Garstiger Morgen - Hiromi Itō - E-Book

Garstiger Morgen E-Book

Hiromi Ito

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Beschreibung

Erzählung? Essay? Journal? Memoir? Gedicht? Gebet, Beichte, Beschwörung, Provokation oder Slapstick? Laut oder leise? Krass oder weise? Überraschend und verstörend, poetisch und tief anrührend ist Hiromi Itōs Literatur, gleich, welches Genre sie bedient. Die vorliegende Textauswahl gibt Gelegenheit, diese außergewöhnliche Literatin kennenzulernen, von ihren Anfängen als zornige junge Dichterin, viel beachtet und gefeiert seit ihrem Debüt Ende der 1970er-Jahre, mit ihren neuartigen Themen und einem unverwechselbaren, dabei genuin dichterischen, frischen Tonfall, bis in die Gegenwart der 2020er-Jahre – eine Frau, die sich beim Altwerden zuschaut und »mit allen Wassern gewaschen« ist. Hiromi Itō durchkreuzt mit ihrer Sprachkunst und Imagination sämtliche Genres und reißt Grenzen nieder. Die vorliegende Sammlung von Texten aus 45 lebensprallen, schaffensdichten Jahren verspricht Einblicke in ein Künstlerleben voll ungeahnter Ausdrucksformen und Erkenntnisweisen, beginnend mit einem Liebesgedicht, endend mit einem Manifest.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Nicht verbiegen!

HARAKIRI

Vaters Gebärmutter oder Eine Landkarte

TOPS

Krickkrack

Kanoko töten

Mutter töten

Erwartung

Schnee

Essig und Öl

Bedeutung misshandeln

Nashite mōnen – Nasty morning – Garstiger Morgen

YAKISOBA

Ich bin Prinzess Anju

Ich war Chito

Meine Beichte – Bis eine Frau mit allen Wassern gewaschen ist

Kochen und Dichten

Kuzunoha – Pfeilwurz-Blätter oder Die Frau, die ihr Kind zurücklassen musste

Der Spiegel

Pulsschlag

Berliner Bäume

Die Hildisvini

Diane

Ich habe einen Traum. Eine Art Manifest

Kommentare

»Mit allen Wassern gewaschen« Ein Dichterleben – Extrakte aus 45 Jahren

Quellenverzeichnis

Garstiger Morgen

HiromiItō

Garstiger Morgen

Texte von den Transitzonen des Lebens

Ausgewählt, aus dem Japanischen und mit einem Nachwort und Kommentaren von Irmela Hijiya-Kirschnereit

Nicht verbiegen!

Ich mache Shiratama

Und bringe sie zu meinem Mann

Ich erhitze Zucker und mache Sirup

Gebe die gekochten Shiratama hinein

Kühle es

Verschließe es fest

Und bringe es ihm

Die Bällchen kleben am Boden des Gefäßes fest

Ihre Glasur ist rissig

Ihre runde

Gestalt ist verformt

Ich schöpfe sie mit einem Löffel

He!

Schau mal!

Schöpf sie aus

Damit sie sich nicht verbiegen

Shiratama sind mir von allem das Liebste

Sagt mein Mann und führt das Shiratama an seinen Mund

Er schließt genießerisch die Augen

Ich liebe sie mehr als dich

Ich sehe meinem Mann zu

Wie er die Shiratama schluckt

Und den lauwarmen Sirup aufschlürft

Ich schüttle den verschlossenen Behälter und wickle ihn in ein Tuch

Dann führen wir beide

Unsere Münder voller Sirup zusammen

Lassen unsere Handflächen gleiten

Bewegen sie in der Form der Liebe

Aber

Weißt du

Ich will mich nicht verbiegen

Ich will mich nicht verformen lassen

Das ist, was ich denke, oh Mann, mein Mann

Ich forme die Kügelchen

Koche sie, erhitze den Sirup, lasse es abkühlen

Tränke sie mit

Herzzerreißenden

Hoffnungen

Der sämige Sirup

Die schlüpfrigen Shiratama

Mein Mann schluckt sie hinunter

Sämig wie Speichel

Glatt wie Pobacken

Wie sie wohl schmecken?

Ich will dich nicht verbiegen

Dachte auch er auf seine herzzerreißende Art

Ich hab' ihn wohl erreicht

Mit meiner Nahrung, die ich absondere

Tief, tief

In den Mann, den ich liebe

HARAKIRI

Die Kirschblüten fallen ab

Einmal traf ich

Herrn O, den Seppuku-Fetischisten, und fragte ihn

Wen,

zum Beispiel von den Schauspielern, würden

Sie Seppuku begehen lassen wollen?

Worauf Herr O

tja also sagte, darüber habe ich noch nie nachgedacht,

die Arme verschränkte,

nach oben schaute,

hmm, noch einmal brummte

und sprach

Das wäre wohl Oki Masaya

Ich selbst mochte

sein Gesicht schon lange

bevor er sich vom Keiō Plaza Hotel hinabstürzte

daher konnte ich mir dieses Gesicht

beim Seppuku sofort vorstellen

Wie sollte Oki Masaya es denn anstellen

fragte ich und stellte ihn mir insgeheim

als Fürst Asano im weißen Totengewand vor

Nackt, im Stehen,

sprach Herr O

Aber wo, fragte ich weiter

Hmm, auf dem Friedhof, denk' ich

wo Kirschblüten fallen

jawohl, auf dem Friedhof, wo Kirschblüten fallen

Heißt nackt etwa splitternackt?

Nein, natürlich mit Lendentuch

ein Lendentuch, das Penis, Anfahrtrampe, Anus,

die gesamte erogene Zone bedeckt

Die Kirschblüten fallen

Der Friedhof ist mit hölzernen Sutrenstelen übersät

Hahaha, das ist ein wenig obszön, aber lassen wir's

Wollen Sie Oki Masaya denn qualvoll sterben lassen oder

frage ich weiter

Natürlich soll er qualvoll und unter langsamer Marter sterben

schließlich ist das mein Abbild

sprach Herr O

und dann zog er sich bis auf ein weißes Lendentuch aus

und schlitzte stehend seinen Bauch auf

Seppuku hat schön zu sein, deucht ihn.

Seppuku ist schließlich die Ästhetik des Mannes, deucht ihn

Kirschblüten, deucht ihn

Voll aufgeblühte Kirschblüten, deucht ihn

Voll aufgeblühte Kirschblüten müssen abfallen, deucht ihn

Solange er noch schön ist, möchte er sterben, deucht ihn

In einigen Jahren wird er sechzig

Seppuku bedeutet Fürst Asano, deucht ihn

Mishima Yukio ist ihm zuvorgekommen, deucht ihn

Auf dem Friedhof die Sutrenstelen, deucht ihn

Zum Seppuku die Kirschblüten

deucht ihn

Hahaha, obszön ist das ja, ein wenig, sprach er

Zum Samuraigeist die Kirschblüte, deucht ihn

Der Samurai sucht stets nach einem Ort zu sterben, deucht ihn

Ob seine Vorfahren Samurai waren, vergaß ich zu fragen

Man muss sich nur abhärten, dann ist Schmerz ein Genuss, deucht ihn

daher härte ich mich ab, sprach er

(Onanieren)

Im Angesicht einer Frau Seppuku zu begehen, das wäre das Höchste

(Onanieren)

Samurai

(Onanieren)

Hahaha

(Onanieren)

Kirschblüten

(Onanieren)

Kirschblüten fallen

(Onanieren)

Das ist ja obszön

Vaters Gebärmutter oder Eine Landkarte

Das ist der Raum wo in alle möglichen Gläser

Alle möglichen menschlichen Körperteile hineingestopft sind

Alle möglichen Deformationen und seltenen Krankheiten konnten wir sehen

Eigentlich konnte man auch alle möglichen Leichen sehen

Aber die Männer wollten dort nicht hingehen

Also sahen wir nur die Körperteile

Die menschlichen Körperteile hatten sich in der Flüssigkeit verfärbt

Und bestimmt

Werden sie nie wieder lebendig

Schau, das ist der Arm meines Vaters, sagen

Die Männer und zeigen auf einen verschrumpelten Arm

Das ist Vaters Haut

Die Männer zeigen auf eine Haut mit Hautkrankheit

Das ist Vaters Magen

Die Männer zeigen auf ein Magengeschwür

Das ist Vaters Hoden

Die Männer zeigen auf einen Hoden mit Elefantenhaut

Das sind Vaters Knochen und Wirbelsäule

Das sind Vaters Fingergelenke

Das sind wir, die wir vom Vater geboren wurden

Und sie zeigen auf Föten mit Wasserköpfen

Und das bist du

Und sie zeigen auf einen Brustkrebs

Und das ist Vaters Gebärmutter

Sagen die Männer und zeigen auf eine Gebärmutter mit Zähnen

Im Fleisch verborgen eine Zahnreihe

Das ist eine Krankheit oder eine Deformation

Möchte ich sagen, aber ich schweige

Das ist Vaters Gebärmutter

Als wir Kinder waren, wurden wir oft von Vater geschlagen

Das sind die grausamen Zähne der Gebärmutter, die uns züchtigten

Einer unter heftigem Weinen

Der andere tanzend, zerschlagen die Männer

Plötzlich das Glas mit der Gebärmutter mit den Zähnen

Von Vater oder von wem auch immer, ob krank oder deformiert

Jedenfalls zerbricht das Glas

Tränen und Alkohol, Zähne und Glasscherben

Nichts als Sentimentalität, denke ich

Aber ich schweige

»Ich entfalte die Landkarte und möchte irgendwo hingehen aber

Überall auf der Karte erhebt sich Vater.

Ich suche verzweifelt nach einem Ort, wo Vater nicht ist.

Vater erhebt sich.

Überall auf der Karte, wohin mein Finger auch zeigt, erhebt sich

Vater.«

Diese Geschichte von Vater und Tochter erzählt mir einer der Männer

Und gibt mir eine Landkarte

Eine Landkarte in einer fremden Sprache

Ich kenne die darauf verzeichnete Topografie

Auch die Namen der Orte kenne ich

Aber die Sprache vermag ich nicht zu lesen

Doch er kann sie lesen

So werde ich jedes Mal, wenn ich die Karte betrachte, von der Sprache

Von dem Mann, der die Sprache lesen kann

Raffiniert überwacht

Natürlich bereut

Der Mann, der mir die Karte gab, sofort, dass er mich überwachte

Vor lauter Reue windet er sich

Sei still (wünsche ich)

Stirb (wünsche ich)

Auf die denkbar langweiligste Art will er sterben

Etwa indem er ausgekautes Kaugummi auf dem Boden verschmiert

Oder indem er in einer Druckwelle plötzlich verschwindet

Oder indem er verhungert

Dennoch gibt der Mann mir, um mich zu überwachen, eine Landkarte

Jederzeit, überall erhebt er sich auf der Landkarte

Sogar aus dem Glas heraus wird er wieder lebendig

Aber der Mann bereut

Vor Reue windet er sich

Ich muss ihn so lassen

Denn wenn ich ihn anrede

Wird er sich sofort erheben

Mich züchtigen

Wie er es zigmal, hundertmal getan hat

Seine Adern schwellen an

Vater oder Bruder

Ehemann, Geliebter, Lehrer, wie er auch heißt

TOPS

Wenn ich träum.

Du ich träum immer noch oft von K, und manchmal, da ist der K auf mir drauf, mit nackter Brust, und von der Brust abwärts auch ganz nackt, guckt K mich an. K hat seine Brille nicht auf, ohne Brille ist er nur beim Sex oder wenn er schläft, also ohne Brille, da kann er sicher kaum was sehen, und mit diesen kurzsichtigen Augen guckt K mich an. Diese Augen oder vielleicht, wie soll ich sagen, dieser Blick, der ist wahnsinnig sanft. Als ob er lächelt, so ungefähr. So hab ich den K oft erlebt, das heißt, er hat mich in Wirklichkeit oft in den Arm genommen und mich mit diesem sanften Blick angeguckt.

Du ich komm, sagt der K im Traum, und dann macht er den Mund auf, als würd er noch was sagen, entweder sind wir schon mitten drin oder vielleicht auch kurz bevor er reinkommt, jedenfalls sagt er, ich komm, das heißt, er hat vielleicht gleich seinen Erguss. Wie auch immer, der K guckt mich sanft an, und ich guck zum nackten K hoch. Seine Haut, diese weite Fläche, und dann diese Rippen und die Brustwarzen, und darüber dann seine Augen. Schmal sind die. Aber das ist dann auch schon alles. Dass er drin ist, krieg ich grade noch mit, aber das Gefühl hält sich nicht, also, es ist nichts von dem tollen Gefühl dabei, sondern einfach bloß, der K. ist nackt auf mir, und ich kann ihn nackt bis zum Nabel sehen, das seh ich unheimlich deutlich vor mir, schließlich haben wir's ja gemacht, und dieser Nabel, den ich so gut kenn, da schließt er sich genau an, nach den Rippen, eine nach der anderen, den Brustwarzen und der Flanke. Aber darunter geht's einfach nicht weiter. Sein Geschlechtsteil oder dann wenn's funkt das tolle Gefühl, das kommt einfach nicht. Drum denk ich mir jetzt, der Mensch ist doch, findst du nicht, ziemlich sentimental, ein ziemlich sentimentales Wesen.

Drum denk ich mir jetzt, der Mensch

ist doch, findst du nicht,

ziemlich sentimental,

ein ziemlich sentimentales

Wesen.

Krickkrack

Vor dem Aufzug wartete die Pflegerin; wir strebten mit kurzem Gruß an ihr vorbei dem Krankenzimmer zu, da sagte sie mit leiser Stimme, sie ist gestorben. Nishis Mutter hatte eine völlig veränderte Gesichtsfarbe. Den Augenblick, in dem sich ihre Gesichtsfarbe veränderte, hatten wir nicht erleben können.

Und wir hatten doch gehört, dass ihr Sohn aus Tokyo gekommen ist. Da hätte er doch dabeisein können, wiederholte die kleine Krankenschwester immer wieder. Nishis Vater kam etwas später. Ach, sie ist tot, sagte er im Hereintreten. Er ging zu der Toten, und ohne zu weinen, ohne Ausdruck von Trauer strich er über ihre Hände und versuchte, ihr den offenen Mund zu schließen. Kann man denn da nichts machen? Der Mund, steht einfach so offen. Dass der Mund offen stand, hatte ich auch bemerkt. Aber auf den Gedanken, ihn eigenhändig zu schließen, war ich nicht gekommen.

Gegenüber dem Krankenhaus gibt es ein Bestattungsinstitut namens Yano. Auf einem großen Schild steht »Yano Soundso, Dichter«, so der Geschäftsinhaber, der es vorzieht, statt seines Gewerbes den Poeten herauszustellen, und außerdem eine Gedichtstrophe: »Ich möchte schrei'n / aus tiefstem Herzensgrund / wo doch auf dieser Welt / kein Mensch ist dem / ich traue wie dem Mutterherz.« Auch in jedem Bus gab es Werbung für den Dichter Yano. Ich war nach Hause vorausgegangen und wartete. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters mit weißen Handschuhen brachte die Tote ins Haus. Gestatten, Yano mit dem Liegewagen, ich habe häufig mit dem Krankenhaus zu tun, sagte der Dichter, setzte sich, zog seine weißen Handschuhe aus und reichte Nishis Vater seine Visitenkarte. Wir führen übrigens auch Bestattungen durch, immer zu Diensten, falls Sie uns brauchen. Der hochgewachsene Dichter im weißen Hemd mit der schwarzen Fliege und der schwarzweiß gestreiften Hose verbeugte sich höflich und ging.

Bei der Leichenwäsche hat man Vater und mich wegen all dieser Ausscheidungen rausgeschickt, sagte Nishi.

Der Mund war nun geschlossen. Und mit dem geschlossenen Mund beruhigte sich der Gesichtsausdruck. In den Nasenlöchern steckte Watte. Auch in den Ohren und im After. Nishi holte die Handtasche seiner Mutter. Als sie ins Krankenhaus kam, nahm sie ihre Schminksachen darin mit, aber als sie dann nicht mehr laufen konnte, sagte sie, nimm's mit nach Hause, Masa, ich brauch's nicht mehr, erzählte Nishi. Es waren Make-up, Puder und Lippenstift darin. Da ist aber kein Rouge, sagte ich; das hat sie nicht benutzt, antwortete er. Meine eigene Mutter benutzt sowohl Rouge als auch Lidschatten. Auch ich benutze immer Rouge und Lidschatten. Ich nahm meinen Rougepinsel. Das Make-up trug ich mit der Hand, das Rouge mit dem Pinsel auf. Bei der Berührung mit dem Pinsel fühlten sich die Wangen am härtesten an. Nach Gebrauch tat ich den Pinsel nicht mehr ins Etui zurück, ich warf ihn fort.

Zur Totenwache kamen auch ihre Freundinnen; eine nach der anderen bemerkte: Was für ein friedliches Gesicht. So ganz anders als im Krankenhaus. Wer hat denn das gemacht? Das war Hiromi, antwortete Nishi, worauf diese Christinnen in den Fünfzigern allesamt auf dieselbe Weise reagierten: Da hat sie sich aber bestimmt sehr gefreut, dass ihre neue Schwiegertochter das für sie getan hat!

Die Schwester von Nishis Vater kam. Was für ein schönes Gesicht! Wer hat denn das gemacht? Das war Hiromi, antwortete Nishi. Sieht überhaupt nicht tot aus. Grad so, als ob sie gleich etwas sagen würde, nicht wahr, Masa?, sagte die Tante.

Um zwei Uhr nachmittags am übernächsten Tag, als der Sarg vor dem Abtransport noch einmal geöffnet wurde, war Mutters Gesicht deutlich anders, nicht mehr das, von dem man sagte, wie schön! oder wie lebendig! Rouge und Lippenstift waren noch frisch, doch um Lippen und Wangen begannen die Züge sich aufzulösen.

Elf Angehörige waren es, die dies sahen. Darunter vier Frauen. Doch niemand sprach davon, nachdem der Sarg geschlossen war, weder auf dem Weg zum Krematorium noch nach der Ankunft dort. Was für ein gutes Gesicht, sagte die Tante. Als ob sie noch lebte, sagte die Frau von Mutters Bruder. Ich schloss mich ihr an.

Der Sarg wurde geschlossen, man trat nach draußen, wie eine schwarze Masse säumten die Trauergäste die Mauer. Der Leichenwagen war vorgefahren. Beim Anblick eines Leichenwagens muss man die Daumen verstecken, sonst sterben die eigenen Eltern. Wie ungehörig, das beim Leichenwagen von Nishis Mutter zu tun, werden die Leute denken. Ich verbarg die Daumen unter den Falten meines Rocks.

Nachdem Nishis Mutter verbrannt war, rückte der Krematoriumsbeamte seine Mütze zurecht und suchte einen dicken Knochen heraus, den er auf eine Emailplatte legte. Die Knochen bildeten auf dem Metallrost, der aus dem Verbrennungsofen gezogen wurde, die Form eines menschlichen Körpers, der einmal Nishis Mutter gewesen war. Auf der Emailplatte verwandelte er sich in einen Knochenhaufen.

Hier, das ist ihre Buddhaseele. Der Beamte nahm die Gurgel mit bloßen Fingern hoch und zeigte sie herum, worauf die Schwestern von Nishis Vater, deren Männer, der Bruder von Nishis Mutter, dessen Frau und Nishi selbst in ein gedehntes »Aaahhh« ausbrachen. Das hier ist der Oberschenkelknochen, erläuterte der Beamte, was er mit den Stäbchen herausgegriffen hatte, und wie aus einem Munde folgte ergriffen ein gedehntes »Ahaahh, so ist das«. Was das wohl für ein Knochen ist, flüsterte eine Schwester von Vater der anderen zu. Ach, das ist das Schlüsselbein, antwortete der Beamte. »Ahaa, das Schlüsselbein«, ertönte es ergriffen wie aus einem Munde.

Wenn ich an Nishis Mutter denke, fällt mir immer ein, dass sie keine Brüste hat. Im Laufe von fünfzehn Jahren hatte sie, angefangen mit der linken Brust über den Magen, dann die Eierstöcke und die rechte Brust, immer wieder Krebs gehabt, und jedes Mal wurde ihr etwas weggeschnitten. Am Ende konnte man den Lungenkrebs, der vom Brustkrebs ausgestrahlt hatte, nicht mehr wegschneiden, sodass er sich im ganzen Körper ausbreitete. Sie hat keine Brüste mehr, hörte ich immer wieder, doch zum ersten Mal sah ich es im Krankenhaus. Damals lebte sie noch. Sie wurde von der Pflegerin gewaschen, doch als es an den Unterleib ging, sagte diese: Sie sind noch jung, es ist besser, Sie gehen jetzt hinaus. Bis dahin hatte ich ihre nackte Brust angeschaut. Beide Brustwarzen fehlten, und an der Stelle, wo sie hätten sein sollen, waren schräg genähte Narben, die bis unter die Achseln führten.

Der Krebs war vollständig verbrannt und nicht mehr auszumachen. Alle Anwesenden starrten gebannt, ob an den Knochen, die auf der Emailplatte direkt vor ihren Augen aufgehäuft waren, der Krebs nicht zu sehen wäre. Fast jeder der Anwesenden hatte Nishis Mutter während des einen Monats, den sie im Krankenhaus war, abwechselnd besucht und ihren Körper, an dem sich der Krebs zeigte, berührt. Sie wussten alle, wo sich der Krebs konzentrierte. Nishi sagte, auf dem Schädel gab es drei große Geschwülste. Die Tante sagte, es gab eine auf dem Hüftknochen. Eine andere Tante meinte, sie hätte auf dem rechten Fuß etwas Knorpeliges gespürt. Soviel ich weiß, werden die Stellen, wo der Krebs saß, schwarz, sagte ein Onkel. Was ist denn diese rote Stelle, fragte Nishi. Ach, da hat sich Blut angesammelt, sagte der Beamte. Und hier, da ist das Kinn als Erstes abgefallen, und dadurch ist die Halsschlagader geplatzt, und das Blut ist weggespritzt. Die Innenseite des Schädels war wie mit schwarzem Pulver überzogen. Ist das nicht, wo der Krebs saß, fragte der Onkel. Nein, hier ist auch Blut ausgetreten, und das Hirn ist schwarz eingebrannt. »Ahaahh, das Hirn«. Ergriffene Stimmen wie aus einem Mund.

Die Knochen werden in eine Keramikurne gefüllt. Immer weiter entfernt von der Gestalt eines menschlichen Körpers. Aus den Fingergelenken entsteigt die Buddhaseele. Sie werden mit der Buddhaseele aus der Gurgel in eine andere Urne ausgesondert. Oberschenkelknochen, Schlüsselbeine. Tja, das passt nicht mehr rein, sagt der Beamte zu den Angehörigen wie zu sich selbst, und mit bloßen Händen zerbricht er, krickkrack, die Knochen und stopft sie in die Urne. Als er den Schädel obenauf setzt und den Deckel darüberpresst, hört man das feine Geräusch zerbrechender Knochen.

Kanoko töten

»Da, ein Bein. Die Größe des Fötus bestimmt man am besten an einem Glied. Dieser hier ist tatsächlich fünfzehn Wochen alt.«

Seine Größe betrug etwa drei Zoll, bestehend aus einem abgerissenen Oberschenkel mit Knie, Waden, Fuß und fünf Zehen.

»Einmal sind hier in einer Woche zwei lebend auf die Welt gekommen.

Stellen Sie sich das vor, Babygeschrei hier auf dem Flur, wo die Frauen, die abtreiben lassen, versuchen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen!«

Als ich dies in einem Buch las, sagte meine jüngere Schwester

Neulich hab ich das Balg abgetrieben

So redet meine Schwester

Ich hab das Balg abgetrieben

Das Balg ist abgetrieben worden

Herzlichen Glückwunsch

Kanoko wurde nicht abgetrieben

Hast du's schon mal gemacht, Hiromi

Fragt meine Schwester

Ja

Hab ich geantwortet

Aber von ›Balg abtreiben‹

Rede ich nicht.

Kanoko wurde nicht abgetrieben, es war

Ein Fötus, der Kanoko sicher sehr ähnlich war

Ein Fötus, der Kanoko sicher sehr ähnlich war, hätte heranwachsen

Ein Kind, das Kanoko sicher sehr ähnlich war

Hätte ich vielleicht bekommen können

Aber es ist nicht Kanoko

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Ich hatte einmal einen Schwangerschaftsabbruch durch

Kürettage

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Das Baby war groß, da werden Sie Milchfluss haben

Sagte der Arzt

Worauf ich mir nur mit Kichern zu helfen wusste

Ich kicherte

Ich kicherte

Kicherte

Kicherte

Dennoch herzlichen Glückwunsch

Die Milch kam wirklich

Schon bei festem Zwirbeln tritt die weiße Flüssigkeit aus

Die Brüste spannen nicht

Sie jucken nicht einmal

Was mich nicht einmal juckt

Herzlichen Glückwunsch

Wie dem auch sei

Der Milchfluss ist Grund für Glückwünsche

Wo nichts war

Quillt

Trinkbares, süß Schmeckendes

Und wenn man es trinkt

Wird man groß und stark

Etwas wie »Milch«, die

Man für Geld kauft

Sondere ich ab

Ich sondere es ab wie Pisse

Wie Spucke, Tränen oder Ausfluss

Aus After, Mund, Blase, Vagina

Quillt eine Menge Milch

Das macht Freude

Das macht Spaß

Herzlichen Glückwunsch

Einmal hatte ich einen Abbruch mitten in der Schwangerschaft

Ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen war, fragte ich

Aber Baby zu sagen ist falsch

Fötus heißt es richtig

Und natürlich erfährt man nicht ob Junge oder Mädchen

Denn der Schock wäre groß für

Den Mutterleib

Der Mutterleib überlegt

Ein weiblicher Fötus wie Kanoko oder ein männlicher Fötus wie Kanoko

Einmal hatte ich eine Schwangerschaftsvergiftung

Einmal hatte ich eine Traubenmole

Die bläschenartige Wucherung in der Gebärmutter, ich hab sie gesehen

Auch sie muss wie Kanoko ausgesehen haben

Einmal hatte ich Gebärmutterkrebs

Einmal habe ich Gebärmutter und Eierstöcke entfernen lassen

Einmal hatte ich eine Entbindung

Einmal hatte ich bei Wehenschwäche eine Saugglockenentbindung

Einmal hatte ich einen Dammschnitt

Einmal hatte ich eine fröhliche Schwangerschaft

Der Leib war erfüllt

Der Körper durchblutet

Ich überaß mich nach Herzenslust

Wenn ich an die Entbindung dachte

Konnte ich endlos masturbieren

Genussvolles Fingerspiel der Schwangeren

Dem Moment der Ausstoßung entgegen

Also habe ich schon gestillt

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Sechs Monate vergehen

Kanoko bekommt Zähne

Sie beißt in die Brustwarzen, will die Brustwarzen abbeißen

Ständig lauert sie auf Gelegenheit, sie abzubeißen

Kanoko frisst meine Zeit

Kanoko stiehlt meine Nährstoffe

Kanoko bedroht meinen Appetit

Kanoko zieht mir die Haare aus

Kanoko zwingt mich, ihren ganzen Dreck wegzumachen

Ich will Kanoko aussetzen

Ich will die schmutzige Kanoko aussetzen

Kanoko, die mir die Brustwarzen abbeißt, will ich aussetzen oder töten

Bevor Kanoko mich bluten lässt

Will ich sie aussetzen oder töten

Einmal habe ich auch einen Säugling getötet

Einmal habe ich auch die Leiche fortgeworfen

Direkt nach der Geburt ist es leicht

Wenn man nicht entdeckt wird, sogar leichter als Abtreibung

Nicht entdeckt zu werden

Traue ich mir allemal zu

Kanoko könnte ich jederzeit vergraben

Zur vergrabenen Kanoko herzlichen Glückwunsch

Herzlichen Glückwunsch

Unverzichtbarer Geschlechtsverkehr

Dutzende Kanokos, die empfangen werden

Dutzende Kanokos, die auszudünnen sind

Außer der einen

Das ist meine Kanoko

Die will mir die Brustwarzen abbeißen

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Fröhliche Züchtigung des Stiefkinds

Fröhliches Stiefkind-Töten

Ich hab es schon getan

Mein eigenes Kind ist mir lieber

Fröhliche Kindsaussetzung

Ich hab es schon getan

Ich selbst bin mir lieber

Glückwunsch Glückwunsch

Glückwunsch zur Ausrottung

Glückwunsch Glückwunsch

Alle gratulieren mir

Von Genichirō einen Médoc

Von Higuchi Rosen

Von Kōhei ein Häschen

Von Ishizeki einen Teddybär

Von Miyashita eine Windeltasche

Von Shirōyasu einen Hund aus Pappmaché

Von Abe und Iwasaki Bargeld

Von Non einen Kuchen

Von Kaneko einen Achtmillimeter-Film

Von Herrn Ozaki ein Telegramm

Alle gratulieren mir

Danke Danke

Die glückliche Kanoko

Beißt mir die Brustwarzen ab

Glückwunsch Glückwunsch

Ich möchte Kanoko

Fröhlich aussetzen

Nicht weinerlich, ohne schlechtes Gewissen

Fröhlich möchte ich Kanoko in Tokyo aussetzen

Herzlichen Glückwunsch

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Herzlichen Glückwunsch zur Ausrottung

Teruko

Glückwunsch zum Abbruch

Mihoko

Glückwunsch zur Aussetzung deines Take

Kumiko

Glückwunsch zur Tötung von Tomo

Mari

Warum setzt du Nonoho nicht aus?

Mayumi

War der Fötus männlich oder weiblich?

Riko

Dein Kōta wär auch bald an der Reihe

Setzen wir sie alle aus

Die Töchter und

Die Söhne

Die die Zähne wetzen, um uns die Brustwarzen abzubeißen

Mutter töten

Nun bin ich schon verheiratet, und unsere Ehe ist halbwegs stabil, daher sagt meine Mutter nichts mehr, aber früher, als ich noch ledig, ein junges Mädchen Anfang zwanzig war, da war es meine Mutter, die mich am meisten störte und behinderte, wenn ich in meinen Gedichten offen über Sex schrieb. Weshalb, weiß ich nicht, aber bei uns ist es nicht der Vater, sondern die Mutter, die Themen, welche mit Sex zu tun haben, nicht ertragen kann, sodass es zum Streit kommt. Zwar hatte ich geheim gehalten, dass ich solche Gedichte schrieb, doch sie fand in der Zeitung eine Besprechung (einen Verriss mit Zitaten der erotischsten Stellen), und sie flehte mich unter Tränen an, so etwas nicht mehr zu schreiben. So unter Tränen angefleht, ging ich als brave Tochter in mich und bereute, meine Mutter zum Weinen gebracht zu haben, doch ob ich wirklich bereute, weiß ich nicht. Denn ich schrieb weiter Gedichte über Sex. Der Anblick meiner weinenden Mutter steht mir noch immer allzu lebendig vor Augen.

Doch auch schon früher, als ich Magersucht hatte, habe ich meine Mutter zum Weinen gebracht. Wenn meine Periode ausblieb, war sie ratlos. Sie war ständig gereizt und versuchte, mich zum Essen zu zwingen. Und jedes Mal weigerte ich mich und stieß das Essen zurück. Wenn ich es jetzt bedenke, war ich wie eines dieser schwer erziehbaren Kinder, ein Fall von häuslicher Gewalt. Sie beschimpfen ihre Mütter, was ich allerdings nur aus der Lektüre weiß. Im Grunde genommen trieb ich die ganze Zeit etwas Ähnliches. Zwar ging ich nicht so weit, zu sagen »Scheiß Alte, du hast mich falsch erzogen. Knie dich hin und entschuldige dich« (wie diese schwer erziehbaren Kinder reden), doch in sanfterem Ton stritt ich Tag für Tag mit Mutter um Essen oder Nicht-Essen. Meine Mutter war am Ende ihrer Kräfte. Es war geradeso, als hätte sie ein schwer erziehbares Kind. Und ich vermute, dass es mir insgeheim Genuss bereitete, Mutter so zu sehen.

Dass Magersucht aus der Verweigerung herrührt, erwachsen zu werden, und Widerstand gegen die Mutter bedeutet, weiß ich aus Büchern. So ärgerlich es ist, mit dieser Interpretation offenbar wissentlich der Psychologie in die Falle zu laufen, doch während der fünf Jahre meiner Magersucht behielt ich meine Mutter konsequent im Auge – ich hatte es einzig und allein auf sie abgesehen und verpasste ihr Schlag auf Schlag.