Gebrauchsanweisung für den Vatikan - Rainer Stephan - E-Book

Gebrauchsanweisung für den Vatikan E-Book

Rainer Stephan

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Beschreibung

Hier bemalte Michelangelo vier Jahre lang die Decke der Sixtinischen Kapelle; Joseph Ratzinger zog aus dem bayerischen Markl zu; und jährlich strömen Millionen Gläubige und Pilger, Kunstliebhaber und Touristen her: in die Papststadt Rom, auf den Peters­platz, zum Vatikan. Steuerparadies und Inbegriff einer Weltmacht, ein kleiner Staat mit eigener Verwaltung, eigenem Postwesen und eigenem Bahnhof. Dieses Buch öffnet Türen. Es führt uns mitten hinein in dieses Universum, zum Lateran, zu Santa Maria Maggiore und den anderen Papstbasiliken, in die Katakomben und nach Castel Gandolfo. Auf die Gassen, Plätze und zu den Menschen im Vatikan, in Wohnungen und Gärten, Büros und Restaurants – in die urbane Realität einer Weltstadt.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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www.piper.de
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2009
ISBN 978-3-492-95811-0
© Piper Verlag GmbH, München 2009
Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas, Egling
Umschlagabbildung: Andia (Ernennung der neuen Kardinäle duch Papst Benedikt XVI.)
Karte: cartomedia, Karlsruhe
Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Der Hügel am anderen Tiberufer

Als Touristenziel hat der Vatikan Rom den Rang abgelaufen. Die Römer selbst sehen das mit eher gemischten Gefühlen

Alle Wege führen nach Rom? Das war einmal, damals, als die Hauptstadt des römischen Imperiums nicht nur das Zentrum der Alten Welt war, sondern der Knotenpunkt all jener großen Heerstraßen, die noch die entlegensten Teile des Reichs und seiner Vasallenstaaten mit Rom verbanden. Gewiss, auch heute zählt Italiens Hauptstadt zu den beliebtesten Reisezielen, nicht zuletzt ihrer vielen antiken Baudenkmäler wegen. Und selbst wenn einige von ihnen, wie das Kolosseum oder das Pantheon, eindrucksvoll erhalten sind, bewegt man sich beim Besuch dieser Sehenswürdigkeiten doch meist über Ruinenfelder. Nicht einmal deren berühmtestes, das Forum Romanum, erzählt nur von Glanz und Größe der antiken Metropole, sondern ebenso von deren Niedergang. Die Wege nach Rom, die Wege aus Rom in die Welt, die römische Macht selbst – sie sind längst verfallen.

Nicht Rom, sondern der vom römischen Stadtgebiet umgebene Stadtstaat Vatikan gilt heute als das Zentrum der Welt, zumindest für mehr als 1,1 Milliarden Mitglieder der römisch-katholischen Kirche – und weltweit wächst deren Anzahl trotz einiger Rückgänge in Europa stetig weiter. Die Bezeichnung römisch-katholisch ist dabei durchaus Programm. Anders als die übrigen Weltreligionen ist die katholische Kirche streng zentralistisch organisiert: Nicht nur dass im Vatikan ihr geistliches Oberhaupt, der Papst, residiert, hier laufen außerdem sämtliche Verwaltungsstränge der Weltkirche zusammen.

Doch nicht nur alle katholischen Dienstwege führen deshalb »nach Rom«, genauer gesagt: in den Vatikan. Der kleine Staat des Papstes hat auch als touristisches Ziel der italienischen Hauptstadt längst den Rang abgelaufen. Deswegen ließe sich heute eher sagen: Alle Wege führen in den Vatikan.

Die Römer selbst bestreiten das natürlich vehement. Es gebe Touristen, so erzählen sie gern, die tagelang den Schönheiten Roms nachspürten, ohne dem jenseits des Tiber gelegenen Vatikan auch nur einen einzigen Besuch abzustatten. Umgekehrt lasse kein noch so katholischer Vatikanbesucher sich die Gelegenheit zum Sightseeing Roms entgehen.

Vielleicht stimmt das sogar. Aber es besagt nichts. Denn abgesehen davon, dass viele der römischen Tourismusschaustücke in Wahrheit dem Vatikan gehören (und oft sogar zu dessen exterritorialen Hoheitsgebieten zählen), lässt sich die hohe Attraktivität des Vatikans spätestens seit dem Heiligen Jahr 2000 mit einer höchst eindrucksvollen Zahl belegen: Während normalerweise um die 15 Millionen Reisende pro Jahr Rom besuchen, stieg ihre Zahl in 2000 auf fast 50 Millionen.

Wirtschaftlich sind es jedoch mehr die Fremdenverkehrsindustrie und die Finanzsäckel der italienischen Hauptstadt, die vom Ansturm der Reisenden auf den Vatikan profitieren; denn hinter dessen Mauern finden sich, jedenfalls für Touristen, weder Unterkünfte noch Verpflegungsmöglichkeiten. Dennoch sollte man sich im Gespräch vor allem mit alteingesessenen Römern davor hüten, allzu begeistert vom Vatikan zu schwärmen. Und ganz falsch wäre es, den Vatikan als einen der vielen sehenswerten Stadtteile Roms zu bezeichnen.

Tatsächlich zählt der jenseits des Tiber liegende Mons Vaticanus, der Vatikanische Hügel – hartnäckigen Reiseführerberichten zum Trotz –, keineswegs zu den berühmten sieben Hügeln Roms. Noch im Mittelalter hörte der römische Herrschaftsbereich am Tiberufer auf. Und auch wenn mittlerweile halb Rom auf der anderen Tiberseite liegt und der Kirchenstaat deshalb komplett von römischem Stadtgebiet umschlossen ist: Die meisten Römer sind weder stolz auf die Nachbarschaft zum Vatikan noch wirklich dankbar darüber. Stattdessen betrachten sie den kleinen Staat des Papstes und dessen wachsende Beliebtheit mit, gelinde gesagt, gemischten Gefühlen.

Die spinnen, die Römer? Keine Rede davon – finden jedenfalls die Römer selbst. In ihren Augen sind es schon immer die Christen, die spinnen. Dabei geht es weniger um Touristenströme und den schnöden Mammon, den sie in die Kassen spülen, als um große Prinzipien. Und das schon von alters her: Wie ihre antiken Vorfahren finden die heutigen Römer es merkwürdig, ja verdächtig, wenn jemand behauptet, er nehme seine religiöse Überzeugung ernster als die schönen (oder auch traurigen) Dinge dieser Welt.

Dass sich dem zum Trotz viele dieser schönen Dinge im Vatikan zu einem weltweit einmaligen Gesamtkunstwerk vereinen, dass ausgerechnet der Glaube an eine überirdische Macht den Kirchenstaat zu einem eindrucksvollen Ensemble irdischer Machtattribute werden ließ; dieses Paradox macht den Römern – und nicht nur ihnen – besonders schwer zu schaffen.

Dabei ist es ja nicht so, dass Italiener, und zumal die Bewohner von Italiens Hauptstadt, keinerlei Sinn fürs Übernatürliche hätten, im Gegenteil: Die römische Alltagssprache und Alltagskultur quellen geradezu über von Bannflüchen oder Segenswünschen, vom Glauben an Wunder und Vorbedeutungen, vom bösen Blick oder anderen magischen Kräften; die Zahl der allein in Rom niedergelassenen Wahrsagerinnen, Astrologen und Kartenleser geht in die Zehntausende.

Zugleich aber gibt es kaum einen Ort auf der Welt, in dem das pragmatische Denken auf eine derart gefestigte Tradition zurückblicken kann wie in Rom. Egal, ob es sich um große Verwaltungsprobleme oder um kleine Sorgen des täglichen Lebens handelt: Die Römer interessieren sich kaum je dafür, wie und warum ein Problem entstanden ist, sondern fragen vor allem, wie es sich möglichst unkompliziert abstellen lässt – oder wie man sich über die Misere hinwegmogeln könnte.

Wie das zusammengeht – nüchterner Pragmatismus hier und Geisterglauben dort? Einfache Antwort: Es geht eben nicht zusammen. Die Römer betreiben schlicht beides nebeneinander, stürzen sich mit Hingabe in die Rituale des Aberglaubens und die Lektüre ihrer Horoskope – und kümmern sich zugleich, mit einer davon völlig unberührten Nonchalance, um die Bewältigung ihres Alltags.

Das hat, wie gesagt, Tradition: Schon im alten Rom wurde beispielsweise kein Feldzug unternommen und kein wichtiges Gesetz erlassen, ohne dass die Auguren, die staatlichen Wahrsager, vorher unter großem zeremoniellen Aufwand die Erfolgschancen des Unternehmens aus den Formationen fliegender Vögel oder aus den Eingeweiden von Opfertieren herausgelesen hätten. Nur, sobald es dann zur Sache ging, dachte kein Feldherr und kein Politiker auch nur im Traum daran, sich an die mit Hilfe solch magischer Praktiken gewonnenen Erkenntnisse zu halten.

Und überhaupt, werfen wir nicht alle, selbst wenn wir uns für nüchterne Verstandesmenschen halten, ab und an einen Blick in unser Horoskop, notieren wir nicht wenigstens im Unterbewusstsein, dass uns gerade eine schwarze Katze von links über den Weg lief oder der Freitag auf einen 13. fällt? Die Römer jedenfalls halten das für ganz normal. Als wirklich beunruhigend empfinden sie erst das Gegenteil: dass es Leute wie die Christen (cristiani bedeutet in Rom vor allem Katholiken) gibt, die ihr irdisches Leben allen Ernstes an einem überirdischen Prinzip auszurichten versuchen.

Ja aber – die allermeisten Römer sind doch selbst katholisch? Sind sie; doch ihr Katholizismus manifestiert sich, wenn überhaupt, in ihrem Aberglauben, vor allem in der oft inbrünstigen Verehrung von mysteriösen Reliquien, Heiligenbildern oder frommen Wunderheilern wie Padre Pio, der es in Rom wie in ganz Italien an Popularität locker mit dem Papst aufnehmen kann.

Mit anderen Worten: Römer, die etwas auf sich halten, sind im Grunde ihres Herzens bis heute Heiden geblieben. Und merkwürdigerweise war genau dieses römische Heidentum der Grund dafür, dass die ersten Päpste hier ihre Residenz errichteten.

Was uns mittlerweile als selbstverständlich erscheint, ist ja eigentlich sehr sonderbar. Kann man sich Berlin als Zentrum des Buddhismus vorstellen oder Buenos Aires als Zentrum des Islam? In aller Regel haben Religionen, auch Weltreligionen, ihren geistlichen und irdischen Mittelpunkt doch dort, wo sie entstanden sind und wo ihr Gründer gewirkt hat.

So ähnlich hatte kurz nach dem Tod des Jesus von Nazareth ausgerechnet der später als erster römischer Papst verehrte Apostel Petrus argumentiert. Damals war noch Jerusalem das Zentrum der gerade entstehenden neuen Religion. Und nicht nur Außenstehende, sondern auch die meisten ihrer Anhänger betrachteten die kleine christliche Glaubensgemeinschaft lediglich als Variante des Judentums, als jüdische Sekte. Nach Ansicht der Jerusalemer Urgemeinde und ihres Vorstehers Petrus konnten daher nur Juden Christen werden; die Voraussetzung der christlichen Taufe war die jüdische Beschneidung.

Gegen diese Sichtweise argumentierte am vehementesten der erst nach Jesus’ Tod zum Christentum bekehrte Paulus von Tarsus. Auch Paulus war Jude, zugleich aber als Einwohner der (in der heutigen Südtürkei gelegenen) römischen Provinz Kilikien römischer Staatsbürger. Er und seine Mitarbeiter wollten die christliche Missionsarbeit ganz gezielt auf alle »Heiden«, also auf Nichtjuden, ausdehnen.

Die Gegensätze zwischen den Anhängern des Petrus und denen des Paulus wurden während der 40er-Jahre des ersten Jahrhunderts in einer Art Generalversammlung ausgetragen, dem sogenannten Apostelkonzil von Jerusalem. Dieses erste Konzil war zugleich schon das letzte, das in der ursprünglichen Heimat des Christentums abgehalten wurde; denn im Lauf der Beratungen setzte sich die Paulusfraktion vollkommen durch. Von da an galt die ganze Welt – und das hieß damals in erster Linie: das römische Weltreich – als potenzielle Heimat des Christentums. Und als dessen künftiges Zentrum fassten Paulus und seine Anhänger nach ihrem Debattensieg über die Jerusalemer Urgemeinde selbstbewusst die Stadt Rom ins Auge – auch und gerade, weil Rom so heidnisch war.

Am Anfang war der Zirkus

Lebte Petrus jemals in Rom? Liegt dort wirklich sein Grab? So oder so: Im Vatikan zeigt sich, dass auch Legenden Fakten schaffen können

Wollten die Untertanen des römischen Kaisers Nero in den Zirkus gehen und zuschauen, wie Akrobaten auf Stangen oder Seilen balancierten, wie Gladiatoren sich totschlugen oder Christen von wilden Tieren zerfleischt wurden (was, wie wir noch sehen werden, viel seltener geschah, als man allgemein glaubt), dann mussten sie den Tiber überqueren. Dort, wo heute die Peterskirche steht, lag gleich neben dem Friedhofsgelände, dem ager vaticanus, der Zirkus des Nero.

Das Zentrum der katholischen Kirche wurde also auf einem Zirkusgelände erbaut. Lästermäuler, die den täglichen Touristenbetrieb auf dem Petersplatz vor Augen haben, würden sagen: Das passt doch auch.

Dabei führen viele der heutigen Vatikanbesucher durchaus Frommes im Schilde, jedenfalls im Wortsinn: Die von ihren Reiseleitern hochgehaltenen Schilder weisen sie als Mitglieder von Pilgergruppen aus. Allerdings sind auch Pilger oft nicht mehr, was sie einmal waren. Das alte Wort »Pilger« signalisiert ehrbare Frömmigkeit, aber auch Entbehrungsbereitschaft – Eigenschaften, die ganz offensichtlich nur noch auf einen geringen Teil der Millionen von Menschen zutreffen, die Jahr für Jahr hierherkommen. Es sei denn, man wertet die Ergebenheit, mit der sich die Touristen vor dem Besuch der Vatikanischen Museen oder der Peterskirche in eine Warteschlange einreihen, als Entbehrungsbereitschaft im Sinne christlicher Demut. Dass die Vatikantouristen das auf sich nehmen, hat gewiss weniger mit persönlicher Frömmigkeit zu tun als mit der vor allen Highlights dieser Welt zu beobachtenden Mischung aus Neugier, Herdentrieb und fester Entschlossenheit, nur ja nichts zu verpassen.

Vom täglichen Rummel auf dem Petersplatz und um ihn herum zu reden ist selbst angesichts eines so ehrwürdigen Ortes weder sündhaft noch respektlos – es ist einfach realistisch. Vollends zirkusmäßige Züge nimmt das Ganze ausgerechnet da an, wo es um die zentrale Gestalt geht, um die sich all die anderen touristischen Attraktionen gruppieren: um den Papst, den auch von Nichtkatholiken ohne Weiteres sogenannten Heiligen Vater. Zum Spitzenevent, anders kann man das nicht sagen, wird für Massen von Rombesuchern daher die Teilnahme an den immer mittwochs stattfindenden und jedem (nach unkomplizierter Voranmeldung) zugänglichen Generalaudienzen des Papstes. Wer dafür keine Karte bekommen hat, reiht sich ganz ohne Anmeldung am Sonntagmorgen in den Zug der Zehntausende auf den Petersplatz ein, um dort das Angelusgebet des Papstes zu verfolgen, das dieser meist mit einer kurzen Ansprache vom Fenster seines Arbeitszimmers aus verbindet.

Der Vatikan, sagt man, hat in Wahrheit zwei Grenzen: eine unspürbare (aber durch einen hellen Streifen aus Travertinstein sichtbar markierte) vor dem Petersplatz, und eine unpassierbare: die Vatikanische Mauer. Es gibt natürlich trotzdem ein paar Möglichkeiten, dem Heiligen Vater noch näher zu kommen als bei den Generalaudienzen oder beim Angelusgebet. Selbst die Vatikanischen Mauern haben Lücken, doch zu denen kommen wir später. Vorläufig bleiben wir beim Zirkus.

Zweifellos wäre es höchst ungerecht, sämtliche Papsttouristen über einen Kamm scheren zu wollen. Die angesichts des leibhaftigen (wenn auch faktisch oft nur briefmarkengroß sichtbaren) Heiligen Vaters still vor sich hin betende indische Nonne oder der zu Fuß herbeigepilgerte und nun im Zustand seliger Erschöpfung verharrende Rucksacktourist aus Litauen: Auch solche Leute trifft man auf dem Petersplatz, aber sie werden immer rarer. Zur Regel geworden ist eher das Gegenteil, das – vorsichtig ausgedrückt – unbeschwerte Pilger-Outcoming, häufig verbunden mit lautstark nach Aufmerksamkeit heischenden Hinweisen auf sich selbst beziehungsweise auf die jeweilige Pilgergruppe: »Hallo Be-ne-detto, hier ist Bayern!« Oder Palermo, Boston oder Singapur.

Wobei man die Leute ja versteht: Sie wollen eben nicht nur sehen, sondern auch gesehen oder wenigstens gehört werden, und zwar, wenn es irgendwie geht, vom Papst persönlich – »Wahnsinn, er hat echt zu uns rübergeguckt!« Erst die (tatsächliche oder eingebildete) Reaktion des Oberhaupts der Christenheit vermittelt das Gefühl einer großen Begegnung, von der die beglückten Rombesucher ihren Freunden, Kindern und Kindeskindern oft noch jahrzehntelang zu erzählen pflegen. Muss man das am Ende nicht doch irgendwie als Ausdruck von Frömmigkeit deuten? Wenn ja, dann paart sich die Frömmigkeit auf dem Petersplatz mit einer höchst weltlichen Lust an der Selbstdarstellung. Ständig werden hier Fahnen geschwenkt, Bilder oder selbst gefertigte Transparente hochgehalten und lokaltypische Weisen abgesungen respektive geblasen.

Was übrigens Letzteres, das vatikantouristische Blaskonzert, betrifft: Die gewiss von Herzen kommende, aber in ihren Folgen vielleicht nicht völlig bedachte Sympathie des amtierenden Papstes für die bayerischen Gebirgsschützen und ihre Blaskapellen hat zum permanenten Ansturm sämtlicher Bläservereinigungen des Erdballs auf den Petersplatz geführt. Irgendwann im Mai 2007 saßen wir auf der Caféterrasse der Engelsburg (ein höchst empfehlenswerter Aufenthaltsort übrigens, mit prächtiger Aussicht auf den Vatikan – und der Cappuccino ist nicht einmal teuer). Eben war die Sonne untergegangen, als jähes Posaunengeschmetter, Paukenschläge und dumpfe Marschtritte den Frieden der vatikanischen Abenddämmerung unterbrachen: Unter uns, auf der breiten Via della Conciliazione, hatten sich mehrere Dutzend offenkundig deutschstämmige Blaskapellen gerade Richtung Peterskirche in Bewegung gesetzt.

»Sacco di Roma!«, kommentierte da fachkundig feixend ein am Nebentisch sitzendes amerikanisches Ehepaar, in Anspielung an den berüchtigten Romzug deutscher und spanischer Söldnertruppen im Jahr 1527 und zufällig ebenfalls im Mai. Die Attacke auf den Sitz des Papstes führte in der ganzen Stadt zu Plünderungen und unbeschreiblichen Metzeleien.

Die Peterskirche wurde damals übrigens, nachdem sie gründlich ausgeraubt war, von deutschen Landsknechten zum Pferdestall umfunktioniert. Der Papst konnte mit Mühe in die Engelsburg fliehen, und vielleicht hat er anschließend von deren Terrasse aus – genau wie wir heute – die in Richtung Petersplatz vorstoßenden Massen beobachtet. Oder blickte er dankbar zurück auf den Fluchtkorridor in jener Mauer, die den Vatikan mit der Engelsburg verbindet? In vielen Reiseführern wird dieser Korridor als »Geheimgang« bezeichnet – ein für die Vatikanliteratur typischer Romantizismus, dem wir noch öfter begegnen werden. Der Mythos Vatikan lebt nicht zuletzt davon, dass hier vieles als geheim ausgegeben wird, was in Wahrheit höchst prosaisch vor aller Augen daliegt. So auch jener Fluchtgang, dessen Verlauf bis heute nicht nur von der Terrasse der Engelsburg, sondern auch von den angrenzenden Straßen aus ohne Weiteres zu verfolgen ist.

Ganz so schlimm wie bei jener mittelalterlichen Plünderung ist es übrigens mit den Vatikanmarschierern des Frühjahrs 2007 dann doch nicht gekommen. Weil die bayerischen Gebirgsschützen dieses Mal zu Hause geblieben waren, gab es nicht einmal Waffen zu sehen, aber dafür jede Menge an merkwürdig großen Orden: Es war eine Reihe von Kölner Karnevalsvereinen, die sich da in ihren prächtigen Elferrats- und Prinzengarde-Uniformen gerade zum Papst aufmachten.

Viele altgediente Mitarbeiter des Vatikans nehmen die bisweilen arg heftigen Formen des Zuspruchs, die dem Papst und seinem Amtssitz zuteilwerden, mit eher gemischten Gefühlen auf. Und als an jenem Maiabend eine der in den Petersdom einmarschierten Blaskapellen dort allen Ernstes den Radetzkymarsch intonierte, hat das anderntags sogar in der römischen Hauptstadtpresse richtig böses Blut gemacht: Dass der österreichische Feldmarschall Johann Graf Radetzky, dem Johann Strauß (der Vater) mit seinem schwungvollen Marsch ein Denkmal setzte, die für die Freiheit und Einheit ihres Landes kämpfenden italienischen Truppen reihenweise niedergemetzelt hatte, hat hier bis heute keiner vergessen.

Jetzt sind wir, dank deutscher Blasmusikexzesse, weit in der Geschichte vorgeprescht, und wollten doch eigentlich, wie es sich gehört, am Anfang beginnen, bei der auf Geheiß des Kaisers Nero aus Stein und Holz erbauten Zirkusarena eben, auf deren Trümmern der erste Vorläuferbau der Peterskirche entstand. Dort, wo der Vatikanische Hügel ins Flachland übergeht, hatte Nero unter anderem gefangene Christen verbrennen oder sie, zum Gaudium des Publikums, von möglichst exotischen wilden Tieren zerreißen lassen. Das alles, wie gesagt, in unmittelbarer Nachbarschaft eines Friedhofs, eben des ager vaticanus.

Nun waren die Römer zwar bei ihren Zeitgenossen geradezu berüchtigt für ihren Ordnungswahn; die streng geometrischen Strukturen der meisten wieder ausgegrabenen römischen Kastelle und Militärlager geben bis heute einen Eindruck davon. Anders war es, wo es um die Toten ging (jedenfalls um die nicht prominenten, die man auf öffentlichen Friedhöfen vergrub). Stramme Ordnung auf Friedhöfen, das haben so richtig erst wir Deutsche kultiviert. Gemessen daran müssen wir uns den ager vaticanus als einen eher chaotischen Totenacker vorstellen. Dazu passt, dass der Friedhof selbst dann noch in Benutzung blieb, nachdem Nero dort seinen Zirkus errichtet hatte. Der makabre Aspekt jenes Nebeneinanders scheint den alten Römern weniger bewusst gewesen zu sein als der praktische: Auf diese Weise ließen sich die zahllosen während der Zirkusvorführungen anfallenden Leichen ohne Transportschwierigkeiten entsorgen.

Verscharrt wurde unter solchen Umständen – so besagt es jedenfalls die Gründungsgeschichte des Vatikans und des katholischen Papsttums – auch der Leichnam des Simon Petrus, jenes galiläischen Fischers also, der sich, ums Jahr 60 nach Christi Geburt, nach seinem Glaubensgefährten und ehemaligen Gegenspieler Paulus selbst auf den Weg nach Rom gemacht hatte, um dort die schon gar nicht mehr so kleine christliche Gemeinde zu stärken.

Wohlmeinende Freunde, so die Überlieferung, hatten Petrus dringend von seiner Romreise abgeraten. Grund dafür war eben die Verfolgungsjagd auf die Christen, die sich Kaiser Nero ausgedacht hatte, wohl aus dem gleichen Grund, von dem sich Politiker bis heute gern leiten lassen, wenn sie die Diskriminierung und die Verfolgung von Minderheiten fördern: Man kann damit wunderbar von eigenen Unzulänglichkeiten ablenken – und zugleich die Unzufriedenheit der Untertanen auf bequeme Weise kanalisieren.

Ob Nero in einem Anfall von größenwahnsinniger Pyromanie den großen Brand des Jahres 64, dem beinahe ganz Rom zum Opfer gefallen wäre, tatsächlich selbst legte, ist dabei unerheblich. Entscheidend war: Die Katastrophe ließ sich hervorragend der merkwürdigen Jesussekte in die Schuhe schieben. So wurde sie zum Auslöser nicht nur für die erste Verfolgungswelle in der Geschichte des Christentums, sondern paradoxerweise auch für die Entwicklung Roms von der Hauptstadt eines Weltreichs zum Zentrum einer Weltkirche.

Nicht einfach zu beantworten bleibt jedoch die Frage, wieso es ausgerechnet die Christen getroffen hat. Für die Rolle der diskriminierten Außenseiter standen schließlich noch viele andere Kultgemeinschaften oder Geheimbünde zur Verfügung. Ob ägyptische Isis- oder phönizische Baalsanbeter, ob germanische Verehrer der Götter Wotan und Thor oder Anhänger des kretischen Stierkönigs Minotaurus, ob streng orthodoxe Juden oder Mitglieder des exklusiven griechisch-orientalischen Mithraskults: Sie alle lebten in der Hauptstadt des römischen Weltreichs und konnten dort – und gerade dort – ihren Glauben weithin unbehindert praktizieren.

Was die Religionen seiner Bürger anging, war Rom ein vorbildlich freizügiger Staat. Rom beherrschte und unterdrückte die Welt, schon wahr – aber es beherrschte und unterdrückte sie nach Grundsätzen, deren Rationalität bis heute nicht ihresgleichen gefunden hat. Neue Untertanen hatten sich in die politischen Strukturen des Weltreichs einzufügen, hatten den neuen Herren also vor allem Steuern und Abgaben zu zahlen sowie Kriegsdienste zu leisten, und damit basta. Was die Menschen dabei dachten, welchen Lebensgewohnheiten, welchen Idealen oder auch welchen Glaubensüberzeugungen sie anhingen, blieb ihre Privatsache – kaum jemand störte sich daran.

Ja, mehr noch: Die Römer, ihrem Ursprung nach ein Stamm von eher phantasielosen Bauern mit – eben wegen ihrer Phantasielosigkeit – überdurchschnittlicher militärischer Begabung, importierten die Kultur, die ihnen selbst fehlte, gern aus den von ihnen eroberten Gebieten. Das gilt besonders für alles Religiöse: Noch unter den ersten römischen Kaisern – in der Zeit, von der wir gerade reden – setzte sich Roms offizielle Staatsreligion ohne jede römische Eigenzutat aus Elementen der etruskischen Wahrsagungs- und Weihekulte sowie des griechischen Götterglaubens zusammen, aus Religionen der Gebiete also, die römische Soldaten als Erste erobert hatten und die damit zur Machtbasis für alle späteren Expansionen geworden waren.

Es war wenn schon nicht echte Toleranz (die würde einen eigenen Standpunkt voraussetzen), so doch eine Art liberaler Wurstigkeit, die das religiöse Leben in Rom prägte. Fremde Kulte und Religionen – mit jeder Eroberung kamen ja neue dazu – wurden vom einfachen Volk mal bestaunt, mal bespöttelt, ähnlich wie fremde Moden oder Essgewohnheiten. Und wie diese wurden sie von der snobistischen Oberschicht gern importiert. Schon seit der Zeit der römischen Republik gab es sogar ein offizielles staatliches Verfahren für die »Einbürgerung« fremder Götter, die invocatio.

Jupiter hin, Jupiter her – es gehörte für einen römischen Würdenträger oder Millionär in den Jahrzehnten nach Christi Geburt nachgerade zum guten Ton, in die private Villa einen kleinen Isisaltar einbauen zu lassen oder an den spannend-obskuren Riten des Dionysos-oder des Mithraskults teilzunehmen. Übrigens griffen die Päpste, als sie die entscheidenden Würdenträger geworden waren, diese multikulturellen Traditionen auf ihre Weise auf. Immer wieder werden wir bei unseren Wanderungen durch den Vatikan auf Zeugnisse einer Sammelleidenschaft stoßen, die sich durchaus auf heidnische Kultgegenstände und andere Objekte von oft ominöser Art erstreckte. Auch nach dem Untergang des Kaiserreiches fühlte sich das nun christliche Rom als Welthauptstadt, in der das Exotische, das kulturell Fremde seinen eigenen Platz finden sollte.

Noch wichtiger für das Erscheinungsbild des Vatikans wie für die Struktur der katholischen Kirche ist die Tatsache, dass sich das zur abendländischen Alleinreligion gewordene Christentum auch und gerade jene römische Kultur aneignete, in die es zu Beginn so schwer integrierbar schien. Nach wie vor ist Latein die weltweit gültige Amtssprache der katholischen Kirche (im Vatikan steht sogar ein lateinischer Bankautomat), und nach wie vor tragen nicht nur der Papst und seine Kardinäle, sondern bei offiziellen Anlässen sogar die einfachen katholischen Priester statt Anzügen kleiderartige Gewänder, die auf die römische Tunika und Toga zurückgehen.

Mit ihrer Selbstromanifizierung war die katholische Kirche bis weit in die Neuzeit hinein beschäftigt. Und vieles von dem, was wir im Vatikan zu sehen bekommen, verweist auf diesen Assimilationsprozess, der auch einer der gegenseitigen Durchdringung von individuellem Glauben und staatlicher Ordnung, von religiöser Nächstenliebe und machtpolitischem Kalkül gewesen ist. Was dabei weitgehend verschüttet und deswegen für die Augen des heutigen Vatikanbesuchers fast unsichtbar wurde, ist die erste Phase des Christentums, sind die Gründungsjahre des Vatikans – Zeiten also, in denen von einem christlichen Rom so wenig die Rede sein konnte wie von einem römischen Christentum.

Damit stehen wir wieder vor unserer immer noch nicht beantworteten Frage: Wieso erschien den Römern ausgerechnet das Christentum so unvereinbar mit ihrer sonstigen Großzügigkeit oder auch nur Nachlässigkeit? Was um alles in der Welt stellten die frühen Christen an, dass sich die Wut der Römer so leicht gegen sie wenden ließ? Haben sie wirklich bei ihren Zusammenkünften kleine Kinder geschlachtet, wie die bösartige Fama damals verbreitete? Oder war es – eine scheinbar einleuchtende und daher besonders infame Unterstellung – die Eifersucht der in Rom durchaus geduldeten Juden gegenüber der Abweichlersekte, die die Christen als gefährliche Staatsfeinde erscheinen ließ?

Nichts von alledem lässt sich nur annähernd belegen. Noch 30 Jahre nach dem Tod des Jesus von Nazareth, eben zur Zeit Neros, wussten selbst gebildete Römer Juden und Christen nicht voneinander zu unterscheiden, wie der kurze Hinweis des Tacitus auf die erste römische Christenverfolgung zeigt: »Da die Juden unter ihrem Anführer Chrestos andauernd Unruhe stifteten . . .« Und der Vorwurf des Kinderschlachtens (vom Mittelalter bis zum modernen Antisemitismus der Nazis wurde er vor allem gegen die Juden erhoben) gehörte offenbar schon damals in die Schmuddelkiste notorischer Minderheitenverfolger. Die frühen Christen praktizierten in Wahrheit überhaupt keine Opfer. Nicht einmal die verbreitete These, die Kommunionfeier während der christlichen Messe (bei der aus Brotgetreide gebackene Hostien als »Fleisch und Blut« Christi gegessen werden) sei damals böswillig falsch interpretiert worden, ließ sich je konkret beweisen.

Und doch war es wohl kein Zufall, der die Christen zumindest in den Augen des Kaisers und des römischen Establishments als passende Opfer einer Verfolgungskampagne erscheinen ließ. Vieles spricht dafür, dass das Anstößige am Christentum nicht in irgendwelchen erfundenen oder wirklichen Äußerlichkeiten zu finden ist, sondern tatsächlich im Kern des christlichen Glaubens selbst. Neu nämlich an diesem Glauben, so neu, dass er auf die damalige Mitwelt geradezu revolutionär wirken musste, war dessen Beschränkung auf einen einzigen Gott – noch dazu auf einen, der schimpflich am Kreuz zugrunde gegangen war. Damit stellte das Christentum so gut wie alles, was Menschen bis dahin über höhere Wesen geglaubt hatten, radikal auf den Kopf: die alte Vorstellung von unergründlichen Naturgeistern, denen der Mensch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, ebenso wie die Ideen von Göttern und Göttinnen als mehr oder weniger allmächtigen Übermenschen, deren Wohlwollen sich immerhin durch allerlei Gefälligkeiten erkaufen ließ.

Sicher hat ein Teil der römischen Oberschicht (man braucht da nur die Schriften von Neros Chefberater Seneca nachzulesen) zu jener Zeit privat nicht mehr wirklich an die Existenz der damals üblichen Götter geglaubt. Doch der entscheidende Akzent lag dabei eben auf dem Wort »privat«. Seneca und andere Bildungsbürger der Antike mochten persönlich nicht mehr an die Götter glauben, doch am römischen Götterkult hielten sie unbeirrt fest. De facto nämlich war der in erster Linie römischer Staatskult, als populärer Ausdruck einer festgefügten Vorstellung von Oben und Unten. Dass sich das öffentliche Leben, dass sich irgendeine Gesellschaft ohne dieses Prinzip gestalten ließe, hielten die Leute damals für eine vollkommen verrückte, ja unzumutbare Idee.

Die frühen Christen indessen sahen das ganz anders. Zeitgenössischen Urteilen zufolge waren es dabei nicht etwa vermutete Umwälzungsabsichten, die für die Ablehnung der christlichen Religion sorgten. Dass Sklaven sich von ihren Ketten befreien wollten, um – wie im Spartakusaufstand – ihrerseits zur Macht zu drängen, fanden Roms Intellektuelle zwar unpraktisch und unangenehm, im Grunde jedoch völlig verständlich: Das Prinzip Macht wurde auf diese Weise ja geradezu bestätigt. Was aber sollte man von Leuten halten, die einfach zu jedem, egal ob Herr oder Sklave, gleich freundlich zu sein versuchten? Die jemanden als Gottessohn verehrten, der als ganz normaler Mensch am Kreuz gestorben war, und das nicht einmal mit einem triumphierenden Lächeln, sondern mit einer verzweifelten letzten Frage auf den Lippen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Das Harmloseste, was römische Zeitgenossen angesichts einer solchen Einstellung empfinden konnten, war Verachtung. Vor allem jene aber, die das Prinzip Macht verinnerlicht hatten, reagierten mit Abwehr und Aggression.

Was 300 Jahre später unter dem letzten gesamtrömischen Kaiser Theodosius I. passieren sollte – die Einführung des Christentums als römische Staatsreligion –, hätte zu Neros Zeiten kein Römer (und wohl auch kein Christ) für möglich gehalten. Als fromme Märtyrer wurden die Opfer der ersten Christenverfolgung immer verehrt; aber erst der spätere Aufstieg des Christentums, gedeutet als Triumph des bloßen Glaubens und Gottvertrauens über die reale Macht, ließ sie im Rückblick als Helden der ersten Stunde erscheinen.

Spätestens nach diesem Triumph mochten die Christen keinen Zweifel mehr daran aufkommen lassen, dass natürlich auch und gerade jener Apostel, dem Jesus Christus symbolisch die Schlüssel seiner Kirche in die Hände gelegt hatte, zu den frühen Helden der römischen Kirchengeschichte zählte. Allerdings: Dass Petrus in Rom als erster Papst amtiert hat, lässt sich bis heute so wenig beweisen wie dass er überhaupt jemals hier lebte. Es sei denn, man nähme die Existenz des unterhalb der Peterskirche liegenden Petrusgrabs als Beweis. Allerdings ist dessen Echtheit immer noch nicht zweifelsfrei belegt.

Immerhin war Roms christliche Gemeinde sich zu Konstantins Zeiten sicher, das echte Petrusgrab zu kennen. Von dessen Authentizität scheint auch Konstantin überzeugt gewesen zu sein. Hätte er sonst die dem heiligen Petrus geweihte Basilika, die an der Stelle der heutigen Peterskirche stand, genau über jenem »von alters her« verehrten Grab erbaut? Genauer gesagt ließ Konstantin über dem alten Grab ein neues Grabmal errichten, die sogenannte Memoria Petri, die in der Apsis stand, also dem Altarraum der alten Peterskirche. Weil die neue Peterskirche im 16. Jahrhundert über dem Fundament der alten errichtet wurde, liegt die Memoria heute genau unterhalb des Papstaltars in der Confessio, einer Art Unterkirche.

Um das Petrusgrabmal zu sehen, muss man übrigens nicht einmal in dieses Grabgewölbe hinuntersteigen (obwohl das schon wegen der vielen anderen ebenfalls dort liegenden Papstgräber keine schlechte Idee wäre). Direkt vorm Papstaltar von Sankt Peter erlaubt eine Öff nung im Boden den direkten Blick auf die Memoria, die jahrhundertelang schlicht als »Petrusgrab« bezeichnet und verehrt wurde.

Ende der Leseprobe