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Wer sich in Deutschland umblickt, sieht einen gut ausgestatteten Sozialstaat, eine blühende Wirtschaft, innere Stabilität und friedliche europäische Koexistenz. Dennoch ist das Vertrauen ins Wanken geraten, mit Blick auf die EU und andere Nationen und Mächte. Nicht nur werden Konflikte mit neuen Waffen und Technologien geschürt oder Kriege und Terrorakte im Namen Gottes geführt. Es wird auch immer schwieriger, News von Fake News zu unterscheiden. Welche Antworten finden wir darauf? Wie ordnen wir das Informationschaos des globalen Netzes, wie garantieren wir glaubwürdige Medien, ohne die es keine freiheitliche Demokratie geben kann? Wie begegnen wir den Gefährdungen, denen die Menschen in der Welt ausgesetzt sind? Mit Beiträgen von Anthony Glees, Jochen Hörisch, Wolfgang Huber, Wolfgang Ischinger, Hans Dieter Lucas, Johann Michael Möller und Patrizia Schlesinger.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Michael Rutz (Hg.)
Gefährdete Welt
Einsichten und Auswege
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Christian Langohr
Umschlagmotiv: © Gino Santa Maria/Fotolia
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern
ISBN (E-Book) 978-3-451-81334-4
ISBN (Buch) 978-3-451-39986-2
Michael Rutz»Spüren, dass wir einander brauchen« – vom Umgang mit einer gefährdeten Welt Ein Vorwort
Wolfgang HuberKampf der Kulturen?Religionen – Brandstifter oder Feuerwehr
Hans-Dieter LucasWelt aus den FugenWertegebundene Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert
Wolfgang IschingerEuropa – Krise ohne Ende oder Aufbruch?Warum Europa ein fähiger Akteur auf der Weltbühne werden muss
Anthony Glees:Ein »Merkel-Plan« für AfrikaWie die Migration zum Vorteil werden kann
Johann Michael MöllerDemokratie unter StressWoher kommt der Populismus, wie mit ihm umgehen?
Jochen HörischDie Macht der Sprache und die Sprache der MachtPolitische Rhetorik im postfaktischen Zeitalter
Patricia SchlesingerVom Kampf um die KöpfeDigitale Zukunft: Europa braucht einen Vertrag über den »Rundfunk der Gesellschaft«
Der Herausgeber
Die Autoren
Wer in Deutschland um sich blickt, der findet eine geordnete Gesellschaft vor. Die Wirtschaft blüht, der Sozialstaat ist gut ausgestattet, es herrscht innere Stabilität, das Land ist eingebettet in friedliche europäische Koexistenz. Dennoch spüren wir, dass Verlässlichkeiten der Vergangenheit ins Wanken geraten: innerhalb der Europäischen Union, im Verhältnis zu anderen Nationen und Mächten, im Blick auf die migrationsgeschüttelte, kriegerische Welt des Nahen Ostens und Afrikas, in Asien oder Lateinamerika.
Die Gefährdungen, denen die Menschen in der Welt ausgesetzt sind, haben mit Machthunger zu tun. Das ist weltgeschichtlich gewiss kein neues Phänomen. Doch haben sich die Instrumente verändert, die sich einsetzen lassen zur Eroberung von Macht und Terrain. Es gibt nicht nur immer neue Waffen und Technologien, mit denen sich Konflikte schüren oder Kriege führen lassen, Cyber wars. Und immer wieder werden Kriege und Terrorakte in Gottes Namen geführt – eine theologische Verirrung ebenso wie ein explizites Verbrechen.
Auch hat sich die Macht der Sprache mit all ihren Verführungskünsten neue Distributionsformen in den sozialen Medien gesucht. Hier kommen Botschaften an, ohne dass sich der Absender zu erkennen geben müsste. Hier lassen sich wahre Nachrichten ebenso multiplizieren wie üble Nachrede; Demagogie feiert fröhliche Urstände, News und Fake News geben einander die Klinke in die Hand, ohne dass sich das eine vom anderen noch verlässlich unterscheiden ließe.
Welche Antworten findet man darauf? Wie verteidigen wir unsere mühsam der Weltgeschichte abgerungene freiheitliche Demokratie? Wann müssen auch Christen dem Einsatz von Waffen ihren Segen geben? Wie setzt man unsere Überzeugung von einer allen Menschen gleichermaßen zustehenden Menschenwürde in reale Münze um? Wie vereinbaren wir damit einen verantwortbaren Umgang mit den Flüchtlingsströmen? Wie ordnen wir das Informationschaos des globalen Netzes, wie garantieren wir glaubwürdige Medien, ohne die es keine Demokratie geben kann?
An Appellen fehlt es nicht. Wenn uns schon, wie Papst Franziskus das beschrieb, »das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft« fehle, so seien dennoch die Hoffnung und der Appell nicht vergebens: »Wir müssen wieder spüren, dass wir einander brauchen, dass wir eine Verantwortung für die anderen und die Welt haben und dass es sich lohnt, gut und ehrlich zu sein.«
Der Leser wird das schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und denken: «Wenn die Verantwortlichen das nur begreifen würden, wenn sie nur vernünftig würden und tatkräftig handelten!« Das freilich ist die Perzeption der Randfigur, von der Antoine de Saint-Exupéry schreibt: »Die traurigste Rolle, die ich kenne, ist die des Zuschauers.« Selbst aktiv werden, darauf kommt es an. Selbst handeln, vernehmlich eintreten für eine bessere Welt, selbst Hand anlegen, Verantwortung übernehmen dafür, dass sich diese Schöpfung glücklich weiterentwickelt.
Die prominenten Autoren, die in diesem Band versammelt sind, versuchen Diagnosen und diskutieren Therapien. Wolfgang Huber, Wolfgang Ischinger, Hans-Dieter Lucas, Anthony Glees und Jochen Hörisch haben ihre Gedanken im August 2017 im Dom zu Münster vorgetragen, im Rahmen der »DomGedanken«, die diesmal überschrieben waren mit dem Titel »Gefährdete Welt – Einsichten und Auswege«. Patricia Schlesinger tritt in diesem Band mit einem Aufsatz hinzu, der auf die Idee eines europaweit glaubwürdigen und hoch qualifizierten und deshalb existenzgesicherten Rundfunksystems hinausläuft. Und Johann Michael Möller diskutiert nichts weniger als die Zukunft unserer Demokratie.
Es gibt auch Unternehmen, die eine Verantwortung dafür spüren, dass solche Grundfragen öffentlich diskutiert und auch nachgelesen werden können. EVONIK Industries in Essen ist da beispielhaft, ein Unternehmen, ohne dessen kreatives Empfinden von einer politischen und intellektuellen Verantwortung der Gesellschaft gegenüber diese Vortragsreihe und diese Buchveröffentlichung nicht möglich geworden wären.
Dem Domkapitel des Münsteraner Domes, und hier besonders Herrn Dompropst Kurt Schulte, sowie dem Domorganisten Thomas Schmitz gebührt ein besonderer Dank für die aktive Mitgestaltung und Ermöglichung und musikalische Begleitung dieser Reihe. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Offenheit und Vielfalt man den gesellschaftlichen Diskurs-Auftrag der Kirche begreifen und auch theologisch bereichern kann.
Berlin, im Februar 2018Michael Rutz
Der entscheidende Maßstab für das gebotene Handeln ist die Bindung an die unterschiedslos gleiche Würde jedes Menschen. Jedem Versuch, religiöse Orthodoxie, welcher Art auch immer, zu einem Rechtfertigungsgrund für die Verweigerung dieser Würde zu machen, muss aus religiösen Gründen widersprochen werden.
Seit dem 11. September 2001 gehört das Verhältnis zwischen Religion und Gewalt zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts. Nach den Anschlägen auf die Türme des World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington kann sich niemand diesem Thema entziehen. Inzwischen mussten wir uns sogar daran gewöhnen, dass terroristische Gewalt auch in Europa eine ständige Bedrohung darstellt. In Deutschland ist insbesondere der Anschlag von Anis Amri auf dem Breitscheidplatz in Berlin am 19. Dezember 2016 dafür zum Symbol geworden. Aber Gewalttaten in Manchester, Barcelona und anderen Orten zeigen die bedrängende Präsenz der Verbindung von Religion und Gewalt in unserer Gegenwart.
Manche interpretieren diese Situation als einen »Kampf der Kulturen«. Sie sehen sich in der auf den amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel Huntington zurückgehenden These bestätigt, dass die Globalisierung keineswegs zu einer Weltkultur führt, sondern den Konflikt zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen, insbesondere zwischen den Kulturen des »Westens« und des »Islam«, verschärft.1 Sie sehen sich ebenfalls darin bestätigt, dass diese Art von Kulturkonflikt militärische Gegenmaßnahmen rechtfertigt. So hat der Kampf gegen den Terror zu einer Wiederbelebung der Lehre vom gerechten Krieg geführt. Der islamistische Terror hat solchen Thesen neue Nahrung gegeben.
Trotz der beunruhigenden, ja dramatischen Anlässe, die zu solchen Überlegungen führen, arbeitet die These vom »Kampf der Kulturen« mit einem allzu statischen Begriff der Kultur. Auch wenn man nicht der Idee einer entstehenden Weltkultur anhängt, sondern auch für die Zukunft mit kultureller Pluralität rechnet, darf man sich diese Kulturen nicht als unveränderlich vorstellen. In welcher Geschwindigkeit sich ein Wandel vollziehen kann, haben wir in den letzten Jahrzehnten in Europa in Gestalt eines tiefgreifenden Traditionsabbruchs erlebt. Durch ihn erodieren auch kulturell geprägte Haltungen, denen man noch vor kurzem zentrale Bedeutung zugesprochen hat, beispielsweise das Vertrauen auf den zivilisatorischen Fortschritt oder die Pflege der jeweiligen Nationalkultur. Und auch wenn man weiterhin von einer Pluralität der Kulturen ausgeht, kann man nicht leugnen, dass im Zeitalter der Digitalisierung und des weltweiten Netzes globale Aspekte der Kultur eine zunehmende Bedeutung gewinnen. Kulturen sind also keine statischen Größen; sondern sie sind in einem steten Wandel begriffen. Kulturen sind außerdem nicht homogen; es gibt nicht nur eine Pluralität der Kulturen, sondern auch Pluralität innerhalb der einzelnen Kulturen. Das ist uns aus dem Christentum gut vertraut; aber dasselbe gilt auch für den Islam. So wie sich diese innere Pluralität in der Geschichte des Christentums immer wieder in Gewaltanwendung Ausdruck verschafft hat, so erleben wir das gegenwärtig auch im Islam.
Die Trennlinien zwischen heutigen Konfliktparteien verlaufen keineswegs nur zwischen den Kulturräumen, die Samuel Huntington voneinander unterschied: dem chinesischen, japanischen, hinduistischen, islamischen, slawisch-orthodoxen, westlichen, lateinamerikanischen und afrikanischen Kulturraum. Sie verlaufen auch innerhalb dieser Kulturräume selbst, wie der tiefe Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten innerhalb des Islam am deutlichsten zeigt. Zugleich sind diese Konflikte keineswegs einfach kulturell oder gar religiös motiviert. Vielmehr sind Staaten am Werk; deshalb bezeichnet sich auch die Terrororganisation, die ein islamisches Kalifat errichten will, als »Staat«. Diese Staaten folgen nicht nur einfach einer religiösen Ideologie; sondern sie haben machtpolitische Interessen und verwenden, wie Josef Joffe treffend gesagt hat, den Glauben an Gott als Kraftverstärker.2 Die großen Kriege im Nahen Osten haben Millionen von Menschen das Leben gekostet: der Krieg zwischen Iran und Irak eine Million, der syrische Bürgerkrieg eine halbe Million – und sie haben Millionen in die Flucht getrieben. Aber auch der Terror fordert in den islamischen Ländern selbst weit mehr Todesopfer als in der westlichen Welt. Das ist kein Grund dafür, die Terroranschläge, von denen westliche Länder betroffen sind, zu bagatellisieren. Ebenso wenig besteht ein Grund dazu, die Rolle der Religion als »Kraftverstärker« für den Angriff auf Menschenleben gering zu schätzen und so den Missbrauch des Glaubens an Gott zu verharmlosen. Aber es verbietet sich, den religiös aufgeladenen Terror im Schema des Kampfs der Kulturen zu interpretieren.
Die offenkundige Notwendigkeit, zwischen dem Islam und dem Islamismus zu unterscheiden, fügt sich in dieses Bild ein. Von dieser Unterscheidung muss man erwarten, dass sie zum elementaren Bildungsgut wird. Nur dann wird man in der Lage sein, die religiösen Wurzeln des gegenwärtigen Terrorismus klar zu beschreiben, ohne doch den Islam als Ganzen mit diesem Terrorismus gleichzusetzen. Wie notwendig das ist, wurde in der Diskussion über das Attentat auf dem Breitscheidplatz in Berlin offenkundig. Manche plädierten dafür, den Zusammenhang des Mords mit einem Lastwagen mit den religiösen Überzeugungen des Täters gar nicht zu thematisieren. Sie begründeten das mit der Auffassung, die Öffentlichkeit könne ohnehin zwischen Islam und Islamismus nicht unterscheiden. So aber entsteht eine Atmosphäre des kollektiven Beschweigens, die pauschale Urteile gerade nicht verhindert, sondern umso unausweichlicher erscheinen lässt.
Zwei Klarstellungen stehen demnach am Beginn dieser Überlegungen: Zum einen schlage ich vor, nicht von einem Kampf der Kulturen, sondern vom Kampf um Kultur zu sprechen. Zum andern empfehle ich, die Rolle der Religion in den Gewaltphänomenen unserer Zeit nicht zu tabuisieren, sich bei der Behandlung des Themas jedoch um die nötigen Differenzierungen zu bemühen. Man braucht beim Umgang mit diesem Thema beides zugleich: Klarheit und die Bereitschaft zu differenzieren.
Die Debatte über das Verhältnis von Religion und Gewalt ist nicht neu.3 Religionshistoriker haben immer wieder auf die zentrale Rolle des Gewaltmotivs in den Religionen hingewiesen. Der französische Kulturtheoretiker René Girard trat im Jahr 1972 mit einer These über das Verhältnis zwischen dem Heiligen und der Gewalt an die Öffentlichkeit; in den Folgejahren arbeitete er diese These weiter aus.4 Er führte die Neigung von Gesellschaften zu zerstörerischen Gewaltkonflikten auf den Trieb zur Nachahmung zurück. Diese Neigung zur Nachahmung bildet sich überall dort aus, wo Menschen in enger Gemeinschaft leben. Solche Situationen stiften Rivalität, Neid und Eifersucht, dadurch entstehen Gewaltsituationen, in denen der ursprüngliche Anlass des Konflikts häufig verschwindet und die wechselseitige Gewalt sich verselbständigt. Wer immer die Gelegenheit hat, rivalisierende Kinder zu beobachten, weiß, wie nahe uns das Phänomen noch immer liegt, das die Bibel an dem Brüderpaar von Kain und Abel exemplarisch darstellt.5 Die urtümliche Rasanz dieser mimetischen Gewalt zeigt sich vor allem darin, dass sie sich gegenüber dem anfänglichen Gegenstand konkurrierenden Begehrens verselbständigt und gerade dadurch immer weiter steigert. Auf diese Weise wird sie eigenständig, ja »sakral«. Gesellschaften können jedoch nur überleben, wenn es ihnen gelingt, den Selbstlauf einer solchen Gewaltspirale zu durchbrechen, ihr die selbstzerstörerische Dynamik zu nehmen und dadurch ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Girard beobachtete, dass in vielen Kulturen dafür ein »Sündenbock« gesucht und ausgesondert wird.6 Die negative Dynamik der Gesellschaft, ihre kollektive »Sünde«, wird ihm aufgeladen; mit dieser Last wird er in die Wüste geschickt.7 Religiöse Riten haben der Theorie von Girard zufolge also die Aufgabe, die gesellschaftliche Gewalt zu bändigen und zu kanalisieren. Doch sie tun es in einer Form, die ihrerseits gewaltsam ist. Die Opferrolle des »Sündenbocks« soll die Gruppe von der Gewalt befreien. Indem er gebrandmarkt wird, erreicht die Gruppe – jedenfalls für eine gewisse Zeit – Einmütigkeit. Doch mit diesem Sündenbock-Ritus verbindet sich die offenkundige Gefahr, dass er auf Wiederholung drängt. Jede neue Konfliktkonstellation, in der sich der Drang von Nachahmung, Konkurrenz und Rivalität Ausdruck verschafft, kann erneut nach einer solchen Lösung rufen.
Girard sieht den entscheidenden Unterschied zwischen archaischen Religionen und dem Christentum darin, dass das Christentum die Unschuld des Sündenbocks erkennt und deshalb dem Sündenbock-Mechanismus selbst abschwört – der Kreuzestod Jesu ist in diesem Sinn »ein für alle Mal«8 das Ende des Opferkults, dessen Wesen darin besteht, Unschuldige zu Sündenböcken zu machen. Doch das Christentum ist dadurch nicht gegen die Gefahr gefeit, immer wieder selbst in einen Gewaltmechanismus zurückzufallen; doch der entscheidende Widerstand dagegen liegt im christlichen Glauben selbst. Für den Islam stellt sich dann eine analoge Frage. Sie besteht darin, ob der Islam ein konstruktives Verhältnis zu den religiösen Traditionen entwickeln kann, die sich vom Sündenbocksystem getrennt haben. Im Islamismus steht genau dieses System erneut im Zentrum. Ob dies eine Korruption des Islam ist oder zu seinem Wesen gehört, ist für René Girard eine offene Frage.9
Einen etwas anderen Zugang als René Girard hat der Altphilologe Walter Burkert gewählt.10 Er lenkt in einem ebenfalls 1972 veröffentlichten Buch über antike Opferriten die Aufmerksamkeit nicht auf die Bändigung, sondern auf die Entfesselung der Gewalt durch die Religion. »Nicht im frommen Lebenswandel, nicht im Gebet, Gesang und Tanz allein wird der Gott am mächtigsten erlebt, sondern im tödlichen Axthieb, im verrinnenden Blut und im Verbrennen der Schenkelstücke.«11 So hat Burkert schon vor nahezu einem halben Jahrhundert die Nähe zwischen Religion und Gewalt beschrieben. Das Anschauungsmaterial dafür fand er in Opferritualen der griechischen Antike. Was damals wie die Beschreibung einer fernen, fremden Welt erschien, ist uns inzwischen auf quälende Weise nahe gerückt. Nur dass die Axt sich nicht gegen Opfertiere richtet, sondern gegen Menschen sowie gegen jahrtausendealte Kulturdenkmale. Es scheint, als hätte der Abschied von der Praxis des Tieropfers die Religion nicht gezähmt, sondern zu noch wilderen Gewaltorgien verführt. Der Terror der Organisation »Islamischer Staat« in Syrien und noch mehr im Irak schließt Enthauptungen und Kreuzigungen genau so ein wie die Vergewaltigung von Frauen und die Schändung von Kindern, aber eben auch die Zerstörung von Tempeln und Götterbildern sowie die Vernichtung von Bibliotheken. Unsere Erfahrung des Völkermords wird aufs Neue durch schreckliche Formen eines kulturellen Genozids erweitert und verschärft.12 Unter den verschiedenen Deutungen der islamischen Lehre vom Dschihad, vom Heiligen Krieg, setzt sich die gewaltsame Auffassung in fürchterlicher Weise durch. Walter Burkerts Feststellung, der religiöse Mensch erweise sich in seiner Praxis als »tötender Mensch« (homo necans), bestätigt sich in einer Weise, die aufschrecken muss.
Verharmlosungen verbieten sich; doch verklungen sind sie noch nicht. Denn auch die Absicht, solche Vorgänge im wohlgemeinten Interesse an einem möglichst reibungsarmen interreligiösen Dialog unbesprochen zu lassen, hat Verharmlosung zur Folge. Verbreitet ist der Versuch, die Erörterung solcher Themen mit einem Tabu zu belegen, indem behauptet wird, sie sei als solche »islamophob«, islamfeindlich. Doch wer sich mit solchen Vorgängen differenziert auseinandersetzt, ist nicht »islamophob«. Die Überzeugung, dass hinter den Vorstellungen eines islamischen Kalifats eine sehr merkwürdige Auffassung vom Islam steht, kann nicht so gedeutet werden, als habe die Vernichtung der heiligen Stätten von Schiiten, von Sufis (einer mystischen Richtung des Islam), von Jesiden (einer monotheistischen, streng endogamen Gruppe) und von Christen sowie die Tötung von Menschen all dieser Glaubensrichtungen mit dem Islam nichts zu tun. Eine solche Aussage ist genauso wenig plausibel wie die Behauptung, die Kreuzzüge hätten mit dem Christentum nichts zu tun. Christen wie Muslimen muss in gleicher Weise daran gelegen sein, dass mit dem Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes nicht Mord und Totschlag gerechtfertigt werden. Dieser Klärungsprozess gehört unausweichlich zu einem interreligiösen Dialog, der diesen Namen verdient.
Scharfer Widerspruch ist also angesagt, wenn religiöse Motive zur Steigerung von Hass und Gewaltbereitschaft eingesetzt werden. Dabei verbietet der Blick auf die dunklen Seiten in der Geschichte des Christentums jede Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit. Denn solche Bewegungen hat es auch in der Geschichte der christlichen Kirchen gegeben – bis hin zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Christen, die sich gegen eine solche Verbindung von Religion und Gewalt zur Wehr setzen, können das also nur in einer selbstkritischen Haltung im Blick auf die eigene Geschichte tun. Auch die Kirchen müssen bekennen, dass ihre Geschichte gerade in dieser Hinsicht schuldbeladen ist.
Das Beispiel zeigt: Der interreligiöse Dialog steht heute vor besonderen Herausforderungen. Zu seinen Aufgaben gehört die Kritik an jeglichem Missbrauch der Religion. Zu seinen grundlegenden Voraussetzungen gehört die Achtung vor der Menschenwürde des anderen und damit vor der Religionsfreiheit Andersglaubender. Seine Praxis ist auf überzeugte Toleranz angewiesen, die eigene Glaubensgewissheit mit dem Respekt vor dem Glauben anderer verbindet. Insbesondere die Entwicklungen im Islam während der Jahrzehnte seit der Iranischen Revolution haben in dieser Hinsicht beunruhigende Folgen. In weiten Teilen des Islam fehlen wichtige Voraussetzungen für einen so verstandenen interreligiösen Dialog. Umso wichtiger ist es, reformbereite Kräfte zu stärken und mit ihnen zu kooperieren.
Die Lage der Christen im Mittleren Osten ist ein deutlicher Beleg für solche Feststellungen. Dass ausgerechnet in der Ursprungsregion des Christentums Christen um ihres Glaubens willen verfolgt und getötet werden, ist ein schreckliches Fanal. Diese Entwicklung hält schon seit Jahren, ja seit Jahrzehnten an. Aber sie hat durch die Terrororganisation »Islamischer Staat« noch einmal neue gesteigerte Formen der Grausamkeit angenommen. Dagegen muss die Weltgemeinschaft sich wehren; denn es handelt sich um eine humanitäre Katastrophe, verbunden mit neuen Formen eines kulturellen Genozids.
Das Christentum hat die Sprache des Opfers ebenso aufgegriffen wie die Metaphorik des Sündenbocks, am klarsten in der paulinischen Formel, der zufolge Jesus, »der die Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht« wurde.13 Das hat bei dem christlich gebildeten Philosophen Friedrich Nietzsche einen vehementen antichristlichen Protest ausgelöst: »Das Schuldopfer, und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum!«14 Freilich übersah Nietzsche die Intention, die mit dem Rückgriff auf die Sprache des Opfers und die Metaphorik des Sündenbocks verbunden ist. Sie liegt darin, die Logik des Opfers zu durchbrechen und dem Mechanismus des Sündenbocks ein Ende zu setzen. Zur christlichen Glaubensgewissheit gehört, dass der Tod Jesu am Kreuz »ein für allemal« geschehen ist; er kann erinnernd vergegenwärtigt, aber nicht im strengen Sinn des Wortes wiederholt werden. Jesu Bereitschaft, um der Sünde der anderen willen Leid und Tod auf sich zu nehmen, hat im Verständnis des christlichen Glaubens ihren Sinn darin, der Aussonderung von Sündenböcken jegliche Legitimation zu entziehen.
Doch das Christentum hat es an den nötigen Konsequenzen aus der Durchbrechung des Opferkults und der Absage an den Sündenbockmechanismus allzu oft fehlen lassen. Der Dualismus von Gut und Böse, Innen und Außen, Gerecht und Sünder wurde immer wieder herangezogen, um eine Logik des Ausschlusses und der Abgrenzung zu etablieren. Das gilt nicht nur für die oft herangezogenen Beispiele des Umgangs mit Heiden und Häretikern. Es setzte sich im Streit der Konfessionen fort, wie aus Anlass des Reformationsjubiläums 2017 erneut in Erinnerung zu rufen war. Es prägte schließlich auch die gewaltsamen Konflikte zwischen Nationen, die jeweils für sich die Zugehörigkeit zum »christlichen Abendland« in Anspruch nahmen. Der Beginn des Ersten Weltkriegs bot einem solchen christlichen Chauvinismus gerade in Deutschland eine Bühne; was herauskam, war, wie der Theologe Martin Rade sagte, ein Bankrott der Christenheit.15
