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Um kaum eine Dynastie ranken sich so viele Geschichten wie um die Hohenzollern, die über 200 Jahre lang die Krone Preußens trugen. Anschaulich, kenntnisreich und unterhaltsam porträtiert Heinz Ohff alle preußischen Könige von 1701 bis 1918. Er schildert nicht nur das Leben der Herrscher von Friedrich I. bis Wilhelm II. an ihren Königshöfen, sondern auch ihr privates Umfeld. Damit macht er einen wesentlichen Teil der deutschen Geschichte lebendig und verständlich.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die Aufnahmen für den Bildteil wurden von Christiane Hartmann angefertigt.
ISBN 978-3-492-97216-1 Januar 2016 © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 1999 Covergestaltung: semper smile, München nach einem Entwurf von Büro Hamburg Covermotiv: Anton Graff (»Friedrich II.«, Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin) Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
STATT EINES VORWORTS
Einen Staat namens Preußen gibt es nicht mehr, und es wird ihn vermutlich auch nie wieder geben. Er wurde gleich zweimal geopfert. Ursprünglich: damit die jahrhundertelangen Träume von einer Einigung aller Deutschen in einem gemeinsamen Staat in Erfüllung gehen konnten. Und ein zweites Mal endgültig: als Sündenbock für Untaten, die nicht von Preußen begangen worden waren, sondern von den braunen Nachfahren der deutschen Träumer.
Opferbereitschaft gehört zweifellos zum preußischen Geist. Sie beruhte bei diesem Selbstopfer allerdings beide Male auf einem Mißverständnis. WilhelmI. hat 1871 geahnt, daß der Übergang von Preußen in Deutschland und sein Wechsel vom preußischen König zum Deutschen Kaiser auf einen staatlichen Selbstmord hinauslaufen würde. Und als die Alliierten 1947 den Staat endgültig auflösten, konnten sie mit dem sozusagen entpreußifizierten Rest Deutschlands um so glimpflicher verfahren.
Worin bestand das Mißverständnis? 1871 auf einer Überschätzung deutscher Vereinigung im Rahmen damaliger internationaler Politik, die leicht, allzuleicht in Kriegsgewalt umzuschlagen drohte. Und 1947 auf eine Überschätzung der Rolle, die Preußen im Verlauf seiner Entwicklung gespielt hatte. Ein erfolgreicher Staat, der suum cuique, jedem Untertan »das Seine«, zu geben bereit war und auf die Disziplin, die in ihm herrschte, bauen konnte, hatte im In- wie Ausland nicht nur eine gute Presse. Im Gegenteil. Man hat ihm schon frühzeitig all jene Eigenarten angelastet, die man zu Recht oder Unrecht als wenig erfreuliche Seiten des deutschen Wesens betrachtete.
Preußen schien geradezu der Erfinder des Militarismus, wobei man übersah, daß andere deutsche Staaten sich ebenso grimmig auf Kriege vorbereiteten. Vergessen auch die Tatsache, daß andere europäische Staaten, etwa England, Preußen von Herzen übelgenommen haben, wenn es sich in Kriegen nicht mit ihnen verbündete. Friedrich dem Großen hat man dank seiner äußerst erfolgreichen Angriffskriege weniger gezürnt als zum Beispiel Friedrich Wilhelm IV., der nicht am Krimkrieg teilnehmen wollte. Ohne Zweifel hatten die Preußen den Militarismus als ein staatstragendes Element angesehen und gepflegt, doch zumeist sehr umsichtig angewendet. Der eigentliche Begründer der preußischen Armee, der sich den Titel »Soldatenkönig« verdiente, hat so gut wie keine Kriege geführt (mit einer zögerlich vollzogenen Ausnahme, zu der er vertraglich verpflichtet war). Sein Urenkel, Friedrich WilhelmIII., hatte ähnliche Skrupel. Er verfaßte ein pazifistisches Manifest und wäre gern ein Friedenskönig geworden, obwohl er das Militär liebte. Kriege suchte er allerdings zu vermeiden und konnte sich bald vor den zahlreichen Abgesandten europäischer Großmächte nicht retten, die ihn zum Völkerkampf überreden wollten. Daß ausgerechnet er dazu ausersehen war, Napoleon mit zu besiegen, ist einer der bittersten Treppenwitze der Weltgeschichte.
Einen Napoleon (oder Hitler) hat Preußen nicht hervorgebracht. Selbst Friedrich der Große, der alles wagte und das meiste gewann, war alles andere als ein Tyrann. In den Ländern, in die er einfiel, wurden die requirierten Lebensmittel, Pferde und Hilfeleistungen auf Heller und Pfennig bezahlt. Er hat weder einen Herzog von Enghien noch einen Ernst Röhm erschießen lassen. Tatsächlich hat Preußen als einer der ersten Staaten sowohl den Gleichschritt als auch die Uniform für alle Soldaten im Felde eingeführt. Das schuf nicht nur eine größere Übersichtlichkeit auf den Schlachtfeldern, sondern auch eine größere Gerechtigkeit sowohl Freund als auch Feind gegenüber.
Die Verantwortlichen für den Glorienschein, den sich Preußen selbstgefällig (aber keineswegs immer zu Unrecht) umlegte, waren freilich alles andere als uniform. Die neun Hohenzollernkönige, die es gegeben hat, erscheinen eher als ein bunter Haufen – lauter ausgesprochene Individualisten, von denen keiner dem anderen gleicht. Wer sie sich alle so vorstellt wie Friedrich den Großen, irrt. Sie können dessen genaues Gegenteil sein wie sein Nachfolger Friedrich WilhelmII., der in fast allem fünfe gerade sein ließ, oder wie FriedrichIII., die Hoffnung aller deutschen Liberalen im 19.Jahrhundert, der leider schon nach 99tägiger Regierung starb. Ob musisch wie FriedrichI. oder amusisch wie Friedrich WilhelmI., einsilbig wie Friedrich Wilhelm III. oder großsprecherisch wie WilhelmII., romantisch verträumt wie Friedrich WilhelmIV. oder auf beinahe bürgerliche Weise realistisch wie WilhelmI., der es vom gehaßten »Kartätschenprinz« zum populären König und zur kaiserlichen Vatergestalt gebracht hat – Preußen war anders, als es Lobredner wie Kritikaster dargestellt haben und mitunter immer noch darstellen. Es war vielfältiger und bunter, wie übrigens auch seine Fahnen, die sich keineswegs alle auf Schwarz und Weiß beschränkten. Zumindest die Regimentsfahnen waren vielfarbig und sogar mit Silber- oder Goldfäden bestickt. Es läßt sich selbst auf diesem Gebiet nur wenig auf einen und denselben Nenner bringen.
Mit anderen Worten: Preußen sah nicht anders aus als andere Staaten auch. Nur disziplinierter, zielstrebiger und erfolgreicher war es. Die vielzitierte Obrigkeit galt und gilt als härter, aber – im Vergleich zu anderen Staaten – auch gerechter als alle anderen. Harte Gerechtigkeit ist nichts Schlechtes, aber sie schafft natürlich kein Paradies auf Erden.
Welcher Staat schafft das schon? Am wenigsten die, die es vollmundig versprechen. Es dürfte schon viel sein, wenn ein Staat das schafft, was Preußen seinen Soldaten auf die Koppelschlösser schrieb: Suum cuique.
Preußens fast ausschließliches Nachleben in der Literatur dürfte in der Faszinationskraft gründen, die unter ebendiesem bescheidenen Ziel, »jedem das Seine«, etwas Großes, Ideelles und nicht zuletzt Unerreichbares versteht. Ein Ziel, welches nicht verhindert, daß vieles unaufgeklärt bleibt, ein Rätsel. Am Ende führt die Beschäftigung mit der Vergangenheit immer zurück in die Gegenwart, die alles auf ihre Weise versteht.
Wie heißt es in Theodor Fontanes wohl preußischster Novelle Schach von Wuthenow
FRIEDRICH I.
oder
Wie man König wird
Man hat es schon damals als etwas merkwürdig und unangemessen empfunden. Da macht sich mitten im Winter ein kleiner Potentat, der Kurfürst von Brandenburg, mit seinem gesamten Hofstaat auf, um sich selbst zum König zu krönen. Dazu muß man durch Schnee und Eis ausgerechnet in die entfernteste Provinz des unübersichtlichen, über die Landkarte verstreuten Landes, an die polnische und russische Grenze ziehen. Und das um des Namens willen, den das zukünftige Königreich tragen soll. In vier Abteilungen machen sich 300Reise- und Gepäckwagen auf den Weg. Dreißigtausend Pferde sind dafür notwendig: seit Menschengedenken das umfangreichste Unternehmen dieser Art in Friedenszeiten.
Der Kurfürst Friedrich III. – den Titel hat er vor rund zwölf Jahren von seinem berühmten Vater ererbt, strebt jetzt aber einen höheren an – hat am 17.November 1700 in Berlin eine prunkvolle Karosse bestiegen, die ihn nach Königsberg, übrigens seiner Geburtsstadt, bringen soll. Die Reise geht freilich nur am Vormittag vonstatten, denn nachmittags läßt sich der Fürst von seinen Untertanen huldigen. Und allabendlich speist er feudal im Kreise der lokalen Honoratioren.
Gewollt oder ungewollt begründet er damit bereits eine feste Tradition. Fast alle ihm nachfolgenden Hohenzollern-Könige werden hinfort Huldigungsfahrten zur Krönung im Dom von Königsberg in Ostpreußen unternehmen, wenn auch nicht unbedingt in der für das östliche Europa ungünstigsten aller Jahreszeiten.
Der künftige König ist außer sich vor Freude über die, wie viele finden, überflüssige und zudem höchst kostspielige Rangerhöhung und kann es kaum erwarten, in Königsberg einzutreffen. Seine Frau, die künftige Königin, reist nicht in seiner Kutsche, sondern teilt einen Wagen mit ihrem galanten Schwager, dem Markgrafen Albrecht, der es sich nicht nehmen läßt, selbst die Zügel zu führen und das Gefährt zu lenken. Sie haben es nicht eilig. Die im Volk außerordentlich beliebte Kurfürstin Sophie Charlotte macht sich nichts aus weltlichen Titeln. Das ganze Getue um die Königswürde läßt sie kalt – eine Intellektuelle.
Als intellektuell läßt sich Friedrich kaum bezeichnen, dafür ist er zu eitel und zu sehr verliebt in die eigene Wichtigkeit. Aber Intelligenz wird ihm keiner absprechen dürfen. Er ist in den Künsten und den Wissenschaften wenn nicht engagiert, so doch an beiden interessiert. Wohl gebildet spricht er mehrere Sprachen, außer dem an den Höfen des 17.Jahrhunderts unerläßlichen Französisch, Polnisch und neben Deutsch auch fließend Lateinisch.
Seine Verschwendungssucht läßt sich aus der kargen Jugendzeit an der Seite seines Vaters, des Großen Kurfürsten, erklären. Seine übersteigerte Eitelkeit dürfte mit seiner etwas kümmerlichen äußeren Erscheinung zusammenhängen. Der Kurfürst ist klein bis mittelgroß geraten. In seiner frühesten Jugend hat ihn eine Amme auf den Steinfußboden fallen lassen, wovon eine leichte Verwachsung, ein Anflug von Buckligkeit zurückgeblieben ist. Merkwürdigerweise versucht Friedrich, den Makel durch übergroße Perücken zu verbergen. Gerade die riesigen Haarwulste lassen ihn jedoch noch kleinwüchsiger und verwachsener erscheinen, ein schwächlicher Mann auf dünnen Beinen, dazu seit seiner Kindheit schwer asthmatisch, ein Leiden, das sich beim Erwachsenen noch verschlimmert hat. Ihn überfallen plötzliche Hustenreize, die bei Hofe gefürchtet sind, weil sie die Laune des Herrschers verschlechtern.
Für einen König, sollte man meinen, wirkt er beinahe wie eine Karikatur. Aber man kann es auch freundlicher sehen: Er hat es schwerer gehabt als andere, sich durchzusetzen. Und fortwährend steht ihm jemand zur Seite, der ihn wegzudrängen versucht, als sei er ein Krüppelwesen. Da war zunächst sein übermächtiger Vater, zur Zeit ist es die ihm in allem überlegene Ehefrau Sophie Charlotte, und bis vor kurzem gab es seinen ehemaligen Erzieher Danckelmann, einen redlichen und getreuen Beamten, der aber noch als Staatskanzler an ihm herumzuerziehen versucht hat, was er jetzt in Festungshaft büßt.
Eine jener Ungerechtigkeiten, wie sie Friedrich nicht selten unterlaufen. Er ist kein Menschenkenner, fällt immer auf die raffiniertesten Schmeichler herein. Dabei meint er es im Grunde gut, bewährt sich auch auf dem politischen Parkett als überlegener Diplomat. Daß er, ein reformierter Protestant, vom katholischen Kaiser Leopold seine – etwas fadenscheinige – Königswürde bestätigt bekommt, gehört zu seinen Meisterstücken. Um so mehr, als er dabei ganz ohne Kriege und das sonst bei derartigen Umwandlungen übliche Blutvergießen ausgekommen ist. Der Streich ist ihm ausschließlich durch Politik, zivile List, Überredungsgabe, Tücke und, nicht zuletzt, Geld gelungen.
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