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Ein Land mit Repressionen, hoher Arbeitslosigkeit und Kontrollen durch Sittenwächter einerseits, erwachender Lebenslust und einem relativ gut funktionierenden Alltag andererseits. Die Deutsch-Iranerin Bita Schafi-Neya ist zwischen beiden Kulturen aufgewachsen und erzählt von der Gastfreundschaft der Iraner, von Persisch Neujahr und Haft-Sin, von Taarof – iranischen Höflichkeitsfloskeln – und von ihren Touren durch glitzernde Salzwüsten und blühende Gärten. Und sie gewährt uns Einblicke in das Privatleben junger Iraner. Sie war zu Gast auf einer illegalen Geburtstagsparty und hat einen der größten Schönheitssalons von Teheran besucht. Während die Mullahs versuchen, das Land zu regieren, nehmen die Jugendlichen sich ihre Freiheit. Sie surfen im Internet, verliebte Pärchen schlendern Hand in Hand durch die Parks und die Frauen sind – trotz Kopftuchzwang – selbstbewusster denn je. Auch auf die jüngere Geschichte Irans, den Kurs des neuen Präsidenten Rohani und die Einigung in der Atompolitik wirft diese Reportage ein neues Licht.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2016
Bita Schafi-Neya
MÖGEN DEINE AUGEN LEUCHTEN
Meine Reise durch den Iran
Bita Schafi-Neya
MEINE REISE DURCH DEN IRAN
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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1. Auflage 2016© 2016 by Braumüller GmbHServitengasse 5, A-1090 Wien
www.braumueller.at
Bildnachweis: Archiv Bita Schafi-NeyaCoverfoto: flickr.com | Blondinrikard Fröberg (CC BY 2.0)Hintergrundtextur (Umschlag): shutterstock.com | © ApostropheLektorat: Mario WurmitzerISBN der Printausgabe: 978-3-99100-177-5
ISBN E-Book: 978-3-99100-178-2
Für meinen Vater
IRAN, DAS UNBEKANNTE LAND HINTERM SCHLEIER
Erzähl den Deutschen, dass es im Iran anders ist
Der Duft von Persien
Iranische Gastfreundschaft
Teheran auf eigene Faust
Ein Imperium bricht zusammen – der Sturz Mossadeghs
DIE JUGEND IM AUFBRUCH
Flirtstau in der Millionenstadt
Schnee garantiert – Ski fahren auf fast 4.000 Metern Höhe
Schönheitswahn in Teheran
444 Tage Geiselhaft
„Nieder mit den USA“
ZWISCHEN BLÜHENDEN GÄRTEN UND GLITZERNDEN WÜSTEN
Saveh – die Stadt der Granatäpfel
Ausflug in die Wüste
Sofreh-e Haft Sin
Yalda-Nacht – die längste Nacht des Jahres
Verborgene Schätze im Keller
Der Sturz des Schahs
DAS KASPISCHE MEER, DER BASAR UND DIE REVOLUTION
Das Meer meiner Kindheit
Heimatgefühle in Täbris
Leben in „Honigwaben“
Khomeini kehrt zurück
FÜNFTAUSEND KILOMETER BIS TEHERAN
Mit dem Auto über die türkisch-iranische Grenze
Baden im Urmiasee
Arak – Versuch einer Partnerschaft
Besuch eines armenischen Gottesdienstes
Die Grüne Revolution
QUO VADIS, IRAN?
Austoben auf der Insel Kisch
Zwischen Mullahs und mutigen Frauen
Ahmadinedschad und seine Unterdrückungspolitik
Altes Land und neue Hoffnung
37 Jahre nach der islamischen Revolution – wo steht Iran heute?
Epilog – „Mögen deine Augen leuchten“
Wenn ich als Kind sauer oder wütend war, packte ich meine kleine blaue Reisetasche, ging zur Haustür und sagte zu meinen Eltern: „Tschüss, ich gehe jetzt nach Iran.“ Noch heute erzählt meine Mutter diese Geschichte mit einem Schmunzeln im Gesicht. Inzwischen ist Iran so etwas wie meine „zweite Heimat“ geworden.
Aufgewachsen bin ich in Hamburg, doch schon in meiner Kindheit fühlte ich mich zu diesem märchenhaften Land hingezogen. Immer wieder spürte ich eine gewisse Sehnsucht. Die Ferien haben wir des Öfteren im Iran verbracht. Teheran war damals viel fortschrittlicher als beispielsweise Hamburg. Es gab riesige Einkaufszentren mit der neuesten Mode, die der Schah aus Paris einfliegen ließ. Meine Mutter erinnert sich noch heute an ihren ersten Aufenthalt im Iran – es muss so Anfang der 60er-Jahre gewesen sein. Als sie ihre Kleider zur Reinigung brachte und wieder abholte, war alles auf Bügel gehängt und in Folie geschlagen. Teheran hatte internationales Flair – viele Ausländer aus Europa und Amerika arbeiteten in der iranischen Hauptstadt. Und ihre Kinder besuchten eine der zahlreichen internationalen Schulen. Es gab sogar deutsche Lebensmittel in den riesigen Supermärkten.
Jedes Mal, wenn ich nach Iran reise, reagiert mein Umfeld ganz unterschiedlich. Manche gucken mich mit großen Augen an und sagen: „Bist du verrückt, das ist doch viel zu gefährlich.“ Andere wiederum beneiden mich: „Oh, wie aufregend, viel Spaß, nimm mich mit.“
Immer wieder höre ich die Frage: „Wird dort eigentlich arabisch gesprochen?“ Nein, Iran ist indogermanisch und bedeutet „Land der Arier“. Die Iraner begreifen sich als eines der bedeutendsten Kulturvölker der Welt. Vor allem aber sind sie keine Araber. Weitere Fragen nach Terrorgefahr, Kleidungsvorschriften, Stellung der Frau, Atommacht folgen. Die Propagandaschlachten der letzten Jahrzehnte haben Wirkung gezeigt und so wird in den Medien selten positiv über Iran gesprochen: totalitäres Regime, fundamentalistischer Mullahstaat und Israelkonflikt sind einige der Schlagwörter, die immer wieder zu hören oder zu lesen sind. Wenn der Name dieses Landes in den Nachrichten auftaucht, dann sorgt seine Erwähnung meist für Unruhe, aktuell auch im Konflikt um Syrien, weil Iran in dessen Oberhaupt Assad einen Verbündeten sieht. Fernab des politischen Parketts weiß kaum jemand etwas über Iran – über die Menschen, das Leben und das Land. Ein Land, das von Widersprüchen geprägt ist: langbärtige Mullahs und Unterdrückung einerseits – rauschende Partys und schönheitsoperierte Nasen andererseits.
Iran ist aber auch ein Land mit alter Kultur und fast fünfmal so groß wie Deutschland. Die „persische Hochkultur“ ist noch überall zu spüren, auch wenn die Regierung sich wenig für den Erhalt ihrer Kulturschätze einsetzt. Die Liste der Sehenswürdigkeiten ist lang: die blaue Moschee von Isfahan, die Stadt Shiraz, in der die bedeutenden Dichter Hafez und Saadi begraben sind, oder Persepolis. Aber auch der Moloch Teheran mit seinen wahrscheinlich 15 Millionen Einwohnern, seiner verpesteten Luft, seinem Netz von Stadtautobahnen ist reich an Stätten, deren Besuch sich lohnt. Der Sitz des Schahs von Persien ist heute ein Museum. Die Böden sind so kostbar, dass die Besucher Überschuhe aus Baumwolle anziehen müssen. Die Erinnerung an den letzten Schah verblasst bei den meisten Iranern zwar immer mehr. Doch die Monumente aus den Zeiten der großen persischen Dynastien sind für sie noch von großer Bedeutung.
In den Ferien und an den Feiertagen pilgern Tausende zur Ruinenstätte von Persepolis. Sie treffen sich zum Picknick auf dem großen Platz von Isfahan, zwischen den Palästen und Moscheen von Schah Abbas I. aus dem 17. Jahrhundert oder trinken Tee unter der Si-o-Se-Pol-Brücke, auch 33-Bogen-Brücke genannt.
Fühlst du dich eigentlich mehr als Deutsche oder als Iranerin? Diese Frage wurde mir schon oft gestellt und jedes Mal konnte ich keine richtige Antwort geben. Als mein Vater im Jahre 2008 durch einen tragischen Autounfall ums Leben kam, wuchs meine Sehnsucht nach diesem wunderbaren Land ins Unermessliche. Schließlich machte ich mich auf die Suche nach meinen Wurzeln. Ich flog für ein paar Wochen nach Teheran, um dort beim staatlichen Sender IRIB (Islamic Republic of Iran Broadcasting) zu arbeiten.
Inzwischen reise ich mindestens einmal im Jahr nach Iran. Dann lege ich mir mein Kopftuch um – denn das ist Pflicht – und setze mich ins Flugzeug. 2014 habe ich vier Monate dort verbracht, zusammen mit meiner achtjährigen Tochter Mina. In dieser Zeit habe ich mir ein ganz persönliches Bild vom heutigen Iran gemacht – ein wunderschönes, unbekanntes Land, für das mein Herz schon ewig schlägt. Immer wieder geben meine Freunde aus Teheran mir mit auf dem Weg: „Sag den Deutschen, dass es im Iran anders ist.“ Iran wird leider oft einseitig dargestellt. Nur wenige wissen, dass es dort viele Juden gibt mit eigenen Synagogen und Schulen. Es besteht auch das Vorurteil, dass Frauen viele Dinge nicht dürfen. Der Westen hat meist nur ein Bild im Kopf: graubärtige Männer in Führungspositionen, die versuchen, Politik zu machen und über das Atomprogramm zu verhandeln. An den Konferenztischen sitzt keine einzige Frau, wenn über die Zukunft des Landes entschieden wird. So zeigt sich Iran – und wir im Westen nehmen es so hin. Die Frauen haben ihr Kopftuch zu tragen und ihre Meinung ist nicht gefragt. Doch die Realität sieht anders aus. An den Universitäten beispielsweise herrscht eine Frauenquote von mehr als 60 Prozent.
Beim Wettbewerb um die Bewerbung eines Studienplatzes belegen die Frauen jedes Jahr die vorderen Plätze, in Naturwissenschaften, Sprachen, Kunst. Und sie machen die besseren Abschlüsse. Kaum einer weiß, dass es im Iran mehr Frauen in Führungspositionen gibt als in Deutschland. Sie fahren Fahrrad, sie wandern gern und sie machen oft Picknick in einem der großen Parks von Teheran. Entlang der Wege durch die Parkanlagen stehen stabile Fitnessgeräte, an denen jeder kostenlos trainieren kann. Sogar verschleierte Frauen treiben hier Sport. Dass die Frauen gemeinsam mit den Männern Sport machen, sehen die Mullahs nicht gern. In den großen Städten gibt es deshalb eigene Frauensportzentren mit Schwimmhalle, Volleyball-, Badminton- oder Tennisplätzen. Und hätten Sie gedacht, dass viele Frauen sogar von zu Hause aus arbeiten, zum Beispiel bei Radio IRIB? Sie melden sich per Computer im Redaktionssystem an und schreiben oder übersetzen Nachrichten.
Abgesehen von der politischen Lage ist Iran wirklich ein faszinierendes Land, facettenreich und geheimnisvoll. Natürlich gibt es eine Linie, die man nicht überschreiten darf; es gibt Repressionen, das darf man nicht vergessen. Aber unterhalb dieser Regimeebene gibt es einen ganz gut funktionierenden Alltag, den ich bei meinen vielen Aufenthalten im Iran am eigenen Leib gespürt und erlebt habe.
Als ich nach Jahren mal wieder in Teheran mit dem Flugzeug lande, umfasst mich gleich ein heimisches Gefühl. Der Flughafen Imam Khomeini ist sehr modern und hell. Anders als der alte Flughafen Mehrabad, der eher einer Bruchbude ähnelte. Die Menschentraube bewegt sich Richtung Passkontrolle. Rechts stehen die ausländischen Staatsbürger an, links die iranischen. Alle Passagiere werden zügig abgefertigt. Bald bin auch ich an der Reihe. Der Kontrolleur nimmt meinen Pass entgegen, tippt irgendetwas in den Computer und guckt mich an. Ich bin gespannt, ob alles gut geht. Aber warum nicht, schließlich bin ich schon öfter ohne Probleme nach Iran gereist – was sollte also schiefgehen? Trotzdem fängt mein Herz an zu klopfen. Aber der freundliche Beamte begrüßt mich auf Farsi – der amtlichen Landessprache – und wünscht mir eine schöne Zeit. Ich gehe zur Kofferausgabe und stelle mich neben das Laufband. Die meisten Passagiere sind Iraner. Nur eine kleine Gruppe deutscher Touristen und ein paar Geschäftsleute warten auch auf ihr Gepäck.
Neben mir steht ein älterer Herr mit weißen Haaren, elegant gekleidet. Er spricht mich an und fragt, ob ich seinen Koffer vom Laufband heben kann. „Bale, ba kamale mail. – Ja, gerne“, antworte ich. Ich nehme den schwarzen, großen, schweren Koffer und wuchte ihn auf den Gepäckwagen. Der Mann bedankt sich freundlich und verabschiedet sich. Wenig später kommen auch meine Koffer. Einer von ihnen ist voller Gastgeschenke – Iraner kommen und gehen niemals mit leeren Händen. Ich schiebe meinen Gepäckwagen Richtung Zollkontrolle. Gelangweilt sitzt der Zöllner auf seinem Stuhl und winkt mich durch. Am Ausgang stehen viele Familien mit riesigen Blumensträußen in der Hand und warten auf ihre Angehörigen. Im Iran kommen immer gleich alle Familienmitglieder mit zum Flughafen. So kann es schon mal vorkommen, dass etwa 40 Leute nur eine Person abholen.
Auch die Nichte meines Freundes Reza und ihre Mutter stehen schon am Ausgang hinter der Glasscheibe. Sie begrüßen mich freudestrahlend auf typisch iranische Art und Weise, mit Küsschen rechts, links und rechts.
Wir gehen zu ihrem Auto und machen uns auf den Weg nach Teheran. Der Flughafen liegt etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt. Obwohl es schon fast Mitternacht ist, herrscht auf den Straßen immer noch reges Treiben. So dauert die Fahrt in die Hauptstadt fast zwei Stunden. Ich bin müde und möchte eigentlich ins Hotel. Aber Firouzeh und Layla überreden mich, mit ihnen nach Hause zu kommen. Es ist fast unmöglich, die Gastfreundschaft der Iraner auszuschlagen. Sie lassen es einfach nicht zu. Wer es versucht, muss sich auf ein Wechselspiel an Höflichkeiten einlassen. „Nein danke, das kann ich nicht annehmen.“ – „Doch, kommen Sie bitte mit.“ – „Nein danke, wirklich nicht.“ – „Keine Widerrede.“ Taarof heißt dieses Ritual, welches Iraner bei jeder Möglichkeit anwenden. Jeder versucht, es dem anderen so recht wie möglich zu machen und ihn an Höflichkeit zu überbieten. Dabei kommt es manchmal zu Missverständnissen, denn sogar Iraner wissen oft nicht, welche Einladung von Herzen kommt und welche man unbedingt ausschlagen muss. Ich nehme die Einladung schließlich an. Firouzeh und Layla sind voller Freude. Sie wohnen im Norden von Teheran, in einem Wohnblock mit zehn Parteien. Laylas Bruder Ramin empfängt uns unten an der Haustür und schleppt meine beiden schweren Koffer hoch in den fünften Stock. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Vor der Tür ziehen wir alle unsere Schuhe aus. Ein Haus oder eine Wohnung wird traditionellerweise niemals mit Schuhen betreten. In größeren Städten ist diese Sitte allerdings schon fast verloren gegangen.
Firouzeh fragt mich, ob ich Hunger habe. Ich sage Nein, aber trotzdem macht sie mir etwas zu essen: Hähnchen mit Safran und dazu den typisch iranischen Reis. Es duftet herrlich nach verschiedenen Kräutern – wie bei uns zu Hause in Deutschland, wenn mein Vater gekocht hat. Minuten später ist der Tisch mit Köstlichkeiten gedeckt: iranischer Tee aus dem Samowar, Obst, Pistazien, Datteln und natürlich Shirini (Süßigkeiten). Die Wohnung ist typisch iranisch eingerichtet: mit Ornamenten verzierten, schnörkeligen Möbeln – die Stühle sind mit Plastikfolie bedeckt.
Die Iraner lieben es, alles in Folie einzuwickeln, denn es könnte ja etwas schmutzig werden. Selbst die Tischdecken und die Fernbedienung werden mit Folie überzogen. Manche gehen sogar so weit, dass sie die Folie in ihrem Neuwagen dran lassen. Sonnenschutz auf den Sitzen oder dem Schaltknüppel; jeder soll schließlich glauben, der Wagen sei nagelneu.
Wir sitzen alle um den Tisch herum und unterhalten uns. Es ist schon spät, eigentlich möchte ich nun endlich ins Hotel, aber das kommt natürlich nicht infrage. Layla räumt extra ihr Zimmer für mich. So verbringe ich meine erste Nacht bei Rezas Familie. Am nächsten Morgen gibt es Frühstück: Spiegeleier, Schafskäse, Honig, Karottenmarmelade, Gurken und Lavash – dünnes iranisches Fladenbrot.
Später fahren Layla und ich in die Stadt in Richtung deutscher Botschaft. Wir nehmen ein Taxi, denn durch die vielen Autos auf den Straßen sind einige Viertel der Innenstadt nur eingeschränkt befahrbar. An einem Tag sind nur Fahrzeuge mit gerader Kennzeichen-Endziffer zugelassen, am nächsten Tag die mit ungerader Endziffer. Registrierte Taxifahrer unterliegen keinen Beschränkungen. Wer beruflich zu tun hat oder Anwohner ist, muss sich jedoch ausweisen. Taxis gibt es auf den Straßen reichlich zu sehen, weiße, gelbe, grüne oder schwarze. In einigen sitzen auch Frauen am Steuer – Taxis extra für weibliche Fahrgäste. Wir halten ein Taxi an und steigen ein. Der Fahrer hat das Radio eingeschaltet. Aus den Lautsprechern ertönt amerikanische Popmusik. Während der Fahrt erfahren wir viel über Iran, wie es den Menschen geht, was sie sich wünschen und wie sie über Politik denken. Ali, der Taxifahrer, steuert seinen Paykan – eine iranische Automarke – die Straße entlang. Es ist schwül an diesem Tag, schwarze Wolken hängen über der Stadt. Die Teheraner mögen den Regen, weil er so selten ist. Ali kommt ins Plaudern; „Viele Iraner haben drei, vier Jobs, um sich über Wasser halten zu können“, erzählt er. „1 Liter Benzin kostet 700 Tuman, das sind etwa 20 Cent. Taxifahrer bekommen einen Zuschuss, doch der ist nach ein, zwei Wochen aufgebraucht, und dann müssen wir den normalen Preis bezahlen. Außerdem hat die Regierung die Subventionen für Strom, Wasser und Brot gekürzt. Das Geld reicht also hinten und vorne nicht.“ Ali hat eine Frau und zwei Kinder zu versorgen. Manchmal weiß er nicht, wie es weitergehen soll. „Wenn die Regierung nicht bald etwas tut, wird es mit der Wirtschaft im Iran weiter den Bach runtergehen“, beklagt Ali. Wer keinen Job hat, hat es schwer in diesem Land. Offiziell liegt die Inflationsrate bei 15 Prozent, gefühlt weit darüber. Zwischen umgerechnet 250 und 400 Euro beträgt ein durchschnittliches Monatseinkommen. Eine Wohnung zu mieten, kostet um die 150 Euro.
Nach einer halben Stunde sind wir an der deutschen Botschaft angekommen. Ali möchte für die Fahrt 30.000 Tuman, das sind umgerechnet etwa neun Euro. Taxifahren ist im Iran im Vergleich zu Deutschland sehr günstig. Allerdings muss man als Tourist aufpassen, dass der Taxifahrer einen nicht übers Ohr haut.
Vor dem Eingang stehen iranische Jugendliche Schlange. Layla hat mich gefragt, ob ich ihr ein Visum für Deutschland besorgen kann – eine oft an mich gerichtete Frage. Wir kommen ins Gespräch mit den anderen, die auch warten.
Viele von ihnen – vor allem junge Menschen – haben keine Lust mehr, sich dauernd alles vorschreiben zu lassen. Payam steht auch in der Reihe: „Ständig mischt sich die Politik in unser Leben ein. Ich kann keine Party machen, keine Ausstellung organisieren – nichts, ohne dass ich mich hundertmal anmelden muss und ständig kontrolliert werde“, sagt der 24-jährige Kunststudent. Er und seine Freunde – Physiker, Mathematiker, Informatiker sind darunter – wollen weg. Und Deutschland ist derzeit jenes westliche Land, in dem junge Iraner die vergleichsweise besten Chancen auf ein Visum und einen Studienplatz sehen. Meine Freundin Layla hat gerade ihr Abitur bestanden und möchte auch gerne in Deutschland studieren. Doch eines der begehrten Visa zu bekommen, ist nicht leicht. 60 Millionen Tuman, das sind umgerechnet etwa 18.000 Euro, müssen bei der deutschen Botschaft hinterlegt werden. Kaum einer kann es sich also leisten, das Land zu verlassen. Meist schaffen es nur die Reichen oder diejenigen mit guten Beziehungen.
Immerhin spielt jeder dritte Junge aus dem Mullah-Staat ernsthaft mit dem Gedanken, seine Heimat zu verlassen – und das in einer Gesellschaft, in der mehr als 70 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt sind. Weil sie eine Zukunft haben wollen, die ihnen dieses Land immer weniger bieten kann. Die Sanktionen des Westens haben „die chronische Wirtschaftskrise“ weiter verschärft, die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei gut 15 Prozent.
Doch nach Meinung von Experten dürfte die Zahl weitaus höher liegen. Ein Grund dafür ist der Bevölkerungsanstieg. In den vergangenen 20 Jahren hat sich beispielsweise die Einwohnerzahl von Teheran verdoppelt. Es fehlen Lehrstellen und Studienplätze – die Schulen sind überfüllt. Das Studium an den staatlichen Universitäten ist frei. An den privaten Unis kostet das Semester zwischen 500 und 800 Euro. Mein Freund Massud ist verzweifelt. Vor einem Jahr hat er bereits sein Studium abgeschlossen und noch immer keine Arbeit gefunden. „Ich möchte so gerne eine Familie gründen, aber ohne Geld? Wie soll das gehen?“ Es sei ohnehin schwierig, eine Frau zu finden. Seinen Erfahrungen nach kämen auf einen Iraner etwa zwei Frauen, aber die seien oft nur auf Geld aus und wollten keinen armen Schlucker, beklagt Massud. „Viele Paare im Iran schließen eine Ehe auf Zeit – eine sogenannte Sighe“, sagt er. Sie kann von einigen Stunden bis zu 99 Jahre dauern. Die einzige Bedingung ist, dass die zwei Partner miteinander einen Ehevertrag abschließen. Er legt die genaue Dauer der Zeit-Ehe fest und die finanzielle Summe, die der Mann der Frau bei Abschluss des Vertrages zahlt. Der Mann darf schon verheiratet sein und braucht seine Frau über die Zeit-Ehe nicht zu informieren. Die Frau hingegen muss ledig sein. Manchmal wird solch eine Sighe auch als „Ehe auf Probe“ gewählt oder weil eine normale Hochzeit zu teuer ist. Allerdings sind viele Frauen gegen eine solche Heirat, deshalb ist sie auch nicht unbedingt üblich. In einer solchen Beziehung haben Ehefrauen und deren Kinder nicht die gleichen Rechte und Privilegien wie bei einer regulären Vermählung. Bei einer Sighe müssen der Mann und die Frau ihr Einverständnis erklären.
Heiratet eine Frau zum ersten Mal, braucht sie außerdem die Zustimmung ihrer Eltern. Die Stellung der Frau ist im Iran ohnehin ein schwieriges Thema. Sie werden systematisch benachteiligt, so gelten Mädchen ab neun Jahren als strafmündig, Jungen erst ab fünfzehn. Frauen erhalten weniger Erbe als ihre Brüder und so gut wie nie das Sorgerecht für ihre Kinder. Wenn sie arbeiten oder ins Ausland reisen wollen, müssen sie ihren Mann um Erlaubnis fragen.
Nach anderthalb Stunden sind wir endlich an der Reihe. Der Beamte am Schalter guckt sich Laylas Akte genau an. Doch er hat keine gute Nachricht, leider wurde das Visum nicht genehmigt – ohne Begründung. Betrübt verlassen wir die deutsche Botschaft wieder. Draußen vor der Tür wartet mein Bekannter Massud. Er möchte uns gerne das Goethe-Institut zeigen, wo er Deutsch lernt. Es liegt im Nordosten der iranischen Hauptstadt. Mit der Metro sind es von der deutschen Botschaft aus ein paar Stationen. An der Station Gholhak steigen wir aus und gehen ein paar Meter zu Fuß. Hier herrscht zwar auch viel Verkehr, doch die Luft ist gleich deutlich angenehmer. Die Schule liegt hinter einer hohen Steinmauer. Vorne an der Tür steht „Deutsches Sprachinstitut“. Obwohl nach dem Goethe-Prinzip gelehrt wird, darf die Schule sich nicht Goethe-Institut nennen – weil Rudi Carrell am Abend des 15. Februar 1987 in seiner Satiresendung „Rudis Tagesschau“ verschleierte Iranerinnen Unterwäsche auf Ajatollah Khomeini werfen ließ. Nur 14 Sekunden dauerte die Sequenz und löste doch ein politisches Erdbeben aus. Iran zog seinen deutschen Botschafter ab, verwies zwei deutsche Diplomaten, den stellvertretenden deutschen Botschafter sowie den Kulturattaché, des Landes und schloss seine Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt. IranAir stellte seine Flüge nach Deutschland ein. Auch für das Teheraner Goethe-Institut bedeutete der Eklat das Ende. Durch das iranische Fernsehen erfuhren die Mitarbeiter von der Schließung. Sogar die Tagesschau berichtete über die Folgen von Carrells Sketch. 1995 wurde das Institut wieder eröffnet und seitdem heißt es „Deutsches Sprachinstitut Teheran (DSIT)“. Es ist zwar eigenständig, stellt aber alle wichtigen Deutsch-Zertifikate aus.
„Damit die Arbeit des Instituts nicht leidet, wird nicht über alles – oder besser gesagt über vieles – nicht gesprochen“, sagt Massud. Denn 2004 musste das Institut für ein paar Jahre erneut schließen. Es hätte nicht die „erforderliche Genehmigung“ gehabt, wurde damals der Botschaft lapidar mitgeteilt. Tatsächlich dürften politische Motive dahintergesteckt haben.
Im Innenhof der Schule stehen Stühle und Tische zum Verweilen. Die Schüler haben Pause und sitzen unter Walnuss-, Eukalyptus- und Olivenbäumen. In der Mitte steht ein kleiner Tisch. Der Kies auf den Wegen knirscht unter den Schuhen – am Kiosk gibt es Gummibärchen und Schokoriegel aus Deutschland, Tee und Saft. Wir betreten die Schule und schauen uns neugierig um. Im großen Klassenraum mit Blick auf den Innenhof gibt die Lehrerin erste Anweisungen. Heute geht es um „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing. 15 Studentinnen und Studenten sitzen im Kreis. Sie wirken fröhlich, neugierig und selbstbewusst. Die Finger schnellen nach oben, alle wollen gerne die Szene zwischen Mellefont und seiner Geliebten spielen. Die meisten Schüler wollen in Deutschland einen Master machen oder promovieren. Sami macht schon ihren vierten Kurs in der Mittelstufe. Zoe studiert Medizin an der Teheraner Universität. Ein Kurs am Deutschen Sprachinstitut dauert sechs Wochen und kostet etwa 150 Euro, für die Kosten kommen die Eltern auf. „Darum können sich die Schule in der Regel nur Kinder aus wohlhabenden Familien leisten“, erzählt Massud. Iran oder Deutschland? – „Die Entscheidung fällt vielen jungen Leuten nicht leicht. Sie lieben ihre Heimat und wollen sie trotzdem verlassen“, sagt er wehmütig.
Wir haben Hunger und beschließen, auf den Basar zu gehen. Ganz in der Nähe des Goethe-Instituts liegt Tajrish – hier kaufen die Iraner ihre täglichen Lebensmittel ein. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer Wechselstube vorbei, bei der ich Geld tausche. Für 300 Euro bekomme ich einen großen Stapel Tuman. Es ist so viel, dass er vielleicht in einen Schuhkarton passen würde, aber nicht in mein Portemonnaie. Wegen der Inflation im Iran wächst die Anzahl der Geldscheine immens. Der Rial gilt als Zahlungsmittel, doch überall ist von Tuman die Rede. Auf dem Basar herrscht reges Treiben. Mopedfahrer hupen sich den Weg frei, Frauen mit wehenden Tschadors springen zur Seite.
Fleißige Händler schieben ihre Handkarren durch die schmalen Gassen und bringen neue Waren zu ihren Läden. Menschenmassen drängen sich vorbei, Hausfrauen machen ihren Wocheneinkauf. Ein kleiner Lieferwagen bahnt sich im Schritttempo mühsam den Weg durch die Menge. Auf der Ladefläche türmen sich Pappkartons. Der Basar ist hektisch, laut, eng, unübersichtlich. Aber die Kaufleute sind zurückhaltend. Niemals würde ein iranischer Händler einer Frau hinterherrufen oder sie gar am Arm anfassen, um sie zum Kauf seiner Ware zu animieren. Der Basar ist fast touristenfrei – hier sieht man noch richtiges Handwerk: In einem Laden werden Geigen verkauft, die per Hand gefertigt wurden. Etwas weiter gelangen wir in den Teil des Basars, in dem es die Haushaltswaren gibt. Töpfe, Pfannen, Tissueboxen und Porzellan – eine ganze Halle voll mit Tafel- und Kaffeegeschirr.
