Der grüne Fürst - Heinz Ohff - E-Book

Der grüne Fürst E-Book

Heinz Ohff

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Beschreibung

Ein luxusverwöhnter, exzentrischer Snob, der Duelle focht und mehr Liebschaften hatte als Casanova, ein Abenteurer, der zu Pferd halb Afrika durchquerte, von höchstem Adel, aber republikanisch gesinnt, begabter Autor, genialer Gartenarchitekt: Eine Persönlichkeit wie den Fürsten Pückler-Muskau hat es im Deutschland des 19. Jahrhunderts nicht noch einmal gegeben.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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1.

Auftritt des Helden

Was hier erzählt werden soll, ist alles andere als ein Schauerroman. Es beginnt trotzdem schaurig genug.

1815. Ein junger Graf, noch nicht ganz 30 Jahre alt, hat eben einen Entschluß gefaßt, der sein Leben verändern soll und seinen gesamten Besitz, die größte Standesherrschaft in deutschen Landen, dazu. Der Entschluß ist lange in ihm gereift. Jetzt verwirklicht er ihn und setzt an den Anfang eine große pathetische Szene.

Vor den erschreckten Augen seiner Untertanen, meist abergläubischen Hinterwäldlern, steigt er zur Mitternacht in die Gruft seiner Ahnen, um dort über Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft, über sich, seine Herkunft und seine Pläne zu meditieren.

Drei Särge hat der junge Graf vorher öffnen lassen. Mit dem Küster schreitet er zur Geisterstunde beim Schein einer Fackel der Kirche entgegen. Es ist Vollmond. Die Kreuze auf dem Friedhof werfen lange Schatten. Wind heult durch die Kiefern. Immer wieder verschwindet der Mond hinter fliegenden Wolken.

»Woher das unbegreifliche Grauen vor den Toten, die kein Glied mehr rühren können, uns zu schaden«, lesen wir in des Grafen eigenem Bericht. »Woher die nächtlichen Schauer, woher die eisige Furcht vor dem, was einst Leben hatte und uns wieder erscheint ohne Fleisch und Bein? – Wenn man jung ist, will man alle Furcht besiegen.«

Mit einer Handbewegung schickt er den Küster fort, nachdem dieser die knarrende Falltür geöffnet hat. Die Fackel in der Hand steigt der junge Standesherr die morschen Stufen hinab ins düstere Gewölbe. »Mein alter Großvater, der 86 Jahre des Lebens Bürde getragen, war der erste, den ich erblickte. Sein schlohweißes Haar hatte sich in der bleiernen Hülle wieder blond gefärbt. Sein Haupt lag nicht mehr in der alten Richtung auf dem Kissen, sondern hatte sich seitwärts mir zugewandt, und seine weiß kalzinierten (kalkbedeckten) Augen starrten mich an wie zum Vorwurf, daß ich im jugendlichen Übermute der Toten Ruhe gestört.« Ihm küßt er den eiskalten Schädel und schneidet »eine spärliche Locke von seinem ehrwürdigen Scheitel«.

Im zweiten Sarg streckt sich »unter goldgestickten Lumpen ein langes Gerippe hin«, das eines Feldobristen, der im Dreißigjährigen Krieg unter Pappenheim gegen die Schweden zu Felde gezogen ist – ein weiterer Vorfahr.

Dem gleichen Geschlecht, welches sich, der Sage nach, auf Rüdiger von Bechelaren, den Ritterhelden aus dem Nibelungenlied, zurückführt, gehörte auch die Frau im dritten Sarg an. Sie sei, berichtet unser Graf, »bei ihrem Leben die schöne Ursula genannt« worden. In der lokalen Überlieferung hat sie allerdings als »böse Ursel« überlebt. »Der kleine Totenkopf hatte eine dunkelbraune, häßliche Farbe angenommen; der ganze übrige Körper war mit einem langen, wunderbar erhaltenen Mantel von feuerfarbener Seide mit silbernen Fransen bedeckt. Ich wollte ihn aufheben, doch er kam mir selber zuvor, denn bei der ersten Berührung zerfiel er fast in Staub, und eine Legion Kellerwürmer, Gott weiß, wie hier hereingekommen, wimmelten unter meinen Händen auf den zusammengebrochenen Knochen.«

Lange betrachtet der Graf, auf einem der nicht geöffneten Särge sitzend, »in dumpfer Betäubung« bei flackerndem Fackellicht die lange Reihe seiner Vorfahren. Dann fällt er auf die Knie und betet, »bis das Eis in meiner Brust in schmerzlich-süße Tränen zerschmolz. Was von Furcht, Grausen und allen unheimlichen Gefühlen in mir gewesen, es verschwand vor Gott, und stille sanfte Wehmut blieb allein zurück.«

Gestärkt und getröstet, will man seinen Worten glauben, schreitet der Standesherr zurück in die Welt der Lebenden. Die – von uns übrigens hinzuerfundene – Kulisse von Mond, Wolken und Windgeheul gehört dort gewissermaßen zum Gefühlsrepertoire. Wir befinden uns in Zeiten der Hochromantik mit ihrem Gespenster- und Unheimlichkeitskult. Die Romantiker, zu denen wir den Grafen rechnen müssen, pflegen freilich, als Kehrseite der Medaille, ebenso die Skepsis und ihre zynische Stiefschwester, die Ironie. Unser Graf macht da keine Ausnahme.

Zu seiner großen Freude erregt die mitternächtliche Szene allgemeines Entsetzen nicht nur in seinem Umkreis, denn er sorgt dafür, daß sie weithin publiziert wird. Mutprobe, romantisches Abenteuer und wohl sogar echte Schwermut gehen, wie später noch so oft bei ihm, mit einer Art von früher Public Relation eine sonderbare Ehe ein.

Sein Name erschien und erscheint ohnedies oft in den Zeitungen, vor allem den Klatschspalten, die es damals schon gibt, und die oft den Hauptteil der Gazetten ausmachen. Der Graf erfreut sich eines nicht immer schmeichelhaften Rufs als Luftikus, Casanova, Verschwender und Urheber hintergründiger, mitunter auch böser Scherze, die, hat man das Gefühl, häufig nur dazu erdacht sind, um in die Zeitung zu kommen.

Sein Gruftbesuch, ein bißchen geschmacklos, aber höchst zeitgemäß, erinnert schon damals Zeitgenossen an Szenen aus E. T. A. Hoffmanns »Phantasiestücken in Callots Manier«, die eben erschienen sind. Es kann sogar gut sein, daß sie tatsächlich von ihm stammen, zumindest von ihm angeregt sind. Denn mit dem vielseitigen Dichter-Juristen-Komponisten ist der Graf – man kann getrost sagen: – befreundet, hat so manches Glas im Weinkeller von Lutter & Wegner in Berlin mit ihm geleert.

Das ironische Rüpelspiel folgt dann auch der gespenstischen Szene auf dem Fuße.

Gleichsam zur Nachfeier lädt der Graf die Bevölkerung seines Hauptstädtchens zu einem Ball ins Parktheater. Er selbst kann – angeblich – an dem Fest nicht teilnehmen, weil er erkrankt ist, sitzt jedoch in Wirklichkeit hinter den Gittern seiner verdunkelten Loge und beobachtet die von ihm wohlgeplanten Ereignisse.

Zunächst gerät die Musik außer Rand und Band. Ein Hochländer wird als Walzer, ein Walzer gar als getragene Sinfonie gespielt. Die geladenen Gäste hüpfen verzweifelt herum und stehen – oder sitzen – wenig später ebenso ratlos vor einem Essen im englischen Stil, das ihnen, zum Beispiel durch übergroße, unhandliche Löffel für die Suppe, zusätzlich erschwert wird.

Während des Mahls machen dann angelernte Provokateure die braven Bürger auf die seltsamen Tischdecken aufmerksam. Sie sind allesamt tiefschwarz, und das Gerücht verbreitet sich, es handle sich um Leichentücher aus der eben vom Grafen aufgesuchten Grabkammer. Sogar das Fleisch, spricht sich herum, stamme daher, was eine allgemeine Flucht der Gäste zur Folge hat, in die hinein der Kronleuchter plötzlich von der Decke stürzt und jemand »Feuer, Feuer!« ruft, was alles unseren Grafen in seiner Loge höchlich amüsiert.

Der Ort der Handlung: Muskau in der Oberlausitz. Über den mit dem Grauen Scherz treibenden Grafen: Hermann von Pückler, ist das Echo geteilt, wohl sogar bis heute. Noch 1906 tönt ein wütender Muskauer Festredner namens Siegfried Braun über die »Doppelnatur« Pücklers: »Meine Damen und Herren! Das sind doch alles keine bloßen gutmütigen Schwabenstreiche, als welche man sie hat hinstellen wollen. Fürst Pückler ist nach allem diesem doch auch kein so vornehmer und tadelloser Charakter… Hierbei haben allein Wahrheit und Gerechtigkeit das erste Wort zu sprechen. Solange sie gelten, wird der Mensch Pückler keinen anderen Ruhm beanspruchen können als den, daß er jede gute bürgerliche Sitte und Moral mit Füßen trat.«

Der empörte Siegfried Braun weiter: »Um in aller Leute Mäuler zu kommen, fuhr er z. B. in Berlin mit vier starken gezähmten Hirschen die Linden entlang, um dann plötzlich innezuhalten, ein Buch aus der Tasche zu ziehen und sich darin zu vertiefen. Oder er überredet einen völlig durchnäßten Geistlichen, zur Wahrung seiner Gesundheit in den Sonntagsstaat einer Frau Försterin zu schlüpfen, lädt den Vertrauensseligen auf seine Kalesche, saust mit ihm in voller Karriere zur nächsten Stadt und zum Ergötzen aller Einwohner dreimal um die Kirche herum und ähnliches mehr.« Andere haben ebenso geurteilt.

»Seine größte Schwäche«, lesen wir, »war Eitelkeit, und um so mehr, da sie, gegen bessere Erkenntnis, durch eine ganz eigentümliche Anomalie ihre Nahrung nur in äußeren Zufälligkeiten und wahren Lappalien suchte.«

Ein vernichtendes Urteil. Es stammt allerdings vom Verurteilten selbst, was die Sachlage entschieden verändert. Der Graf und spätere Fürst ist sich seiner Schwächen völlig bewußt. Seiner Stärken übrigens auch. Ein trotz des eitel-aristokratischen Gehabes im Grunde melancholischer und kontemplativer Charakter, beobachtet er sich ein Leben lang genau und mit nahezu unbestechlichen Augen. Pücklers stärkster Kritiker ist Pückler selber. Er überschätzt sich nicht, wie er sich ebensowenig unterschätzt. Er kann in einem Augenblick stolz und im anderen bescheiden sein. Die Doppelnatur, die ihm sein nachgeborener Kritiker vorwirft, hält ihn im Gleichgewicht.

Das gilt ebenso für seine berühmt-berüchtigten Jugendstreiche. Romantische Todessehnsucht, in der Gruft der Ahnen theatralisch ausgespielt, und alberner Studentenulk scheinen zwar extreme Gegensätze. Man kann sie aber auch als Ausgleich sehen, als einander bedingend, Kehrseiten, wie sie zur menschlichen Natur gehören. Den Deutschen sollte so etwas eigentlich vertraut sein, wohnen doch, ihrem Lieblings-Goethezitat zufolge, zwei Seelen, ach, in ihrer Brust.

Das ist, was Pückler betrifft, freilich weit untertrieben. Seine in der deutschen Kulturgeschichte einzigartige Persönlichkeit beweist, daß in ihm, wahrscheinlich aber in uns allen (und nicht nur den Deutschen), unzählige Doppelnaturen hausen, ungleiche Paare von oft erschreckender Gegensätzlichkeit.

Was bei ihm verblüfft, ist eben diese Häufung anscheinender Unvereinbarkeiten. In die Romantik paßt er wie maßgeschneidert. Trotzdem bleibt er, getreu dem 18.Jahrhundert, aus dem er stammt, ein Aufklärer, ein überzeugter Rationalist. Herkunft, Erziehung, Titel und Adelsstolz, alles deutlich zur Schau getragen, hindern ihn nicht, politisch liberal zu denken, zu schreiben und zu agieren. Zum Ärger des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. entpuppt er sich – ein Fürst! – sogar als Demokrat. Zeitweilig bilden er und Alexander von Humboldt im preußischen Staat so etwas wie eine liberal-adlige Opposition.

Pückler, überzeugter Anhänger des französischen Sozialreformers Saint-Simon, aber vor ideologischer Parteinahme zurückschreckend, liebäugelt mit englischen Verhältnissen, einer konstitutionellen Monarchie und einem Parlament aus zwei Kammern, einer für das Volk und einer für den Adel. Seinen Standesgenossen bleibt er suspekt – er, ein Sympathisant der Revolution! Dabei liebt Pückler – Konsequenz ist nicht seine Sache – den Luxus und jagt verzweifelt jedem Orden nach, mit dem er seine ohnedies reich dekorierte Brust schmücken kann.

Gegensätzliches scheint ihn anzuziehen. Er ist eitel und doch selbstkritisch, schadenfroh und menschenfreundlich, verwöhnt und sportlich, hochherzig und dünkelhaft, preußisch gesinnt und vor allem ein Weltbürger – lauter Doppelseelen in seiner Brust. Ein Stutzer und Elegant, erträgt er auf Reisen spielend und ohne Murren die ärgsten Strapazen. Sein Leben lang neigt er zum Katholizismus, tritt aber trotzdem für eine strenge Trennung von Kirche und Staat ein. Sein größtes Kunststück: Daheim der treueste aller Ehemänner und ansonsten ein notorischer Schürzenjäger, versteht er es am Ende sogar, wie wir sehen werden, Monogamie und Vielweiberei unter einen Hut zu bringen.

Eine schillernde Erscheinung, zweifellos. Nicht nur in der kargen Lausitz und unter seinen preußischen Landsleuten, auch wo er sich sonst herumtreibt, am englischen Hof und an dem des türkischen Sultans, in französischen Salons und an der Spitze eines Trupps berittener Beduinen, wirkt er wie ein Kolibri unter Spatzen.

Dabei ist er eine blendende Erscheinung. Eine Reiterfigur, hoch gewachsen und – bis ins Greisenalter – gertenschlank, das Bild eines Aristokraten vom Scheitel bis zur Sohle. Daß sich die Frauen reihenweise in ihn verlieben, kann nicht verwundern.

In die deutsche Kulturgeschichte ist er, aus Gründen, auf die wir noch zu sprechen kommen, hauptsächlich als Schöpfer einer Eis-Leckerei eingegangen. Man kann das nur als ungerecht und ungerechtfertigt bedauern. Pückler war zwar ein großer Feinschmecker vor dem Herrn, aber diese Création stammt nicht von ihm, sondern von einem cleveren Cottbusser Konditormeister, der bat, den erlauchten Namen für seine Erfindung verwenden zu dürfen.

Der Fürst würde sie vermutlich wenig goutieren, jedenfalls nicht so, wie sie heute daherkommt: drei verschiedenfarbige Speiseeissorten zwischen zwei pappige Waffeln gepreßt. Das Originalrezept hatte schon eher Delikatessencharakter. Es sei an dieser Stelle verraten und zur Nachahmung empfohlen, auch wenn es schwierig sein dürfte, die nötigen Zutaten, etwa Koschenille, laut Fremdwörter-Duden ein aus Weibchen der Scharlachschildlaus gewonnener karminroter Farbstoff, heute in gebührender Qualität aufzutreiben. Man bedenke ferner, daß das Rezept aus Zeiten stammt, in denen es noch keine elektrischen Kühlsysteme gab.

Rezept Fürst-Pückler-Eis (6 Personen)

½ 1 sehr steif geschlagener Schlagsahne mit 2 gehäuften Eßlöffeln feinem Zucker vermischen. Die Masse in 3 gleiche Teile teilen. Den ersten Teil, der weiß bleiben soll, mit 1 Gläschen Maraschino oder Kirschwaser vermischen, den zweiten mit ⅓ Tasse Erdbeeren rot färben (notfalls mit einigen Tropfen Koschenille nachhelfen), den dritten mit 2 Eßlöffeln in wenig Wasser aufgelöster Schokolade versetzen. 100 Gramm Makronen in kleine Stücke hacken, mit Maraschino oder Kirschwasser durchziehen lassen, unter alle 3 Sorten verteilen. In eine Eiskegelform zuerst die rote, dann die weiße, dann die braune Schicht streichen, diese oben mit einem Blatt weißem Papier abdecken und den Deckel fest anpressen. Die Form sollte in einem Gemisch aus Eis und Viehsalz 2–3 Stunden ganz bedeckt stehen. Sie wird dann in lauwarmes Wasser getaucht, schnell abgetrocknet, geöffnet und gestürzt.

So weit zum kulinarischen Andenken des Fürsten Pückler. Von Eis wird dann auch nicht mehr die Rede sein. Der stets zu Streichen, »practical jokes«, aufgelegte Mann von Hochadel, vielfach begabt auch als Reiter, Sänger, Spieler und Pistolenschütze in immerhin acht geführten Duellen, hat Wertvolleres hinterlassen. Er war einer der bedeutsamsten deutschen, ja europäischen Landschaftsgartengestalter. Seine großen grünen Schöpfungen, die Parks von Muskau, Branitz, Babelsberg, zeugen noch heute von seinem gärtnerischen Können. Und er war ein erfolgreicher und geistvoller Schriftsteller, neben seinem Freund Heine und seinem Feind Börne vielleicht der beste Stilist seiner Zeit in deutscher Sprache. Seine Bücher, einst Bestseller, sind mit wenigen Ausnahmen vergessen. Zu Unrecht, denn bei all seiner Vorliebe für schwer verständliche Fremdwörter und selbsterfundene französisierende Wortungeheuer hat selten ein Feuilletonist die deutsche Sprache mit einer derartigen Eleganz zu handhaben verstanden.

In beiden künstlerischen Metiers war er allerdings kein Vorreiter, kein Avantgardist, eher ein Vollender. Die Gartenkunst im englischen Stil wurde von ihm schon gleichsam in dritter Generation ausgeübt, nach dem Vorbild der von ihm wohlstudierten englischen Gärten William Kents (l. Generation), »Capability« Browns (2.) und Humphry Reptons (3. Generation). Seine Schreibe ist deutlich an Heine geschult, dessen »Reisebilder« er sogar in der Wüste mit sich führte, seine belletristischen Versuche an E. T. A. Hoffmann und Victor Hugo. Kein Neuschöpfer, eher ein Mann der Nachhut.

Seine Zeitgenossen jedoch hält er in Atem mit gigantischen Planungen, gewagten Zeitungsartikeln und Büchern, aber auch Hirschgespannen, Phantasieuniformen, einem Aufstieg im Luftballon sowie der haarsträubenden Provokation, daß er aus Afrika mit einer auf dem Sklavenmarkt erstandenen schwarzen Geliebten heimkehrt.

Der Mann, fand man damals schon, hatte eben sehr viel Geld. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Reich war Pückler über lange Strecken seines Lebens nur an Schulden, ansonsten oft bettelarm. Für seine Landschaftsparks, sein luxuriöses Leben und seine Abenteuer hat er mehrere Vermögen zum Fenster hinausgeworfen, und dasjenige seiner Frau Lucie dazu. Ein armer reicher Mann; aber auch damit auf der Höhe seiner Zeit. Denn es war damals modern, Eigentum zu verachten. Oft zitiert Pückler seinen Freund, den Berliner Baumeister Schinkel, der nicht einmal ein eigenes Haus besitzen möchte, weil es ihn belasten würde. Tieck, damals als Erz-Romantiker empfunden und daher dem Zeitgeist am nächsten stehend, spricht in seiner vielgelesenen Novelle »Die Gemälde« von »starrem Eigentum« und der »Grausamkeit des Besitzes«.

Pückler hat sich seines Reichtums immer wieder auf wahrhaft masochistische Weise entledigt, indem er Geld, das er besaß, sogleich in Umlauf brachte, und sei es durch Extravaganzen. Zu Starrsinn und Grausamkeit ließ er Eigentum und Besitz gar nicht erst kommen. Er verschwendete – und er genoß.

Obwohl Melancholiker und überschatteten Gemüts, ist Pückler einer der wenigen Deutschen, die ihr Leben in vollen Zügen und noch als Greis zu genießen verstanden. Die deutsche Kulturgeschichte kennt fast ausschließlich selbstquälerische, umdüsterte Gestalten, denen Lebensgenuß das letzte war, was sie erstrebten. Pückler macht kein Hehl aus der Tatsache, daß er unter anderem auch ein Genußmensch ist wie der Taugenichts in Eichendorffs Novelle. Ein Sonderkapitel deutschen (oder preußischen) Wesens, das man nicht in irgendeine dunkle Ecke schieben sollte: Eichendorffs Taugenichts als Ideal- und Traumvorstellung, Pückler als dessen Realisierung, Verkörperung des auch geistigen Lebensgenusses.

Wir sind bei der Vorstellung unseres Helden vom romantischen Schauerroman in Gefilde geraten, die mit dem zu tun haben, was man deutschen Volkscharakter nennt. Für manches, was man diesem Volkscharakter meist zurechnet, ohne weiter nachzudenken, setzt Pückler, auch ein Deutscher und sogar ein bewußter Preuße, das exakte Gegenbeispiel. Oder besser gesagt: Er verkörpert einen Strang deutscher Geistesgeschichte, der von anderen, aber auch den Deutschen selbst, gern übersehen wird.

Pückler vertritt wie neben ihm nur noch Goethe die kosmopolitische Tendenz deutscher Kultur und Literatur. Seine Sprachgewandtheit reicht über die deutsche Mutterzunge auf ganz natürliche, beinahe selbstverständliche Weise hinaus. Sie erstreckt sich unter Mißachtung fester Grenzen ins Französische, das er vollkommen beherrscht, aber auch ins Englische, Italienische, Spanische und zurück ins Latein der Antike.

Er strebt gewiß kein Esperanto an, wohl aber versucht er, die babylonische Sprachverwirrung durch eine gegenseitige Form von Sprachdurchdringung herabzumildern. Das gelingt ihm meist sogar auf sehr graziöse Art. Sein Sprachfluß, soviel Fremdes er mitschleppt, bleibt immer elegant – ein kosmopolitisches Parkett, auf dem er sich, geistreich und verspielt, mit Charme zu bewegen versteht. Das geht manchmal, zugegeben, auch fürchterlich daneben. Wie stolz ist er, als er auf seiner Englandreise die Vokabel »bewilder« (irreführen, verblüffen) entdeckt und nun ebenso wortreich wie vergeblich versucht, sie ins Deutsche einzugliedern (»Ich bin doch sehr bewildert«).

Die deutschen Oberlehrer hat das immer empfindlich gestört, ein Grund mehr für sie, Pücklers Bücher zu vergessen. Den deutschen Provinzialen hält er echten kosmopolitischen Sinn entgegen. Er bleibt trotzdem oder eben deshalb – schon wieder die vielzitierten beiden Seelen, ach – ein Patriot. Wie sagt Goethe in seiner Rezension von Pücklers »Briefen eines Verstorbenen«? »Hier wird uns ein vorzüglicher Mann bekannt.«

Aber kehren wir noch einmal zu dem jungen Grafen zurück, der der Gruft seiner Ahnen entstiegen ist. Seine Gedanken – wir folgen seiner eigenen Darstellung – schweifen zurück in die Vergangenheit, deren makabre Hinterlassenschaft er eben in Augenschein genommen hat. Die Fackel ist in seiner Hand erloschen. Er wirft sie zwischen die Grabkreuze und schreitet, die großväterliche Lokke umklammert, den Laternen der Dienerschaft entgegen, die ihn am Kirchhofstor erwartet. Samt Equipage. Sie, das Schloß und der Traum von einem großen Landschaftsgarten, der es umgeben soll, prächtiger als alle bisherigen in Europa und möglichst sogar England, sind Gegenwart.

Noch auf der Heimfahrt wendet er sich in Gedanken der Zukunft zu. Und es kennzeichnet ihn, daß diese Richtungsänderung eine Wandlung seiner Gemütslage um gute 180 Grad zur Folge hat. E. T. A. Hoffmann verschwindet. Pückler, der Realist, der Zyniker und Skeptiker tritt zutage. Er ahnt, daß das feudale Zeitalter sich seinem Ende zuneigt. Er ahnt auch, daß die Zukunft dadurch nicht besser, wohl aber anders werden wird. So manches von den Prophezeiungen des grünen Fürsten ist Wirklichkeit geworden: Er stellt sich vor, daß er 100 Jahre nach seinem eigenen Tode zurückkehrt auf seinen Besitz. Da hat sich vieles, beinahe alles geändert. Die neue Welt scheint rein materialistisch organisiert. »Was seh ich? Schiffbar ist der Fluß geworden, der meinen Park durchströmt; aber Holzhöfe, Bleichen, Tuchbahnen, häßliche, nützliche Dinge nehmen die Stellen meiner blumigen Wiesen, meiner dunklen Haine ein.« Das Schloß sieht er zur Fabrik umgestaltet. Sein Nachfahr ist kein Herr mehr. Sein Besitz »hat sich mit der Zeit wohl unter hundert verschiedene Besitzer verteilt. Wie könnte einer so viel haben und Freiheit und Gleichheit bestehen!«

So stellt Pückler sich also das 20. Jahrhundert vor. Es kommt noch schlimmer. In seiner Zukunftsvision sieht der Fürst seinen »Urenkel« (den es de facto nie geben wird) auf dem Totenbett: »›Der Vater ist tot!‹ höre ich eben den Sohn zu einem anderen sagen. ›Es ist kein Zweifel, fahrt ihn hinaus.‹«

Pückler endet seinen Bericht: »Ach, lieber Leser, welch ein Begräbnis! Du fragst, wohin es mit der Leiche ging? – Nun, natürlich, wo sie am nützlichsten ist: – aufs Feld, als Dünger.«

Die Satire eines Romantikers auf ein allzu rationales oder rationelles Zeitalter, das er voraussieht? Der Ausflug ins Reich der Toten und anschließend das der Nachfahren endet jedenfalls in bitterem Gelächter.

Wenden wir uns Pücklers Gegenwart zu.

2.

Das Sonntagskind

»Sie müssen nämlich wissen, daß heute Sonntag ist«, schreibt der 75jährige Pückler einer jungen Dame, »an welchem Tage ich einst vor langen Zeiten gerade um 12 Uhr geboren ward, ich also ein Sonntagskind bin, das eintreffende Ahnungen hat und Geister sehen kann.«

Zunächst scheint es nicht so, als ob dieses Sonntagskind auch ein Glückskind wäre, eher im Gegenteil. Graf und Gräfin Erdmann von Pückler-Muskau, denen am 30. Oktober 1785 ein Sohn geboren wird, der erste Nachwuchs, sind ein seltsames Ehepaar, bereits zutiefst zerstritten. Feuer und Wasser vertragen sich unter Umständen besser miteinander als diese beiden.

Das ist allerdings durchaus nichts Ungewöhnliches. Aus Liebe wird damals in derart hochgestellten Kreisen selten oder nie geheiratet. Heiraten stellen vielmehr einen Geschäftsvorgang dar, haben ein dynastisches Ziel und ein materielles, die Arrondierung der Familienbesitze. Sie sind exakt vorkalkuliert, wobei auf persönliche Wünsche keine Rücksicht genommen werden kann. Land und Adel haben Vorrang, was zwangsläufig zu lauter mehr oder weniger unglücklichen Ehen führt. Die Schlösser der Duodezzeit – Deutschland besteht aus über 1700 Kleinstaaten – dürften mehr Kummer und Tränen als Glück in Liebesnächten gesehen haben. Die Reichen und Mächtigen müssen sich Reichtum und Macht durch persönliches Unglück erkaufen; man beneidet sie oft zu Unrecht. Als Friedrich Wilhelm, der Kronprinz von Preußen, wenig später aus der Reihe tanzt und sich seine schöne Luise selbst aussucht, ohne Hintergedanken und nur aus Herzensgründen, gerät das ganze Land Preußen vor Freude außer sich. Unter Grafen und Fürsten, geschweige denn Königen, sind unglückliche Ehen die Regel.

Bei unserem Sonntagskind tritt erschwerend hinzu, daß die Ehe der Eltern schon von vornherein durch den Ehevertrag unterminiert worden ist. Und zwar auf eine Weise, die den Kleinen, der auf die Namen Hermann Ludwig Heinrich getauft wird, ebenfalls von vornherein tangiert. Daß sein Vater ihn hassen wird, haben ihm seine beiden Großväter, kein ersprießliches Erbe, in die Wiege gelegt.

Die beiden Großväter, der reiche und mächtige Graf von Callenberg auf Muskau in der Oberlausitz, und der weniger reiche und mächtige Graf Pückler auf Branitz, in der Niederlausitz gelegen, müssen irgendwann um das Jahr 1780 herum im Schloß zu Muskau zusammengekommen sein. Wie wir aus einer betimmten Tatsache wissen, die später verraten werden soll, zogen sich die Verhandlungen über mehrere Tage beziehungsweise Nächte hin. Es ging um das Schicksal ihrer Kinder und, gleichzeitig, ihrer Besitzungen, beides Standesherrschaften, von denen es noch vier in der Lausitz gibt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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