Gaußberg - Mario Bekeschus - E-Book

Gaußberg E-Book

Mario Bekeschus

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Beschreibung

Eine Tote im Mittellandkanal ruft Kommissar Wim Schneider auf den Plan. Die Ermittlungen führen den Hannoveraner, der mit seinem übermäßigen Ouzo-Konsum und gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, ausgerechnet in seine Heimatstadt Braunschweig. Dort trifft er auf einen unliebsamen Ex-Kollegen und den Lebensgefährten der Toten, der etwas zu verbergen scheint. Der Druck auf die Ermittler wächst, als ein Kind verschwindet und eine zweite Leiche auftaucht. Was hat eine geheimnisvolle Villa am Gaußberg mit den Ereignissen zu tun?

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buecherwurm1910

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Der erste Krimi von Mario Bekeschus rund um Braunschweig und Hannover ist sehr gelungen. Anfangs erscheint der Hauptermittler Wim Schneider etwas ruppig und leicht unsympathisch, der Eindruck ändert sich aber schnell, nachdem man ihn etwas besser kennengelernt hat. Der Fall selbst gibt viele Rätsel auf, die bis zum Ende hin alle schlüssig aufgelöst werden. Der Schreibstil des Autors ist flüssig, lässt sich sehr gut lesen und weist keine unnötigen Längen auf.
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Mario Bekeschus

Gaußberg

NIEDERSACHSEN-KRIMI

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Friederike Fuchs

ISBN 978-3-8392-7094-3

Widmung

Für meine Oma

Prolog

Schweißperlen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet und bahnten sich einen Weg abwärts durch das zerfurchte Gesicht. Die dicken grauen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die rechte Schulter fiel. Mühsam stützte sie sich auf ihrem Spaten ab, und während sie sich mit Bedacht aufrichtete, blitzten Sterne vor ihren Augen auf. Als ihr Kreislauf sich wieder beruhigt hatte, ließ sie den Blick über den gesamten Garten bis hin zum Fluss schweifen. Die ersten Kanuten fuhren auf der vorbeifließenden Oker und wurden von einer neugierigen Entenfamilie verfolgt. Sie seufzte wehmütig. Doch trotz der Idylle, die sie umgab, kreisten ihre Gedanken, und sosehr sie sich auch bemühte, gelang es ihr einfach nicht, die Erinnerungen auszublenden. Dieser Garten war ihr Leben. Ein geschwungener Weg durchzog den satten Rasen von der Pforte bis zur Terrasse und von dort aus weiter bis zum Bootssteg. Rechts vor der kleinen Sitzecke mit den ergrauten Teakmöbeln thronte ein Drache aus Ytong­stein. Das Windspiel im Kirschbaum war in die Jahre gekommen, gab aber immer noch mystische Klänge von sich. An den zahlreichen bunten Blumen machten sich dicke Hummeln und die ersten Bienen zu schaffen und flogen emsig zwischen den Blüten hin und her. Der schwere, süßliche Duft von Hyazinthen lag in der Luft. Nur wenige Meter von ihr entfernt glitzerte die weit aufgerissene, frisch geputzte Terrassentür in der Sonne und gab den Blick auf ihren geliebten Ohrensessel und die Leselampe in ihrer Wohnküche frei.

Langsam drehte sie den Kopf nach links. Dort drüben erhob sich das Haupthaus. Seit geraumer Zeit blätterte der Putz der alten Fassade, und Fenster und Türen waren verschlossen. Die dunkle Jahreszeit hatte rund um die ehemalige Veranda ihre Spuren hinterlassen, die auch jetzt im Frühjahr noch nicht beseitigt worden waren. Laub und kleine Äste vom letzten Wintersturm lagen überall verteilt. Aber das war ihr gerade nur recht. Für einen Moment schloss sie die Augen. Da war er wieder, einer dieser unvergesslichen Sonntage, an denen sie alle gemeinsam an einer gedeckten Kaffeetafel saßen und die Kinder aufgeregt um den Tisch liefen. »Tante Greta, mach mit! Fang uns doch, fang uns doch!«

Erst eine warme, flauschige Bewegung an ihrem Bein holte sie in die Gegenwart zurück. Blinzelnd schaute sie an sich herab und erblickte den rotbraunen Kater, der sie mit seinen smaragdgrünen Augen unschuldig anschaute und ihr stolz eine fette Ratte vor die Füße legte. Mit einem Gefühl von Ekel und Abscheu betrachtete sie seine Beute, die irgendwo zwischen Leben und Tod mit letzten Kräften zappelte, und zog die Augenbrauen hoch. Noch bevor der Kater seinem Opfer mit der Tatze einen weiteren Hieb verpassen konnte, schob sie ihn mit dem Fuß beiseite, hob ihren Spaten und schlug der Ratte mit einem gekonnten Hieb den Schädel ein.

Behutsam nahm sie das tote Tier auf die Schippe, trug es in Richtung Uferkante und warf es im hohen Bogen in das bräunliche Flusswasser. Als sie auf dem Rückweg an den Hortensien vorbeikam, hielt sie inne. Von den prächtigen Blüten war noch nichts zu sehen, aber allzu lange würde es nicht mehr dauern. Sie lehnte den Spaten gegen eine Regentonne und ließ sich auf die schmerzenden Knie sinken. Liebevoll, fast zärtlich strich sie mit den Händen über das Erdreich, das zu dieser Zeit noch gut sichtbar zwischen den Pflanzen zum Vorschein kam. Wenn die Hortensien erst einmal blühen würden, dann hätten sie es geschafft. Dann wäre es endlich vorbei. Alles vorbei. Erlösung.

1. Kapitel

»Prost, Gemeinde, ich trinke für euch alle!« Kriminalhauptkommissar Wim Schneider hob das randvolle Schnapsglas in Richtung seiner kleinen Ahnengalerie, die er im Wohnzimmer seiner Wohnung in Hannovers Südstadt über der Hausbar aufgehängt hatte, zwinkerte Oma Inge zu – Gott hab sie selig – und stürzte den Ouzo in einem Zug herunter. Ein Schnäpschen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Und davon hatte er derzeit wirklich mehr als genug. Der Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er schon wieder zu spät dran war. Die Nacht war einmal mehr die Hölle auf Erden gewesen. Dieses diffuse Stechen im Unterleib hatte ihm den Schlaf geraubt. Mehrere Male war er auf die Toilette gerannt, aber eine leere Blase konnte man irgendwann nicht mehr entleeren. Auf der verzweifelten Suche nach der richtigen Einschlafposition hatte er sich hin und her gewälzt – mal ein Bein über der Decke ausgestreckt, mal eines daruntergelegt – und im Viertelstundentakt auf seinen Wecker geschaut. Irgendwann, es musste am frühen Morgen gewesen sein, stellte er den Wecker einfach weiter, um wenigstens ein bisschen länger schlafen zu können. Erst gegen 05.30 Uhr war er schließlich eingenickt und wurde wenig später brutal aus dem Land der Träume gerissen, als ein schriller Piepton seinen Kopf zu sprengen drohte.

Wim ging in die Küche, stellte das Schnapsglas zu Kaffeetasse und Frühstücksbrettchen in die Spüle und schnappte sich seinen Mantel von der Garderobe im Flur. Nun trennten ihn nur noch drei Sicherheitsschlösser und seine Wohnungstür von der neuen Nachbarin gegenüber, deren chronisch fröhliche Tochter er jetzt schon wieder rumkreischen hören konnte. Sollte er vielleicht lieber noch einen Moment warten? Auf »Guten Morgen, Herr Schneider, bla, bla, blub« hatte er nun wirklich keine Lust. Andererseits lief die Uhr gegen ihn und er hatte im Grunde keine Wahl. Augen zu und durch. So leise wie möglich entriegelte Wim die Tür, lugte ins Treppenhaus und sah, dass die gegenüberliegende Wohnungstür ebenfalls offen stand. Kein Wunder, dass er das Kind hatte hören können, keine optimalen Bedingungen für eine unbemerkte Flucht. Aber vielleicht hatte er ja Glück, die Nachbarin mit Kind war gerade nicht zu sehen. Schnell schlüpfte er aus seiner Wohnung, zog die Tür behutsam zu und begann alle Schlösser wieder zu verriegeln. Als plötzlich jemand von hinten an seinem Sakko zupfte, ließ er vor lauter Schreck fast das dicke Schlüsselbund fallen.

»Du, Herr Schneider, gehst du jetzt zur Arbeit?«

Wim drehte sich um und schaute auf das kleine Mädchen von gegenüber hinunter. »Ja, Leni, ich muss jetzt ganz schnell ins Büro.«

Die Augen des Mädchens blitzten neugierig und noch immer hielt sie sich an Wims Sakko fest. »Ich gehe gleich in den Kindergarten. Willst du da mal mit hinkommen?«

»Nein, das will ich nicht. Ich muss jetzt auch los. Geh mal zu deiner Mutter.« Er packte das kleine Mädchen an den Schultern und schob es sanft, aber bestimmt in Richtung Türschwelle der Nachbarwohnung.

»Was machen Sie mit meiner Tochter, Herr Schneider?«

Wims Nachbarin war aus der Küche kommend im Flur ihrer Wohnung aufgetaucht und hielt den rosa Rucksack ihrer Tochter in der Hand. Auf der Vorderseite strahlte ein Einhorn mit Regenbogenschweif nicht nur magische Kräfte aus, sondern zauberte Leni direkt ein Lächeln in das kleine runde Gesicht mit Sommersprossen.

»Entschuldigung, Frau Fritsche, die Frage ist doch wohl eher, was Sie mit Ihrer Tochter machen! Die Kleine hat mich unbeaufsichtigt im Hausflur abgepasst! Ich weiß ja nicht, ob das seine Richtigkeit hat. Ist es angebracht, das kleine Mädchen allein im Treppenhaus spielen zu lassen?«

»Das ist ja wohl die Höhe! Was fällt Ihnen ein?« Nina Fritsche schnappte nach Luft und trat einen Schritt auf Wim zu. »Meine Tochter sollte hier kurz warten. Ich habe eben noch ihren Rucksack …«

»Der Rucksack Ihrer Tochter ist mir herzlich egal, Frau Fritsche!«, würgte Wim seiner Nachbarin das Wort ab. »Ihre Tochter hält mich davon ab, zur Arbeit zu gehen, und behindert damit Polizeiarbeit! Ich hoffe, das ist Ihnen klar? Und außerdem sollten Sie lieber nicht Ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen!« Wim drängte sich an Mutter und Tochter vorbei, die ihm eindeutig im Weg standen, und nahm treppab gleich zwei Holzstufen auf einmal. Es könnte wieder einer dieser Tage werden, an denen er Menschen hasste.

»Also wirklich! Darüber sprechen wir noch mal!« Empört rief Nina Fritsche ihm hinterher: »Herr Schneider, so geht das nicht! Das ist eine Frechheit, was Sie mir hier unterstellen! Ich bin Ihre Unverschämtheiten allmählich leid.«

Doch Wim hatte bereits auf Durchzug geschaltet. Von dem Redeschwall seiner Nachbarin erreichten nur noch Wortfetzen seine Gehörgänge, um dort rechtzeitig abzuprallen und sich einfach in Luft aufzulösen.

Der Berufsverkehr stadteinwärts war um kurz vor 09.00 Uhr eine mittlere Katastrophe. Mit bleiernen, müden Augen saß Wim am Steuer seines schwarzen Seat Ibiza und hielt den Blick starr auf das zweispurige Rudolf-von-Bennigsen-Ufer gerichtet. Leichte Nebelschwaden lagen über dem Maschsee, es schien ein diesiger Tag zu werden. Während die letzten Frühjogger an der Straße entlangliefen und akribisch auf Tempo und Atemfrequenz achteten, war Wim knapp dran und auf dem besten Weg, sich wieder einmal zu verspäten. Auf Höhe des Sprengelmuseums – Wim fühlte sich beim Anblick des Neubaus jedes Mal an einen Sarkophag erinnert – drehte er das Autoradio aus. So viel Heiterkeit am frühen Morgen konnte und wollte er nicht ertragen, vor allem nervte ihn die ständige Werbung. Er wollte Musik hören und nicht die neuesten Baumarktangebote. Als der Verkehr wegen einer Baustelle an der Kreuzung vor ihm endgültig zum Erliegen kam, griff er nach seinem Handy und rief im Büro an.

»Biggi, äh, ich meine Birgit, hier ist Wim, sag jetzt nichts. Ich weiß, dass ich zu spät bin, und ich weiß auch, dass die Dienstbesprechung in drei Minuten anfängt. Bitte lass dir was einfallen!«

Noch bevor Birgit Höfgens am anderen Ende der Leitung antworten konnte, drückte Wim sie einfach weg und schmiss das Handy in Richtung des Beifahrersitzes. Es war wieder einer dieser Tage, an denen das morgendliche Verkehrschaos seine Nerven über die Maße strapazierte. Er hasste die Rushhour und den zähen Stop-and-go-Verkehr, aber noch mehr hasste er es, in einer überfüllten U-Bahn zu fahren oder sich auf einem Fahrrad abzuquälen. Wim und Sport, lächerlich. Als ihn sein Handyklingelton aus den Gedanken riss, zuckte er zusammen und trat reflexartig auf die Bremse. Was wollte Biggi, die neuerdings unbedingt Birgit genannt werden wollte, denn jetzt noch? Es war doch alles gesagt! Mit der linken Hand am Steuer verrenkte er sich in Richtung Beifahrerfußraum und versuchte das Handy zu erreichen, welches dank seines abrupten Bremsmanövers einen Satz nach vorne gemacht hatte und zwischen Sitz und Fußmatte gerutscht war. Warum sprang die verdammte Mailbox nicht endlich an? Beim dritten und letzten Versuch erreichte er das Handy mit dem Ringfinger und zog es zu sich rüber. Er drückte die grüne Hörertaste und klemmte sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter, um beide Hände am Steuer behalten zu können. Es wurde höchste Zeit für eine Freisprechanlage. Ansonsten würde der Tag kommen, an dem man ihm hinterm Steuer die ausgeprägte Halswirbelsäulenverkrümmung nicht mehr abnehmen und irgendein Kollege ihn wegen einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr belangen würde.

»Ja, was ist denn noch?«, grummelte Wim zur Begrüßung.

»Urologische Praxis Dr. Plog hier, mein Name ist Wittig, guten Morgen! Spreche ich mit Herrn Schneider? Hören Sie mich? Sie klingen so weit weg!«

Wim verdrehte die Augen und war sich sicher, dass die Frau am anderen Ende der Leitung gerade erst einen dieser Kundenfreundlichkeitskurse absolviert hatte. Und irgendwas mit Rhetorik. »Ja, ich höre Sie! Der Empfang scheint aber nicht optimal zu sein.«

»In Ordnung. Also, Herr Schneider, Herr Dr. Plog bittet Sie zu einem persönlichen Gespräch in die Sprechstunde. Passt es Ihnen heute Nachmittag?«

Auf Wims Kopfhaut kribbelten plötzlich Tausende Ameisen und sein Magen verkrampfte sich. »Persönliches Gespräch? Heute Nachmittag? Ist irgendetwas nicht in Ordnung, Frau, Fräulein, entschuldigen Sie, wie war doch gleich Ihr Name?«

»Mein Name ist Frau Wittig.«

Wim seufzte und registrierte, wie seine Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung das »Frau« deutlich betonte. Er ärgerte sich, dass ihm das »Fräulein« überhaupt herausgerutscht war. Mit Sprechstundenhilfen musste man sich gut stellen, denn die hatten viel Macht und Einfluss in so einer Praxis.

»Muss ich mir Sorgen machen? Ist es was Schlimmes?« Wim spürte, wie seine Handinnenflächen zu schwitzen begannen.

»Herr Schneider, ich darf Ihnen leider keine telefonische Auskunft geben, ich kann Ihnen nur sagen, dass Ihre Laborwerte heute Morgen eingetroffen sind und Herr Dr. Plog diese heute Nachmittag gerne mit Ihnen persönlich besprechen möchte.«

Als die Ampel auf Grün umsprang und der einspurige Verkehr auf der Linksabbiegerspur im Schneckentempo ins Rollen kam, setzte Wim den Blinker.

»Hallo, Herr Schneider, sind Sie noch da? Ich höre Sie nicht mehr!«

Mit quietschenden Reifen nahm Wim die Kurve und steuerte dabei fast in die Gegenfahrbahn. »Heute Nachmittag, ja, wann denn?«

»15.00 Uhr? Gleich nach der Mittagspause.«

»Ja, in Gottes Namen. Wenn es denn sein muss. Ich werde da sein.«

»Wunderbar, dann bis später!«

Wim verzichtete auf eine Verabschiedung und schmiss das Handy zum zweiten Mal an diesem Morgen auf den Beifahrersitz. Nun war auch noch sein Nacken verspannt.

Was für ein Start in den Tag! Auf dem Parkplatz der Polizeidirektion angekommen, stieg Wim genervt aus dem Wagen und verriegelte die Türen. Er musste sich demnächst wirklich einen anderen Weg in die Waterloostraße überlegen. Im Stechschritt ging er in das altehrwürdige Gebäude, nickte Kurt, dem Pförtner, flüchtig in seinem Glaskasten am Haupteingang zu und sprintete im Rahmen seiner Möglichkeiten durch das Treppenhaus. Als er außer Atem in der zweiten Etage angekommen war, begegnete ihm Walter Möller.

»Wim, alter Haudegen, wie schaut’s aus? Schlecht geschlafen? Du hast ja Ringe unter den Augen, meine Güte!«, begrüßte ihn sein Kollege amüsiert.

Wim ließ die Mundwinkel hängen. »Walter, ich bin spät dran und habe leider keine Zeit, mit dir über meine Augenringe zu sprechen. Bis später!«

Er ließ den verdutzten Walter kopfschüttelnd stehen, aktivierte seine letzten Kraftreserven und joggte den langen Flur entlang. Nach Luft japsend riss er die Bürotür auf und ließ sich erschöpft auf seinen Schreibtischstuhl sinken. Birgit schaute ihn überrascht mit großen, von blauem Kajal umrandeten Augen an. Wim erkannte sofort, dass es in ihrem Kopf ratterte und sie nach der angemessenen Reaktion auf ihr erstes Aufeinandertreffen an diesem chaotischen Morgen suchte. Nach dem Bruchteil einer Sekunde entschied sie sich, Wim energisch den Rücken zuzukehren, um sich wieder der Pflege ihrer Orchideen zu widmen. »Auf Wiederhören, Wim!«

»Wie, was, auf Wiederhören?« Wim war überfordert. Welches Problem hatte diese Frau denn nun schon wieder nicht zu Hause gelassen?

»Weißt du was, Wim? Ich habe in all den Jahren gelernt, dass in deiner guten Kinderstube einiges schiefgelaufen sein muss. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Also pass jetzt mal gut auf: Wenn man mit jemandem spricht, egal ob persönlich oder am Telefon, dann verabschiedet man sich, capisce?!«, erwiderte Birgit beleidigt und vermied es konsequent, ihren Chef anzuschauen.

Wim verzog den Mund und ging kommentarlos zu den wirklich wichtigen Dingen des Tages über. So kannte er seine Assistentin. Und inzwischen kannte er sie ziemlich gut. Birgit war zwar eine große Stütze, und wenn er ganz ehrlich zu sich war, dann konnte er sich das Arbeiten ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Aber sie hatte auch eindeutig ihre Macken. Eingeschnappt und nachtragend zu sein, gehörte zweifelsohne dazu. Insgeheim wusste er jedoch, dass seine ruppige Art an einigen Differenzen zwischen ihnen schuld war. »Was ist mit der Dienstbesprechung? Hast du meine Verspätung angekündigt?«

Birgit wischte mittlerweile Staub von den Regalböden ihres Aktenbocks und würdigte Wim noch immer keines Blickes. »Du hast wie immer Glück. Die Dienstbesprechung fällt heute aus. Unser aller Häuptling ist kurzfristig von der Staatsanwaltschaft in die Rechtsmedizin einbestellt worden.«

»In die Rechtsmedizin? Wegen der Toten, die heute Morgen die Titelseite der Zeitung ziert?«

»Ja, genau. Cassensmeier ist wegen der toten Frau los, die sie gestern Abend aus dem Mittellandkanal gezogen haben. Er ist schon eine gute Stunde weg. Soweit ich mich erinnere, war die Leiche aber nicht auf der Titelseite abgebildet, sondern lediglich das Polizeiboot auf dem Kanal!«

Wim hob die Augenbrauen. Da hatte man am Wochenende mal zwei Tage frei und dann gab es hier gleich Tote und eine anstrengende Birgit zur Begrüßung. »Eine Stunde, sagst du?«

»Ja, eine Stunde. Es ist jetzt kurz vor halb zehn und es gibt Menschen, die beginnen deutlich früher als du mit der Arbeit!«, ranzte Birgit Wim an.

Spitzen verteilen gehörte auch zu ihren Talenten. Wim merkte, wie sein Puls anstieg und seine Halsschlagader zu puckern begann. Noch ein blöder Spruch und er würde persönlich einen Aushang am Schwarzen Brett machen:

»Mitarbeiterin zu verschenken. Kein Rückgaberecht!«

Um sich ein wenig zu beruhigen, nahm er sich seinen Posteingang vor und las zwei Vernehmungsprotokolle, die Birgit offenbar schon in aller Herrgottsfrühe getippt hatte. Die Frau hatte anscheinend einen ungesunden Schlaf oder aber kein Zuhause.

Den Blick stur auf die Schriftstücke gerichtet, nahm er widerwillig einen erneuten Anlauf, ein halbwegs normales Gespräch mit ihr zu führen. »Kannst du bitte nachher noch ein paar Dinge für mich erledigen?«, fragte er gequält.

Birgit hatte den Standort gewechselt und kümmerte sich nun mit ihrer pinken Gießkanne um einen niemals sterben wollenden Gummibaum, der bereits von diversen Bambusstäben gestützt werden musste. »Dafür werde ich hier bereits mein halbes Berufsleben bezahlt, oder?«

»Ich brauche bitte bald die Liste der gestohlenen Gegenstände aus der Südstadt. Unglaublich, dass die gleich bei mir um die Ecke diese Einbrüche durchgezogen haben.«

»Die Liste ist längst fertig. Das habe ich gestern Abend schon erledigt und sie dir sofort gemailt.«

»Immer diese Computersachen. Mensch, Birgit, du weißt doch ganz genau, dass ich kein Fan vom papierlosen Büro bin. Kannst du mir die Liste bitte ausdrucken?«

»Mein lieber Wim, falls es bei dir noch nicht angekommen sein sollte: Heutzutage fährt nicht mehr die Postkutsche von A nach B. Wir sind im modernen Zeitalter der E-Mails angekommen. Schnell, unkompliziert und in der Regel auch sicher. Alles, was du tun musst, ist, deinen Computer hochzufahren und dein E-Mail-Programm zu starten, capisce?!«, entgegnete Birgit, die den letzten Sommerurlaub mit einem Freund in Italien verbracht hatte. An Alexander dachte sie nicht mehr, dafür aber täglich an Italien.

Wim schüttelte den Kopf und schlug den Pressespiegel auf. Wenigstens der lag druckfrisch auf seinem Schreibtisch. So musste das sein! Die verschiedenen regionalen Zeitungen waren voll von Artikeln über die Wasserleiche aus dem Mittellandkanal. Auf Seite fünf der gesammelten Werke fand sich allerdings auch ein Kurzbeitrag über die Einbruchserie in der Südstadt, in der sie gerade ermittelten.

Hannover/Südstadt – Am vergangenen Donnerstag mussten gleich mehrere Bewohner der Geibel­straße feststellen, dass ihre Wohnungen am helllichten Tag ausgeraubt worden waren. Wie eine Mitarbeiterin des Polizeikommissariats Südstadt dieser Zeitung bestätigte, handle es sich um eine Einbruchserie, da gleich in mehreren Wohnhäusern und in insgesamt acht Wohnungen eingebrochen worden sei. Auffällig sei, dass alle betroffenen Wohnungen jeweils im Dachgeschoss liegen. Es wird vermutet, dass es sich um mehrere Täter handelt, die es gezielt auf Dachgeschosswohnungen abgesehen haben. Zeugen werden gebeten, sich direkt bei der Südstadtwache oder jeder anderen Polizeidienststelle zu melden. mjb

Acht auf einen Streich, nicht schlecht. Da hatte jemand einen konkreten Plan verfolgt, denn in den oberen Etagen der Mehrfamilienhäuser war die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, am geringsten.

»Sag mal, was ist denn jetzt eigentlich mit der Liste? Bekomme ich die heute noch?«, fragte Wim gereizt.

Kopfschüttelnd riss Birgit einen Aktenordner aus dem Regal, ging zu Wims Arbeitsplatz und knallte ihn auf den Schreibtisch.

»Alleine aufschlagen schaffst du aber noch, oder?«

»Na also, geht doch!«, entgegnete Wim süffisant und schlug den Ordner auf, um sich einen Überblick zu verschaffen. Von Schmuck über Bargeld und iPods hatten die Täter es vor allem auf kleinteilige, aber wertvolle Gegenstände abgesehen. In allen Fällen hatten die Opfer die Einbrüche erst bemerkt, als sie nach der Arbeit nach Hause gekommen waren. Die Spurensicherung war mittlerweile mit den Arbeiten in der letzten Wohnung fertig geworden und der abschließende Bericht sollte Wim zeitnah vorgelegt werden.

»Kannst du bitte recherchieren, ob es in den vergangenen Wochen, Monaten, meinetwegen auch Jahren, vergleichbare Einbruchserien in Hannover und Umgebung gab?«

»Definiere ›Umgebung‹«, antwortete Birgit trotzig. »Und vor allem definiere ›vergleichbar‹!«

»Bin ich denn hier heute nur von Irren umgeben?« Wim platzte der Kragen. Seine flache Hand knallte auf den Tisch und er sprang von seinem Schreibtischstuhl auf. Bevor er etwas hinzufügen konnte, ließen ihn ein plötzlicher Schmerz im Unterleib und ein schier unerträglicher Harndrang fast in die Knie gehen.

Birgit verzog keine Miene, hielt sich aber so krampfhaft an dem Griff ihrer Gießkanne fest, dass die Knöchel ihrer Mittelhand sich weiß verfärbten. »Wie man in den Wald hi­neinruft …! Was erwartest du bitte, wenn …«

»Merk dir deine Rede! Ich muss mal eben kurz raus!«, unterbrach Wim sie erneut und verließ fluchtartig das Büro. So unauffällig wie möglich, aber mit zügigem Schritt bemühte er sich, die Herrentoiletten am Ende des Flures zu erreichen. Er musste an die Geher bei den Olympischen Spielen denken, die mit ihren Wackelärschen aussahen, als würden sie auf heißen Kohlen laufen. Jetzt bloß keine weiteren Begegnungen oder blöde Kommentare von Kollegen. Vor der Toilettentür schaute Wim noch einmal schnell nach links und rechts und verschwand. Am Pissoir angekommen spürte er ein Brennen. Als der Urinstrahl endlich einsetzte, hatte Wim das Gefühl, Nägel zu pinkeln. Er ignorierte die hellroten Schlieren, schüttelte die letzten Tropfen mehr schlecht als recht ab und betätigte den Spülknopf. Erleichtert schloss er die Augen, beugte sich nach vorne und drückte seine Stirn gegen die kalten Fliesen. Das Nachbrennen in der Harnröhre hielt allerdings an und Wim ahnte bereits, dass dies noch eine ganze Weile der Fall sein würde.

»Ist alles in Ordnung?«, hörte Wim jemanden hinter sich fragen. Walter Möller, schon wieder. Wo kam der denn plötzlich her? Ruckartig richtete Wim sich kerzengerade auf und zog seinen Reißverschluss hoch. »Walter, ja, danke, alles in Ordnung! Ich habe heute Augenringe, ich habe jetzt gepinkelt. Kann ich sonst noch irgendwas für dich tun? Sag mal, spionierst du mir eigentlich hinterher?«, fuhr er seinen Kollegen an.

»Ich bitte dich, Wim, das ist jetzt aber wirklich reiner Zufall!«, entgegnete Walter Möller perplex.

»Jaja!«, grummelte Wim, verließ die Herrentoilette, ohne sich die Hände zu waschen, und knallte die Tür extra laut zu. Bloß raus hier.

2. Kapitel

Birgit war Kummer gewohnt, wenn es um ihren Chef ging. Er war launisch und manchmal fand sie ihn unerträglich, aber sie wusste ihn zu nehmen. Wim brauchte Kontra, und zwar nicht zu knapp, wenn man es mit ihm aushalten wollte. Irgendwann kriegte er sich wieder ein und dann gab es sogar Momente, wo der weiche Kern des Wim Schneider durchkam und er tatsächlich charmant sein konnte. Im Grunde ihres Herzens mochten sie sich und hatten gemeinsam schon viele knifflige Fälle gelöst. Wim war ein brillanter Ermittler. Umso mehr hatte es ihn getroffen, als man sie beide an das Einbruchsdezernat ausgeliehen hatte. Nur vorübergehend natürlich. Wie lange wohl »vorübergehend« dauern würde?

Bei allem Verständnis für Wims schlechte Laune, aber was er sich heute Morgen geleistet hatte, das gehörte zu den Top Drei seiner Totalausfälle. Birgit beschlich das Gefühl, dass Wim noch etwas ganz anderes bedrückte, sie würde schon dahinterkommen.

Als Wim nach seiner spontanen Flucht zurückkehrte, stand Birgit vor der Wand mit der großen Niedersachsenkarte und steckte gerade einen roten Pin auf die Stadt Hildesheim. »Also vielleicht habe ich etwas herausgefunden. Aber das prüfe ich noch«, sagte sie zur Begrüßung, um die angespannte Stimmung ein wenig aufzulockern.

»Das ist ein guter Plan. Prüfe du mal in Ruhe, dann bist du sinnvoll beschäftigt und kannst dich wenigstens nicht mehr aufregen.« Birgit schüttelte den Kopf und musste einsehen, dass Wims Gemüt sich noch immer nicht ganz beruhigt hatte.

»Dein Handy hat zweimal geklingelt, während du draußen warst. Kannst du nicht mal den Klingelton wechseln? Immer dieses Klassikgedudel. Ach, und noch was: Cassensmeier hat angerufen, aber auf dem Büroapparat. Du sollst bitte mal eben zu ihm hochkommen.«

»Ich denke, der schaut sich die Wasserleiche an?«

»Jetzt wohl nicht mehr«, entgegnete Birgit und rückte ihre Lesebrille zurecht.

Dr. Jörn Cassensmeier war gerade 50 geworden und als Chef der Mordkommission auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Eine ganze Batterie von Glückwunschkarten zierte die lange Fensterbank seines Büros. Er stand mit dem Telefonhörer in der Hand vor seinem Schreibtisch, als Wim kurz gegen den Türrahmen klopfte und den Kopf in die offene Bürotür steckte. Die Hellwig aus dem Vorzimmer war gerade nicht am Platz, und so war er direkt durchmarschiert. Mit einer ausschweifenden Handbewegung bat Cassensmeier Wim, auf einem der Besucherstühle Platz zu nehmen.

»Wim! Schön, dass du so schnell kommen konntest«, begrüßte Cassensmeier ihn mit einem ironischen Unterton. »Wie ist die Lage? Mein verfluchter Rücken zickt heute wieder. Macht es dir was aus, wenn ich einfach stehen bleibe? Wie weit seid ihr mit den Einbrüchen in der Südstadt?«

Vor seinem Chef zu sitzen, während dieser stehen blieb, behagte Wim nicht. »Bleib ruhig stehen, Jörn, kein Problem. Und danke der Nachfrage. Aber du bist doch gar nicht für die Aufklärung der Einbrüche zuständig. Genauso wenig wie ich übrigens.«

Wim hielt dem mahnenden Blick seines Chefs stand. Er kannte die Antwort. »Jetzt bitte nicht wieder die alte Leier. Sollen wir auf Knien vor dir rumrutschen, weil du ausnahmsweise im Einbruchsdezernat aushilfst? Es gibt nun mal im Moment niemand anders, der sich der Einbrüche annehmen könnte. Das geht auch wieder vorbei.«

»Aushilfe?« Wims Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen. »Abstellgleis! Das trifft es wohl eher«, sagte er beleidigt.

»Nun reg dich nicht auf. Du weißt doch, dass der Krankenstand bei den Kolleginnen und Kollegen erschreckend hoch ist und alle Kapazitäten gebunden sind.«

»Und wie lange bleibt das so?«

»Ich habe leider keine Glaskugel auf dem Schreibtisch, die mir hilft, in die Zukunft zu schauen.«

»Nein, sicherlich nicht. Also, dann lass uns mal auf das Wesentliche kommen. Womit kann ich dienen? Warum wolltest du mich sprechen? Soll ich dieses Mal die Nutten im Steintorviertel überprüfen? Ist bei der Sitte auch der Notstand ausgebrochen?« Wims Versuch, sich zusammenzureißen, war zum Scheitern verurteilt.

»Na, na, na, Wim! Nun mal halblang, und ganz im Ernst, ich brauche deinen Rat und deine Unterstützung.«

Wims Gesicht zeigte keine Regung. Wenn der Chef um Rat und Unterstützung bat, war das erst mal kein gutes Zeichen.

»Die Wasserleiche aus dem Mittellandkanal. Ich war heute früh bereits in der Pathologie bei Professor Klein. Es liegt ein Fremdverschulden vor. Die Frau hat schwere Kopfverletzungen, vermutlich Schädelbasisbruch. So viel konnte man auf den ersten Blick erkennen. Sie hatte kein Wasser in der Lunge, war also schon tot, als sie in den Kanal gefallen ist. Und das Interessanteste ist, dass sie dem Urteil von Professor Klein nach noch gar nicht so lange im Wasser lag.«

Wim überlegte kurz. »Das kann ja viele Gründe haben. Wenigstens ist es dann leichter, sie zu identifizieren, wenn sie nicht zu entstellt und aufgeschwemmt ist.«

»Richtig!«

»Kann man denn genauer eingrenzen, wie lange sie ungefähr im Wasser war?«, erkundigte sich Wim interessiert.

»Professor Klein vermutet höchstens zwei Tage.«

»Das ist ein überschaubarer Zeitraum. Wo ist der genaue Fundort?«

»Ein Radfahrer hat den leblosen Körper gestern bei einer Fahrradtour am Kanal auf der Höhe der Hindenburgschleuse in Anderten entdeckt und sofort die 110 gewählt. Und was mir noch einfällt: Die Leiche weist übrigens keine Spuren von sexueller Gewalt auf.«

Wim nickte. »Das wäre meine nächste Frage gewesen. Und was willst du jetzt von mir?«

Cassensmeier legte eine kurze Redepause ein und schaute aus dem Fenster. »Wenn mich nicht alles täuscht, bist du doch ein waschechter Braunschweiger, oder?«

Wim stutzte. »Ja, das ist wohl so. Und nun wohne ich für meinen Geschmack schon viel zu lange in Hannover.«

»Ach, ich vergaß! Die Braunschweiger und das Beleidigtsein. Welche Stadt war eigentlich zuerst die ›Verbotene Stadt‹?« Cassensmeier zwinkerte Wim zu. »Aber jetzt mal im Ernst: Es gibt da an der Leiche eine markante Auffälligkeit.«

»Und die wäre? Hatte sie Überreste von der berühmten Braunschweiger Mettwurst im Magen?«

»Nein, das nicht«, entgegnete Cassensmeier lachend. »Aber sie hat ein Tattoo am rechten Handgelenk.«

»Ein Tattoo? Den Braunschweiger Löwen, oder was?«

»Gar nicht so schlecht!« Cassensmeier ging zu seinem Schreibtisch und drehte den Monitor seines Computers in Wims Richtung. Das Digitalfoto von der Leichenschau zeigte zweifelsfrei das Vereinswappen der Eintracht Braunschweig als farbige Tätowierung.

»Okay, ich verstehe. Das ist ein Hinweis auf den Braunschweiger Raum, wenn auch nicht zwingend ein todsicheres Indiz«, stellte Wim nüchtern fest. »Aber welcher Hannoveraner ist schon so verrückt und lässt sich dieses Wappen tätowieren?«

»Eben. Das wäre mehr als ungewöhnlich, wenn auch nicht ausgeschlossen. Natürlich könnte es sich auch um jemanden handeln, der irgendwann zugezogen ist, oder um einen Fußballfan aus einer anderen Stadt. Aber in der Tat sinkt wohl die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Wasserleiche aus Hannover kommt.«

»Okay, und darum soll ich mich nun kümmern?« Wims Blick hellte sich auf. »Dann kann ich die Ermittlungen in diesem Fall leiten? Notfalls schafft Birgit das mit den Einbrechern auch ohne mich. Mensch Jörn, so viel Grips hätte ich dir gar nicht zugetraut. Kluger Schachzug, wegen der Verbindung mit Braunschweig auf mich zu setzen!«

»Nein, tut mir leid, so weit ist es noch nicht. Es bleibt zunächst dabei, dass du bitte die Einbrüche in der Südstadt aufklärst«, entgegnete Cassensmeier mit ernster Miene und räusperte sich. »Wir müssen erst mal abwarten.«

»Moment! Du hast mich einbestellt, weil ich aus Braunschweig komme und die Wasserleiche vielleicht auch? Aber mit dem Fall soll ich nichts zu tun haben?«

»Nein, ganz so ist es nicht. Ich dachte nur, dass du mir ein paar Tipps geben kannst. Vielleicht hast du ja zum Beispiel noch Kontakte zu den Braunschweiger Kollegen? Die könnten wir gut gebrauchen …«

»Weißt du was, Jörn: Ich empfehle dir, gockel oder guggel, oder wie das heißt, den Organisationsplan der Braunschweiger Kollegen. Oder wirf einen Blick in das landesweite Polizei-Intranet!«, unterbrach ihn Wim. »Das könnt ihr Computerfreaks doch alle. Ja, da staunst du, das kenne nämlich sogar ich! Da kannst du dir alle Kontakte selbst raussuchen, die du brauchst. Das ist mein Tipp an dich. Ich werde jetzt die Liste der gestohlenen Gegenstände aus der Geibelstraße auswerten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das ist nämlich gerade mein Job! Und in der Südstadt kenne ich mich bekanntermaßen bestens aus. Ich wünsche einen schönen Tag. Ach, was sage ich, einen wunderschönen Tag!« Wutentbrannt stand Wim auf, kippte dabei fast den Besucherstuhl um und drehte seinem Chef den Rücken zu. Nur raus hier. Veräppeln konnte er sich selbst.

»Nun warte doch mal, Wim!« Cassensmeier eilte zur Tür und versperrte ihm den Weg. »Ich verstehe ja deinen Unmut und mit dem Intranet hast du sicher recht. Aber du …«

Wim fiel seinem Chef erneut ins Wort, während er ihm direkt in die Augen schaute. »Ja, ich?«

Cassensmeier hielt Wims wütendem Blick stand. »Alles, was ich möchte, ist, dass du dir mal die Namen der Kollegen in Braunschweig anschaust. Vielleicht gibt es noch jemanden, den du von früher kennst. Alte Kontakte, kurzer Dienstweg, wenn du verstehst, was ich meine. Ich gehe eh fest davon aus, dass es nur eine Frage von Stunden ist, bis ich gezwungen bin, mit Braunschweig Kontakt aufzunehmen. Und du kennst mich ja, ich bin den Geschehnissen immer gerne einen Schritt voraus und greife auf meine Netzwerke zurück.«

Mit einer versöhnlichen Geste legte Cassensmeier Wim eine Hand auf die Schulter.

Wim atmete tief durch. Er musste sich jetzt wieder fangen, denn immerhin hatte er es mit seinem Vorgesetzten zu tun. »Okay, okay! Ich werfe mal einen Blick auf das Braunschweiger Organigramm, aber die Einbrüche haben Priorität!«

»Das ist in Ordnung. Tut mir leid, dass ich gerade noch nicht mehr für dich tun kann. Aber ich wusste, dass auf dich Verlass ist«, entgegnete Cassensmeier erleichtert und machte den Weg für Wim frei.

Die Frage, welche Frau sich das Wappen eines Fußballvereins auf das Handgelenk tätowieren ließ, fing an, in Wims Gedanken Platz zu nehmen.

»Ich mache heute Nachmittag frei und bummele ausnahmsweise mal Überstunden ab«, sagte Wim, als er wieder im Büro eintraf.

Birgit schaute über den Rand ihrer Lesebrille hinweg. Sie hatte verschiedene Modelle zur Auswahl und sich nun für die Farbe Mint entschieden. »Von mir aus. Ich bin ja hier. Wie immer.«

Wim verbiss sich einen schnippischen Kommentar. »Ich habe Handwerker daheim. Hatte ich vergessen zu sagen. Thermenwartung.«

»Ist ja kein Problem. Auf dem Handy bist du sicherlich erreichbar? Und was wollte der Cassensmeier jetzt von dir?«

»Der hat sich danach erkundigt, wie wir mit den Ermittlungen bei den Südstadteinbrüchen vorankommen.«

»Mehr nicht?«

»Nein, mehr nicht«, log Wim.

»Aber das kann ihm als Chef der Mordkommission doch herzlich egal sein!«, stellte Birgit fest.

»Nicht, wenn er sein Personal für ein anderes Dezernat abstellen muss.«

»Heißt das, wir werden vielleicht bald wieder richtige Fälle lösen?«

»Tja, schön wär’s. Ich habe das Gefühl, dass das davon abhängt, ob und wie und wann wir diese Einbruchserie aufklären.«

»Das ist echt eine blöde Situation. Sind wir zu schnell, wollen die uns am Ende behalten. Wenn wir zu langsam sind oder uns zu doof anstellen, dann heißt es hinterher, dass wir für die Mordkommission halt nicht mehr zu gebrauchen sind. Dabei bist du doch vom alten Eisen und nicht ich!«, sagte Birgit und zwinkerte Wim verschmitzt zu.

»Das habe ich nicht gehört. Schwerhörigkeit ist nämlich auch ein Symptom des Älterwerdens. Gibt es frischen Kaffee?«, entgegnete Wim und freute sich innerlich, dass sie beide auf dem besten Weg waren, sich wieder zu beruhigen.

3. Kapitel

David Simonis wartete am Rande des Hannoveraner Stadtwalds Eilenriede vor dem Eingang eines Restaurants und hatte dem Döhrener Turm den Rücken zugewandt. Zum wiederholten Mal schaute er auf seine Rolex-Armbanduhr. Seine Kundin war schon 20 Minuten zu spät, an ihr Handy ging sie nicht und wenn sie nicht gleich aufkreuzen würde, müsste er leider den Termin canceln. Andererseits hätte er mit der Provision für eine ganze Weile ausgesorgt. Seine Courtage würde bei einem Kaufpreis von rund 2,4 Millionen Euro seine finanzielle Lage noch einmal deutlich verbessern. David loggte sich bei seinem Facebook-Account ein und öffnete sein Profil. Gestern hatte er ein Bild seines neuen Sportwagens gepostet, und seitdem hagelte es Kommentare. Neid und Glückwünsche wechselten sich ab.

»Herr Simonis?«

Als David seinen Nachnamen hörte, schreckte er auf und blickte zu seiner Überraschung sich selbst in zwei verspiegelten Sonnenbrillengläsern entgegen.

»Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Ich habe einfach keinen Parkplatz gefunden. Das spricht nicht gerade für diesen Stadtteil.« Das beigefarbene Seidentuch hatte Cornelia Rutz um ihren Kopf geschlungen und farblich perfekt mit ihrem Chanelkostüm kombiniert. Sie trug zudem Seidenhandschuhe und Manolo-Blahnik-Pumps, deren hohe Absätze sie auf Augenhöhe mit David brachten. Seit Davids Freundin Irina ihn zwangsverpflichtet hatte, sämtliche Staffeln der Fernsehserie »Sex and the City« mit ihm zu schauen, kannte er sich mit Damenschuhwerk bestens aus.

»Frau Rutz!« David nahm die Hand seiner potenziellen Kundin und deutete einen Handkuss an. Genau so, wie er es im Fernsehen bei einer der unzähligen Makler-Dokusoaps gesehen hatte.

»Nennen Sie mich einfach Conny«, sagte Cornelia Rutz und gab lächelnd den Blick auf ihre gebleachten Zähne frei.

»Gerne. Ich bin David.«

»Sehr schön. Und wo ist denn nun das Schmuckstück am Waldrand, das ich kaufen könnte? Ja wohl nicht diese Steak-Butze hier?« Cornelia Rutz lachte schrill und David war bemüht, seine Gesichtszüge im Griff zu behalten.

»Ähm, nein. Natürlich nicht. Ich habe das Restaurant nur als Treffpunkt gewählt. Wir gehen jetzt gemeinsam in die Waldhausenstraße, gleich um die Ecke.«

»Na dann mal los, junger Mann. Ich habe wenig Zeit.«

Ich auch, dachte sich David. Ich stehe hier auch schon 20 Minuten.

Die Jugendstilvilla verfügte über neun Zimmer, zwei Bäder, einen wunderschönen verglasten Wintergarten und ein 850 Quadratmeter großes Grundstück mit altem Baumbestand. Vom Balkon im ersten Stock hatte man einen unverbauten Blick in die Eilenriede. Alles frisch renoviert und dank der zentralen Lage genau das, was die Inhaberin einer Beauty-Farm aus dem Hannoveraner Umland suchte. Ein citynahes Stadtdomizil, gerne im Grünen und mit allem Drum und Dran. So hatte sie es Davids Assistentin Mathilda am Telefon lang und breit erklärt, bevor sie ausdrücklich »Chefbehandlung« gewünscht hatte. David war sich sicher, mit dieser Immobilie die Vorstellungen der Geschäftsfrau ideal getroffen zu haben, auch wenn der Kaufpreis über dem Budget lag, das Cornelia Rutz im Vorfeld als ihre finanzielle Schmerzgrenze mitgeteilt hatte. Aber Kompromisse mussten Kunden mit exklusiven Wünschen eingehen.

Sie stiegen die fünf Stufen zur schneeweißen Eingangstür hinauf und endlich nahm Conny ihre Sonnenbrille ab. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Anhand der Fältchen rund um die Augen schätzte David seine Kundin auf Mitte 40, vielleicht sogar 50, und damit gut 15 Jahre älter als ihn.

»Na dann wollen wir mal. Die Außenfassade wirkt ja schon mal äußerst repräsentativ!«, stellte Conny zufrieden fest.

David war erleichtert und ließ seiner Kundin beim Betreten des Hauses gekonnt den Vortritt. Durch einen Windfang gelangten sie zunächst in einen hellen hohen Raum, den man getrost als Eingangshalle bezeichnen konnte. Als Profi wusste David, dass er den Raum zunächst auf die Kundin wirken lassen musste, und so wartete er einige Sekunden, bevor er mit seinem Vortrag begann: »Conny, ich präsentiere Ihnen heute dieses wunderschöne Stadthaus im Jugendstil. Alle Räume sind hochwertig ausgestattet. Ich würde vorschlagen, wir beginnen hier unten rechts mit der Küche.«

»Wie Sie meinen, David. Ich folge Ihnen unauffällig«, scherzte Conny und warf David einen verführerischen Blick zu.

Mit den kleinen Scherzen war es jedoch schlagartig vorbei, als sie die Küche betreten hatten und Conny den Raum argwöhnisch beäugte. »Entschuldigen Sie, aber wo bitte ist der Gasherd? Und warum steht das, was ein Herd sein soll, nicht mitten im Raum?«, fragte sie, wobei ihre Stimme fast beleidigt klang und wieder ins Schrille abzudriften drohte. »Ich hatte ausdrücklich einen Gasherd in der Mitte des Raumes gewünscht. Sie wollen mir doch wohl dieses Vierplattending nicht als hochwertigen Gasherd verkaufen? Hat Ihre Assistentin mir nicht richtig zugehört?«

David runzelte die Stirn. Von einem Gasherd hatte Math­ilda ihm nichts gesagt. Auch nichts von einem Kochblock. Aber er war solche Situationen gewohnt und reagierte schnell. »Liebe Conny, der kann natürlich nachträglich eingebaut werden. Ich gebe zu, das ist ein kleines Manko in dieser ansonsten so hochwertigen Küche im Landhausstil. Aber dennoch wollte ich Ihnen nur deshalb diese Traumimmobilie nicht vorenthalten.«

Conny murmelte etwas von Dilettantismus vor sich hin, schaute sich skeptisch um, konnte sich aber dazu hinreißen lassen, die Besichtigung fortzusetzen. Sie stellte hier und da ein paar gezielte Fragen, ließ sich ansonsten aber nicht in die Karten blicken. David wusste aus Erfahrung, dass Begeisterung anders aussah und dass er es hier mit einer knallharten Geschäftsfrau zu tun hatte.

Nachdem sie auch die oberen beiden Stockwerke in Augenschein genommen hatten, beendete David die Führung auf dem französischen Balkon, der von einem der Schlafzimmer im ersten Stock abging. Er hatte Conny mit seinen Maklerkünsten und all seinem Charme jedes einzelne Zimmer präsentiert, und hätte er das Geld, so würde er sofort selbst in dieses Haus einziehen wollen. Conny schien das jedoch anders zu sehen. Gemeinsam standen sie auf dem Balkon und schauten auf den Stadtwald.

»Die Immobilie ist nicht schlecht. Das muss ich zugeben. Aber nun mal Butter bei die Fische, wie man so schön sagt. Dieses Haus ist auf keinen Fall 2,4 Millionen Euro wert. Die Räume in der obersten Etage sind durch die Baumkrone dieser Riesenkastanie im Garten viel zu dunkel. Kann man die fällen? Und dann dieses Bad! Goldene Wasserhähne! Also wirklich. Ich möchte das nicht alles umrüsten müssen. Und bei dem Thema: Die Küche geht wirklich gar nicht. Ich sage nur Gasherd! Sie sollten über die Qualität Ihres Personals nachdenken.« Conny verschränkte die Arme und schaute David fordernd an. Noch bevor der junge Makler etwas erwidern konnte, drehte sie ihm den Rücken zu und ging in das Haus zurück. Sie würdigte David keines Blickes mehr und beendete den Termin mit einer deutlichen Ansage. »Sorry, David! Bitte suchen Sie für mich weiter und sagen Sie Ihrer kleinen Assistentin, sie soll sich gefälligst genauer notieren, was man ihr sagt. Ach, besser ist es wohl, ich spreche beim nächsten Mal mit Ihnen persönlich.«

David eilte seiner Kundin hinterher und versuchte die Situation zu retten. »Ich kann Ihren Unmut ja verstehen, aber es handelt sich um kleine Umbaumaßnahmen. Alles im Bereich des Machbaren.«

»Ach ja?«, fragte Conny schnippisch. »Und den Baum da draußen? Den fällen Sie selbst? Und die Genehmigung dafür? Die besorgen Sie mir natürlich auch? Und mal ganz davon abgesehen, ich wollte eben keine Umbauarbeiten. Ich wollte das perfekte Haus! Und das hier, junger Mann, ist alles, aber nicht perfekt!«

David ließ die Schultern hängen und seufzte. »Und da kann man nichts machen? Ich suche wirklich gerne für Sie weiter, möchte aber darauf hinweisen, dass es sehr schwierig wird, etwas Vergleichbares derart innenstadtnah zu finden.« David sah seine Felle davonschwimmen.

»Sie können da was machen, David! Wie ich bereits sagte: Suchen Sie für mich weiter. Und jetzt seien Sie mir nicht böse, aber ich muss los. Ich habe noch einen Termin bei meinem Steuerberater in der City.«

David nickte zustimmend und begleitete Conny zu ihrem Auto, das sie zu allem Überdruss auch noch im Halteverbot geparkt hatte. Hinter dem vorderen Scheibenwischer hing bereits ein Strafzettel, den sie mit zwei spitzen Fingern entfernte und David zum Abschied in die Hand drückte. »Verrechnen Sie den mit Ihrer Provision. Wir kommen schon noch ins Geschäft. Eben nur nicht heute«, sagte sie und kniff David in die Wange, bevor sie einstieg und die Autotür zuknallte.

Zurück in seinem Büro in der Oststadt ging David wenig später die E-Mails des Vormittags durch. Zwei Absagen von Interessenten für eine Immobilie in Vahrenwald und die Bestätigung eines Besichtigungstermins im Zooviertel – immerhin. Der Termin mit Conny Rutz beschäftigte ihn aber nach wie vor, war er sich seiner Sache doch so sicher gewesen.

»Mathilda, wollte die Rutz eigentlich unbedingt einen Gasherd in ihrer zukünftigen Küche? Und hat sie was von einem Kochblock gesagt?«, rief er seiner Assistentin im Nebenzimmer zu.

Mathildas Antwort erreichte ihn prompt. »Ja natürlich, das hatte ich dir auch so in der Terminvorbereitung aufgeschrieben.«

David nahm sich den Vorgang aus seiner Aktentasche, blätterte sich durch das Exposé der Waldhausener Villa und gelangte zum besagten Gesprächsvermerk. »Kundin wünscht ausdrücklich Küche mit Gasherd und Kochblock mittig. Umbauarbeiten unerwünscht.«

David seufzte. Die Damen hatten recht und er hatte sich blamiert. Er wusste, dass einem solche Kleinigkeiten einen erfolgreichen Abschluss vermasseln konnten, und ärgerte sich über sich selbst. »Mathilda, gab es Anrufe in Abwesenheit?«

»Ja, Herr Gänsicker hat wieder angerufen. Wegen der Villa in Braunschweig. Du mögest dich bitte mit seinem Anwalt in Verbindung setzen.«

»Mit seinem Anwalt?«

»Ja, er hat die Angelegenheit jetzt seinem Anwalt übergeben. Mit der Alten könne man nicht reden. Sie hat euch doch beim letzten Besuch mit einer Harke gedroht und aus dem Garten verjagt. Und dann noch die zwei faulen Äpfel, die sie nach euch geworfen hat. Du sollst dich mit seinem Anwalt beraten, inwiefern du die Veräußerung des Objektes voranbringen kannst, da der Streit mit ihr noch nicht beigelegt ist.«

»Und wo finde ich diesen Anwalt?«

Mathilda kam um die Ecke, in der einen Hand eine Tasse frisch gebrühten Kaffee, in der anderen Hand eine Gesprächsnotiz. Sie drückte ihm den Kaffee in die Hand und begann laut vorzulesen:

»Herr Gänsicker rief am heutigen Montag an und teilte mit, dass er sich wegen der Veräußerung der Immobilie Am Gaußberg 9, 38114 Braunschweig mit seinem Anwalt Dr. Carsten Münte in Verbindung gesetzt habe. Er wolle prüfen lassen, inwiefern man Frau Greta Stein aus dem Gartenhaus Am Gaußberg 9a, 38114 Braunschweig im Rahmen einer Räumungsklage herausschmeißen könne. Er bat darum, dass sich Herr Simonis persönlich wegen der Vermittlung der oben genannten Immobilie an Interessenten mit Herrn Dr. Carsten Münte in Verbindung setzen möge.«

Den Zettel legte sie auf Davids Schreibtischunterlage und bevor sie den Raum wieder verließ, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. »Lern das hier am besten auswendig, damit wir keinen zweiten Gasherd-Fauxpas erleben.«

4. Kapitel

»Herr Schneider, kommen Sie bitte mit in Raum 2.«

Wim folgte der Sprechstundenhilfe widerstandslos. Das konnte nicht die überfreundliche Wittig von heute Morgen sein. Dieses weibliche Wesen hier war eindeutig strenger, mit einem Hang zum Zornigen. Er versuchte einen Blick auf das Namensschild zu erhaschen, welches gut sichtbar am Kittel und genau auf Höhe der großen, wippenden Brüste angebracht war. Conchita Muñoz-Lopez. Komisch, die Frau hatte so gar nichts Spanisches an sich. Und sie sprach akzentfrei.

»Nehmen Sie hier noch einen Augenblick Platz. Der Doktor kommt gleich.«

Ehe Wim sichs versah, war die kleine Spanierin wieder verschwunden und überließ ihn seinem Schicksal. Da saß er nun auf einem sterilen transparenten Plastikstuhl, der wahrscheinlich unglaublich viel Geld gekostet hatte und nach nichts aussah. Der Glasschreibtisch vor ihm wirkte klinisch rein und auf dem Flachbildschirm links lief eine Präsentation zum Thema »Viel trinken ist gesund«. Auf dem weißen Sideboard rechts an der Wand standen zwei riesige Vasen aus Kristallglas, in die jemand trockene Äste gesteckt hatte. Als einzigen nennenswerten Farbtupfer in Raum 2 nahm Wim ein selbst gemaltes Kinderbild wahr, welches mit Tesafilm an eine Tür des Sideboards geklebt worden war. Er ließ seinen Blick weiter schweifen und entdeckte seine Patientenakte, die Frau Muñoz-Lopez für den Arzt lesebereit platziert hatte. Sosehr er sich auch anstrengte, alles, was er erkennen konnte, waren sein Name und sein Geburtstag sowie das große P für »Privatpatient«. Gerade als die Versuchung am größten war, die Akte dezent zu sich herüberzuziehen, ging die Tür auf und Dr. Plog betrat den Raum.

»Ach, guten Tag, Herr Schneider, schön, dass Sie es so schnell einrichten konnten.«

Wim stand auf und wollte dem Arzt die Hand reichen.

»Dr. Plog, ich grüße Sie.«

»Herr Schneider, nehmen Sie bitte wieder Platz. Sie wissen doch, ich reiche meinen Patienten grundsätzlich nicht die Hand, aber ich schenke ihnen ein Lächeln.«

Wim lächelte müde zurück und sah zu, wie der Arzt ihm gegenüber auf einem weißen Drehstuhl Platz nahm. Die Anspannung in Wim steigerte sich ins Unerträgliche. Obwohl er den ganzen Tag nahezu ohne Getränk ausgekommen war – den Ouzo am Morgen natürlich nicht mitgezählt –, hatte er in der Praxis schon zweimal die Toilette aufsuchen müssen und jedes Mal waren nur Tröpfchen gekommen. Glücklicherweise hatte man es ihm aber heute erspart, wieder in einen Plastikbecher mit Nummer drauf zu pinkeln. Es war eine Zumutung, diesen Becher mit seinem lauwarmen Inhalt neben andere Pinkelbecher in die dafür vorgesehene Durchreiche zu stellen. Wer wusste schon, wie oft die Laborschwestern die Proben hier vertauschten, und überhaupt war Wim schleierhaft, wie man freiwillig sein berufliches Leben damit verbringen konnte, den Urin anderer Menschen zu analysieren.

»Herr Schneider, ich will es gleich ansprechen: Wir haben da etwas bei Ihnen gefunden. Ihre Symptome, vor allem die Beschwerden beim Wasserlassen, das Stechen im Unterleib, all das passt zusammen. Die Laborergebnisse zeigen erhöhte Entzündungswerte. So eine Entzündung kommt bei uns Männern mal vor, auch wenn die Frauen davon eher betroffen sind. Man kann so was in der Regel gut mit einem Antibiotikum behandeln. Wenn sich, wie in Ihrem Fall, allerdings auch Blut im Urin nachweisen lässt, dann müssen wir weitere Untersuchungen veranlassen.«

Wim merkte den kalten Schweiß, der sich auf seiner Stirn bildete. »Herr Doktor, sagen Sie es mir ganz ehrlich und direkt. Ist es Krebs? Wie lange habe ich noch?«

Dr. Plog schaute Wim überrascht an. »Herr Schneider, ich bitte Sie. Bleiben Sie ganz ruhig. Natürlich könnten Ihre Beschwerden auch auf ein Blasenkarzinom hinweisen. Es kann aber auch etwas anderes sein. Deswegen müssen wir weitere Untersuchungen vornehmen, um sicherzugehen, dass wir so schnell wie möglich die richtige Diagnose stellen und dann die entsprechende Behandlung einleiten können.«

»Diagnose? Sagten Sie nicht gerade, es sei eine Entzündung?«

»Ich möchte ganz sicher sein, dass nicht mehr dahintersteckt. Deswegen werden wir beide gleich nach nebenan gehen, damit ich Ihre Prostata abtasten und dann eine Ul­traschalluntersuchung der Nieren, der Blase und der Prostata vornehmen kann. Außerdem müssen wir gegebenenfalls einen Termin für eine Blasenspiegelung vereinbaren. Sie können sich aussuchen, ob wir das hier in der Praxis erledigen oder ambulant im Krankenhaus. Dann sehen wir weiter. Ach so, und natürlich benötige ich noch eine Blutprobe.«

»Sie wollen bitte was? Meine Prostata abtasten? Hier und jetzt?« Wenn er das vorher gewusst hätte! Ein Profi sollte sich mal Ihre Harnwerte anschauen, das hatte sein Hausarzt zu ihm gesagt und ihn zum Urologen überwiesen. Aber von einer derartigen Tortur war nie die Rede gewesen!

Die Stimme des Arztes riss Wim aus seinen Gedanken.

»Herr Schneider, kommen Sie bitte mit.«

Weniger als 20 Minuten später war Wim um eine, aus seiner Sicht verzichtbare, Erfahrung reicher. Zumindest hatte er aber nun die Gewissheit, dass seine Prostata seinem Alter entsprechend nur unauffällig vergrößert war. Auch die Nieren sahen gut aus, aber an der Blase hatte der Arzt sich sehr lange aufgehalten, Ultraschallaufnahmen aus verschiedensten Perspektiven gemacht und ständig mit seiner sonnengebräunten Stirn gerunzelt. Auf seine Nachfrage, ob er denn etwas Auffälliges erkennen könne, hatte Dr. Plog nur rumgedruckst, es könne was sein, müsse aber nicht, und dass die Spiegelung dringend erforderlich sei. Am Empfangstresen vereinbarte Wim mit der charmanten Frau Wittig, die im Gegensatz zu der strengen Spanierin wirklich die Freundlichkeit in Person war, aber leider einen viel zu kleinen Busen hatte, einen Termin und entschied sich für das Krankenhaus.