Gebrauchsanweisung für den Gardasee - Rainer Stephan - E-Book

Gebrauchsanweisung für den Gardasee E-Book

Rainer Stephan

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Beschreibung

Der Lago di Garda hat einfach alles: lebhafte Hafenstädte, aufregende Küstenstraßen und geheime Traumbuchten, die man nur über Trampelpfade erreicht, die steil aufragenden Brescianer Alpen im Norden und eine mediterrane Weite im Süden, bekömmliche Weißweine, deftige Trentiner Hausmannskost und die Spitzenküche der Lombardei, Edelhotels und Campingplätze, mondäne Luxusurlauber und sportliche Outdoorfans. Und Verona mit seinen Modemeilen und einer echten Arena für aufwendige Operninszenierungen. Wer hier gegen den Tou­ristenstrom schwimmen will, braucht diese An­leitung: Sie verrät das Geheimnis der Seesardinen und der Fallwinde – und dass Limone seinen Namen nicht den Zitrusfrüchten verdankt. Weshalb man sich in Verona erst gar nicht auf die Suche nach Julias Balkon machen sollte. Und was es mit der Angst der Deutschen vor den Deutschen auf sich hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Für Poja, Jan, Viola und Moritz, meine wunderbaren Gastgeber am See

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

3. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-95812-7

© Piper Verlag GmbH, München 2007

Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas, Egling

Umschlagabbildung: Marc-Oliver Schulz / Agentur Focus

Karte: cartomedia, Karlsruhe

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

1. Bei Rovereto rechts raus oder Wozu eine Gebrauchsanweisung?

Eine Gebrauchsanweisung für den Gardasee – wofür bitte soll die gut sein? Genau das, finden viele, darunter besonders viele deutsche Touristen, ist doch das Praktische an diesem Urlaubsziel, daß es kaum Probleme macht. Man kommt leicht hin, einfach über die Brennerautobahn Richtung Verona und dann bei Rovereto oder Affi rechts raus, man findet rasch ein Quartier, meist sogar ein erschwingliches, ums Wetter braucht man sich keine großen Sorgen zu machen, das Essen – italienisch, aber nicht allzusehr – schmeckt prima, der Wein dazu fließt in Strömen und – besonders komfortabel – die Leute dort sprechen und verstehen Deutsch. Eben das wunderbar Unkomplizierte ist es, das Jahr für Jahr Hunderttausende von deutschen Ferienreisenden an den Gardasee zieht. Wenn dem aber so ist: Warum braucht man beim Besuch des Gardasees dann eine Gebrauchsanweisung?

Nun: Eben darum! Zumindest der, dessen Ansprüche an eine Ferienreise oder auch nur an ein paar Urlaubstage über die unkomplizierten Pauschalangebote von Reiseveranstaltern oder lokalen Tourismusmanagern hinausgehen, tut sich erfahrungsgemäß gerade an derart populären Reisezielen schwer, auf seine Kosten zu kommen. Gerade weil der Gardasee so beliebt ist, machen Individualreisende in der Regel einen großen Bogen um ihn. Und wenn sie überhaupt in Italien unterwegs sind, denken sie gar nicht daran, in Rovereto oder Affi rechts abzubiegen. Bestenfalls freuen sie sich, daß die Autobahn von hier an nicht mehr derart überfüllt ist, und fahren weiter Richtung Süden, jenen Regionen entgegen, in denen sie all das zu finden hoffen, was ein so überlaufenes Ferienziel wie der Gardasee eben nicht verspricht: die Ursprünglichkeit abgelegener Bergdörfer zum Beispiel, das Erlebnis einer von der Zivilisation noch weitgehend verschonten Natur, Städte, deren Leben nicht vom Tourismus geprägt ist, Gerichte und Getränke, die nicht auch bei jedem besseren Italiener daheim auf der Speisekarte zu finden sind, den Kontakt mit fremden Menschen und Lebensweisen, den stillen Frieden einer einsamen Abtei oder auch nur die Möglichkeit, seine Zeit an den Ufern eines einsamen Bergsees mit genußreichem Nichtstun zu verbringen – dolce far niente!

Ja, es gibt gar nicht wenige solcher Orte in Italien. Und wer den einen oder anderen von ihnen gefunden hat, im Inneren Sardiniens oder im fernen Kalabrien, in einem schwer erreichbaren Hochtal des Apennin oder irgendwo in den Albanerbergen südlich von Rom, dem fehlt zu seinem Glück eher keine Gebrauchsanweisung. Dringend braucht sie aber der, der alles das – die Betonung liegt auf alles! – ausgerechnet am überlaufenen Gardasee sucht, nicht nur, weil er solche Ziele hier gar nicht vermutet hat, sondern auch, weil sie oft gar nicht leicht aufzuspüren sind.

Gewiß, man kann auch als Naturfreund oder als Bildungshungriger von einem Aufenthalt am Gardasee profitieren, indem man sich einfach mit dem Strom treiben läßt und dabei einen der mittlerweile zahlreichen Reiseführer zu Rate zieht, die diese Region vorstellen. Diese Gebrauchsanweisung will aber etwas anderes: Sie will explizit dabei helfen, gegen den Tourismusstrom zu schwimmen. Wer sich einmal auf den Versuch eingelassen hat, den Gardasee auf diese Weise kennenzulernen, der wird es bei diesem einen Versuch nicht bewenden lassen. Selbst auf die Gefahr hin, daß in Zukunft auch für ihn das Motto gelten wird, das dem Massentourismus hier schon immer die Richtung weist: bei Rovereto rechts raus!

2. Der verschwundene See oder Wie die Schiffe klettern lernten

Wo, bitte, ist der See geblieben? Wir haben doch alles richtig gemacht, haben die Autobahn an der Ausfahrt Rovereto-Süd verlassen, wir sind brav den Schildern Richtung Riva gefolgt, haben uns dann über ein gutes Dutzend ampelbewehrter Kreuzungen durch das scheinbar nur aus Einkaufsmärkten bestehende Städtchen Mori gequält und schließlich Loppio erreicht. Immerhin ging es dabei bereits deutlich bergauf, also dem See entgegen. Noch haben wir ihn nicht gesehen, aber wir wissen ja: Irgendwo da oben muß er liegen.

Nein, wir reden nicht vom Gardasee – noch nicht. Zwar hat man von der Etschtalautobahn aus, auch wenn man es besser weiß, stets das Gefühl, der Gardasee liege deutlich über einem – schließlich geht es von dort aus links wie rechts ausschließlich nach oben. Und die Fahrt von der Autobahn zum Gardasee selbst scheint dieses Gefühl nur zu bestätigen: Man fährt eine knappe halbe Stunde aufwärts bis zum kleinen San-Giovanni-Paß, der den Übergang zwischen Etschtal und Gardasee bildet, braucht aber vom Paß über Nago hinunter an den See allenfalls zehn bis 15 Minuten. Und trotzdem trügt das Gefühl: In Wahrheit liegt der Gardasee, auch wenn er sich zumindest in seinem Nordteil sehr eindeutig als Bergsee präsentiert, gerade mal 65 Meter über dem Meeresspiegel, und damit noch 100 Meter tiefer als die Autobahnabzweigung bei Rovereto.

Doch wie gesagt, noch suchen wir gar nicht nach dem Gardasee, sondern nach einem der 21 – in Worten: einundzwanzig! – kleineren bis winzigen Seen, von denen der riesige Gardasee umgeben ist, dem Lago di Loppio. Nur eben, wir finden ihn nicht, obwohl wir doch hier, zwischen Loppio und dem San-Giovanni-Paß, der Landkarte zufolge gerade dicht an seinem Ufer entlangfahren müßten.

Den Dichterfürsten Dante Alighieri und Johann Wolfgang von Goethe wäre das nicht passiert. Als die beiden hier vorbeikamen, der eine gegen Ende des 12. Jahrhunderts, der andere ein gutes halbes Jahrtausend später, hatten sie nicht die geringste Mühe, den Loppiosee zu finden. Daß sein Anblick sich in ihrem Schaffen dennoch nicht niederschlug, liegt daran, daß sie beide auf bedeutendere Ziele fixiert waren. Goethe zeigte sich, kaum daß er am 12. September 1786 auf seiner italienischen Reise die westliche Spitze des Loppiosees und damit den Paß erreicht hatte, durch den nun auf einen Schlag frei gewordenen Anblick des Gardasees »herrlich belohnt« und ärgerte sich – typisches Urlauberverhalten – lediglich darüber, daß keiner seiner zurückgebliebenen Freunde neben ihm stand, um die »Aussicht, die vor mir liegt«, gebührend zu würdigen. Ganz anders Dante, der gut 500 Jahre vorher hier war. Er verlor nicht einmal über den Gardasee ein Wort; statt dessen ließ der Dichter der »Göttlichen Komödie« sich vom gewaltigen Felssturz der Palestra di Rocca jenseits der Paßhöhe zur Beschreibung jener schauerlichen Felswüste inspirieren, die den Eingang der Hölle umgibt – Sie wissen schon: »Ihr, die ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung fahren.«

Merkwürdigerweise tat sich exakt unterhalb der Stelle, an der Dante damals gestanden haben muß, tatsächlich ein unterirdischer Schlund auf – allerdings erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts, als die italienischen Behörden sich entschlossen, einen Kanaltunnel in den Bergwall zwischen Etschtal und Gardasee zu graben, um die Etsch bei Hochwassergefahr schnell entfluten zu können. Und damit sind wir endlich auf der Spur unseres verschwundenen Sees. Entflutet wurde nämlich zunächst nicht die Etsch, sondern der im Zuge der Kanalbauarbeiten angebohrte Loppiosee – und das trotz aller Berechnungen, die genau das verhindern sollten.

Deswegen erstreckt sich heute nördlich der Paßstraße anstelle des Sees ein wild bewachsenes Sumpfgebiet, und zwar eines, das durchaus einen Besuch wert ist. Der kleine Spaziergang zu dem von der tempelartigen Kapelle des heiligen Johannes Nepomuk (nach dem der Paß benannt ist) gekrönten Sumpfinselchen Elosina führt durch ein landschaftlich außerordentlich reizvolles, mittlerweile unter Naturschutz gestelltes Biotop, auf dem zahlreiche seltene und sogar einige anderswo ausgestorbene Pflanzenarten gedeihen. Und er führt zudem zum Schauplatz eines ebenso absurden wie spektakulären historischen Ereignisses, des Transports einer kompletten Kriegsflotte von der Etsch in den Gardasee – und zwar auf dem Land- respektive auf dem Gebirgsweg.

Stattgefunden hat diese Unternehmung im Jahr 1439. Ihre komplizierte Geschichte und Vorgeschichte interessiert uns hier auch deshalb, weil sie zugleich viel über die politische Geographie des Gardasees erzählt, die die Geschicke der Region jahrhundertelang geprägt hat. Auch heute noch grenzen ja drei (mittlerweile ausnahmslos italienische) Provinzen an den See: im Norden das Trentino, das seinerseits zusammen mit Südtirol die weitgehend autonome Gesamtregion Trentino-Alto Adige bildet, im Osten die zur Region Venetien zählende Provinz Verona und im Westen schließlich die lombardische Provinz Brescia.

Eben um die zuletzt Genannte ging es im Jahr 1439 vor allem. Obwohl sie im erweiterten Einzugsgebiet des mächtigen Mailand lag, gehörte die Stadt Brescia damals zu Venedig, wie übrigens fast der gesamte Gardasee selbst. Die einzige Ausnahme bildete das von den Mailändern besetzte Riva.

Der immer neu aufflammende Streit der beiden Machtzentren Venedig und Mailand um die zwischen ihnen liegenden Gebiete Oberitaliens eskalierte in jenem Jahr, als die Venezianer Riva eroberten und die vom Geschlecht der Visconti regierten Mailänder Brescia zu belagern begannen. Weil die Viscontitruppen zugleich die Gebiete südlich des Sees in ihrer Hand hatten, waren sie in der Lage, den von Venedig nach Brescia geschickten Entsatztruppen den Weg zu versperren. Und da sie inzwischen in Riva eine eigene Gardaseeflotte gebaut und vom Stapel gelassen hatten, schien damit auf Dauer auch der Besitz des Gardasees für Venedig verloren.

Die naheliegende Gegenmaßnahme, schnellstens auch eine venezianische Flotte auf den See zu schicken, mußte daran scheitern, daß die Mailänder die einzige Wasserverbindung im Süden des Sees, den Mincio, jederzeit zu sperren in der Lage waren. Für einen unterirdischen Kanal von der Etsch zum Gardasee hätten sie in dieser Situation mit Sicherheit sehr viel gegeben – aber an ein derartiges Projekt war zu jener Zeit nicht einmal zu denken. Unvorstellbar, ja wahnwitzig erschien den Venezianern allerdings auch das Unternehmen, das der aus Kreta stammende venezianische Offizier Nicolò Sorbolo statt dessen vorschlug. Sorbolos Plan nimmt sich auch aus heutiger Sicht noch höchst bizarr aus, bizarrer noch als der fast ein halbes Jahrtausend später von Brian Sweeney, genannt Fitzcarraldo, geplante Transport eines Passagierschiffs über einen brasilianischen Urwaldberg. Anders als Fitzcarraldo (dem Werner Herzog in seinem gleichnamigen Film ein Denkmal schuf) setzte sich Sorbolo nämlich in den Kopf, gleich eine ganze Flotte über die Berge in den Gardasee zu schaffen. Natürlich haben ihn die venezianischen Befehlshaber zunächst einmal ausgelacht; doch bald stellte sich heraus, daß sie keine andere Wahl hatten, wenn sie nicht Brescia und den Gardasee aufzugeben bereit waren.

Quizfrage zwischendurch: In welchen Fluß mündet eigentlich die Etsch? In den Po? In den Tiber? In den Mincio? Oder in keinen von den dreien? Bitte riskieren Sie an dieser Stelle nicht die Publikumsfrage! Denn das Publikum, jedenfalls das deutsche, wird mit geschätzten 85 bis 95 Prozent auf den Po tippen. Doch das ist, ähnlich wie der »oben zwischen den Bergen« liegende Gardasee, wieder nur eine der geographischen Täuschungen, denen wir als notorische Kfz-Reisende unterliegen. Schließlich fährt jeder, der über die Brennerautobahn (oder über den Reschenpaß) in Richtung Süden unterwegs ist, zunächst stundenlang durch das Etschtal und überquert danach den Po. In welchen anderen Fluß sollte die Etsch also münden? Aber nichts da – richtig wäre die Antwort d gewesen. Denn die scheinbar kleine Etsch, die wir von der autostrada aus häufig nur als eine Art kräftigeren Gebirgsbach wahrnehmen, ist in Wahrheit nach dem Po Italiens zweitgrößter Fluß. Daß wir sie unterschätzen, liegt daran, daß sie die wenigen Kilometer zwischen Verona und dem Po nutzt, um unseren motorisierten Wahrnehmungsorganen ein Schnippchen zu schlagen, sich jäh nach links zu wenden und schließlich nicht in irgendeinen anderen Fluß, das wäre unter ihrer Würde, sondern direkt in die Adria zu münden.

Im Mittelalter, wo die Flüsse als Transportwege eine weit wichtigere Rolle spielten als heute, war man sich der Bedeutung der Etsch sehr wohl bewußt. Ganz besonders galt das für die Venezianer; denn die Etschmündung liegt nahe bei Chioggia, und Chioggia wiederum (nebenbei gesagt: ein außerordentlich reizvolles, wie Venedig von zahlreichen Kanälen durchzogenes Städtchen) liegt am Südende der venezianischen Lagune.

Damit war der größte Teil des Weges vorgezeichnet, den die zum Gardasee aufbrechenden sechs großen Galeeren, zwei Galeonen und 26 Kriegsbarken der venezianischen Flotte im Jahr 1439 einzuschlagen hatten: von Venedig nach Chioggia und in die Etsch, danach flußaufwärts über Verona nach Mori. Zwischen diesen beiden Städten lag und liegt die enge und strudelbewehrte Veroneser Klause – ein durchaus gefährliches Hindernis, aber nicht der Rede wert im Vergleich zu dem, das die Flotte bei Mori erwartete: die erst über Wiesen und Äcker, dann über steinige Bergpfade in den Loppiosee (der damals noch ein echter See war), anschließend über eine brüchige, bis dahin allenfalls für Fußwanderer und Maulesel gangbare Felsstufe führende Route hinauf zum San-Giovanni-Paß – und von dort über einen steil abfallenden Schrofenhang endlich in den Gardasee.

Die »leichte« erste Etappe des Wegs bewältigten die Kriegsschiffe mit Hilfe von 2000 Zugochsen und etlichen Tonnen Schwarzpulver, das den venezianischen Pioniertruppen zur Freisprengung des Anstiegs diente. Dann wurde der gesamte, damals den Loppiosee umstehende Bergwald gefällt (von den prompt einsetzenden Muren und Lawinen, die sich von da an ungehindert Richtung Loppio und Mori bewegten, ist in den regionalen Chroniken noch Jahrzehnte später die Rede) und die Baumstämme zu Rollen verarbeitet, auf denen man an Tausenden von Seilen die Flotte erst auf die Paßhöhe zog und sie anschließend in den Gardasee hinunterließ.

Das Verblüffende an dieser Leistung wird dem Interessierten erst klar, wenn man die Ausmaße der transportierten Schiffe kennt. So war jede der sechs Galeeren 50 Meter lang und sechs Meter breit, verfügte über zwei große Masten und über 50 Rudererplätze. Und, fast unglaublich: Keine einzige Galeere und auch keines der anderen Schiffe ging zu Bruch. Jedenfalls nicht, solange die Flotte mit ihrer Bergtour beschäftigt war. Zu Schäden kamen sie erst, als sie wieder im Wasser schwammen. Schließlich hatten die mailändischen Besatzer von Riva den schwierigsten und letzten Teil des Transports vom unweit des Passes gelegenen Castel Penede zum Seeufer von Torbole tagelang mit bloßen Augen verfolgen und sich entsprechend auf das feindliche Unternehmen einstellen können. Am 20. November 1439 entschlossen sie sich dann zum Eingreifen, und es kam bei Torbole zu einer Seeschlacht, während der ein großer Teil der so mühsam herangeschafften venezianischen Flotte binnen weniger Stunden versenkt wurde.

Eine militärische Tragödie? Allenfalls eine vorübergehende: Noch grasten ja die Zugochsen drüben im Etschtal, noch lagen die Rollen bereit und hingen die Lastenseile in den Felswänden. Also konnten die Verlierer auf schnellstem Wege Ersatz aus Venedig heranschaffen, wobei sie diesmal – Erfahrung macht klug – auf den Transport ganzer Schiffe verzichteten und sich nur das Material liefern ließen, um in der folgenden Winterpause sechs neue Galeeren und ein paar Dutzend weitere Barken zu bauen. Anschließend warteten beide Flotten auf den Frühling, die venezianische im Hafen von Torbole, die der Mailänder schräg gegenüber im nur 2500 Meter davon entfernt liegenden Hafen von Riva. Am 10. April des folgenden Jahres war das Kriegsglück dann bei den Schnelleren: Die Venezianer, die ihre Ankerplätze noch bei Dunkelheit verlassen hatten, überrumpelten ihre Gegner in deren Hafen, enterten nach heftigem Kampf die mailändischen Schiffe und gewannen Riva schließlich zurück.

Der Gardasee war von da an wieder fest in den Händen Venedigs. Die Herrschaft der Serenissima dauerte mehr als 350 Jahre; beendet wurde sie erst durch Napoleon, der 1796 die venezianische Republik zunächst eroberte und anschließend auflöste. Im Jahr darauf, nach dem Frieden von Campo Formio, kehrten die Mailänder ans Westufer des Sees zurück, zunächst allerdings nur als Untertanen der von Napoleon gegründeten Cisalpinischen Republik, während Riva, das gesamte Ostufer und Verona an Österreich fielen.

Die Trecking-Tour der venezianischen Flotte zum Gardasee war seinerzeit eine europäische Sensation; der Chronist und Historiker Sebellicus hat sie ausführlich geschildert, und Tintorettos Deckengemälde der Seeschlacht von Riva ist über der großen Ratstreppe des Dogenpalastes von Venedig zu besichtigen. Um so erstaunlicher ist es, daß die Geschichte dieser Expedition heute außerhalb der Gardaseeregion vollkommen in Vergessenheit geriet. Eher unauffällig, auf einer Felswand seitlich der Paßhöhe von San Giovanni, ist auch die Metallplatte angebracht, die vorübergehende Wanderer und Spaziergänger an das Ereignis erinnert. Und in dem Ausstellungsraum des Burgmuseums von Malcesine, der der ausführlichen Dokumentation jener spektakulären Ereignisse gewidmet ist, trifft man selten einmal mehr als eine Handvoll Besucher.

Doch soweit sind wir noch nicht. Erst einmal machen wir es den Schiffen nach und bewegen uns vom San-Giovanni-Paß abwärts in Richtung Torbole.

3. Kontaktaufnahme oder An Goethe kommt keiner vorbei

Im Auto braucht man für den Weg vom San-Giovanni-Paß nach Torbole allenfalls eine Viertelstunde, die letzte Viertelstunde der in der Regel vielstündigen Anreise zum See. Klar, daß den Reisenden auf diesen Schlußmetern, auf denen sie obendrein ständig das verlockende Seepanorama vor Augen haben, die Ungeduld abwärts treibt. Nun bloß keine Fahrtunterbrechung mehr, denken sie. Und rasen deswegen, bevor sie überhaupt angekommen sind, gleich an zwei hochspektakulären Plätzen vorbei.

Deren erster ist in wirklich jedem Reiseführer verzeichnet, weswegen wir uns hier auf einen kurzen Hinweis beschränken können. Es sind die Marmitte dei Giganti, die Gletschermühlen der Riesen. Mit der deutschen Bezeichnung ist schon das Wichtigste gesagt: Die gewaltigen Gletscher der letzten Eiszeit haben durch ihre starken Drehbewegungen riesige Trichter und Höhlungen in den Kalkfels gegraben – eine wild-bizarre, fast unmittelbar über dem See gelegene und von einer üppig blühenden Strauchvegetation bewachsene Kleinlandschaft, die Reisende zu kurzen oder ausgedehnteren Streifzügen geradezu suggestiv einlädt. Man muß schon ein sehr unempfängliches Gemüt besitzen, um hier nicht das Staunen zu lernen – vorausgesetzt, man ist nicht achtlos an dem kleinen Parkplatz unterhalb von Nago vorbeigerauscht, von dem aus verschiedene Erkundungspfade in die Marmitte hineinführen.

Die zweite Attraktion auf unserem Weg steht dagegen in keinem Reiseführer verzeichnet. Und übersehen, wir haben es oft beobachtet, wird sie nicht nur von den ungeduldig zum See drängenden Autofahrern, sondern auch von Leuten, die ein paar Meter neben ihr stehen.

Zugegeben dabei: Diese Ignoranz hat auch ihr Gutes. Wäre es anders, würde die kleine Freiluftbar neben dem Parkplatz der Marmitte dei Giganti nämlich nicht mehr lange bleiben, was sie ist: einer unserer Lieblingsplätze über dem Gardasee. Auch wir sind unzählige Male hier vorübergefahren – irgendwelche Getränke und kleine Imbisse feilhaltende Kioske stehen schließlich überall an italienischen Landstraßen herum, und dieser hier sieht auf den ersten Blick auch alles andere als einladend aus: Wer will seinen Cappuccino oder sein Lemonsoda schon direkt neben der Zufahrtsstraße zum See trinken, auf der die Autos in beide Richtungen ununterbrochen bergauf und bergab unterwegs sind?

Manchmal, am Freitagabend oder samstags gegen zehn Uhr vormittags, wenn die Surfer nach Torbole einströmen und Tausende von Wochenendurlaubern mit ihnen, stehen die Autos schon hier oben im Stau. Routinierte Gardaseeurlauber wissen das und vermeiden diese Anreisezeiten. Manchmal freilich kann man sich’s nicht aussuchen – und so standen eines Tages auch wir neben den Marmitte im Stau, und standen und standen. . . Bis es uns zu dumm wurde, wir das Auto auf den Parkplatz stellten und uns zu jener kleinen Bar begaben. Einen schnellen Espresso, dachten wir (am Gardasee müssen Sie einen espresso bestellen, wenn Sie einen Espresso wollen – falls Sie als fortgeschritten Italienkundiger korrekterweise caffè sagen, wird man Ihnen hier einen deutschen Filterkaffee oder, noch schrecklicher, einen sogenannten caffè lungo, also einen mit viel und meist lauwarmem Wasser gestreckten Espresso servieren) – einen schnellen Espresso also, dann wird sich der Stau schon irgendwie aufzulösen beginnen.

Der Stau löste sich tatsächlich in wenigen Minuten auf. Aber wir saßen noch fast eine Stunde lang in der kleinen Bar oder, genauer gesagt, bei der kleinen Bar. Mittlerweile hatten wir nämlich entdeckt, daß dieser unscheinbare Kiosk am Eingang einer einst vom Gletscher in den Fels gemahlenen und zum See hin offenen Mulde steht, einer Art von natürlichem Amphitheater also, gebildet aus mehreren halbkreisförmig übereinanderliegenden Terrassen. Diese mit Gras bewachsenen und von einigen Olivenbäumen bestandenen Plattformen haben die beiden jungen Betreiber der Bar durch Steintreppen miteinander verbunden, haben dann Tische und Stühle auf die Terrassen gestellt, ein paar Lampen montiert, alles vollkommen unaufwendig, und schon war der kleine Barkiosk zur Café-Arena erweitert.

Verzieht man sich mit seinen Getränken auf eine der hinteren Terrassen, gewinnt man sogar Abstand von der Straße. Nicht mehr als 15, maximal 20 Meter Abstand, gewiß; aber noch mehr Abstand zur Straße, das lernen wir bei dieser Gelegenheit auch gleich, ist am Gardasee kaum jemals drin. Auf der einen Seite der immer dicht am Ufer entlang verlaufenden Straße Wasser oder Häuser, auf der anderen Häuser oder Felsen – das ist die normale Ausgangssituation hier. Und an den wenigen Stellen, an denen die Straße das Ufer verläßt, wird es erst recht eng.

Mehr davon später. Noch sind wir ja nicht am Ufer angekommen, noch sitzen wir hier auf den felsigen Rängen unserer Café-Arena. Von uns aus gesehen bilden die Straße und der Barkiosk jetzt das Proszenium, und der Himmel wie die links steil ansteigenden und rechts fast lotrecht in die Höhe schießenden Uferberge den Bühnenhintergrund. Die eigentliche Bühne aber ist der See selbst.

Das einzige, was jetzt noch fehlt, zwar nicht unbedingt zu unserem Glück, aber womöglich zu dem der Barbetreiber und vieler ihrer deutschen Gäste, ist der an sämtlichen prominenten Plätzen des Gardasee-Ostufers eigentlich obligatorische Hinweis »Goethe war hier«. Doch da können wir aushelfen: Goethe war tatsächlich hier, genau hier, in dieser vom Gletscher aus dem Fels geschliffenen kleinen Arena über Torbole. Dafür, daß das vor uns offensichtlich noch keiner gemerkt hat, lassen sich zwei Erklärungen denken. Die erste haben wir bereits erwähnt: Es ist die Ungeduld der meisten Gardaseereisenden, endlich den See zu erreichen, die sie davon abhält, die bezaubernde Lage dieses Platzes zu erkennen. Allenfalls nehmen sie im Vorüberfahren den Parkplatz und den Barkiosk wahr, zwei Einrichtungen also, von denen Goethe garantiert keinen Gebrauch gemacht hat.

Apropos Einrichtungen und Gebrauch machen: Während seines Gardasee-Aufenthalts hat Goethe auch einen Sachverhalt registriert, der lange Zeit das Hauptproblem praktisch aller deutschen Italienreisenden darstellte: die Konstruktion und den beklagenswerten Zustand italienischer Toiletten. Das glauben Sie nicht? Bitte schön: »Torbole, den 12. September 1786, nach Tische – (hier) fehlt eine höchst nötige Bequemlichkeit, so daß man dem Naturzustande hier ziemlich nahe kömmt. Als ich den Hausknecht nach einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter . . .«

Ende der Leseprobe