Gebet in den Religionen -  - E-Book

Gebet in den Religionen E-Book

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Beschreibung

Gebete gibt es in allen Religionen. Sie sind gelebter Ausdruck des Glaubens und der Spiritualität. Mit ihren Gebeten, Gottesdiensten und Ritualen versuchen die Gläubigen aller Welt, in Kontakt mit dem Göttlichen zu kommen und mit ihm zu kommunizieren. Das eint sie über alle Glaubens- und Bekenntnisgrenzen hinweg. "Gebet in den Religionen" ist eine Publikation mit Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren. Sie ist in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil eröffnen zwei grundlegende Hinführungen zum Gebet die Beschäftigung mit dem Gebet in den Religionen. Im zweiten Teil finden sich Basistexte, die das Gebet in den Weltreligionen thematisieren. Die Texte erläutern Traditionen und Praktiken. Im dritten Teil entführen die Autorinnen und Autoren mit der Beschreibung ihrer persönlichen Erfahrungen, die sie meist als Gäste bei Gottesdiensten und Gebeten gemacht haben, in die Welt des Glaubensvollzugs. Die Texte zeigen, welche Tiefe und Freundlichkeit Religiosität zu Grunde liegen. Dieser Teil führt die Leserin und den Leser wie bei einem Stadtrundgang zu verschiedenen religiösen Orten, die scheinbar auf dem Weg liegen - oder nimmt sie sogar über die Stadtgrenzen hinaus mit in andere Länder und auf andere Kontinente. Mit Texten u.a. von Volker Riehl, Gunda Werner, Hermann Schallück, Annette Kreutziger-Herr, Thomas M. Schimmel und Nicola Hernádi. Texte über Gebetstradtionen u.a. im Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Sikhismus, bei den Bahá´í oder der Religion der Tallensi.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Bruder Claudius Groß ofm,

unseren zu früh verstorbenen Gründer und Mentor

Inhalt

Vorwort

Dr. Thomas M. Schimmel, Michaela Arndt

Hinführungen

1.1 Menschen beten

Olaf Haladhara Thaler

1.2 Grundelement aller Religionen

Prof. Dr. Gunda Werner

Basistexte

2.1 Christentum

2.1.1 Einführung in das christliche Gebet

Br. Dr. Hermann Schalück ofm

2.1.2 Gebet im Christentum

Dr. Thomas M. Schimmel

2.1.3 Das Stundengebet – Die Tagzeitenliturgie in der katholischen Kirche

Br. Stefan Federbusch ofm

2.2 Gebet im Judentum

Dr. Thomas M. Schimmel

2.3 Gebet im Islam

Juanita Villamor-Meyer/Dr. Th. M. Schimmel

2.4 Gebet im Hinduismus

Olaf Haladhara Thaler

2.5 Gebet im Buddhismus

Nicola Hernádi

2.6 Gebet im Bahá’ítum

Peter Amsler

Beobachtende Teilnahme

3.1 Christentum

3.1.1 Heute ist der Tag Gottes – Beobachtung einer Muslimin während einer katholischen Messe

Feride Funda Gökçimen-Gençaslan

3.1.2 Psalmengebet – das Fundament, das trägt

Br. Natanel Ganter ofm

3.1.3 Kommunion und Pastor sind hier was Anderes – Gottesdienst bei der Christlichen Wissenschaft

Juanita Villamor-Meyer

3.1.4 Liebevoll und familiär – ein E-Mail-Austausch zum Gottesdienst bei der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

J. Villamor-Meyer/Dr. Th. M. Schimmel/ Prof. Dr. Annette Kreutziger-Herr

3.2 Islam

3.2.1 Offenheit und Gastfreundschaft – freitags in der Wilmersdorfer Moschee

Tabea Perger

3.2.2 Was ich „verstehe“, wenn ich nichts verstehe. Zikir – Gottesdienst in der Nurettin-Cerrahi Tekke

Ernst Keim

3.3 Kabbalat Schabbat – Gottesdienst mit Jazz-Einlage

Hemma Jäger

3.4 Zu Besuch bei der Sikh-Gemeinde im Gurdwara Sri Guru Singh Sabha Berlin

Dr. Michael Bäumer

3.5 Shree Swasthani Bratha Katha – Fest in den Bergen Nepals

Fine Arndt

3.6 „Wenn du nicht verstehst, dann stehe auf und höre. Wenn du nicht siehst, dann erhebe dich und schau.“ – Ahnenkult und Trancegebet bei den Tallensi in Nord-Ghana

Dr. Volker Riehl

Anhang

Autorenverzeichnis

Vorwort

Thomas M. Schimmel & Michaela Arndt

Wer im Dialog der Religionen aktiv ist, macht sehr schnell zwei Erfahrungen: Zum einen erlebt er oder sie den unendlichen Reichtum an Gotteserfahrungen und die schier unendliche Vielfalt an Ritualen, Liturgien und Traditionen, die im Umgang mit dem Numinosen, dem Heiligen oder Unnahbaren im Lauf der Jahrtausende entstanden und bis heute überliefert sind. Zum anderen macht man die Erfahrung, dass alle Religionen im Kern nur zweierlei wollen: dem Menschen in seiner Hilflosigkeit und Unvollkommenheit helfen, ein erfülltes Leben zu führen, bzw. der Menschheit helfen, gemeinsam in Frieden und Gerechtigkeit zu leben.

Diese Vielfalt, die auf ein Ziel gerichtet ist, wird auch in diesem Buch deutlich. Denn die Texte dieses Bandes widmen sich den Gebeten und Gottesdiensten. Beides gibt es in allen Religionen, ja beides ist sogar konstituierend für Religion. In den sehr unterschiedlichen Gebetstraditionen und gottesdienstlichen Ritualen – das wird in den hier versammelten Texten deutlich –, scheint immer wieder durch, dass Religion das Gute im Menschen bestärken will, auch wenn man durch die Geschichte und die Realität unserer Zeit manchmal versucht sein mag, das Gegenteil anzunehmen.

Unsere Publikation ist in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil eröffnen zwei Hinführungen zum Gebet – von Olaf Haladhara Thaler aus eher östlicher und von Prof. Dr. Gunda Werner aus eher westlicher Perspektive – die Beschäftigung mit dem Gebet in den Religionen. Im zweiten Teil finden wir Basistexte, die das Gebet in den Weltreligionen thematisieren. Die Autorinnen und Autoren erläutern im Grundsätzlichen Traditionen und Praktiken, um so Einblick in den Glauben und die Spiritualität zu geben. Im dritten Teil entführen die Autorinnen und Autoren mit der Beschreibung ihrer persönlichen Erfahrungen, die sie meist als Gäste bei Gottesdiensten und Gebeten gemacht haben, in die Welt des Glaubens. Diese Texte laden ein, selbst Gebete und Gottesdienste religiöser Gemeinschaften zu besuchen, um zu erfahren, welche Tiefe und Freundlichkeit Religiosität zu Grunde liegen. Charakteristisch für diesen Teil ist, dass er nicht systematisch wie der zweite Teil angelegt ist, sondern die Leserin und den Leser wie bei einem Stadtrundgang zu verschiedenen Orten Berlins führt, die scheinbar auf dem Weg liegen – oder sie sogar, wie u. a. bei dem Text über das Gebet an die Ahnen der Tallensi in Nord-Ghana von Volker Riehl über die Stadtgrenzen hinaus auf andere Kontinente mitnimmt.

„Wissen ist die beste Medizin gegen Vorurteile“, sagt die Vorsitzende des Berliner Forums der Religionen e.V., Ranjit Kaur, immer wieder treffend und so will auch dieses Buch Zugänge legen und Wissen über die Religionen und die Religiosität der Gläubigen vermitteln. Es will ein Argument sein gegen Populismus und Menschenverachtung. Denn es will auch zeigen, dass Pluralität in unserer Gesellschaft ein Schatz ist, der nicht konträr zum gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, sondern im Gegenteil, eine Energiequelle darstellt, die wir nutzen können, um mehr Gerechtigkeit und Frieden herzustellen.

Dank

Herzlich zu danken ist an dieser Stelle den Autorinnen und Autoren, die uns ihre Texte zur Verfügung gestellt oder sie sogar auf unsere Einladung hin geschrieben haben. Zu danken ist auch Maria Schwabe und Hemma Jäger, die uns bei der Durchsicht der Texte geholfen haben. Zu danken sind dem Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin und dem Katholikenrat beim Militärbischof der Bundeswehr, die uns im Januar 2018 den Drei-Königs-Preis für hervorragende Arbeit für den Frieden unter den Religionen verliehen haben. Mit dem Preisgeld konnten wir dieses Buchprojekt realisieren. Herzlich danken wir auch dem Beauftragten für Kirchen und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften des Berliner Senats, dem Bischöflichen Hilfswerk MISEREOR, der Deutschen Franziskanerprovinz und den Einzelspenderinnen und Einzelspendern. Dank auch an Ralf Wolf, der die grafische Arbeit erledigt hat.

*

Die Erstauflage unseres Buches war innerhalb von drei Monaten vergriffen. Danke an die Leserinnen und Leser, die so neugierig auf unser Buch waren. Wir freuen uns, dass wir Gebet in den Religionen nun in leicht veränderter Form als zweite Auflage veröffentlichen können. Das Buch ist auch als E-Book erhältlich.

1 Hinführungen

1.1 Menschen beten

Olaf Haladhara Thaler

Unterschiedlichste Rituale, eine Fülle von Gebärden und zahlreiche Farben wirken auf den Besucher ein, wenn er die Tempel der Welt besucht. Auf wunderbare und höchst vielfältige Weise wird von den Menschen immer der gleiche Gott geliebt, verehrt und angebetet.

Aus der Enge und Intoleranz des eigenen Dogmas, der eigenen religiösen Vorstellung, der Gewöhnung an ein bestimmtes Brauchtum oder der parteipolitischen Prägung herausscheinen die Unterschiede jedoch oft unüberwindlich zu sein.

Das Gebet, das Gespräch mit Gott, eint die Menschen auf sanfte, fast unmerkliche Weise. Es ist ein Rufen des Herzens, nicht etwa der Stimme oder der Lippen. Im Inneren ertönt es, Gott hört es. Im Gebet begegnen sich sinnbildlich jene, die zur gleichen Stunde und mit gleicher Intention beten. Es rührt an ihre Fähigkeit zu Liebe und Hingabe. Im Gebet sucht der Mensch die Begrenzungen zu überwinden, die ihm von seiner Umgebung, seinen sozialen Lebensbedingungen, der Gesellschaft, in der er lebt, und vor allem von ihm selbst, von seinen eigenen Vorlieben, Abneigungen und Ängsten gesetzt werden, um seinen Platz im Kosmos zu finden und in Beziehung zur allumfassenden Kraft zu gelangen. Nicht Gelehrsamkeit und hohe Bildung haben Einfluss auf die innere Kraft eines Gebetes. Ein Gebet ist ein zutiefst persönliches Erlebnis und deshalb vermag es kein noch so großer Zweifel, von außen herangetragen, den Betenden vom Beten abzuhalten. Im Gebet spricht der Mensch den Herrn des Weltalls aus geheimnisvoller Herzensnähe mit Du an, er sagt Ihm was ihn drückt, bewegt und auch beglückt. Er kann ein uraltes Gebet oder Mantra nutzen oder spontan improvisieren. Ein Gebet ist immer gültig. „In welcher Form auch immer man den Herrn kennt, so spricht man von Ihm. Daran ist nichts Falsches, denn alles ist in Gott möglich“, schreibt der indische Vaishnava Krishnadas Kaviraj Gosvami in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Und dieses „alles“ bezieht sich auf alles und auf alle, die Guten wie die Bösen.

Wir finden in der Welt unterschiedliche Praktiken des Betens. Gemeinsam ist ihnen ihr Zweck: dem Menschen auf seinem Weg zu einer bewussten Selbstbesinnung hilfreich zu sein. „Wie versöhnlich und wunderbar ähnlich sich der in Schweigen verharrende Indio, der gegen Mekka kniende Moslem, der in Reglosigkeit verweilende Zen-Meister, der das heilige Mantra summende Hindu, der mit gesenktem Haupte das Herzensgebet verrichtende Ostchrist, der den Rosenkranz abtastende Katholik, der andächtig das Ave Maria flüstert, und der Quäker, der schweigend seine Andacht hält, einander doch sind“, schreibt der Arzt Wladimir Lindenberg. Nicht alle Religionen verehren einen persönlichen Gott. Und doch sind diese Menschen keine Materialisten oder verneinen alle Glaubenslehren. Sie sind ebenso andächtig und ergeben sich, verneigen sich vor dem lebendigen Wirken des Alls.

Swami B. R. Shridhara aus Indien erzählte, wie er einmal, während seiner Studentenzeit die Universität verließ und auf einen nahegelegenen Hügel stieg. „Dort traf ich einen Sadhu und ich fragte ihn: ‚Hast du Gott gesehen? Kannst du mir Gott zeigen?‘ Der Sadhu antwortete auf so berührende und erleuchtete Weise: ‚Siehst du nicht? Siehst du Ihn nicht? Schau auf all die Dinge, die Umgebung, die Bäume, das Wasser, die Aussicht, all diese Dinge. Betrachte die gesamte Umgebung. Kannst du Ihn nicht fühlen? Kannst du Ihn nicht sehen?‘ Er sprach in einer solch erleuchteten, inspirierenden Weise, dass ich in diesem Moment das Bewusstsein hinter allem sah. Ich fand, dass hinter allem, was immer auch vorhanden sei, eine spirituelle Existenz anwesend ist. Auf solch eindrucksvolle Weise sagte er: ‚Siehst du Ihn nicht? Betrachte den Himmel, die Bäume, Er ist dort, Er ist überall. Siehst du nicht? Nur Er ist da.‘“

Am ehesten beten Menschen in der Not. „Leid ist der beste Kutscher zur Vollkommenheit“, schrieb Angelus Silesius. Menschen die auch im Überfluss der Freude beten, lehren dadurch, dass die Verbindung mit der helfenden göttlichen Kraft auch ohne Unterbrechung bestehen kann. Sie betreten im Gebet einen unsichtbaren Tempel, in dem sie sich bewusst der höheren Kraft ergeben.

Außer Dir habe ich keine Hoffnung, und ich hänge einzig von Deinem Willen ab. Ich lebe und sterbe in Übereinstimmung mit Deinem Willen.

So betete Bhaktivinoda Thakura, der in neuerer Zeit das Verständnis der Bhakti-Philosophie, der indischen Gottesliebe besonders tiefgründig vermittelte.

Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, sichere Hoffnung und vollkommene Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.

So betete der große Heilige der katholischen Kirche, Franz von Assisi.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, von den deutschen Nationalsozialisten zum Tode verurteilt, betete in der Todeszelle:

Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Die Muslima Rabea Adwaia betete:

O Gott, was Du mir von der Welt geben willst,

gib es Deinen Feinden,

und was Du mir im Himmel geben willst, gib es

Deinen Freunden, denn Du selber genügst mir!

Wie verwandt klingen dazu die Worte des jüdischen Rabbi Salman, die er einmal mitten im Gebet sprach:

Ich will nicht Dein Paradies, ich will nicht Deine

kommende Welt,

ich will nur Dich allein!

Buddha empfahl seinen Nachfolgern:

Erhebe dich, zögere nicht!

Folge dem reinen Leben.

Wer der Tugend folgt, der lebt im Glück.

Einige der Betenden sprechen, denken und fühlen in Begriffen der hingebungsvollen Theologie, andere in Begriffen unpersönlicher Moralgesetze. Gemeinsam ist allen das Bestehen auf der Notwendigkeit sich vom Eigennutz zu lösen. Demut und Mitgefühl gegenüber jedem Lebewesen sind in allen Glaubensrichtungen die Grundlagen auf dem Weg zu geistiger Reife.

Die säkularisierte Welt mit ihrer Hast, ihrem Lärm, ihren Ablenkungen, Versprechungen und Oberflächlichkeiten hält den Menschen leicht davon ab, die Not anderer zu spüren. Sie hält ihn jedoch auch von dem wichtigsten Weg fern, dem Weg zu sich selbst, und da das Selbst ein Kind Gottes ist, verliert er auch den Weg zu Gott.

Der Materialismus, der mittlerweile die gesamte Erdbevölkerung erfasst hat, vertritt eine Abwendung von dem, was früher und auch heute für Milliarden Menschen unantastbare Wirklichkeit ist: Gott, Seine Gebote und die damit verbundenen moralischen und geistigen Werte. Ein fast unvorstellbarer Aufschwung der Wissenschaft und Technik seit Mitte des 19. Jahrhunderts, führte zu deutlichen Lebensveränderungen der Menschen in jeder Hinsicht. Die Wissenschaft geriet in der Folge mehr und mehr in den Bann materialistischer Anschauungen, in denen der Mensch an die Spitze der Schöpfung rückt. Fast unbemerkt erhielt der Raubbau an der Natur ein weltanschauliches Fundament. Der Materialismus ist in gewissem Sinn nicht nur Grundlage für eine Staatsform, sondern auch Religion geworden, eine Religion ohne Gott und ohne Geist.

Wir sind überzeugt, dass durch den materiellen Fortschritt niemand mehr zu hungern und zu frieren braucht. Die sozialen Sicherungssysteme sorgen dafür. Ob wir nun einer Kirche angehören oder nicht, wir legen damit die eigene Verantwortung in die Hände entsprechender Institutionen. Wir entfernen uns weit von der Weisheit der Religionen, die uns in den Mitmenschen und den Mitgeschöpfen Schwestern und Brüder erkennen lässt, Gottes Kinder.

Der Verlust der echten liebenden und dienenden Verantwortlichkeit ermöglichte es, dass im Zeitalter des „Humanismus“ und der „sozialen Gerechtigkeit“ die unerhörtesten Verbrechen an der Menschheit, den Tieren und der Natur begangen wurden und werden. Aldous Huxley sagte: „Es steht fest, dass die mystische Schau, das unmittelbare und intuitive Gewahren Gottes das Endziel des menschlichen Lebens ist, dass eine Gesellschaft nur insofern gut ist, als sie ihren Mitgliedern die Beschaulichkeit ermöglicht; und dass mindestens eine Minderheit von Beschaulichen für das Wohl jeder Gesellschaft unerlässlich ist.“

Verantwortungslosigkeit hat aber die Antwortlosigkeit im Gefolge.

Der Verlust der eigenen „Mitte“ ist ein Symptom unserer Zeit. In der Andacht, im Gebet sehen die weisen Männer und Frauen aller Kulturen nicht nur ein Gegengewicht, sondern den Weg zur Überwindung des kleinen Alltags-Ich, um eintauchen zu können in den weiten, bergenden Schoß Gottes, des Paramatman, des Kosmos‘. Es bedarf dazu der Aufrichtigkeit und einer nicht ermüdenden, gelassenen Selbstdisziplin. Alle Völker und Religionen kennen Praktiken um zur Ruhe zu gelangen, um im Gebet nicht abgelenkt zu werden. „Das Himmelreich ist zum Greifen nahe“, hat Jesus Christus gesagt. Dafür braucht es nach dem griechischen Bibeltext metanoia: Wandel im Denken.

1.2 Grundelement aller Religionen

Gunda Werner

Das Gebet ist Grundelement aller Religionen und Religionsformen. Können daher verbindende Kennzeichen und Merkmale gefunden werden? Was genau ist denn Gebet und was bedeutet es? Im Folgenden wird es um diese Fragen gehen und die Antworten suche ich in eher abstrakten Beschreibungen von Gemeinsamkeiten, die das Gebet als kommunikative Handlung ausmachen. Die Konkretisierungen werden im Weiteren für viele Religionen sowohl in der direkten Beschreibung als auch in den teilnehmenden Beobachtungen vollzogen.

Als übergreifendes Ordnungsschema für das Gebet bietet sich die Differenzierung zwischen Text, Akt und Interpretation an.1 Die Texte geben einen Einblick in die jeweilige sprachliche und bildliche Kultur und sie eröffnen Perspektiven auf die Begründung, die jeweilige Theologie sowie die zugrundeliegende Religion. Wie bereits der Text kulturell bedingt ist, ist es der Akt als ritueller Ausdruck des Gebetes umso mehr. Die Interpretation verbindet beide Größen, Text und Akt, zu einer Einheit aus einer bereits entschiedenen Deutung heraus und beeinflusst beides auch wieder. In diesem Deutungszirkel kann nicht mehr ausgemacht werden, welche Größe eigentlich am Anfang stand. Es ist daher eher von einer Dialektik als von einer aufzulösenden Spannung auszugehen. Text, Akt und Interpretation bedingen sich also gegenseitig und eröffnen Einsichten in den menschlichen Akt des Gebetes.

Das Gebet ist in Text und Akt eine menschliche Hinwendung und Zuwendung zur jeweils angenommenen und geglaubten Gottheit.2 Das Gebet ist daher mit Religion eng verbunden. Es ist die erfahrbare und gelebte Anwesenheit von Religion. Daher ist das Gebet in allen Religionen zu finden, wenngleich die Texte und die Akte des Gebetes sehr variieren und von der jeweiligen Interpretation abhängig sind. Auch in den Religionsformen, die nicht durch Texte oder Geschichten tradiert werden, finden sich Akte wie beispielsweise Opferriten, die sich an die Gottheit richten.

Das Gebet hat im persönlichen Leben der Gläubigen einen festen Platz, sei es „als Bittgebet, als Sündenbekenntnis und Bitte um Vergebung, als Dankgebet für Korn, Reis und Regen wie meist zugleich neues Erbitten dieser Lebensgrundlagen – immer wieder neu als Bittgebet.“3 Dabei ist auffallend, dass das Gebet als Bittgebet die häufigste Verbreitung findet, oft begleitet von Opfern. So ist beispielsweise der Zusammenhang zwischen der persönlichen Kommunikation mit Gott im Glaubensbekenntnis an den einen Gott alttestamentlich eingerahmt in den tiefen Zusammenhang zwischen Vertrauen auf Gott und der Bitte an Gott. Dieser Dreierbezug von Bitte-Schuld-Vergeben ist Ausdruck sowohl des Vertrauens auf den einen Gott als auch des Bekenntnisses zu dem einen Gott, der eben aus Not rettet.4 Der einzelne Betende ist selbst in der Ich-Perspektive verwoben in das Kollektiv der Exilierten und Erretteten.

Im Bittgebet geht es weniger um das Erhört-Werden, sondern vielmehr um die vergewissernde Rede zu dem Gott, der Göttin, der Gottheit. Das Erhört-Werden steht weniger im Mittelpunkt. So sehr z. B. das Geschichtshandeln Gottes an seinem Volk in den Psalmen besungen wird, so sehr steht die Klage um das Nicht-Gehört-Werden daneben. Der Kern des Bittgebetes dreht sich um die persönliche Kommunikation und das Wissen um die eigene Bedürftigkeit. „Das Gebet meint den Gott und in ihm das, was er hat, nämlich Leben, Gesundheit und Überfluss an allen Lebensnotwendigen“5. Die Anerkennung Gottes wird über die Zuschreibung dieses Überflusses ausgedrückt, zugleich wird von diesem Gott, dieser Göttin, diesem göttlichen Wesen alles erwartet, was die Betenden erhoffen und erwünschen. Die wirkliche Hinterfragung des Bittgebetes als solches wird erst die Aufklärung mit ihrer fundamentalen Kritik am Gottesbegriff selbst bringen.

Das Gebet, so kann zusammengefasst werden, ist dialogisch. Deswegen ist es auch zu unterscheiden von einerseits der Beschwörung und andererseits der Anbetung. Will die Beschwörung durch Handlungen oder Worte einen Erfolg erzwingen, so ist die Anbetung die absichtslose, oft wortlose oder hymnisch vertonte Gegenwart der Anbetenden vor dem Göttlichen. Diese schematische Beschreibung ist in der Eindeutigkeit nicht in die Realität umzusetzen, macht aber die Unterschiede deutlich. Wenn Gebet also ein ständiger dialogisch-kommunikativer Ausdruck des Glaubenden ist, dann ist Gebet so etwas wie eine Religionsübung und darin zugleich als „beschreibende Erhebung dieses Gottes und als ebenso beschreibende Darstellung des Menschen“6 zu verstehen. Zugleich wird durch das Gebet der Abstand zum Göttlichen eingehalten, eine Haltung, die in der Anbetung bereits in der Mystik in Frage gestellt worden ist.

Darüber hinaus ist das Gebet aber auch die Ausdrucksform, mit der der betende Mensch ein Bewusstsein von sich selbst als betender Mensch und damit als in Beziehung zu seinem göttlichen Gegenüber stehend bekommt. Das Gebet ist zugleich also der Weg, den Platz im eigenen Leben einzuordnen. Eindrücklich wird dies in den exilischen Gebetstexten des Alten Testaments nach 586 v. Chr. ausgedrückt.7 Die Betenden müssen sich im Exil mit sich selbst, ihrem Glauben und ihren Ritualen auseinandersetzen und eine neue Form finden, wie sie ihren Glauben im Gebet ausdrücken. Nachdem der rituelle Ort des Tempels nicht mehr zur Verfügung steht, kann dieser nur noch in der Trauer und in der Hoffnung Gegenstand des Gebetes werden, aber nicht mehr konkreter Ort des Gebetes sein. Der Glaube braucht neue Ausdrucksformen in der Kommunikation und einen Kult, der nicht auf den Tempel bezogen ist. Diese ortsunabhängigen Gebetsformen finden sich in anderen Religionen ebenso, in denen der heilige Ort zu einem Symbol transferiert wird, so z. B. der Gebetsteppich im Islam.

Das Gebet also kann in einem übergeordneten Ordnungsschema in Text, Akt und Interpretation unterteilt werden. Die Interpretation leistet eine grundlegende theologische und theoretische Einordnung des schon durch Kultur und Sprache vorgeformten Textes und der Akte und wirkt auf diese ebenso wie Text und Akt auf die Interpretation. Das Wesentliche des Gebetes ist aber der betende Mensch, der im Gebet religionspraktizierend mit seinem göttlich geglaubten Gegenüber in eine Kommunikation tritt. Diese Kommunikation ist zugleich Ort und Realisierung der Religion und in der Regel als Bittgebet formuliert, dessen erste Sinngestalt in der Anrufung und Benennung der Göttlichkeit des Gegenübers als übersteigende Fülle besteht. Darin von Anbetung und Beschwörung verschieden bringt das Gebet noch die Klage in die Bitte ein. Der „Mensch [zeigt und hat, GW] so viel Personalität wie er in diesem dialogischen Offensein vor Gott da ist.“8

1 Vgl. Gensichen, Hans-Werner, Gebet I, in: LThK, 3. Auflage, Bd. 4, Freiburg i. Br., Basel, Rom, Wien 1995: Sp. 308.

2 Vgl. Ratschow, Carl Heinz: Gebet I, in: TRE Bd. 12, Studienausgabe Berlin, New York 1993: S. 31.

3 Ratschow: S. 31.

4 Vgl. Wahl, Otto: Gebet II, AT, in: LThK 3. Auflage, Bd. 4, Freiburg i. Br., Basel, Rom, Wien 1995: S. 309.

5 Ratschow: S. 31.

6 Ratschow: S. 31 f.

7 Vgl. Wahl: S. 310.

8 Ratschow: S. 34.

2 Basistexte

2.1 Christentum

2.1.1 Einführung in das christliche Gebet

Br. Hermann Schalück ofm

Wie wir beten können

Alle Kulturen und Religionen kennen – wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen – schweigendes oder verbales Beten. Quer durch alle Religionen ist es eine Tatsache, dass Menschen beten. Deswegen hat man das Gebet als ein Grundexistential des Menschen bezeichnet. Mit „Existential“ bezeichnet die moderne Philosophie (Martin Heidegger) die wesentliche Bestimmung des Menschen oder im Menschen, ohne die er eben nicht Mensch wäre. Diese Richtung geht phänomenologisch vor: Sie beschreibt die Befindlichkeiten wie Angst, Liebe, Scham, Furcht. Das Gebet wäre also in diesem Sinn ein Ausdruck des Menschseins. Dieser Aspekt kann verschüttet, vielleicht auch bewusst aufgegeben werden. Aber es ist eine Tatsache, dass sich das Gebet in bestimmten Momenten zurückmelden kann, etwa als „Stoßgebet“.

Auf jeden Fall ist das Gebet Ausdruck der Tatsache, dass der Mensch die Grundfähigkeit (Existential) der Kommunikation besitzt. Gemeint ist damit die Kommunikation nicht nur in Worten, sondern auch in Gesten und Körperhaltungen. Ja, auch Schweigen kann ein Akt der Kommunikation sein. Nach Ferdinand Ulrich ist Beten ein „geschöpflicher Grundakt“, also Ausdruck des Bestrebens, die Begrenzungen, die er erfährt, zu überschreiten, etwa seine Hinfälligkeit und Sterblichkeit.

Gebet ist weiter in allen Religionen ein Ausdruck von Zuwendung, d. h. der Suche nach einem Gegenüber. Die Religionsphilosophie (Friedrich Heiler) spricht etwa von einem „Gebetsdrang“, einem „unausrottbaren Gebetstrieb“ des Menschen. Wir können also das Gebet als ein ursprüngliches, dem Menschen mitgegebenes dialogisches Geschehen bezeichnen, das mit dem Wesen und dem Dasein dem Menschen gegeben ist.

Natürlich kennen wir auch einige Leitworte der Religions- und Gebetskritik. Sie hat das Gebet radikal in Frage gestellt und sieht darin nichts anderes als eine denkerische Notlösung, als Selbstbetrug oder Selbsttäuschung. Weiter gilt das Gebet nicht selten als Zwanghaftigkeit, als ein fetischistisch – magisches – automatisches Geschehen. Umso dringender ist es deshalb, das christliche Gebet von seinem Ursprung her zu begründen.

Judentum und Christentum

Von Anfang an ist es wichtig anzuerkennen, wie sehr das christliche Gebet mit der jüdischen Tradition verwandt ist. Beide – Judentum wie Christentum – haben ja denselben Ursprung und deshalb auch mannigfaltige Gemeinsamkeiten in der Theologie und Praxis des Gebetes. Bleiben wir zunächst in der hebräischen Bibel, die die Christen Altes Testament nennen: Die biblischen Kennzeichen des Gebetes sind mit denen des modernen Verständnisses durchaus verwandt: Gemeint ist ein „Existential“ der Schöpfung. Das heißt: Alles was Atem, Geist und Seele hat, besitzt auch eine Stimme und Fähigkeit zum Beten. Es ist so, als ob das Lob Gottes und der Dank für die je eigene Existenz in allem steckt, was geschaffen ist. Der Mensch ist gleichsam der Vorbeter und Chorleiter. In Psalm 8 heißt es etwa: „Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde. Seh’ ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Macht gekrönt.“ Dieses im Alten Testament vorfindliche Beten ist in erster Linie das Staunen über die Schönheit und Ordnung des Kosmos und des Menschen. Es bezieht Sterne, Himmel, Regen, Wolken und Hagel ein, Wachstum und Ernte. Es fußt auf der Voraussetzung, dass Gott überall ist und dass er in seiner Schöpfung und in seinen Wegen mit dem Menschen grundsätzlich erkennbar und auch ansprechbar bleibt. Auch wenn es im Alten Testament immer wieder heißt, dass Gott ein „verborgener Gott“ sei.

Beten als Rufen

Durch das Alte Testament zieht sich wie ein Leitfaden die Erfahrung, dass Beten im „Zuruf“ geschieht und das Miteinander von Gott und Beter charakterisiert. Das kann mancherlei bedeuten, nämlich zurufen und herausrufen, anrufen und herbeirufen. Auch das Zusammenrufen ist gemeint. Der Beter9 kennt Aufrufe, Hilferufe, Notrufe und Freudenrufe10. Dem Rufen des Menschen entspricht bei Gott das Hören. Gott hört. Er er-hört. Dieses Hören ist für ihn maßgebend. Bei Jesaia heißt es dementsprechend:

„Schon ehe sie rufen, gebe ich Antwort. Während sie noch reden, erhöre ich sie“ (Jes 65, 24). Der Gott, der den Ruf des Beters hört, ist „ganz Ohr“. Augustinus sagt: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“. Gott ist ein hörender, dem Menschen und der Schöpfung zu-hörender Gott. Ein sie erhörender Gott.

Das ist bis heute auch im Christentum gültig. Eine Initiative junger Christen in Palästina entstand angesichts der jüngsten Eskalationen von Gewalt. Bashar Fawadleh, Seelsorger in Palästina, betont, dass das Gebet vor allem dem Frieden in Jerusalem gelte, der „heiligen Stadt des Friedens“, die in diesen Tagen erneut zum Schauplatz von blutiger Gewalt, Unterdrückung und Tod geworden ist. Zu dem Gebet sind alle Menschen eingeladen, auch Nicht-Christen: „Wir würden uns freuen, wenn auch Muslime und Juden kommen würden, damit wir gemeinsam zu Gott dem Allmächtigen und Barmherzigen beten, damit er die Herzen der Menschen berührt und alle von Hass, Angst und Rachegefühl befreit.“

Beten als Loben und Klagen

Biblisches Beten hat das Leitwort: „Schön ist es, Gott zu loben“ (Ps 147, 1). Lob ist die spontane Antwort auf empfangene Güte. Es setzt die Erfahrung von Bejahung voraus, all dessen, was man erfahren und erhalten hat. In der Schöpfung wie in der Zuwendung zum Menschen ruft Gott ihn aus Liebe an und teilt ihm seine Zuwendung mit. Loben ist die Antwort des Geschöpfes auf Gottes heilendes Handeln. Es befreit den Menschen und macht ihn heil. Das Lob Gottes kommt einem nicht immer leicht von den Lippen. Das Loben steht in einer Spannung zum Klagen. Beide, das Beten aus der Freude und das Beten aus der Not gehören zum menschlichen Leben, wie schon Kohelet sagt: „Es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen“ (Koh 3, 4).

In der Tat, ein Großteil der alttestamentlichen Gebete sind Klagen11. Denn dazu dient die Klage, auszusprechen, was belastet. In der Regel sind es weniger die Symptome als vielmehr die gestörten Beziehungen zu Gott, zu sich selber, zum Leben. Das führt zur Aussage darüber, woran man letztlich leidet: An Gott, der sich ganz anders verhält, als erwartet. Das Klagen vollzieht sich oft in Fragen: Warum? Bis wann? Wie lange? Wozu? Darin liegt eine tiefe Sehnsucht nach einer gültigen Antwort. Indem er klagt, ist der Beter bereits auf dem Weg zur Hoffnung, zur Wendung seines Schicksals.

Beten als Warten

Das Gebet setzt den Beter in den Zustand des Wartens. „Ich hoffe auf den Herrn. Es hofft meine Seele. Ich warte voll Vertrauen auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen. Mehr als die Wächter auf den Morgen soll Israel harren auf den Herrn“ (Ps 130, 5-7). Das Blickfeld des Beters geht oft von der Vergangenheit in die Zukunft. Von der tiefsten Verzweiflung in die überschäumende Freude am Leben. Dazwischen liegen Bitten, Vertrauen, Harren, Hoffen, Schweigen, Leiden, Wünschen. Sein Gebet nimmt nicht selten einen Charakter an, der persönlich ist, aber doch überindividuell. Es wird zur Schule der Erwartung, die Grenzen übersteigt. Dem Beter verwandelt sich die Zeit und das eigene Leben. Das Gebet wird zur Ausrichtung auf Gott und seine Verheißung. Die darin steckende Ausdauer und Zuversicht machen die Seele des Betens aus.

Das Gebet Jesu

Neutestamentliches Beten steht auf dem Boden des Alten Testamentes. Und es hängt entscheidend mit der Person Jesu und seinem Werk zusammen. Das Herzstück ist die Abba-Anrede an Gott, in dem sich sein einmaliges Verhältnis zum Vater spiegelt. Gott als Abba ist derjenige, dem er unbedingt vertraut. Er erscheint ihm als das große mütterlich-väterliche Du. Es will nur Gutes, ihn in unbedingter und freier Liebe bejahen und tragen. Es macht den absoluten Grund des Vertrauens offenbar. Dieses Gegenüber zu erfahren und dazu Du zu sagen fallen bei Jesus zusammen. Gebet und Existenz sind bei ihm eins.

„Jesus hat mit Gott geredet wie ein Kind mit seinem Vater: vertrauensvoll und geborgen, zugleich aber auch ehrerbietig und bereit zum Gehorsam“ (Joachim Jeremias). Sein Leben ist vom Gebet getragen.12 Das Gebet ist die Kraft, aus der Jesus lebt und leidet. Oft tritt er Außenstehenden und vor allem seinen Jüngern als Lehrer des Gebets entgegen13. Die Einmaligkeit und die Einzigartigkeit des Betens Jesu schlägt sich nieder in der Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten“, und der ihr entsprechenden Unterweisung Jesu.

Das Gebet als Suche und Bitte

Im Mittepunkt steht bei Jesus die Person der Vaters. Sinn und Ziel allen Betens sind bei ihm seine Nähe und Gegenwart, das Hereinbrechen seines Reiches und das Leben in der Welt. Beten im Sinne Jesu heißt daher vor allem Suchen (vgl. Lk 11, 9 f.). Wer betet, leidet unter dem unhaltbaren Zustand der Ferne, Fremde und Abwesenheit. Sie wird versinnbildlicht in der geschlossenen Tür.14 Wer betet, muss hartnäckig sein und klopfen. Er darf sich nicht abschrecken lassen. So wird es zugleich zur Kraft zum Widerstand, die allen Hindernissen trotzt. Der Beter weiß im Grunde, dass Jesus die Tür ist (vgl. Joh 10, 7), durch die er Zugang hat15. Bitten ist in den Augen Jesu eine Kurzformel des Betens. Es gilt die Aufforderung: „Bittet, dann wird euch gegeben“ (Mt 7, 7). Das weckt großen Mut und Vertrauen. Ähnlich klingt seine Aussage: „Alles, was ihr im Gebt erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt“ (Mt 21, 22). Das ist aber nur glaubwürdig, wenn man Jesus selber als Bittenden sieht: Denn er bittet mit einer Intensität, deren ein Sohn dem Vater gegenüber fähig ist. Alles empfängt er aus der Hand des Vaters, sein Leben und seine Sendung und sein Sterben. Es gibt nichts, worüber er verfügt. Er erbittet alles im Gehorsam von seinem Vater.

Es kann für den Glaubenden keinen Zweifel geben, dass Gott alle Bitten hört. Das gilt, auch wo die konkrete Bitte nicht erhört wird. Hans Schaller hat in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, zwischen Erhörung und Erfüllung zu unterscheiden: „Mit Erhörung soll die ursprüngliche Zusicherung Gottes, das Gebet jedenfalls in Betracht zu ziehen, gemeint sein. Mit Erfüllung beziehungsweise der Nichterfüllung soll das bezeichnet werden, was die geschichtliche Manifestation der göttlichen Antwort, das konkrete Ja oder Nein betrifft. Deshalb gibt es nach dieser Sprachregelung zwar nicht-erfüllte, aber keine nicht-erhörten Gebete.“

Das immerwährende Gebet

Zu den Unterweisungen Jesu gehört, allezeit zu beten und nicht nachzulassen (Lk 18, 1). Das wird verbunden mit Fasten und Dienen (vgl. Lk 18, 1), mit Wachsamkeit (Lk 21, 36) und dem Wachbleiben Tag und Nacht (vgl. Lk 6, 12; 18, 7). Das wird in der neutestamentlichen Briefliteratur ständig wiederholt.16 Es entspricht der Grundhaltung Jesu, der sich ständig im Angesicht des Vaters wusste. Im gleichen Sinne steht, wer betet, als Erwählter und Gerechtfertigter ständig vor Gott. Hinzu kommt noch ein anderes Motiv – das Verlangen und Ausschauhalten nach dem wiederkommenden Herrn. Das Gebet wird so zu einem Kennzeichen des Christen und der Kirche zwischen der Himmelfahrt und dem endgültigen Erscheinen des Herrn.

Damit wird auch ein Wort zum Jesusgebet, das vor allem der Ostkirche eigen ist. Diese Gebetsform, die vor allem den slawischen und byzantinischen Christen vertraut ist, besteht aus einer kurzen Anrufung des Namens Jesu, verbunden mit einer Anrufung seiner Barmherzigkeit: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner. – Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser“. Mit dieser Anrufung wollte man das immerwährende Gebet verwirklichen. Schon im 13. und 14. Jahrhundert wurde damit eine psychosomatische Technik verbunden, die durch die äußeren Bedingungen des Sitzens und vor allem durch die die Verlangsamung des Atmens gekennzeichnet ist. Das Aussprechen der Formel „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ wurde mit dem Ein- und Ausatmen synchronisiert. Die „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“, dessen Ursprünge im Dunkeln liegen, machten das Jesusgebet als immerwährendes Gebet auch im Westen bekannt.

Ein Leitgebet – das Gebet des Herrn