schriftsteller in mir
nicht existieren …
bedeutet Ausländer und spielt im Jahre 1862 in Japan. Der Roman ist nicht Geschichte, sondern Fiktion. Viele der geschilderten Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden, wie man bei Historikern und in Geschichtsbüchern nachlesen kann, die auch nicht unbedingt immer berichten, was sich wirklich zugetragen hat. Er handelt auch weder von realen Personen, die gelebt oder angeblich gelebt haben, noch von einer realen Firma. Könige, Königinnen und Kaiser sind ebenso korrekt benannt wie einige Generäle und andere hochstehende Persönlichkeiten. Von ihnen abgesehen habe ich mit der Geschichte gespielt – dem Wo und Wie und Wer und Warum und Wann –, um sie meiner eigenen Realität anzupassen und vielleicht auch die wahre Version dessen zu erzählen, was sich zugetragen hat.
Malcolm Struan,20, ältester Sohn und designierter Nachfolger von
Culum Struan,42, gegenwärtiger Tai-Pan von Struan’s, des Noble House, und Sohn von Dirk Struan, Gründer des Handelshauses
Tess Struan,37, Ehefrau von Culum Struan, Tochter von Tyler Brock
Gordon Chen,48, »Illustrious« Chen, Comprador von Struan’s in Hongkong, illegitimer Sohn von Dirk Struan
Jamie McFay,39, Geschäftsführer von Struan’s in Japan
Maureen Ross,28, seine Verlobte
Dr. Ronald Hoag,50, Hausarzt der Familie Struan
Tyler Brock,72, Tai-Pan und Gründer von Brock and Sons
Sir Morgan Brock,48, sein Sohn, Stiefbruder von Tess Struan
Norbert Greyforth,39, Geschäftsführer von Brock’s in Japan
Sir William Aylesbury,47, britischer Gesandter in Japan
Dr. George Babcott,28, Stellvertreter von Sir William und Arzt
Phillip Tyrer,21, Diplomat und angehender Dolmetscher der britischen Gesandtschaft
Admiral Charles Ketterer,46, Kommandeur der britischen Flotte in Japan
Lieutenant John Marlowe,28, Kapitän der H. M. S. Pearl
Settry Pallidar,24, Captain der Dragoons
Dimitri Syborodin,40, amerikanischer Kaufmann kosakischer Abstammung
Edward Gornt,27, Gentleman, Kaufmann aus Shanghai, stammt aus Virginia
Heatherly Skye,41, einziger Anwalt in Japan
Henri Bonaparte Seratard,41, französischer Gesandter in Japan
André Edouard Poncin,38, Kaufmann, geheimer Informant der französischen Gesandtschaft
Graf Alexej Sergejew,35, zaristischer Gesandter in Japan
Angélique Richaud,18, Tochter von Guy Richaud, einem französischen Kaufmann in China, Mündel des französischen Gesandten in Japan
Herr Toranaga Yoshi,26, Nachfahre von Shōgun Toranaga, Mitglied im Rat der Ältesten, Vormund des minderjährigen Shōgun
Koiko,22, taju, ranghöchste Geisha, seine ai-jin (»geliebte Person«)
Dame Hisako,29, seine Gemahlin
Inejin,42, Gastwirt und sein Meisterspion
Misamoto,31, Fischer, Sträfling, angeblicher Samurai, sein Englisch sprechender Dolmetscher
Shōgun Nobusada,16, 14. Shōgun aus der Toranaga-Linie
Prinzessin Yazu,16, seine Gemahlin, Stiefschwester des Kaisers Komei
Herr Anjo,46, Daimyo von Kii, Vorsitzender des Rates der Ältesten
Herr Sanjiro,42, Daimyo von Satsuma
Katsumata,36, sein Ratgeber, auch »Der Rabe« genannt, heimlicher Anführer der Shishi
Herr Ogama,28, Daimyo von Choshu
Herr Hiro,28, Daimyo von Tosa
Wakura,46, Großkanzler am Kaiserlichen Hof in Kyōto
Meikin,33, Koikos Mama-san in der Herberge »Glyzinie«
Raiko,42, Mama-san in der Herberge »Zu den drei Karpfen«
Fujiko,17, Kurtisane, Phillip Tyrersai-jin
Nemi,23, Kurtisane, Jamie McFaysai-jin
Hinodeh, 24, Kurtisane, André Poncinsai-jin
Die Shishi (»mutige Personen«), aufrührerische idealistische Samurai, fanatische Fremdenhasser
Hiraga,22, Anführer der Choshu-Shishi, auch Ukiya, Nakama oder Otami genannt
Akimoto,24, Shishi aus Choshu und Hiragas Vetter
Ori,17, Anführer der Satsuma-Shishi
Shorin,19, sein Stellvertreter
Sumomo,16, Shorins Schwester und Hiragas zukünftige Ehefrau, ebenfalls eine Shishi
Das junge, von panischer Angst getriebene Mädchen galoppierte ventre-à-terre über unsichere Fußpfade durch die Reissümpfe und -felder in Richtung Küste zurück, die eine halbe Meile entfernt war. Die Nachmittagssonne brannte heiß. Sie ritt im Damensitz und vermochte sich, obwohl sie eigentlich eine gute Reiterin war, kaum im Sattel zu halten. Den Hut hatte sie verloren, ihr grünes Reitkleid nach der neuesten Pariser Mode war blutbesudelt und von Brombeersträuchern zerfetzt, ihr langes, lohfarbenes Haar wehte im Wind.
Mit der Peitsche trieb sie ihr Reittier an. Jetzt konnte sie die winzigen Hütten des Fischerdorfs Yokohama außerhalb der hohen Umzäunung und der Kanäle sowie die Türme der zwei kleinen Kirchen innerhalb der Ausländer-Niederlassung sehen und wusste erleichtert, dass in der Bucht dahinter britische, französische, amerikanische und russische Handelsschiffe und ein Dutzend Kriegsschiffe lagen, die unter Dampf oder Segel fuhren.
Schneller. Über die schmalen Holzbrücken der Kanäle und Bewässerungsgräben, die Reisfelder und -sümpfe durchzogen. Ihr Pferd war schweißbedeckt, hatte eine tiefe Wunde an der Schulter und ermüdete zusehends. Es scheute. Ein kritischer Moment, aber sie fing sich und bog auf den Pfad ein, der durch das Dorf zur Brücke über den Kanal und zum Haupttor mit der Wachstube der Samurai und dem japanischen Zollhaus führte.
Die mit zwei Schwertern bewaffneten Samurai sahen sie kommen und traten vor, um sie aufzuhalten, aber sie jagte zwischen ihnen hindurch in die breite Hauptstraße der Niederlassung hinein. Einer der Samurai-Wachtposten lief los, um einen Offizier zu holen.
Keuchend zügelte sie ihr Pferd. »Au secours … aidez-moi, Hilfe!«
Die Promenade war nahezu menschenleer; die meisten Bewohner hielten Siesta, saßen gähnend in ihren Kontoren oder vergeudeten ihre Zeit in den Freudenhäusern außerhalb des Zaunes.
»Hiiilfe!«, rief sie immer wieder, bis die wenigen Männer, die zu sehen waren – zumeist britische Händler, dienstfreie Soldaten und Matrosen, aber auch einige chinesische Dienstboten –, erschreckt aufblickten.
»Allmächtiger, seht doch! Die kleine Französin …«
»Was ist los? Himmel, seht euch ihre Kleider an …«
»Großer Gott, die ist ja voll Blut!«
Alle eilten auf sie zu, bis auf die Chinesen, die – nach Jahrtausenden immer neuer Widrigkeiten – einfach verschwanden. An den Fenstern tauchten Gesichter auf.
»Charlie, hol Sir William, schnell!«
»Allmächtiger, dieses Pferd, das arme Vieh, blutet ja, jemand soll den Tierarzt holen«, rief ein korpulenter Händler. »Und du, Soldat, hol sofort den General und den Franzmann, sie ist sein Mündel – den französischen Gesandten, um Gottes willen, schnell!« Ungeduldig deutete er auf ein flaches Gebäude, auf dem die französische Flagge wehte. »Mach schon!«, brüllte er, und der Soldat lief los, während er selbst so schnell wie möglich auf das verletzte Mädchen zuwatschelte. Wie alle Kaufleute trug er Zylinder, Gehrock, enge Hose und Stiefel und schwitzte in der heißen Sonne. »Was ist denn um Himmels willen geschehen, Miss Angélique?«, fragte er und griff nach ihrem Zügel, entgeistert über den Schmutz und das Blut, mit denen ihr Gesicht, ihre Kleidung und ihr Haar bespritzt waren. »Sind Sie verletzt?«
»Moi, non … nein, ich glaube nicht, aber wir wurden attackiert … Japaner haben uns angegriffen.« Immer noch unter Schock, versuchte sie, zu Atem zu kommen, nicht mehr zu zittern, und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Erregt deutete sie landeinwärts nach Westen, wo am Horizont undeutlich der Fujijama zu sehen war. »Dahinten, schnell, sie brauchen Hilfe!«
Alle, die in der Nähe standen, waren entsetzt und begannen, die wenigen, bruchstückhaften Informationen lautstark an andere weiterzugeben und dafür Fragen zu stellen: Wer? Wer wurde angegriffen? Franzosen oder Briten? Angegriffen? Wo? Wieder diese Hunde mit den zwei Schwertern! Wo zum Teufel ist das passiert …?
Fragen folgten auf Fragen und ließen ihr weder Zeit, etwas zu erwidern, noch hätte sie zusammenhängend antworten können, denn während die Leute sich immer dichter um sie drängten, musste sie noch immer mühsam um Atem ringen. Immer mehr Männer kamen auf die Straße heraus, viele bereits mit Pistolen und Musketen bewaffnet, einige mit den neuesten amerikanischen Hinterladern. Einer dieser Männer, ein breitschultriger, bärtiger Schotte, kam die Treppe eines imposanten zweigeschossigen Hauses heruntergelaufen, über dessen Portal »Struan and Company« geschrieben stand, und bahnte sich durch die aufgeregte Menge einen Weg zu ihr.
»Ruhe, Himmel noch mal, Ruhe!«, rief er laut, und dann, in der unvermittelten Stille: »Erzählen Sie, was geschehen ist! Wo ist der junge Mr Struan?«
»O Jamie, je … Ich, ich …« Das verwirrte junge Mädchen versuchte verzweifelt, sich zu fassen.
Er hob die Hand und tätschelte ihr wie einem Kind beruhigend die Schulter; er bewunderte sie ebenso sehr wie alle anderen. »Keine Sorge, Sie sind in Sicherheit, Miss Angélique. Lassen Sie sich Zeit. Machen Sie ihr doch um Gottes willen ein bisschen Platz!« Jamie McFay war neununddreißig und Hauptgeschäftsführer von Struan’s in Japan. »Und nun erzählen Sie uns, was geschehen ist.«
Das blonde Haar zerzaust, wischte sie sich die Tränen ab. »Wir … wir wurden angegriffen, von Samurai«, berichtete sie mit ganz kleiner Stimme und bezauberndem Akzent. Alle reckten den Hals, um besser hören zu können. »Wir waren … Wir waren auf der … auf der großen Straße …« Wieder zeigte sie landeinwärts. »Dahinten.«
»Der Tokaidō?«
»Der Tokaidō, ja …« Diese große Küsten-, Haupt- und Zollstraße, etwas mehr als eine Meile westlich der Niederlassung, verband Edo, die verbotene Stadt des Shōgun, die zwanzig Meilen weiter nördlich lag, mit dem übrigen Japan, das für die Ausländer ebenfalls verboten war. »Wir ritten …« Sie zögerte, dann sprudelten die Worte aus ihr heraus: »Mr Canterbury und Phillip Tyrer und Malcolm … Mr Struan und ich ritten auf der Straße entlang, und dann kamen ein paar … eine lange Kolonne von Samurai mit Fahnen, und wir warteten, um sie vorbeizulassen, und dann … dann fielen zwei von ihnen über uns her, sie haben M’sieur Canterbury verletzt und Malcolm – Mr Struan – angegriffen, der hatte seine Pistole gezogen, und Phillip, der rief mir zu, dass ich fliehen soll, Hilfe holen.« Wieder fing sie an zu zittern. »Schnell, schnell, sie brauchen Hilfe!«
Schon liefen Männer zu ihren Pferden und holten weitere Waffen. Zornige Rufe ertönten: »Jemand soll das Militär alarmieren …«
»Samurai haben John Canterbury, Struan und diesen jungen Tyrer überfallen, auf der Tokaidō angegriffen.«
»O Gott, die Samurai haben ein paar von unseren Jungs umgebracht.«
»Wo ist das passiert?«, rief Jamie McFay in dem allgemeinen Lärm und versuchte, seine hektische Ungeduld zu zügeln. »Können Sie mir ganz genau die Stelle beschreiben, wo das passiert ist?«
»Am Straßenrand, vor Kana … Kana irgendwas.«
»Kanagawa?«, fragte er. Es war der Name einer kleinen Zwischenstation, eines Fischerdorfes an der Tokaidō, eine Meile quer über die Bucht, auf der Küstenstraße etwas über drei Meilen entfernt.
»Oui – ja. Kanagawa! Beeilt euch!«
Gesattelte Pferde wurden aus den Struan-Ställen geholt. Jamie hängte sich ein Gewehr über die Schulter. »Keine Sorge, wir werden sie schnell finden. Aber Mr Struan? Haben Sie gesehen, ob er entkommen ist – ob er verletzt ist?«
»Non. Ich habe gar nichts gesehen, nur den Anfang, der arme M’sieur Canterbury, er … Ich war direkt neben ihm, als sie …« Die Tränen strömten. »Ich habe nicht zurückgesehen, ich habe gehorcht, ohne … um Hilfe zu holen.«
Ihr Name war Angélique Richaud. Sie war erst achtzehn. Und heute war sie zum ersten Mal außerhalb der Umzäunung gewesen.
McFay sprang in den Sattel und sprengte davon. Allmächtiger, dachte er verzweifelt, seit einem Jahr oder mehr haben wir keinen Ärger mehr gehabt, sonst hätte ich sie niemals losreiten lassen. Ich bin verantwortlich, Malcolm ist der rechtmäßige Erbe, und ich bin verantwortlich! O Gott, was zum Teufel ist passiert?
John Canterbury am Straßenrand der Tokaidō zu finden, gelang dem Kavallerieoffizier mit drei seiner Dragoner und einem Dutzend Kaufleuten sehr schnell; ihn zu identifizieren, fiel ihnen jedoch sehr viel schwerer. Er war geköpft worden, und überall um ihn herum verstreut lagen Teile seiner Gliedmaßen. Sein Körper war mit tiefen Schwertwunden übersät, von denen jede einzelne ihm den Tod gebracht hätte. Von Tyrer und Struan war nichts zu sehen. Keiner der Passanten wusste etwas über den Mord.
»Ob die anderen beiden entführt worden sind, Jamie?«, erkundigte sich ein Amerikaner nervös.
»Ich weiß es nicht, Dimitri.« McFay versuchte, seine Gedanken zu sammeln. »Jemand sollte zurückreiten, Sir William benachrichtigen und … ein Leichentuch oder einen Sarg holen.« Mit schneeweißem Gesicht musterte er die vorüberziehenden Menschen, die es vermieden, in seine Richtung zu blicken, und dennoch alles registrierten.
Die gut instand gehaltene Straße aus festgestampfter Erde war belebt von Reisenden, die in zwei disziplinierten Reihen von Edo kamen oder nach Edo wollten: Männer, Frauen und Kinder jeglichen Alters, reich und arm, bis auf vereinzelte Chinesen ausschließlich Japaner.
Zum größten Teil Männer, bekleidet mit Kimonos in allen möglichen Variationen und den unterschiedlichsten Hüten aus Tuch und Stroh. Kaufleute, halb nackte Lastenträger, Buddhistenpriester in orangefarbenen Roben, Bauern, die zum Markt oder nach Hause gingen, wandernde Wahrsager, Schreiber, Lehrer und Dichter. Zahlreiche Sänften und Tragen aller Art für Personen oder Waren mit zwei, vier, sechs oder acht Trägern. Die wenigen stolzen Samurai in der Menge starrten sie finster an, als sie vorüberkamen.
»Die wissen, wer es war, sie wissen es alle«, sagte McFay.
»Natürlich. Matyeryebitz!« Dimitri Syborodin, der Amerikaner, ein massiger, braunhaariger Vierzigjähriger in groben Kleidern und ein Freund von Canterbury, schäumte vor Wut. »Wäre verdammt noch mal leicht, einen von ihnen zum Reden zu bringen.« Dann entdeckten sie etwa ein Dutzend Samurai, die in einiger Entfernung auf der Straße standen und sie beobachteten. Viele trugen Bogen bei sich, und alle Ausländer wussten, wie geschickt Samurai-Bogenschützen waren.
»Ganz so leicht nicht, Dimitri«, widersprach McFay.
Pallidar, der junge Dragoneroffizier, sagte energisch: »Fertig wird man leicht mit denen, Mr McFay, ohne Genehmigung jedoch wäre es nicht geraten – es sei denn, sie greifen uns an.« Dann kommandierte er einen seiner Dragoner ab, ein Detachement mit einem Sarg aus dem Lager zu holen. »Sie sollten das umliegende Gelände durchsuchen. Sobald meine Männer eintreffen, werden sie Ihnen helfen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die beiden anderen verwundet sind und sich hier irgendwo in der Nähe befinden.«
Schaudernd deutete McFay auf den Leichnam. »Oder vielleicht tot wie er?«
»Möglich, aber hoffen wir das Beste. Sie drei nehmen diese Seite, die anderen verteilen sich und …«
»Je, Jamie«, unterbrach ihn Dimitri, dem Uniformen und Soldaten, vor allem britische, verhasst waren. »Wie wär’s, wenn wir beide nach Kanagawa weiterreiten – vielleicht wissen die in unserer Gesandtschaft etwas.«
Pallidar ignorierte seine Feindseligkeit, hatte sogar Verständnis dafür. Dimitri war Amerikaner kosakischer Abstammung, ein ehemaliger Kavallerieoffizier der U. S. Army, dessen Großvater im amerikanischen Krieg von 1812 im Kampf gegen die Briten gefallen war. »Kanagawa ist eine gute Idee, Mr McFay«, sagte er. »Dort wird man auf jeden Fall Näheres über eine große Truppe Samurai wissen, die hier durchgezogen ist, und je schneller wir die Schuldigen finden, desto besser. Der Angriff muss von einem ihrer Könige oder Fürsten befohlen worden sein. Diesmal werden wir den Bastard festnageln, und dann gnade ihm Gott.«
»Gott lasse alle Bastarde verfaulen«, ergänzte Dimitri betont.
Wieder ließ sich der prächtig uniformierte Captain nicht provozieren, ließ es aber auch nicht durchgehen. »Ganz recht, Mr Syborodin«, entgegnete er lässig. »Und jeder, der mich einen Bastard schimpft, sollte sich schnell einen Sekundanten, eine Pistole, ein Leichentuch und jemanden besorgen, der ihn beerdigt. Mr McFay, Sie haben noch viel Zeit bis zum Sonnenuntergang. Ich werde hier bleiben, bis meine Männer wiederkommen, dann werden wir uns an der Suche beteiligen. Wenn Sie in Kanagawa etwas erfahren, geben Sie mir bitte Nachricht.« Er war vierundzwanzig und vergötterte sein Regiment. Mit kaum verhohlener Verachtung musterte er die bunte Schar der Kaufleute. »Die Übrigen von Ihnen, meine … Herren …, sollten jetzt mit der Suche beginnen; verteilen Sie sich, halten Sie aber Sichtkontakt. Brown, Sie gehen mit der Gruppe und durchsuchen den Wald. Sergeant, Sie übernehmen den Befehl.«
»Jawohl, Sir. Kommen Sie mit, Sie alle!«
McFay zog seinen Mantel aus und breitete ihn über den Leichnam; dann saß er auf. Zusammen mit seinem amerikanischen Freund jagte er nordwärts auf das eine Meile entfernte Kanagawa zu.
Der Dragoner blieb allein zurück. Unbeweglich saß er neben dem Leichnam auf seinem Pferd und beobachtete die Samurai. Sie starrten zurück. Der eine hob den Bogen ein wenig an – vielleicht eine Drohung, vielleicht auch nicht. Den Säbel locker in der Scheide, blieb Pallidar regungslos sitzen. Die Sonne funkelte auf seinen Goldtressen. Die Fußgänger auf der Tokaidō eilten stumm und ängstlich an ihm vorbei. Sein Pferd scharrte den Boden und ließ mit seinen nervösen Bewegungen das Zaumzeug klirren.
Das war kein Angriff wie die anderen, die Einzelangriffe, dachte er mit wachsendem Zorn. Es wird einen Höllenaufruhr geben um diesen Angriff und diesen grausamen Mord an einem Engländer. Das bedeutet Krieg.
Wenige Stunden zuvor waren die vier am Zollhaus vorbei durchs Haupttor hinausgeritten, hatten nachlässig die Samurai-Wachtposten gegrüßt, die sich ebenso nachlässig verneigten, und waren auf schmalen Pfaden gemächlich landeinwärts in Richtung Tokaidō getrabt. Alle waren hervorragende Reiter mit schnellen Pferden.
Angélique zu Ehren trugen sie ihre besten Zylinder und Reitanzüge und wurden von jedem Mann in der Niederlassung beneidet: einhundertsiebzehn ansässige Europäer, Diplomaten, Kaufleute, Schlachter, Geschäftsinhaber, Schmiede, Schiffbauer, Waffenschmiede, Abenteurer, Glücksspieler sowie zahlreiche Taugenichtse und Müßiggänger; die meisten Briten, die Angestellten Eurasier und Chinesen, dann einige Amerikaner, Franzosen, Holländer, Deutsche, Russen, Australier und ein Schweizer; unter ihnen nur drei Frauen, alles Matronen, davon zwei Engländerinnen – Ehefrauen von Kaufleuten –, die dritte eine Madame in Drunk Town, wie das Viertel der niederen Klasse genannt wurde. Keine Kinder. Fünfzig bis sechzig chinesische Dienstboten.
John Canterbury, ein gut aussehender britischer Kaufmann mit zerfurchtem Gesicht, diente ihnen als Führer. Zweck des Unternehmens war es, Phillip Tyrer den Landweg nach Kanagawa zu zeigen, wo von Zeit zu Zeit Verhandlungen mit japanischen Amtsträgern stattfanden, weil es innerhalb des vereinbarten Niederlassungsbereichs lag. Der einundzwanzigjährige Tyrer war erst am Tag zuvor als frischgebackener Dolmetscher-Anwärter der britischen Gesandtschaft via Peking und Shanghai aus London eingetroffen.
Am Morgen hatte Malcolm Struan, als er im Klub das Gespräch der beiden hörte, gebeten: »Darf ich mitkommen, Mr Canterbury, Mr Tyrer? Es ist ein wundervoller Tag für einen Ausritt, und ich möchte Miss Richaud bitten, sich uns anzuschließen – sie hat überhaupt noch nichts von der Umgebung gesehen.«
»Es wäre uns eine Ehre, Mr Struan.« Canterbury dankte seinem Glücksstern. »Sie sind uns beide herzlich willkommen. Es ist ein schöner Ritt, aber zu sehen wird’s nicht viel geben – für die Lady.«
»Eh?«, hatte Tyrer ihn gefragt.
»Kanagawa ist seit Jahrhunderten ein viel besuchter Handelsplatz und Zwischenstation für Reisende von und nach Edo. Es gibt dort eine Menge Teehäuser, wie hier die meisten Bordelle genannt werden. Einige davon lohnen durchaus einen Besuch, obwohl wir nicht immer so willkommen sind wie in unserer eigenen Yoshiwara hinterm Sumpf.«
»Freudenhäuser?«, hatte Tyrer gefragt.
Die beiden anderen lachten über seine Miene. »Genau das, Mr Tyrer«, hatte Canterbury geantwortet. »Aber nicht so wie die Hurenhäuser oder Bordelle in London oder sonst wo auf der Welt, diese sind etwas Besonderes. Das werden Sie bald feststellen, obwohl es hier üblich ist, eine eigene Konkubine zu haben, wenn man sich das leisten kann.«
»Das könnte ich mir niemals leisten«, behauptete Tyrer.
Canterbury lachte. »Vielleicht doch. Der Wechselkurs steht Gott sei Dank zu unseren Gunsten! Townsend Harris, dieser alte Yankee, war ein gerissener alter Bastard.« Bei diesem Gedanken strahlte er. Harris war der erste amerikanische Gesandte gewesen, ernannt zwei Jahre, nachdem Commodore Perry zuerst ’52 und dann ’53 mit seinen vier Schwarzen Schiffen – den ersten Dampfschiffen in japanischen Gewässern – die Öffnung Japans zur Außenwelt erzwungen hatte. Vor vier Jahren hatte Townsend nach jahrelangen Verhandlungen Verträge aufgesetzt, die später von Major Powers ratifiziert wurden und den Zugang zu bestimmten Häfen garantierten. Darüber hinaus setzten die Verträge einen äußerst vorteilhaften Wechselkurs zwischen dem Silber-Mex – dem mexikanischen Silberdollar, die allgemeine Wechsel- und Handelswährung in Asien – und dem japanischen Gold-oban fest, wobei man sein Geld verdoppeln oder verdreifachen konnte, indem man den Mex in oban und diese dann wieder in Mex umtauschte.
»Wir essen zeitig zu Mittag, dann reiten wir los«, erklärte Canterbury. »Dann sind wir rechtzeitig zum Abendessen wieder zurück, Mr Struan.«
»Ausgezeichnet. Vielleicht leisten Sie beide mir im Speisesaal unserer Compagnie Gesellschaft? Ich gebe eine kleine Party für M’selle Richaud.«
»Herzlichen Dank. Geht es dem Tai-Pan besser?«
»Danke, viel besser. Mein Vater ist wieder fast ganz gesund.«
Die Post von gestern lautete aber anders, hatte John Canterbury beunruhigt gedacht, denn was das Noble House betraf – der Beiname, unter dem Struan and Company überall in der Welt bekannt war –, betraf sie alle. Es geht das Gerücht, dein alter Herr hätte einen weiteren Schlaganfall erlitten. Macht nichts, es kommt nicht oft vor, dass ein Mann wie ich Gelegenheit hat, mit einem echten zukünftigen Tai-Pan und einem Engel wie ihr zu sprechen. Das wird ein wundervoller Tag!
Als sie unterwegs waren, wurde er sogar noch umgänglicher. »Ach, Mr Struan, Sie … werden Sie lange bleiben?«
»Etwa eine Woche noch, dann geht’s wieder nach Hause zurück, nach Hongkong.« Struan war der Größte und Stärkste von den dreien. Blassblaue Augen, langes, zum Zopf gebundenes rötlich braunes Haar und alt für seine zwanzig Jahre. »Es gibt keinen Grund, länger zu bleiben, bei Jamie McFay ist unsere Firma in guten Händen. Er hat uns erstklassige Dienste geleistet, als er Japan für uns öffnete.«
»Ein großartiger Mann, Mr Struan, das ist er wirklich. Der Beste. Wird die Lady mit Ihnen abreisen?«
»Ach, Miss Richaud. Ich glaube, sie wird mit mir zurückkehren – ich hoffe es wenigstens. Ihr Vater bat mich, ein Auge auf sie zu haben, obwohl sie, während sie sich hier aufhält, das Mündel des französischen Gesandten ist«, antwortete er beiläufig und tat, als bemerke er nicht, dass Tyrer eifrig in ein Gespräch – auf Französisch, das er selbst nur holpernd sprach – mit Angélique vertieft und ihr schon ganz und gar verfallen war. Ich kann’s ihm nicht übel nehmen, dachte er belustigt; dann spornte er sein Pferd an, um den anderen Platz zu machen, denn vor ihnen wurde der Pfad zum Flaschenhals.
Bis auf ein paar Bambusdickichte war das Gelände eben und nur hier und da leicht bewaldet – die Bäume trugen schon Herbstfarben. Es wimmelte von Enten und anderem Flugwild. Reisfelder und -sümpfe wurden intensiv bewirtschaftet, eine Menge Land war kultiviert. Überall Bäche. Und allgegenwärtig der Geruch nach menschlichen Fäkalien, Japans einzigem Düngemittel. Angewidert hielten das junge Mädchen und Tyrer sich parfümierte Taschentücher vor die Nase, obwohl eine kühle Brise von See her den ärgsten Gestank und die Folgen der sommerlichen Luftfeuchtigkeit, Moskitos, Fliegen und andere Plagen, davontrug. Die fernen Hügel, dicht bewaldet, glichen einem Brokat aus Rot-, Gold- und Brauntönen: Buchen, rote und gelbe Lärchen, Ahorn, wilde Rhododendren, Zedern und Fichten.
»Es ist wunderschön hier, nicht wahr, M’sieur Tyrer? Schade, dass wir den Fujijama nicht deutlicher sehen können.«
»Oui, demain, il est là! Mais mon Dieu, M’selle, quelle odeur«, was für ein Geruch, erwiderte Tyrer in fließendem Französisch, einer für jeden Diplomaten unabdingbaren Sprache.
Wie unbeabsichtigt fiel Canterbury ein wenig zurück, bis er direkt neben ihr war, und verstand es sehr geschickt, den jüngeren Mann zu verdrängen. »Alles in Ordnung, M’selle?«
»O ja, vielen Dank, aber ich würde gern ein Stückchen galoppieren. Ich fühle mich so wohl außerhalb der Umzäunung.« Seit sie zwei Wochen zuvor mit Malcolm Struan zusammen an Bord des alle zwei Monate verkehrenden Struan-Dampfers eingetroffen war, hatte man dafür gesorgt, dass sie stets wohlbehütet war.
Und mit Recht, dachte Canterbury, bei all dem Gesindel von Yokohama und, seien wir ehrlich, immer wieder mal einem Piraten, der sich herumtreibt. »Auf dem Rückweg können Sie eine Runde auf der Rennbahn drehen.«
»O ja? Das wäre wunderbar! Danke.«
»Ihr Englisch ist einfach großartig, Miss Angélique, und Ihr Akzent bezaubernd. Haben Sie in England die Schule besucht?«
»Nein, Mr Canterbury.« Sie lachte, und eine heiße Woge stieg in ihm auf, so erregend wirkte ihre Schönheit auf ihn. »Ich bin noch nie in Ihrer Heimat gewesen. Mein jüngerer Bruder und ich wurden von meiner Tante und meinem Onkel erzogen. Sie war Engländerin und weigerte sich hartnäckig, Französisch zu lernen. Sie war mehr eine Mutter für mich als eine Tante.« Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. »Das war, nachdem meine Mutter bei der Geburt meines Bruders starb und mein Vater nach Asien ging.«
»Das tut mir leid.«
»Es ist lange her, M’sieur, und für mich ist meine geliebte Tante meine Mama.« Ihr Pferd zerrte an den Zügeln. Ohne nachzudenken, korrigierte sie es. »Ich hatte großes Glück.«
»Ist dies Ihr erster Besuch in Asien?«, erkundigte er sich, obwohl er die Antwort und noch sehr viel mehr kannte, aber er wollte, dass sie weitersprach. Die bruchstückhaften Informationen über sie – Klatsch, Gerüchte – hatten sich mit Lichtgeschwindigkeit unter den ihr verfallenen Männern verbreitet.
»Ja.« Ihr Lächeln ließ seine Augen aufleuchten. »Mein Vater ist ein Chinakaufmann in Ihrer Kolonie Hongkong, und ich bin während der Saison bei ihm zu Besuch. Da er ein Freund von M’sieur Seratard hier ist, hat er diesen Besuch für mich arrangiert. Vielleicht kennen Sie ihn ja, Guy Richaud von Richaud Frères?«
»Aber gewiss, ein sehr netter Gentleman«, antwortete er höflich, obwohl er ihn nicht persönlich kannte, sondern nur gehört hatte, was andere über ihn erzählten: dass dieser Guy Richaud eine Art Weiberheld und unbedeutender Ausländer war, der seit einigen Jahren in Asien lebte und sich seinen Lebensunterhalt recht mühsam verdiente. »Wir fühlen uns geehrt, dass Sie uns hier einen Besuch abstatten. Würden Sie mir erlauben, Ihnen zu Ehren im Klub ein Dinner zu geben?«
»Vielen Dank, ich werde M’sieur Seratard, meinen Gastgeber, fragen.« Angélique sah, wie Struan weiter vorn sich zu ihr umdrehte, und winkte fröhlich. »Mr Struan war so freundlich, mich hierher zu begleiten.«
»Wirklich?« Als wüssten wir das nicht alle, sagte sich Canterbury und dachte über sie nach, überlegte, wie man wohl einen solchen Schatz einfangen und festhalten und sich auch leisten konnte, fragte sich, ob der brillante junge Struan ihn sich leisten konnte, und dachte an die Gerüchte, die wissen wollten, dass der Kampf zwischen den Struans und ihren Hauptkonkurrenten Brock and Sons um die Vorherrschaft wieder aufgelebt sei, und zwar aufgrund des Amerikanischen Bürgerkriegs, der im vergangenen Jahr begonnen hatte.
Der Profit wird riesig sein, nichts fördert das Geschäft so sehr wie ein Krieg, beide Seiten gehen schon wie die Wahnsinnigen aufeinander los, und der Süden ist mehr als ein ebenbürtiger Gegner für die Union …
»Sehen Sie, da vorn, Angélique!« Struan zügelte sein Pferd und zeigte voraus. In etwa hundert Metern Entfernung am Fuß einer kleinen Erhebung lag die Hauptstraße. Sie hielt neben ihm.
»Ich hätte nie gedacht, dass die Tokaidō so breit und so belebt ist«, sagte Phillip Tyrer erstaunt.
Angélique runzelte verblüfft die Stirn. Von ein paar Pferden abgesehen gingen alle Reisenden zu Fuß. »Aber … Aber wo sind die Kutschen, die Wagen oder die Karren? Und vor allem«, platzte sie heraus, »wo sind die Bettler?«
Struan lachte. »Ganz einfach, Angélique. Sie sind, genauso wie fast alles andere hier, strengstens verboten.« Er drückte sich den Zylinder in einem etwas verwegeneren Winkel auf den Kopf. »In Japan sind Räder nicht erlaubt. Befehl des Shōgun. Keine Karren, keine Kutschen. Stellen Sie sich das vor!«
»Aber warum?«
»Weil es die sicherste Möglichkeit ist, die übrige Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Stimmt’s?«
»Allerdings.« Canterbury lachte ironisch; dann deutete er auf die Straße. »Hinzu kommt, dass jeder Hinz und Kunz da unten, ob hoch oder niedrig, Reisegenehmigungen bei sich tragen muss, selbst wenn er nur eben sein Dorf verlässt, und das gilt für die Fürsten ebenso wie für die Ärmsten. Und sehen Sie die Samurai – die Einzigen in ganz Japan, die Waffen tragen dürfen.«
»Aber ohne Postkutschen und Eisenbahnen – wie kann das Land da überhaupt funktionieren?« Tyrer war perplex.
»Auf japanische Art«, erklärte Canterbury. »Vergessen Sie nie, dass es für die Japse nur eine Art gibt, die Dinge anzupacken, und das ist ihre eigene. Die Japse sind nicht wie die anderen, schon gar nicht wie die Chinesen – eh, Mr Struan?«
»Das sind sie wirklich nicht.«
»Keine Räder – nirgends, Miss. Also muss alles – Fisch, Fleisch, Baumaterial, jeder Sack Reis, jedes Stück Holz, jeder Stoffballen, jede Teekiste, jedes Pulverfass, jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, die es sich leisten können – auf dem Rücken eines Menschen transportiert werden oder per Boot, und das heißt, auf dem Seeweg, denn es gibt hier, wie man uns sagte, keine schiffbaren Flüsse, nur Tausende von kleinen Wasserläufen.«
»Aber was ist mit den Niederlassungen? Dort sind Räder doch erlaubt, nicht wahr, Mr Canterbury?«
»Das sind sie, Miss, wir haben so viele Wagen, wie wir nur wollen, obwohl ihre Beamten geschimpft haben wie die verdammten … Verzeihung, Miss«, ergänzte er verlegen. »Wir sind hier in Asien nicht an Damen gewöhnt. Ich wollte sagen, die Japs-Beamten, bakufu genannt, die sind genauso wie die Beamten bei uns. Jahrelang haben wir darüber gestritten, bis unser Gesandter ihnen gesagt hat, sie sollen sich verp… sie sollen’s vergessen, weil unsere Niederlassung unsere Niederlassung ist! Und was die Bettler betrifft, also, die sind hier ebenfalls verboten.«
Sie schüttelte den Kopf, dass die Feder an ihrem Hut fröhlich tanzte. »Das klingt unglaublich. Paris, das ist … In Paris wimmelt’s von Bettlern, überall in Europa, man könnte das Betteln gar nicht verbieten. Mon Dieu, Malcolm, und was ist mit eurem Hongkong?«
»In Hongkong ist es am allerschlimmsten.« Malcolm Struan lächelte.
»Aber wie kann man die Bettler und das Betteln verbieten?«, erkundigte sich Tyrer verständnislos. »M’selle Angélique hat natürlich recht. Ganz Europa ist eine Bettelschale. London ist die reichste Stadt der Welt, aber sie ist überschwemmt von Bettlern.«
Canterbury lächelte seltsam. »Es gibt keine Bettler, weil der großmächtige Shōgun sagt, es wird nicht gebettelt, also ist es Gesetz. Und jeder Samurai kann jederzeit sein Schwert an jedem Bettler wetzen – oder an jedem anderen Scheißer … Pardon … oder an jedem anderen, solange er kein Samurai ist. Wenn man Sie beim Betteln erwischt, haben Sie das Gesetz übertreten, also ab ins Loch, ins Gefängnis, und wenn man mal dort ist, gibt es nur eine einzige Strafe, und zwar den Tod. Das ist ebenfalls Gesetz.«
»Nichts anderes?«, fragte das junge Mädchen entsetzt.
»Leider nicht. Deswegen sind die Japaner außergewöhnlich gesetzestreu.« Wieder lachte Canterbury ironisch, warf einen Blick auf die Straße zurück und zügelte eine halbe Meile weiter unvermittelt sein Pferd vor einem breiten, flachen Wasserlauf, den jeder Passant durchqueren musste, es sei denn, er ließ sich tragen. Am anderen Ufer befand sich ein Schlagbaum, vor dem sie den unvermeidlichen Samurai-Wachtposten unter tiefen Verbeugungen ihre Papiere präsentierten.
Verdammte Schweine, dachte Canterbury, weil er sie hasste, obwohl er das Vermögen, das er hier verdiente, durchaus liebte – genau wie seinen Lebensstil, der sich um Akiko drehte, die jetzt seit einem Jahr seine Geliebte war. Ach ja, mein Schatz, du bist die Beste, die Außergewöhnlichste, die Liebste der ganzen Yoshiwara.
»Sehen Sie doch«, sagte sie. Auf der Tokaidō hatten ganze Gruppen von Passanten angehalten und deuteten in ihre Richtung, starrten sie an und redeten laut. Aus vielen Gesichtern sprachen Hass und Angst.
»Beachten Sie sie einfach nicht, Miss, unser Anblick ist ihnen fremd, das ist alles, sie wissen’s nicht besser. Sie sind vermutlich die erste zivilisierte Frau, die sie jemals zu sehen bekommen haben.« Canterbury zeigte nach Norden. »Dahinten liegt Edo, ungefähr zwanzig Meilen entfernt. Aber es ist natürlich verboten.«
»Es sei denn für offizielle Delegationen«, warf Tyrer ein.
»Ganz recht, aber nur mit Genehmigung, und die hat Sir William kein einziges Mal erhalten, nicht, solange ich hier bin, und ich war einer der Ersten. Wie es heißt, soll Edo doppelt so groß wie London sein, Miss, und über eine Million Seelen zählen und dabei über einen fantastischen Reichtum verfügen, und das Schloss des Shōgun ist angeblich das größte von der ganzen Welt.«
»Könnte das gelogen sein, Mr Canterbury?«, erkundigte sich Tyrer.
Der Kaufmann strahlte. »Mächtige Lügner, alle zusammen, und das ist die reine Wahrheit, Mr Tyrer, die besten, die’s jemals gegeben hat; neben ihnen wirken die Chinesen wie der Erzengel Gabriel. Ich beneide Sie nicht darum, dass Sie übersetzen müssen, was die sagen, denn das wird nicht das sein, was sie meinen!« Sonst war er nicht so redselig, aber er wollte sie und Malcolm Struan, solange er die Gelegenheit dazu hatte, unbedingt mit seinem Wissen beeindrucken. Das viele Gerede hatte ihn sehr durstig gemacht. In seiner Satteltasche steckte zwar ein flacher Silberflacon, aber er sagte sich bedauernd, dass es von schlechten Manieren zeugte, wenn er vor ihren Augen Whisky aus der Flasche trank.
»Könnten wir die Genehmigung erhalten, in dieses Edo hineinzureiten, Malcolm?«, erkundigte sie sich.
»Das möchte ich bezweifeln. Warum fragen Sie nicht M’sieur Seratard?«
»Das werde ich.« Wie sie bemerkte, hatte er den Namen korrekt ausgesprochen, ohne das »d«, wie sie es ihn gelehrt hatte. Gut, dachte sie und richtete den Blick wieder auf die Tokaidō. »Wo endet sie eigentlich, diese Straße?«
Nach einer merkwürdigen Pause antwortete Canterbury: »Das wissen wir nicht. Das ganze Land ist uns ein Rätsel, und die Japse wollen anscheinend, dass das so bleibt. Sie mögen uns nicht, keinen von uns. Gai-Jin nennen sie uns, Ausländer, Fremde.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Sie haben Japan fester geschlossen gehalten als einen Mückena… seit zweieinhalb Jahrhunderten geschlossen gehalten, bis Old Mutton Chops Perry es vor neun Jahren aufgesprengt hat«, erläuterte er voll Bewunderung. »Die Tokaidō endet in einer großen Stadt, heißt es, einer Art heiligen Stadt namens Kiōto oder Kyōto, wo ihr Oberpriester lebt, mikado genannt. So heilig und so geheim ist diese Stadt, dass sie für alle bis auf ein paar ganz besondere Japaner verboten ist.«
»Diplomaten dürfen landeinwärts reisen«, widersprach Tyrer scharf. »Das steht im Vertrag, Mr Canterbury.«
Der Kaufmann nahm den Seidenzylinder ab, auf den er außergewöhnlich stolz war, und trocknete sich die Stirn – fest entschlossen, sich durch diesen jungen Mann nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Du eingebildeter, kleiner Mistkerl mit deiner hochnäsigen Stimme, dachte er. Mit den Händen zerquetschen könnte ich dich und dabei nicht mal furzen müssen. »Kommt ganz drauf an, wie man den Vertrag interpretiert und ob Sie den Kopf auf den Schultern behalten wollen. Ich würde Ihnen raten, das vereinbarte sichere Gebiet nicht zu verlassen, und das sind ein paar Meilen nordwärts und südwärts und landeinwärts, was immer im Vertrag stehen mag – vorläufig jedenfalls, und nicht ohne ein oder zwei Regimenter.« Trotz seines guten Vorsatzes war er von der geschwungenen Kurve ihrer vollen Brüste unter der grünen, eng anliegenden Jacke fasziniert. »Wir sind hier leider festgenagelt, aber das ist nicht weiter schlimm. Genauso wie in unserer Niederlassung bei Nagasaki, zweihundert leagues weiter westlich.«
»›Leagues‹? Das verstehe ich nicht«, sagte sie und verbarg geschickt ihre Belustigung und Freude über die Gelüste der Männer, die sie umgaben. »Bitte?«
»Eine league sind annähernd drei Meilen, M’selle«, erklärte Tyrer wichtigtuerisch. Er war hochgewachsen und geschmeidig, erst jüngst von der Universität gekommen und hingerissen von ihren blauen Augen und ihrer Pariser Eleganz. »Was, äh, sagten Sie, Mr Canterbury?«
Der Kaufmann riss seine Aufmerksamkeit von ihrem Busen los. »Nur, dass es auch nicht viel bringen würde, wenn die anderen Häfen geöffnet würden. Wenn wir einen richtigen Handel aufbauen wollen, werden wir sehr bald auch aus ihnen ausbrechen müssen, was das auch bedeuten mag.«
Tyrer warf ihm einen scharfen Blick zu. »Sie meinen Krieg?«
»Warum nicht? Wozu sind die Flotten da? Und die Armeen? Es funktioniert doch wunderbar – in Indien, China, überall. Wir sind das britische Empire, das größte und beste, das es jemals auf Erden gegeben hat. Wir sind hier, um Handel zu treiben, und zugleich können wir ihnen Recht und Ordnung beibringen und eine anständige Zivilisation.« Verärgert über die Feindseligkeit auf der Straße, warf Canterbury einen Blick zurück. »Hässliches Volk, nicht wahr, Miss?«
»Mon Dieu, ich wünschte, sie würden uns nicht so anstarren.«
»Ich fürchte, daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Es ist überall dasselbe. Wie Mr Struan sagte, in Hongkong ist es am schlimmsten. Trotzdem, Mr Struan«, fuhr er mit unvermittelter Hochachtung fort, »möchte ich Ihnen sagen, was wir hier brauchen, ist unsere eigene Insel, unsere eigene Kolonie, und nicht einen fauligen, stinkigen Meilenstreifen verrotteter Küste, der nicht zu verteidigen ist und sofort Opfer eines Überfalls sein würde, wenn wir unsere Flotte nicht hätten! Wir sollten uns auch so eine Insel holen, wie sich Ihr Granddad, Gott segne ihn, damals Hongkong geholt hat.«
»Möglicherweise werden wir genau das tun«, gab Malcolm Struan zuversichtlich zurück, voll dankbarer Erinnerung an seinen berühmten Vorfahren, den Tai-Pan Dirk Struan, Begründer ihrer Compagnie und Hauptgründer der Kolonie Hongkong vor über zwanzig Jahren anno ’41.
Ohne zu wissen, was er tat, holte Canterbury seinen kleinen Flacon heraus, setzte ihn an und trank; dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und steckte den Flacon wieder ein. »Reiten wir weiter, ich werde führen. Falls notwendig, reiten wir einer hinter dem anderen, und vergesst die Japse! Mr Struan, Sie reiten vielleicht neben der jungen Lady, und Mr Tyrer, Sie übernehmen den Schluss.« Höchst zufrieden mit sich selbst spornte er sein Pferd zu einem flotten Schritttempo an.
Als Angélique neben ihm aufholte, erschien ein Lächeln auf Struans Gesicht. Er war vom ersten Moment an, als er sie vier Monate zuvor in Hongkong kennengelernt hatte, vom ersten Tag an, als sie eingetroffen war, um die Insel im Sturm zu erobern, unverhohlen in sie verliebt gewesen. Blondes Haar, makellose Haut, tiefblaue Augen und eine hübsche Stupsnase in einem ovalen Gesicht, das durchaus nicht niedlich war, sondern eine seltsame, atemberaubende Attraktion ausstrahlte, sehr pariserisch, Unschuld und Jugend überlagert von einer spürbaren, ständigen, wenn auch unbewussten Sinnlichkeit, die befriedigt werden wollte. Und dies in einer Welt der Männer ohne mannbare Frauen, viele von ihnen steinreich, doch ohne große Hoffnung, in Asien eine Frau zu finden, und ganz gewiss nicht eine wie sie. »Achten Sie nicht auf die Eingeborenen, Angélique«, flüsterte er ihr zu, »die fühlen sich durch uns nur eingeschüchtert.«
Sie lächelte. Und neigte den Kopf wie eine Monarchin. »Merci, M’sieur, vous êtes très gentil.«
Struan war überaus zufrieden und inzwischen sehr, sehr sicher. Das Schicksal, Joss, hat uns zusammengeführt, dachte er freudig erregt und überlegte schon, wann er ihren Vater um ihre Hand bitten wollte. Warum nicht Weihnachten? Im Frühling könnten wir dann heiraten und im Großen Haus auf dem Peak in Hongkong leben. Mutter und Vater lieben sie schon jetzt, das weiß ich, mein Gott, ich hoffe, es geht ihm wirklich besser. Wir werden eine riesige Weihnachtsparty geben, die schönste von allen …
Sobald sie auf der Straße waren, kamen sie gut vorwärts und achteten darauf, den Verkehr nicht zu behindern. Doch ob sie wollten oder nicht, sie verursachten immer wieder Verkehrsstauungen, denn die große Mehrheit der ungläubig starrenden Japaner hatte noch nie Menschen dieser Größe, Gestalt und Farbe gesehen, noch nie Zylinder und Gehröcke, Röhrenhosen und Reitstiefel, Reitkleid und Damenhut mit kecker Feder, noch nie einen Damensattel …
Canterbury und Struan ließen nicht ab, die Straße aufmerksam zu beobachten, während die Entgegenkommenden an ihnen vorbei- und um sie herumströmten, ihnen dabei jedoch immer genügend Platz zum Weiterreiten ließen. Keiner der beiden Männer witterte oder erwartete Gefahr. Angélique hielt sich dicht neben ihnen, versuchte, das Gelächter und das Gestarre und die gelegentliche Hand zu ignorieren, die sie zu berühren versuchte, und war schockiert darüber, wie viele Männer achtlos ihren Kimono schürzten und dabei dürftige Lendentücher und eine Menge Nacktheit entblößten. »Liebste Colette, Du wirst es nicht glauben«, setzte sie in Gedanken den Brief an ihre beste Freundin in Paris fort, den sie am Abend zu beenden gedachte, »aber der größte Teil der Unmengen von Lastträgern auf der öffentlichen Straße trägt nur diese winzigen Lendentücher, die vorn so gut wie gar nichts verhüllen und hinten zwischen den Gesäßbacken zu einer dünnen Schnur werden! Das ist die Wahrheit, ich schwöre es dir, und ich kann berichten, dass viele Eingeborene ziemlich behaart sind, obwohl die meisten ihrer Glieder klein sind. Ich frage mich, ob Malcolm …«
Sie spürte, wie sie errötete. »Die Hauptstadt, Phillip«, fragte sie, um Konversation zu machen, »stimmt es, dass sie verboten ist?«
»Nicht laut Vertrag.« Tyrer war hocherfreut. Schon nach wenigen Minuten hatte sie das M’sieur weggelassen. »Der Vertrag sieht vor, dass alle Gesandtschaften in Edo, der Hauptstadt, etabliert sein müssen. Wie ich hörte, haben wir Edo letztes Jahr nach dem Überfall auf unsere Gesandtschaft verlassen. Weil es in Yokohama, im Schutz der Schiffsgeschütze, sicherer ist.«
»Überfall? Was für ein Überfall?«
»Ach, von ein paar Wahnsinnigen, die ronin genannt werden – das sind so eine Art Banditen, Mörder. Ein Dutzend von ihnen hat unsere Gesandtschaft mitten in der Nacht überfallen. Die britische Gesandtschaft! Eine Unverschämtheit! Diese Teufel haben einen Sergeant und einen Wachtposten umgebracht …«
Er unterbrach sich, weil Canterbury von der Straße abbog, sein Pferd zügelte und mit der Reitgerte nach vorn zeigte. »Sehen Sie, da!«
Sie hielten neben ihm. Jetzt sahen sie die hohen, schmalen Banner über den Reihen der Samurai, die ihnen in einer Entfernung von einigen Hundert Metern um eine Biegung herum entgegenmarschiert kamen. Sämtliche Reisenden stoben auseinander, Bündel und Sänften wurden abseits des Weges hastig fallen gelassen, Reiter saßen eilig ab, und dann knieten alle – Männer, Frauen und Kinder – am Straßenrand nieder, neigten den Kopf bis auf den Boden und verharrten regungslos. Nur einige Samurai blieben stehen. Doch als die Kolonne vorüberzog, verneigten auch sie sich ehrfürchtig.
»Wer ist das, Phillip?«, erkundigte sich Angélique aufgeregt. »Können Sie die Schrift entziffern?«
»Noch nicht, tut mir leid, M’selle. Es heißt, dass man Jahre braucht, um ihre Schrift lesen und schreiben zu lernen.« Bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die vor ihm lag, verpuffte Tyrers Glücksgefühl.
»Könnte es der Shōgun sein?«
Canterbury lachte. »Keine Chance. Wenn er es wäre, hätten sie die ganze Gegend abgesperrt. Es heißt, dass er ständig einhunderttausend Samurai zur sofortigen Verfügung hat. Aber es dürfte ein bedeutender Mann sein, ein König.«
»Was tun wir, wenn sie hier vorbeikommen?«, wollte sie wissen.
»Wir werden ihnen den königlichen Gruß erweisen«, erklärte Struan. »Wir ziehen den Hut und rufen dreimal Hurra. Und was werden Sie tun?«
»Ich, chéri?« Sie lächelte; sie mochte ihn, dachte aber auch an das, was ihr Vater in Hongkong zu ihr gesagt hatte, bevor sie nach Yokohama abgereist war: »Ermutige diesen Malcolm Struan, aber behutsam, mon petit choux. Ich habe es schon getan, diskret natürlich. Er wäre eine wunderbare Partie für dich, deswegen befürworte ich diese Besichtigungstour nach Yokohama ohne Anstandsdame, vorausgesetzt, er begleitet dich auf einem seiner Schiffe. In drei Tagen wirst du achtzehn, Zeit, dass du endlich heiratest. Ich weiß, er ist erst knapp zwanzig und ein wenig jung für dich, aber er ist intelligent, der älteste Sohn, in einem Jahr wird er das Noble House erben – es heißt, dass Culum, sein Vater, weit kränker ist, als die Compagnie öffentlich zugeben will.«
»Aber er ist Engländer«, hatte sie nachdenklich eingewandt. »Die hasst du doch, Papa, und sagst immer, wir müssten sie auch hassen. Das stimmt doch, oder?«
»Ja, mon petit choux, aber nicht öffentlich. England ist das reichste Land der Welt, das mächtigste, in Asien sind sie Könige, und Struan’s ist das Noble House – Richaud Frères ist klein. Wir würden unendlich davon profitieren, wenn wir ihre Geschäfte in Frankreich hätten. Mach ihm doch bitte diesen Vorschlag.«
»Das kann ich nicht, Papa, das wäre … Ich kann’s nicht, Papa.«
»Du bist jetzt eine Frau und kein Kind mehr, mein Kleines. Du musst ihn betören, dann wird er es von selbst vorschlagen. Unsere Zukunft hängt von dir ab. Bald wird Malcolm Struan der Tai-Pan sein. Und du, du könntest alles mit ihm teilen …«
Selbstverständlich würde ich einen solchen Ehemann anbeten, dachte sie, wie klug Papa ist! Wie wundervoll, Französin und daher überlegen zu sein! Es ist leicht, diesen Malcolm mit seinen seltsamen Augen zu mögen, vielleicht sogar zu lieben. Ach, ich hoffe so sehr, dass er mich fragt.
Sie seufzte und wandte ihre Aufmerksamkeit der Gegenwart zu. »Ich werde den Kopf neigen, wie wir es im Bois vor Seiner Majestät, dem Kaiser Louis Napoleon, tun. Was ist denn, Phillip?«
»Vielleicht sollten wir lieber umkehren«, meinte Tyrer voll Unbehagen. »Alle sagen, dass sie nervös werden, wenn wir uns in der Nähe ihrer Fürsten aufhalten.«
»Unsinn!«, widersprach Canterbury. »Es besteht keine Gefahr. Es hat noch nie einen Massenangriff gegeben – wir sind hier nicht in Indien oder Afrika, oder China. Wie ich schon sagte, sind die Japaner äußerst gesetzestreu. Wir halten uns innerhalb der Vertragsgrenzen auf und werden tun, was wir immer tun: sie einfach ruhig vorbeimarschieren lassen, höflich den Hut ziehen wie vor jedem Potentaten und dann weiterreiten. Sind Sie bewaffnet, Mr Struan?«
»Selbstverständlich.«
»Ich nicht«, sagte Angélique schmollend, während sie die Banner beobachtete, die inzwischen nur noch knapp einhundert Meter entfernt waren. »Ich finde, wenn Männer Pistolen tragen, sollten Frauen das ebenfalls tun dürfen.«
Alle waren zutiefst entsetzt. »Unmöglich! Tyrer?«
Ein wenig verlegen zeigte Tyrer Canterbury seine kleine Derringer. »Ein Abschiedsgeschenk von meinem Vater. Aber ich habe noch nie damit geschossen.«
»Das wird auch jetzt nicht nötig sein, nur vor den einzelnen Samurai müssen Sie sich in Acht nehmen, entweder allein oder zu zweit, denn das sind die fremdenfeindlichsten Fanatiker. Und vor den Ronin«, ergänzte er dann, ohne nachzudenken. »Keine Angst, wir haben seit über einem Jahr keine Probleme mehr gehabt.«
»Probleme? Was für Probleme?«, fragte sie.
»Ach, nichts«, antwortete er abwehrend. Er wollte sie nicht beunruhigen und versuchte, den Ausrutscher zu kaschieren. »Ein paar Überfälle von einzelnen Fanatikern – nichts Wichtiges.«
Sie runzelte die Stirn. »Aber M’sieur Tyrer sagte, es hätte einen Massenangriff auf Ihre britische Gesandtschaft gegeben, und mehrere Soldaten seien getötet worden. Ist das nicht wichtig?«
»Das war wichtig.« Canterbury lächelte verkniffen zu Tyrer hinüber, der sofort begriff: Du bist ein verdammter Idiot, einer Dame etwas Wichtiges mitzuteilen! »Aber das war eine einzelne Bande von Halsabschneidern. Die Shōgunats-Bürokratie hat geschworen, dass sie sie schnappen und bestrafen wird.«
Sein Ton klang überzeugend, aber er fragte sich, wie weit Struan und Tyrer von der Wahrheit unterrichtet waren: im ersten Jahr fünf Männer auf den Straßen von Yokohama ermordet; im folgenden Jahr ein Offizier und ein Matrose, beides Russen, zu Tode gehackt; ein paar Monate später zwei holländische Kaufleute; dann der junge Dolmetscher an der britischen Gesandtschaft in Kanagawa von hinten erdolcht und liegen gelassen, bis er verblutet war; Heusken, der Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft, in zwölf Stücke zerhackt, als er nach einem Dinner in der preußischen Gesandtschaft nach Hause fuhr; und letztes Jahr ein britischer Soldat und Sergeant vor dem Schlafzimmer des Generalkonsuls niedergestochen!
Jeder Mord geplant und nicht provoziert, dachte er zornig, und begangen von einem Zweischwertkämpfer. Kein einziges Mal sind sie vorher provoziert worden – und, viel schlimmer noch, kein einziges Mal ist je so ein Bastard von der allmächtigen Bakufu des Shōgun erwischt und bestraft worden, sosehr die Gesandtschafts-Oberhäupter auch Zeter und Mordio geschrien und soviel die Japse uns auch versprochen haben. Unsere Vorgesetzten sind ein Haufen verdammter Idioten! Sie hätten sofort die Flotte herbeikommandieren und Edo dem Erdboden gleichmachen lassen sollen, dann hätte es endgültig ein Ende mit diesem Terror, wir könnten ohne Wachtposten sicher in unseren Betten schlafen und ohne Angst auch dann auf die Straße gehen, wenn Samurai in der Nähe sind. Diplomaten sind Arschkriecher, und dieses junge Plappermaul ist ein perfektes Exemplar davon.
Stirnrunzelnd musterte er die Banner, versuchte, die Schriftzeichen zu enträtseln. Sobald die Kolonne vorübergezogen war, rappelten sich die Reisenden wieder auf und setzten ihren Weg fort. Jene, die in dieselbe Richtung wollten wie der Zug, folgten ihm in respektvollem Abstand.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie selbst, vier Personen, hoch zu Pferde über den unregelmäßigen Reihen der knienden Gestalten an beiden Straßenrändern, den Kopf im Staub, den Hintern in die Höhe gereckt. Die drei Männer, verlegen, weil sie dabei war, sie ebenso verlegen wie die Männer, versuchten, diese Nacktheit zu ignorieren.
Unerbittlich rückten die Reihen der Samurai-Banner näher. Es waren zwei Abteilungen, jede etwa einhundert Mann stark, dann weitere Flaggen und dichte Reihen, die eine schwarz lackierte, von acht schwitzenden Männern getragene Sänfte umringten. Dahinter noch einmal Banner und Samurai, anschließend weitere Packpferde und zuletzt eine bunte Menge schwer beladener Lastträger. Alle Samurai trugen graue Kimonos mit demselben Emblem – drei übereinandergreifende Päonien –, das auch auf den Bannern prangte. Dazu unter dem Kinn gebundene Strohhüte sowie zwei Schwerter im Gürtel, ein kurzes, ein langes. Einige trugen Pfeile und Bogen über der Schulter, Einzelne sogar Vorderlader. Manche waren kostbarer gekleidet als die anderen.
Die Kolonne rückte näher.
Mit wachsendem Schrecken sahen Struan und die anderen, was in allen Blicken geschrieben stand, die sich auf sie richteten: Wut. Struan war der Erste, der den Bann brach. »Ich denke, wir sollten uns lieber ein Stück zurückziehen …«
Bevor sich jedoch einer von ihnen rühren konnte, löste sich ein junger, breitschultriger Samurai aus den Reihen und kam, dicht gefolgt von einem anderen, auf sie zugestürmt, um sich zwischen ihnen und der herankommenden Sänfte aufzubauen. An seiner Wut beinahe erstickend, schleuderte der Erste sein Banner zu Boden und versuchte, die Fremden laut brüllend zu verscheuchen, konnte sie mit seinem plötzlichen, flammenden Zorn jedoch nur lähmen. Die Kolonne stockte, nahm dann ihren Gleichschritt wieder auf und zog weiter an ihnen vorbei. Die Knienden rührten sich nicht. Nun aber lastete eine schwere, unheimliche Stille über ihnen, durchbrochen nur vom Geräusch der marschierenden Füße.
Wieder begann der Samurai, sie zu beschimpfen. Canterbury war ihm am nächsten. Krank vor Angst, gab er seinem Pferd die Sporen, das sich jedoch, entgegen seiner Absicht, der Sänfte zudrehte statt von ihr fort. Sofort riss der Samurai das Schwert aus der Scheide, rief: »Sonno-joi!«, und hieb mit aller Kraft zu. Gleichzeitig stürzte sich der andere auf Struan.
Der Hieb trennte Canterburys rechten Arm unmittelbar über dem Bizeps ab und schlitzte seine Seite auf. Ungläubig starrte der Kaufmann auf den Stumpf, aus dem das Blut spritzte und das junge Mädchen besudelte. Wieder wurde das Schwert in blindwütigem Bogen geschwungen. Struan tastete hilflos nach seinem Revolver, als ihn der andere Samurai mit hocherhobener Klinge angriff. Eher aus Zufall als mit Absicht drehte er sich blitzschnell aus dem Bereich des Schwertstreichs, der ihn leicht am linken Bein verwundete und dem Pferd in die Schulter drang. Das Pferd wieherte auf, stieg erschrocken und schleuderte den Mann zur Seite. Struan zielte und schoss mit dem kleinen Colt, aber das Pferd stieg abermals, und die Kugel pfiff wirkungslos durch die Luft. Krampfhaft versuchte er, das Tier ruhig zu halten und noch einmal zu zielen, ohne zu merken, dass ihn nunmehr der erste Mann von seiner blinden Seite her anzugreifen versuchte.
»Vorsiiicht!«, kreischte Tyrer, der endlich wieder zum Leben erwachte. Alles hatte sich so blitzschnell abgespielt, dass er fast glaubte, er bilde sich das Ganze nur ein – Canterbury, der sich vor Schmerzen auf dem Boden wand, sein Pferd in voller Flucht, das junge Mädchen gelähmt vor Schreck im Sattel, Struan, der zum zweiten Mal mit der Waffe zielte, und das tödliche Schwert hocherhoben über seinem ungeschützten Rücken. Er sah, wie Struan auf seinen Warnruf reagierte, das vor Angst rasende Pferd bei seiner Berührung scheute und der Hieb, der ihn hätte töten können, irgendwie vom Zügel oder Sattelknauf abgelenkt wurde und ihm in die Seite drang. Struan schwankte im Sattel und stieß ein lautes Schmerzgeheul aus.
Das elektrisierte Tyrer. Er setzte seine Sporen ein und stürmte Struans Angreifer entgegen. Der Mann sprang unbeschadet zur Seite, entdeckte das junge Mädchen und lief mit hocherhobenem Schwert auf sie zu. Tyrer, der seinem verängstigten Pferd die Sporen gab, sah plötzlich, dass Angélique dem herannahenden Samurai vor Schrecken erstarrt entgegenblickte. »Fliehen Sie, holen Sie Hilfe!«, schrie er und versuchte, den Mann von Neuem zu rammen, der sich abermals zur Seite warf, flink und geschickt Fuß fasste und mit gezücktem Schwert in Angriffsposition stehen blieb.
Der Ablauf der Zeit verlangsamte sich. Phillip Tyrer wusste, dass er tot war. Aber das schien keine Rolle zu spielen, denn in diesem kurzen Augenblick sah er, wie Angélique ihr Pferd herumwarf und unverletzt davonjagte. Er hatte seine Derringer vergessen. Für ihn gab es weder Raum noch Zeit genug zur Flucht.
Einen Sekundenbruchteil lang zögerte der junge Samurai, genoss den Moment des Tötens – und sprang zu. Hilflos versuchte Tyrer zurückzuweichen. Dann erfolgte die Explosion, die Kugel schleuderte den Mann zu Boden, das Schwert verfehlte sein Ziel, verletzte Tyrer zwar am Arm, schlug ihm aber keine ernsthafte Wunde.
Einen Moment vermochte Tyrer nicht zu glauben, dass er noch lebte; dann sah er, wie Struan, dem das Blut aus der Wunde in seiner Seite floss, im Sattel herumfuhr und die Waffe auf den anderen Samurai richtete, während sein vor Angst rasendes Pferd bockte und stieg.
Wieder drückte Struan ab, die Waffe direkt neben dem Ohr des Pferdes, das durch die Explosion in Panik geriet und so verängstigt davonjagte, dass Struan sich kaum im Sattel zu halten vermochte. Als der Samurai ihn einzuholen versuchte, nutzte Tyrer diese Chance, um seinem Pferd die Sporen zu geben, die Straße hinter sich zu lassen und den beiden in nördlicher Richtung zu folgen.
»Sonno-joiiii!«, schrie ihnen der Samurai nach, erzürnt, dass sie ihm entkommen waren.
John Canterbury lag im Dreck, vor Schmerzen gekrümmt und stöhnend, nicht weit entfernt von einigen vor Entsetzen erstarrten Passanten, die noch immer mit tief geneigtem Kopf auf dem Boden knieten. Wütend versetzte der junge Samurai Canterburys Zylinder einen Tritt und enthauptete den Kaufmann mit einem einzigen Hieb. Dann reinigte er seine Klinge sorgfältig am Gehrock des Toten und steckte sie in die Scheide zurück.
Ständig zog währenddessen die Kolonne vorbei, als sei nichts geschehen, mit tausend Augen, die alles wahrnahmen und doch nichts sahen. Und auch von den Passanten hob kein Einziger den Kopf.
Der andere junge Samurai saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, hielt sich die Schulter und versuchte, während das Schwert noch blutig quer über seinem Schoß lag, mit seinem Kimono das Blut zu stillen. Sein Landsmann ging zu ihm hin, half ihm auf und säuberte das Schwert am Kimono des nächstbesten Reisenden, einer alten Frau, die vor Angst zitterte, den Kopf aber nicht vom Boden hob.
Beide Männer waren jung und von kräftiger Statur. Sie lächelten einander zu; dann untersuchten sie gemeinsam die Wunde. Die Kugel war glatt durch den Muskel des Oberarms gegangen. Kein Knochen verletzt. Shorin, der Ältere, sagte: »Die Wunde ist sauber, Ori.«
»Wir hätten sie alle töten sollen.«
»Karma.«
Inzwischen zog die Gruppe der Samurai mitsamt den acht verängstigten Sänftenträgern vorüber, doch alle taten, als gäbe es weder die beiden Samurai noch den zerstückelten Leichnam.
Die beiden jungen Männer verneigten sich in tiefer Ehrfurcht. Das winzige Seitenfenster der Sänfte wurde ganz kurz geöffnet und dann sofort wieder zugeschoben.
Hier, Mr Struan, trinken Sie das«, sagte der Arzt, der vor dem Feldbett stand. Sie befanden sich im Operationsraum der britischen Gesandtschaft in Kanagawa, und es war ihm inzwischen gelungen, die Blutungen weitgehend zum Stillstand zu bringen. Tyrer saß am Fenster auf einem Stuhl. Die beiden waren vor einer halben Stunde eingetroffen. »Danach wird es Ihnen besser gehen.«
»Was ist das?«
»Ein Zaubertrank – hauptsächlich Laudanum, meine ganz persönliche Tinktur aus Opium und Morphin. Er wird Ihre Schmerzen stillen. Ich muss Sie leider ein bisschen zusammenflicken, doch keine Sorge, ich werde Sie mit Äther einschläfern.«
Eine Woge von Angst stieg in Struan auf. Äther war in der Chirurgie erst kürzlich eingeführt und hoch gelobt worden, befand sich aber immer noch im Versuchsstadium. »Ich habe … Ich bin noch nie operiert worden, und ich glaube … ich glaube nicht …«
»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. In den richtigen Händen sind Narkotika absolut ungefährlich.« Dr. George Babcott war achtundzwanzig, über eins neunzig groß und entsprechend proportioniert. »Ich habe Äther und Chloroform in den letzten fünf bis sechs Jahren häufig benutzt, und zwar mit ausgezeichneten Ergebnissen. Glauben Sie mir, Sie werden nichts spüren, und für den Patienten ist die Narkose ein Gottesgeschenk.«
»Er hat recht, Mr Struan«, bestätigte Tyrer, der zu helfen versuchte, obwohl ihm klar war, dass es vergeblich sein würde. Sein Arm war bereits mit Jod bepinselt, genäht und verbunden worden und hing in einer Schlinge, und er dankte dem Schicksal, dass seine Wunde relativ oberflächlich war. »An der Universität hatte ich einen Kommilitonen, der mir erzählte, man habe ihm den Blinddarm mit Chloroform herausgenommen, und er habe überhaupt nichts gespürt.« Doch der Gedanke an eine Operation – und den Wundbrand, der nur allzu oft darauf folgte – ängstigte auch ihn.
»Vergessen Sie nicht, Mr Struan«, sagte Babcott, »es ist fast fünfzehn Jahre her, dass Dr. Simpson anfing, bei Operationen Chloroform zu verwenden. Seitdem haben wir eine Menge gelernt. Ich habe an der Royal Infirmary ein Jahr lang bei ihm studiert, bevor ich auf die Krim geschickt wurde.« Seine Miene verdunkelte sich. »Auch da habe ich eine Menge gelernt. Nun, der Krimkrieg ist vorüber, also keine Sorge, und wenn Sie Glück haben, wird Ihnen das freundliche Laudanum sogar ein paar erotische Träume schenken.«
»Und wenn ich keins habe?«
»Sie haben Glück. Sie haben beide sehr großes Glück gehabt.«
Trotz seiner Schmerzen zwang Struan sich zu einem gequälten Lächeln. »Wir haben Glück, dass wir Sie hier gefunden haben, so viel steht fest.« Instinktiv auf Babcott vertrauend, trank er die farblose Flüssigkeit und sank, vor Schmerzen fast besinnungslos, wieder zurück.
»Nun werden wir Mr Struan ein bisschen Ruhe gönnen«, schlug Babcott vor. »Sie sollten mitkommen, Mr Tyrer, wir haben einiges zu tun.«
»Selbstverständlich, Doktor. Struan, kann ich Ihnen etwas bringen, irgendetwas für Sie tun?«
»Nein … Nein, danke. Sie brauchen nicht auf mich zu warten.«
»Unsinn! Selbstverständlich warte ich.« Nervös folgte Tyrer dem Arzt hinaus und schloss die Tür. »Wird er es überstehen?«
»Ich weiß es nicht. Zum Glück sind Samuraiklingen immer sehr sauber und schneiden so scharf wie ein Skalpell. Entschuldigen Sie mich eine Minute. Da ich heute Nachmittag der einzige Beamte hier bin, sollte ich mich nun, nachdem ich alles getan habe, was medizinisch möglich ist, wie ein Repräsentant Ihrer Britischen Majestät verhalten.«
