Gärten, Gift und kalte Rache - Klaudia Blasl - E-Book

Gärten, Gift und kalte Rache E-Book

Klaudia Blasl

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Beschreibung

Mit Spaten, Spürsinn und giftgrünem Daumen In Oberdistelbrunn soll alles aufblühen: mehr Insekten, mehr Biodiversität, mehr sanfter Tourismus. Doch statt Bienensummen liegt plötzlich Angst in der Luft. Der Fund eines Hundeskeletts setzt eine mysteriöse Mordserie in Gang – ein Opfer nach dem anderen wird vergiftet. Schon bald schreien die Dorfbewohner nach Selbstjustiz, denn die Polizei tappt im Dunkeln. Und wieder einmal sind Berta und Pauline, die beiden Hobbygärtnerinnen mit Miss-Marple-Gen, gefragt, dem Täter auf die Spur zu kommen. Nur kommen sie ihm dabei gefährlich nahe ... Schwarzhumorig, charmant, spannend: eine fesselnde Mischung aus Cosy Crime, Pflanzen-Know-how und Mörderjagd.

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Die Pflanzenporträts wurden dem Buch »111 tödliche Pflanzen, die man kennen muss« (Klaudia Blasl, emons 2018) entnommen.

 

© Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

[email protected]

www.emons-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, mit Motiven von istockphoto.com/ Ievgeniia Lytvynovych

Abbildungen: istockphoto.com/Ekaterina Ulovkova, istockphoto.com/Hein Nouwens, istockphoto.com/Luisa Vallon Fumi, istockphoto.com/Nastasic, istockphoto.com/R.Wilairat

Lektorat: Dr. Marion Heister

E-Book-Erstellung: Geethik Technologies Pvt Ltd

ISBN 978-3-98707-361-8

Originalausgabe

Dieser Roman wurde vermittelt durch dieAutoren- und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationeninsbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß§ 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

 

In Zung und Hand, blick harmlos wiedie Blume. Doch sei die Schlange drunter!

William Shakespeare, »Macbeth«

 

Darum – so spricht der Herr der Heeregegen die Propheten: Ich gebe ihnen Wermutzu essen und Giftwasser zu trinken; dennvon den Propheten Jerusalems ist Frevelausgegangen ins ganze Land.Jeremia 23,15

Es war kurz nach acht. Am Himmel zeigte sich bereits ein vorfrühlingshaftes Blau, morgenmuntere Hummeln setzten zum Landeanflug auf die ersten Krokusse an, und ich stand unter der mächtigen Linde an der alten Klostermauer und lauschte verzückt dem Gesang eines Zaunkönigs. Wie friedlich die Welt doch sein konnte, dachte ich gerade, als Emma zu brüllen begann. Der Vogel hielt abrupt den Schnabel, der Zauber des Augenblicks verpuffte.

»Nur über meine Leiche!«, donnerte sie in einer Lautstärke, mit der man selbst brünstige Elefantenbullen in die Flucht geschlagen hätte. »Und jetzt verpiss dich, bevor ein Unglück geschieht!«

Breitbeinig, mit verschränkten Armen, zornesrotem Gesicht und einem Mienenspiel wie ein Fahrgast der DB bei Zugausfall stand die pensionierte Postbedienstete vor ihrer Kirschlorbeerhecke. Neben ihr lehnte griffbereit eine Mistgabel, deren metallisch glänzende Zinken direkt auf den neuen Naturschutzreferenten wiesen. Die Situation kam mir ziemlich angespannt vor. Besorgt trat ich etwas näher, während der junge Mann ein paar Schritte zurückwich.

»Alles in Ordnung?«

»Nein«, knurrte Emma und fasste der Mistgabel unmissverständlich an den Stiel.

»Nein«, flüsterte Patrick Pflaume, ergriff meinen Arm und zog mich eilig mit sich.

»Was ist denn passiert?«, fragte ich. Der Naturschutzexperte machte einen ausgesprochen verstörten Eindruck.

»Nichts. Noch nichts«, flüsterte das schmächtige Bürschchen. Erst als wir definitiv außer Hörweite waren, gestand er mir zögernd seine Bedenken. Dass er zwar schon vor Antritt seiner aufklärerischen Mission hier vermutet hatte, dass wir Oberdistelbrunner wenig Ahnung von invasiven Neophyten, Biodiversitätsprojekten, klimafitten Gärten und phänologischen Bepflanzungen hätten, weshalb er durchaus mit offener Ablehnung und schlecht verhohlenem Unverständnis gerechnet habe, aber keinesfalls mit einem tätlichen Angriff.

»Ach, machen Sie sich da mal keine Sorgen«, versuchte ich, den Burschen zu beruhigen. »Emma bellt, aber sie beißt nicht. Und wenn sie um sich schlägt, dann höchstens mit Worten.«

Was jetzt schlichtweg gelogen war, denn unser langjähriges Mitglied des Ortsverschönerungsvereins konnte auch mit Fäusten oder Gartengeräten ordentlich draufhauen. Einmal, vor einigen Jahren, hatte sie mich mit ihrer geballten Schlagkraft sogar aus den Fängen einer Giftmischerin befreit, die mir nach dem Leben trachtete, doch das verschwieg ich Pflaume ebenso wie die damit verbundene, zweifelsohne recht unerfreuliche Oberdistelbrunner Tradition des heimtückischen Serienmords. So eingeschüchtert, wie der studierte Wildtierbiologe und Naturvermittler auf Emmas aufbrausende Art reagiert hatte, war er wohl nicht nur zart gebaut, sondern auch zartbesaitet.

Und als hätte er meine Gedanken gelesen, meinte er: »Diese Frau macht mir fast ein wenig Angst. Ich habe doch nichts weiter getan, als sie ganz höflich an die bevorstehende Rodung ihrer Kirschlorbeerhecke zu erinnern. Das ist eine aus ökologischen Gründen notwendige Maßnahme, die euer Gemeinderat schon vor Wochen abgesegnet hat. Und zwar ziemlich einstimmig. Trotzdem bedroht sie mich mit einer Mistgabel.«

Verständnisvoll tätschelte ich Pflaume den mageren Arm.

Die eher brachialen Sitten und Gebräuche bei uns auf dem Land entsprachen wahrscheinlich nicht ganz der feingeistigen Kuschelkommunikation, die man in akademisch grünen Kreisen pflegte, während man bei einer dieser neumodischen Kaffeekreationen höflich und mit gewählten Worten die Gefährdungslage der Vierfleckpelzbiene oder die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kirschbaumblüte debattierte. In Oberdistelbrunn, einem Dreitausend-Seelen-Kaff am Rande der Zivilisation, verliefen Diskussionen meist etwas anders. Da drückte man sich weniger eloquent, dafür umso sportlicher aus, zog seinem Gesprächspartner ohne lange Vorreden mit der Rhetorikkeule eins über, drosch zur besseren Verständigung auch mal mit der geballten Faust auf den Tisch, und falls der Gesprächspartner dann immer noch nicht überzeugt war, griff man eben nach Mistgabel, Nudelholz oder einem Bierkrug, um seinen Argumenten auf diese Art Nachdruck zu verleihen.

Wie vorhin Emma.

Allerdings kannte ich sie gut genug, um zu wissen, dass ihr in Wahrheit nicht das Geringste am Fortbestand der todgeweihten Hecke lag. Schließlich war Kirschlorbeer für Mensch und Tier gleichermaßen gesundheitsschädlich, und was man nicht essen konnte, das kümmerte sie auch nicht. Ihre Wertschätzung für Grünzeug orientierte sich allein an dessen Nährwert. Magenfüllend, kochtopftauglich und idealerweise mit hohem Sättigungsgrad waren die Kriterien, nach denen Emma die heimische Flora bemaß. Kürbisse, Esskastanien und Kartoffeln hatte sie demnach recht gerne, Kopfsalat, Kraut und Küchenkräuter lagen ihr weniger am Herzen beziehungsweise Magen. Und ihr unverdaulicher Vorgartenzaun ging ihr bestimmt zur Gänze am dicken Hintern vorbei.

Theoretisch konnte es unserer Wutbürgerin also völlig egal sein, wenn im Zuge der regionalen Grünraum-Renaturierungsoffensive auch ihr naturfeindlicher Sichtschutz entfernt und durch geeignetere Gehölze ersetzt würde. Umso mehr, als sie dafür weder selbst zum Spaten noch in den Familiensparstrumpf greifen musste, denn ein vom Land finanzierter Öko-Fonds kam für fast alle Kosten auf.

Praktisch gestaltete sich die Sache allerdings um einiges schwieriger. Die angriffslustige Rentnerin legte seit jeher ein ausgeprägtes Revierverhalten an den Tag, was immer wieder zu erbitterten Territorialkämpfen führte, falls sich jemand ungefragt auf ihr Hoheitsgebiet wagte.

Erst vorige Woche hatte der Doppler Alois das zuerst an der Karosserie seines Lieferwagens und danach am eigenen Leib zu spüren bekommen. Der bedauernswerte Mann hatte sein Gefährt so nachlässig geparkt, dass das rechte Hinterrad gute zehn Zentimeter auf Emmas asphaltierte Hauszufahrt geragt hatte. Ein Vergehen, das in ihren Augen einem Kapitalverbrechen gleichkam. Das Ergebnis dieser Grenzverletzung gipfelte in mehreren Kratzern im Lack, zwei geprellten Rippen und einem geköpften Gartenzwerg. Und hätte Elsbeth, eine schmächtige, siebzigjährige Kirchenbankkleberin, die auf dem Weg zur Frühmesse Zeugin dieser Auseinandersetzung wurde, nicht den Polizeinotruf gewählt, wäre bestimmt noch Blut geflossen.

So gesehen hatte ich gleichfalls ein etwas mulmiges Gefühl, was die bevorstehende Rodung auf Emmas Grund und Boden betraf.

Beim Aushub von zehn Metern Kirschlorbeerdickicht durch ein halbes Dutzend Männer mit schwerem Gerät, Schubkarren und Schaufelbagger waren territoriale Fehltritte unvermeidlich.

Und da bei einer derart anstrengenden Arbeit üblicherweise nicht nur der Schweiß, sondern auch das Bier in Strömen floss, würde der wachsende Blasendruck wohl weitere Kriegsschauplätze eröffnen, entweder weil die Arbeiter ihr Klo stürmten und dabei dreckige Erdklumpen auf dem cremefarbigen Vorzimmerflokati hinterließen oder weil sie einfach ihrem männlichen Urinstinkt des Baumpinkelns nachgaben und – in Ermangelung stattlicher Hochstammgewächse – gegen die eben erst erblühte Magnolie im Vorgarten urinierten.

Dazu kam ein weiterer konfliktverschärfender Aspekt, von dem Pflaume nichts ahnte.

Emma zählte zum Urgestein der erzkonservativ-katholischen Gemeindefraktion, weshalb sie aus Prinzip und Parteitreue alles ablehnte, was der neue, linksgrüne Bürgermeister vorschlug, um unseren Ort für Einheimische, Touristen und jegliches Flattergetier attraktiver zu gestalten.

Dabei war es keinesfalls so, dass wir Landeier etwas gegen die Natur hätten, ganz im Gegenteil. Schließlich besaßen fast alle von uns einen eigenen Garten, pflegten eine üppig bepflanzte Grabstätte und stapften auf der Suche nach Bärlauch, Brombeeren oder Pilzen scharenweise im Wald und auf der Wiese herum. Allerdings zumeist aus rein egoistischen Gründen. Entweder man tat es dem guten Essen oder, im Fall der Gräberaufhübschung, seinem guten Ruf zuliebe. Ein verwahrlostes, ungepflegtes Familiengrab galt unter Einheimischen nach wie vor als veritabler Schandfleck, der sich weniger leicht abwaschen ließ als einer wegen Amtsmissbrauch, Steuerhinterziehung oder Vielweiberei. Um ein Haar …

Ein plötzlicher unangenehmer Druck am Unterarm riss mich aus meinen Gedanken. Der Naturschutzreferent hatte mich erneut am Ellenbogen gepackt und redete aufgeregt auf mich ein.

»… oder was meinen Sie?«, verstand ich gerade noch. Dabei starrte er mich erwartungsvoll an, während ich nur verdattert zurückstarren konnte. Den jungen Mann an meiner Seite hatte ich völlig vergessen.

»Schwer zu sagen«, murmelte ich betreten und fühlte mich schlagartig um Jahrzehnte gealtert. Schließlich war ich erst siebenundsechzig, keine hundert, da vergaß man zwar mal PIN-Codes, Haustürschlüssel oder die Milch auf dem Herd, aber doch keinen Menschen direkt neben sich, der wahrscheinlich schon eine ganze Weile zu mir sprach. »Das hängt halt massiv von den situativen Umständen ab«, flüchtete ich mich in einen dieser Allgemeinplätze, die ungemein bedeutsam klangen, ohne von Bedeutung zu sein. Bei einer Parlamentsdebatte hätte ich mich mit derartig nichtssagenden Worthülsen vermutlich auch fein aus der Affäre ziehen können, bei Pflaume scheiterte mein Versuch.

Irritiert klammerte er sich noch fester an meinen Unterarm. »Und deshalb halte ich Blutberberitzen für keine gute Idee!« Erneut warf er mir einen fragenden Blick zu. »Und was dieses Mannweib betrifft, das ist in meinen Augen kein Umstand, sondern ein Zustand.«

Ich nickte zustimmend, nahezu enthusiastisch, so wie ich es in meiner aktiven Zeit als Lehrerin mit besonders strebsamen Schulkindern getan hatte. Immerhin wusste ich nun, dass es nach wie vor um Emma und deren Hecke ging. Ein wahrscheinlich zu schwerwiegendes Problem für ein Leichtgewicht wie Pflaume. Wurde die militante Hüterin des Kirschlorbeers wütend, dann glich sie einer Mischung aus Druckkochtopf und Sumoringer. Einem Ansturm dieses Bollwerks aus Bauchfett und Muskelmasse fühlte sich der mickrige Bursche, der augenscheinlich nicht einmal halb so viel wog wie seine Kontrahentin, bestimmt nicht gewachsen.

»Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir treffen uns später sowieso alle zur Spatenweihe auf dem Marktplatz, da werde ich Emma ins Gewissen reden und ihr die Sache schon irgendwie schmackhaft machen«, versprach ich Pflaume und löste vorsichtig seine Hand von meinem Unterarm. »Die Rodung wird ohne Mord und Totschlag stattfinden können, das garantiere ich Ihnen.«

Und sollte Emma sich selbst durch zuckersüße Worte nicht ködern lassen, dann musste ich eben zu Kuchen greifen. Eine Einladung zum Kaffeeklatsch bei mir, garniert mit einem Dutzend unwiderstehlicher Kalorienbomben der neu eröffneten Tortenmanufaktur, würde ein naschhafter Vielfraß wie sie niemals ausschlagen. Und in der Zeit, in der sie sich bei mir ein neues Fettzellendepot anlegte, konnten die Arbeiter ihrem Kirschlorbeer ungestört an die Wurzeln gehen. Ein nicht ganz günstiger, aber recht genialer Plan B, fand ich.

Pflaume wirkte jedenfalls sichtlich erleichtert, fürs Erste einer neuerlichen Konfrontation mit Emma entkommen zu sein. Schüchtern lächelte er mich an. »Das ist total nett von Ihnen, Frau Klingel. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich für Ihr Angebot bin. Ohne Sie würde ich jetzt ziemlich dumm aus der Wäsche schauen«, meinte er und schaute dumm aus der Wäsche, während seine Hand nahezu reflexartig nach meinem Arm fasste.

Eine wirklich nervige Marotte, die mich ein wenig an Anglerfische erinnerte. Vor einiger Zeit hatte ich eine Dokumentation über diese seltsamen Tiefseebewohner gesehen, bei denen sich das weitaus kleinere Männchen so hartnäckig an das Weibchen klammerte, dass es letztendlich mit ihrem Körper verschmolz.

An männlichen Anhängseln war ich allerdings seit Ewigkeiten nicht mehr interessiert, ich hatte bereits einen allzu anhänglichen wie von mir abhängigen Mann zu Hause, dessen Wohlergehen seit seinem Herzinfarkt schwer genug auf mir lastete. Manchmal fühlte sich die ständige Sorge um Freds Genesung an wie ein Mühlstein um den Hals, der mir oft genug die Luft zum Atmen nahm. Für einen weiteren Schützling, der mir am Rockzipfel oder Schultergelenk hing, fehlten mir derzeit die Energien.

Entschlossen, mein Leben nicht zusätzlich zu verkomplizieren – immerhin war ich im Ruhestand, da durfte ich mir wohl ein wenig Ruhe erwarten –, schob ich aufkeimende Muttergefühle und Pflaumes übergriffige Hand mit einem Ruck beiseite.

Eine Sekunde später bereute ich mein Verhalten bereits. Der studierte Naturschützer schien zwar ähnlich anlehnungsbedürftig wie Stangenbohnen zu sein, doch auch er tat es bestimmt nicht in böser Absicht. Dennoch brachte ich erst meine Arme hinter dem Rücken in Sicherheit, bevor ich mich nach seinen Vorbehalten wegen der Blutberberitzen erkundigte.

Meiner Ansicht nach stellten diese dornenbewehrten Sträucher, die auch als Sauerdorn bekannt waren, die perfekte Bepflanzung für naturnahe Hecken dar. Sie boten Schutz vor Windböen und den Blicken neugieriger Nachbarn, dienten etlichen Vogelarten als katzensicherer Brutplatz und dank Beeren, Pollen und Nektar auch als zuverlässige Nahrungsquelle für allerlei Getier. Außerdem waren sie dekorativ, pflegeleicht, hart im Nehmen, was Hitze, Kälte, Dürre oder Hochwasser betraf, und im Unterschied zu Kirschlorbeer oder Thuja nur minimal giftig. Alles in allem eine echte Bereicherung für Mensch und Natur, zumindest sofern man kein Getreidekorn war, denn die Pflanze galt als beliebter Zwischenwirt des Schwarzrostes, eines gefürchteten Schadpilzes von Körnerfrucht. Rings um Oberdistelbrunn wuchs allerdings nur Raps, der wurde nicht rostig.

»Was passt Ihnen denn am Sauerdorn nicht? Das ist doch ein völlig unproblematisches Gewächs«, fragte ich verwundert.

»Das Gewächs ist auch völlig unproblematisch, die Gartenbesitzerin ist das Problem«, erwiderte der Naturschutzreferent. »Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn dort ein Streit ausbricht. Ausgerechnet mit dieser Walküre. Eine Katastrophe.« Auf Pflaumes Stirn erschien eine leichte Sorgenfalte. »Dann gerät das Wortgefecht in kürzester Zeit zum Schlagabtausch, diese, äh, Frau wird handgreiflich, versetzt ihrem Kontrahenten einen kleinen Schubs, und der fliegt zwei Meter rückwärts, landet mitten in der Hecke und wird von den Dornen fast aufgespießt.«

Allein der Gedanke schien den jungen Mann in Panikmodus zu versetzen, denn die Sorgenfalte auf seiner Stirn hatte mittlerweile reliefartige Ausmaße angenommen. Vielleicht litt der Bursche ja unter einer Angsterkrankung.

Oder er hatte eine posttraumatische Belastungsstörung, weil er eine große übergewichtige Schwester besaß, die ihn als Kind zu oft in den Schwitzkasten genommen hatte. Ich sollte ihm bei nächster Gelegenheit unbedingt ein Fläschchen meiner selbst fabrizierten Nerventropfen mitgeben. Und neben Baldrian, Hopfen, Melisse und Rosenwurz würde ich noch eine winzig kleine Prise Giftlattich beimengen. Diesem wilden Verwandten vom Kopfsalat sagte man seit der Antike eine beruhigende, opiumähnliche Wirkung nach, was Pflaumes Hang zu absurden Schreckensszenarien idealerweise etwas dämpfte. Es kam zwar tatsächlich vor, dass Emma lästige Gäste einfach rauswarf, aber Flugerfahrungen hatte dabei höchstens ein Gartenzwerg oder Blumentopf gemacht.

»Jetzt übertreiben Sie aber maßlos«, widersprach ich deshalb vehement und wandte mich zum Gehen.

»Nein. Tu ich nicht.« Eine Hand packte meine Schulter. »Wenn Sie von jemandem mit der Statur dieser Walküre geschubst werden, dann erzeugt das eine kinetische Energie, also eine Bewegungsenergie, die sich aus halber Masse plus Geschwindigkeit zum Quadrat zusammensetzt. Im konkreten Fall fühlt sich das dann an, als würde Sie eine Mittelklasse-Limousine mit dreißig Stundenkilometern rammen. Ein solcher Aufprall hebelt die Erdanziehung kurzfristig aus, und Sie werden von den Beinen gerissen, in die Luft geschleudert und landen in der Hecke.«

Um nicht lauthals loszulachen, täuschte ich einen bronchitisch röchelnden Hustenanfall vor. Das war eindeutig die lustigste naturwissenschaftlich imprägnierte Schwurbelei, die ich seit Langem gehört hatte. Emma als Mittelklasse-Limousine, die auf dreißig Stundenkilometer beschleunigen und die Erdanziehung aufheben konnte. Unvorstellbar. Da würde jedes Kamel zuvor durch ein Nadelöhr gehen. Die gewichtige Rentnerin, die ihr ganzes Arbeitsleben am Schalter der hiesigen Postfiliale abgesessen hatte, glich eher einer schnaufenden Dampflok. Bis sie Schrittgeschwindigkeit erreichte, hatten andere bereits einen Halbmarathon beendet.

Und Menschen, die andere Menschen allein durch einen Schubs von der Schwerkraft befreien konnten, die gab es höchstens bei »Raumschiff Enterprise«. Im echten Leben würde man mit einer derartigen Fähigkeit Luftfahrt und Nahverkehr revolutionieren und dadurch seinen Kontostand in intergalaktische Höhen katapultieren.

Langsam begann ich, an der Zurechnungsfähigkeit dieses Jungspunds, der höchstens Mitte zwanzig war und wegen seiner schlaksigen Gestalt und der dünnen Arme eine frappante Ähnlichkeit mit einem Grashüpfer aufwies, zu zweifeln. Der sollte seine blühende Phantasie doch besser nutzen, um aus dem Oberdistelbrunner Grünraum ein Naturjuwel zu erschaffen, nicht, um sich Hirngespinsten und Horrorvisionen hinzugeben.

Ich würde die Menge an Giftlattich für seine Tropfen wohl besser verdoppeln. Oder ihm Elsbeth vorstellen. Auch sie war Teil unserer Seniorenrunde, hatte eine einflussreiche Stellung im Pfarrgemeinderat inne, eine ausgewachsene Phobie vor Kleinstlebewesen und neigte ebenfalls zu Wahnvorstellungen, bei denen ihr wahlweise die Mutter Gottes, ein Rudel Wölfe oder Trillionen an hühnereigroßen, bösartigen Bakterien erschienen.

Das wäre bestimmt eine gute Ausgangsbasis für ein gemütliches, gemeinsames Halluzinieren der beiden. Aber ohne mich.

»Gut, also keine Blutberberitzen.« Ich nickte nachdrücklich, um mein Grinsen zu verbergen. »Stattdessen vielleicht eine Hecke aus alten Autoreifen und Schaumstoffmatratzen, überwuchert von wildem Wein. Da kann man sich beim Landeanflug weder an Stacheln, Dornen, Brennhaaren noch an hautreizenden Blättern verletzen.«

»Äh, wie bitte?« Über Pflaumes Haupt schien ein Büschel Fragezeichen zu schweben, während seine Stirn sich schon wieder in Plisseefalten legte. Mehr war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. Schlagfertigkeit hatte man dem Jungen, den ich insgeheim bereits Flip nannte, wohl weder verbal noch körperlich in die Wiege gelegt.

Gerade eben schob er noch ein »Aber …« nach, doch da hatte ich bereits die Gunst des Augenblicks genutzt und auf dem Absatz kehrtgemacht. Der Grünraumgestalter blieb sprachlos zurück.

»Ich hab’s eilig, die Spatenweihe beginnt gleich«, rief ich ihm über die Schulter noch zu, bevor ich mich zwischen rostigen Regenwassertonnen, einem Traktoranhänger und einigen hoch aufgeschichteten Stapeln Brennholz hindurchzwängte, um, so hoffte ich zumindest, aus Pflaumes Gesichtsfeld zu verschwinden.

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es bereits kurz vor halb zehn war. Ich würde garantiert zu spät zum Beginn der Zeremonie kommen. Eine unangenehme Vorstellung, bei der meine Schritte sich automatisch beschleunigten. Nicht nur, dass ich als pensionierte Lehrerin Pünktlichkeit für eine Kardinaltugend hielt, ich legte zudem großen Wert auf geordnete Verhältnisse und Abläufe. Und beides würde ich empfindlich stören, wenn ich erst am Marktplatz eintraf, nachdem die Ansprache bereits begonnen hatte. Berta, meine voluminöse Busenfreundin und Lieblingsnachbarin, die trotz ihrer barocken Formen überall anecken konnte, hatte mir garantiert einen Platz frei gehalten, zu dem ich mich dann unter den vorwurfsvollen Blicken aller pünktlich Erschienenen begeben musste. Wo ich doch nichts weniger mochte, als im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, was auf dem Land nur bedeutete, zur Zielscheibe von Spott, Häme und übler Nachrede zu werden.

Ganz so war es dann aber gar nicht.

Es war schlimmer. Berta hatte sich fußfrei und mittig in der allerersten Reihe platziert und schwenkte, kaum sah sie mich kommen, frenetisch ihr buntes Schultertuch durch die Luft. Die Fransen des tischtuchgroßen Umhangs fegten einigen Sitznachbarn durchs Gesicht und dem Geistlichen, der auf einer improvisierten Tribüne stand, über die Schuhe.

»Pauline! Ich bin hier. Hier vorne. Ich habe dir was frei gehalten. Beeil dich.«

Pater Cornelius M’bongo, der Aushilfspfarrer aus der Nachbargemeinde Unterdistelbrunn, brach mitten im Satz ab und warf meiner Freundin einen Blick zu, der wenig mit Nächstenliebe zu tun hatte. Die gefühlt fünfhundert Oberdistelbrunner, die dicht gedrängt auf den Bierbänken der Feuerwehr saßen, drehten sich hingegen nahezu synchron in meine Richtung, steckten die Köpfe zusammen und begannen zu tuscheln.

Das soziale Gefüge von Provinznestern am Allerwertesten der Welt wurde schließlich am besten durch Klatsch, Tratsch und falsche Unterstellungen geschmiert.

Bobo etwa, unsere schwarze Witwe mit der waffenscheinpflichtigen Zunge und Ohrgehängen wie Christbaumkugeln, flüsterte bereits angeregt mit Elsbeth, der langjährigen Vorsitzenden des Pfarrgemeinderats und inoffiziellen Obfrau des örtlichen Nachrichtendiensts. Dem anzüglichen Grinsen nach zu urteilen, konnte es nur um mich und meinen peinlichen Auftritt gehen.

Weder war ich dem Anlass entsprechend gekleidet, denn ich trug nur meine abgetragenen Gartenklamotten, während sich die meisten Anwesenden in Schale geworfen hatten, als würden sie einer Bischofsweihe beiwohnen und nicht der Segnung von Spaten und Schaufel, noch hatte ich ein Gartengerät zur Hand.

Dabei war ich heute früh mit meinem Blumenzwiebelpflanzer außer Haus gegangen. Das kleine Ding, das mir seit Jahrzehnten gute Dienste leistete, ruhte bestimmt auf der alten Klostermauer, wo ich es abgelegt hatte, um dem Zaunkönig zu lauschen. Nun lag es dort, und ich stand hier und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Den freien Platz neben Berta konnte ich nur erreichen, wenn ich mich entweder zwischen zwanzig Bankreihen hindurchzwängte oder am Rande des Marktplatzes ganz nach vorne ging und direkt am erbosten Prediger vorbei zu meiner Freundin schlich. Beide Optionen gefielen mir nicht.

»Pauline! Wo zum Teufel bleibst du?«, rief Berta in diesem Moment. Und das einen Meter vom katholischen Geistlichen entfernt, der immer noch schweigend auf seiner Behelfskanzel stand und irritiert in die Menge starrte. In Situationen wie diesen beneidete ich meine Freundin um ihre Unverfrorenheit.

Diplomatisches Geschick, gute Manieren und höfliche Umgangsformen lagen ihr manchmal so fern wie die Andromedagalaxie. Wenn sie etwas sagen wollte, dann sagte sie es auch, egal, wie passend oder unpassend die Gelegenheit gerade war. Ganz im Unterschied zu mir. Ich verhielt mich eher überkorrekt, fiel selten aus dem Rahmen oder der Rolle und hasste es, in der Öffentlichkeit Aufsehen zu erregen. So wie jetzt.

Langsam und mit gesenktem Kopf zwängte ich mich durch den schmalen Spalt zwischen den Bierbänken, entschuldigte mich in Endlosschleife nach allen Seiten, hielt unauffällig nach Emma Ausschau, konnte sie jedoch nirgendwo entdecken, und als ich endlich in der vordersten Reihe angekommen war, hatte ich eine ungefähre Vorstellung vom Spießrutenlaufen bekommen.

Wenigstens drehten sich die Köpfe wieder zum Podest, und der Priester fuhr mit seiner Rede fort.

Einer langen Rede.

Pater Cornelius M’bongo berichtete ausführlich von der Schöpfungsgeschichte, vom Land, das junges Grün hervorbrachte und alle Arten von Pflanzen, vom göttlichen Auftrag, die Erde zu füllen und sie sich untertan zu machen, der Bedeutung der Narzissen als Symbol für die Auferstehung sowie von seiner eigenen Liebe zur blühenden Natur, wo er in jedem Gewächs die Vollkommenheit von Gottes Geschöpfen erkennen könne.

»Der hat wohl noch nie was von Teufelszwirn oder Zombiegurken gehört …«, witzelte Berta, was ihr erneut einen bösen Blick des Geistlichen einbrachte.

»Psssst«, zischte ich hinter vorgehaltener Hand, konnte mir ein Grinsen aber nicht ganz verkneifen. Als leidenschaftliche Hobbygärtnerin vertrat ich selbst die Ansicht, dass in der floralen Welt keineswegs alle Gewächse einen gottgleichen Charakter besaßen; es gab genügend gefallene Engel.

Ein Garten Eden voller Teufelszwirn, Staudenknöterich, Riesenbärenklau und kriechendem Hahnenfuß etwa würde eher in den ersten Kreis der Hölle ragen. In Windeseile wären Büsche und Bäume überwuchert, verdrängt und umgebracht, Adam müsste Bärenklau und Knöterich mit bloßen Händen niederringen und Eva auf Knien das Unkraut ausreißen. Wenig paradiesische Zustände. Irgendwie und irgendwo herrschte in der Natur halt immer Krieg.

Und dabei hatten sicher auch ein paar teuflische Pflanzen ihre Wurzeln im Spiel.

Andererseits konnte man von einem Seelsorger auch nicht erwarten, gärtnerische Kenntnisse zu besitzen. Sein Betätigungsfeld war die Heilige Schrift, und die beackerte er auch fleißig. Gerade war M’bongo dazu übergegangen, uns an seinem reichhaltigen Fundus an blumigen Bibelzitaten teilhaben zu lassen.

Die meisten davon kannte ich schon, und vom ersten Petrusbrief, in dem die Menschen mit verdorrtem Gras und verwelkten Blumen verglichen wurden, wollte ich nichts hören. Unweigerlich kam mir Fred, mein herzkranker Mann, in den Sinn.

In zwei Tagen würde er von seiner Reha zurückkehren. Drei ganze Wochen war er dann fort gewesen, die längste Zeit, die wir in fast vierzig Ehejahren je getrennt verbracht hatten. Ich musste dem Rekonvaleszenten einen würdigen Empfang bereiten, etwas Gutes und gleichzeitig Gesundes kochen sowie jegliche Aufregung von ihm fernhalten.

Dazu mehr Bewegung und weniger Fernsehschlafen. Eine kaum zu bewältigende Herausforderung, wo er seine ganze Lebensenergie bislang darauf verwendet hatte, so energiesparend wie möglich durch den Tag zu kommen. Außer Rasenmähen und Golfspielen war mir bislang jedoch nichts eingefallen, um Freds eingefleischtes Trägheitsmoment auf Trab zu bringen. Und selbst bei der Rasenpflege hatte ich so meine Zweifel, ob der Schaden an versehentlich abgemähten Pflanzen den Nutzen an seniorensportlicher Betätigung nicht überwog. Vielleicht könnte ich ihn ja überreden, mit mir manchmal Kräuter oder Pilze sammeln zu gehen. So ließe sich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, und die Küche würde auch davon profitieren.

Während ich gedanklich noch bei meinem Gatten und dessen Genesung weilte, war Pater M’bongo endlich zum Ende seiner Rede gelangt und bat die Gemeinde, sich zu erheben, um deren Gartengerätschaft zu segnen. Wolken an Weihrauch und Myrrhe legten sich über Grabegabeln, Hacken, Rechen, Hauen, Spaten, Krallen und Kellen, die die Leute begeistert in die Höhe hielten.

»Sieht aus wie bei einem Bauernaufstand«, bemerkte Berta, die nur ein Setzholz mitgenommen hatte und wie stets kein Blatt vor den Mund nahm. »Vielleicht hat er deshalb gesagt, dass wir in Frieden gehen sollen.«

Ich musste ihr recht geben. Die schweren, stählernen Grabespaten erweckten einen durchaus kriegerischen Eindruck. Schon fast wie bei einer Waffensegnung. Rasch erhoben wir uns, um nicht zwischen die Zinken und Schaufelblätter zu geraten.

»Na ja, die Floskel mit dem Frieden zählt zur Standardliturgie, das hat nichts zu bedeuten«, erwiderte ich. »Aber es stimmt schon, irgendwie ziehen wir ja wirklich in den Kampf. Zumindest gegen das Insektensterben und für eine blühende Zukunft.«

»Ich würde eher sagen, gegen ein gemütliches Wochenende und für einen baldigen Bandscheibenvorfall«, wandte meine Freundin ein, während sie uns mit den Ellenbogen den Weg freischaufelte.

Auch damit lag sie nicht ganz falsch. Natürlich fanden es die meisten von uns toll, dass aus dem Dorfanger, einer bislang kaum genutzten Brachfläche mitten im Ort, nun ein Blütenmeer entstehen sollte und keiner von uns für die dazu nötigen zwanzigtausend Blumenzwiebeln zur Kasse gebeten wurde, doch von alleine krochen die Zwiebeln nicht unter die Erde.

Deshalb hatte der frischgebackene Bürgermeister, Werner Wuitz-Winkelbach, alle Bewohner ersucht, an einem gemeinsamen Grabesonntag teilzunehmen. Das werde den dörflichen Zusammenhalt stärken und die Wintermüdigkeit aus den Knochen vertreiben, hatte er mehrfach betont und ein opulentes Wildkräuterbüfett als Belohnung in Aussicht gestellt.

Die Bereitschaft, einen ganzen Tag lang für Bärlauchbrühe und Löwenzahnsalat den Buckel krumm zu machen, hatte sich allerdings in derart engen Grenzen gehalten, dass Wuitz-Winkelbach noch Freibier und Grillfleisch als Zugabe versprechen musste. Erst dann war das allgemeine Interesse an diesem schweißtreibenden Sonntag im Grünen gestiegen.

Und damit seine ehrgeizige Kampagne »Oberdistelbrunn blüht auf« von Anfang an auch Gottes Segen oder zumindest den der ansässigen Kirchengänger erhielt, hatte er unseren Herrn Pfarrer zu einer Segnung aller Gartengeräte überredet. Der hatte sich allerdings eine schwere Erkältung eingefangen, weshalb Pater M’bongo aus dem Nachbarort diesen zeremoniellen Part übernahm. Und tatsächlich waren Jung und Alt zur Spatenweihe erschienen. Auf Bierbänken sitzen, die Sonne genießen, Neuigkeiten austauschen und seine Frühlingsgarderobe zur Schau stellen erforderte schließlich keine besonderen Anstrengungen. Ich zweifelte allerdings stark daran, dass alle, die heute hier mit ihren auf Hochglanz polierten Grabewerkzeugen gesessen hatten, diese auch morgen auf dem Anger einsetzen würden.

»Wenn du willst, können wir uns die Arbeit teilen«, schlug ich Berta vor, da ich von ihren Bandscheibenbeschwerden wusste. »Du hebst die Löcher aus, ich lege die Zwiebeln rein.«

»Abgemacht.« Sie grinste. »Aber nur, wenn du danach noch ein paar Cremeschnitten springen lässt. Als Ausgleich für mein mieses Karma nach so einer Aktion.«

»Ich versteh nicht. Blumen pflanzen fällt eindeutig unter die guten Taten. Schmetterlinge, Hummeln, Bienen, sie alle werden dir ein Leben lang dankbar sein.«

»Aber nicht die Regenwürmer, die ich mit dem Spaten versehentlich köpfe. Oder die Maulwürfe, denen ich das halbe Tunnelsystem zum Einsturz bringe. Ganz zu schweigen von den Grillen, die bestimmt noch im Winterschlaf sind und verschreckt in ihren Erdlöchern hocken, wenn wir morgen praktisch die ganze Wiese durchlöchern.«

Einen Moment lang starrten wir uns an, dann mussten wir beide lachen.

»Also gut, eine Cremeschnitte und ein Malakofftörtchen, wenn ich dir damit die Rache der Regenwürmer versüßen kann.«

Gleich Emma hegte auch meine Nachbarin eine weithin sichtbare Leidenschaft zur hemmungslosen Fettzellenvermehrung. Sonst hatten die beiden jedoch nichts gemeinsam.

»Vielleicht auch noch ein großes Stück Guglhupf zum Frühstück«, schob Berta nach, als wir uns auf den Heimweg machten. »Immerhin muss ich bei Kräften bleiben, wenn ich stundenlang den Spaten schwingen soll. Wer weiß schon, wie der Boden dort beschaffen ist. Der kann steinhart sein. Oder noch gefroren. Vielleicht hat auch jemand seinen Bauschutt dort vergraben, und ich stoße auf alte Klobrillen, Zementsockel, eine Truhe voller alter Schillingsmünzen oder gar eine Leiche.«

Erneut kicherten wir los, doch das Lachen sollte uns schon bald im Hals stecken bleiben, denn meine Freundin hatte einen nahezu prophetischen Weitblick bewiesen.

***

Am nächsten Tag war ich bereits kurz vor fünf auf den Beinen. Und das, ohne an seniler Bettflucht zu leiden. Schuld an diesem morgengräulichen Erwachen war vielmehr Patrick Pflaume, der mir in einem Alptraum erschienen war, in dem er mit einem Schmetterlingsnetz und einer Vogelpfeife auf dem Gemeindeanger stand, während ein Radpanzer mit ausgefahrenem Geschützrohr und absurd erhöhter Geschwindigkeit auf ihn zuraste.

Das tonnenschwere Militärfahrzeug überrollte Pflaume, ohne abzubremsen, durchbrach die Mauer vom aufgelassenen Friedhof und steuerte schnurstracks auf unsere Siedlung zu. Als das Gefährt sich bereits meinem Gartenzaun näherte, erkannte ich Emma am Steuer, die mir den Stinkefinger zeigte. Dann donnerte der Panzer durch den Gartenzaun, zermalmte die herrlichen schwarzen Stockrosen, krachte in die Wohnzimmerwand und riss mich zum Glück aus dem Schlaf.

Die apokalyptischen Visionen dieses zertifizierten Natur- und Landschaftsvermittlers hatten mich offensichtlich mehr verstört als angenommen. Irgendwas stimmte mit diesem Burschen nicht.

Ich neigte zwar selbst zu chronischer Schwarzseherei, die sich seit dem Herzinfarkt meines Mannes weiter verschlimmert hatte, doch blieb ich in all meiner vorauseilenden Panik stets auf dem Boden möglicher Tatsachen. Autounfälle, Krankheiten, Hagelschäden, Treppenstürze, Feuersbrünste, Invasionen von Maulwurfsgrillen oder gar der Tod eines nahestehenden Menschen drängten sich immer wieder mal in meine Schreckensszenarien, doch Meteoriteneinschläge, Angriffe von Säbelzahntigern oder fliegende Menschen hatte ich bislang nie befürchtet. Dafür mangelte es mir vermutlich an der dafür nötigen Phantasie. Meine Generation hatte mit Videospielen, künstlicher Intelligenz und täglichen Horrormeldungen in den Medien kaum etwas zu tun.

Ich zum Beispiel besaß nicht einmal ein Smartphone. Und was die heutzutage weit verbreiteten Fake News betraf, die bezog ich fast ausschließlich aus der dörflichen Gerüchteküche, in der weder weltpolitische noch wissenschaftstheoretische Themen verarbeitet wurden, die man auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen sollte.

Doch bei den jungen Leuten hatten internetfähige Handys mittlerweile längst alle gängigen Informationsquellen wie Zeitungen, Radio oder Fernsehen ersetzt. Kannte ich von meinem Neffen Vincent, der dieses Ding rund um die Uhr mit sich trug wie einen Herzschrittmacher, ohne den er nicht überleben konnte oder wollte. Und dieser schwachbrüstige Naturvermittler war etwa in Vincents Alter. Wer weiß, was Pflaume des Nächtens so trieb, wenn er nicht gerade eine Fledermaus oder einen Totenkopffalter verfolgte …

Nach erotischer Zweisamkeit sah er jedenfalls nicht aus, eher nach Ein-Mann-Betrieb. Vielleicht las er auch nur Fachliteratur über die Befruchtungsmechanismen historischer Obstbaumsorten, oder aber er kauerte auf einer Matratze und schaute sich stundenlang irgendwelche utopischen Handyvideos von Aliens, Zombies und ähnlichen Monstern an, die seinen Realitätssinn vernebelten. Sofern es nicht tatsächlich eine große, übergewichtige Schwester gab …

Nachdenklich schlürfte ich meinen ersten Morgenkaffee. Wenn es eine Sucht gab, der ich anhing, dann der nach Koffein. Ich würde nahezu an allem sparen, aber bestimmt nicht an Bohnen im Kaffee. Nach der zweiten Tasse fühlte ich mich geistig zumindest so weit gestärkt, dass ich jeden weiteren Gedanken an diesen seltsamen Jungspund von mir schob wie einen leer gegessenen Teller. Ging mich im Grunde nichts an. Alfred, mein Mann, bereitete mir genug Sorgen. Seit seinem Sterbeversuch hatten meine Alpträume stets um ihn gekreist.

Fred, wie er mausetot in einem glänzenden Sarg lag, der gerade in ein frisch ausgehobenes Grab abgesenkt wurde, ich als trauernde Witwe am Rande von Grube und Nervenzusammenbruch. Fred, wie er im Zustand fortgeschrittener Verwesung auf mich zukam und versuchte, mich zu umarmen. Fred, wie er vollkommen skelettiert zu mir ins Bett klapperte und nach Kaiserschmarrn, seinem Leibgericht, verlangte. Immer wieder er. Mein Mann. Als Leiche.

Es war nur einer perfekt funktionierenden Rettungskette zu verdanken, dass er auf der Wiener Strudlhofstiege nicht für immer den Löffel hatte abgeben müssen und statt in Schokolade ins Gras gebissen hätte. Mittlerweile ging es ihm den Umständen entsprechend zwar wieder einigermaßen gut, doch ich hatte mich noch nicht von diesem Schock erholt. Im unpassendsten Augenblick machten sich diese oder ähnliche Ablebensvisionen wie ungebetene Gäste in meinem Kopf breit, ließen sich kaum vertreiben und hatten bis gestern meinen Schlaf sabotiert. So gesehen musste ich Pflaumes nächtlichem Auftritt zumindest zugestehen, dass er eine gewisse Abwechslung in mein Alptraumprogramm gebracht hatte.

Ein Gedanke, für den ich mir beinahe selbst auf die Schulter klopfte.

Ich hatte etwas Gutes im Schlechten gesehen. Nicht gerade meine Spezialdisziplin, weshalb Berta mir zu Weihnachten einen Kurs über die Kraft positiver Denkmuster geschenkt hatte. Nach dem Studium dieser insgesamt sechs CDs würde ich ein stressresistenter, achtsamer, psychisch ausgeglichener und vor allem rundum positiver und optimistischer Mensch sein, der sich zudem über eine höhere Lebenserwartung, einen gesünderen Organismus und einen größeren Freundeskreis freuen dürfte – zumindest laut Klappentext.

Drei CDs hatte ich mir auch bis zum Ende angehört und alle Übungen brav mitgemacht, war mit stupidem Dauergrinsen zwischen Küche, Wohnzimmer, Bad und Klo herumgerannt, als hätte ich eine Gesichtslähmung, hatte jeden Morgen mit einem Das-Leben-ist-schön-Mantra begonnen, meinen Topfpflanzen und zwei Mal sogar der Hartwurst in der Speisekammer Gedichte vorgetragen und ein Tagebuch über meine Befindlichkeiten geführt. Dann bekam Fred seinen Herzinfarkt, ich einen Heulkrampf, und die CDs landeten in der Krempelkiste auf dem Dachboden. Die fehlenden drei hatte ich mir bis heute nicht zu Gemüte geführt.

Seitdem lautete mein Motto wieder: »Ein Pessimist ist nur ein gut informierter Optimist.« Das schien mir besser mit meinem Leben vereinbar zu sein.

Und wenn die Schwermut mich mal allzu stark niederdrückte, griff ich zu Johanniskrauttee. Diese anspruchslose mehrjährige Wildstaude galt ganz zu Recht als eines der besten natürlichen Antidepressiva, für das man weder Arzt noch Apotheker benötigte. Die leuchtend gelb blühende Pflanze wuchs überall und brachte bei regelmäßigem Konsum ein wenig Sonne ins Gemüt. Leider hatte auch dieses heilsame Kraut wie fast alles in der Botanik seine Schattenseiten, denn bei einer Überdosierung riskierte man eine gewisse Lichtempfindlichkeit, die sich durch Juckreiz und Hautrötungen bemerkbar machte, was mir schon mal passiert war. Als leidenschaftliche Hobbygärtnerin hielt ich mich doch sehr viel im Freien auf. Zudem sollte man keinen empfindlichen Magen besitzen, wenn man Hypericum perforatum verwendete.

Als die Kirchturmuhr sechs schlug, hatte ich bereits zwei Tassen Johanniskrauttee und vier Tassen Kaffee getrunken, geduscht, mich angekleidet, den Distelbrunner Boten gelesen, ohne mich auch nur an einen einzigen Artikel erinnern zu können, sämtliche Zimmerpflanzen gegossen, die Besteckschublade gesäubert und mir eine fünfte Tasse Kaffee eingeschenkt, die ich nach kurzem Überlegen in den Abfluss leerte. Vier Tassen waren wirklich genug für diese Uhrzeit und den Zustand, in dem ich mich befand.

Ich sollte wenigstens irgendetwas Sinnvolles tun, bevor um zehn der Blumenzwiebelsetzmarathon begann. Spontan beschloss ich, für Berta Schokomuffins zu backen. Ein Guglhupf aus Germteig würde sich nicht mehr ausgehen, aber Muffins waren schnell gemacht und ließen sich als Wegzehrung auch viel besser transportieren.

Nicht einmal zwei Stunden später klingelte ich meine Nachbarin aus der Dusche.

»Meine Güte, Pauline«, empfing sie mich außer Atem. Sie trug einen seidig glänzenden lila Morgenmantel mit Paradiesvogelblumenmuster, dessen Farbton sich unvorteilhaft mit ihrem feuchten, rot schimmernden Haar schlug, das stellenweise einen eigenartigen Grünstich aufwies. Außerdem hatte sie es mit mehreren Schichten Frischhaltefolie umwickelt. »Was machst du denn schon hier?«

»Frische Schokomuffins bringen. Fürs Schwerarbeiterfrühstück.«

Bertas besorgter Gesichtsausdruck schlug in euphorisches Strahlen um. »Dann herein mit dir! Ich setz mal schnell den Kaffee auf.« Sie entschwand in der Küche.

»Für mich bitte keinen«, rief ich ihr nach. »Ich hab mir heute bereits eine derartige Überdosis verpasst, dass ich bestimmt bis zu Freds Rückkehr kein Auge mehr zutun werde.«

»Schon wieder schlecht geträumt?«

»Ja, aber diesmal von Pflaume.«

»Pflaume?« Berta kam zurück und stellte ein Tablett mit Tassen, Kaffeekanne, Wasserkrug, Tellern und Servietten auf den Couchtisch. »Welche Pflaume?«

»Na, du weißt schon, der junge Naturvermittler, der die Gemeinde über diesen ganzen ökologischen Kram beraten soll. Bienen, Blumen, Hecken, Ganzjahresblüte, Klimatauglichkeit und so.«

Meine Freundin goss sich eine Riesentasse schwarzer Brühe ein und reichte mir ein Glas Wasser. Dann kramte sie zwischen Sofakissen, einem zerknautschten Teddybären, Dutzenden Fernsehzeitschriften, Taschentüchern, diversen Kleinteilen und ihrem Strickzeug herum, bis sie triumphierend ein kleines Fläschchen aus den Tiefen der nagelneuen Wohnlandschaft barg.

»Da, nimm erst mal zwanzig davon. Das sind übrigens deine eigenen Nerventropfen, die du mir seinerzeit für das tödliche Speeddating im Schloss zusammengebraut hast. Seit damals hab ich sie immer griffbereit. Also fast immer«, schob sie mit einem Blick auf das Couchchaos nach. »Und jetzt runter damit! Mein Bauchgefühl sagt mir, dass du noch gar nicht auf die Idee gekommen bist, deine Zaubertränklein an dir selbst zu versuchen.«

Ich nickte ertappt, schob ihr den Teller mit den süßen Küchlein rüber und trank. »An die hab ich gar nicht mehr gedacht. Ich will mich an nichts erinnern, was mit der damaligen Mordserie in Verbindung stand«, gab ich zumindest die halbe Wahrheit zu. Wobei meine Busenfreundin und Lieblingsnachbarin mich wieder mal durchschaut hatte. Ich versorgte zwar das halbe Dorf mit Tropfen, Salben und Tinkturen, doch mich selbst vergaß ich meistens, sah man von Kräutertees einmal ab. Dabei war ich von der Wirksamkeit meiner Mittelchen absolut überzeugt, nur erforderte die Instandhaltung meines Mannes ein derart umfassendes Kontingent an Pulvern, Pasten und Pillen, dass ich jedes Präparat nur im Hinblick auf seine Leiden betrachtete.

Das war die zweite Hälfte der Wahrheit.

Berta stopfte sich genüsslich einen Muffin in den Mund.

»So. Und jetzt erzähl von diesem Grünraumguru! Der muss dich ja schwer beeindruckt haben, dass du Fred in deinen Alpträumen untreu wirst.«

Und ich erzählte. An der Stelle, an der es um Emma als Luftfahrtskommando ging, prustete Berta los.

»Ist ja ein Ding«, keuchte sie. »Nimmt der Drogen, oder ist er naturtrüb?«

»Weiß ich doch nicht. Aber er hat so etwas Manisches an sich. Völlig überdreht. Außerdem führt er sich auf wie ein Klammeraffe. Ständig hat er sich an mich gekrallt. Ich meine, er ist sicher Spezialist auf seinem Gebiet, aber im Umgang mit Menschen halte ich ihn für eine totale Fehlbesetzung. Zumindest bei uns auf dem Land. Der kann sich überhaupt nicht durchsetzen. Beim kleinsten Gegenwind fällt der garantiert um.«

Dann berichtete ich ihr noch von meinem vorschnellen Versprechen, für die gewaltfreie Rodung von Emmas Kirschlorbeerhecke zu sorgen, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Zur Not würde ich sogar zu kulinarischer Schützenhilfe aus der Konditorei greifen, gestand ich meiner Freundin.

»Ach, Pauline. Du und deine Fremdproblemfixierung. Hast du mit Fred nicht schon genug Scherereien am Hals? Musst du dich ständig in irgendwelche Konflikte einmischen, die dich gar nichts angehen?« Ein weiterer Muffin verschwand.

»Ich hab mich gar nicht eingemischt«, versuchte ich, mich zu rechtfertigen. »Ich bin sozusagen eingemischt worden. Was hätte ich denn tun sollen, als ich Emma so brüllen gehört habe?«

»Weghören. Du hättest einfach weghören sollen.«

»Und den Jungen seinem Schicksal überlassen?«

»Emma frisst Kuchen, keine kleinen Jungs. Und dank dir bald auch die teuren Exemplare aus der neuen Tortenmanufaktur«, hielt sie mir anklagend vor.

»Du kriegst natürlich auch welche. Bessere. Größere. Und dazu noch die vereinbarten Cremeschnitten.« Demonstrativ legte ich meine Hand aufs Herz.

»Ich versteh das jetzt als vorweggenommene Wiedergutmachung für weitere Probleme«, brummte Berta.

»Welche weiteren Probleme? Wenn die Hecke weg ist, ist das Problem auch weg«, erwiderte ich.

»Nie und nimmer. Nicht bei dir. Sollte die Sache wirklich damit erledigt sein, dann ernähre ich mich eine volle Woche lang nur von Kopfsalat und Granderwasser. Das schwöre ich dir!«

Ein beachtlicher Einsatz für jemanden wie Berta, die zwar oft den Wohnungsputz, aber niemals ihr beachtliches Feinkostgewölbe vernachlässigte.

»Ich hab genügend Salat im Garten. Da gehen sich noch drei falsche Prophezeiungen aus. Aber im Ernst, was erwartest du denn?«

»Fremdproblemfixierung. Sagte ich doch. Mit der Hecke fängt es an, mit Mord und Totschlag hört es auf. So wie immer.«

»Du meinst wirklich, Emma wird gewalttätig?«

»Nein. Die nicht, die geht höchstens in den Keller und jammert ihrem Führer etwas vor. Gefängniskost würde sie nie riskieren. Die weiß schon, wie weit sie gehen kann. Ich dachte eher an diesen Kirsche.«

»Pflaume. Er heißt Pflaume. Obwohl …« Ich gestand ihr, den Grünraum-Ökologen insgeheim Flip zu nennen, weil er mich so an einen Grashüpfer erinnerte.

»Ja, eher der. So ein verschrobener Psychopath. Es sind doch immer diese Unauffälligen, Stillen, die zehn Leichen im Keller haben. Denk nur an die tödliche Gartenschau damals. Oder unser mörderisches Basenfasten. Das Killerkommando kam auf ziemlich leisen Sohlen daher.«

Nein! Daran würde und wollte ich nie mehr denken. Die True-Crime-Erfahrungen vor einigen Jahren reichten mir für die nächsten drei Wiedergeburten. Es war definitiv an der Zeit für einen Themenwechsel.

»Lass uns bitte von was anderem reden«, bat ich Berta. »Beispielsweise von der Klarsichtfolie auf deinem Kopf? Ist das ein neuer Modetrend? Oder ein Anti-Schuppen-Trick?«

Berta sprang auf. »Um Himmels willen, die Farbe.«

Kurz darauf wurde im Bad der Wasserhahn aufgedreht, gefolgt vom Geräusch eines Föhns.

Als sie zurückkam, leuchtete ihr borstiger Kurzhaarschnitt in drei verschiedenen Rotnuancen. »Und? Was sagst du? Ich wollte endlich wieder Strähnchen haben. So nach dem Motto: Bring Farbe ins Leben, wenn die Natur noch mit ihren bunten Reizen geizt. Aber dann konnte ich mich nicht für einen Farbton entscheiden und hab einfach alle drei genommen. Das ist eine Mischung aus Drachenblutrot mit Aubergine auf Kupfergold.«

»Mhm. Sehr beeindruckend. Du funkelst richtiggehend.« Und das war nicht einmal gelogen. Bertas Haupt stand förmlich in Flammen. Die neue Stylingkreation schien allerdings weniger einem neuen Frisurentrend als vielmehr einer Kooperation von Pumuckl und Hermann Nitsch entsprungen zu sein. Insgeheim hoffte ich, dass meine Freundin, die mit Goethes Farbenlehre noch nie etwas am Hut beziehungsweise Haupt gehabt hatte, als Ausgleich zurückhaltender bei der Wahl ihrer Kleidung sein würde. War sie aber nicht. Dabei ging auch sie schon auf die fünfundsechzig zu.

Als wir uns zum vereinbarten Treffpunkt der Zwiebelpflanztruppe aufmachten, trug sie neben Grabegabel und buntem Schultertuch eine signalgelbe Latzhose, die ich noch nie an ihr gesehen hatte. Beinahe war ich versucht, in den Tiefen meiner Tasche nach der Sonnenbrille zu suchen.

»Gefällt sie dir? Ich habe ewig lang nach so einem bequemen Teil gesucht. Die ist aus reiner, reißfester Bio-Baumwolle. Total farbecht. Und ich hab nur zwölf Euro draufzahlen müssen, weil Toni mir zu Weihnachten ja diesen Einkaufsgutschein für Large & Chic geschenkt hat.«

Einen Moment lang strahlte sie mit ihrer neuen Haarpracht um die Wette. Toni war Bertas ganz große Liebe, weshalb sie bereits beim Klang seines Namens in schiere Verzückung geriet.

»Ein sehr ausgefallenes Teil. Frühlingshaft fröhlich, passt perfekt zur Jahreszeit. Sicher ein toller Stimmungsaufheller an grauen Tagen«, übte ich mich in diplomatischer Schönrederei. Es war Bertas Hose und Bertas Freude, ich musste das Stück nicht tragen.

»Und du findest nicht, dass sie an den Hüften vielleicht ein wenig zu stark aufträgt?«

Doch, fand ich. Eine grellgelbe Zeltplane in Größe achtundfünfzig trug zwangsweise auf, nicht nur an den Hüften, sogar noch an den Augäpfeln des Betrachters, aber moralisch gesehen stand ich seit Jahren tief in Bertas Schuld. Diese Frau hatte nicht nur eine große Klappe und einen großen Bauch, sondern auch ein großes Herz. Und das wog alles andere auf. Daher griff ich wie meist in Kleidungsfragen zu einer kleinen Notlüge. »Ach, das kommt dir nur so vor. Gelb ist eine sehr auffällige Farbe. In Schwarz sähe das anders aus.«

»Schwarz ist keine Farbe, Schwarz ist ein Zustand. Immer total negativ, in keinem Fall gut. Dazu fällt mir nur angebranntes Essen, ein nächtlicher Stromausfall, Todesanzeigen, Karies oder unsere Innenpolitik ein«, erwiderte meine Begleitung.

Schwarz würde Berta jedoch um einige Konfektionsgrößen schmälern und zudem gut zu ihrer farbenfrohen Haarpracht passen. Ich sollte ihr diese Nichtfarbe irgendwie schmackhaft machen und zermarterte mir mein Hirn, um auf eine schwarze Süßspeise zu kommen, aber außer Lakritze fiel mir keine ein. Und die mochten wir beide nicht. Wobei ich zugeben musste, dass wir uns optisch betrachtet durchaus perfekt ergänzten. Ich war wegen der ständigen Sorge um Fred zu dünn geworden, Berta hatte dank Tonis kulinarischer Zuwendung noch einiges an erotischer Nutzfläche zugelegt. Zusammengenommen und danach durch zwei geteilt, hätten wir beide Idealgewicht. Außerdem kleidete meine Freundin sich generell zu bunt, während ich blässliche Töne bevorzugte. Auch in dem Fall würde ein Mittelweg uns beiden gut stehen.

Und als wir in die baumbestandene Allee einbogen, die zum Gemeindeanger führte, fiel mir tatsächlich eine entsprechende Nascherei ein. »Schwarzbeerkuchen hat nichts Negatives an sich und schmeckt gut«, sagte ich.

»Schwarzbeeren sind blau«, konterte Berta. »Daher heißen sie auch Blaubeeren, nur Tollkirschen sind richtig schwarz. Böse, negativ und tiefdunkelschwarz.«

»Dann halt Maulbeeren. Die sind auch eindeutig schwarz. Wie dein Kaffee heute Morgen.« Ich gab nicht auf.

»Der Kaffee war eine Notlösung. Mir ist die Milch sauer geworden. Und Maulbeeren sind Exoten, die zählen nicht. Pfarrer M’bongo ist ja auch fast schwarz und trotzdem kein Schlechter.« Sie gab nicht nach.

Vermutlich hätten wir noch ewig weitergeplänkelt, wenn Bobo nicht auf den letzten Metern zu uns gestoßen wäre.

»Gelb, gelb, gelb sind alle meine Kleider …«, trällerte sie statt einer Begrüßung, während sie auf ihren Stilettos um Berta herumtänzelte.

»Das ist eine Hose«, knurrte meine Freundin. »Und für den Anlass jedenfalls besser geeignet als deine Spargelstecher-Boots.«

Bobo gönnte Berta ein abschätziges Lächeln. »Sag das nicht! Mit diesen Absätzen erspare ich mir jedes Setzholz. Und wenn heute schon dein Tag der Wortklauberei ist, das sind auch keine Boots, sondern Overknee-Stiefel von Jimmy Choo. Neunhundertneunundneunzig Euro, ein Schnäppchen im Schlussverkauf.«

Bobo, die mit knapp sechzig Jahren die Jüngste unserer Runde war und mit richtigem Namen Bibiana Bohlen hieß, zu ihrem größten Bedauern aber nicht einmal weitläufig mit dem berühmten Dieter verwandt war, zählte seit dem Tod ihres Mannes zum sogenannten Geldadel von Oberdistelbrunn. Ihr unter recht mysteriösen Umständen in seiner eigenen Badewanne ertrunkener Gatte hatte ihr ja nicht nur den Spitznamen »Schwarze Witwe« eingebracht, sondern auch ein florierendes Unternehmen sowie etliche prall gefüllte Aktiendepots. Die Firma hatte sie eine Woche nach Kranzniederlegung verkauft, was ihr ein fettes Sümmchen bescherte, von dem sie nach wie vor zehrte.

Seit damals konnte sie ihre stets perfekt manikürten Hände bedenkenlos in den Schoß legen, jederzeit dem Schönheitsschlaf frönen oder die Nase tief in fremde Angelegenheiten stecken.

Auch heute glitzerten ihre krallenartigen Nägel wie Splitter eines Kristalllusters. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie man mit derart verzierten, langen Klauen einen Spaten handhaben sollte. Die schienen mir eher zum Filetieren von Fisch geeignet.

Berta hegte offensichtlich ähnliche Zweifel, denn ich hörte sie sagen: »Du sollst die Zwiebeln dann aber setzen, nicht erdolchen. Das ist dir schon klar, oder?«

Aber statt einer Antwort warf Bobo uns nur theatralisch eine Kusshand zu und stakste neuen Zielen entgegen.

Dass sie sich auf diesen beinbrechenden Konstrukten der Schuhmacherkunst, die aussahen wie Fischerstiefel aus tätowierter Menschenhaut, überhaupt unfallfrei fortbewegte, war schon erstaunlich. Dass sie um zehn Uhr morgens freiwillig gemeinnützige Arbeit verrichten wollte, kam sogar einem Wunder gleich. Noch dazu, wo man sich bei dieser Tätigkeit in jedem Fall die Hände schmutzig machte.

»Meinst du, Bobo wird allen Ernstes mithelfen?«, fragte ich Berta, während wir bereits bei der Zwiebelverteilungsstelle anstanden, wo der Bürgermeister höchstpersönlich jedem Teilnehmer einen prall gefüllten Eimer mit Frühlingszwiebeln und jeder Menge blumiger Dankesworte überreichte.

»Nie und nimmer.« Entschieden schüttelte sie den Kopf. »Die ist bestimmt nur hier, weil sie einen Lauschangriff auf die kleinen schmutzigen Geheimnisse unseres Dorfs plant. So eine perfekte Gelegenheit kriegt sie nie wieder, um die Gespräche von Hunderten Einwohnern auf begrenztem Raum abzuhören.«

Eine durchaus denkbare Erklärung, fand ich. Bobo besaß ein Gehör, das jedem Satellitenempfänger Konkurrenz machte; manchmal hörte sie sogar das Gras wachsen, bevor es überhaupt angesät war.

»Ich fürchte allerdings, dass die Leute selbst bei uns nicht so blöd sind, ihre Dreckwäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen«, erwiderte ich. »Und die sprichwörtlichen Leichen ruhen halt bekanntlich im Keller und nicht auf dem Gemeindeanger.«

Ein folgenschwerer Irrtum, den ich beinahe mit meinem Leben bezahlen sollte.

***

»Meine Fresse! Ein Zementbohrer wäre die bessere Wahl gewesen«, stöhnte Berta und wischte sich mit einem Zipfel ihres bunten Schultertuchs den Schweiß von der Stirn. »Der Boden ist ja härter als Stahlbeton.«

Seit fast zwei Stunden stapften wir gemeinsam mit einer mehr oder weniger motivierten Hundertschaft über das Brachland, gruben Löcher in die Erde und drückten Zwiebeln rein, aus denen schon bald Anemonen, Tulpen, Tigerblumen und Narzissen sprießen würden. Aber weil es den ganzen Winter über kaum geregnet oder geschneit hatte, war das Erdreich ausgetrocknet und selbst mit einer spitzen Harke kaum zu durchdringen. Alles eine Folge des Klimawandels, der leider auch vor Oberdistelbrunn nicht haltmachte.

»Mhm, echte Schwerstarbeit«, musste ich meiner Freundin zugestehen. Der anstrengende Aushub hatte sie derart ins Schwitzen gebracht, dass sie dem Boden mehr Feuchtigkeit in Form von Schweißtropfen zuführte, als es der Morgentau derzeit vermocht hätte. »Ich glaube, du hast dir eine kleine Stärkung verdient.« In meiner Tasche befanden sich noch drei sorgfältig eingewickelte Schokomuffins. Einen davon reichte ich ihr.

»Danke!« Sie verschlang den Muffin mit einem Bissen. »Ich halte mich ja nicht unbedingt für ein Musterbeispiel des schwachen Geschlechts, aber langsam geht mir echt die Kraft aus. So ein beschissener Boden.«

Berta hatte zweifelsohne den schweißtreibenderen Teil der Arbeit übernommen. Sie löcherte die Wiese, ich legte die Zwiebeln ein.

»Sollen wir mal tauschen?«, schlug ich vor.

»Um Himmels willen, nein! Wenn ich mich so tief bücken muss, komme ich nie wieder hoch. Da müsste man schon die Erdanziehung aufheben.«

Sofort musste ich an Pflaume und die militante Hüterin der Kirschlorbeerhecke denken. »Wir könnten ja Emma fragen«, scherzte ich. »Ein magischer Schubs von ihr, und du bist wieder auf den Beinen.«

»Oder ich flieg ganz auf die Schnauze.« Berta grinste. »Aber ich hab sie ohnedies noch nicht hier gesehen. Würde mich auch sehr wundern, wenn eine Ewiggestrige sich auf einer Veranstaltung von unserem neuen Ortskaiser blicken lässt, wo sie ihn doch wegen seiner neumodischen Ideen seit seinem Amtsantritt aus ganzem Herzen hasst.«

»Ach, da wäre ich mir nicht so sicher. Hendl schlägt Hass«, widersprach ich. »Ich würde mich eher wundern, wenn sie sich die Chance auf ein Gratismittagessen entgehen lässt. Spätestens wenn der Grill angeworfen wird, steht sie garantiert in vorderster Reihe und schlägt sich ungeniert den Bauch voll.«

»In dem Fall sollten wir schleunigst weitermachen, bevor unser Vielfraß einen Versorgungsengpass bei den Hendlhaxn verursacht.« Berta ergriff die Hacke, schwang sie hoch über ihren Kopf, hielt einen Moment lang inne und rammte das Gartenutensil dann mit beiden Händen und voller Kraft in den Boden.

Die Vorstellung, dass ihre Fressfeindin sich die knusprigsten Teile unter die Kiefer reißen könnte, schien ihr neue Energien verliehen zu haben.

Schnaufend, stöhnend und mit doppelter Geschwindigkeit verfrachteten wir Knolle um Knolle unter die Erde.

»Wusstest du eigentlich, dass man in England früher der Meinung war, dass es Unglück bringt, wenn die erste erblühte Narzisse in deine Richtung schaut?«, meinte ich nach geraumer Zeit, um Berta auf andere Gedanken zu bringen.

Sie schüttelte den Kopf und grub mit unverminderter Verbissenheit weiter. Das Keuchen, Ächzen und Röcheln, das sie dabei von sich gab, hätte sich gut als Bandansage eines Pornofilmproduzenten gemacht.

»Oder hast du schon mal vom verheerenden Tulpenfieber gehört? Im frühen 17. Jahrhundert galten Tulpenzwiebeln in den Niederlanden als so kostbar und selten, dass sie sogar an der Börse gehandelt wurden. Vor allem die bunten, gestreiften oder geflammten waren heiß begehrt. Allein eine Semper Augustus, von denen es angeblich nur zwölf Stück gab, war mehr wert als ein Gemälde von Rembrandt, eine Wagenladung Weizen samt Ochsen oder ein Haus in guter Lage. Aber zum Entsetzen der Händler und Käufer vererbten die Pflanzen ihre Muster nicht, weil die durch das Tulpenmosaikvirus verursacht worden waren, eine Folge vom Blattlausbefall, und es kam zum Börsencrash, bei dem Tausende Menschen ihr ganzes Hab und Gut verloren. Auch Rembrandt wurde ein Opfer davon.«

»Mhm«, grunzte Berta. »Böse Blumen, blöd gelaufen. Ich mag Tulpen sowieso nicht, die hängen immer so depressiv herum. Aber jetzt spare dir deinen Atem für den Endspurt. Ich will mit dieser Hacke fertig sein, bevor die ersten Narzissen blühen und mir womöglich in die Augen schauen.«

Wir waren bereits bei den letzten Exemplaren der hübschen »Mr. Fokker« angelangt, als es passierte.

Normalerweise erinnerten mich diese Kronenanemonen an die sagenumwobene blaue Blume von Novalis, doch diesmal keimte keinerlei Romantik auf, denn vor uns ragte ein Knochen aus dem soeben ausgehobenen Pflanzloch.

Der Knochen war recht dick, größtenteils skelettiert und stank zwar nicht zum Himmel, aber zumindest bis in unsere Nasen. Auf dem verdickten Ende, das aus der Erde ragte und noch von einigen halb verwesten Fleischteilen überzogen war, tummelten sich Maden, Würmer und zwei schwarze, glänzende Käfer. Ein unappetitlicher Anblick, der einem schon sehr auf den Magen schlagen konnte.

Aber nicht Berta. Interessiert stupste sie das Gebein mit der Spitze ihrer Hacke an und meinte völlig unaufgeregt: »Also insgeheim hab ich ja gehofft, bei dieser ganzen Buddelei auch etwas auszugraben. Aber dabei hab ich eher an eine Kiste Goldmünzen gedacht. Oder wenigstens an einen klitzekleinen Sparstrumpf.«

Ich ging in die Knie und betrachtete das eklige Ding aus der Nähe. »Der Knochen eines Babysauriers ist es leider auch nicht, der wäre bestimmt etwas wert gewesen«, erwiderte ich.

»Woher weißt du, wie Saurierknochen aussehen?«

»An denen ist garantiert kein Fleisch mehr dran. Vielleicht ein Reh? Oder ein Wildschwein?«

»Das sich nach seinem Tod selbst eingegraben hat?«

Ich musste Berta recht geben. Auch das war ziemlich unwahrscheinlich. Der Gemeindeanger befand sich zwar in unmittelbarer Nähe zu einem Waldstück, doch das Wild, das unsere Jäger erlegten, wurde verspeist und nicht beerdigt.

»Vielleicht hat ein Hund einfach nur seinen Knochen vergraben«, mutmaßte ich.

»Vielleicht«, entgegnete Berta. »Vielleicht ist der Kauknochen aber ein Kinderknochen? Und was dann?«

»Mach keine blöden Witze«, fuhr ich sie an. »Wie kommst du überhaupt auf so eine makabre Idee?«

»Weil du dabei bist! Und wenn du dabei bist, dann rieche ich bei so einem Fund halt nicht nur Fäulnis, sondern auch Mord. Habe ich dir doch heute Morgen schon prophezeit. Mit einer Hecke fängt es an, mit einer Leiche geht es weiter.«

»Klar geht es mit Leichen weiter. Aber die liegen auf dem Grillrost«, hielt ich dagegen. »Und damit du beruhigt bist, schlage ich vor, du hebst ein größeres Loch aus. Ein Kind besitzt schließlich mehr als nur einen Knochen.«

»Wenn du meinst …« Meine Freundin schien nicht gänzlich überzeugt, grub aber dennoch weiter. »Da!« Noch ein Knochen tauchte auf. Und noch einer. Nach und nach legte Berta ein vollständiges Skelett frei.

»Kein Kind!«, stellte ich beim Anblick der Schädelknochen erleichtert fest. Die Gebeine gehörten eindeutig zu einem Tier.

»Pffffff.« Der improvisierten Totengräberin an meiner Seite schien es vor Erschöpfung die Rede verschlagen zu haben. Sie hatte schließlich und im wahrsten Sinn des Wortes einen echten Knochenjob erledigt.

»Schokomuffin gefällig?«

»Sauerstoffzelt«, keuchte sie und schnappte mit hochrotem Kopf nach Luft.

Auf einmal stand Bobo neben uns. »Du pfeifst ja wie mein defekter Wasserkocher«, frotzelte sie. »Schon mal über eine Entkalkung nachgedacht? Oder wartest bereits auf die letzte Ölung?«

Wie so oft konnte die schwarze Witwe ihre spitze Zunge nicht im Zaum halten. Zum Glück fehlte Berta noch die Kraft für Wortgefechte. Sie brummte nur irgendwas, das sich mit einiger Phantasie als »Verpiss dich!« interpretieren ließ.

»Berta hat allen Grund, außer Atem zu sein. Im Unterschied zu dir hat sie ja stundenlang geschuftet«, verteidigte ich meine Freundin.