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Wenn der Wind die Stimme nimmt, wenn Teddybären ein Eigenleben entwickeln oder alte Mären ins Heute überführt werden, wenn Puppen und Spiegel sich zu handelnden Personen entwickeln, wenn Getränke mehr als geistvoll sind und Frauen sich im Meer verwandeln – dann ist man in der Märchenwelt des Kai Riedemann gelandet. Da erstaunt es dann auch wenig, wenn er alte Helden der Märchenwelt reaktiviert wie Rumpelstilzchen oder den Froschkönig. Doch auch ganz neue Archetypen werden von ihm erschaffen, sodass man in jeder der neunzehn Geschichten Altbekanntes, aber auch erfrischend Neues für sich entdecken kann.
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Außer der Reihe 82
Kai Riedemann
GAR KÖSTLICH IST DAS RUMPELBIER
Märchen & Märchenhaftes
Außer der Reihe 82
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juli 2025
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Zusammenstellung: Jörg Weigand
Titelbild & Illustrationen: Gabriele Behrend
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 464 9
ISBN dieses E-Books 978 3 95765 684 1
Wenn der Wind übers Meer zu uns kommt, erzählt er manchmal von Rangholm. Dann sitzen alle still zusammen und schließen die Augen. Sie lauschen dem Wispern im hohen Gras und dem Rauschen über den Deichen.
Der Wind erzählt von einer kleinen Insel im Meer. Rangholm.
Er erzählt von den Fischern, von den Frauen, von den Knechten und Mägden. Und von den Kindern. Es ist eine alte Geschichte, die er erzählt. Schon seit langer Zeit bringt er sie mit sich übers Meer.
Es ist nicht nur die Geschichte von Rangholm. Es ist auch die Geschichte von Julia und Jarna, den beiden Fischertöchtern.
Sie lebten in einem kleinen Fischerhaus, direkt hinter dem Deich. Jedes Mal, wenn die Sonne aufging, fuhr ihr Vater hinaus aufs Meer. Und jedes Mal, wenn die Sonne am höchsten stand, kehrte er mit seinem Fang zurück. »Heho!«, rief er schon von Weitem, denn die Männer und Frauen von Rangholm erwarteten ihn Tag für Tag am Hafen. So war es, seit Julia und Jarna denken konnten. Bis zu jenem Sturm im Herbst.
Zuerst war es nur ein leiser Wind, der an den Blättern rüttelte. Aber je länger er wehte, desto wilder wurde er. Er zerrte an den Fensterläden, er griff nach den Strohdächern, er knickte die Bäume.
Der Fischer saß mit seinen beiden Töchtern in der kleinen Hütte direkt hinter dem Deich. Er konnte nicht auf See hinaus, denn der Wind war zu stark, und die Wellen waren zu hoch.
Am ersten Tag erzählte er seinen Töchtern drei alte Geschichten.
Am zweiten Tag erzählte er ihnen zwei alte Geschichten.
Am dritten Tag nur noch eine, und am vierten Tag schwieg er ganz. So verging eine volle Woche ohne ein Wort.
Der Sturm blies weiter über Rangholm und hatte längst die Fischerboote mit sich genommen. Auch das Meer stieg. Die Wellen schlugen immer höher gegen den Deich. Und die Männer und Frauen von Rangholm saßen still in ihren Hütten und begannen zu hungern. So verging wieder eine volle Woche.
Da schlichen sich die beiden Fischertöchter hinaus. Ganz leise, denn ihr Vater schlief. Sie stellten sich auf den Deich, öffneten ihre blonden Zöpfe und hielten Wind und Meer die geröteten Gesichter entgegen.
»Halt ein, Wind!«, riefen sie über die Wellen. »Halt ein!«
Und der Wind antwortete: »Sollen wir Rangholm verschonen«, fauchte er und flocht ihre Haare wieder zu Zöpfen, »so müsst ihr uns drei Dinge opfern, die euch viel bedeuten! Seid ihr bereit?«
Die beiden Mädchen begannen zu frieren. Aber sie nickten.
Und sie fassten sich ganz fest an den Händen.
»Gebt uns …«, heulte der Wind laut, »… eure Namen!«
Julia und Jarna, die beiden Fischertöchter, knieten nieder auf dem Deich. Und als das Wasser sich wieder ins Meer zurückzog, da schrieben sie ihre Namen in die schwarze aufgewühlte Erde des Deiches. Die Wellen kamen mit neuer Macht, schlugen über den Buchstaben zusammen und nahmen sie mit sich fort. Da hatten die Fischertöchter keine Namen mehr.
»Gebt uns …«, heulte der Wind noch lauter, »… eure Sprache!«
Die beiden Fischertöchter richteten sich auf, schlossen die Augen und warfen dem Wind ihre Worte entgegen. Der entriss ihnen die Stimmen und trug sie mit sich fort. Da hatten die Fischertöchter ihre Sprache verloren.
»Gebt uns …«, heulte der Wind noch lauter, »… euer Leben!«
Die Fischertöchter standen schweigend auf dem Deich, hielten sich ganz fest an den Händen und blickten hinaus auf die Wellen. Große weiße Schaumkronen lachten ihnen entgegen. Der Wind griff nach ihren Kleidern, und das Wasser griff nach ihren Füßen.
Da traten beide einen Schritt zurück. Sie öffneten beide ihren Mund und schrien dem Wind ein lautloses »Nein!« entgegen.
Der Wind brauste noch wilder auf, packte sie an den Haaren. Das Wasser schlug noch höher über die Deichkrone hinaus, umarmte die Fischertöchter mit seinen Wellen. Aber die nahmen sich nur fester an den Händen und hielten Wind und Meer die geröteten Gesichter entgegen.
Da gab es ein wütendes Fauchen, ein wildes Brausen, ein gewaltiges Tosen. Noch einmal rüttelte der Wind an Häusern, an Bäumen und Deichen – dann war es still.
Die beiden Fischertöchter standen auf der Deichkrone und blickten hinaus auf die letzten Wellen. Das Meer lag ruhig vor ihnen. Nur ein leiser Wind strich über ihre Haare. Es war still geworden vor den Deichen von Rangholm.
Die beiden drehten sich um und gingen zurück zu ihrer Hütte. Der Vater schlief noch immer. Aber die ersten Menschen wagten sich schon wieder ins Freie. Sie lachten und scherzten, sie sangen und feierten, denn der Sturm war vorüber.
Auch die beiden Fischertöchter lachten. Lautlos. Und niemand auf Rangholm hat je erfahren, warum sie seit jenem Tag für immer schwiegen. Nur der Wind kennt das Geheimnis.
Und manchmal, wenn er übers Meer zu uns kommt, dann erzählt er uns diese Geschichte. Die Geschichte von Rangholm und den beiden Fischertöchtern, die dem Wind trotzten.
Vielleicht spricht er dabei sogar mit ihren Stimmen.
(1992)
Seit drei Tagen weinte Linda. Sie hatte ganz allein die Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte ausgepustet, ganz allein ihren Kakao getrunken, ganz allein den Käsekuchen gegessen und ganz allein ein Lied gesungen. Seitdem weinte Linda.
Ihre Mutter versuchte, sie zu trösten. Ich Vater versuchte, sie zu trösten. Sogar ihre große Schwester Regina versuchte, sie zu trösten.
Aber Linda weinte weiter.
Schließlich ging sie hinaus in den Wald und fragte den Brunnen.
Die Mutter hatte ihr irgendwann von dem Geheimnis dieses Brunnens erzählt. Mitten auf einer kleinen Lichtung stand er, sehr tief und sehr weise.
Linda trat vorsichtig an den Rand aus grauen Steinen und blickte an dem morschen Seil hinab in die Dunkelheit.
»Warum bin ich so traurig?«, fragte sie. Aber nur ihre eigene Stimme antwortete ihr.
Linda beugte sich noch weiter über den Brunnen.
»Ich bin so allein. Bitte, Brunnen, hilf mir!«
Linda lauschte. Zunächst blieb alles still. Aber dann kam ein leises Rauschen aus der Tiefe. Das Seil begann zu schwanken, als wäre es von einem fernen Wind erfasst.
Linda fröstelte. Sie nahm die Kurbel am Brunnenrand ganz fest in beide Hände und ließ das Seil Meter für Meter aus der Dunkelheit emporsteigen. Bis der hölzerne Eimer erschien. Unruhig schwankte er hin und her, auf und ab.
Linda zog ihn zu sich heran und sah hinein.
Sie sah trübes Wasser.
Und Egbert.
Sie wusste sofort, dass der Teddy Egbert heißen musste. Er hatte klebriges, braunes Fell, nur ein Bein und einen Arm, nur ein Auge und ein Ohr. Er war über und über mit gelben Blättern bedeckt und roch nach Moor.
Vorsichtig zog Linda ihn aus dem hölzernen Eimer. Egbert war schwer von all dem Wasser in seinem Fell. Der Bärenkopf schaukelte traurig, und aus einem großen Loch am Hals ragte ihr dunkelgraue Holzwolle entgegen.
»Armer Egbert!«, sagte Linda und drückte ihn fest an sich.
Sie brachte ihn zu der kleinen verlassenen Hütte, nicht weit von der Lichtung entfernt.
Sie setzte ihn auf die schmale Holzbank in der Ecke, zog sorgfältig alle Blätter aus seinem verklebten Fell, streichelte ihn und untersuchte das große Loch in seinem Hals.
»So soll dich niemand sehen«, sagte sie leise. »Mami nicht, Papi nicht und Regina schon gar nicht.«
Egbert blinzelte ihr zu.
Und weil es schon dämmerte, legte sie ihn auf ein altes Stück Zeitungspapier und deckte ihn mit ihrem roten Lieblingspullover zu.
»Schlaf gut, Egbert«, sagte sie. »Morgen komme ich wieder. Ganz bestimmt!«
Sie zupfte noch ein letztes Blatt aus seinem Fell.
Egbert lächelte.
Am nächsten Tag besuchte sie Egbert in der Waldhütte.
Sie hatte Garn mitgebracht und einen großen roten Flicken aus Mutters Nähkasten. Damit stopfte sie das Loch in seinem Hals.
Sie kämmte das Fell glatt, polierte sein einziges Auge, nähte ihm einen alten Holzlöffel als rechtes Bein an.
Dann betrachtete sie ihn. Er saß vor ihr auf der schmalen Holzbank, hatte nur einen Arm, ein Auge und ein Ohr, und er roch immer noch nach Moor.
»Hübsch bist du nicht!«, sagte Linda. »Aber du bist mein Freund. Willst du mein Freund sein?«
Egbert brummte zustimmend.
Linda lachte.
Von diesem Tag kam sie regelmäßig in die Waldhütte.
Sie erzählte ihrem neuen Freund von ihren Träumen und Ängsten, von Mami und Papi und von ihrer großen Schwester Regina.
Egbert musste noch viel lernen. Aber er war ein guter Schüler, und Linda war eine gute Lehrerin.
Es dauerte eine Woche, da konnte Egbert laufen.
Es dauerte zwei Wochen, da konnte Ebert sprechen.
Es dauerte drei Wochen, da konnte Egbert tanzen.
Es dauerte vier Wochen, da konnte Egbert singen.
Nach fünf Wochen gingen sie zusammen in den Wald. Egbert humpelte über Steine und Sträucher, hüpfte vorsichtig auf einem Bein, sang ein leises Lied. Linda spielte dazu auf ihrer Flöte. Bis sie vor dem alten Brunnen standen.
»Hier habe ich dich gefunden«, sagte Linda.
»Hier habe ich dich gefunden«, sagte Egbert.
Er verneigte sich und drehte eine Pirouette auf seinem Holzlöffelbein.
Dann begann er, zu tanzen. Zuerst waren es nur kleine Hüpfer auf der Stelle. Aber je länger er tanzte, umso höher wurden seine Sprünge, umso schneller drehte und verrenkte er sich. Er stolperte und fiel und landete auf der platten Teddynase. Aber das störte ihn nicht.
Schließlich stimmte er ein fröhliches Lied an.
Egbert sang. Erst leise. Dann laut und manchmal falsch.
Linda saß vor ihm im hohen Gras und spielte auf der Flöte.
Aber die beiden blieben nicht lange allein. Als Erstes kamen die Igel. Sie hockten sich an den Rand der Lichtung unter die Hagebuttenbüsche und schauten zu.
Dann kamen die Hasen. Sie hoppelten bis an den Brunnenrand.
Dann kamen die Schmetterlinge. Und die Vögel. Und die Eichhörnchen. Sogar die Rehe steckten ihre Köpfe durchs dichte Unterholz und spitzten die Ohren.
Als Egbert dies sah, sang er immer lauter und tanzte immer wilder.
Linda klatschte in die Hände.
»Du tanzt wie Rumpelstilzchen«, sagte sie, sang laut mit und hüpfte mit ihm um den Brunnen. Immer im Kreis herum. Immer mit einem fröhlichen Lied.
So lange, bis beide erschöpft ins Gras fielen.
Die Hasen hoppelten näher, schnupperten, stupsten Egbert und Linda mit den Pfoten an.
