Gebrauchsanweisung für Iran - Bita Schafi-Neya - E-Book

Gebrauchsanweisung für Iran E-Book

Bita Schafi-Neya

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Beschreibung

Lebhafte Bazare, uralte Königspaläste, prachtvolle Gärten - seit der Öffnung des Iran fasziniert das Land immer mehr Reisende mit seiner sagenhaften Kultur, der schillernden Geschichte und der grenzenlosen Gastfreundschaft. Die Halbiranerin Bita Schafi-Neya kennt die aufregende Millionenmetropole Teheran, das poetische Shiraz, das weltoffene Isfahan; hat Salz- und Sandwüsten durchquert, religiöse Zentren und einsame Bergdörfer besucht. Sie weiß, wie oft man sich bitten lassen muss, bis man eine Einladung annimmt, wie in Iran geflirtet wird und wo man am besten Skifahren kann. Charmant führt sie durch das Land, erzählt von der iranischen Revolution, dem Leben mit Verboten und den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deFür meinen Mann Martin K. BurghartzVollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2018ISBN 978-3-492-99186-5© Piper Verlag GmbH, München 2018Karte: cartomedia, KarlsruheCovergestaltung: Birgit KohlhaasCovermotiv: Mansoreh Motamedi/Getty ImagesDatenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenAlle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Cover & Impressum

Karte Iran

Vorwort

Buntes Teheran

Urlaub in Iran – geht das denn?

Prunkvolle Paläste und funkelnde Diamanten

Ein Pulverfass explodiert

Hausbesuch beim Feind

Gastfreundschaft geht über alles

Isfahan – bunt gefärbte Küken zum Kuscheln

Duftende Kräuter, gewaltige Kuppeln

Kandovan – Wohnen in der Wabe

Durch die Gärten von Schiras

Persepolis – Iran und das persische Erbe

Sieben Glücksbringer mit »S«

Malerische Routen zum Kaspischen Meer

Abenteuer auf vier Rädern

Mit dem Zug quer durchs Land

Auf den Spuren von Imam Reza

Wunder aus Staub und Schlamm

Yazd – die Wüstenstadt aus dem Bilderbuch

Auf der Insel der kleinen Freiheiten

Wüsten aus Sand und Salz

Über alle Berge

Quo vadis, Iran?

Danksagung

Vorwort

»Wie? Mit dem Auto nach Teheran?« Mein Gatte schaute mich überrascht an. Es war im Frühjahr 2015, als ich den Wunsch äußerte, einmal mit dem Auto nach Iran zu reisen. Er war – nach kurzem Nachdenken – begeistert von dieser Idee. Vier Monate brauchten wir für die Planung, bis wir dann im Juli mit einem vollgepackten Volkswagen Tiguan losfuhren. Sechs Wochen, vierzehn Länder, 10.000 Kilometer hin und zurück, unsere achtjährige Tochter Mina auf dem Rücksitz. Und um 15.000 Euro erleichtert, die wir als Sicherheit beim ADAC für ein »Carnet de Passage« hinterlegt hatten und die wir zurückkriegen sollten, wenn wir den Wagen nicht in Iran verkauften.

In unserem Freundeskreis stieß unser Vorhaben auf Fassungslosigkeit: Viel zu gefährlich, zu anstrengend, ganz schön mutig – so lauteten die Kommentare. Doch für uns wurde es eine der beeindruckendsten Reisen, die wir je unternommen haben. In Iran selbst hatten wir das Gefühl, als einzige Ausländer unterwegs zu sein, zudem noch als Einzige, die ein Dieselfahrzeug fuhren. Zu Hause verfolgten täglich Hunderte unseren Weg anhand der Bilder, die mein Mann auf Facebook postete. Noch heute werden wir auf unser Abenteuer angesprochen.

Ich habe mich bereits als Kind stark mit Iran verbunden gefühlt. Mein Vater hatte in Teheran Medizin studiert und war Ende der 1950er-Jahre nach Deutschland gegangen, um seine Facharztausbildung zu machen. Durch seinen Freund Ali lernte er meine Mutter kennen und lieben. Sie heirateten und beschlossen nach langem Hin und Her, in Deutschland zu bleiben. So kam es, dass ich hier aufgewachsen bin. Dennoch fühle ich mich in meiner zweiten Heimat – trotz der Einschränkungen und Repressionen dort – geborgen und zu Hause, was sicherlich ein Grund dafür ist, dass ich meinem Vater sehr verbunden war und es auch nach seinem Tod noch bin. Nach unserer Autoreise musste ich an eine in Iran gebräuchliche Redewendung denken: »Dein Platz war leer.« So sagt man auf Farsi, wenn man jemanden bei einem tollen Ereignis oder einer Reise sehr vermisst hat.

Mindestens einmal im Jahr fliege – oder fahre – ich in meine zweite Heimat, weil meine Sehnsucht einfach zu groß ist. Während des Ersten Golfkrieges von September 1980 bis August 1988 wurden die Reisen so gut wie unmöglich, und erst im März 2002 flog ich wieder hin – gemeinsam mit meinem Mann ging es auf Hochzeitsreise. Damals begegneten uns auf den Straßen noch viele Frauen im Tschador, inzwischen ist das Land bunter geworden, zumindest in der Hauptstadt Teheran. Die sozialen Netzwerke haben insbesondere die Jugendlichen verändert. Durch Smartphones, Facebook, Twitter und Imo haben sie neue Impulse bekommen. In den westlichen Medien wird das Land oft sehr einseitig dargestellt – es ist fast ausschließlich von den Mullahs, den Hasstiraden gegen die USA und Israel, von den unterdrückten Frauen die Rede. Tatsächlich ist vieles an der Islamischen Republik zu kritisieren, und wer dorthin reist, muss mit einigen Einschränkungen zurechtkommen. Auch Touristinnen müssen Kopftuch tragen und auf eng anliegende Kleidung verzichten. Ein Glas Wein oder ein kühles Bier sind auf legalem Weg nicht zu bekommen, Strandferien im Bikini sind undenkbar. Dafür sind die Menschen sehr aufgeschlossen, gastfreundlich und herzlich. Iraner freuen sich über ausländische Besucher und schließen gern neue Freundschaften mit Fremden.

Mit seinem schlechten Image lag das Land lange Zeit im Dornröschenschlaf. In den vergangenen Jahren ist jedoch ein kleiner Reiseboom nach Iran zu verzeichnen. Von fünf auf zwanzig Millionen soll die Zahl der jährlichen Besucher in den nächsten zehn Jahren steigen, prophezeien Tourismusexperten. Viele Besucher kommen aus den Nachbarländern wie der Türkei, Aserbaidschan oder Afghanistan. Sie kommen als Pilger, um die religiösen Stätten in Iran zu besuchen, oder als Patienten, die sich von gut ausgebildeten Ärzten zu preisgünstigen Konditionen behandeln lassen. Der klassische Kulturtourismus folgt bisher erst auf Platz drei – vor allem ältere Bildungsreisende oder junge Rucksacktouristen erkunden das Land. Iran ist also trotz des Booms noch immer ein touristisch eher unerschlossenes Land – was seinen Reiz ausmacht. Und unter den Vorzeichen der amerikanischen Außenpolitik unter Präsident Trump und der damit einhergehenden wieder repressiven Sanktionspolitik werden die ganz großen Touristenströme wohl noch auf sich warten lassen. Das ist schlecht für die Wirtschaft und die Menschen in Iran, aber gut für die Touristen, die sich für eine Hochkultur ohne Stress und Nepp interessieren.

In Iran ist der Basar noch der Basar, die unzähligen kulturellen Highlights sind mitnichten überlaufen, die Iraner freuen sich wirklich über Besuch. Kreuzfahrtschiffe und sich ungehörig benehmende Touristengangs sind praktisch unbekannt – kurz: Iran ist authentisch, ein Land, keine Kulisse. Es gibt hier so viele verkannte, so viele unbekannte Dinge, und ich hoffe, dass sich der ein oder andere Leser, die ein oder andere Leserin auf den Weg macht, sie zu entdecken. Es muss ja nicht gleich mit dem Auto sein.

Buntes Teheran

Immer wenn ich in der Wohnung meiner Freundin Marzieh bin und aus dem Schlafzimmerfenster schaue, blicke ich direkt auf traumhaft schöne Berge. Teheran breitet sich an den Hängen des Elburs-Gebirges aus. Die meist schneebedeckten Gipfel der vorderen Bergkette sind bis zu 3300 Meter hoch und prägen das Stadtbild. Etwa sechzig Kilometer nordöstlich liegt der Damāwand. Mit seinen gut 5600 Metern ist der erloschene Vulkan der höchste Berg Irans. Ein atemberaubender Anblick, der niemanden kalt lässt. Und ganz ehrlich: In welcher Stadt kann man einen Berg auf Skiern hinabfahren, um dann bei dreißig Grad über einen orientalischen Markt zu schlendern?

Eine Reise nach Iran beginnt meist in der Hauptstadt Teheran, der pulsierenden Metropole am Fuße des Elburs-Gebirges. Die Stadt ist jung, agil, aufgeschlossen und ziemlich westlich geprägt. Vom Islam merkt man hier auf den ersten Blick nicht viel, anders als beispielsweise in Istanbul, wo an jeder Straßenecke der Ruf eines Muezzin von einem Minarett ertönt. Die Frauen sind nicht schwarz verhüllt, alles andere als das: Sie sind bunt gekleidet, modisch mit schönen Handtaschen, wundervoll geschminkten Gesichtern, auf dem Kopf ein kleines farblich passendes Tuch, das die Haare vielleicht zur Hälfte bedeckt. Sie sind gebildet und attraktiv, aber auch eitel und versessen auf Statussymbole. Nasenoperationen sind besonders prestigeträchtig. Junge Iranerinnen stellen gern ihre neu modellierten Gesichtszüge zur Schau, und etliche Frauen tragen die weißen Pflaster deshalb noch lange nach dem Eingriff. Unter manchen Pflastern verbirgt sich nicht einmal eine operierte Nase! Selbst in einigen Geschäften tragen die Schaufensterpuppen weiße Streifen auf ihren Nasenrücken, und auch die Männer greifen tief in die Tasche und lassen sich ihre Nasen für 2000 bis 3000 Euro richten.

Iranerinnen haben schon immer viel Wert auf ihr Äußeres gelegt – weil sie einfach schön sein wollen. Aber wie man sich kleidet, wie stark geschminkt man das Haus verlässt, das hat schon lange auch eine politische Dimension. Dazu später mehr.

Mit knapp fünfzehn Millionen Einwohnern leben etwa zwanzig Prozent der iranischen Gesamtbevölkerung in Teheran. Ende der 1960er-Jahre waren es noch lediglich 4,5 Millionen. Mit der Bevölkerung ist auch das Verkehrsnetz rasant gewachsen: Auf mehr als 600 Kilometern Stadtautobahn und teils sechs- bis achtspurigen Straßen schieben sich Unmengen von Autos durch die Stadt. Es scheint unmöglich, in diesem Chaos sein Ziel heil zu erreichen, aber es funktioniert, wenn auch nach den Teheraner Gepflogenheiten, an die man sich erst einmal gewöhnen muss. Fahrbahnmarkierungen zum Beispiel haben hier eher dekorativen Charakter. Besonders im Kreisverkehr zeigt sich die hohe Kunst des Fahrens, mitunter drängeln sich bis zu zwölf Autos nebeneinander in den Kreis hinein und wieder hinaus. Das Einfädeln wird zur Millimeterarbeit, ständig stehen die Leute im Stau, es wird laufend gehupt. Jedes Mal wenn ich eine der breiten Straßen überqueren muss, kommt es mir vor, als müsste ich eine Mutprobe bestehen.

Inzwischen habe ich gelernt, ohne Probleme auf die andere Seite zu kommen: Ich nehme einfach all meinen Mut zusammen, gehe forschen Schrittes voran und halte dabei meine Hand hoch, um zu signalisieren, dass ich über die Straße möchte. Bisher hat das immer gut geklappt. Es passieren sowieso kaum Unfälle, denn die Regeln sind klar definiert: Wer vorn ist, hat Vorfahrt, und Fußgänger werden grundsätzlich geschont – aggressives Verhalten im Straßenverkehr sieht man eigentlich nie.

Die iranische Hauptstadt ist ein Paradebeispiel eines Großstadtmolochs und versinkt im Smog – besonders in den südlichen Bezirken. Endlose Staulawinen aus uralten, qualmenden Karosserien reihen sich aneinander. An manchen Tagen ist die Verschmutzung so extrem, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden.

Davon abgesehen ist Teheran eine sehr saubere Stadt, in der übrigens keine Hundehaufen herumliegen. Hunde gelten in der iranischen Tradition als unrein und sind verpönt, obwohl heute immer mehr Iraner die Vierbeiner in ihr Herz schließen. Im Norden der Stadt gibt es sogar einen Hundepark, wo sich die Besitzer treffen und gemeinsam Gassi gehen. Dort werden die Haustiere von den konservativen Abgeordneten zähneknirschend geduldet. Doch wehe, man wird mit dem Hund auf der Straße erwischt, dann kann man mit einer Strafe belegt werden. Die Tiere dürfen nicht einmal ihren Kopf aus dem Autofenster halten.

Wenn ich in der Großstadt Teheran unterwegs bin, fahre ich meist mit der Metro. Man erkennt die einzelnen Stationen an einem gelben Symbol mit einem schwarzen Zeichen darauf – es soll wohl eine U-Bahn darstellen. Das Netz ist sehr gut ausgebaut, inzwischen gibt es vier Linien, weitere sind geplant. Und die Metro ist modern – alle paar Minuten kommt eine Bahn. Ellenlange Schächte führen hinunter bis tief in die Erde: endlose Rolltreppen, Marmorfliesen, riesige Werbetafeln. London, Paris, Teheran – auf den ersten Blick sieht man zumindest auf dem Weg zur U-Bahn keinen Unterschied. Die Zugänge zu den Bahnsteigen sind durch Schranken versperrt, ohne gültiges Ticket lassen sie sich nicht öffnen. So kommt man wenigstens nicht in Versuchung schwarzzufahren. Eine Fahrt kostet gerade einmal vierzig Cent, womit die iranische Metro – im Gegensatz zur deutschen U-Bahn – ein äußerst günstiges Fortbewegungsmittel ist. Am besten besorgt man sich eine Chipkarte, die immer wieder aufgeladen werden kann und auch in den Bussen gültig ist.

Täglich werden mehr als zwei Millionen Passagiere befördert. Für Frauen sind die ersten beiden und letzten beiden Waggons reserviert – Women only steht in Englisch auf den Scheiben. In den anderen Abteilen können Männer und Frauen gemischt sitzen. Das klingt etwas paradox, wenn man bedenkt, dass sie in den Bussen wiederum getrennt werden, aber so ist nun mal die Regel.

Die Passagiere sitzen sich auf roten oder blauen Bänken gegenüber. Ringsherum erklingen Handytöne, fast jeder schreibt Kurznachrichten oder surft, da es auch in der U-Bahn Internet gibt. Einige Frauen tragen riesige, schwere Säcke auf ihren Schultern, denn die Teheraner Metro ist gleichzeitig auch ein Basar. Hier gibt es alles zu kaufen: Socken, Handtücher, Putzmittel, Spielzeug, Feuerzeuge – und in den Frauenabteilen auch Unterwäsche oder BHs. Manche Fahrgäste fühlen sich von den Verkäuferinnen belästigt, ich persönlich finde diese Art von Flohmarkt sehr praktisch und habe schon das ein oder andere Nützliche dort gefunden.

Manche Freunde von mir empfinden Teheran als anstrengend, aber ich liebe die Stadt. Der Donnerstag entspricht dem Samstag in Deutschland, deshalb fahren viele Iraner an diesem Tag schon mittags hinauf in die Berge, um das Wochenende dort zu verbringen.

Etwa eine Stunde Autofahrt von Teheran entfernt liegt ein Skigebiet. Je höher man kommt, desto schmaler werden die Straßen, bis schließlich von den sechs bis acht Spuren nur noch ein serpentinenartiger Weg übrig ist, der zum Fuß des Totschāl führt, dem sogenannten Hausberg Teherans. Knapp 4000 Meter hoch ist der Berg und bestens geeignet zum Skifahren. An der Talstation kann man sich für umgerechnet dreißig Euro eine komplette Ausrüstung leihen: Skier, Skihose, Jacke und Schuhe, Handschuhe und Skibrille – natürlich alles hochmodern, nach westlichem Vorbild. Ein Skipass für den ganzen Tag ist für circa zwölf Euro zu haben.

Für europäische Verhältnisse ist das sehr günstig, in Iran ist Skifahren allerdings absoluter Luxus. Ein Arbeiter verdient im Durchschnitt 250 Euro im Monat, und selbst ein Angestellter hat oft nicht mehr als 400 Euro monatlich zur Verfügung. Auf den Pisten vor den Toren Teherans treffen sich das liberale Bürgertum und die Oberschicht des Landes: junge Professoren, Ärzte, Anwälte, Kaufleute und ihre Kinder. Viele von ihnen sprechen sehr gut Englisch oder Deutsch, denn sie haben im Ausland studiert. Mit den Machthabern wollen sie möglichst wenig zu tun haben, sie sind enttäuscht von den sogenannten Reformern und erst recht von der konservativen Regierung. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, sprechen sie ganz offen über Politik und nehmen kein Blatt vor den Mund.

Inzwischen fahren im Winter auch viele Touristen aus dem Ausland zum exotischen Skivergnügen hinauf auf die Gipfel, die so hoch sind wie die Alpen. Im Sommer zieht es immer mehr junge Iraner zum Klettern in die Berge. Eine 2012 neu errichtete, große Berghütte auf dem Damāwand bietet auf 4200 Metern Höhe Unterschlupf. Wandern und Bergsteigen haben eine lange Tradition in Iran – vor allem Frauen haben den Klettersport seit der Islamischen Revolution für sich entdeckt. Denn oben in den Bergen können sie wunderbar durchatmen, fernab vom Dauersmog der Stadt. Vor allem aber haben sie ihre Ruhe vor den Sittenwächtern: Für die jungen Iranerinnen ist das Skifahren eine ideale Gelegenheit, den strengen Moral- und Kleidervorschriften für ein paar Stunden zu entkommen. Oben auf dem Berg gibt es niemanden, der sich um das unter der Wollmütze oder dem Skihelm hervorguckende Haar, das exzessive Make-up, die zu kurzen Skijacken oder das Händchenhalten der jungen Liebespaare kümmert.

Meine Freunde und ich wollen Skilaufen. Eine Gondelbahn, die noch aus der Schah-Zeit stammt und eine Weile mit zwölf Kilometern die längste der Welt war, führt uns hinauf. Zweimal müssen wir umsteigen, bis wir auf dem Gipfel des Totschāl angelangt sind. Auf 3900 Metern erwartet uns gleißender Schnee und ein atemberaubender Blick auf Teheran. Die Lifte surren wie in den Schweizer Alpen, die Pisten sind gepflegt, in den kurzen Wartezeiten am Skilift herrscht reger kommunikativer Austausch (»Wo kommst du her, wie gefällt es dir?«), und es hagelt wie immer in Iran herzlich gemeinte Einladungen. Das Skigebiet von Totschāl ist zwar nicht besonders groß, aber dennoch nicht überlaufen. Bis in den Mai oder Juni hinein sind die Pisten noch in bestem Zustand. Beseelt schwingen wir abwärts, über unseren Köpfen schweben lila Gondeln mit Milka-Schokoladenwerbung.

Die jungen Städter sind genauso gekleidet wie alle Europäer in den alpinen Skigebieten. Sie genießen es, hier auf dem Totschāl an einem der wenigen Orte zu sein, an denen sie die Grenzen der Scharia-Gesetze nicht nur ausreizen, sondern auch überschreiten können. Pärchen kuscheln sich im Schnee aneinander und tauschen heimlich Küsschen aus. In einer Berghütte am Fuße der Piste stillen sie ihren Hunger mit leckerem iranischen Hüttenschmaus: Omelette mit Essiggurken und Pommes, Linsensuppe oder Kebab mit Reis. Gegessen wird an großen Holztischen, die vor roten Kunstlederbänken stehen. Die Frauen ziehen ohne Scham ihre Skiklamotten und Mützen aus. Ein iranischer DJ legt flotten Perser-Techno auf, und angeblich gibt es an den Wochenenden sogar verrückte Partys auf den Skihütten, auf denen Alkohol ausgeschenkt wird. Willkommen in der Islamischen Republik Iran! Vermutlich wird es Zeit, einige unserer westlichen Vorurteile gegenüber diesem Land zu überdenken.

Teheran liegt 1200 Meter über dem Meeresspiegel und ist – trotz der von Autoabgasen verpesteten Luft – eine sehr grüne Stadt, in der man herrliche Spaziergänge machen kann. Die Straßen sind von Bäumen gesäumt. Neben den Bordsteinen verlaufen Rinnen, über die einst ein Teil der Stadt mit Wasser versorgt wurde. Heutzutage wird dieses Wasser von den Stauseen geliefert, und die Bordsteinbächlein haben die liebenswerte Aufgabe erhalten, die Straßenbäume zu wässern.

Mitten im Zentrum von Teheran liegt der Lāleh-Park, eine grüne Lunge, die vor allem ein beliebter Treffpunkt für Schachspieler ist. Die Iraner beherrschen dieses Spiel ausgezeichnet, schließlich ist Iran das Geburtsland dieses Brettspiels. Schon als kleines Kind habe ich die Regeln von meinem Vater gelernt; regelmäßig holte er sein Schachbrett aus Holz mit wunderschönen Intarsien aus dem Regal und spielte mit mir. Schach – was im Persischen Schatrandsch heißt – wurde erstmals um 600 vor Christus erwähnt. Es gibt verschiedene Theorien über den Ursprung des Spiels. Viele sehen ihn in Indien, aber in Iran wurden nachweislich die Regeln definiert; von hier aus hat sich das Schachspiel verbreitet. Die Araber haben es dann im 10. Jahrhundert nach Spanien gebracht, und im Mittelalter entwickelte es sich zum beliebtesten Denkspiel Europas.

Nicht weit vom Lāleh-Park entfernt, circa zehn Kilometer in Richtung Norden, liegt die reizvolle Tabiat-Brücke (wörtlich übersetzt »Naturbrücke«). Mit insgesamt 2000 Tonnen Stahl und 10.000 Kubikmeter Beton ist sie ein architektonisches Meisterwerk, welches nur zu Fuß überquert werden kann. 2014 wurde die Brücke eröffnet – entworfen hatte sie die damals erst 31-jährige Architektin Leila Araghian. Sie führt über einen Highway und verbindet zwei Parkanlagen miteinander: den Taleghani-Park und den Ab-o-Atasch-Park (iranisch für »Wasser-und-Feuer-Park«). Frau Araghian habe mit der Brücke nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Punkten entwerfen wollen, erklärte sie in einem Interview mit Al Jazeera: »Es ist üblich, dass Brücken geradlinig entworfen werden. Und gerade Linien fordern quasi dazu auf vorwärtszugehen. Ich hatte aber den Wunsch, dass die Menschen auf meiner Brücke bleiben. Die Brücke ist nicht nur eine Struktur, die zwei Punkte miteinander verbindet, sondern auch ein Ort, an dem Menschen sich aufhalten und Spaß haben können.«

Es erfülle sie mit großer Freude, dass die Umsetzung ihrer Version so gut gelungen sei, zumal die Tabiat-Brücke ihr erstes Projekt gewesen ist. Von iranischen Architekturkennern wird das Bauwerk bereits als drittes Wahrzeichen der Hauptstadt nach dem Azadi-Turm und dem Borj-e Milad (dem Fernsehturm) gehandelt. Am Tag hat man von der 270 Meter langen Brücke aus einen wunderbaren Blick auf die Berge, und bei Nacht leuchtet sie in wechselnden Farben – ein echter Augenschmaus. Allerdings lassen die kulinarischen Begebenheiten auf der Brücke etwas zu wünschen übrig: Entweder sind die Restaurants teuer, oder man muss sich mit Fast Food zufriedengeben. Dennoch sollte man unbedingt einen Spaziergang auf ihr einplanen.

Wenn ich mit meiner Familie Urlaub in Teheran mache, gehen beziehungsweise fahren wir mindestens einmal auf den Borj-e Milad. Das Gebäude ragt 435 Meter in den Himmel und ist damit der höchste Turm des Landes. Zu dem Komplex gehören auch ein Fünfsternehotel, Galerien sowie ein Delfinarium – angeblich das größte und höchstgelegene der Welt. Während der Shows haben 1200 Besucher dort Platz. Insgesamt zwölf Stockwerke hat der Turm. Man kann mit einem ultraschnellen Glasaufzug auf die verschiedenen Ebenen fahren, oder man steigt die 1866 Stufen hinauf. Im Dezember 2017 gab es zum zweiten Mal einen internationalen Treppenlauf-Wettbewerb, an dem sowohl Männer als auch Frauen teilnahmen und mit Preisgeldern im vierstelligen Eurobereich belohnt wurden. Ich persönlich fahre lieber mit dem Fahrstuhl bis auf 276 Metern Höhe und setze mich dort ins Restaurant. Es dreht sich um die eigene Achse, und man hat einen wunderbaren Blick auf die gesamte Metropole.

Zu meinen Lieblingsorten in Teheran gehört der Dschamschidieh-Park ganz in der Nähe des Schah-Palastes – dort gibt es künstliche Wasserläufe, einen Wasserfall und einen See. Entlang der Wege stehen stabile Fitnessgeräte, an denen ich gern trainiere. Sie sind kostenlos und auch für Frauen zugänglich. Apropos Sport – es gibt sogar Parks, in denen nur weibliche Besucher willkommen sind! An den Eingängen stehen Frauen in blauen Uniformen und mit weißen Stoffhandschuhen und beobachten ganz genau, wer hier ein und aus geht. Die Öffnungszeiten sind allerdings begrenzt, damit die freizügig gekleideten Damen auf keinen Fall mit den männlichen Gärtnern zusammentreffen.

Wenn jedoch der heilige Fastenmonat Ramadan beginnt, dann sind die Parks und Straßen in den Städten wie leer gefegt. Eine harte Angelegenheit: Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dürfen alle Muslime, die physisch dazu in der Lage sind, weder essen noch trinken. Je nach Jahreszeit können das bis zu fünfzehn Stunden sein. In diesem Zeitfenster sind das Essen und Trinken in der iranischen Öffentlichkeit auch per Gesetz verboten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich vor einigen Jahren mit meiner damals fünfjährigen Tochter durch Teheran lief. Sie hatte Hunger, und so versuchte ich, in einem Restaurant etwas zum Essen zu bekommen. Doch Fehlanzeige – nirgendwo hatten wir Glück, und so sind wir mit knurrendem Magen wieder nach Hause gegangen. Falls Sie also eine Reise nach Iran planen, erkundigen Sie sich vorab vielleicht besser nach der Fastenzeit.