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Der epische Roman über die Gründung Hongkongs vom Großmeister des historischen Romans, James Clavell "Tai-Pan" spielt im Jahr 1842 nach dem Ende des Ersten Opiumkriegs, einer Zeit dramatischer politischer Umwälzungen und wirtschaftlicher Möglichkeiten. Der Schotte Dirk Struan gelangt an Bord eines Handelsschiffes nach China, und steigt dort zum Oberhaupt von Struan & Company auf, dem mächtigsten Handelshaus in Asien. Als "Tai-Pan" ist Struan eine ebenso einflussreiche wie charismatische Figur, deren Geschick und Mut entscheidend für den Erfolg seines Unternehmens sind. Vor dem Hintergrund der Gründung der britischen Kolonie Hongkong wagt Struan alles, um sein Imperium zu sichern und auszubauen. Er navigiert durch ein Geflecht aus politischen Intrigen, rivalisierenden Handelshäusern und den sensiblen Beziehungen zu den chinesischen Behörden. James Clavell entführt die Leser*innen in eine Welt voller Gefahren, Leidenschaft und unvermeidlicher kultureller Konflikte, die eindrucksvoll die Dynamik des Handels und der internationalen Beziehungen im Ostasien des 19. Jahrhundert widerspiegeln. Wie alle Romane der Asien-Saga von James Clavell wurde auch "Tai-Pan" zu einem Weltbestseller, der bis heute Millionen von Leser*innen begeistert hat. Der komplette Asien-Zyklus besteht aus - Shogun - Tai-Pan - Gai-Jin - King Rat
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Seitenzahl: 1426
Veröffentlichungsjahr: 2025
James Clavell
Übersetzt von Werner von Grünau
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der epische Roman über die Gründung Hongkongs vom Großmeister des historischen Romans, James Clavell
»Tai-Pan« spielt im Jahr 1842 nach dem Ende des Ersten Opiumkriegs, einer Zeit dramatischer politischer Umwälzungen und wirtschaftlicher Möglichkeiten.
Der Schotte Dirk Struan gelangt an Bord eines Handelsschiffes nach China, und steigt dort zum Oberhaupt von Struan & Company auf, dem mächtigsten Handelshaus in Asien. Als »Tai-Pan« ist Struan eine ebenso einflussreiche wie charismatische Figur, deren Geschick und Mut entscheidend für den Erfolg seines Unternehmens sind. Vor dem Hintergrund der Gründung der britischen Kolonie Hongkong wagt Struan alles, um sein Imperium zu sichern und auszubauen. Er navigiert durch ein Geflecht aus politischen Intrigen, rivalisierenden Handelshäusern und den sensiblen Beziehungen zu den chinesischen Behörden. James Clavell entführt die Leser*innen in eine Welt voller Gefahren, Leidenschaft und unvermeidlicher kultureller Konflikte, die eindrucksvoll die Dynamik des Handels und der internationalen Beziehungen im Ostasien des 19. Jahrhundert widerspiegeln.
Wie alle Romane der Asien-Saga von James Clavell wurde auch »Tai-Pan« zu einem Weltbestseller, der bis heute Millionen von Leser*innen begeistert hat.
Der komplette Asien-Zyklus besteht aus
• Shogun
• Tai-Pan
• Gai-Jin
• Rattenkönig
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Hinweis zur Neuausgabe
Widmung
Anmerkung des Verfassers
Erstes Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Zweites Buch
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Drittes Buch
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Viertes Buch
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Fünftes Buch
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
Sechstes Buch
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
Wir haben den 1966 geschriebenen Text an die moderne Rechtschreibung angepasst.In der Ausdrucksweise einzelner Figuren im Roman finden sich in wörtlicher Rede einige rassistische Zuschreibungen und Begriffe, die in der Zeit, in der der Roman spielt, in Gebrauch waren, heute aber nicht mehr verwendet werden.Größere Eingriffe in den Text, welche die Urheberrechte des bereits verstorbenen Autors und des ebenfalls verstorbenen Übersetzers verletzt hätten, haben wir nicht vorgenommen.
Für Tai-tai, für Holly und für Michaela
Mein Dank gilt den Einwohnern Hongkongs, die mir ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung gestellt und mir zur Gegenwart und Vergangenheit der britischen Kronkolonie Zugang verschafft haben.
Natürlich ist das vorliegende Buch keine Geschichtsdarstellung, sondern ein Roman, den Männer und Frauen bevölkern, die der Fantasie des Autors entsprungen sind. Sie haben keinerlei reale Vorbilder.
Dirk Struan stieg auf das Achterdeck des Flaggschiffs H. M. S. Vengeance hinauf und schritt breitbeinig zur Gangway. Das Linienschiff, mit vierundsiebzig Kanonen bestückt, lag eine halbe Meile von der Insel entfernt vor Anker. Es war von den übrigen Kriegsschiffen der Flotte, den Truppentransportern der Expeditionsstreitkräfte, den Kauffahrteischiffen und den Opiumklippern der Chinahändler umringt.
Der Tag brach an – ein düsterer, kühler Tag – Dienstag, der 26. Januar 1841.
Während Struan das Oberdeck entlangging, blickte er zum Ufer hinüber, und Erregung wallte in ihm auf. Der Krieg mit China war so verlaufen, wie er es geplant hatte. Der Sieg entsprach seinen Vorstellungen. Und die Siegesbeute – die Insel – war das, wonach er zwanzig Jahre lang getrachtet hatte. Jetzt begab er sich an Land, um Zeuge der feierlichen Inbesitznahme zu werden. Er wollte dabei gewesen sein, wie eine chinesische Insel sich in ein Juwel in der Krone Ihrer Britischen Majestät, der Königin Victoria, verwandelte.
Die Insel war Hongkong. Dreißig Quadratmeilen felsigen Berglandes am Nordufer des gewaltigen Perlflusses im südlichen China. Rund tausend Yards vom Festland entfernt. Abweisend. Unfruchtbar. Unbewohnt bis auf ein kleines Fischerdorf an der Südküste. Genau auf dem Weg der ungeheuren Stürme gelegen, die alljährlich vom Pazifik heranbrausten. Im Osten und im Westen von gefährlichen Untiefen und Riffen gesäumt. Nutzlos für den Mandarin, in dessen Provinz sie lag.
Aber Hongkong bot den größten natürlichen Hafen der Welt. Und es war Struans Sprungbrett nach China.
»Längsseits verholen!«, rief der junge Wachoffizier dem Seesoldaten in Scharlachrot zu. »Mr Struans Langboot mittschiffs an das Fallreep!«
»Jawohl, Sir!« Der Seesoldat beugte sich über die Reling und brüllte den Befehl weiter.
»Dauert nur einen Augenblick, Sir«, sagte der Offizier und versuchte, seine Scheu vor dem großen Handelsherrn zu unterdrücken, der im Bereich des Chinesischen Meeres zu einer legendären Gestalt geworden war.
»Keine Eile, mein Sohn.« Struan war ein Riese von einem Mann, mit einem Gesicht, das von tausend Stürmen gegerbt war. Sein blauer Gehrock war mit Silberknöpfen besetzt, die enge weiße Hose hatte er nachlässig in Seestiefel gesteckt. Wie gewöhnlich war er bewaffnet – ein Messer trug er in der Rückenfalte des Gehrocks, ein weiteres im rechten Stiefel. Er war dreiundvierzig Jahre alt, rothaarig und hatte smaragdgrüne Augen.
»Ein schöner Tag«, sagte er.
»Jawohl, Sir.«
Struan ging die Gangway hinunter, stieg in den Bug seines Langboots und lächelte Robb zu, seinem Stiefbruder, der mittschiffs saß.
»Wir sind spät dran«, rief Robb und grinste ein wenig.
»Ja. Seine Exzellenz und der Admiral haben überhaupt kein Ende gefunden.« Struan starrte einen Augenblick zur Insel hinüber. Dann machte er dem Bootsmann ein Zeichen. »Ablegen. Lassen Sie an Land rudern, Mr McKay!«
»Zu Befehl, Sir!«
»Endlich, nicht wahr, Tai-Pan?«, sagte Robb. »Tai-Pan« war chinesisch und bedeutete: »Oberster Führer«. In jeder Handelsgesellschaft, in jeder Armee, jeder Flotte und jeder Nation gibt es nur einen einzigen solchen Mann – den, der die wirkliche Macht in Händen hält.
»Ja«, antwortete Struan.
Er war der Tai-Pan vom Noble House.
Der Teufel soll diese stinkende Insel holen«, sagte Brock, blickte sich am Strand um und starrte zu den Bergen hinauf. »Ganz China zu unseren Füßen, und wir bekommen dabei nich’ mehr ab als so einen nassen Felsen, auf dem nich’ mal was wächst.«
Er stand mit zwei anderen Chinahändlern am Ufer. Rings um sie her standen in Gruppen Kaufleute und Offiziere der Expeditionsstreitkräfte. Sie alle warteten auf den Offizier der Königlichen Marine, der die Zeremonie einleiten sollte. Eine Ehrenwache von zwanzig Seesoldaten war in zwei exakt ausgerichteten Gliedern neben dem Flaggenmast angetreten. Das Scharlachrot ihrer Uniformen bildete einen grellen Farbklecks in der Landschaft. Matrosen, die in ungeordneten Haufen in ihrer Nähe herumstanden, hatten soeben den Flaggenmast in die steinige Erde gesetzt.
»Bei acht Glasen sollte die Flagge geheißt werden«, erklärte Brock, und seine Stimme war rau vor Ungeduld. »Wird eine Stunde später werden. Warum geht’s denn nicht endlich los, verdammt noch mal!«
»Es bringt üblen Joss, an einem Dienstag zu fluchen, Mr Brock«, meinte Jeff Cooper. Er war ein hagerer Amerikaner aus Boston, ein Mann mit Hakennase in einem schwarzen Gehrock, den Filzzylinder schief auf den Kopf gedrückt.
»Ganz üblen Joss!«
Coopers Begleiter, Wilf Tillman, gab es einen leichten Ruck, als er aus der näselnden Stimme des jüngeren Mannes die verborgene Schärfe heraushörte. Tillman war untersetzt, hatte ein rötliches Gesicht und stammte aus Alabama.
»Und ich sage Ihnen, dieser ganze gottverdammte Fliegendreck ist nichts anderes als übler Joss!«, erklärte Brock. »Joss« war ein chinesisches Wort, das Glück, Schicksal, Gott und Teufel in einem bedeutete. »Gottverdammt übel!«
»Hoffentlich nicht, Sir«, entgegnete Tillman. »Die ganze Zukunft des Chinahandels liegt jetzt hier – guter oder schlimmer Joss hin oder her.«
Brock sah auf ihn herunter. »Hongkong hat keine Zukunft. Was wir brauchen, sind offene Häfen auf dem chinesischen Festland.«
»Es gibt keinen besseren Hafen in diesen Gewässern«, antwortete Cooper. »Platz genug, um alle unsere Schiffe an Land zu setzen und zu überholen. Platz genug, um Wohnhäuser und Lagerschuppen für uns zu bauen. Endlich keine Einmischung der Chinesen mehr.«
»Eine Kolonie muss anbaufähiges Land und Bauern haben, die dieses Land bearbeiten, Mr Cooper. Eigene Einkünfte«, erklärte Brock ungeduldig. »Ich bin hier kreuz und quer herumgelaufen, ebenso wie Sie. Wie soll man denn hier etwas ernten? Es gibt keine Felder, keine Bäche, kein Weideland. Also gibt’s auch kein Fleisch und keine Kartoffeln. Alles, was wir brauchen, müssen wir einführen. Stellen Sie sich einmal vor, was das kostet! Mensch, sogar das Fischen wird lausig sein. Und wer soll denn überhaupt die Unterhaltskosten für Hongkong tragen, he? Wir und unser Handel, verdammt noch mal!«
»Du meine Güte, Mr Brock, an eine solche Kolonie denken Sie?«, rief Cooper. »Ich hatte gedacht, das Britische Reich« – er spuckte geschickt gegen den Wind – »hätte schon mehr als genug solcher Kolonien.«
Brocks Hand verirrte sich in die Nähe seines Messers. »Haben Sie eben gespuckt, weil Sie was im Hals hatten, oder haben Sie vielleicht das Empire gemeint?« Tyler Brock war ein kräftiger, einäugiger Mann, der auf die fünfzig zuging, ebenso hart und ausdauernd wie das Eisen, das er in seiner Jugend in Liverpool hatte verhökern müssen, und ebenso kampfstark und gefährlich wie die bewaffneten Handelsschiffe, auf denen er geflohen war und über die er schließlich als Chef von Brock and Sons herrschen sollte. Seine Kleidung hatte eine Stange Geld gekostet, und das Messer an seinem Gürtel war mit Juwelen besetzt. Bart und Haar waren ergraut.
»Es ist kalt heute, Mr Brock«, erwiderte Tillman hastig, innerlich über das lose Maulwerk seines jungen Partners erzürnt. Brock war kein Mann, den man reizen durfte, und offene Feindschaft mit ihm konnten sie sich noch nicht erlauben. »Ziemlich scharfer Wind, was, Jeff?«
Cooper nickte kurz. Aber er wandte seinen Blick nicht von Brock ab. Er hatte zwar kein Messer, aber dafür in seiner Tasche eine kurze Pistole von schwerem Kaliber. Er war ebenso groß wie Brock, nur schlanker und leichter, und er hatte keine Angst.
»Möchte Ihnen einen guten Rat geben, Mr Cooper«, sagte Brock. »Besser, Sie spucken nicht so oft, wenn Sie gerade vom ›Britischen Reich‹ geredet haben. Könnten ja mal auf Leute stoßen, die so was nicht so ohne Weiteres zu Ihren Gunsten auslegen.«
»Danke, Mr Brock, ich will daran denken«, erwiderte Cooper leichthin. »Und auch ich gebe Ihnen einen Rat: Es bedeutet einen üblen Joss, an einem Dienstag zu fluchen.«
Brock unterdrückte seinen Zorn. Am Ende würde er Cooper, Tillman und ihre Firma, die größte der amerikanischen Kaufleute, doch noch vernichten. Jetzt brauchte er sie allerdings als Verbündete gegen Dirk und Robb Struan. Brock verfluchte den ganzen Joss. Joss hatte Struan & Co. zum größten Handelshaus in Asien gemacht, das so reich und so mächtig war, dass die anderen Kaufleute im Chinahandel es voller Respekt und Neid The Noble House getauft hatten – ein vornehmes Haus also, weil es das erste war an Reichtum und an Großzügigkeit, das erste im Handel, weil es die meisten Klipper hatte, aber vor allem, weil Dirk Struan der Tai-Pan war, der Tai-Pan unter allen Tai-Panen Asiens. Und Joss hatte Brock ein Auge gekostet; das war vor siebzehn Jahren, in dem Jahr, in dem Struan sein Reich gegründet hatte.
Draußen auf See war es passiert, nicht weit von der Insel Tschuschan. Tschuschan lag genau südlich vom großen Hafen Schanghai, in der Nähe der Mündung des mächtigen Jangtsekiang. Brock hatte sich mit einer riesigen Ladung Opium durch den Monsun gekämpft; Dirk Struan war nur ein paar Tage später ausgelaufen, ebenfalls mit Opium beladen. Brock hatte als Erster Tschuschan erreicht, seine Fracht verkauft und war wieder ausgelaufen – voller Schadenfreude darüber, dass Struan nun weiter nach Norden ziehen musste, um an einer neuen Küste und unter neuen Gefahren sein Glück zu versuchen. Brock war nach Süden davongebraust, heimwärts – nach Macao –, die Kästen mit Silber gefüllt und mit großer Fahrt vor dem Wind. Plötzlich aber war ein gewaltiger Sturm aus dem Chinesischen Meer über sie hergefallen. Die Chinesen nannten diese Stürme tai-fung, die Allmächtigen Winde. Die Kaufleute nannten sie Taifune. Sie waren der Schrecken aller.
Der Taifun hatte Brocks Schiff erbarmungslos zusammengeschlagen, und er war unter stürzenden Masten und Spieren begraben worden. Als er hilflos dalag, hatte ein losgerissenes Fall, vom Sturm gepackt, auf ihn eingedroschen. Seine Leute hatten ihn befreit, aber erst, nachdem das wild pendelnde Fall ihm mit dem Schäkel das linke Auge ausgeschlagen hatte. Das Schiff hatte schon schwere Schlagseite, und er half seiner Mannschaft, Takelung und Masten zu zerhacken und über Bord zu hieven. Wie durch ein Wunder hatte sich das Schiff wieder aufgerichtet. Dann hatte er sich Branntwein in die blutende Augenhöhle gegossen. Den Schmerz würde er sein Leben lang nicht vergessen.
Jetzt musste er daran denken, wie er, lange nachdem man ihn als verloren aufgegeben hatte, in den Hafen geschlichen war. Sein schöner Dreimast-Klipper war nichts weiter mehr als ein Rumpf mit klaffenden Fugen; Masten, Kanonen und Takelung hatte die Tiefe verschlungen. Nachdem Brock Rahen und Takelage, Masten und Kanonen, Pulver, Kugeln und Mannschaften wieder ersetzt und eine neue Ladung Opium gekauft hatte, war der ganze Gewinn aus dieser einen Fahrt dahin gewesen.
Struan war in einer kleinen Lorcha – einem Schiff europäischer Bauart mit chinesischer Takelung, das bei gutem Wetter für den Küstenschmuggel benutzt wurde – in den gleichen Taifun geraten. Aber Struan, der einen glücklicheren Joss hatte, stand den Sturm durch und hatte, elegant und ungerührt wie immer, Brock an der Pier begrüßt, Spott in den grünen Augen.
Dirk und sein verdammter Joss, dachte Brock. Joss, der es Dirk ermöglicht hatte, aus dieser einen elenden Lorcha eine Flotte von Klippern und Hunderte von Lorchas zu machen, Lagerhäuser und Edelmetallreserven. Dieses gottverdammte Noble House. Joss hatte Brock and Sons auf einen gottverdammten zweiten Platz verwiesen. Auf den zweiten! Und, dachte er, Joss hat ihm auch das Ohr unseres gottverdammten, knieweichen Generalbevollmächtigten geöffnet, des Ehrenwerten gottverdammten Longstaff. Und das all die Jahre hindurch. Jetzt haben sie uns verraten und verkauft. »Die Pest über Hongkong und die Pest über Struan!«
»Hätte es Struans Plan nicht gegeben, ihr hättet den Krieg niemals so leicht gewonnen«, sagte Cooper.
Zwei Jahre zuvor war der Krieg in Kanton ausgebrochen, als der Kaiser von China, entschlossen, die Europäer zu ducken, den Versuch unternommen hatte, den Opiumschmuggel zu unterbinden, der für den britischen Handel von wesentlicher Bedeutung war. Ling, der Statthalter von Kanton, hatte das Ausländerviertel mit Truppen abgeriegelt und verlangt, dass jede Kiste Opium in Asien als Lösegeld für die wehrlosen englischen Kaufleute herausgegeben wurde. Im Lauf der Zeit waren zwanzigtausend Kisten Opium übergeben und vernichtet worden. Den Engländern wurde gestattet, sich nach Macao zurückzuziehen. Die Briten vermochten sich jedoch weder mit der Einmischung in ihren Handel noch mit der Bedrohung ihrer Staatsangehörigen abzufinden. So war das Britische Expeditionskorps vor sechs Monaten im Osten eingetroffen und angeblich Longstaff, als dem höchsten Aufsichtsbeamten über den Handel, unterstellt worden.
Struan jedoch war es gewesen, der den schlauen Plan ausgeheckt hatte, Kanton, wo alle Schwierigkeiten begonnen hatten, zu umgehen und das Expeditionskorps nach Norden, nach Tschuschan zu werfen. Struan hatte dabei die Ansicht vertreten, es müsste eine Kleinigkeit sein, diese Insel ohne Verluste einzunehmen, denn die Chinesen seien unvorbereitet und jeder modernen europäischen Flotte oder Armee gegenüber hilflos. Das Expeditionskorps sollte nur eine kleine Besatzung auf Tschuschan und ein paar Schiffe zurücklassen, damit über den Jangtse die Blockade verhängt werden konnte. Die Hauptmacht sollte nach Norden, in die Mündung des Peiho segeln und Peking bedrohen, Chinas Hauptstadt, die nur ein paar Hundert Meilen weiter flussauf lag. Struan wusste, dass der Kaiser nur durch eine unmittelbare Bedrohung dazu gebracht werden konnte, sofort um Frieden zu bitten. Eine großartige Idee, die sich auch hervorragend bewährt hatte. Das Expeditionskorps war im vergangenen Juni im Osten eingetroffen. Im Juli nahm es Tschuschan ein, im August lag es vor der Mündung des Peiho. Nach zwei Wochen hatte der Kaiser einen Beamten entsandt, der Friedensverhandlungen aufnehmen sollte – zum ersten Mal in der Geschichte hatte ein chinesischer Kaiser eine europäische Nation offiziell anerkannt. Der Krieg war zu Ende, und beide Seiten hatten so gut wie keine Verluste gehabt.
»Longstaff hat sehr klug gehandelt, als er diesen Plan befolgte«, sagte Cooper.
»Das hätte doch jeder Chinahändler gewusst, wie man mit den Chinesen fertigwird«, erwiderte Brock mit rauer Stimme. Er schob den Zylinder ein wenig aus der Stirn und hob seine Augenklappe an. »Warum haben sich denn Longstaff und Struan damals in Kanton auf Verhandlungen eingelassen, he? Dabei weiß jeder Idiot, dass für einen Chink ›verhandeln‹ nichts weiter bedeutet als Zeit gewinnen. Hätten drüben am Peiho bleiben sollen, bis der Friede unterzeichnet war. Aber nein, sie mussten die Flotte zurückholen, und jetzt warten und warten wir seit sechs Monaten, dass die Kerle endlich unterschreiben.« Brock spuckte aus. »Blödsinn, völlig schwachsinnig, Zeit und Geld hinausgeschmissen, nur wegen so einem elenden Felsen. Tschuschan hätten wir behalten sollen. So eine Insel – das wäre wenigstens was gewesen.« Tschuschan war zwanzig Meilen lang und zehn Meilen breit, der Boden der Insel war fruchtbar und fett, und Tinghai war eine große Stadt und ein guter Hafen. »Da hat man wenigstens Luft genug zum Schnaufen. Und wenn ich mit’m kleinen Finger winke, dann blockieren drei oder vier Fregatten sogar den Jangtse. Und wer den Fluss beherrscht, der hat ganz China in der Hand. Da müssten wir hin, verdammt noch mal!«
»Tschuschan steht Ihnen noch immer zur Verfügung, Mr Brock.«
»Das sag’n Sie so. Is’ ja nich’ in ’nem Vertrag übereignet worden, und so gehört’s uns auch nich’.« Der scharfe Wind war immer heftiger geworden. Brock stampfte mit den Füßen.
»Vielleicht sollten Sie es Longstaff gegenüber erwähnen«, meinte Cooper. »Immerhin ein Mann, der sich Ratschlägen nicht verschließt.«
»Den meinen bestimmt. Das wissen Sie recht gut. Aber das eine will ich Ihnen sagen: Wenn das Parlament von dem Vertrag erfährt, ist die Hölle los, hol mich der Teufel.«
Cooper zündete sich einen Stumpen an. »Ich möchte Ihnen da recht geben, Mr Brock. Es ist ein erstaunliches Stück Papier, in einer Zeit, in der ganz Europa landhungrig und machtgierig ist.«
»Sind’s die Vereinigten Staaten vielleicht nich’?« Brocks Gesicht verhärtete sich. »Was is’ mit den Indianern? Die Erwerbung von Louisiana? Spanisch-Florida? Jetzt linsen sie schon nach Mexiko und dem russischen Alaska. In der letzten Post steht drin, dass ihr Kanada stehlen wollt. Wie ist’s damit, he?«
»Kanada ist amerikanisch und nicht englisch. Wir werden aber wegen Kanada nicht in den Krieg ziehen – es wird sich uns aus freiem Willen anschließen«, sagte Cooper und versuchte, sich seine Sorge nicht anmerken zu lassen. Er strich sich über seinen Backenbart und zog wegen des immer schärferen Windes den Gehrock fester um die Schultern. Ein Krieg mit dem britischen Empire zu diesem Zeitpunkt, das wusste er, wäre eine Katastrophe und würde Cooper-Tillman ruinieren. Zum Teufel mit den Kriegen! Trotzdem war ihm bewusst, dass die Staaten wegen Mexiko und Kanada in den Krieg ziehen mussten, falls nicht eine Regelung erfolgte. Genauso wie die Briten mit China hatten Krieg führen müssen.
»Es wird keinen Krieg geben«, meinte Tillman in dem Versuch, Cooper unauffällig zu beruhigen. Er seufzte auf und wünschte sich nach Alabama zurück. Dort kann ein Mann noch ein Gentleman sein, dachte er. Dort hatte man es nicht täglich mit den verdammten Briten zu tun oder mit einem gotteslästerlichen Dreckmaul wie Brock oder mit dem Teufel in Person, wie Struan – oder sogar mit einem so hitzigen jungen Mann und Hauptteilhaber wie Jefferson Cooper, der Boston für den Mittelpunkt der Welt hielt. »Dieser Krieg ist jedenfalls vorbei, ob’s nun ein gutes oder ein schlechtes Ende war.«
»Merken Sie sich, was ich sage, Mr Tillman«, fuhr Brock fort. »Dieser gottverdammte Vertrag wird zu nichts führen, weder für uns noch für die. Wir müssen Tschuschan behalten und Häfen auf dem chinesischen Festland öffnen. In ein paar Wochen haben wir wieder Krieg. Wenn im Juni der Wind richtig is’ und das Wetter richtig is’, dann muss die Flotte noch mal nach Norden, zum Peiho auslaufen. Und wenn wir wieder Krieg haben, wie sollen wir uns dann den Tee und die Seide von der letzten Ernte holen, he? Im vorigen Jahr kaum ein Geschäft, nur wegen Krieg – das Jahr zuvor überhaupt kein Geschäft, und dazu haben sie uns unser ganzes Opium gestohlen. Achttausend Kisten allein von mir. Hat mich zwei Millionen Silbertaels gekostet. In bar.«
»Das Geld ist nicht verloren«, entgegnete Tillman. »Longstaff hat uns befohlen, es schießen zu lassen. Um unser Leben auszulösen. Dafür hat er uns auf die Britische Regierung bezogene Schuldscheine gegeben. In den Vertrag ist eine entsprechende Klausel aufgenommen. Sechs Millionen Silbertaels stehen dafür zur Verfügung.«
Brock lachte rau auf. »Glauben Sie denn wirklich, dass das Parlament für Longstaffs Papierchen geradesteht? Da stolpert doch jede Regierung, wenn sie den Zaster für das Opium verlangt. Und die sechs Millionen – mit denen werden die Kriegskosten bezahlt. Ich kenn das Parlament besser als Sie. Ihre halbe Million Taels können Sie sich in ’n Kamin schreiben. Den Rat geb ich Ihnen beiden. Wenn’s also in diesem Jahr wieder Krieg gibt, is’ es aus mit dem Handel. Und wenn es in diesem Jahr aus is’ mit dem Handel, gehen wir alle bankrott. Sie, ich, jeder Chinahändler. Und sogar das gottverdammte Noble House.« Er holte mit einem Ruck seine Uhr heraus. Die Zeremonie hätte vor einer Stunde stattfinden sollen. Die Zeit verstreicht, dachte er. Tja-ja, aber nicht für Brock and Sons, bei Gott. Dirk hatte siebzehn Jahre lang eine Periode mit gutem Joss gehabt. Nun war es an der Zeit für eine Veränderung.
Brock schwelgte in dem Gedanken an seinen zweiten Sohn, Morgan, der geschickt – und skrupellos – ihre Interessen in England vertrat. Er fragte sich, ob es Morgan gelungen sei, Struans Einfluss im Parlament und in Bankkreisen zu untergraben. Wir werden dich schon noch zugrunde richten, Dirk, dachte er, und Hongkong mit dir zusammen. »Zum Teufel, warum geht’s denn nicht endlich los?«, rief er und eilte auf den Seeoffizier zu, der in der Nähe der Seesoldaten auf und ab schritt.
»Was ist los mit dir, Jeff? Du weißt doch, dass er mit Hongkong völlig recht hat«, sagte Tillman. »Es wäre vernünftiger, ihn nicht zu reizen.«
Cooper lächelte sein dünnes Lächeln. »Brock ist so verflucht selbstsicher. Ich konnte einfach nicht anders.«
»Wenn Brock mit der halben Million Taels recht behält, sind wir ruiniert.«
»Ja. Aber Struan wird das Zehnfache verlieren, wenn keine Zahlung erfolgt. Keine Angst, er wird sein Geld bekommen. Und dann kriegen wir auch das unsere.« Cooper blickte Brock nach. »Glaubst du, er weiß von unserer Abmachung mit Struan?«
Tillman zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Aber bezüglich des Vertrages ist Brocks Urteil richtig. Es ist ein dummer Vertrag, der uns eine schöne Stange Geld kosten wird.«
Während der letzten drei Monate waren Cooper-Tillman als geheime Kommissionäre für Noble House tätig gewesen. Britische Kriegsschiffe hatten die Blockade über Kanton und den Perlfluss verhängt, und britische Kaufleute durften dort keinen Handel treiben. Longstaff hatte – auf Struans Aufforderung hin – dieses Embargo als weitere Maßnahme ergriffen, um den Friedensvertrag zu erzwingen. Er wusste, dass die Lagerhäuser in Kanton mit Tee und Seide zum Bersten angefüllt waren. Aber da Amerika China keinen Krieg erklärt hatte, konnten amerikanische Schiffe ungehindert die Blockade durchfahren und den Kriegsschiffen eine lange Nase machen. So hatten Cooper-Tillman vier Millionen Pfund Tee von Tschen-tse Jin Arn – oder Jin-kwa, wie er mit Spitznamen hieß –, dem reichsten aller chinesischen Kaufleute, gekauft und sie nach Manila verschifft, angeblich für spanische Firmen. Der zuständige, spanische Beamte hatte für eine beträchtliche Bestechungssumme die notwendigen Import- und Exportpapiere ausgefertigt, und der Tee wurde – zollfrei – auf Struans Klipper verladen und in aller Eile nach England gebracht. Die Bezahlung für Jin-kwa bestand in einer Schiffsladung Opium, die heimlich irgendwo oben an der Küste von Struan geliefert wurde.
Ein hieb- und stichfester Plan, dachte Cooper, jeder ist reicher geworden und erhält die Handelswaren, die er sich wünscht. Aber wir hätten ein Vermögen gemacht, wenn unsere Schiffe den Tee direkt nach England hätten bringen können. Und er verfluchte die britische Navigationsakte, die es nur britischen Schiffen erlaubte, Waren in englischen Häfen zu löschen. Hol sie der Teufel, sie besitzen die ganze Welt.
»Jeff!«
Cooper folgte dem Blick seines Partners. Zunächst erkannte er nicht, worauf Tillman ihn in dem überfüllten Hafen aufmerksam machen wollte. Dann aber entdeckte er das Langboot, das sich vom Flaggschiff löste, und in ihm den hochgewachsenen rothaarigen Schotten, der so mächtig war, dass er dem Parlament seine Absichten aufzwang und die größte Nation der Welt in den Krieg trieb.
»Es steht wohl kaum zu hoffen, dass Struan ertrinkt«, sagte Tillman.
Cooper lachte. »Du irrst dich in ihm, Wilf. Und ganz sicher würde sich die See nicht an ihn herantrauen.«
»Vielleicht doch, Jeff. Es wäre höchste Zeit. Bei allem, was uns heilig ist.«
Dirk Struan stand im Bug des Langboots und fing wippend die Stöße der Kabbelsee auf. Obgleich es für die Flaggenparade bereits ziemlich spät war, trieb er seine Ruderer nicht zu größerer Eile an. Er wusste, die Sache würde vor seiner Ankunft nicht beginnen.
Das Langboot befand sich dreihundert Yards vom Ufer entfernt. Die aufmunternden Rufe des Bootsmanns »Schlag, Schlag« vermischten sich mit dem heftigen Nordost-Monsun. In großer Höhe nahm der Wind offenbar an Stärke zu. Kumuluswolken trieben vom Festland her über die Insel und aufs Meer hinaus.
Im Hafen wimmelte es von Schiffen, in der Mehrzahl britische Handelsschiffe jeder Größe sowie einige amerikanische und portugiesische Fahrzeuge. Vor dem Krieg pflegten die Handelsschiffe in Macao, der winzigen portugiesischen Niederlassung auf einer Festlandszunge, vierzig Meilen südwestlich über die gewaltige Mündung des Perlflusses hinweg, vor Anker zu gehen. Oder vor der Insel Whampoa, dreizehn Meilen südlich von Kanton. Nach chinesischem Gesetz durfte kein europäisches Schiff näher an Kanton herankommen. Aufgrund eines kaiserlichen Dekrets war der gesamte Europahandel auf diese Stadt beschränkt, in deren Mauern angeblich mehr als eine Million Chinesen lebten. Aber kein Europäer wusste es mit Sicherheit, denn keiner hatte jemals ihre Straßen betreten.
Schon in alter Zeit hatten die Chinesen strenge Gesetze erlassen, die die Europäer ihrem Land fernhalten sollten. Die Unabänderlichkeit dieser Gesetze, das Fehlen der Freizügigkeit für Europäer und die Unmöglichkeit für sie, dort Handel zu treiben, wo es ihnen gefiel, waren die Ursachen dieses Krieges gewesen.
Als das Langboot an einem Kauffahrer vorbeistrich, winkten einige Kinder Struan zu, der den Gruß erwiderte. Für die Kinder wird es ein Segen sein, endlich in einem richtigen Heim zu wohnen, auf eigenem Grund und Boden, dachte er. Bei Ausbruch des Krieges waren alle britischen Staatsbürger um ihrer Sicherheit willen auf die Schiffe evakuiert worden. Es mochten rund hundertfünfzig Männer, sechzig Frauen und achtzig Kinder sein. Einige Familien befanden sich schon nahezu ein Jahr auf einem der Schiffe.
Um die Handelsschiffe herum lagen die Kriegsschiffe des Britischen Expeditionskorps vor Anker: Linienschiffe mit vierundsiebzig, vierundvierzig und zweiundzwanzig Kanonen, Briggs und Fregatten – ein kleiner Teil der mächtigsten Flotte, die die Welt je gesehen hatte. Und dazu Dutzende von Truppentransportern mit viertausend britischen und indischen Soldaten an Bord, Angehörige der stärksten Armee der Welt.
Unter diesen Schiffen befanden sich auch die schönen Opium-Klipper mit den schräg nach hinten geneigten Masten, die schnellsten Schiffe, die jemals gebaut worden waren.
Struan fühlte jähe Erregung heiß in sich aufsteigen, als er die Insel und den sie beherrschenden Berg betrachtete, der achtzehnhundert Fuß hoch fast unmittelbar aus dem Meer aufragte.
Noch niemals hatte er seinen Fuß auf diese Insel gesetzt, obwohl er mehr über sie wusste als jeder andere Mensch. Er hatte sich geschworen, sie erst dann zu betreten, wenn sie britischer Besitz wäre. Er freute sich an seiner eigenen Starrköpfigkeit. Das hatte ihn jedoch nicht gehindert, seine Kapitäne und Robb, seinen jüngeren Bruder, an Land zu schicken, um die Insel zu erforschen. Er kannte die Riffe und Felsen, die Berge und Schluchten, und er wusste, wo er seine Lagerhäuser und das Große Haus errichten wollte und wie die Straße verlaufen würde.
Er warf einen Blick zurück auf seinen Klipper; China Cloud, zweiundzwanzig Geschütze. Alle Klipper von Struan & Co. führten zu Ehren seiner Mutter, einer geborenen McCloud, die vor vielen Jahren gestorben war, »Cloud« in ihrem Namen. Seeleute waren damit beschäftigt, ein ohnehin blitzblankes Schiff zu reinigen und frisch zu streichen. Kanonen wurden durchgesehen, die Takelage überprüft. Achtern flatterte stolz der Union Jack, die Flagge der Gesellschaft saß an der Spitze des Besanmastes.
Die Flagge von Noble House zeigte den königlichen roten Löwen Schottlands, verschlungen mit dem kaiserlichen grünen Drachen Chinas. Sie wehte über zwanzig bewaffneten Klippern, die über die Ozeane der Welt verstreut waren, und über hundert schnellen bewaffneten Lorchas, die die Küste entlang Opium einschmuggelten. Sie wehte über drei großen Versorgungsschiffen mit Opiumvorräten – umgebaute Schiffsrümpfe von Kauffahrern, die zurzeit im Hafen von Hongkong vor Anker lagen. Und sie wehte über der Resting Cloud, dem geräumigen, halbstationären Schiff, seinem Hauptquartier, in dem es Stahlkammern für Edelmetalle, Kontore und luxuriös eingerichtete Zimmerfluchten und Speiseräume gab.
Du bist eine kraftvolle Flagge, dachte Struan stolz.
Das erste Schiff, das unter dieser Flagge segelte, war eine mit Opium beladene Piratenlorcha gewesen, die er mit Gewalt geentert hatte. Die Küsten waren von Piraten, von Seeräubern verseucht. Die chinesischen und portugiesischen Behörden hatten auf Piraten eine Silberprämie ausgesetzt. Wenn die Winde den Opiumschmuggel unmöglich gemacht hatten oder er kein Opium zu verkaufen hatte, streifte er auf dem Chinesischen Meer umher. Das Geld, das er durch das Aufbringen von Piratenschiffen verdiente, legte er in Opium an.
Gottverfluchtes Opium, dachte er. Aber er wusste auch, dass sein Leben unerbittlich mit dem Opium verkettet war – und dass ohne das Opium weder Noble House noch das britische Empire bestehen konnten.
Der Grund dafür ließ sich bis in das Jahr 1699 zurückverfolgen, als das erste britische Schiff mit China friedlichen Handel trieb und Seide und, zum ersten Mal, die unvergleichlichen, Tee genannten Blätter mit nach Hause brachte – eine Pflanze, die China als einziges Land auf der ganzen Welt billig und in Mengen erzeugte. Im Austausch dafür wollte der Kaiser nur Silber entgegennehmen. Und seitdem war man von dieser Gepflogenheit nicht mehr abgewichen.
Innerhalb von rund fünfzig Jahren wurde der Tee zum verbreitetsten Getränk in der westlichen Welt – insbesondere in England, der führenden Handelsnation. Und innerhalb von siebzig Jahren war der Tee zur Haupteinnahmequelle der britischen Regierung geworden. Im Verlauf eines Jahrhunderts war das britische Schatzamt durch das nach China fließende Geld in gefährlicher Weise seiner Mittel entblößt worden, und der nicht ausgeglichene Handel mit Tee und Silber entwickelte sich zu einer Katastrophe für das ganze Land.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatte die Britische Ostindische Kompanie – dieses riesige, halb private und halb öffentliche Unternehmen, das durch Parlamentsbeschluss ein totales Monopol für den Handel mit Indien und ganz allgemein mit Asien besaß – mit zunehmender Verzweiflung jede nur denkbare Ware im Austausch anstelle von Edelmetall angeboten – Baumwollstoffe, Webstühle, ja sogar Kanonen und Schiffe. Aber die Kaiser lehnten selbstbewusst ab. Sie betrachteten China als autark, verachteten die »Barbaren«, wie sie alle Nicht-Chinesen bezeichneten, und sahen alle Nationen der Erde bestenfalls als Vasallenstaaten Chinas an.
Vor dreißig Jahren war dann ein britischer Kauffahrer, die Vagrant Star, den Perlfluss hinaufgesegelt und hatte vor der Insel Whampoa Anker geworfen. Die heimliche Ladung des Schiffes bestand aus Opium, das im britischen Bengalen billig und im Überfluss erzeugt wurde. Wenngleich Opium in China schon seit Jahrhunderten Verwendung fand – allerdings nur bei den sehr Reichen und in der Provinz Jünnan, wo ebenfalls Mohn gedieh –, galt es als Bannware. Die Ostindische Kompanie hatte den Kapitän der Vagrant Star insgeheim ermächtigt, das Opium anzubieten. Jedoch nur gegen Silber. Die chinesische Kaufmannsgilde, die durch kaiserliches Dekret das Monopol für den gesamten Handel mit dem Westen erhalten hatte, kaufte die Ladung und veräußerte sie unter der Hand und mit hohem Gewinn. Der Kapitän der Vagrant Star übergab, gewissermaßen unter vier Augen, das Edelmetall den Vertretern der Kompanie in Kanton, ließ sich seinen eigenen Gewinnanteil auf eine Bank in London gutschreiben und eilte nach Kalkutta zurück, um dort erneut Opium einzukaufen.
Struan konnte sich der Vagrant Star gut entsinnen. Er selber war damals als Schiffsjunge an Bord gewesen. Auf diesem Schiff war er zum Mann geworden – und hatte Asien gesehen. Und damals hatte er sich auch geschworen, Tyler Brock zu vernichten, der als dritter Offizier auf der Vagrant Star fuhr. Struan war zwölf Jahre alt, Brock achtzehn und sehr stark. Brock hatte ihn vom ersten Augenblick an nicht leiden können und sich ein Vergnügen daraus gemacht, an ihm herumzunörgeln; er beschnitt ihm seine Verpflegungsration, teilte ihn außer der Reihe zu Wachen ein, schickte ihn bei schlechtem Wetter in die Wanten, reizte und schurigelte ihn. Bei der geringsten Verfehlung ließ er Struan an die Takelung fesseln und mit der neunschwänzigen Katze bestrafen.
Struan war zwei Jahre auf der Vagrant Star geblieben. Eines Nachts aber lief sie in der Malakkastraße auf ein Riff und sank. Struan schwamm an Land und schlug sich nach Singapur durch. Später erfuhr er, dass auch Brock den Schiffsuntergang überlebt hatte. Darüber war er sehr glücklich. Er wollte sich rächen, auf seine eigene Art und zu dem Zeitpunkt, den er für richtig hielt.
Struan hatte auf einem anderen Schiff angemustert. Inzwischen war von der Ostindischen Kompanie zahlreichen sorgfältig ausgewählten, unabhängigen Händler-Kapitänen heimlich die Handelslizenz erteilt und weiterhin bengalisches Opium exklusiv und zu günstigen Preisen verkauft worden. Die Kompanie strich riesige Gewinne ein und häufte große Mengen von Silberbarren an. Die chinesische Kaufmannsgilde und die Mandarine schlossen vor dem gesetzwidrigen Handel die Augen, denn auch sie machten ansehnliche Gewinne. Und da von diesen Gewinnen niemand etwas wusste, konnten sie auch nicht Gegenstand kaiserlicher Gelüste sein.
Opium wurde zur Haupthandelsware des Imports. Die Kompanie sicherte sich schon bald das Weltmonopol für Opium außerhalb der Provinz Jünnan und des Ottomanischen Reiches. Innerhalb von zwanzig Jahren entsprach das für das geschmuggelte Opium eingehandelte Silber der Silbermenge, die man für die Einfuhr von Tee und Seide hinlegen musste.
Endlich war die Handelsbilanz ausgeglichen. Und schließlich neigte sich die Waage nach der anderen Seite: Da es zwanzigmal mehr chinesische Abnehmer als Abnehmer im Westen gab, setzte ein erschreckender Abfluss von Silber ein, den sich nicht einmal China leisten konnte. Die Kompanie schlug, um diese Flut einzudämmen, andere Handelsgüter vor. Aber der Kaiser blieb hart: Silber gegen Tee.
Mit zwanzig Jahren war Struan Kapitän und Eigner eines Schiffes, das im Opiumgeschäft fuhr. Brock war sein Hauptrivale. Rücksichtslos machten sie einander Konkurrenz. Nach sechs Jahren beherrschten Struan und Brock den Markt.
Die Opiumschmuggler erhielten den Namen Chinahändler. Sie waren eine unerschrockene, verwegene und draufgängerische Schar von lauter Einzelgängern, Kapitänen auf eigenem Schiff – Engländer, Schotten und ein paar Amerikaner –, die mit ihren kleinen Seglern unbekümmert unbekannte Gewässer befuhren und unbekannte Gefahren auf sich nahmen. Sie fuhren zur See, um friedlich Handel zu treiben. Verdienen wollten sie, nicht erobern. Kam es aber darauf an, dann konnten ihre Fahrzeuge auch einen ordentlichen Kampf liefern. Und wenn sie Pech hatten dabei, verschwanden ihre Schiffe von den Meeren und gerieten bald in Vergessenheit.
Die Chinahändler erkannten rasch, dass sie das gesamte Risiko zu tragen hatten, während die Kompanie den Löwenanteil des Gewinns einstrich. Außerdem blieben sie von dem legalen – und äußerst gewinnbringenden – Tee- und Seidenhandel ausgeschlossen. So begannen sie, während sie weiterhin in schärfstem Konkurrenzkampf miteinander lagen, auf Struans Betreiben hin gemeinsame Sache gegen die Kompanie zu machen, um deren Monopol zu brechen. Ohne dieses Monopol konnten die Händler Opium in Silberbarren umtauschen, Silber in Tee, den Tee in die Heimat verfrachten und ihn unmittelbar auf den Weltmärkten absetzen. Die Chinahändler würden selber den Teehandel der Welt beherrschen und riesige Gewinne erzielen.
Das Parlament wurde zum Forum ihrer Agitation. Das Parlament hatte vor zwei Jahrhunderten der Kompanie ihr ausschließliches Monopol verliehen, und allein das Parlament war befugt, es wieder zu streichen. So begannen die Chinahändler, zum Äußersten entschlossen, mit hohen Einsätzen zu spielen: Sie kauften Stimmen, unterstützten Mitglieder des Parlaments, die sich für freien Wettbewerb und Freihandel einsetzten, schrieben an Zeitungen und Angehörige der Regierung. Und im selben Maße, in dem ihr Reichtum zunahm, stieg auch ihre Macht. Sie waren geduldig und zäh und ließen sich nicht unterkriegen – so, wie nur Männer sein können, die die See erzogen hat.
Die Kompanie richtete ihren ganzen Zorn gegen die Aufrührer und hatte keinesfalls die Absicht, ihr Monopol aufzugeben. Andererseits brauchte sie die Chinahändler dringend: Von ihnen kamen die Silberbarren, mit denen die Kompanie den Tee bezahlte. Mittlerweile war sie selber in völlige Abhängigkeit von den riesigen Einkünften aus dem Verkauf des bengalischen Opiums geraten. So mussten sie bei ihrem Kampf im Parlament vorsichtig vorgehen. Auch das Parlament befand sich in einer Klemme. Es verdammte zwar den Verkauf von Opium, brauchte jedoch die Einkünfte aus den Teeabgaben und aus dem Indischen Reich. Das Parlament bemühte sich daher, sowohl den Chinahändlern wie der Kompanie Gehör zu schenken, vermochte jedoch keine der beiden Parteien zufriedenzustellen.
Darauf beschloss die Kompanie, mit Struan und Brock, ihren beiden Hauptgegnern, ein Exempel zu statuieren. Sie zog ihre Opiumlizenzen zurück und nahm ihnen damit den Boden unter den Füßen weg.
Brock blieb noch sein Schiff, Struan jedoch nichts. Brock nahm sich heimlich einen anderen Chinahändler als Partner, gab aber den Kampf nicht auf. Struan und seine Mannschaft überfielen einen Piratenhafen südlich von Macao, zerstörten ihn und nahmen sich die schnellste Lorcha. Nun schmuggelte Struan Opium für andere Händler – natürlich unter der Hand –, kaperte weitere Piratenschiffe und machte immer mehr Geld. Im Einverständnis mit den anderen Chinahändlern spielte er mit immer höheren Einsätzen, kaufte mehr und mehr Stimmen, setzte dem Parlament immer härter zu und ließ ihm keine Ruhe mehr, bis dieses stürmisch die völlige Auflösung der Kompanie forderte. Sieben Jahre zuvor hatte das Parlament ein Gesetz angenommen, das das Monopol der Kompanie für Asien aufhob und dieses dem Freihandel öffnete. Der Kompanie war jedoch das ausschließliche Recht des Handels mit Britisch-Indien gelassen worden – und das Weltmonopol für Opium. Das Parlament beklagte den Verkauf von Opium. Auch der Kompanie lag nichts daran, mit Opium zu handeln. Die Chinahändler selber hätten eine andere Massenware vorgezogen – vorausgesetzt, sie war genauso einträglich. Aber alle wussten, dass ohne Kreislauf Tee – Silber – Opium das Empire ruiniert gewesen wäre.
Nun, da sie freie Hand im Handel hatten, wurden Struan und Brock zu Handelsmagnaten. Ihre armierten Flotten wuchsen. Und angeheizt von der Rivalität, hassten sie sich immer glühender.
Um das politische Vakuum zu füllen, das in Asien durch die Entmachtung der Kompanie und die Befreiung des Handels entstanden war, hatte die britische Regierung einen Diplomaten, den Ehrenwerten William Longstaff, zum Generalbevollmächtigten für den Handel ernannt, der ihre Interessen wahrnehmen sollte. Die Interessen der Krone aber bestanden darin, das Handelsvolumen immer weiter auszudehnen – und sich auf diese Weise größere Steuereinnahmen zu sichern – und alle anderen europäischen Mächte weiterhin auszuschließen. Longstaff war also für die Sicherheit des Handels und der britischen Staatsangehörigen verantwortlich. Seine Vollmachten waren allerdings nur ungenau umrissen, und er besaß keinerlei Machtmittel, um irgendwelche Maßnahmen durchzusetzen.
Armer, kleiner Willie, dachte Struan ein wenig boshaft. Trotz aller meiner geduldigen Erklärungen in den letzten acht Jahren ist unsere »erhabene« Exzellenz, der Generalbevollmächtigte für den Handel, noch immer nicht imstande, das Nächstliegende zu erkennen.
Struan blickte zum Ufer hinüber, als die Sonne gerade über die Berge stieg und die drüben versammelten Männer plötzlich mit Licht übergoss: Freunde und Feinde, aber alle Rivalen. Er wandte sich zu Robb um. »Willst du vielleicht behaupten, dass das ein Begrüßungskomitee ist?«
Robb Struan lachte in sich hinein und setzte seinen Zylinder etwas schiefer. »Meiner Ansicht nach hoffen sie alle, wir würden ertrinken, Dirk.« Robb war dreiunddreißig Jahre alt, dunkelhaarig, glatt rasiert bis auf einen kräftigen Backenbart und hatte tief liegende Augen und eine schmale Nase. Seine Kleidung war schwarz bis auf einen Umhang aus grünem Samt, ein weißes gefälteltes Hemd und eine weiße Krawatte. Hemd- und Manschettenknöpfe waren aus Rubinen. »Mein Gott, ist das etwa Kapitän Glessing?«, fragte er, die Augen unverwandt auf das Land gerichtet.
»Ganz richtig«, antwortete Struan. »Ich habe es für ratsam gehalten, ihn die Proklamation verlesen zu lassen.«
»Und was hat Longstaff zu deinem Vorschlag gesagt?«
»›Wahrhaftig, Dirk, einverstanden, wenn Sie es für klug halten.‹« Er verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln. »Wir haben allerhand geschafft, seit wir angefangen haben.«
»Du, Dirk. Als ich hierherkam, war schon alles getan.«
»Du hast den Kopf, Robb. Ich nur die Muskeln.«
»Jawohl, Tai-Pan. Nichts als die Muskeln.« Robb war es völlig klar, dass sein Stiefbruder der Tai-Pan von Struan & Co. war und dass der Tai-Pan von ganz Asien Dirk Struan hieß. »Ein herrlicher Tag für das Heißen der Flagge, was?«
»Und ob.«
Robb betrachtete ihn, als er sich wieder der Küste zuwandte. Er wirkte so riesig, als er nun dort im Bug stand, größer als die Berge und genauso hart. Wäre ich nur ein Kerl wie er, dachte Robb.
Robb war nur ein einziges Mal, kurz nach seiner Ankunft im Osten, beim Opiumschmuggel dabei gewesen. Chinesische Piraten hatten ihr Schiff angegriffen, und Robb war von lähmender Angst befallen worden. Er schämte sich dessen noch immer, obwohl Struan gesagt hatte: »Nicht so schlimm, mein Junge. Der erste Kampf ist immer eine scheußliche Sache.« Aber Robb wusste, dass er kein Kämpfer war. Er war nicht tapfer. Er diente seinem Stiefbruder auf andere Weise. Er war es, der den Tee, die Seide und das Opium einkaufte. Er sorgte für Kredite und bewachte das Silber. Er war es auch, der sich auf die immer komplizierteren Vorgänge im internationalen Handel und Finanzierungsgeschäft verstand. Er hielt ein Auge auf seinen Bruder, die Gesellschaft, ihre Flotte und sicherte sie ab. Er verkaufte den Tee in England. Er führte die Bücher und tat all die Dinge, die für das Funktionieren eines modernen Unternehmens erforderlich waren. Das wohl, sagte Robb zu sich, aber ohne Dirk bist du ein Nichts.
Struan musterte die Leute am Strand. Das Langboot war noch immer zweihundert Yards von der Küste entfernt, aber er konnte die Gesichter deutlich erkennen. Die meisten waren dem Langboot zugewandt. Struan lächelte vor sich hin.
Na, dachte er, da wären wir also alle an diesem schicksalsschwangeren Tag versammelt.
Der Seeoffizier, Kapitän Glessing, wartete geduldig darauf, mit der Flaggenparade beginnen zu können. Er war sechsundzwanzig, Kapitän auf einem Linienschiff, Sohn eines Vizeadmirals, und er war mit Leib und Seele bei der Royal Navy. Am Strand wurde es nun rasch immer heller, der Himmel am östlichen Horizont war mit hellen Wolken gefleckt.
In ein paar Tagen gibt es Sturm, dachte Glessing und sog den Wind prüfend ein. Er wandte seine Augen von Struan ab und musterte, einer Gewohnheit folgend, den Ankerplatz seines Schiffes, einer Fregatte mit zweiundzwanzig Kanonen. Es war ein denkwürdiger Tag in seinem Leben. Dass neues Land im Namen der Königin in Besitz genommen wurde, geschah nicht oft, und dass er die Proklamation verlesen durfte, konnte sich auf seine Karriere nur günstig auswirken. Es gab in der Flotte viele Kapitäne, die rangälter waren als er. Aber er wusste, dass die Wahl auf ihn gefallen war, weil er die Gewässer hier wie seine Hosentasche kannte und weil sein Schiff, die H. M. S. Mermaid, sich in diesem Krieg besonders ausgezeichnet hatte. Leider gar kein richtiger Seekrieg, dachte er voller Verachtung. Eher ein Zwischenfall, der schon vor zwei Jahren hätte beigelegt werden können, wenn Longstaff, dieser Idiot, nur kein solcher Feigling wäre. Und wenn man mir erlaubt hätte, mit meiner Fregatte bis vor die Tore von Kanton zu segeln. Verdammt noch mal, ich hatte eine ganze elende Flotte von Kriegsdschunken versenkt, und der Weg lag frei vor mir. Ich hätte Kanton unter Beschuss genommen, diesen heidnischen Teufel, den Statthalter Ling, gefangen gesetzt und ihn an einer Rahe aufgehängt.
Zornig stieß Glessing mit dem Fuß einen Stein auf dem Strand weg. Ich nehme es diesem Heiden zwar nicht übel, dass er das verfluchte Opium gestohlen hat. War ganz richtig, dass er den Schmuggel unterbinden wollte. Aber die Flagge ist beleidigt worden. Engländer von heidnischen Teufeln nur gegen Lösegeld freigegeben! Longstaff hätte mir erlauben sollen, sofort weiter vorzustoßen. Aber nein. Er hat sich lammfromm zurückgezogen, alle miteinander auf die Handelsflotte evakuiert und mich an weiterem Vorstoßen gehindert. Mich, bei Gott, der ich die ganze Handelsflotte schützen musste. Hol ihn der Teufel! Und zum Teufel auch mit Struan, der ihn an der Nase herumführt.
Trotzdem kannst du von Glück sagen, dass du hier bist, dachte er. Das ist der einzige Krieg, den wir im Augenblick haben. Zumindest der einzige Seekrieg. Alles andere sind doch nur kleine Zwischenfälle: diese Übernahme der heidnischen indischen Staaten – bei Gott, die verehren sogar Kühe, verbrennen Witwen und werfen sich vor Götzen in den Staub –, und dann noch die Feldzüge in Afghanistan. Ein Gefühl des Stolzes wallte jäh bei dem Gedanken in ihm auf, dass er der größten Flotte der Welt angehörte. Gott sei Dank, dass er als Engländer geboren war!
Plötzlich bemerkte er, dass sich Brock ihm näherte, und war erleichtert, als ein untersetzter, dicker Mann mit Stiernacken und einem gewaltigen Bauch, der über die Hose hinausquoll, ihn aufhielt. Dieser Mann mochte in den Dreißigern sein. Es war Morley Skinner, Eigentümer der Oriental Times, der bedeutendsten englischen Zeitung im Osten. Glessing las jede Nummer. Die Zeitung war gut geschrieben. Eine gute Zeitung war sehr wichtig, dachte er. Es war wichtig, dass über die Feldzüge zum Ruhme Englands ausführlich berichtet wurde. Aber Skinner war ein widerlicher Mann. Und alle anderen auch. Na gut, nicht alle. Nicht der alte Aristoteles Quance.
Er blickte zu dem hässlichen kleinen Mann hinüber, der auf einer Anhöhe oberhalb des Strandes ganz allein auf einem Schemel vor einer Staffelei saß und offensichtlich eifrig malte. Glessing lachte in sich hinein und dachte an die fröhlichen Stunden, die er mit dem Maler in Macao verbracht hatte.
Außer Quance mochte Glessing keinen einzigen Menschen dort am Strand, ausgenommen Horatio Sinclair. Horatio war ebenso alt wie er, und Glessing hatte ihn im Verlauf der zwei Jahre, die er im Osten war, recht gut kennengelernt. Horatio war auch einer der Mitarbeiter Longstaffs, sein Dolmetscher und Sekretär – der einzige Engländer im Osten, der Chinesisch in Wort und Schrift beherrschte. Sie hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt.
Glessing überflog mit seinen Blicken den Strand und entdeckte voller Abscheu, dass Horatio unten vor der auslaufenden Brandung stand und sich mit Wolfgang Mauss unterhielt, einem Österreicher, den er, Glessing, verachtete. Pfarrer Mauss war der einzige andere Europäer im Osten, der Chinesisch zu schreiben und zu sprechen verstand. Er war ein riesiger, schwarzbärtiger Mann – ein abtrünniger Priester, Struans Dolmetscher und Opiumschmuggler. In seinem Gürtel steckten Pistolen, die Schöße seines Gehrocks hatten Stockflecken. Er hatte eine rote Knollennase, und sein langes, schwarzes, mit Grau untermischtes Haar war glanzlos und zerzaust wie sein Bart. Die paar Zähne, die er noch im Mund hatte, waren abgebrochen und braun. Das derbe Gesicht wurde von den Augen beherrscht.
Welcher Gegensatz zu Horatio, dachte Glessing. Horatio war blond, schmächtig, und seine Gesichtszüge ähnelten denen Nelsons, nach dem er genannt worden war – wegen Trafalgar und wegen des Onkels, den er dort verloren hatte.
An dem Gespräch beteiligte sich auch ein hochgewachsener, geschmeidiger Eurasier, ein junger Mann, den Glessing nur vom Sehen kannte – Gordon Tschen, Struans unehelicher Sohn.
Bei Gott, dachte Glessing, wie kann nur ein Engländer mit dieser Mischlingsbrut in aller Öffentlichkeit so herumstolzieren? Und dieser ist noch dazu gekleidet wie alle diese elenden Heiden – in ein langes Gewand und mit einem verdammten Zopf im Rücken. Bei Gott! Wären nicht die blauen Augen und die helle Haut, man könnte ihm überhaupt nicht ansehen, dass er englisches Blut hat. Warum in aller Welt schnitt er sich nicht die Haare wie ein Mann? Ekelhaft!
Glessing wandte sich ab. Wahrscheinlich ist dieser Mischling trotz allem in Ordnung. Er kann schließlich nichts dafür. Aber dieser verdammte Mauss ist ein übler Geselle. Schlecht für Horatio und schlecht für seine Schwester, die liebe Mary. Das ist einmal eine junge Dame, die kennenzulernen sich lohnte! Sie würde wahrhaftig eine gute Frau abgeben.
Er verhielt den Schritt. Zum ersten Mal hatte er tatsächlich an Mary als mögliche Ehegefährtin gedacht.
Wieso eigentlich nicht?, fragte er sich. Du kennst sie schon seit zwei Jahren, und sie ist die Schönste in ganz Macao. Sie führt das Haus der Sinclairs tadellos und behandelt Horatio wie einen Fürsten. Dort bekommt man auch das beste Essen in der ganzen Stadt, und das Personal regiert sie mit dem kleinen Finger. Außerdem spielt sie zauberhaft Harfe und singt wie ein Engel. Offensichtlich mag sie dich auch – denn weshalb hätte sie dich sonst aufgefordert, zum Essen zu kommen, wann immer du Lust hast, sobald ihr beide in Macao seid, du und Horatio? Warum also nicht sie als Ehefrau? Aber sie ist niemals in der Heimat gewesen. Sie hat ihr ganzes Leben unter Heiden verbracht. Sie hat auch kein Vermögen. Ihre Eltern sind tot. Doch was macht das schon aus? Pfarrer Sinclair war zu seinen Lebzeiten ein in ganz Asien geachteter Mann, und Mary ist schön und erst zwanzig Jahre alt. Meine Aussichten sind glänzend. Ich verdiene fünfhundert im Jahr und werde eines Tages das Gutshaus und alle Ländereien erben. Wirklich, sie könnte die Richtige für mich sein. Wir könnten in der englischen Kirche in Macao heiraten und uns ein Haus mieten, bis dieses Kommando beendet ist und wir nach Hause zurückkehren können. Sobald’s an der Zeit ist, werde ich zu Horatio sagen: »Horatio, alter Junge, ich möchte gern mit dir über etwas reden …«
»Was soll denn diese Verzögerung, Käpt’n Glessing?« Brocks raue Stimme störte ihn aus seinen Träumereien auf. »Um acht Glasen hätte die Flagge geheißt werden sollen; es muss schon ’ne Stunde drüber sein.«
Glessing fuhr herum. Einen so anmaßenden Ton war er höchstens vom Vizeadmiral aufwärts gewohnt. »Die Flagge wird geheißt, Mr Brock, wenn von zwei Möglichkeiten die eine oder die andere eintritt. Entweder kommt Seine Exzellenz an Land, oder es wird vom Flaggschiff aus durch einen Kanonenschuss ein Signal gegeben.«
»Und wann soll’n das sein?«
»Wie ich festgestellt habe, ist man hier noch nicht vollständig versammelt.«
»Sie meinen Struan?«
»Selbstverständlich. Ist denn nicht er der Tai-Pan vom Noble House?« Glessing hatte es mit Absicht gesagt, denn er wusste, es würde Brock reizen. Dann fügte er hinzu: »Ich schlage Ihnen vor, sich in Geduld zu fassen. Niemand hat einen von Ihnen, einen von den Händlern, meine ich, hier ans Ufer befohlen.«
Brock stieg die Röte ins Gesicht. »Es wäre gescheiter, wenn Sie sich merken würden, dass es einen Unterschied zwischen Kaufherren und Händlern gibt.« Er schob den Klumpen Kautabak in die andere Wange und spuckte neben Glessings Füße. Ein paar Speichelspritzer verunzierten nun den bisher makellosen Glanz der Schuhe mit den Silberschnallen. »Verzeihung«, sagte Brock mit gespielter Unterwürfigkeit und stolzierte davon.
Glessings Gesicht erstarrte. Wäre nicht dieses »Verzeihung« noch gefallen, er hätte den Kerl zum Duell gefordert. Schweinehund, gemeiner Pöbel, dachte er voller Verachtung.
»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte der Stabswachtmeister und grüßte, »Signal vom Flaggschiff.«
Glessing kniff die Augen gegen den scharfen Wind zusammen. Die Flaggensignale lauteten: »Alle Kapitäne um vier Glasen an Bord melden.« Glessing war in der vergangenen Nacht bei einer vertraulichen Unterredung zwischen dem Admiral und Longstaff zugegen gewesen. Der Admiral hatte dabei erklärt, der Opiumschmuggel sei die Ursache aller Schwierigkeiten in Asien. »Gottverdammt, Sir, sie haben alle kein Anstandsgefühl«, hatte er hervorgestoßen. »Sie denken an nichts weiter als an Geld. Schluss mit dem Opium, und wir werden keine verdammten Schwierigkeiten mehr mit den verdammten Heiden oder den verdammten Kaufleuten haben. Die Royal Navy wird Ihre Befehle durchsetzen, bei Gott!« Und Longstaff hatte ihm zugestimmt – mit Recht. Ich nehme an, dass der Befehl heute bekannt gegeben wird, dachte Glessing, und es fiel ihm schwer, seine Freude zu unterdrücken. Gut. Und höchste Zeit. Möchte wohl wissen, ob Longstaff Struan gerade davon unterrichtet hat, dass er diesen Befehl ausgeben wird.
Er warf einen Blick zurück auf das Langboot, das sich gemächlich näherte. Struan faszinierte ihn. Er fühlte Bewunderung und Abscheu zugleich – für diesen Handelsschiffskapitän, der Schiffe auf allen Weltmeeren geführt und Männer, Firmen und Schiffe zum Ruhme von Noble House zugrunde gerichtet hatte. Ein ganz anderer Mann als Robb, dachte Glessing. Robb mag ich.
Gegen seinen Willen erschauerte er. Vielleicht war doch etwas Wahres an dem Zeug, das sich die Seeleute im ganzen Chinesischen Meer zuflüsterten, an diesem Gerede, dass Struan insgeheim den Teufel anbete und der Teufel ihm als Gegenleistung die Macht auf Erden verliehen hatte. Wie sollte denn sonst ein Mann seines Alters so jung aussehen und so kräftig sein, so weiße Zähne und so volles Haar haben und dazu die Reaktionsfähigkeit eines jungen Menschen, während sonst die meisten Männer in diesem Alter gebrechlich, verbraucht und dem Tode nah waren? Ganz gewiss hatten die Chinesen eine furchtbare Angst vor Struan. »Der alte grünäugige Rattenteufel« war der Beiname, den sie ihm gegeben hatten, und außerdem hatten sie eine Prämie auf seinen Kopf gesetzt. Prämien waren allerdings auf die Köpfe aller Europäer gesetzt, aber die für den Tai-Pan belief sich auf hunderttausend Silbertaels. Nur für den Toten. Denn lebendig würde ihn niemand fangen.
Gereizt versuchte Glessing, seine Zehen in den engen Schnallenschuhen zu bewegen. Die Füße taten ihm weh, und er fühlte sich in seiner mit goldenen Litzen besetzten Uniform nicht wohl. Der Teufel sollte diese Verzögerung holen! Zum Teufel mit der Insel, dem Hafen und dem unsinnigen Einsatz guter Schiffe und tüchtiger Männer. Er erinnerte sich an ein Wort seines Vaters: »Elende Zivilisten. Denken immer nur an Geld oder Macht. Ehrgefühl haben sie keins, nicht das geringste. Wenn ein Zivilist Befehlshaber ist, nimm Rückendeckung, mein Sohn. Und vergiss nicht, dass sogar Nelson sein Fernrohr an sein blindes Auge halten musste, wenn ein Idiot das Kommando hatte.« Wie kann ein Mann wie Longstaff nur so töricht sein? Dieser Mann ist doch aus einer guten Familie, von tadelloser Herkunft – sein Vater war Diplomat am spanischen Hof – oder war es am portugiesischen?
Und warum hatte Struan Longstaff dazu gedrängt, den Krieg zu beenden? Gewiss, wir bekommen einen Hafen, in dem die Schiffe der ganzen Welt vor Anker gehen können. Aber was sonst noch?
Glessing betrachtete die Schiffe im Hafen. Struans Zweiundzwanzig-Kanonen-Schiff China Cloud. Die White Witch, zweiundzwanzig Kanonen, der Stolz von Brocks Flotte. Und die amerikanische Zwanzig-Kanonen-Brigg von Cooper-Tillman, Princess of Alabama. Eins schöner als das andere. Ein Seegefecht mit ihnen müsste ein Vergnügen sein, dachte er. Den Amerikaner könnte ich versenken, das weiß ich. Brock? Schwierig, aber ich bin besser. Struan?
Glessing grübelte über ein Seegefecht mit Struan nach. Da wurde ihm bewusst, dass er Struan fürchtete. Und weil er Angst vor ihm hatte, stieg der Zorn in ihm hoch, und ihm wurde übel, wenn er an das Geschwätz dachte, dass Struan, Brock, Cooper und all die Chinahändler keine Piraten seien.
Verdammt noch mal, fluchte er in sich hinein, sobald der Befehl heraus ist, werde ich ein Geschwader führen, das sie alle in die Luft gehen lässt.
Aristoteles Quance saß mürrisch vor dem halb fertigen Gemälde auf seiner Staffelei. Er war ein kleiner Mann mit grau meliertem schwarzem Haar. Seine Kleidung, in der er unglaublich anspruchsvoll war, entsprach der letzten Mode: enge graue Hosen, weiße Seidensocken und schwarze geschnürte Schuhe, perlgraue Seidenweste und schwarzer Gehrock. Dazu hoher Kragen und eine Perle in der Krawatte. Halb Engländer und halb Ire, war er mit seinen achtundfünfzig Jahren der älteste Europäer im Osten.
Er setzte seine Goldrandbrille ab und putzte sie mit einem blütenweißen Taschentuch, das mit französischer Spitze eingefasst war. Ich bin traurig, dass ich diesen Tag erleben muss, dachte er. Verfluchter Dirk Struan! Wäre er nicht, gäbe es auch kein verdammtes Hongkong.
Er wusste, dass er das Ende einer Epoche miterlebte. Hongkong wird Macao zerstören, dachte er. Es wird ihm den ganzen Handel stehlen. Alle englischen und amerikanischen Tai-Pane werden ihre Hauptquartiere hierher verlegen. Sie werden hier leben und hier bauen. Dann werden alle portugiesischen kaufmännischen Angestellten nachkommen. Und alle Chinesen, die von Europäern und vom Handel mit dem Westen leben. Aber ich lasse mich niemals hier nieder, schwor er sich. Von Zeit zu Zeit komme ich hierher, um Geld zu verdienen, aber meine Heimat wird stets Macao bleiben.
Seit mehr als dreißig Jahren lebte er nun in Macao, und als Einziger von allen Europäern betrachtete er den Osten als seine Heimat. Alle anderen kamen nur auf ein paar Jahre und reisten wieder ab. Es blieben nur, die starben. Aber auch sie bestimmten im Testament, wenn sie es sich leisten konnten, dass ihr Leichnam »nach Hause« gebracht würde.
Ich werde mich in Macao begraben lassen, Gott sei Dank, sagte er zu sich. So schöne Zeiten habe ich dort verlebt – wir alle eigentlich. Aber das ist vorbei. Hol der Teufel den Kaiser von China! Was für ein Idiot, ein Gebäude einzureißen, das vor einem Jahrhundert mit solchem Geschick errichtet worden ist.
Alles hatte so gut geklappt, dachte Quance verbittert, aber jetzt ist es zu Ende. Jetzt haben wir uns Hongkong genommen. Und jetzt, da England im Osten festen Fuß gefasst hat und die Händler von der Macht gekostet haben, werden sie sich nicht mit Hongkong allein begnügen. »Na schön«, sagte er unbewusst laut, »der Kaiser wird ernten, was er gesät hat.«
»Warum so niedergeschlagen, Mr Quance?«
Quance setzte seine Brille auf. Morley Skinner stand unten an der Anhöhe.
»Nicht niedergeschlagen, junger Mann. Traurig. Künstler haben ein Recht darauf – jawohl, eine Verpflichtung –, traurig zu sein.« Er stellte das unfertige Bild beiseite und befestigte einen sauberen Bogen Papier auf seiner Staffelei.
»Ganz Ihrer Meinung, ganz Ihrer Meinung.« Skinner stapfte schwerfällig den Hang hinauf. Seine hellbraunen Augen sahen aus wie der Bodensatz von abgestandenem Bier. »Ich wollte Sie nur gerade nach Ihrer Ansicht über diesen entscheidenden Tag fragen. Möchte nämlich eine Sondernummer herausgeben, aber ohne ein paar Worte von unserem ältesten Mitbürger wäre eine solche Nummer nicht vollständig.«
»Ganz richtig, Mr Skinner. Sie dürfen also sagen: ›Mr Aristoteles Quance, unser führender Künstler, Bonvivant und geliebter Freund, hat es abgelehnt, eine Erklärung abzugeben, da er gerade damit beschäftigt war, ein neues Meisterwerk zu schaffen.‹« Er nahm eine Prise Schnupftabak und nieste gewaltig. Dann wischte er mit seinem Taschentuch den verstreuten Schnupftabak von seinem Gehrock und die Niesflecken vom Papier. »Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Sir.« Wieder konzentrierte er sich auf das Papier. »Sie wirken sich störend auf die Unsterblichkeit aus.«
»Ich weiß genau, wie Ihnen zumute ist«, antwortete Skinner mit einem freundlichen Kopfnicken. »Weiß, was Sie empfinden. Mir geht es auch so, wenn ich etwas Wichtiges zu schreiben habe.« Er stampfte davon.
Quance traute Skinner nicht über den Weg. Das tat niemand. Zumindest keiner, der in seiner Vergangenheit irgendeinen dunklen Fleck hatte, und hier hatte jeder etwas, was er verbergen wollte. Skinner aber machte sich ein Vergnügen daraus, die Vergangenheit auszugraben.
Die Vergangenheit. Quance dachte an seine Frau und erschauerte. Donnerschlag noch eins! Wie hatte ich auch so dumm sein können, mir einzureden, dieses irische Ungeheuer könnte eine passende Frau abgeben? Gott sei Dank ist sie in ihr irisches Moor zurückgekehrt und hat niemals wieder mein Firmament verdunkelt. Die Frauen sind die Ursache aller Leiden der Männer. Na ja, fügte er vorsichtig hinzu, nicht alle Frauen. Nicht die liebe, kleine Maria Tang. Das sinnlichste Mädchen, das ich jemals gesehen habe. Und wenn jemand eine unnachahmliche Kreuzung von Portugal und China kennengelernt hat, so bist du es, mein lieber schlauer Quance. Verdammt, ich führe ein herrliches Leben.
Da wurde ihm bewusst, dass er, wenngleich Zeuge des Endes einer Epoche, auch ein Teil der neuen war. Nun wurde wiederum Geschichte gemacht, und er würde zuschauen und darüber berichten. Ein Augenzeuge. Neue Gesichter, die man zeichnen konnte. Neue Schiffe zu malen. Eine neue Stadt, die er festhalten musste. Und neue Mädchen, mit denen er flirten würde, und neue kleine Hintern zum Tätscheln.
»Traurig? Niemals!«, brüllte er. »Mach dich an die Arbeit, Aristoteles, du alter Esel!«
Die Männer am Strand, die Quance hörten, lachten einander zu. Er war ungemein beliebt, und alle suchten seine Gesellschaft. Manchmal führte er Selbstgespräche.
»Dieser Tag wäre ohne unseren guten, alten Aristoteles nicht vollkommen«, sagte Horatio Sinclair lächelnd.
»Ja.« Wolfgang Mauss kratzte sich den Bart, weil ihn die Läuse bissen. »Er ist so hässlich, dass einem sein Gesicht fast wohltut.«
»Mr Quance ist ein großer Künstler«, erklärte Gordon Tschen. »Daher ist er auch schön.«
Mauss wandte sich schwerfällig um und starrte den Eurasier an. »›Interessant‹ wäre hier das richtige Wort, mein Junge. Habe ich dich Jahre hindurch unterrichtet, damit du noch immer nicht den Unterschied zwischen ›interessant‹ und ›schön‹ begriffen hast, he? Und ein großer Künstler ist er nicht. Er hat zwar einen ausgezeichneten Stil, und er ist mein Freund, aber es fehlt der Zauber des großen Meisters.«
»Ich hatte ›schön‹ in künstlerischem Sinn gemeint, Sir.«
