12,99 €
Schottland ist nicht England. Diese ebenso banale wie folgenschwere Erkenntnis, so empfiehlt Heinz Ohff, sollte am Anfang einer Reise ins Land der »Scots« stehen. Jenseits von Kilts, Dudelsack und Loch Ness haben die Kelten und eine stürmische Geschichte ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen: in einer eigenen Sprache, einer eigenen Kultur, einer eigenen Rechtsprechung und einer eigenen Kirche. Dass Schottland auch ein eigenes Wetter hat, erfährt der Reisende am eigenen Leib. Aber schließlich gibt es ja noch den erstklassigen Whisky und die schönsten Golfplätze der Welt, ganz zu schweigen von der Landschaft gewordenen Poesie …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2015
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
ISBN 978-3-492-97214-7 Mai 2017 © Piper Verlag GmbH, München 1992 und 2002 Coverkonzeption: Büro Hamburg Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Covermotiv: H. Kehrer/Zefa Karte: cartomedia, Karlsruhe Litho: Lorenz & Zeller, Inning a. A. Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Schottland ist nicht England
Wir Deutsche sagen ja gern »England«, wenn wir eigentlich Großbritannien meinen. Das heißt: Wir beziehen Schottland, Wales und Nordirland stillschweigend in England ein, was übrigens fast alle Völker auf dem europäischen Kontinent tun. Nichts falscher als das.
Auf den Britischen Inseln ist es zwar möglich, einen Engländer als Schotten anzusprechen; man gibt ihm damit, humorvoll oder ganz ernsthaft, zu verstehen, daß man ihn für geizig hält. Umgekehrt sei es jedoch niemandem geraten, einen waschechten Schotten als »Engländer« zu titulieren. Er wäre zutiefst beleidigt – ganz wie ein Badener, der als »Schwabe« angesprochen wird oder umgekehrt – und fühlte sich schwer in seiner nationalen Ehre gekränkt. Denn Schottland bedeutet ihm mehr – oder sagen wir: etwas anderes – als einem Engländer England.
Das hat historische Gründe. Zur Identität Englands gehört das Empire, die halbe Welt, das Commonwealth, was alles, wenn auch kaum noch existent, die Engländer zum weltläufigsten Volk des Erdballs gemacht hat. Englisch spricht man allüberall auf der Welt, mit Maßen sogar in Schottland.
Dem schottischen England merkt man freilich immer noch an, daß es sich nicht um die Originalsprache des Landes handelt. Das war Gälisch – bis die Engländer Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Gebrauch verboten. Nie vergessen werde ich den Zugführer, der kurz nach der Grenze bei Berwick die Abteiltür aufriß und uns stolz entgegenschmetterte: This is my country! Dabei sah das Land, das draußen vorüberflog, nicht viel anders aus als dasjenige kurz zuvor. Aber er hielt uns wohl für Engländer und wollte demonstrativ zum Ausdruck bringen, daß ihm alles südlich des Tweed gestohlen bleiben und er sich nur hier und nirgends anders zu Hause fühlen könne.
Jene Weltläufigkeit – heute Singapur und morgen Perranporth –, die den Engländer bei aller speziellen Heimatliebe auszeichnet, fehlt dem Schotten, wie allen Völkern keltischen Ursprungs, ganz und gar. Wenn er den Tweed überschreitet, befindet er sich im Ausland und bekommt Heimweh. Nach London gehen bestenfalls die Intellektuellen, die ja immer anders reagieren als der Durchschnitt.
Das Wort für Land, country, sprach der Zugschaffner übrigens »countrry« aus, denn die Schotten rollen das »r« wie weiland Adele Sandrock. Sie kennen ja auch ein »ch«, etwa in loch (See), das sie guttural aussprechen wie wir. Und damit, wie wir sehen werden, haben sich die Ähnlichkeiten mit der deutschen Sprache noch nicht einmal erschöpft. Immerhin haben sie den Engländern, die so etwas nicht aussprechen können, ein unübersetzbares Schimpfwort zugedacht, das – wahrscheinlich bewußt – mit einem »ch« endet, nämlich sassenach. Damit können allerdings auch die Leute aus den Lowlands gemeint sein, die im Gegensatz zu denen der Highlands traditionell mit England sympathisieren.
Den Zugführer habe ich vor Jahrzehnten erlebt. Aber jedesmal, wenn ich über die schottische Grenze fahre, meine ich, sein This is my country im Ohr zu haben. Doch erst kürzlich habe ich in einem Bus auch das Umgekehrte erlebt, inmitten einer Reisegruppe, lauter Sassenachs, die wieder dem Süden zustrebte. Eine Dame seufzte, als wir, diesmal bei Gretna Green, die so gut wie nicht vorhandene Grenze überquerten, ihrer Nachbarin sichtlich erleichtert zu: We are in England again, dear! Es klang, als sei sie nach zehntägiger Strapaze den Bedrohungen durch die wilden Bergschotten nur um Haaresbreite entronnen.
Ein unheimliches Land, dieses Schottland, vor allem im Norden und, jedenfalls für sensible englische Gemüter, umgekehrt wohl auch. Mögen England und Schottland nebst Wales und Nordirland das United Kingdom of Great Britain, das Vereinigte Königreich Großbritannien, bilden, so sehr vereinigt sind die Länder jedoch nicht, daß man sie, selbst als Kontinentaleuropäer, in einen Topf werfen oder über einen Kamm scheren sollte. Es gibt viele und oft eklatante Unterschiede.
Man verzeihe mir, wenn ich mit denen beginne, die völkerpsychologisch und geopolitisch nicht zu den wichtigsten gezählt werden können, die aber jedem schlichten Reisenden sofort erfreulich auffallen, vor allem wenn er aus England kommt:
1. Es wird in Schottland besser geheizt.
2. Es zieht nicht überall aus sämtlichen Ecken.
3. Das Essen ist definitiv (und, was die englische Küche betrifft: überhaupt) gewürzt.
4. Kaffee und Tee entsprechen den Getränken, die man auf dem Kontinent darunter versteht, besonders ersteres, und:
5. Je nördlicher man kommt, desto billiger wird alles.
Banalitäten? Ich kann mich dabei auf Samuel Johnson berufen, den wohl bedeutendsten englischen Literaten des 18. Jahrhunderts, auch wenn die Aufzählung auf das Schottland seiner Tage noch nicht zutraf. Er bereiste mit seinem jungen Begleiter James Boswell die Highlands im Jahre 1773 in der – wie ich hinzufügen möchte: typisch englischen – Hoffnung, dort oben auf einen noch gründlich barbarischen Volksstamm zu stoßen. Er wurde bitter enttäuscht, denn er stieß statt dessen auf ein Land zwar ohne Straßen, aber mit einer eigenen, beeindruckenden Kultur. Beide, Johnson wie auch Boswell, haben je ein Buch über diese Reise publiziert.
Schon ziemlich zu Anfang seiner Darstellung über Reisen nach den westlichen Inseln von Schottland, in Banff, entschuldigt sich Johnson, bis heute einer der besten Stilisten englischer Sprache, dafür, daß er anscheinend nur über Lappalien berichtet; in diesem Fall die schottischen Schiebefenster, die, wie er beklagt, keine weights and pullies, Gegengewichte und Schiebevorrichtungen, besaßen. Er moniert zugleich, daß die Schotten selten oder nie ihre Fenster aufmachen, vermißt also die aus dem guten, alten England gewohnte Zugluft.
Dann schreibt er zu seiner Rechtfertigung: »Man sollte nie vergessen, daß das Leben nicht aus einer Folge glorreicher Ereignisse oder kultivierter Vergnügungen besteht; der größte Teil unserer Zeit vergeht vielmehr mit dem Befolgen reiner Notwendigkeiten, der Ausübung täglicher Pflichten, mit der Beseitigung kleiner Unbequemlichkeiten, auf der Suche nach belangloser Unterhaltung; und wir sind entweder gut oder schlecht zuwege, je nachdem der Strom des Lebens sanft an uns vorüberstreicht oder er durch kleine Hindernisse und ständige Unterbrechungen Steine in den Weg gelegt bekommt.«
Das gilt noch heute, und es gilt auch heute noch auf Reisen. Schottland ist ein wunderbares, fast ideales Reiseland, denn es bietet zweierlei: größtmöglichen Komfort nach englischem Vorbild, auch kleinstmöglichen, je nach Geldbeutel; sowie ein Erlebnis, das zumindest europäische Länder nur noch selten bieten können: Einsamkeit. »Es war eine der schönsten Reisen in meinem Leben, jedenfalls die poetischste«, verriet Theodor Fontane in seinem Vortrag Das schottische Hochland und seine Bewohner. »Ich habe nie Einsameres durchschritten.« Noch heute kann man in den nördlichen Highlands tagelang wandern, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen.
Der Generation unserer Urgroßväter galt Schottland als bevorzugtes Reiseziel. Das hing mit den romantisierenden Historienwälzer Sir Walter Scotts zusammen. Obwohl der Autor am Ende seines Lebens bankrott machte, waren seine Bücher weltweite Bestseller, die auch in Deutschland begeistert verschlungen wurden. Fontane zum Beispiel wurde durch Ivanhoe und Kenilworth in den hohen Norden getrieben. Am Loch Leven in den Lowlands um Edinburgh beschloß er, seine heimische Mark Brandenburg so zu bereisen, wie es Brandenburger damals mit Schottland machten. Der Loch Leven erinnerte ihn merkwürdigerweise an den Rheinsberger See. Theodor Fontane besaß ein entflammbares Herz, aber auch einen unbestechlich nüchternen Blick, der dem Samuel Johnsons in nichts nachstand. So hat er, ebenfalls am Loch Leven, schon im frühesten Tourismuszeitalter vor den Gefahren steriler »Von-Höhepunkt-zu-Höhepunkt-Reisen« gewarnt.
»Es ist eine Unsitte«, lesen wir, »die, wie überall, so auch in Schottland herrscht, dem Reisenden gleichsam eine bestimmte Reiseroute, eine bestimmte Reihenfolge von Sehenswürdigkeiten aufzudrängen. Irgendeine Eisenbahn- oder Dampfschiffahrt-Kompagnie findet es für gut, diesen See, diesen Berg, diese Insel als das Schönste und Sehenswerteste festzusetzen; regelmäßige Fahrten werden eingerichtet, bequeme Hotels wachsen wie Pilze aus der Erde, Stellwagen und Postillione, Bootsführer und Dudelsackpfeifer, alles tritt in den Dienst der Gesellschaft, und der Reisende, der ein Mensch ist und in möglichst kurzer Zeit mit möglichst wenig Geld das Möglichste sehen möchte, überläßt sich wie ein Gepäckstück diesen Entrepreneurs (Veranstaltern) und bringt sich dadurch um den vielleicht höchsten Reiz des Reisens, um den Reiz, das Besondere, das Verborgene, das Unalltägliche gesehen zu haben. Eine kleine Schönheit, die wir für uns selber haben, ist uns lieber wie die große und allgemeine.«
Man kann diese Aussage mit Ausnahme der Stellwagen und Postillione, für die man Luxusbusse und Reiseführer einsetzen könnte –, ohne weiteres auf die Gegenwart beziehen, auch wenn sie vor allem für die noch heute zivilisierteren Lowlands im Süden galt. Aber die Verführung durch das eigene Auto oder den Mietwagen läßt auch in den Highlands so manchen die Route nach den Sternchen des Baedecker abrasen. In Schottland, Fontane hat recht, bringt man sich dadurch um das Hauptvergnügen, nämlich die Entdeckung, daß gerade das von anderen Unentdeckte einem viel schöner und wichtiger vorkommt als die vielgepriesene Postkartenszenerie.
Um so mehr, als man im letzten Jahrhundert die englische Landschaft beinahe manisch mit neuen Autostraßen und unzähligen Umgehungswegen (by-passes) durchzogen hat. Viel zitiert wird der Autofahrerwitz: We just passed the by-pass of a by-pass. Die Fahrzeiten sind dadurch sehr verkürzt, die Strecken jedoch entsetzlich langweilig geworden, weil auch der kleinste Ort umgangen wird. Auch hat dieser Fortschritt die Landschaft in weiten Teilen des Südens und der Midlands gründlich zerstört. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts arbeitete man mit finsterer Entschlossenheit daran, das Verschandelungswerk auch in Schottland fortzusetzen. Sogar das historische Schlachtfeld von Culloden, auf das wir noch zu sprechen kommen, wurde durch einen Highway in der Mitte zerschnitten. Gottlob dürften sich die Weiten des gebirgigen Nordens gegen eine weitere derartige Erschließung sperren. Aber im Süden Schottlands haben die Straßenbaufanatiker bereits tabula rasa gemacht. Die Fahrt von Ort zu Ort ist bequem geworden; allerdings nur, wenn man genau weiß, wohin man will. Sonst fährt man im Nu an allen besonderen Schönheiten vorbei, hat die Kilometer oder Meilen gefressen, aber vom Land so gut wie nichts gesehen.
Mag es grundsätzlich empfehlenswert sein, vor Antritt einer Reise einen guten Reiseführer zur Hand zu nehmen und sich gründlich zu informieren, im Falle Schottlands würde ich dies nur demjenigen empfehlen, der durchaus eine Geschwindtour von einer Woche oder zweien machen will. Schottland – auch die Lowlands – sind so voller Überraschungen, vor allem in den abseits gelegenen Orten, Dörfern, Glens und Lochs, daß man jedem einsichtigen Reisenden einen Trip auf gut Glück empfehlen möchte. Johnson hat ihn im 18. Jahrhundert angetreten und Fontane ihn im 19. Jahrhundert andeutungsweise vorgeschlagen. Der Ratschlag dürfte auch noch dem 21. Jahrhundert und hoffentlich allen folgenden entsprechen: Man entdecke Schottland selbständig und lese den Reiseführer hinterher!
Natürlich ist nichts gegen Vorinformationen einzuwenden, wenn der nach Schottland Aufbrechende ganz Bestimmtes aufsuchen möchte. Etwa den Loch Leven, Fontanes Lieblingssee. Mit einer Fähre kann man übersetzen zu einer der beiden Inseln. Auf ihr befindet sich die Ruine von Lochleven Castle, der Burg, in der Maria Stuart fast ein Jahr gefangensaß. Sie entkam mit Hilfe des jüngsten Sohnes ihres Gefängniswärters, der sie nachts ans Ufer ruderte und den Schlüssel ihres Verlieses in den See warf. Man hat ihn später herausgefischt, anscheinend sogar mehrere Male, denn es gibt ihn mehrfach, unter anderem in der historischen Kuriositätensammlung Sir Walter Scotts auf Abbotsford.
Bei Loch Leven heißt es aufpassen. Es gibt zwei Seen dieses Namens. Der andere befindet sich weiter nordwestlich in Argyll, und es ist schon so mancher enttäuscht zurückgekommen, weil er dort vergeblich nach dem Kerker der Maria Stuart Ausschau gehalten hat.
Zu den Urtugenden der alten Schotten gehörte die absolute Gastfreundschaft, die man sogar Feinden angedeihen lassen mußte. Spuren davon sind im schottischen Hotelgewerbe, aber auch den billigeren privaten bed-&-breakfast-Quartieren immer noch anzutreffen. Mag sich äußerlich der Schotte etwas rauher geben, seine Freundlichkeit, auch und vor allem Fremden gegenüber, kommt meist von Herzen. Dem englischen Aberglauben, es gäbe ein Freundlichkeitsgefälle von Norden nach Süden (abnehmender Art), muß ich heftig widersprechen. Man kann im Süden Englands und ebenso im Süden Schottlands netter behandelt werden als auf den Orkney-Inseln. Hingegen zeichnet den Schotten aus, daß er bei aller Freundlichkeit oder sogar Freundschaftlichkeit nie das Selbstvertrauen verliert. So gern und lukrativ er Sie an seinem Land teilnehmen läßt, wird er Sie zugleich immer seinen – durchaus berechtigten – Stolz spüren lassen: This is my country!
Glauben Sie ihm jedoch nicht unbedingt die Klage über die fortdauernde Benachteiligung Schottlands durch die Regierung im fernen London. Die ursprünglich keltischen Schotten und die Engländer angelsächsischer Herkunft haben im Grunde nichts gemein mit Ausnahme der großen und schönen Insel, die sie bewohnen. Deshalb sind sie nicht immer sehr gut miteinander ausgekommen, und bisweilen knirscht es im Zusammenleben heute noch. Gut eingerichtet haben sich die Schotten im Vereinigten Königreich auf jeden Fall. In bezug auf die Lebensqualität stehen sie im United Kingdom statistisch mit 12,2 Prozent über dem Durchschnitt an der Spitze (und die Londoner bei minus 15,1 Prozent ganz unten). Gegenüber Statistiken ist zwar Skepsis angebracht; diesen Zahlen jedoch möchte ich, aus eigener Erfahrung, Glauben schenken.
Am Ende haben die Schotten sogar endlich ein eigenes Parlament in Edinburgh erreicht, das sie – endlich! – mit den englischen und walisischen Mitbürgern gleichberechtigt gemacht hat.
Seife und Whisky
Es ist nie gelungen, die Frage zu beantworten, woher die Kelten gekommen sind, die so ruhelos Europas Frühgeschichte durchwandert haben. Aus Indien? Anatolien? Iran? Böhmen? Gern apostrophiert man sie als »das Volk, das aus dem Dunkel kam«. Und warum haben sie sich nie zu einer Nation zusammengeschlossen, obwohl das ihr großer Wunschtraum war, wie wir aus der Artussage wissen? Weil sie Nomaden waren und blieben? Oder weil sie, ebenso kriegerisch wie sensibel, ein eigentlich künstlerisches Volk, aber mit Lanzen in der Hand (das Wort Lanze stammt aus dem Keltischen), in sich zu zerspalten gewesen sind? Wohin sie auch kamen und sich niederließen: Sie haben fasziniert im Sinn antiker Tragödien; sie erregten Furcht und Mitleid.
Als hochgewachsen beschreibt sie im ersten Jahrhundert v. Chr. der griechisch-sizilianische Historiker Diodor in seiner Historischen Bibliothek, »mit spielenden Muskeln unter weißer Haut. Ihr Haar ist blond, aber nicht von Natur, sie bleichen es auch auf künstliche Weise, waschen es in Gipswasser und kämmen es von der Stirn zurück nach oben. So sehen sie schon deshalb Waldteufeln gleich, weil ihre spezielle Wäsche das Haar auch noch dick und schwer wie Pferdemähnen macht … Gekleidet sind sie, das ist verblüffend, in grell gefärbte und bestickte Hemden. Dazu tragen sie Hosen, die sie ›bracae‹ nennen, und Mäntel, welche auf der Schulter von einer Brosche festgehalten werden, schwere im Winter, leichte im Sommer. Diese Umhänge sind gestreift oder kariert, wobei die einzelnen Felder dicht beieinander stehen und verschiedene Farben aufweisen.«
Das Schottisch-Karierte, die diversen Tartan-Muster der verschiedenen Clans, stammen also schon aus dem Altertum. Caesars Gallier waren Kelten, kriegerisch und kulturbewußt. Ein Volk, das, in unzählige Wanderstämme zersplittert, anscheinend nur halb der vorhandenen Wirklichkeit angehörte. In dieser verursachte es Furcht und Schrecken, wenn es mit wilden Gesängen, die von mißtönenden Instrumenten begleitet wurden, Vorformen des Dudelsacks, in die Schlacht zog, die Krieger – aus Todesverachtung oder weil sie ihre Tartan-Gewänder schonen wollten – splitternackt. Ihr Feldzeichen: die geschrumpften Schädel früherer Feinde. Gefürchtet ihr wütender, mit rasender Tollheit erfolgender erster Angriff, vor dem noch die englischen Truppen im 18. Jahrhundert im schottischen Bergland zitterten.
Geheimnisvoll und unheimlich die merkwürdige Priesterkaste der Druiden, die die Krieger vor dem Angriff durch aufpeitschende Reden und vielleicht auch Drogen in eine Art Trance versetzten. Die Druiden fungierten als Geistliche, Lehrer, Wahrsager, Ärzte und, zuweilen, auch Richter, nahmen jedoch nie am Kampf selbst teil. Sie schufen aus Sagen und Geschichten die Grundlage des einzigen Reichs, das die Kelten dauerhaft errichtet haben: dasjenige des guten Königs Artus und seiner Tafelrunde, ein Traum- und Sagenreich. Dennoch scheint es für die Kelten die gleiche Realität besessen zu haben wie die sichtbare Welt. Mythos und Phantasien waren ihnen nicht weniger real als Wirklichkeitssinn und Verstand.
Ein Zwiespalt. Wahrscheinlich war er daran schuld, daß aus der mystischen König-Artus-Sehnsucht niemals ein keltisches Reich erwachsen ist. Keltisches scheint immer nur zur Hälfte von dieser Welt.
Phantasie und gleichzeitig Tatsachensinn haben auch die Schotten stets ausgezeichnet. Sie waren und sind große Fabulierer, wie Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson und, in unseren Tagen, Erzähler wie Colin Mackay, beweisen; ebenso die Schottenwitze, die fast alle hausgemacht sind. Andererseits gehören Ingenieurs- und Geschäftssinn ebenfalls zum Volkscharakter. Wer mit Schotten Handel treiben will, sollte aufpassen – was schon den Kaufleuten der Hanse bekannt war, die nicht nur in London, sondern auch auf den Shetland-Inseln eine Niederlassung (Bremen-Booth) besaßen. Die Schotten, Nachfahren der Kelten, sind gewitzte Geschäftsleute und große Organisatoren.
Auch ein Mann wie der Pittsburgher Eisenbahn- und Stahlmagnat Andrew Carnegie war ein typischer Schotte (weshalb ihn seine Landsleute auch auf der zweiten Silbe betonen, Carnègie). Mit einem außergewöhnlichen Gespür für Geschäfte begabt, schuf er sich in den USA rasch mehrere Vermögen, die er mit viel Phantasie auch gleich wieder ausgab. Nicht nur seiner Heimatstadt Dunfermline und seiner Wahlheimat Pittsburgh spendierte er Bibliotheksgebäude, Konzerthallen und Universitätsstipendien, sondern mit der Carnegie Hall in New York auch der gesamten englischsprachigen Welt. Seine Erben beklagten, daß er 1919 als armer Mann starb, der nur noch fünf Millionen Dollar auf der hohen Kante hatte.
Am Ende war es Adam Smith aus Kirkcaldy, der die Grundlage legte zur modernen Nationalökonomie. Er entdeckte – typisch keltisch –, daß Selbstinteresse die wahre Triebkraft des Menschen ist und daher Freihandel sowie internationale Arbeitsteilung unerläßlich für wirtschaftlichen Aufschwung. Wer anders als ein Kelte konnte jene »unsichtbare Hand« sehen und definieren, die sowohl egoistisch für den einzelnen als auch, ungewollt, zum Wohle des Ganzen tätig ist?
Für Land- und Geldbesitz haben sich die Kelten schon früh interessiert, dabei druidisch auf das Verborgene hinter dem Sichtbaren achtend und sich von diesem nicht täuschen lassend. Freilich: Auch den Kulissen selbst haben sie große Aufmerksamkeit gewidmet. Freude an Schmuck und Dekorationselementen haben alle keltischen Völker. Von Charles Rennie Mackintosh und seiner Glasgow School of Art ging folgerichtig die Anregung zur kunstgewerblichen Revolution des schottischen Jugendstils aus. Von den kunstgewerblichen Schauderröschen, die einem in Schottland auf Schritt und Tritt und in jeder Motorway-Gaststätte angeboten werden, wollen wir schweigen, auch wenn sie letztlich Ausdruck einer jahrhundertealten Tradition sein dürften.
Aber das keltische Janusgesicht reicht bis in die Kunst der Gegenwart. George Rickeys bewegliche Stahlplastiken sind nach exakten Berechnungen erstellt, aber sie bewegen sich leicht und natürlich wie Pflanzen oder Blätter im Wind. George Rickey stammt aus Glasgow, genau wie Mackintosh. Aus dem rivalisierenden Edinburgh kommt der Popkünstler Sir Eduardo Paolozzi, dessen oft monumentale Gußformen die moderne Technologie mythologisch abzuwandeln scheinen.
Man kratze am Schottischen und wird sofort, gleich unter der Oberfläche, auf Keltisches stoßen. Ohne sein keltisches Erbe ist Schottland nicht zu verstehen.
Auch nicht ohne die alten Römer, die es ungewollt zu erhalten halfen, indem sie Schottland, Caledonia, konsequent aus ihrem Weltreich ausgeschlossen hielten. Das südliche England bildete, 43 n. Chr. von Kaiser Claudius erobert, vier Jahrhunderte lang den nördlichsten und keinesfalls ungeliebtesten Teil des römischen Imperiums, auf dem letztlich die gesamte Zivilisation des Abendlandes beruht.
Man muß sich das römische England damals zwar von Wäldern bedeckt, aber auch schon von gepflasterten Heerstraßen durchzogen vorstellen, mit blühenden Städten und Dörfern, Forts, Villen und sogar Warmwasserbädern und Fußbodenheizungen nach mediterranem Vorbild. Ein Aufstand der im Süden lebenden Kelten unter der Königin Boudicca (auch Boadicea genannt) im Jahr 61 n. Chr. konnte unterdrückt werden. Das römische England hätte blühen und gedeihen können, wären nur nicht im unwegsamen Norden die restlichen Kelten gewesen, die Pikten und die Skoten.
Die Pikten, so nimmt man heute wenigstens an, sollen germanischer Herkunft gewesen sein, aber die Skoten, denen Schottland seinen Namen verdankt, waren waschechte Kelten, wahrscheinlich aus Irland übersiedelt in die rauhen, doch schützende Berge. Von dort fielen beide Stämme, gemeinsam oder wechselseitig, plündernd und brennend in den blühenden Süden ein, wo Kaiser Hadrian schon ab 122 n. Chr. Störenfrieden aus dem Norden etwas entgegengesetzt hatte, was ihm im Verlauf der Menschheitsgeschichte noch mehrfach mit unterschiedlicher Wirkung nachgemacht werden sollte. Er baute an Englands schmalster Stelle eine Mauer, den Vallum Hadriani, den Hadrianswall: errichtet, wie eine Inschrift an seinem östlichen Ausgangspunkt lapidar mitteilt, aus necessitas, also purer Notwendigkeit.
Reste des Hadrianswalls zwischen Stanwix bei Carlisle an der West- und Wallsend bei South Shields an der Ostküste sind erhalten oder wieder ausgegraben. Auf dem Weg nach Schottland lohnt sich ein kurzer Abstecher nach Castlesteads, Carvoran, Chesters, Benwell oder Walltown. Der Eindruck ist gewaltig: Wo noch vorhanden, schmiegt sich die Mauer in eine karge Hügelgegend, wie man es von Fotos von der Chinesischen Mauer kennt, die gute 350 Jahre älter sein dürfte. Beide wurden gebaut als eine Art Zivilisationsgrenze gegenüber den Barbaren, wobei sich fragt, ob Mongolen, Briten, Pikten und Skoten tatsächlich barbarisch waren oder einfach nur anders als die selbsternannten Zivilisations- und Kulturträger.
Immerhin muß man die Römer auch hier wieder einmal bewundern. Das besterhaltene der ursprünglich 80 Forts, die die Grenze bestückten, ist Vercovicium bei Housesteads. Getreu dem alten Samuel Johnson imponierte mir dort am meisten ein Stück banaler, wenngleich überraschender Praktikabilität im Altertum, nämlich das gut funktionierende Abwässersystem. In der Latrine ist noch jener zirkulierende Wassergraben zu sehen, in dem die Legionäre ihre Schwämme auswuschen, die sie anstelle des heute üblichen Toilettenpapiers benutzten. Ich möchte nicht spekulieren, wo die Pikten und Skoten ihre Notdurft verrichtet haben. Am Ende sind auch derartige zivilisatorische Errungenschaften eine Sache menschlichen Ingeniums. Wer mehr zum Thema erfahren möchte, dem sei das Roman Army Museum empfohlen. Es liegt an der ehemaligen römischen Militärstraße, die einst den Wall im Süden begleitete und heute teilweise die B 6318 bildet, bei Greenhead.
Der römische Kaiser Antonius Pius hat später versucht, den Wall weiter nach Norden zu verlegen (Vallum Antonini), aber dieser wurde schon bald, nach 25 Jahren, wieder aufgegeben. So bildete der Hadrianswall bis zum Jahre 410 die Nordgrenze des Römischen Reiches. Als Kaiser Honorius sich endgültig aus dem kühlen Nordland zurückzog, brachen für England die Dark Ages an, die dunklen Zeiten, als jeder gegen jeden stand und Wikinger, Normannen, Angeln und Sachsen aus allen Himmelsrichtungen ins Land fielen. Auch die Pikten und Skoten blieben davon nicht verschont.
Immerhin hat die römische Schutzmauer bewirkt, daß sich Schottland ein Eigenleben auf keltischer Grundlage bewahren konnte, dessen Nachwirkungen – unscheinbar oft – bis heute zu spüren sind.
Cover & Impressum
Karte
Schottland ist nicht England
Seife und Whisky
Das Wasser des Lebens
Porridge, Haggis, Cook-a-Leekie
Highlands, Lowlands
Edinburgh versus Glasgow
Aberdeen versus Dundee
Die anderen Städte und das Ungeheuer von Loch Ness
Liebeslieder mit Dudelsackbegleitung
Im Tal von Glencoe
Der zweite Schicksalsort: Culloden Moor
Dritte schottische Elegie: Die Landräumung
Wie echt sind die Schotten?
Wie man Munroist wird
Golf
Braemar und die Folgen: Highland Games
Wo die Krähen rückwärts fliegen. Ein Kapitel über die schottische Sprache
Shetland, die Orkneys und zweimal Scapa Flow
Die Hebriden – ein ganz anderes Land
Geiz und Aberglaube
Abschiedsbesuch in Abbotsford
Bibliographie
