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Jeder hat sie, keiner braucht sie – oder doch? Gute Nachbarn, schlechte Nachbarn. Schrebergarten-Nachbarn. Zimmernachbarn. Nachbarschaftsprojekte. Neue Nachbarn. Laute Nachbarn. Geheimnisvolle Nachbarn. Sitznachbarn. Nachbarschaftsnetzwerke. Friedhofsnachbarn. Weltallnachbarn. Nachbarländer ... Die beiden befreundeten Autoren Martin Hyun und Wladimir Kaminer erzählen in offener und humorvoller Art und Weise vom Zusammenleben in Nachbarschaftskonstellationen aller Art. Das Leben verbindet uns auf die seltsamsten Weisen: Ob in einer Wohngemeinschaft oder im Mehrfamilienhaus, auf dem Land oder in der Stadt, am Hotelpool oder im Zug, in der Lounge oder im Theater – die beiden Autoren wissen um die Herausforderung, als Erwachsene mit den Eltern zusammenzuleben. Was man gegen Nachbarn aus der Hölle tun kann. Wem im Flugzeug die Armlehne gehört und wie man am Strand sein Revier gegenüber anderen Sonnenbadenden verteidigt. Weshalb man sich auf dem Dorf gegen ein Heer aus "Unbefugten" schützt. Und warum man in Metropolen tierische Nachbarn wie freche Füchse oder vermeintliche Löwen im Auge behalten sollte. Aber auch, wofür Nachbarn unentbehrlich sind: für das Gießen der Zimmerpflanzen und fürs Gemeinschaftsgefühl, als Einbruchsicherung oder einfach nur zur nächtlichen Unterhaltung. Denn mal ehrlich, ein Leben ohne Nachbarn kann sehr langweilig und einsam sein. Ein Thema, das uns mit Sicherheit alle bewegt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de
Coverabbildung: Marcus Höhn und Nora Frei / Mauritius Images
Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee
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Cover & Impressum
Motto
Unsere Arche Noah
Fluch der Karibik im Wedding
Nachbarschaft – eine Typologie
Unbefugten Zutritt verboten!
Gute Zimmernachbarn, schlechte Zimmernachbarn
Frauen-WG
Hotel Mama und Papa
Auf gute Sitzplatznachbarschaft
Loungen in der Großstadt
Das Leben der anderen
Vietnamesische Post
Nachbarn aus der Hölle
Under the Bridge
Weltallnachbarn
Der nigerianische Kosmonaut
Der afghanische Kosmonaut
Der sambische Kosmonaut
Der mongolische Kosmonaut
Unsere Brüder und Schwestern
Eins mit der Natur
Macheten-Oleg
Der Doppelgänger
Herr Schröder, Herr Fuchs und ein Waschbär
Die Beach Towel Brigade und Herr Wahl
Ruhe in Frieden
Am Ende wartet der Tod
Unzertrennliche Nachbarn: Tag und Nacht
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Die Hölle, das sind die anderen.«
Jean-Paul Sartre
Wladimir Kaminer
Eines Tages mitten im Sommer wurde ich von Kirchenglocken geweckt. Ich hörte sie nah und deutlich, als würde bei uns im Haus jemand um zehn vor neun laut die Glockenzunge schwingen. Woher kamen die Glocken? Wir haben weit und breit keine Kirche in unserer Straße, die nächste ist die Gethsemanekirche, die Wiege der deutsch-deutschen Revolution, sie hat ein kaputtes Dach, soweit ich weiß, keine Glocken mehr und ist gute zwei Kilometer entfernt. Hatten etwa meine Nachbarn bei sich zu Hause Glocken aufgehängt und schwangen ihren Strang, um unser Wohngemeinschaftsgefühl zu stärken?
Ich hätte es ihnen zugetraut, das Ehepaar, das über uns wohnt, singt in einem Chor. Sie heißt Julia, und ihren Mann kenne ich nur vom Sehen, ich glaube, sie haben sich beim Singen kennengelernt und noch im gleichen Jahr ein sehr lautes Kind zur Welt gebracht, das sehr schnell wächst und bald wahrscheinlich im gleichen Chor mitsingen wird. Eine Kirchenglocke mit nach Hause zu nehmen wäre für die junge Familie sicher eine konsequente Entscheidung, eine Bereicherung ihrer heimischen Idylle.
Ich schaute trotzdem vom Balkon herunter, in der Hoffnung irgendwo unten eine Glocke zu entdecken, die Stadt wird laut bei hohen Temperaturen. Der Sommer brachte eine Hitzewelle nach der anderen, ich verbrachte die meiste Zeit auf dem Balkon, machte alle Fenster und Türen in der Wohnung auf, um ein bisschen durchzulüften, und mit der warmen Luft füllten sich die Räume auch mit Straßengeräuschen – im Vorderhaus, erster Stock, wie konnte es anders sein?
Man hörte, wie die Bremsen der Fahrradkuriere quietschten und wie Farid unten in der Eisdiele im Erdgeschoss seinen Eisportionierer auswischte. Aber keine Glocken bis jetzt. Neben der Eisdiele haben wir noch ein streng riechendes nepalesisches Streetfood-Restaurant mit hundert Reisgerichten und exotisch gefärbten kleinen Köstlichkeiten. Dort habe ich schon einmal aus Versehen in die Serviette gebissen, weil ich sie mit einer nepalesischen Vorspeise verwechselt hatte. Ehrlich gesagt, schmeckte die Serviette ähnlich. In einem Buch über indonesische Landarbeiterkollektive las ich neulich, dass Reis sprechen kann. Jedes Reiskorn spricht zu uns, erzählen die Indonesier, es spricht zwar sehr leise, aber wenn es viele Körner sind, kann es richtig laut werden. Deswegen kracht es so gewaltig, wenn ein Sack Reis irgendwo auf der Welt umfällt. Das ist ein sehr poetisches Bild. Seit ich darüber gelesen habe, bilde ich mir ein, dass ich Reisgespräche hören kann, besonders wenn die Gäste unten im Restaurant zu viel davon auf dem Teller lassen, ihre bestellten Gerichte nicht aufessen.
In solchen Augenblicken möchte ich vom Balkon runterschreien: »Bitte aufessen!« Aber ich traue mich nicht. Sie würden denken, ich sei verrückt geworden. In meinem sowjetischen Kindergarten hatte unsere Erzieherin, die dicke Tamara, zur Mittagszeit immer auf Lenin gezeigt, der von einem Bild an der Wand streng auf uns herabblickte. Tamara wollte uns mit diesem simplen Trick zum Aufessen zwingen. Sie sagte, sollten wir irgendetwas vom widerlichen Kartoffelpüree auf dem Teller lassen oder gar versuchen, das Zeug wegzuschmeißen, würde der Anführer des Weltproletariats es merken und uns bestrafen. Es war unsere heilige Pflicht, alles aufzuessen und groß und stark zu werden, um beim Aufbau des Kommunismus kräftig mitzuhelfen.
Unser Kinderkollektiv steckte in einer verheerenden Sackgasse, wir konnten das widerliche Püree nicht aufessen, aber es wegzuschmeißen ging auch nicht, wegen Lenins streng blickenden Augen. Zum Glück hatten wir das Kind Alexander in unserer Gruppe, einen Jungen mit unglaublichem Appetit, er hat für alle aufgegessen und ist, glaube ich, auch als Einziger aus unserem Kollektiv groß und stark geworden. Er wog schon damals mehr als die Erzieherin, ein richtiges 100-Kilo-Baby. Dem Kommunismus hat es trotzdem nicht geholfen. Seit dem Kindergarten misstraue ich den Kollektiven, und ich weiß, dass dieses Misstrauen von vielen meiner Landsleute, die eine sozialistische Erziehung genossen haben, geteilt wird.
Ob in der Schule, beim Sport, in der Armee oder bei der Arbeit, wir mussten immer alles, egal was, Hauptsache, gemeinsam tun. Nur zu Hause im privaten Raum, zu dem der Staat keinen Zugang hatte, konnte man sich von den Kollektiven lösen und nur für sich und seine Familie da sein. Lange Zeit haben meine Eltern wie viele andere Bürger in meiner Heimat in kommunalen Wohnungen gelebt, es waren unfreiwillige Wohngemeinschaften, drei oder vier Familien teilten sich eine Wohnung, hatten eine gemeinsame Küche und ein gemeinschaftlich genutztes Bad. In der Regel waren es Menschen, die einander nicht leiden konnten, sie wurden wegen der engen Wohnbedingungen zur Kooperation gezwungen, mussten auf dem gleichen Herd kochen, im gleichen Kühlschrank ihre Töpfe aufbewahren und ständig aufpassen, dass der Nachbar einem nicht in die Suppe spuckte. Eine solche Enge des Wohnraums kann selbst die fröhlichsten und anständigsten Menschen verderben. Sie waren nicht einmal in der Lage, gemeinsam Toilettenpapier einzukaufen oder die Stromkosten gerecht zu teilen, jeder ging mit seiner eigenen Glühbirne auf die Toilette. In einer solchen Wohnung bin ich auf die Welt gekommen. Erst als ich drei Jahre alt wurde, bezogen meine Eltern eine eigene kleine Zweizimmerwohnung in einem neu gebauten Haus am Moskauer Stadtrand.
Alle in diesem Haus waren frisch eingezogen, sie freuten sich sehr über die Unabhängigkeit, die ihnen geschenkt wurde, und wollten von den Nachbarn nichts wissen. Wir wussten nicht einmal, wie unsere Nachbarn hießen. Es war nicht üblich in der Sowjetunion, seinen Namen an die Tür oder an den Briefkasten zu schreiben. Die Türen und die Briefkästen waren nummeriert. Unser Haus hatte 180 Wohneinheiten – nicht zu viel und nicht zu wenig für sowjetische Verhältnisse. Die Wohnung 77 war unsere ganz private Arche Noah, meine Eltern hatten keine Lust, die 76er oder die 78er kennenzulernen, von den restlichen 177 Wohneinheiten ganz zu schweigen.
Der einzige Mann, den alle im Haus kannten, war der Klempner Viktor aus dem ersten Stock. Ich glaube, er hatte ein Problem mit häuslicher Gewalt. Er schlug seine Frau, die ihn daraufhin verließ, aber nach einer Weile immer wieder zurückkam. In den Phasen des Alleinseins fing Klempner Viktor an zu saufen. In betrunkenem Zustand schlich er durchs Haus, klopfte an jede Tür und rief: »Machen Sie auf, ich höre eine Frau schreien! Ich weiß, was Sie gerade treiben, öffnen Sie, sonst breche ich die Tür auf.« Er hörte schreiende Frauen im Suff. Niemand hat ihm aufgemacht. Kollektive waren bei uns verpönt. Erst im sonnigen Deutschland wurde ich wieder mit Nachbarkollektiven konfrontiert. Wir sind in Berlin in ein Haus gezogen, in dem fast nur junge, aufgeklärte Wessis mit kleinen Kindern lebten, herzensgute Menschen, die Grün wählen, kein Fleisch essen und die Welt retten wollen. Sie haben große Lust an kollektiven Taten, ohne sich einander einzuladen. Einige von ihnen sind Chorsänger.
Gleich im ersten Jahr bekamen wir im hauseigenen Chat von den Nachbarn das Angebot, im Projekt »Das singende Haus« mitzuwirken. Dafür sollten wir am Heiligen Abend »Stille Nacht, heilige Nacht« singen, alle zusammen und zur gleichen Zeit, aber jeder auf seinem eigenen Balkon.
»Danke für die Einladung, aber lieber nicht, wir kennen den Text nicht«, antwortete ich.
»Den Text kann ich Ihnen schicken«, schrieb uns die Nachbarin Julia zurück.
Wir haben uns erst nichts dabei gedacht, hielten es für eine lustige Marotte. Okay, das sind die Zeichen der Zeit: Kollektive arbeiten gern an Projekten und singen gern. Das ist nichts Ungewöhnliches hierzulande. Ich habe mal in einer Statistik gelesen, dass 14 Millionen Deutsche in Chören singen, das will schon was heißen. Etliche Männer und Frauen haben sich in Chören kennengelernt, ihre Kinder haben vermutlich gleich nach der Geburt auch zu singen angefangen. Wenn alle Chordeutschen gleichzeitig »Stille Nacht, heilige Nacht« anstimmen, zittern wahrscheinlich die Fensterscheiben von Hoyerswerda bis Baden-Baden.
Alle Nachbarn haben den Vorschlag, gemeinsam zu singen, sofort mit Begeisterung aufgenommen. Außer uns. Wir verstanden nicht, warum wir mit den Nachbarn »Stille Nacht« singen sollten, wir hatten andere Dinge vor. Die Nachbarn haben unsere Absage mit Verständnis aufgenommen, wir haben im Haus sowieso den Ruf der verlorenen Menschen, die eigentlich okay sind, freundlich grüßen und sogar gelernt haben, ihre leeren Flaschen nach Farben zu trennen und in zwei verschiedene Container zu schmeißen, aber die sich, von der sozialistischen Erziehung nachhaltig beschädigt, permanent weigern, an kollektiven Aktivitäten teilzunehmen. »Es war der schönste Abend unseres Lebens!«, schrieben etliche Hausbewohner nach der Erfahrung des gemeinsamen Singens. »Wir müssen das jedes Jahr machen.«
Unsere Nachbarn haben ständig neue Ideen für kollektive Aktivitäten. Das neueste Projekt im Sommer war der gemeinsame Aufbau eines Vogelhäuschens auf dem Hof, damit die wunderbaren Singvögel, die Amseln und die Drosseln, die Nachtigallen, die mir den Schlaf rauben, ihr eigenes Zuhause bei uns auf dem Hof bekommen, dort Nachwuchs großziehen und vielleicht eines Tages statt der Russen mit den Nachbarn zusammen »Stille Nacht« anstimmen. Als fortschrittliche, aufgeklärte Großstadtbürger freuen sich meine Nachbarn über jede Möglichkeit, den Tieren und Pflanzen in der Großstadt ihr Leid zu mindern, sie kümmern sich um die Umwelt und darum, dass alle Lebewesen eine gleichberechtigte Behandlung bekommen. Zum Teufel mit den Hierarchien der Vergangenheit! Ob Russen, Füchse oder Pflanzen, wir gehören alle zusammen! An dem Projekt Vogelhausbau wollten sich alle beteiligen (außer uns, versteht sich), mindestens zehn Erwachsene und fünf Kinder fanden sich auf dem Hof mit Werkzeug und Holzmaterial ein und bauten heftig mit, während wir auf dem Balkon saßen und rauchten.
Das Vogelhaus geriet sehr groß, es erinnerte mich ein wenig an die frühen Entwürfe von Gaudí, eine Art gelungene Karikatur des katalanischen Jugendstils. Die halbe Nacht feierten die Nachbarn ihre Vogelhauseinweihung, dafür hatten sie Bänke und Tische in den Hof gestellt und Geld für eine Kiste Bier zusammengelegt. Die Kinder malten ein buntes Willkommensschild für die Vögelchen. Die Vögelchen ließen nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Tag zogen welche in das Häuschen ein. Doch es waren die falschen. Die Nachbarn waren maßlos enttäuscht, sie hatten das Häuschen schließlich für die Singvögel gebaut und nicht für diese widerlichen Ratten der Lüfte, die im nepalesischen Restaurant die sprechenden Himalaja-Reiskörner und Bohnen in Bioqualität von den Tellern picken, davon Durchfall bekommen und uns den Hof vollscheißen, ohne dabei auch nur ansatzweise »Stille Nacht« zu singen. Sie sind wie die Russen, zu gemeinschaftlichem Singen überhaupt nicht geneigt.
Im hauseigenen Chat entwickelte sich ein mörderisches Taubenmobbing. Diese Vögel seien hier nicht willkommen, sie müssten verschwinden, gehörten quasi gar nicht zur Natur, sondern gäben sich bloß als Vögel aus, seien in Wahrheit aber fliegende Dreckschleudern. Ein Glück, dass die Tauben nicht lesen konnten und kein Internet in ihrem Gaudí-Häuschen hatten, sonst wären sie sehr gekränkt gewesen und für den Rest ihres ohnehin anstrengenden Lebens mit einem psychischen Schaden davongeflogen. »Wir müssen den Eingang in das Gaudí-Häuschen verkleinern, damit die widerlichen Vögel nicht reinkommen können«, beschloss das Nachbarkollektiv. Dafür mussten aber die Tauben zuerst herausgelockt werden. Sie witterten Verrat und saßen im Häuschen fest. Am Ende des Tages hatten die schlauen Nachbarskinder es jedoch geschafft, die Tauben aus dem Häuschen zu bekommen. Wie einst Hänsel und Gretel hatten sie mit Krümelchen von einer Brezel einen Weg nach draußen ausgelegt, raus aus dem Häuschen und rein in die Obdachlosigkeit. Sollten die Tauben doch nach Steglitz fliegen und dort alles vollscheißen, dachte wahrscheinlich das Nachbarkollektiv.
Kaum waren die Vögel draußen, wurde der Eingang vom Gaudí-Haus verkleinert, an die willkommenen Vogelarten angepasst. Wir wunderten uns nicht schlecht, wie schnell die Degradierung der Tauben über die Bühne ging. Einst galten sie als Symbole des Friedens, schöne weiße Tauben waren auf jedem Bild, auf jedem Antikriegsplakat abgebildet, sie hatten Ölzweige im Schnabel. Dann war etwas passiert, vielleicht hatte eine Taube einem Friedensaktivisten während einer Demo auf den Hut geschissen, denn plötzlich war der Vogel nur noch für den Dreck neben den Mülltonnen zuständig, wurde überall verachtet und verschmäht, war ein überflüssiges Glied in unserer singenden Symbiose.
Der Eingang des Vogelhäuschens wurde also angepasst, und tatsächlich zogen nun Amseln ein. Jetzt werden wir das ganze Jahr über Musik im Haus haben: Im Frühling und Sommer singen die Vögel, im Winter die Nachbarn.
Abends traf ich meine Nachbarin Julia im Treppenhaus und befragte sie zu ihrer Gesangskarriere. Sie erzählte mir, dass sie gar nicht mehr im Chor singen wolle, sondern nur noch bei uns im Haus. Sie hatte sich mit dem Chor zerstritten.
»Wie ist das passiert?«, fragte ich sie.
»Durch eine Dummheit, eine unglaubliche Dummheit!«, meinte Julia. Sie habe nämlich ihren ganzen Chor mit Corona angesteckt, 27 Menschen im eigenen Chor infiziert. Der Schnelltest sei negativ gewesen, sie habe es blauäugig geglaubt, und dann mehr als die Hälfte vom Chor: paff, weg! Es war ein skurriler Moment: Alle haben sie krank gesehen, haben offen darüber gesprochen, haben gefragt, ob es ihr gut gehe. Sie sagte, es sei nur Schnupfen, und alle wollten mit ihr diesen Glauben teilen. Sie glaubten auch, dass es nur ein Schnupfen sei. Im Nachhinein konnte sie sich diesen Moment kollektiver Blindheit nicht erklären.
Neulich hatten sie einen Zoom-Treff. Ihr Bildschirm war voll mit Gesichtern von Menschen, die wirklich krank aussahen. Es war schrecklich und beeindruckend zugleich, erzählte Julia, wie ein Improvisations-Theaterstück, in dem jede Figur eine Minute Zeit hat, um das Beste von ihrem Charakter zu zeigen. Fast alle besaßen die Großzügigkeit zu erklären, dass es keine Schuldige gebe, dass alles auf dem Planeten ein Ende habe, dass es sowieso früher oder später passiert wäre und so weiter. Leute, die wirklich krank waren, die alle ihre Projekte auf Eis legen mussten und dennoch die Kraft hatten, die dumme Verursacherin ihres Leids zu trösten. Ein Höhepunkt im Chor. Aber dann kam jemand vom Vorstand und ließ all den Frust und die Wut an ihr aus – und machte alles kaputt.
Es sei eine perverse Dynamik, meinte Julia. »Wenn wir in der Lage wären, auf diejenigen zu hören, die sagen, dass wir nicht nach Schuldigen suchen müssten, könnten wir weiterhin eine gute Atmosphäre in der Gruppe haben. Doch wenn zu viele Menschen anfangen, der Schuldfrage Raum zu geben, kann die Atmosphäre unerträglich werden: zu viele Menschen, die in anderen einen Spiegel sehen, der ihnen ein unangenehmes Bild von sich selbst zeigt. Ist das nun eine echte griechische Tragödie oder nicht?«, fragte sie mich.
»Nein«, sagte ich. »Das ist keine echte griechische Tragödie. In der echten griechischen Tragödie stirbt der Held und wird vom Chor bemitleidet. In deiner Variante geht der Chor drauf, und der Held beziehungsweise die Heldin hat Gewissensbisse, weil sie den Chor angesteckt hat. Dabei kann der Chor sich eigentlich glücklich schätzen. Alle Beteiligten haben jetzt eine hybride Immunität, den besten Schutz gegen weitere Virenüberfälle. Und diesen Schutz haben sie nicht aus ungewisser Quelle, sondern aus dem eigenen Kollektiv, von einer vertrauten Stimme«, versuchte ich sie zu beruhigen. Und fragte, ob es möglich sei, dass sie aus Frust jetzt Kirchenglocken in der Wohnung installiert habe.
Nein, sie habe keine Glocken, sagte sie, und habe auch nichts dergleichen gehört.
Später an dem Abend vernahm ich die Glocken erneut und ging verzweifelt runter auf die Straße, den Glöckner suchen. Volltreffer! Die Nepalesen hatten neben der Eingangstür ihres Restaurants eine Winkekatze mit einer Glocke aufgestellt, jeder Besucher sollte beim Rein- und Rausgehen daran läuten und mit den Reiskörnern ins Gespräch kommen.
Wie eine Arche Noah schwimmt unser Haus singend, leuchtend und läutend in Richtung sagenhafte Zukunft. Ab und zu werden ungeliebte Arten über Bord geworfen, gestern waren es die Tauben, wer ist morgen dran?
Martin Hyun
Meine Bekannte Swantje kehrte nach einigen Jahrzehnten in Südkorea, wo sie als Dozentin gearbeitet hatte, nach Berlin zurück. Sie und ihr Mann kauften sich eine Hinterhofwohnung in Charlottenburg. Nicht ahnend, dass die Wohnung einst ein hochflorierendes Domina- und Sklavenstudio war. Von Kimchi zur Peitsche, sozusagen. In diesen Räumlichkeiten wurden die ungewöhnlichen Sexfantasien von Männern aus der gehobenen Schicht erfüllt. Doch das war nun Vergangenheit. Die Wohnung war ein echtes Chamäleon, einst ein Ort von Lust und Schmerz, wurde sie zu einem gemütlichen Liebesnest für Swantje und ihren Gatten. Die Nachbarn müssen gedacht haben, sie hätten das Glück gefunden: ein perfektes Paar, welches das ehemalige SM-Hauptquartier in ein Wohnparadies verwandelte. Aber die Vergangenheit hat eine seltsame Art, uns einzuholen. Einige Stammkunden trauern der Schließung des Studios immer noch nach und klingeln zu unterschiedlichen Tageszeiten bei Swantje an der Wohnungstür in der Hoffnung, dass ihre Domina wie einst die Tür öffnet. Jedes Mal schickt Swantje die enttäuschten Männer höflich nach Hause oder drückt ihnen einen Flyer mit alternativen Adressen in die Hand. Sie nimmt die Begegnungen mittlerweile gelassen. In Südkorea hat sie gelernt, wie man Ruhe bewahrt. Solange es harmonisch mit den Nachbarn läuft, kann das bunte Klingelkarussell egal sein.
Der Vater meines Kumpels Adrian hatte dagegen einen genialen Schlachtplan für das Finden der perfekten Nachbarschaft ausgeheckt. Neues Viertel, neues Glück – wie ein frischer Eheanfang. Schließlich sagt man nicht umsonst: »Drum prüfe, wer sich ewig bindet.« Adrians Vater kaufte sich ein Stück Land, und bevor er darauf sein Traumhaus setzte, kaufte er sich zwei alte Wohnwagen und kampierte für zwei Jahre auf seinem neuen Grundstück. So studierte er die gesamte Nachbarschaft wie ein Buch. Er kannte die Vorlieben, Abneigungen und Marotten seiner neuen Nachbarn besser als jeder andere. Erst als er absolut sicher war, dass die Nachbarschaft passte, schritt er zur Tat und begann, sein Traumhaus zu bauen. Er wollte keinesfalls das gleiche Schicksal erleiden wie eine Frau, die sich in ein Finnhaus in einem Campingplatz- und Wochenendhausgebiet im malerischen Emsland in Niedersachsen verliebte und es ohne vorherige Nachbarschaftsprüfung erwarb. Der Verkäufer hatte ihr noch versichert: »Sie werden sich ganz schnell einleben und bei den Nachbarn Anschluss finden!« Doch mit der Zeit bemerkte sie Unregelmäßigkeiten und Missstände in ihrer neuen Wohnanlage. Angefangen bei verworrenen Eigentumsverhältnissen bis hin zu Schwarzbauten und endlosen Problemen mit der Postzustellung. Als sie bei den Behörden nachhakte, geriet sie in Meinungsverschiedenheiten mit den Nachbarn und wurde zunehmend ausgegrenzt. Dies gipfelte darin, dass Unbekannte ihr Haus mit Eiern bewarfen und Silvesterknaller direkt vor ihrer Haustür zündeten. Doch der absolute Albtraum ereignete sich, als ein verheerender Brand in ihrem Haus ausbrach, bei dem die Frau tragischerweise ums Leben kam. Der Fall wurde nie aufgeklärt.
Die meisten von uns haben nicht die Geduld oder die Mittel, um eine zweijährige Nachbarschaftsprüfung wie Adrians Vater durchzuführen. Wir müssen die Nachbarn nehmen, wie sie sind, und hoffen, dass wir einigermaßen friedlich mit ihnen auskommen.
Als meine Freundin Dani und ich zusammenziehen wollten, wurden wir im Arbeiterbezirk Wedding fündig. Der »rote Wedding« war damals konkurrenzlos günstig. Früher die Hochburg der KPD, nun Heimat der Kemalisten, der Galatasaray- und Besiktas-Fans, der Spielotheken, der Menschen mit Migrationsbiografien und geringem Einkommen und von Radyo Metropol. Wir kündigten unsere Wohnungen im Hipsterhotspot Friedrichshain, ohne einen neuen Mietvertrag unterschrieben zu haben. Das war sehr waghalsig und kann ich niemandem empfehlen. Auch wenn zu dieser Zeit der Quadratmeterpreis noch nicht bei astronomischen 18 Euro lag und die Hauptstadt weit entfernt war von hundert Meter langen Menschenschlangen bei der Besichtigung einer bezahlbaren Durchschnittswohnung, die ruhig gelegen ist und eine gute Anbindung vorweist. Mittlerweile ist die Wohnungssuche in Berlin ein Vollzeitjob, Schnelligkeit der Schlüssel. Man braucht praktisch kostenpflichtige Upgrade-Mitgliedschaften auf jeder erdenklichen Immobilienplattform, nur um einen Wettbewerbsvorsprung zu erlangen. Anzeigen tauchen auf wie Sternschnuppen am Himmel, nur um nach einem kurzen Aufblitzen wieder in den Untiefen des Internets zu verschwinden, verschüttet unter einer Lawine von Anfragen. Wohnungseigentümer und Immobilienmakler sind mittlerweile mächtiger als der Bundeskanzler.
Zurück zum Wedding. Am Tag der Wohnungsbesichtigung hatte jemand sein altes Fahrrad am Baum vor der Haustür aufgehängt, wie ein »Zutritt verboten!«-Schild. Zwei Senioren torkelten aus der benachbarten Kneipe, als ob sie gerade einen Marathon in Zeitlupe absolvierten. Sie hatten sichtlich Schwierigkeiten, ihre Rollatoren, die an einen Laternenpfahl angeschlossen waren, zu entsperren. In Schneckentempo, schwankend und die Straßenverkehrsordnung ignorierend, gingen sie in Schlangenlinien – ohne Rücksicht auf Verluste. Ich konnte förmlich die Schlagzeile in der Berliner Boulevardpresse vor mir sehen: »Zwei Verkehrssünder mit Rollatoren – Gehverbot wegen Alkoholisierung«.
Im vierten Stock angekommen, reihten wir uns in die Schlange ein. Nach einer halbstündigen Wartezeit durften wir die rappelvolle Wohnung betreten. Als sich die Tür öffnete, fühlte es sich an, als würden wir in einen überfüllten Nachtklub spazieren. Die Atmosphäre war gespannt wie bei einem Boxkampf. Jeder in der Schlange hatte den »Eye of the Tiger«-Blick, die Immobilienkämpfer waren bereit, ihre Gegner mit einem Arsenal an geschönten Lebensläufen, Bürgschaftserklärungen, Gehaltsabrechnungen, Schufa-Auskünften und Empfehlungsschreiben zu besiegen. Die ganze Szenerie erinnerte an eine Art Immobilien-»Hunger Games«, bei denen nur der oder die Stärkste – oder zumindest die Person mit den meisten Papieren – überlebte. »Survival of the Fittest« war hier das ungeschriebene Gesetz.
»Wir wollen uns verändern«, erklärte die Vormieterin enthusiastisch, als wir sie nach dem Grund für ihren Auszug fragten. Beim Rundgang durch die Wohnung nahm ich mindestens fünf verschiedene Dialekte, Bairisch, Badisch, Schwäbisch, Osterländisch und Meißnisch, wahr. Berlin ist die Arche Noah der Großstädte. Künstler, Musiker, Träumer, Hipster aus aller Welt finden hier Zuflucht.
Unter den vielen Wohnungssuchenden befand sich auch ein frischgebackener Feierabend-Parlamentarier der Piratenpartei. Ein großer, schlaksiger Kerl mit einer Brille, das Haar kunstvoll zu einem Zopf gebunden. Sein Hemd hatte eine Kragenweite, die selbst John Travolta in »Saturday Night Fever« vor Neid hätte erblassen lassen, und dazu trug er einen dunkelblauen Nadelstreifenanzug. Der Pirat suchte in der Manier eines Königs das Gespräch mit der Maklerin.
»Ich bin Abgeordneter der Piratenpartei und werde künftig im Abgeordnetenhaus arbeiten!«, sagte er so laut, dass sogar die Insekten in der Wohnung aufschreckten.
»Haben Sie einen richtigen Job?«, entgegnete ihm die Maklerin trocken und sichtlich unbeeindruckt.
»Ich sagte doch, dass ich Abgeordneter der Piratenpartei bin und bald im Abgeordnetenhaus arbeiten werde!«, hielt der tapfere Pirat, sichtlich in seiner Eitelkeit gekränkt, arrogant dagegen.
»Aber haben Sie eine Festanstellung?«, bohrte die Maklerin nach.
»Nun ja, bald werde ich im Abgeordnetenhaus arbeiten«, antwortete der Pirat kleinlaut.
»Aha, also haben Sie kein regelmäßiges Einkommen und sind bestenfalls arbeitslos! Warum sagen Sie das nicht gleich!«, erklärte die Maklerin so klar und deutlich, dass es in der Wohnung plötzlich still wurde. Damit war das Parley-Recht des Piraten endgültig verwirkt.
Um den letzten Rest seiner Piratenehre zu wahren, verließ Captain Sparrow mit hochrotem Kopf die Wohnung. Jubel brach aus, als hätten die Leute gerade erfahren, dass der Rum nie ausginge. Die Menschen begannen zu applaudieren und feierten die Maklerin wie einen Rockstar auf der Bühne. Meuterei im Wedding und ein Hollywoodmoment für uns. Captain Sparrow mochte diese Abfuhr als Fluch ansehen. Aber für mich war es ein gutes Omen. Denn ich hatte meinen Glauben an die Gleichbehandlung in diesem Land bereits verloren, obwohl ich meinen Blutpreis gezahlt hatte. Und ausgerechnet im Wedding, diesem schillernden Kiez, in dem Dialekte aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen wie auf einer Linguistenparty, wurde der Fluch der Diskriminierung gebrochen. Von vielen Bekannten mit Migrationsbiografien hatte ich gehört, dass sie auf dem Wohnungsmarkt wie gestrandete Piraten behandelt wurden. Es war ein Zeichen. In dieser Wohnung spürte ich eine Veränderung – den Anbruch einer neuen Ära, in der jeder den gleichen Schatz suchen konnte, ohne nach seiner Herkunft gefragt zu werden.
Dani und ich waren uns sicher, dass wir diese Wohnung haben mussten, koste es, was es wolle. Inspiriert von der Vorstellung, dass Gleichbehandlung tatsächlich kein Mythos sei, kaufte ich mir auf dem Weg nach Hause den Soundtrack von »Fluch der Karibik«. Der konservative Handyklingelton wurde mit dem schwungvollen »He’s a Pirate« ersetzt – das Lied, das fortan für immer diesen gesegneten Moment im Wedding symbolisieren würde.
