Gästebuch - György Konrád - E-Book

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György Konrád

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Beschreibung

»Was ist dieses Buch?« fragt sich der Autor zu Beginn augenzwinkernd selbst. Textpatience, Bericht, Vorwort zu einem Roman oder der Roman selbst? Bald stoisch, bald engagiert bis enragiert kritisch gibt er die Antwort, folgt dem Bogen reicher Erfahrung mit nazistischer, kommunistischer, reformkommunistischer, nachwendezeitlicher und orbánistischer Herrschaft in Ungarn und den Verwerfungen Europas in dieser, seiner Zeit. Erzählerische Sequenzen und historische Diagnosen wechseln mit Meditationen und Maximen. Im Zentrum von Konráds »Nachsinnen« aber stehen die Porträts einzelner Menschen und ihrer Handlungen. Als ein Zug positiver wie negativer Hauptfiguren erscheinen sie uns im »Gästebuch« seines Lebens: Es sind die maßgeblichen Politiker der wechselnden Herrschafts- und Unterdrückungssysteme ebenso wie die kleinen Handlanger mit ihren windig-flüchtigen Loyalitäten. Schriftstellerkollegen, deren Autonomie den Autor Konrád beeindruckte, und solche, die sich an die Macht verrieten. Aktuelle und ehemalige Geliebte. Und immer wieder die Familie, die in der Shoah ermordeten jüdischen Freunde und Verwandten, denen das »Gästebuch« ein eindrucksvolles Denkmal setzt. György Konrád, der Dissident und unerschrockene Bebachter, vielfach ausgezeichnet und geehrt, ist nicht nur einer der großen Chronisten, sondern auch Stilisten unserer Zeit. Mit seiner narrativen Vitalität hält sein »Gästebuch« inmitten aller Schrecken, auch der Gegenwart, Kurs auf die Ideale Freiheit, Autonomie, Eigensinn und Selbstvertrauen.

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2016

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»Was ist dieses Buch?« fragt sich der Autor zu Beginn augenzwinkernd selbst. Textpatience, Bericht, Vorwort zu einem Roman oder der Roman selbst? Bald stoisch, bald engagiert bis enragiert kritisch gibt er die Antwort, folgt dem Bogen reicher Erfahrung mit nazistischer, kommunistischer, reformkommunistischer, nachwendezeitlicher und orbánistischer Herrschaft in Ungarn und den Verwerfungen Europas in dieser, seiner Zeit. Erzählerische Sequenzen und historische Diagnosen wechseln mit Meditationen und Maximen. Im Zentrum von Konráds »Nachsinnen« aber stehen die Porträts einzelner Menschen und ihrer Handlungen. Als ein Zug positiver wie negativer Haupt- und Nebenfiguren erscheinen sie uns im »Gästebuch« seines Lebens: Es sind maßgebliche Politiker der wechselnden Herrschafts- und Unterdrückungssysteme ebenso wie die kleinen Handlanger mit ihren windig-flüchtigen Loyalitäten. Schriftstellerkollegen, deren Autonomie den Autor Konrád beeindruckte, und solche, die sich der Macht ergaben. Geliebte Frauen. Und immer wieder die Familie, die in der Shoah ermordeten jüdischen Freunde und Verwandten, denen das Gästebuch ein eindrucksvolles Denkmal setzt.

György Konrád, der Dissident und unerschrockene Beobachter, vielfach ausgezeichnet und geehrt, ist einer der großen Chronisten unserer Zeit. Mit seiner narrativen Vitalität hält Gästebuch inmitten aller Schrecken, auch der Gegenwart, Kurs auf die Ideale Freiheit, Autonomie, Eigensinn und Selbstvertrauen.

György Konrád, geboren 1933 in Debrecen (Ungarn), Schriftsteller, Essayist, politischer Beobachter. 1997–2003 Präsident der Berliner Akademie der Künste, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und des Internationalen Karlspreises zu Aachen.

Zuletzt erschienenDas Pendel. Essaytagebuch, 2011Über Juden, 2012Europa und die Nationalstaaten. Essays, 2013

György Konrád

Gästebuch

Nachsinnen über die Freiheit

Aus dem Ungarischen vonHans-Henning Paetzke

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016.

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2016

© György Konrád 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagfoto: Regina Göllner

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

eISBN 978-3-518-74466-6

www.suhrkamp.de

Inhalt

Eine Art Vorwort

Regel

Gefundener Name

Aus dem Stand aufsteigen

Nicht Erlösung, sondern Überleben

Linie der Entscheidungen

Wann hast du gelogen und wann nicht?

Jeder Tag ein Dankfest

Eigener Fatalismus

Vom Dilemma der monotheistischen Religionen

Alles Gewesene ist anwesend

Immer nur jenseits?

Wandlungen hin und her

Der ehrenamtliche Idiot reißt sich zusammen

Was wird von ihm bleiben?

Nichts Häßliches

Freude des Eingesperrtwerdens

Es hat überhandgenommen

Strenge

Pulsieren

Die Troika entfernt sich

Ich werde erwartet

Krönung und Revolution

István war in der Schule mein Banknachbar

Die anderen Kinder wurden getötet

Meine Mutter unterhält sich mit den Verstorbenen

Er war ein großer Schlingel

Die Friedhöfe werden aufgefüllt

Gründliche Arbeit

Angenehm

Meine Klassenkameraden gingen sofort in die Gaskammer

Die anderen wurden eingeäschert

Imre, laß dich nicht unterkriegen!

Sagen möchte er sonst nichts

Wir hatten einen schönen, warmen Sommer

Er wird dich rufen

Sie sind verschwunden

Der Intrigant ist tot

Auslese

In deinem Mundwinkel die Seele der Stadt

Zwei Halunken finden sich ein

Terror ist jetzt kein Thema, dafür aber Korruption

Schwerfällige alte Vollstrecker

Sich erinnern heißt lernen

Terroristische Weltanschauung

Vagabundierende Optik

Romanstadt

Blick in den Rückspiegel

Ein fundamentaler Ort

Glücklich

1989. Rhetorikflut

1990. Die Schule des Landes

Wir haben Zeit

Ein verschneiter Morgen mit einem Säugling

Die quälende Leidenschaft der Politik

Zufällige Opfer

Smigura und Zavarkó

Unberechenbares Wandern

Klassisches Ereignis (1989)

Die Geschichten wuchsen zusammen

Im Rosengarten lagen unsere Anfänge

Die Schönheit der Unterwelt

Landung auf der Gänseweide

Einer von jenseits der Theiß jenseits der Donau

Das Hotel steht, Arnold ist gefallen

Kohn geht zum Rabbi

Es fliegt das Quarkkäulchen

Ein Liebesbrief brennt auf einer Zierkerze

Nur eine Erklärung

Gut, aber etwas kürzer!

Bulgarischer Regenschirm

Alter Manuskripteschmuggler

Schlaf nicht ein!

Die Mundwinkel hingen herunter

Die Anekdoten der Firma

Die sechsundfünfziger Generation

Soviel Menschen, soviel Wege

Geistvolle Dummheiten führten zu den Massengräbern

Der Wahn kollektiven Prahlens

Er artikuliert sich und tötet nicht

Greif dich selbst an

Grauzone zwischen Genuß und Leiden

Idee und Töten

Wie machen wir aus Menschen Kampfhunde?

Großspurigkeit

Antipolitik – die Frage Jesu

Ein Schriftsteller ist kein Diener

Bequemlichkeit des Mauselochs

Das kann man sagen

Die Krankheitsdiagnose des lokalen Idioten

In ihrer Sehnsucht nach Lehren schäkern die Dümmeren mit den Diktaturen

Befreiung und Resignation

Bis zum Tod dauernde Schule der Angst

Organische Gleichheit

Lied einer leichten Dame

Die Ungarn sind wie du

Abgewogene langsame Rede

Du wirst dem Katzenfutter beigemengt

Den Freund lassen wir nicht im Wasser

Ich sah mich um, und niemand stand hinter mir

Polnisch-ungarische Parallele

Wie der Hirsch den Geruch des Tigers

Achtung vor den Hungrigen

Zwanghaft

Gruppenporträt – 1987

Aussprechen und Sich-Verstecken

Nach Schließung der Kneipe

Wissen und Taktgefühl

Wem sonst würde er dienen, wenn nicht seinem Werk?

Lärmen unter dem Himmel

Eine Möglichkeit zum Zechen

Auf ländlichem Hügel am Donauufer

Was ich schreibe, das ist keine Staatsangelegenheit

Er hatte keine Lust, ihn abzuknallen

Rausch

Nicht leicht, ein Deutscher zu sein

Die beständigen Werte der Intelligenz

Geschütztes Alter

Immergrüne Nichtigkeiten

Rosch ha-Schana

Einfach nur so

In der Budapester Innenstadt

Zu Anfang des neunten Lebensjahrzehnts

Der Ehemann ist domestiziert

Laß sie ins selbe Horn blasen!

Bedeutende und bizarre Personen

Der Angesprochene klappert mit den Zähnen

Stationen einer einzigen Emanzipation

Identität an den Garderobenhaken!

Tanz des Erbes

Der ethnische Nationalstaat geht mit Unheil einher

In einem Menschen gibt es mehr

Begegnungen von Antike und Moderne

Über die Würde des Menschen

Das Schriftwerk ist ein Subjekt

Zwischen Tod und Dennoch

Der Roman und die Stadt

Die Bühne läßt sich ausweiten

Loyale Dummheit

Er geht aus dem Bild

Über Helden

Manchmal muß es sein

Du bist verhaftet

Wer war jene Frau?

Nur die Biographie und die Erinnerung

Es gefällt mir von vornherein

Erotik unseres Gehirns

Dialog von Bürger und Schriftsteller

Der Mond nimmt zu

Körper der Vergangenheit

Für ihre Freiheit sollen sie büßen

Begabungsschutz

Alles Menschliche ist Luxus

Akademie der Künste, Berlin, Hanseatenweg 10

Der Mensch wird von seinen Möglichkeiten übertroffen

Der Verstorbene lügt nicht

Die Zeitgenossen mögen die Nekrologe

Der Scheiterhaufen ist verschwunden, es entstehen Liebesgedichte

Dilettantisch

Das bist du

Glaubst du, daß ich schweben kann?

Abschied von Emilia

Sie kann auch hinten sehen

Gesichter über dem Bierkrug

Ego versus alter

Ego versus ego

Wer ist diese Mama?

Die Kunst der Verführung

Reue gibt es nicht

Die Worte eilen dahin

Sowohl Gast als auch Hausherr

Der Führerkult ist eine Geisteskrankheit

Über unsere Identitäten

Ich bin den Lehren entglitten

Das Menschenmaterial bleibt

Meine Entscheidungen umringen mich

Hart wie Beton, weich wie Gelatine

Anschwellender Gesang

Halsstarrige Ungeheuer

Es kommt vor, daß einer am Leben bleibt

Ich lege meinen Plunder ab

Zwei reglose Schwertklingen

Das Geschehene hinterläßt Spuren

Kein Wettkämpfer

In der Finsternis ballen sich jene vielen Halbkügelchen zusammen

Kluges Herz

Unglückselige

Erinnerung ist reine Dichtung

Eine Art Vorwort

Warum Gästebuch?

Autor und Leser laden sich gegenseitig ein.

Werde ich letzteren zu sehen bekommen? Ich habe ihn sogar schon besucht.

Ich öffne ihm die Tür, damit er durch mein Haus, meine Lebensgeschichte streifen kann. Vielleicht erfährt er auch etwas von meiner Weltanschauung als Schriftsteller; ein kleiner Einblick mag genügen. Mehr sollten höfliche Menschen nicht erwarten.

Über der Lektüre entscheidet sich, ob er das Buch beiseite legt oder weiterliest, ob er bereit ist, über die Fragen und Behauptungen nachzusinnen, von denen das Ganze wimmelt. Ob er sich bei Sätzen, die auch beim Autor ein verborgenes Lächeln vermuten lassen, ein inneres Lächeln gestattet.

Antwortet der Leser darauf mit »Ja«, zieht das folgende Frage nach sich: »Was eigentlich ist dieses Buch?«

Treffen wir zwischen nachstehenden Angeboten eine Wahl!

Berichterstattung eines speziellen Bewußtseins? Textpatience? Oder schon Roman?

Jeder betitelte Eintrag darin ein Kapitel oder eine Strophe.

Mehrere ältere Passagen bearbeitet oder ganz neu geschrieben. Die Auswahl blieb Zufall und Belieben überlassen.

Jetzt aber stellen sich die Dinge anders dar als damals: Ich komprimiere, präzisiere, nehme Umstellungen vor, trenne verdrießliche Sätze voneinander– Strenge und Launenhaftigkeit eines alten Mannes.

Anmerkungen zu einer Haltung, Suspendierung humanistischer Schmeichelei dem Menschen gegenüber, doch überdrüssig sind wir auch der Misanthropie.

Nur uns Menschen gibt es, sonst nichts.

Ich könnte sagen, wir sollten uns zusammenreißen und zur Vernunft kommen, während sie sagen könnten, sie hätten genug von mir, ich sollte mich in meinem Zimmer vergnügen oder auf dem St.-Georg-Berg spazierengehen und mir das Gesicht im Wasser des Löwenbrunnens waschen.

Was bleibt einem achtzigjährigen Autor am Ende eines solchen– etwas zu lang geratenen– Vorworts? Seinen Lesern noch viele glückliche Jahre zu wünschen und den hiermit von ihm eingeführten Roman zu schreiben, hinter dessen letzten Satz dereinst JEMAND einen Punkt setzen wird.

Regel

Jene eigenartige Gesellschaft, zu der wir gehören, bevölkert seit einigen tausend Jahren den Erdball.

Große Bibliotheken haben wir schon besucht; wir begreifen unsere Nichtigkeit; dennoch wollen wir lebensfähige, selbst unseren Tod überdauernde Bücher in die Regale der Weltbibliothek stellen.

Die Zahl der Schriftsteller nimmt schneller zu als die der Leser. Wettkampf ums Überleben. Wir verstecken uns, damit man auf unsere Worte achtet. Schamhaftigkeit bei gleichzeitiger Schamlosigkeit. Der Schriftsteller ist insgeheim ein laizistischer Mönch. Unser Orden: ein Weltbund rasender Individualisten. Über uns haben wir niemanden, nur den Sternenhimmel. Orden ändern ihre Regel nicht bei jedem Modehauch.

Da die Menge der zu erzählenden Dinge unendlich größer ist als die der zu schreibenden, ist es ein Werk der Willkür, was davon hervorgehoben wird. Wer weiß schon, welches Ereignis wir für die Erzählung auswählen, ahnen wir doch nicht einmal, wer wir morgen sein werden.

Der Autor will den Text nicht so leicht in Vergessenheit geraten lassen. Arbeit gegen den Tod. Er schreibt darüber, um ihm zu entfliehen, übt sich im Neinsagen, im Kampfsport der Ablehnung, tröstet sich damit, daß es einen Anspruch auf dichte Sprache im Gegensatz zur Geschwätzigkeit immer geben werde. Turnübungen der Gefühle, vom Kalten ins Warme, vom Sich-Sehnen zum Widerwillen, nach Annäherung Sich-Entfernen.

Lesen ruft Stimmungsschwankungen hervor, bringt unsere Seele in Schwung, so daß wir das Leben gleichzeitig unter den Aspekten seiner Vitalität und seiner Sterblichkeit betrachten können. Literatur konfrontiert den einmaligen Fall, dessen beachtliches Abgerundetsein eine Geschichte entstehen läßt, mit Allgemeinplätzen. Sie hat Anfang und Ende. Wie eine Reise.

Gefundener Name

Du fragst, lieber Leser, wer dieser Kalligaro sei, der meist in der ersten Person Singular spricht? Ein Name, den ich vor unserem Haus in Hegymagas auf einem alten Brunnenkranz gefunden habe. Vor dem Ersten Weltkrieg war Kalligaro ein Fabrikant von Betonelementen. Sein Name ist in der Umgebung von Tapolca vielerorts zu sehen. Andere Spuren gibt es nicht, nur Tränkrinnen. Grabsteine. Eine fiktive Gestalt, in deren Namen ich spreche, die in meinem Namen spricht. Jemand also, mit dem ich mich gelegentlich verwechsle.

Sagen wir: mein Freund, mein Helfer, dem ich alle möglichen Lasten aufbürden kann, Scherpa im Hochgebirge, angeheuerter heimischer Reisebegleiter und Träger, mein Faktotum, das mich mit blitzschneller Leichtigkeit durch Zeit und Raum transportiert und das ich noch lange brauchen werde. Ein Mensch, den ich von der Seite betrachte oder vielleicht vom Mond aus. Kalligaros Spielraum ist größer als meiner, der Ausschlag seiner Amplituden ist beträchtlich. Für seine Verdienste darf er umsonst in meinem Hinterkopf wohnen. Manchmal kommt er von dort hervor und erfindet so manches, das ihm sonst nicht eingefallen wäre.

Aus dem Stand aufsteigen

Im Wohnzimmer, auf der Veranda und der Gartenbank biete ich den Gästen einen Platz an.

In den zurückliegenden Jahrzehnten half ich einigen Ideen, in Bewegung zu bleiben. Den Wirrwarr hielt ich für interessant, und den Kitsch neuesten Jahrgangs ließ ich nicht aus den Augen. In meinen Entscheidungen ließ ich mich von der Moral des Schriftstellers leiten. Das wenigstens hätte ich gern geglaubt. »Und was wäre das?« fragte mich der Dämon. »Der Wille zur Autonomie des Geistes«, stammelte ich.

Wir stolpern von Mißverständnis zu Mißverständnis, segeln dahin in der Barke unserer Illusionen; was heute schön ist, wird morgen lächerlich sein. Manches Mißverständnis funktioniert hervorragend; die Haßrede hierzulande geht leicht über die Lippen. Ebenso wie die Paranoia verrichtet auch deren Gegenteil, der Kitsch, seine Sache erfolgreich.

Zerfetze dich, dann setze dich wieder zusammen, und zerfetze dich erneut.

Es wäre mir nicht unrecht, würde man mich abholen, während ich Buchstaben kritzele.

Umherziehende Seele, sich wandelnde erste Person, mehr oder weniger Autobiographie, gemeinsam mit all denen, in die hinüberzuwehen das schaukelnde Ich Lust verspürte. Ich trotte durch die Straßen, sehe eine alte Frau, und schon bin ich selbst diese alte Frau. Die Wirklichkeit ist nicht Gegenstand, sondern lediglich Mittel meiner Sätze.

Ich richte die Bühne ein. Die Umrisse des Anblicks glimmen auf. Gehirnexplosion will ich ebenso wie die lange anhaltenden süßen Stunden, unzählig viele.

In solcher Zeit schulde ich niemandem etwas; die Pflichten fallen von mir ab, und ein wenig befreie ich mich auch von mir selbst: von meinem alltäglichen Sein, vom Familiären, vom Emsigen. In solcher Zeit drehe ich meinem Spiegelbild eine Nase und fliege aus mir selbst heraus.

Gern schreibe ich etwas auf Erfahrung Beruhendes, das emporsteigt wie britische Jagdflieger, die sich aus dem Stand und ohne Startbahn in die Luft erheben. Einem Falken gleich würde sich der plattfüßige Trottel gern hinweg von hier in die Höhe schwingen.

Wir hüpfen auf der Erdkugel umher, unterliegen dem physikalischen Gesetz der Gravitation. Doch wir, deren Körper hinabgezogen wird, wollen uns emporschwingen. Wenn nicht anders, dann in einer mit zwei Flügeln ausgestatteten, stotternden Prosamaschine.

Nicht Erlösung, sondern Überleben

Angenehm zu lesen, wenn ich weiß, daß mich nun jemand an die Hand nimmt, um durch das Labyrinth zu führen. Ich suche nach jemandem, der hier und da klüger ist als ich, nicht immer, doch in Dingen, die er gelernt hat, schon.

Ich möchte jemandem vertrauen. Eine Enttäuschung wäre unangenehm.

Wie soll der Roman aussehen? Soll er streng logisch aufgebaut sein? Oder soll er so sein wie die Welt, voller Überraschungen, Fluten zufälliger Verläufe und Begegnungen?

Die Bestandteile und Geschichten schwirren in mir umher wie unbefestigte Gegenstände in einem Raumschiff.

Aphoristisch-epigrammatische Einseiter, verselbständigte Sequenzen; außer der Ahnung gibt es keine umfassendere, zusammenhaltende Klammer.

In meiner Ein-Personen-Weltanschauung begrüße ich Gäste.

Eine Weile weitest du dich aus, wirst kompliziert, dann läßt du dich treiben, nimmst ab, bleibst allein und kommst ohne deine Besitztümer, deine Stellung und vielleicht sogar ohne deine Liebsten zurecht.

Zusammen mit von dir unabhängigen Ereignissen wird dein Schicksal geschrieben.

Dreitausend Jahre alte Texte liest du, als hätte sie dein Nachbar verfaßt. Es hat den Anschein, als könnten wir uns über große Distanzen von Raum und Zeit hinweg verstehen.

Es heißt, unser Gehirn werde mit der Zeit zusammenschrumpfen und das Absterben der Zellen gehe mit dem Schwinden der Neugier einher. Allmorgendlich bist du noch der, der du sein wirst, abends nur mehr der, der du gewesen bist.

Nicht in der Erlösung, im Überleben besteht unser Ziel.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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