Gebrauchsanweisung fürs Lesen - Felicitas von Lovenberg - E-Book

Gebrauchsanweisung fürs Lesen E-Book

Felicitas von Lovenberg

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Beschreibung

Lesen kann klüger oder auch entspannter machen, es regt die Fantasie an, stärkt das Selbstbewusstsein und fördert die soziale Kompetenz. Felicitas von Lovenberg, preisgekrönte Publizistin und ehemalige FAZ-Literaturchefin, Moderatorin, Autorin und Verlegerin, bricht eine Lanze für das Kulturgut Buch. Sie schildert, wie seine Rolle sich immer wieder gewandelt hat und welch ungewöhnliche Lesegewohnheiten es gibt. Bietet einen Überblick, wie und warum wir heute lesen. Geht auf Lieblingsbücher und Entdeckungen ein; erzählt, wie Romane sich in Freunde und Reisegefährten verwandeln und aus dem Zeitvertreib Lesen eine beglückende, lebenslange Sucht werden kann. Und zeigt, was es mit Trends und Moden wie Deep Reading auf sich hat. Ob zum Verschenken oder Selbst-Behalten: Dieser Wegweiser ist der ideale Band für jeden Buchliebhaber.

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deISBN 978-3-492-99030-1© Piper Verlag GmbH, München 2018Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Zitat

Widmung

I. Wozu überhaupt lesen?

Vom Wort zur Schrift zum Epos

Lesende Gehirne

Wer liest, ist gesünder, lebt länger und verdient besser

Lesen macht kritisch

Lesen macht glücklich – und gut

Lesen als Privatissimum

Die Magie von Bibliotheken und die Freuden des Bücherhortens

Ein Vademecum gegen Einsamkeit

Lesen als Überlebenshilfe

II. Wie lesen? Wann, wo, wie oft – und wann man aufhören sollte

Laute Lektüren, leise Lektüren

Analog oder digital?

Leseorte und Lesezeiten

Lesen und Trinken, Lesen und Essen

Lesegeschwindigkeiten

Ordnungsfragen

III. Was lesen? Von der Suche nach den richtigen Lektüren

Die Kunst der Unterscheidung

Susan Hill und die Frage: Lesen wir genug Klassiker?

Das richtige Buch zur rechten Zeit

Vom Zusammenleben mit Romanfiguren

Kanon, Leselisten und Co.

Und wer mehr übers Lesen lesen möchte

Abdrucknachweise

»Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.«

Jorge Luis Borges

»Lesen stärkt die Seele.«

Voltaire

Für alle, die vom Lesen nicht lassen wollen

I. Wozu überhaupt lesen?

»Ich kenne das Vergnügen des Nichtstuns absolut nicht. Sobald ich kein Buch mehr in der Hand halte oder nicht davon träume, eines zu schreiben, überkommt mich eine solche Langeweile, dass ich laut schreien möchte.«

Gustave Flaubert

Ganz gleich, ob man es als die schönste Haupt- oder Nebensache der Welt betrachtet, ob man lebt, um zu lesen, oder liest, um zu leben, ob man ein Bücherregal hat oder viele, eine ganze Bibliothek sein Eigen nennt oder lediglich einen Reader, ob man ein selbst erklärter Bücherwurm ist oder eher ein Ich-wünschte-ich-hätte-mehr-Zeit-zum-Lesen-Leser: Wenn dieses Büchlein Sie angelacht hat und Sie danach gegriffen haben, muss man Sie wahrscheinlich nicht erst von der Notwendigkeit und dem Glück der Lektüre überzeugen. Ein Buch übers Lesen, das wäre auch mir bis vor Kurzem ähnlich überflüssig erschienen wie ein Sandkasten in der Sahara.

Doch während das Lesen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts seinen historisch gesehen gewaltigsten Boom erlebte, weil immer mehr Menschen immer mehr Zeit im Alltag hatten, die sie bevorzugt mit einem Buch in der Hand verbrachten, weil Bücher unter und in den Leitmedien eine Vorrangstellung einnahmen und das Gespräch über wichtige neue Titel ein nahezu gesamtgesellschaftliches war, weil die Auswahl an passenden Büchern für jede Art von Leser stetig zunahm und weil sogar das Fernsehen Büchern und dem ernsthaften Gespräch über Literatur Raum und zuschauerfreundliche Sendezeiten einräumte, erscheinen Gegenwart und erst recht Zukunft des Lesens deutlich unsicherer. Statt zum Buch greifen Menschen zum Smartphone, von wo sie immer weniger Schrift- und immer mehr Sprach- und Videonachrichten verschicken, ihre freie Zeit verbringen sie bevorzugt mit dem Anschauen aufwendiger Fernsehserien, und wenn sie sich Büchern und Autoren widmen, tun sie das zunehmend lieber im Pulk als allein. Während Literaturfestivals und Literaturhäuser sich immer größeren Zulaufs erfreuen, Lese-Communitys im Netz und privat organisierte Lesezirkel wachsen und immer mehr Menschen in Blogs und Posts andere an ihren Lektüren teilhaben lassen, scheint das Buch isoliert von dieser Betriebsamkeit und allein mit seinem Leser in der Defensive zu sein. Weil immer weniger Menschen immer weniger Bücher kaufen, gehen Auflagen zurück, Buchhandlungen tun sich vielerorts schwer, und in den Medien werden Buchbesprechungen zunehmend von aufmerksamkeitsstärkeren Disziplinen verdrängt. Schon wird öffentlich die Frage gestellt, ob das Buch womöglich am Ende sei, nachdem es sich über Jahrzehnte der größten Beliebtheit in seiner langen Geschichte erfreut hat. Sicher ist: Wir werden das Bücherlesen nur retten, indem wir es groß machen und essenziell, und nicht, indem wir Grabgesänge darauf anstimmen. Insofern ist das Nachdenken übers Lesen, darüber, was es bewirkt und auslöst, wo und wie wir es tun und mit welchen Büchern wir das Zwiegespräch suchen, kein beschaulicher Selbstzweck, sondern lustvolle Notwendigkeit. Betrachten Sie dieses Büchlein also als eine Art Beipackzettel einer äußerst gesunden Tätigkeit mit Risiken und Nebenwirkungen.

Die Vorzüge des Lesens liegen auf der Hand. Wer liest, ist nicht allein. Lesen bildet, unterhält und informiert. Es macht uns einfühlsamer, trägt zur seelischen Stabilität bei, vergrößert den Sprachschatz und fördert das kritische Denken. Es verankert uns in uns selbst wie in der Welt. Man kann es immer und überall tun, es ist für jedermann erschwinglich und für alle Lebensalter geeignet. Es hilft vielen beim Einschlafen und verbessert die Qualität des Schlafs ebenso wie die Wahrnehmungsfähigkeit im Wachzustand. Aber obwohl das Internet bewirkt, dass rein quantitativ mehr gelesen wird als je zuvor, ist die Kulturtechnik des Lesens, des Sichversenkens in Bücher, in Gefahr. Denn während man beim Bügeln, Kochen, Fernsehen oder Laufen nebenher immer noch anderes erledigen kann, verlangen Lektüren nach Ausschließlichkeit und erlauben kein Multitasking. Das macht die Entscheidung fürs Buch und das Verweilen darin für viele schwerer als früher. Auch darum führen in den Vereinigten Staaten immer mehr Schulen das Fach Deep Reading ein, eine Lernmethode, die Jugendliche dazu befähigen soll, längere Texte ohne größere Unterbrechungen und Ablenkung zu lesen und ihren Inhalt im Kern zu erfassen. Wer da einen Zeitungstext, eine Kurzgeschichte oder Erzählung gemeistert hat, kann sich als Fortgeschrittener an einem ganzen Buch versuchen.

Diese Gebrauchsanweisung hat indes nicht die Lektüre von Gebrauchstexten im Sinn, nicht das rasche Erfassen von E-Mails, Artikeln, Blogs oder Nachrichten, sondern das eigentliche, das gute, wahre, schöne vertiefte Lesen. Das Lesen, das jeder kennt, der schon einmal wegen einer Lektüre das Licht nicht ausschalten konnte oder eine Verabredung unter fadenscheinigem Vorwand abgesagt hat, um nur ja weiterzulesen. Gemeint sind jene intensiven Lektüren, über denen man Zeit und Ort vergisst, die Hunger und Durst unwichtig machen und die einem beim Aufblicken von den Seiten die eigene Welt einen Moment lang fremd und wunderlich erscheinen lassen. Es ist die Art Lesen, die jene praktizieren, die man gern »Buchmenschen« nennt, also solche, »die im Stehen, Sitzen, Liegen lesen, ihre Brut vernachlässigen, ihre Haltestelle verpassen, die innerlich überbevölkert leben«, wie es Roger Willemsen einmal beschrieb. Es sind Menschen, denen ohne ein gutes Buch in ihrer Nähe etwas fehlt, die unruhig und gereizt reagieren, wenn sie allzu lange nicht zum Lesen kommen, die andere Leute bevorzugt nach ihren Lieblingslektüren befragen und denen ein Leben ohne Literatur weder sinnvoll noch lebenswert erscheint.

»Lesen? Das geht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig«, resümiert ein Abhängiger in einer Karikatur von Greser & Lenz. Als jemand, der noch beim Zähneputzen liest, im Stau und an roten Ampeln, der ohne Lektüre schlecht einschlafen kann und morgens extra früh aufsteht, um vor dem Erwachen der Familie etwas Lesezeit zu haben, glaube ich, zu wissen, was er meint. Die Gesellschaft eines guten Buches kann mir fast jede Gesellschaft ersetzen, sorgt für inneres Gleichgewicht, lindert Ratlosigkeit, Angst und Frustration, spendet Trost und Sinn. Lieblingslektüren sind für mich wie ein Zuhause, wo im Kamin das Feuer knistert, die Suppe auf dem Herd steht und der Hund einen freudig begrüßt. Und die großen, wichtigen Werke lösen ein demütig machendes Glücksgefühl aus, ein Entzücken und Staunen über das, wozu ihre Schöpfer imstande sind. Das sind jene Sternschnuppen-Momente, in denen ein Buch mir zuzuflüstern scheint: Schau, so ist es gemeint. Und doch ist es nicht allein dieses Einverständnis und diese Komplizenschaft, die das Lesen so verlockend macht. Wie der Schriftsteller John Green es einmal ausdrückte: »Großartige Bücher helfen uns zu verstehen, und sie helfen uns, uns verstanden zu fühlen.« Indem uns die Literatur uns selbst vergessen lässt und uns zugleich in Berührung bringt mit anderen Lebensweisen, Eigenschaften, Gefühlen, Überzeugungen und Schicksalen als unseren eigenen, lädt sie uns unwillkürlich zum Abgleich ein. Über den Kontakt mit anderen bringt sie uns so in Verbindung mit uns selbst. Diese Selbsterforschung und Vergewisserung der eigenen inneren Mitte erscheint in Zeiten des »Dataismus« (so der israelische Historiker Yuval Noah Harari), in denen zunehmend nur noch die Informationen und Erfahrungen zählen, die geteilt und in den globalen Datenfluss eingespeist werden, zentraler denn je. Lesen heißt teilnehmen, aber es ist eine innere Teilnahme. Darum bedeutet Lesen nicht einfach Rückzug und Einsamkeit, sondern es hilft uns, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, kurz: unser Leben zu gestalten.

Werke übers das Wesen des Lesens und Schreibens, über das Leben mit Büchern, über Literatur und die Freuden, Chancen, Gefahren und ungeschriebenen Gebote der Lektüren zählen zu den Schätzen nicht nur meiner Bibliothek. Jeder Schriftsteller beginnt als Leser, und während es für Autoren so naheliegend wie aufschlussreich erscheint, sich über das, was sie tun, übergeordnete Gedanken zu machen, genügt es den meisten Lesern, sich in ihrer Leidenschaft im Bunde mit anderen zu wissen. Doch warum sollten nicht auch Leser ihre Passion einmal genauer unter die Lupe nehmen?

Vom Wort zur Schrift zum Epos

Das Lesen von Literatur ist keine solche Selbstverständlichkeit mehr, wie man gern annehmen würde. Sich in einen Text voller Komplexitäten zu versenken, sich auf oftmals widersprüchliche Charaktere und sprachliche Finesse einzulassen, kostet Zeit und fordert uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Diese Art von Konzentration fällt vielen zusehends schwerer, auch weil Zeit zur medial meistumkämpften Ressource des Individuums in westlichen Gesellschaften geworden ist. So finden es immer mehr Menschen schwieriger denn je, Muße fürs Lesen zu finden – oder die dafür nötige innere Ruhe und Konzentration. Jedenfalls nimmt die Zahl gewohnheitsmäßiger Buchleser ab. Das Leitmedium Buch verliert an Reichweite. Noch 2012 kaufte der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge fast jeder Deutsche mindestens einmal im Jahr ein Buch; vier Jahre später war es kaum noch jeder Zweite. Sei es, weil die Statistik, dass jeder Mensch sein Smartphone durchschnittlich alle elf Minuten zur Hand nimmt, auch von denen gefüttert wird, die es deutlich seltener tun, wir uns also insgesamt immer leichter, öfter und lieber ablenken lassen; oder weil immer mehr Menschen immer weniger gern in Geschäfte gehen, um einzukaufen; oder weil die schiere Masse an Neuerscheinungen die Entscheidung für ein bestimmtes Buch und die schiere Masse der immer neuen Zeiterfüllungsbedürfnisse die Entscheidung fürs Buch insgesamt schwieriger macht; oder weil wir von einem sehr langen, oral geprägten Zeitalter in eine visuell ausgerichtete Ära, die stärker auf Bilder als auf Worte setzt, übertreten – Bücher könnten die Dinosaurier der Zukunft sein. Wie es DieZeit unlängst ausdrückte: »Das Lesen ist von zwei Seiten gefährdet, von neuer Technologie und alter Ignoranz.«

Es gibt indes neben dem schieren Vergnügen der Lektüre, von dem noch ausführlich die Rede sein wird, viele rationale Gründe, warum wir das lang anhaltende und das vertiefte Lesen nicht verlernen sollten. Zunächst einmal handelt es sich dabei um eine Errungenschaft, für die wir als Spezies in der Evolution weit vorankommen mussten. Das Aufkommen des Lesens und des Erzählens sind für die Geschichte der Menschheit so wichtig wie die Entdeckung des Feuers oder die Erfindung des Rades. Denn Lesen stellt für den Menschen keineswegs ein Grundbedürfnis oder gar eine Grundfähigkeit dar, ja unser genetisches Inventar hat uns nicht einmal zu Lesern bestimmt.

Seit Hunderttausenden von Jahren haben Menschen sich in irgendeiner Form mündlich miteinander verständigt; die Fähigkeit zur Sprache ist uns genetisch ebenso mitgegeben wie Sehen und Hören. Lesen hingegen ist keine solche Selbstverständlichkeit, im Gegenteil: Der Akt des Lesens, also die individuelle Auflösung von etwas Abstraktem in einen konkreten Sinn, vollzieht sich in unserer neuronalen Entwicklungsgeschichte nicht von Natur aus. Das lässt sich schon daran erkennen, dass es sehr lange dauerte, bis aus Sprache Schrift wurde und so jene Technik in die Welt kam, die »es erlaubt zu kommunizieren, ohne da zu sein, zu erinnern, obwohl man vergessen hatte, und Unabänderliches zu behaupten, nur weil es geschrieben steht«, wie der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube es in seinem Buch »Die Anfänge von allem« beschreibt. Die früheste Schrift ist erst etwa fünftausend Jahre alt und wurde von den Sumerern erfunden, also in der heutigen Region Iraks und Kuwaits – angeblich, weil die Boten, die von einer Ecke des Reiches zur anderen hetzen mussten, oft so lange brauchten, um bei Ankunft wieder zu Atem zu kommen und die Nachricht verständlich zu übermitteln, sodass ein beschriebener Papyrus sicherer erschien. Je schneller geschrieben werden musste und je rascher verstanden werden sollte, desto näher kamen sich Laut und Schrift, desto abstrakter und weniger bildhaft wurden die Zeichen, die zusehends nicht mehr in Stein- oder Tontafeln gemeißelt oder mit Schilfrohr oder Holzgriffel geritzt, sondern mit dem Pinsel auf Papyrus gebracht wurden. In Ägypten entstand aus Hieroglyphen ein so komplexes wie erfolgreiches Schriftsystem, das fast dreitausend Jahre lang bestehen blieb. Dabei konnte eine Hieroglyphe ebenso ein ganzes Wort ausdrücken wie auch nur einen einzelnen Laut. Der Vorläufer unseres Alphabets hingegen entstand im heutigen Syrien aus der Verschmelzung verschiedener regionaler Schriften und wurde ab 1500 v. Chr. von den Phöniziern verbreitet.

Ende der Leseprobe