Gamal - Offizier der Leibgarde - Sina Blackwood - E-Book
Beschreibung

Gamal, Neuling der Eliteeinheit, bekommt den Auftrag, in Paris die Gattin des Beraters Prinz Saladins zu beschützen. Trotz seiner Jugend hat er ein Gespür für ungewöhnliche Situationen. So lässt er Hassan, den sexbesessenen Lebemann, der zufällig im selben Hotel eingecheckt hat, nicht einmal in Jennifer Raschids Nähe. Als es ihm schließlich auch noch gelingt, einen Raubüberfall auf seine Schutzbefohlene zu verhindern, bietet der Prinz an, ihm sein Studium zu finanzieren. Gamal schwört Saladin lebenslange Diensttreue und beginnt einen kometenhaften Aufstieg. Zwischen Poolpartys im Fort Silverrain und dem Dienst im Palast kommen ihm eines Tages die faszinierend seegrünen Augen Lilians, der Tochter der Raschids in die Quere ...

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Seitenzahl:256

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Inhaltsverzeichnis

Feuertaufe in Paris

Universalgenie Gamal

Spagat zwischen Studium und Dienst

Eine wundervolle Blume mit starken Wurzeln

Geheime Wünsche

Verliebt, verlobt …

Die Geheimnisse von Fort Silverrain

Der glücklichste Mann auf Erden

Schwarzen Wolken über Raschid

Feuertaufe in Paris

Raschid brachte seine hübsche Frau und ihren Bodyguard persönlich mit dem Helikopter des Prinzen in die Hauptstadt. Von ihr hatte er sich schon verabschiedet, nun drückte er ihm die Hand.

„Ruft an, wenn ihr wieder da seid. Ich hole euch ab. Viel Spaß!“

„Danke!“

Gamal, hängte sich seine Reisetasche über die Schulter, nahm die beiden Koffer von Jennifer und folgte ihr in die Abfertigungshalle des Flughafens, während Raschid sofort den Rückweg antrat. Normalerweise wäre Jennifer allein nach Paris geflogen, um den Modeljob zu machen. Kendra, Prinz Saladins Ehefrau, hatte sie gebeten, zur Sicherheit einen der besten Männer der Garde mitzunehmen und war damit bei allen auf offene Ohren getroffen. Immerhin erwarteten die Raschids Zwillinge, auch wenn man der werdenden Mama die Schwangerschaft noch nicht einmal ansah.

Gamal, gerade erst in die Elite aufgenommen, hatte sich, obwohl es ein reiner Routinejob sein sollte, akribisch vorbereitet. Er war noch nie im Ausland gewesen und sog begierig sämtliche Informationen auf, wie ein trockener Schwamm das Wasser.

Nun umsorgte er seine Schutzbefohlene mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten, erledigte sämtliche Reiseformalitäten, wobei er sie stets im Auge behielt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussah. Schnell fanden sie ein gemeinsames Gesprächsthema und es entspann sich eine ungezwungene Unterhaltung. Mrs. Raschid erzählte über die Mojave-Wüste, an deren Rand sie geboren war und wo sie, bis zur Hochzeit mit Raschid, gelebt hatte. Zwangsläufig kamen sie auf die Poolpartys zu sprechen, die Hassan, der Lebemann und Kunstmäzen, einmal jährlich in Fort Silverrain, dem Lieblingssitz Saladins gab. Gamal beantwortete Jennifers Fragen zu seiner Person diesbezüglich, ohne zu zögern.

„So viel Ehrlichkeit gibt Pluspunkte“, sagte sie mit einem Blinzeln.

„Dürfte ich Sie auch etwas fragen?“

„Ja, natürlich. Fragen Sie.“

„Wird Mr. Hassan auch in Paris zugegen sein?“

Jennifer setzte ihre Kaffeetasse ab und schaute Gamal irritiert an, ehe sie tonlos, „Ich will es nicht hoffen“, sagte.

Sie schwieg ziemlich lange und Gamal glaubte schon, aus Unwissenheit ein Tabu verletzt zu haben, als sie stockend zugab: „Dieser Gedanke macht mich ziemlich nervös, weil er keineswegs abwegig ist.“

Der junge Mann sah sie fest an. „Für den Notfall habe ich gewisse Vollmachten von Raschid und auch dem Prinzen bekommen.“

Jennifer nickte nur. Sie hatte keine Ahnung, um was es sich dabei handelte, wollte es aber auch gar nicht erst wissen. Auch ohne Waffen waren Saladins Männer äußerst gefährliche Kämpfer. Das hatte sie beim Training oft genug mit eigenen Augen gesehen. Langsam beruhigte sie sich wieder und genoss die letzten Stunden des Fluges ganz entspannt.

Gamal kümmerte sich um das Gepäck, dann rief er ein Taxi. Am Zielort beglich er die Rechnung.

„Sie sprechen fließend Französisch?“, fragte Jennifer angenehm überrascht.

„Ja, ich wurde zweisprachig erzogen“, verriet der Leibwächter.

„Weiß Raschid davon?“

Gamal hob ahnungslos die Hände. „Glaub ich nicht.“

Jennifer lachte. „Für mich wird Ihr Sprachtalent auf alle Fälle sehr hilfreich sein, hier hat man es nicht so mit Leuten, die die Landessprache nicht verstehen.“

„Ach, schau an! Das ist also wahr!“ Der junge Mann schüttelte erstaunt den Kopf.

Ein livrierter Hotelpage öffnete ihnen dienstbeflissen die Tür. Gamal stellte die Koffer ab, bat Jennifer, zu warten und näherte sich der Rezeption, um zwei Zimmer zu buchen.

„Es wurde bereits für Mrs. Raschid und Sie reserviert“, erklärte die Angestellte, ihm zwei Schlüssel reichend.

Dankend nahm er sie entgegen.

„Man erwartete uns“, berichtete er Jennifer. „Wir haben die Zimmer acht und zehn.“

„Verstehe ich nicht! Wer hätte wissen sollen, dass ich mit Begleitung anreise?“

„Raschid“, erwiderte Gamal lächelnd, nahm das Gepäck auf und wandte sich dem Lift zu. Oben angekommen, warf er zuerst allein einen Blick in beide Räume, die völlig identisch und durch einen gemeinsamen Balkon verbunden waren.

„Das beantwortet mir eindeutig die Frage, wer hinter den Buchungen steckt“, schmunzelte Gamal. „Raschid denkt immer an alles.“

Jennifer wählte das linke Zimmer. „Ich lege mich ein wenig hin. In zwei Stunden essen wir zu Abend.“

Sie schloss von innen ab.

Ihr Leibwächter informierte Raschid per SMS über die Ankunft, packte in Ruhe seine Tasche aus, um anschließend durch das große Fenster den Trubel auf der Straße zu beobachten. Die Show stand für den nächsten Tag, vierzehn Uhr auf dem Plan. Mrs. Raschid würde sicher nicht vor zehn Uhr aufstehen, überlegte Gamal, Zeit genug für ihn, das Morgentraining durchzuführen.

Ungewöhnlich zögerliche Schritte auf dem Gang ließen ihn aufhorchen. Die fremde Person blieb für einen Moment vor seiner Tür stehen, dann vor Jennifers Zimmer, um sich anschließend eilig zu entfernen. Der Richtung der Geräusche nach, lief der oder die Fremde nicht zum Lift, sondern nahm die Treppe.

Gamal legte das Ohr ans Holz, lauschte, drückte lautlos die Tür auf und spähte auf den Gang. Stille. Kopfschüttelnd ging er in sein Zimmer zurück, um fortan in erhöhter Alarmbereitschaft zu sein, selbst wenn das eher unbewusst geschah. So entging ihm auch nicht der Weckton von nebenan, dann rauschte für eine Weile Wasser. Mrs. Raschid schien zu duschen. Als sie ihren Schlüssel herumdrehte, verließ er sofort sein Zimmer.

„Perfektes Timing“, freute sie sich und nahm den dargebotenen Arm dankbar an.

Fürsorglich rückte er ihren Stuhl zurecht, ehe er ihr gegenüber Platz nahm, worauf sofort zwei Kellner erschienen. Die neugierigen Blicke der anderen Gäste ignorierte er geflissentlich. Jennifer wählte gekühlten Fruchtsaft und Gamal gab ganz selbstverständlich die Bestellung auf.

Ein paar Tische weiter echauffierte sich eine Dame lautstark darüber, dass die beiden zuerst und gleich von zwei Kellnern bedient wurden. Jennifer schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen, Gamal hob kurz den Blick, dann zuckte er kaum merklich mit dem Lid.

„Ich bin im Bilde“, flüsterte Jennifer, die die Stimme durchaus erkannt hatte.

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über das Gesicht des Leibwächters. Im Gegensatz zu ihrer Laufstegkonkurrentin, hatte Jennifer in jeder Hinsicht Stil. Er konnte immer besser verstehen, warum Raschid, der Berater des Prinzen, seine Frau auf Händen trug und erst recht, warum er genau diese Frau geheiratet hatte.

„Ich werde morgen mit dem Veranstalter sprechen, dass Sie einen Platz im Publikum bekommen“, versprach sie soeben.

Der junge Mann fasste lächelnd in die Innentasche seines Jackets, zog seine Eintrittskarte ein Stück hervor. „Ich werde direkt am Laufsteg sitzen.“

„Wie …“ Jennifer winkte ab. Fröhlich blinzelnd sagte sie: „Dann bleibt mir nur, Ihnen viel Spaß zu wünschen.“

„Danke. Es wird sicher das einzige Mal sein, dass ich solch eine Veranstaltung besuchen kann. Ich werde es ganz bestimmt genießen.“ Er ließ die Karte wieder verschwinden.

Das Essen wurde aufgetragen und beide widmeten sich den Köstlichkeiten auf ihren Tellern. Später zahlte Gamal und erhob sich, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Doch statt dies zu tun, setzte er sich mit zusammengezogenen Augenbrauen sehr langsam wieder hin, wobei er einen Punkt hinter Jennifers Rücken fixierte. Auf ihren verstörten Blick raunte er: „Soeben ist Mr. Hassan aus einem Taxi gestiegen.“

Jennifer wich jede Farbe aus dem Gesicht. „Oh, nein! Bitte nicht!“

„Kommen Sie, er diskutiert noch mit dem Fahrer. Ehe er das Foyer betritt, wird es noch eine Weile dauern und wir haben genügend Zeit, mit dem Lift nach oben zu fahren.“

Sie nickte und bemühte sich, langsam zu gehen, um nicht noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit bei ihrer Kollegin zu erregen, der sie bisher stets den Rücken zugekehrt hatte. Fatal, würde Hassan auf diesem kleinen Umweg erfahren, dass sie im gleichen Hotel eingecheckt hatte. Gamal hielt sich so an ihrer Seite, dass sie von draußen kaum zu erkennen gewesen wäre.

„Ich werde Sie über den Kommunikator kontaktieren oder an Ihrer Balkontür klopfen, wenn ich Sie brauche“, erklärte Jennifer, als sie ihre Tür aufschloss.

„Tun Sie das“, bestärkte sie Gamal.

Jennifer seufzte. „Eigentlich wäre ich gern noch ein Stück an der Seine spazieren gegangen …“

„Und was spricht dagegen?“

„Nichts.“ Mrs. Raschid lachte befreit auf. „Ich ziehe nur schnell bequemere Schuhe an und hole meine Jacke.“

Schmunzelnd wartete Gamal vor ihrem Zimmer. Ganz offensichtlich hatte sie Mühe, sich daran zu gewöhnen, dass er nicht mitgefahren war, um neben ihr nur gut auszusehen. Da erschien sie auch schon wieder und quittierte sein verschmitztes Lächeln mit einem lustigen Schulterzucken. Ganz selbstverständlich ging er auf der Straße neben ihr, weil es in Europa doch sehr auffällig gewesen wäre, wenn er in vier Schritten Abstand hinterher trotten würde.

Eine halbe Stunde blieb auch alles friedlich, dann entdeckte Gamal hinter einem Mauervorsprung einen Mann mit Kamera, der es eindeutig auf Jennifer abgesehen hatte. Sie erschrak heftig, als er ohne Vorwarnung mit einem wahren Panthersprung über das, doch recht hohe, Hindernis setzte und dem Paparazzo zu verstehen gab, was ihm blühen würde, nähme er auch nur ein einziges Foto von Mrs. Raschid auf.

„Mrs. Raschid?“, stotterte der Fotograf erstaunt, Jennifer etwas irritiert musternd.

„Gehen Sie!“, befahl Gamal, ihn einfach in die gewünschte Marschrichtung drehend. Er vergewisserte sich, dass der Fremde wirklich verschwand, erst dann kehrte er zu Jennifer zurück.

„Meine Güte, ich hätte den Mann glatt übersehen!“

Gamal schlenderte mit ihr weiter am Fluss entlang. „Deshalb ist es ja auch mein Job, Ihnen diese Typen auf Distanz zu halten.“

Jennifer lächelte. „Ich fühle mich auch wirklich sicher. Im Normalfall hätte ich jetzt kehrt gemacht und wäre mit wehenden Rockschößen ins Hotel gerannt, um es bildlich auszudrücken.“

„Und möglicherweise Hassan direkt in die Arme gelaufen“, beendete Gamal ihren Gedankengang.

„Ooops!“ Jennifer lachte herzlich. Dann wurde sie ernst. „Ich bin froh und überaus dankbar, dass Sie da sind.“

An der nächsten Brücke überquerten sie den Fluss, um am anderen Ufer zurückzugehen. Zweimal beschleunigte Gamal seinen Schritt und Jennifer ahnte, dass er jemandem genau vor die Linse gelaufen war, um die lästigen Schnappschüsse zu verhindern.

Er ist gut, staunte sie im Stillen, denn zwischen der Sicherheit des Palastes oder des Forts und der Situation hier lagen nicht nur zigtausende Kilometer, sondern ganze Welten. Der junge Leibwächter agierte so selbstverständlich, als würde er nie anderes tun. Vor dem Hotel sprach ein Pressefotograf Jennifer an, ob er ein Bild machen dürfte und bekam mit einem Lächeln die Erlaubnis.

„Pflichtteil erledigt“, erklärte sie mit spöttischem Unterton auf dem Weg zum Aufzug. Vor ihrem Zimmer angekommen, wünschte sie ihm eine gute Nacht und erklärte: „Ich werde pünktlich acht Uhr zum Frühstück gehen.“

Aus Unachtsamkeit ließ sie den Schlüssel fallen. Gamal bückte sich sofort danach, um ihr gleich noch die Tür aufzuschließen. Beim Aufrichten streifte sein Blick das Schlüsselloch. Er blieb in halb gebeugter Stellung, um es genauer zu betrachten, dann zückte er seinen Kommunikator und bat, ihm sofort einen Verantwortlichen des Hauses zu schicken.

Jennifer, der Sprache nicht mächtig, wurde nervös.

„Was ist passiert?“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier jemand das Schloss manipuliert hat. Sehen Sie die kleine Scharte?“

Mrs. Raschid nickte nur. Gamal brachte sie in sein Zimmer und bat sie, zu warten, bis der Vorfall geklärt wäre.

Mit dem nächsten Lift kam der Diensthabende. Er stimmte nach wenigen Augenblicken zu, dass mit dem Schloss etwas nicht in Ordnung sei. Gemeinsam betraten die Männer das Zimmer, schauten sich um und holten schließlich Jennifer hinzu, damit sie den Inhalt ihrer Taschen und Schränke kontrollieren konnte. Inzwischen untersuchte Gamal unbemerkt alle noch so winzigen Verstecke, um Kameras und sonstige technische Dinge, die nicht hierher gehörten, aufzuspüren.

„Alles vollzählig“, murmelte Jennifer nach einer Weile.

„Ich lasse trotzdem sofort das Schloss austauschen“, erklärte der Angestellte, nach einem Schlüsseldienst rufend.

Eine halbe Stunde später erinnerte nichts mehr an die ganze Aufregung.

„Wir sollten vorsichtshalber die Zimmer tauschen“, schlug Gamal vor. „Ich habe mein Bett noch nicht benutzt.“

Jennifer begann wortlos, die Spiegelkonsole im Bad abzuräumen, während Gamal in seinem Zimmer ebenfalls zusammenpackte. Um keine ungebetenen Zaungäste zu haben, transportierte er alles über den Balkon von einem Ort zum anderen.

„Und nun, schlafen Sie gut“, verabschiedete er sich schließlich.

Jennifer fiel nach dem Duschen wie ein Stein ins Bett, um sofort in einen traumlosen Schlaf zu sinken. Die Aufregung hatte ihre ganze Kraft gefordert.

Gamal hingegen tippte noch ein paar Notizen in seinen Kommunikator, um Raschid detailliert Bericht erstatten zu können, sollte der genauer nachfragen. Im Unterbewusstsein lauschte er auf die Geräusche im Haus.

Auf das Lachen einer angetrunkenen Frau, die wohl dieselbe Etage bewohnte, das leise Fluchen ihres Begleiters, als er das Schlüsselloch nicht sofort traf und wie endlich Stück für Stück Stille einkehrte.

Dann widmete er sich einer ausgiebigen Körperpflege, kontrollierte noch einmal die Weckzeit, ehe er im Bett verschwand. Die Nacht verlief ruhig und der junge Mann erwachte gut ausgeruht, bevor der Weckton erklang. Um in Mrs. Raschids Nähe zu bleiben, verzichtete auf das Training im Fitnessraum des Hotels, stellte stattdessen lieber einen neuen persönlichen Rekord in einarmigen Liegestützen auf.

Als nebenan der Wecker piepte, trat er gerade unter die Dusche, um sich für einen langen aufregenden Tag frisch zu machen. Jennifer sah ungewöhnlich blass aus, schien sich aber nicht unwohl zu fühlen. Allerdings zügelte sie sich so auffällig beim Essen, dass ihr Gamal doch noch einen forschenden Blick zuwarf.

Sie seufzte. „Es geht heute leider nicht anders. Ich verspreche aber, dass ich nach der Veranstaltung ausreichend und ausgewogen essen werde.“

„Großes Ehrenwort?“, fragte Gamal blinzelnd.

„Ganz großes“, erwiderte Jennifer.

„Na gut, das beruhigt mich. Sonst müsste ich Sie bei Raschid verpetzen, was mir sehr widerstreben würde.“

Jennifer seufzte noch einmal. Sie wusste nicht, ob Gamal den speziellen Auftrag hatte, sie vollständig zu überwachen und welche Informationen er an ihren Mann weitergeben würde. Wenigstens war ihr goldener Käfig etwas weiträumiger, als der von Kendra.

Neue Gäste fanden sich im Restaurant des Hotels ein. Offensichtlich Urlauber, denn der Leibwächter schenkte ihnen keine besondere Aufmerksamkeit. Dafür beobachtete er einen der Kellner intensiver, nachdem der immer wieder, ohne ersichtlichen Grund, in der Nähe ihres Tische auftauchte.

Jennifer entging das völlig. Sie war in Gedanken bei Raschid, der sicher gerade alle Hände voll für die Familie des Prinzen zu tun hatte. Selbst das Eintreffen Hassans bemerkte sie nicht.

Und weil sie ihm den Rücken zuwandte, schaute er sogar mehrmals nach dem auffallend naturroten Haar, welches ihm überaus bekannt vorkam. Allerdings hielt ihn die finstere Miene ihres Begleiters auf Abstand. Das eindeutig arabische Aussehen des Fremden sagte klar, was ihm blühen würde, taxierte er die Frau auch weiterhin mit unverhohlener Neugier. Immerhin war es Hassan bekannt, dass sein einstiges Lieblingsmodel mit dem Berater des Prinzen verheiratet war.

Er konnte sich zwar nicht an das Gesicht des jungen Mannes erinnern, war aber sofort im Bilde, dass er nur einer von Saladins Leibwächtern sein konnte. Im Grunde genommen war er froh, von Jennifers Mann in Ruhe gelassen zu werden. Der hätte sicher tausend Mittel gehabt, um Saladin einen Schlussstrich unter die wilden Orgien in Fort Silverrain ziehen zu lassen. Also änderte Hassan vorsichtshalber die Blickrichtung, um nicht doch noch für Unmut zu sorgen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Gamal Jennifer, die etwas verloren ihren Teller betrachtete.

„Doch, doch“, beeilte sie sich zu versichern. Schließlich musste sie es ihm nicht auf die Nase binden, dass ihr Raschid unglaublich fehlte. Früher hatte sie ein ganzes Jahr auf die Treffen mit ihm warten müssen und jetzt hielt sie schon nach dem ersten Tag nicht mehr aus, obwohl das Ticket für den Heimflug schon in ihrer Tasche steckte. „Frauen sind einfach manchmal Unruhegeister.“

„Ah ja“, schmunzelte Gamal, der zwar sehr jung, aber inzwischen durchaus bestens über das Who is who des Palastes und des Forts informiert war.

Jennifer schien das auch soeben eingefallen zu sein, denn sie schenkte ihm ein spitzbübisches Lächeln. Auf dem Weg nach draußen streifte ihr Blick doch noch Hassan. „Ach, herrje! Ist der etwa schon lange da?“

„Eine ganze Weile. Er wird es nicht wagen, Sie anzusprechen, solange ich in der Nähe bin“, erklärte Gamal, ihr die Tür öffnend.

„Dann haben Sie das Blickduell gewonnen?“

Gamal lachte herzlich. „Scheint so.“

Auf dem Gang vor ihren Apartments eilten zwei Zimmerkellner mit einem Servierwagen entlang. Gamal schaute Jennifer an, die sofort verstand und in dem Zimmer verschwand, das er für sie aufschloss, während er das andere betrat. Über den Balkon gelangte jeder anschließend in sein richtiges Domizil.

„Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“, fragte sie beunruhigt.

Der Leibwächter schüttelte den Kopf. „Ich habe Ahnungen, aber keine Beweise. Sicher ist sicher, nach der Sache mit dem Schloss.“

Jennifer gab ihm recht, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. „Wir haben noch etwas Zeit“, stellte sie dann erfreut fest. „Ich möchte gern noch ein paar kleine Souvenirs besorgen.“

Gamal rief ein Taxi, um schnell den nächsten Einkaufstempel zu erreichen und stürzte sich mit ihr ins Gewimmel. Dank seiner perfekten Sprachkenntnisse fanden sie in Nullkommanichts die richtigen Läden und schon bald hatte Mrs. Raschid für alle eine kleine Aufmerksamkeit erstanden. Für Eric, den Sohn von Saladin und Kendra, fiel die Kleinigkeit etwas größer aus, denn Jennifer verliebte sich auf den ersten Blick in einen Eiffelturm aus Plüsch, der sicher im Augenblick größer als sein zukünftiger Besitzer war.

Schmunzelnd nahm Gamal die vielen bunten Tragetaschen aus Glanzpapier entgegen, die er noch vor der Rückfahrt mit dem nächsten Taxi platzsparend ineinander steckte, wobei ihn Jennifer amüsiert beobachtete. Im Hotel zurück, klärte sie ihn auf, dass Frauen das niemals machen würden, um allen zu demonstrieren, was sie doch für tolle Einkäufe getätigt hätten.

Gamal bekam große Augen und stammelte: „Oh weh! Dann habe ich wohl einen sehr großen Fauxpas begangen, für den ich mich entschuldigen möchte.“

Jennifer winkte lachend ab. „Wenn es wirklich so wäre, dann hätte ich schon bei dem ersten Versuch, aus sieben Taschen eine zu machen, die Notbremse gezogen. Es war nur ein Versuch, zu erklären, dass es Frauen spannend finden, mit tausend Beuteln andere Frauen neugierig und neidisch zu machen.“

Seinen irritierten Blick kommentierte sie mit: „Das muss man nicht verstehen, das ist einfach so. Sie werden sicher froh sein, wenn Sie mich morgen endlich wieder los sind.“

„Das wäre glatt gelogen“, erwiderte Gamal, ganz selbstverständlich die Zimmer-Verwechslungs-Komödie weiterspielend.

Eine halbe Stunde später trug er ihre große Tasche und den Schminkkoffer zum Taxi.

„Auf zur letzten Runde“, murmelte Jennifer, streichelte unbewusst ihren nicht sichtbaren Babybauch und ließ sich von Gamal beim Einsteigen helfen.

Wie er es geschafft hatte, schon vor dem Beginn der Show in den Zuschauerraum zu kommen, blieb Jennifer ein Rätsel.

Saladins Männer sind eben doch die Allerbesten, dachte sie beruhigt.

Den anderen Mädchen in der Garderobe nickte sie zur Begrüßung zu, um sofort mit dem Schminken zu beginnen, sich frisieren zu lassen und in den ihr zugedachten Bikini zu schlüpfen. Dann trat sie ins Rampenlicht und das Blitzlichtgewitter der Fotografen. Ihr Lampenfieber war sofort wie weggeblasen. Mit einem charmanten Lächeln schwebte sie leichtfüßig über den Catwalk, blinzelte Gamal verführerisch zu und verschwand wieder.

Hassan, auf der anderen Seite des Stegs, ignorierte sie völlig. Dafür bekam der Pressemann, welcher um das erste Foto vor dem Hotel gebeten hatte, die einmalige Gelegenheit, sie von allen Seiten abzulichten, weil sie sich genau vor ihm im Takt der Musik wiegte.

Sie ist perfekt, ein absoluter Profi und dabei weder zickig noch hochnäsig. Gamal kam ins Schwärmen. So bemerkte er recht spät, dass Hassan seinen Platz verlassen hatte und auch im Zuschauerraum nirgends zu entdecken war.

Gamal mogelte sich durch die Massen und schlug den Weg zu den Garderoben ein. Mit dem Wachmann wurde er sich schnell einig, zumal der gesehen hatte, wessen Begleiter er war.

„Es sind mehrere männliche Personen zu den Garderoben gegangen“, erfuhr er auf Nachfrage.

„Verdammt!“ Gamal beschleunigte seinen Schritt. Sicherheitshalber warf er noch einen schnellen Blick in den Vorraum der Herrentoilette. Gelächter auf dem Gang deutete an, dass die Mädchen im Anmarsch waren. Gamal blieb einfach neben der Garderobe stehen und wartete auf Jennifer.

„Hassan steckt hier irgendwo“, raunte er ihr zu.

Ihr Erschrecken war nur kurz. „Tun Sie so, als wären Sie mein Hairstylist“, flüsterte sie zurück, ihn an der Hand hinter sich her ziehend.

Einen Wimpernschlag später fand er sich inmitten der halb und ganz nackten Models wieder, die sich für die After-Show-Party umzogen und von ihm kaum Notiz nahmen. Hassan tauchte plötzlich auf, steuerte mit einem breiten Grinsen auf Jennifer zu, gewahrte deren Bodyguard und bog mit entgleisenden Gesichtszügen in eine andere Richtung ab.

Jennifer zog eine lustige Grimasse, zuckte mit den Schultern und kleidete sich seelenruhig weiter an. Gamal schmunzelte. Schon, weil ihm im Augenblick sein Job besonders viel Spaß machte.

Beim Verlassen des Gebäudes lauerten schon die Journalisten und die meisten von ihnen auf Jennifer.

„Miss Westwood! Einen Augenblick! Wie kommentieren Sie die Gerüchte um Ihre Schwangerschaft?“

Ein anderer rief durch die Menge: „Man hat Sie des Öfteren im Palast Saladin Ibn Sinas gesehen. Wie nehmen Sie dazu Stellung?“

„Das Aussehen Ihres Begleiters scheint das zu unterstreichen“, stellte der Nächste fest.

Gamal ließ Jennifer ins Taxi steigen und wandte sich den Männern zu. „Meine Herren, Mrs. Raschid wohnt logischerweise im Palast, da sie die Ehefrau des Beraters des Prinzen ist. Ihre Schwangerschaft ist kein Gerücht, sondern ein offenes Geheimnis. Guten Abend.“

Im Blitzlichtgewitter bahnte sich das Fahrzeug langsam seinen Weg.

„Danke“, seufzte Jennifer. „Sie haben mich gerettet. Mir ist das im Augenblick alles zu anstrengend. Ich würde am liebsten heute Abend im Hotel bleiben.“

„Dann tun Sie es doch! Ich lasse uns das Abendbrot auf die Zimmer bringen.“

„Klingt gut. Aber gegessen wird gemeinsam. Ich habe keine Lust ganz allein zu sein.“

„In Ordnung, dann sollten wir aber den Kellner trotzdem im jeweils anderen Zimmer empfangen.“

„Daran wird es nun wirklich nicht scheitern“, lachte Jennifer fröhlich. „Ich liebe Verwechslungskomödien.“

Kendra, die Frau des Prinzen, schaute die neuesten Nachrichten aus aller Welt. Ihr kleiner Sohn, Eric, schlief schon und Saladin brütete mit Raschid über den Papieren für den Bau der Meerwasserentsalzungsanlage.

„Wie? Meldungen aus Paris?“, staunte sie und eilte mit ihrem Tablet ins Arbeitszimmer. „Macht mal Pause! Hier wird gerade live über die Modenschauen berichtet!“

Gemeinsam starrten sie auf das kleine Display.

„Da! Gamal!“ Kendra zoomte den Bildausschnitt auf.

„Und Hassan“, stellte Raschid düster fest.

„Aber auf der anderen Seite und glücklich sieht er auch nicht aus“, warf Saladin ein.

Raschids Miene hellte sich schnell auf, als Jennifer den Laufsteg entlang kam und nicht einmal in die Richtung schaute, wo der Lebemann Platz genommen hatte. Dann ein paar Bilder, wie die Damen das Gebäude verließen und das Ministatement Gamals.

Kendra lachte herzlich. „Keine Chance, an Jennifer heranzukommen. Er lässt sie alle eiskalt ablaufen.“

Raschid rieb sich die Hände.

„Zufrieden?“, fragte Saladin mit einem Augenzwinkern.

„Absolut!“

„Wusstest du, dass er Französisch spricht?“

„Keineswegs. Ich bin äußerst angenehm überrascht. Bei dem Potenzial lässt sich sicher noch mehr daraus machen.“ Raschid wandte sich mit genüsslichem Lächeln wieder den Papieren zu.

In Paris orderte der Hochgelobte soeben das Abendbrot. Eine Stunde später nahmen sie es getrennt entgegen, um am Ende in Jennifers Zimmer gemeinsam zu essen, etwas fern zu sehen und sich zu unterhalten.

„Ich wollte schon als kleiner Junge immer Kampfsportler werden“, erzählte Gamal versonnen. „Aber für eine wirklich solide Ausbildung fehlte meinen Eltern das Geld. Also achteten sie sehr darauf, wenigstens im Rahmen ihrer Möglichkeiten mein Sprachtalent zu fördern. Als man im Palast Rekruten für die Garde suchte, musste ich nicht lange überlegen, das war für mich die beste Gelegenheit, das zu tun, was ich schon immer wollte. Ich träumte davon, einmal wie Abdullah oder Ibrahim zu werden und alle haben mich für einen Spinner gehalten. Bis zu jenem Tag, als mich Mrs. Ibn Sina zufällig als Begleiter auswählte …“

„… und Raschid merkte, welcher Rohdiamant da auf einen guten Schliff wartete“, vollendete Jennifer seinen Gedankengang. „Ich fühle mich sicher und das ist bestimmt das Wichtigste, für einen guten Bodyguard.“

„Danke“, murmelte Gamal, dem es tatsächlich gelang, unter seiner braunen Haut rot zu werden.

Hassan hielt bei der Party vergeblich nach Jennifer Ausschau. In der Annahme, ihr Gatte hätte ihr die Teilnahme verboten, gab er schließlich auf.

Nach dem Abräumen des Geschirrs richtete sich Jennifer zur Nachtruhe ein, während Gamal noch die übliche Trainingseinheit an Liegestützen anhängte. Ein letzter Blick zur Uhr – fast Mitternacht. Duschen, frottieren und ab ins Bett. Der Wecker war auf sechs Uhr gestellt. Innerhalb weniger Augenblicke schlief der junge Mann ein. Ein kühler Lufthauch riss ihn aus seinen Träumen.

Mit spaltbreit geöffneten Augen blieb er liegen und lauschte angestrengt in die Finsternis. Er glaubte, ein verhaltenes Atmen zu hören und fühlte eher die Nähe fremder Personen in seinem Zimmer, als dass er sie sah. Jemand beugte sich lautlos über ihn, presste ihm eine Hand auf Mund und Nase.

In einem Reflex riss Gamal das Knie hoch, traf den Fremden und schmetterte ihn an die Wand. Ein Zweiter kreiselte herum und versuchte, die Zimmertür zu erreichen. Gamal hechtete vom Bett aus in den Rücken des Fremden und riss ihn zu Boden. Weil der Erste noch völlig benommen neben dem Bett lag, blieb ihm die Zeit, das Licht anzuschalten und den Mann an der Tür mit seinem eigenen Gürtel zu fesseln. Gleiches geschah auch mit dem anderen, dann rief Gamal an der Rezeption an und verlangte nach der Polizei.

Jennifer war durch den Aufschlag an ihrer Zimmerwand wach geworden. Entsetzt lauschte sie dem kurzen Kampf nebenan. Nicht ahnend, was geschehen war, traute sie sich nicht einmal, durch die Balkontür ins andere Zimmer zu schauen, als dort das Licht aufflammte. Dann hörte sie Gamals Stimme und beruhigte sich etwas.

Allerdings war an Schlafen, nun nicht mehr zu denken. Sie kleidete sich rasch an und legte das Ohr an die Wand. Mehrere Männer sprachen auf Französisch mit Gamal, der ruhig auf alle Fragen antwortete. Schließlich summte ihr Kommunikator und zeigte Gamals Nummer an.

„Hallo? Was ist passiert?“, fragte Jennifer leise.

„Geht es Ihnen gut?“

„Ja, danke und Ihnen?“

„Mir geht es auch gut. Hier sind gerade einige Herren der Polizei. Wären Sie bereit, mit ihnen zu sprechen?“

„Ja, natürlich. Einen Moment, ich schließe gleich auf.“ Jennifer legte das Gerät auf den Tisch und öffnete. Sie bat die beiden Polizisten herein und deutete auf die Sitzecke. Gamal übernahm das Dolmetschen. Wenige Worte genügten Madame Raschid, die letzten Minuten zu beschreiben.

„Geht es Ihnen auch wirklich gut?“, fragte sie Gamal sorgenvoll.

„Es geht mir gut“, versicherte er mit einem beruhigenden Lächeln.

„Was ist eigentlich passiert?“

Gamal beschrieb noch einmal das, was er den Beamten schon zu Protokoll gegeben hatte. Jennifer wurde blass und schaute alle mit weit aufgerissenen Augen an.

„Oh, mein Gott“, hauchte sie dann. „Vielleicht verdanke ich Ihnen sogar mein Leben.“

„Wie meinen Sie das, Madame?“, fragte einer der Polizisten. Worauf Jennifer detailliert über die dunklen Ahnungen ihres Bodyguards berichtete und wie sie daraufhin mit allen Konsequenzen, Zimmer wechsle dich, gespielt hatten.

„Dann ergibt die Sache sogar einen Sinn!“, rief einer der Beamten. „Einer der Einbrecher, der hier seit einiger Zeit als Kellner arbeitete, wurde bereits wegen mehrfachen Raubes gesucht. Man hatte es offenbar auf Ihren Schmuck und die Kreditkarten abgesehen. Damit, dass Ihr Bodyguard in diesem Zimmer schlief, hatten die Verbrecher keinesfalls gerechnet.“ Er maß den jungen Leibwächter mit achtungsvollem Blick.

„Schließen Sie wieder ab und versuchen Sie, noch ein wenig zu ruhen“, riet Gamal, als er mit den Beamten Jennifers Zimmer verließ.

Ganz unbemerkt schien der Polizeieinsatz nicht geblieben zu sein. Der junge Mann wurde beim Frühstück von einigen neugierig taxiert, wie Jennifer mit sichtbarem Stolz feststellte. Als sie zufällig Hassans Blick begegnete, quittierte sie das mit einem Siegerlächeln.

Beim Auschecken entschuldigte sich der Manager noch einmal persönlich bei seinen beiden Gästen, für die Unannehmlichkeiten der vergangenen Nacht.

„Ziemlich viel Aufregung für zweieinhalb Tage“, fasste es Jennifer im Flugzeug zusammen. „Wollte man das jemandem erzählen, würde man glattweg bezichtigt werden, zuviel Fantasie zu haben oder einen schlechten Krimi gelesen zu haben.“

„Das wäre allerdings zu befürchten“, pflichtete ihr Gamal bei. „Es wäre aber auch nicht das erste Mal, dass man mir nicht sofort glaubte, obwohl ich die Wahrheit sagte.“ Er winkte ab.

„Raschid?“, fragte Jennifer überrascht.

„Nein, nein – meine ehemaligen Kameraden der Wache, als ich berichtete, ich hätte einen Auslandsauftrag bekommen.“ Gamal lächelte melancholisch. „Ich hätte aber auch nicht anders reagiert. Dann kam Abdullah und befahl mir vor allen, in den Flügel der Elite umzuziehen …“ Er seufzte. „Für mich waren die letzten Monate sicher nicht weniger aufregend, als für Sie. Das ganze Leben hat sich neu sortiert.“ Er zog seinen Kommunikator aus der Tasche. „Hier ist Gamal. Wir landen in einer halben Stunde.“

Der Hubschrauber des Palastes kam ein paar Minuten vor dem Airbus auf dem Flugplatz der Hauptstadt an. Raschid stand neben der geöffneten Kanzel und beobachtete, wie der riesige Silbervogel sicher aufsetzte und langsam ausrollte. Er wartete geduldig, bis seine beiden Passagiere die Abfertigungshalle verließen. Jennifer flog ihrem Mann geradezu in die Arme. Gamal folgte extra langsam mit Koffern und Taschen, um die innige Begrüßung des Ehepaares nicht zu stören.

Der Händedruck, mit dem ihn Raschid willkommen hieß, ließ ihn aufschauen. Das ging deutlich über das ihm Zustehende hinaus.

Universalgenie Gamal

Jennifer fragte Raschid sofort darüber aus, wie es Eric und Kendra ginge. Sie freute sich riesig, dass der Kleine ein paar Mal auch nach ihr gefragt hatte.

Noch während des Landeanflugs wandte sich Raschid an Gamal. „In zwei Stunden erwarte ich dich zum Rapport im kleinen Salon.“

„Zu Befehl“, entgegnete der junge Mann, erstaunt darüber, dass man ihn exakt zur Abendbrotzeit dahin bestellte.

„Mach dich chic!“, rief ihm Raschid noch blinzelnd hinterher. Dann trug er gleich selber das Gepäck seiner Frau in die Wohnung.

Die Türklinke noch in der Hand, zog er Jennifer an sich, um sie leidenschaftlich zu küssen.

„Du hast mir gefehlt“, flüsterte sie.

Raschid streichelte ihr Haar. „Du mir auch. Ich bin froh, dass du wohlbehalten wieder hier bist.“ Er ließ seine Hand über ihren Bauch huschen. „Ich muss wieder los. Der Dienst ruft. Bis dann, zum Essen!“

„Bis dann.“

Ibrahim war der Erste, der Gamal erspähte. „Ah, schau an, der Ausländer ist wieder da! Wie war’s?“

„Nicht übel“, lachte Gamal. „Paris ist eine tolle Stadt.“

„Toll, gemeint als schön, oder als verrückt?“, fragte Abdullah.

„Sowohl als auch.“ Gamal packte seine Tasche aus. Nebenbei erzählte er von der Modenschau, die er hautnah am Laufsteg erlebt hatte.

„Wann musst du zum Rapport?“

Gamal nahm einen frischen schwarzen Anzug aus seinem Schrank. „Zum Abendbrot. Ich weiß nicht, was Raschid eigentlich vorhat.“

„Oh! Na, dann wollen wir nicht weiter stören.“ Abdullah zog Ibrahim aus dem Zimmer.

Noch ein Blick in den Spiegel, dann trabte Gamal zum Wohntrakt des Prinzen. Raschid erwartete ihn bereits und wies ihm einen Platz, sich gegenüber, zu. Die Familie des Prinzen und Jennifer setzten sich, dann die beiden Leibwächter. Saladin und Raschid wechselten einen Blick.

„Rapport“, befahl der Prinz mit einem Blinzeln an Gamal. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr beide in Paris für heftige Turbulenzen gesorgt habt. Nicht nur, dass du bei seiner Frau geschlafen hast“, er deutete auf Raschid. „Wegen euch musste auch noch die Polizei anrücken.“