Gefährliche Visionen -  - E-Book

Gefährliche Visionen E-Book

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Beschreibung

Mitten in den 1960er Jahren, als sich die Parameter unserer Lebenswelten grundlegend zu verändern begannen, stellte sich Harlan Ellison eine gewaltige Aufgabe: Er wollte eine Anthologie mit den besten und brisantesten Science-Fiction-Geschichten aller Zeiten zusammenstellen. Dreiunddreißig Erzählungen blieben am Ende seines strengen Auswahlprozesses übrig. // Dangerous Visions schlug wie eine Bombe in die Literaturszene ein. Plötzlich lasen Menschen Science Fiction, die dem Genre bislang ablehnend gegenüberstanden. Keine andere vergleichbare Anthologie hat jemals auch nur annähernd so viele Preise gewonnen. Das Inhaltsverzeichnis liest sich wie ein Who is Who der angloamerikanischen Phantastik: J. G. Ballard, Robert Bloch, John Brunner, Samuel R. Delany, Philip K. Dick, R. A. Lafferty, Norman Spinrad und Theodore Sturgeon, um nur einige Namen zu nennen. Und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. // Fast sechzig Jahre hat es gedauert, bis dieses Jahrhundertbuch nun erstmals vollständig auf Deutsch veröffentlicht werden kann. Ist es auch heute noch so relevant wie bei seinem ersten Erscheinen? Entscheiden Sie selbst ...

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Seitenzahl: 1079

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Deutsch von Hannes Riffel

und zahlreichen Gleichgesinnten

Impressum

Deutsche Erstausgabe

Titel der Originalausgabe: Dangerous Visions

Erstmals erschienen 1967 bei Doubleday in New York

Die Arbeit des Übersetzers Hannes Riffel an diesem Text

wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

© 1967 by Harlan Ellison

© renewed 1995 by the Kilimanjaro Corporation

© der Anthologie 2024 by the Harlan and Susan Ellison Foundation

© der Übersetzung 2026 bei den einzelnen Übersetzer:innen

© dieser Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung von Blackstone Publishing, Ashland // Herzlichen Dank an Hans-Ulrich Möhrung für die Übersetzung des Zitats von William Blake in der Nachbemerkung zu der Erzählung von Carol Emshwiller // Wir verweisen auf das Quellenverzeichnis am Ende des Bandes // Alle Informationen in den Einleitungen stammen aus dem Erscheinungsjahr 1967 und wurden auf Wunsch des Herausgebers nicht aktualisiert // Diese erste vollständige dt. Ausgabe von Dangerous Visions ist in Freundschaft und Dankbarkeit Hardy Kettlitz gewidmet

Carcosa Verlag ist ein verschwistertes Imprint von

Memoranda Verlag | Hardy Kettlitz | Ilsenhof 12 | 12053 Berlin

www.carcosa-verlag.de | www.memoranda.eu

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns ausdrücklich vor.

Lektorat: Alexander Pechmann, Sünje Redies & Hannes Riffel

Korrektorat: Udo Klotz & Ralf Neukirchen

Umschlaggestaltung: s.BENeš [www.benswerk.com]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

ISBN: 978-3-910914-42-1 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-910914-43-8 (E-Book)

Inhaltsverzeichnis

Isaac Asimov · »Erstes Vorwort: Die zweite Revolution«

Isaac Asimov · »Zweites Vorwort: Harlan und ich«

Harlan Ellison · »Vorrede: Zweiunddreißig Wahrsager«

Lester del Rey · »Abendandacht«

Robert Silverberg · »Fliegen«

Frederik Pohl · »Der Tag nach dem Tag, an dem die Marsianer kamen«

Philip José Farmer · »Reiter der Purpurprämie oder Die große Zwangsernährung«

Miriam Allen deFord · »Das Malley-System«

Robert Bloch · »Ein Spielzeug für Juliette«

Harlan Ellison · »Der Streuner in der Stadt am Rand der Welt«

Brian W. Aldiss · »Die Nacht, in der die Zeit losbrach«

Howard Rodman · »Der Mann, der – zweimal – zum Mond flog«

Philip K. Dick · »Der Glaube unserer Väter«

Larry Niven · »Stückwerk«

Fritz Leiber · »Knochenspiele«

Joe L. Hensley · »Jesus Randy, mein Sohn«

Poul Anderson · »Eutopia«

David R. Bunch · »Ein Vorfall in Moderan | Ausbruch«

James Cross · »Das Puppenhaus«

Carol Emshwiller · »Geschlecht und/oder Mr. Morrison«

Damon Knight · »Soll dich preisen der Staub?«

Theodore Sturgeon · »Wenn alle Menschen Brüder wären, dürfte dann einer deine Schwester heiraten?«

Larry Eisenberg · »Was geschah mit Auguste Clarot?«

Henry Slesar · »Ersatz«

Sonya Dorman · »Geht, nun geht schon, sprach der Vogel«

John T. Sladek · »Die Glückseligen«

Jonathan Brand · »Begegnung mit einem Hinterwäldler«

Kris Neville · »Aus der Regierungsdruckerei«

R. A. Lafferty · »Land der großen Pferde«

J. G. Ballard · »Das Wiedererkennen«

John Brunner · »Judas«

Keith Laumer · »Zerreißprobe«

Norman Spinrad · »Karzinomengel«

Roger Zelazny · »Autodafé«

Samuel R. Delany · »Jawohl, und Gomorrah …«

Quellenverzeichnis

Erstes Vorwort

Die zweite Revolution

Heute – an ebendem Tag, an dem ich dies schreibe – habe ich einen Anruf von der New York Times erhalten. Sie nehmen einen Artikel an, den ich ihnen vor drei Tagen geschickt habe. Das Thema: die Besiedlung des Mondes.

Und sie haben sich bei mir bedankt!

Heilige Mondfee, wie sich die Zeiten geändert haben!

Vor dreißig Jahren, als ich angefangen habe, Science Fiction zu schreiben (damals war ich noch sehr jung), war die Besiedlung des Mondes ausschließlich ein Thema für Pulp-Magazine mit grellbunten Titelbildern. Das war Literatur vom Zuschnitt »Erzähl mir bloß nicht, du glaubst an dieses Zeug«. Es war Literatur vom Zuschnitt »Verdirb dir doch den Verstand nicht mit solchem Mumpf«. Vor allem aber war es Fluchtliteratur!

Manchmal denke ich an all das mit einer gewissen Fassungslosigkeit zurück. Science Fiction war Fluchtliteratur. Wir waren auf der Flucht. Wir liefen vor so alltäglichen Problemen wie Baseball und Hausaufgaben und Prügeleien davon, um eine Phantasiewelt zu betreten, in der Überbevölkerung, Raumschiffe, Reisen zum Mond, Atombomben, Strahlenkrankheiten und eine verseuchte Atmosphäre alltäglich waren.

War das nicht großartig? Ist es nicht entzückend, wie wir jungen Flüchtlinge unsere gerechte Belohnung erhielten? Vor all den großen, unfassbaren, hoffnungslosen Problemen der Gegenwart haben wir uns bereits zwanzig Jahre früher geängstigt als irgendjemand sonst. Tolle Flucht, nicht wahr?

Aber jetzt kann man auf den ehrwürdigen grauen Seiten der NEW YORK TIMES den Mond besiedeln; und zwar nicht als Science-Fiction-Story, sondern als nüchterne Analyse einer realistischen Situation.

Das stellt eine wichtige Veränderung dar, eine, die in unmittelbarem Zusammenhang zu dem Buch steht, das Sie in Händen halten. Lassen Sie mich erklären!

Meine Anfänge als Science-Fiction-Autor datieren auf das Jahr 1938, genau zu der Zeit, als John W. Campbell jr. das Genre mit der schlichten Forderung revolutionierte, dass Science-Fiction-Autoren fest auf der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Literatur zu stehen hatten.

Vor Campbell gehörte die Science Fiction allzu oft einer von zwei Kategorien an: Sie war entweder völlig unwissenschaftlich oder extrem wissenschaftlich. Im ersten Fall handelte es sich um Abenteuergeschichten, in denen hin und wieder ein Begriff aus dem Westernjargon ausradiert und durch einen Begriff aus dem Weltraumjargon ersetzt wurde. Der Autor brauchte über keinerlei naturwissenschaftliche Kenntnisse zu verfügen, denn er benötigte nur ein technisches Vokabular, das er wahllos einstreuen konnte.

Im zweiten Fall waren die Geschichten dagegen ausschließlich von Wissenschaftlerkarikaturen besiedelt. Manche waren wahnsinnige Wissenschaftler, andere zerstreute Wissenschaftler, wieder andere edle Wissenschaftler. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, war die Neigung, ihre Theorien auszubreiten. Der Verrückte kreischte sie, der Zerstreute murmelte sie, der Edle deklamierte sie, aber alle hielten sie Vorträge von unerträglicher Länge. Die eigentliche Geschichte war nur dünner Mörtel, von dem die endlosen Monologe zusammengehalten waren, um die Illusion zu erwecken, dass sie auf etwas hinausliefen.

Sicherlich gab es Ausnahmen. Erwähnen möchte ich zum Beispiel »A Martian Odyssey« von Stanley G. Weinbaum (der tragischerweise im Alter von 33 Jahren an Krebs verstorben ist), im Juli 1934 in WONDER STORIES erschienen – eine vollendet campbelleske Erzählung, und das vier Jahre bevor Campbell seine Revolution eingeleitet hat.

Campbells Leistung bestand in seinem Beharren darauf, dass die Ausnahme zur Regel wurde. Realistische Wissenschaft und eine schlüssige Handlung mussten zusammenkommen, und keines von beiden durfte vorherrschen. Campbell bekam nicht immer, was er wollte, aber er bekam es oft genug, um das anzustoßen, was alte Hasen als »Goldenes Zeitalter der Science Fiction« bezeichnen.

Selbstverständlich hat jede Generation ihr eigenes Goldenes Zeitalter – aber das Campbellsche ist nun einmal meines, und wenn ich »Goldenes Zeitalter« sage, dann meine ich das. Gott sei Dank ist es mir gelungen, meine Geschichten rechtzeitig zu publizieren, sodass sie auf ihre Art (zum Teufel mit falscher Bescheidenheit – so übel sind sie wirklich nicht) etwas zu diesem Goldenen Zeitalter beitragen konnten.

Und doch trägt jedes Goldene Zeitalter die Saat seines eigenen Untergangs in sich, und wenn es vorbei ist, kann man diese Saat in der Rückschau unfehlbar erkennen. (O du holde, holde Rückschau! Welch Wonne, das vorherzusagen, was bereits geschehen ist. Man irrt sich nie!)

In diesem Fall provozierten Campbells Ansprüche an realistische Wissenschaft und eine schlüssige Handlung eine zweifache Nemesis: eine für die realistische Wissenschaft und eine für die schlüssige Handlung.

Dank der realistischen Wissenschaft klangen die Geschichten immer plausibler, und tatsächlich waren sie das auch. Autoren, die um realistische Darstellung bestrebt waren, beschrieben Computer und Raketen und Atomwaffen, die den Computern und Raketen und Atomwaffen gleichkamen, wie es sie innerhalb eines einzigen Jahrzehnts wirklich gab. Daher glich das wirkliche Leben der Fünfziger und Sechziger Jahre sehr der campbellesken Science Fiction der Vierziger Jahre.

Ja, die Science-Fiction-Autoren der Vierziger gingen weit über das hinaus, was wir im wirklichen Leben heute kennen. Wir Schriftsteller nahmen uns nicht nur den Mond zum Ziel oder schickten unbemannte Raketen Richtung Mars; wir flitzten mit Überlichtantrieb durch die ganze Galaxis. Dennoch basierten alle unsere Abenteuer in den Tiefen des Weltraums auf einer Denkweise, die heute bei der NASA allgegenwärtig ist.

Und weil das wirkliche Leben von heute so sehr den Phantasiewelten von vorgestern ähnelt, werden die alten Hasen unter den Fans allmählich unruhig. Tief im Inneren verspüren sie, ob sie sich das nun eingestehen oder nicht, so etwas wie Enttäuschung und sogar Empörung darüber, dass die äußere Welt in ihre Domäne eingedrungen ist. Sie empfinden den Verlust eines »Sense of Wonder«, denn was einmal wahrhaftig dem Wunderbaren vorbehalten war, ist inzwischen prosaisch und banal geworden.

Darüber hinaus wurde die Hoffnung, dass die campbelleske Science Fiction den literarischen Olymp stürmen und eine immer größere Leserschaft erreichen würde, nicht erfüllt. Stattdessen wurden eher unerwartete Konsequenzen augenfällig. Die neue Generation potenzieller Science-Fiction-Leser fand in den regulären Zeitungen und Zeitschriften mehr als genug Science Fiction, und viele von ihnen verloren das Bedürfnis, sich spezialisierten Science-Fiction-Magazinen zuzuwenden.

Demzufolge kam es, nach einer kurzfristigen Auflagensteigerung in der ersten Hälfte der 1950er, als alle hehren Träume der Science-Fiction-Autoren und -Verlage Wirklichkeit zu werden schienen, zu einer Rezession, und die Magazine sind heute nicht erfolgreicher als in den 1940ern. Nicht einmal der Start von Sputnik konnte die Rezession aufhalten: eher noch hat er diese beschleunigt.

So viel zu der Nemesis, die von einer realistischen Wissenschaftsschilderung hervorgebracht wurde. Und was ist mit dem Beharren auf einer schlüssigen Handlung?

Solange es in den Zwanziger und Dreißiger Jahren im Gebälk der Science Fiction noch knarrte und knackte, erwartete niemand stilistische Höhenflüge. Die Science-Fiction-Autoren jener Zeit waren ungefährdete, zuverlässige Produzenten; sie würden Science Fiction schreiben, solange sie lebten, denn alles andere setzte stilistische Fähigkeiten voraus, die sie nicht besaßen. (Ich beeile mich hinzuzufügen, dass es Ausnahmen gab, und Murray Leinster kommt einem da sofort beispielhaft in den Sinn.)

Die Autoren jedoch, die von Campbell ausgebildet wurden, mussten halbwegs vernünftig schreiben können, sonst lehnte er ihre Geschichten ab. Unter der Knute ihrer eigenen Strebsamkeit wurden sie immer besser und besser. Schlussendlich wurden sie, zwangsläufig, gut genug, um anderorts mehr Geld zu verdienen, und sie verfassten immer weniger Science Fiction.

Tatsächlich wurden dem Goldenen Zeitalter zwei Dinge zum Verhängnis, die einander bis zu einem gewissen Grad wechselseitig bedingten. Eine beträchtliche Anzahl von Autoren folgte der Essenz der Science Fiction auf ihrer Reise von der Fiktion in die Wirklichkeit. Männer wie Poul Anderson, Arthur C. Clarke, Lester del Rey und Clifford D. Simak wandten sich dem populären Sachbuch zu.

Sie selbst veränderten sich im Wesentlichen nicht; es war das Medium, das sich veränderte. Die Themen, die sie früher in einem fiktionalen Kontext behandelt hatten (Raketentechnik, Weltraumfahrt, das Leben auf anderen Planeten etc.), wurden zunehmend Realität, und die Autoren ließen sich von dieser Entwicklung mitreißen. Natürlich bedeutete jede Seite Sachtext, die diese Autoren verfassten, eine Seite weniger Science Fiction.

Damit nicht irgendein neunmalkluger Leser an dieser Stelle ganz leise einen sarkastischen Kommentar von sich gibt, muss ich in aller Offenheit gestehen, dass ich von der ganzen campbellesken Truppe diesen Wechsel am konsequentesten vollzogen habe. Seit Sputnik in die Umlaufbahn geschossen wurde und sich die Einstellung Amerikas gegenüber den Naturwissenschaften (zumindest vorübergehend) grundlegend veränderte, habe ich, Stand heute, achtundfünfzig Bücher veröffentlicht, und nur neun davon können als Erzählliteratur klassifiziert werden.

Wahrhaftig, ich schäme mich, es ist mir peinlich, und ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ganz gleich wohin ich gehe und was ich mache, ich werde mich in erster Linie immer für einen Science-Fiction-Autor halten. Wenn mich allerdings die NEW YORK TIMES bittet, den Mond zu besiedeln, und HARPER’S mich auffordert, die Grenzen des Universums auszuloten, wie kann ich da ablehnen? Diese Themen sind die Essenz meines Lebenswerks.

Zu meiner Verteidigung möchte ich vorbringen, dass ich die Science Fiction nicht völlig aufgegeben habe. Im Märzheft von WORLDS OF IF (am Kiosk erhältlich, während ich dies schreibe) ist eine Novelle von mir mit dem Titel »The Billiard Ball« enthalten.

Aber wie dem auch sei, wenden wir uns wieder der Science Fiction zu …

Wie reagierte die Science Fiction auf dieses zwiefache Verhängnis? Das Genre musste sich ganz offensichtlich anpassen, und das tat es auch. Konventionelle campbelleske Geschichten mochten noch immer geschrieben werden, aber sie bildeten nicht länger das Rückgrat des Genres. Die Realität war ihm schlicht zu nahe gerückt.

Anfang der Sechziger Jahre kam es innerhalb der Science Fiction erneut zu einer Revolution, vielleicht am deutlichsten sichtbar in dem von Frederik Pohl herausgegebenen Magazin GALAXY. Die Wissenschaften traten in den Hintergrund, und moderne literarische Techniken wurden zunehmend wichtiger.

Der Schwerpunkt verlagerte sich immer mehr auf den Stil. Als Campbell seine Revolution lostrat, haftete den neuen Autoren die Aura der Universität an, von Naturwissenschaft und Technik, von Rechenschieber und Reagenzglas. Die neuen Autoren heutzutage sind vielmehr Dichter und Künstler, ihnen haftet irgendwie die Aura von Greenwich Village und der Rive Gauche an.

Natürlicherweise kann sich kein evolutionärer Kataklysmus durchsetzen, ohne dass andere Arten im großen Stil aussterben. Die Umwälzung, die die Kreidezeit beendete, löschte die Dinosaurier aus, und der Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm eliminierte eine Horde posierender Scharlatane.

Bei den Revolutionen innerhalb der Science Fiction war das genauso.

Man vergleiche das Inhaltsverzeichnis irgendeines beliebigen Science-Fiction-Magazins der Dreißiger mit dem Inhaltsverzeichnis eines Science-Fiction-Magazins der Vierziger. Ein fast vollständiger Stabwechsel hatte stattgefunden, ein flächendeckendes Aussterben, und nur wenigen gelang der Übergang. (Zu den wenigen, die dazu in der Lage waren, gehören Edmond Hamilton und Jack Williamson.)

Zwischen den Vierzigern und Fünfzigern kam es nur zu wenigen Veränderungen. Die Ära Campbell nahm ungebrochen ihren Lauf, was zeigt, dass es nicht an sich von entscheidender Bedeutung ist, dass ein Zeitraum von zehn Jahren vergeht.

Aber man vergleiche die Autoren in den Science-Fiction-Magazinen der Fünfziger mit den Magazinen, die heute erscheinen. Wieder hat ein Stabwechsel stattgefunden. Wieder haben einige überlebt, aber eine ganze Lawine intelligenter junger Autoren der neuen Schule ist hinzugekommen.

Diese zweite Revolution ist nicht so offensichtlich und klar umrissen, wie es die erste Revolution war. Heute gibt es etwas, das früher so nicht vorhanden war, und das ist die Science-Fiction-Anthologie, und das Vorhandensein der Anthologie macht den Übergang unkenntlich.

Jedes Jahr wird eine beträchtliche Anzahl von Anthologien veröffentlicht, und immer stammen die Erzählungen darin aus der Vergangenheit. In den Anthologien der Sechziger sind Erzählungen aus den Vierziger und Fünfzigern stets stark vertreten, sodass die zweite Revolution in diesen Anthologien noch nicht stattgefunden hat.

Das ist der Anlass für die Anthologie, die Sie jetzt in Händen halten. Sie besteht nicht aus Geschichten, die bereits vor Längerem veröffentlicht wurden. Sie besteht aus Geschichten, die jetzt geschrieben worden sind, unter dem Einfluss der zweiten Revolution. Es war Harlan Ellisons ausdrückliche Absicht, mit dieser Anthologie das Genre so abzubilden, wie es jetzt ist, nicht wie es früher war.

Wenn Sie sich das Inhaltsverzeichnis anschauen, werden sie eine Reihe von Autoren entdecken, die bereits während der Ära Campbell berühmt waren – Lester del Rey, Poul Anderson, Theodore Sturgeon und so weiter. Diese Schriftsteller sind talentiert und phantasievoll genug, um die zweite Revolution zu überleben. Sie werden allerdings auch Schriftsteller vorfinden, die ein Produkt der Sechziger sind und die nur die neue Zeit kennen. Dazu zählen Larry Niven, Norman Spinrad, Roger Zelazny und so weiter.

Es ist müßig anzunehmen, dass das Neue auf allgemeine Zustimmung stoßen wird. Diejenigen, die sich an das Alte erinnern und deren Erinnerung daran untrennbar mit ihrer Jugend verbunden ist, werden natürlich der Vergangenheit nachtrauern.

Ich will Ihnen nicht verheimlichen, dass auch ich der Vergangenheit nachtrauere. (Ich darf hier sagen, was ich möchte, und ich gedenke ehrlich zu sein.) Schließlich hat die erste Revolution auch mich hervorgebracht, und der ersten Revolution wird immer mein Herz gehören.

Deshalb bin ich, als Harlan mich um eine Erzählung für diese Anthologie bat, zurückgeschreckt. Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich beitragen mochte, einen falschen Ton anschlagen würde. Es wäre zu nüchtern, zu seriös und, um es unverblümt auszudrücken, zu verdammt spießig. Also habe ich stattdessen eingewilligt, ein Vorwort zu schreiben; ein nüchternes, seriöses und maßlos spießiges Vorwort.

Und ich lade alle, die nicht spießig sind und die fest daran glauben, dass die zweite Revolution ihre Revolution ist, ein, Beispiele der neuen Science Fiction kennenzulernen, die von neuen (und ein paar alten) Meistern verfasst wurden. Sie werden dem Genre auf diesen Seiten in seiner kühnsten und experimentellsten Gestalt begegnen; mögen Sie also angemessen beflügelt und ergriffen sein!

Isaac Asimov

Februar 1967

Zweites Vorwort

Harlan und ich

Dieses Buch ist Harlan Ellison. Es ist in Ellison getränkt und von Ellison durchdrungen. Zugegeben, zweiunddreißig andere Autoren (mich in gewisser Weise eingeschlossen) haben dazu beigetragen, aber Harlans Vorrede und seine zweiunddreißig Einleitungen umsäumen die Geschichten und umarmen sie und erfüllen sie mit dem reichhaltigen Aroma seiner Persönlichkeit.

Also ist es nur angemessen, wenn ich hier erzähle, wie ich Harlan kennengelernt habe.

Schauplatz ist eine World Science Fiction Convention vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Ich war gerade im Hotel eingetroffen und steuerte sofort die Bar an. Ich trinke nicht, aber ich wusste, dass sich alle Welt an der Bar aufhalten würde. Sie waren tatsächlich alle dort, also brüllte ich eine Begrüßung, und alle grüßten laut brüllend zurück.

Unter ihnen befand sich allerdings ein Jungchen, das mir unbekannt war: ein kleiner Kerl mit scharfen Gesichtszügen und den lebhaftesten Augen, die ich je gesehen habe. Diese lebhaften Augen waren nun auf mich gerichtet, und in ihnen spiegelte sich etwas, das ich nur als Verehrung bezeichnen kann.

Er fragte: »Sind Sie Isaac Asimov?« Und in seiner Stimme lag Ehrfurcht und Staunen und Verwunderung.

Mir gefiel das, aber ich gab mir alle Mühe, mein bescheidenes Auftreten beizubehalten. »Ja, das bin ich«, sagte ich.

»Im Ernst? Sie sind wirklich Isaac Asimov?« Noch sind die Worte nicht erfunden, um die Inbrunst und die Hochachtung zu beschreiben, mit denen seine Zunge die Silben meines Namens liebkoste.

Das Mindeste, was ich tun konnte, war – so hatte ich den Eindruck –, ihm meine Hand auf den Kopf zu legen und ihn zu segnen, aber ich beherrschte mich. »Ja, das bin ich«, sagte ich, und mittlerweile war mein Lächeln äußerst albern geworden, abscheulich anzusehen. »Wirklich, ich bin es.«

»Nun, meines Erachtens sind Sie …«, begann er, noch immer im selben Tonfall, und hielt den Bruchteil einer Sekunde inne, während ich die Ohren aufsperrte und das Publikum die Luft anhielt. Das Gesicht des Jungchens verwandelte sich in diesem Sekundenbruchteil in eine Maske völliger Verachtung, und er beendete seinen Satz mit allumfassender Gleichgültigkeit. »… ein Nichts!«

Auf mich hatte das die Wirkung, als wäre ich über eine Klippe gestolpert, von deren Existenz ich nichts gewusst hatte, und flach auf dem Rücken gelandet. Ich konnte nur tölpelhaft blinzeln, während alle anderen lauthals lachten.

Das Jungchen, müssen Sie wissen, war Harlan Ellison, und ich war ihm noch nie begegnet und wusste nichts von seiner grenzenlosen Respektlosigkeit. Aber alle anderen Anwesenden kannten ihn und hatten darauf gewartet, dass meine Wenigkeit ihm ins offene Messer lief – und genau das hatte ich getan.

Bis ich mein seelisches Gleichgewicht auch nur ansatzweise wiedergefunden hatte, war es längst zu spät, um etwas zu erwidern. Ich konnte nur, angeschlagen wie ich war, weiterstolpern, zutiefst betrübt darüber, dass ich so kalt erwischt worden war, ohne dass einer der Anwesenden mich selbstlos gewarnt und dafür auf das vergnügliche Schauspiel meiner Blamage verzichtet hätte.

Zum Glück bin ich ein versöhnlicher Mensch, und ich fasste den Entschluss, Harlan zu vergeben – sobald ich ihm alles mit Zinsen heimgezahlt hätte.

Also, Sie müssen wissen, dass Harlan hinsichtlich Mut, Streitsucht, Redseligkeit, Witz, Charme und Intelligenz ein Riese unter den Menschen ist – fürwahr in jeder Hinsicht außer der Körpergröße. Er ist wirklich nicht besonders hochgewachsen. Genau genommen ist er, um es ohne Umschweife zu sagen, ziemlich klein; kleiner sogar als Napoleon. Und mein Instinkt sagte mir, während ich mich von dieser Katastrophe erholte, dass dieser junge Mann, der mir jetzt als der wohlbekannte Fan Harlan Ellison vorgestellt wurde, diesbezüglich ein wenig empfindlich war. Ich nahm mir vor, das im Kopf zu behalten.

Am nächsten Tag auf dieser Convention stand ich auf dem Podium, stellte Honoratioren vor und richtete dabei an jeden ein paar freundliche Worte. Indes behielt ich die ganze Zeit Harlan Ellison im Auge, denn er saß gleich in der ersten Reihe (wo sonst?).

Sobald seine Aufmerksamkeit abschweifte, rief ich ihn unvermittelt beim Namen. Er stand, einigermaßen überrascht und völlig unvorbereitet, auf, und ich beugte mich vor und sagte so liebenswürdig wie nur möglich: »Harlan, stellen Sie sich doch bitte auf Ihren Sitznachbarn, damit die Leute Sie sehen können.«

Und während das Publikum (ein weit größeres dieses Mal) teuflisch lachte, vergab ich Harlan, und seither sind wir gute Freunde.*

Isaac Asimov

Februar 1967

[1]

[1]Unverschämte Fußnote des Herausgebers: Obwohl ich mir vollauf bewusst bin, dass es für einen jungen Mann ungehörig ist, Älteren öffentlich zu widersprechen, zwingt mich meine grenzenlose Bewunderung für und meine nicht nachlassende Freundschaft mit dem guten Doktor, Asimov, seinem zweiten Vorwort diese Fußnote anzufügen – ausschließlich im Sinne akkurater Berichterstattung, einer Zielsetzung, der er sich mindestens schon doppelt so lange zielstrebig widmet, wie ich auf der Erde weile. Die Bemerkung, die ich, wie oben beschrieben, gegenüber Dr. Asimov angeblich geäußert habe, hat etwas Geschmackloses. Dieser abschätzige Tonfall war damals mitnichten vorhanden, und auch nicht zu irgendeinem anderen Zeitpunkt davor oder danach. Jeder, der mit Asimov oder über Asimov mit Verachtung spricht, ist selbst mehr als verachtenswert. Meine Erinnerung an den Vorfall ist möglichenfalls noch ein wenig frischer. (Nur ein Flegel würde es wagen, sich über das fehlerhafte, zu Nostalgie neigende Erinnerungsvermögen unserer alternden Genregiganten zu äußern.) Ich habe nicht »… sind Sie … ein Nichts!« gesagt, sondern »So viel machen Sie gar nicht her.« Zugegeben, das ist ein feiner Unterschied; ich habe mich wie ein halbwüchsiger Schnösel benommen; aber nachdem ich all diese die Galaxis umspannenden Romane über heroische Männer von heroischer Gestalt gelesen habe, hatte ich einen lebenden Computer erwartet, überaus muskulös, so etwas wie ein Conan mit der Durchtriebenheit eines Lije Bailey. Stattdessen steht da dieser einfach wunderbare, robuste, Skylark-förmige Jude mit der Ausdrucksweise eines Mel Brooks und mit einer Wally-Cox-Fliege. Ich bin noch nie von einer Asimov-Geschichte enttäuscht worden, und ich bin noch nie von dem Menschen Asimov enttäuscht worden. Aber bei dieser ersten Begegnung waren meine Träume etwas größer als die Wirklichkeit, und die Bemerkung war mehr einem Reflex als Bosheit geschuldet. Im Übrigen war Napoleon eins achtundfünfzig groß, und ich bin eins siebenundsechzig. Das ist, soweit ich weiß, das erste Mal, dass Dr. Asimov einen sachlichen Fehler begeht. Ich hoffe, er wird damit leben können; ich kann mit meiner Größe leben.

Harlan Ellison

Vorrede

Zweiunddreißig Wahrsager

Was Sie gerade in Händen halten, ist mehr als ein Buch. Wenn wir Glück haben, ist es eine Revolution.

Dieses Buch, die ganzen zweihundertneununddreißigtausend Wörter darin, die umfangreichste Anthologie spekulativer Literatur mit Originaltexten, die je publiziert wurde, und bei weitem die umfangreichste irgendeiner Art, wurde nach ausdrücklich revolutionären Vorgaben konstruiert. Ihr Zweck ist es, den Status quo aufzumischen. Sie wurde aus dem Bedürfnis nach neuen Horizonten heraus konzipiert, nach neuen Formen, neuen Stilen, neuen Herausforderungen für die Literatur unserer Zeit. Sofern dabei alles richtig gemacht wurde, wird sie dieses Bedürfnis erfüllen. Wenn nicht, ist sie immer noch ein verdammt gutes Buch, randvoll mit unterhaltsamen Geschichten.

Es gibt da eine Clique von Kritikern und Lesern, die die Meinung verficht, »bloße Unterhaltung« genüge nicht, jede Geschichte müsse Mark und Substanz enthalten, eine tiefschürfende Botschaft oder Philosophie oder wahnwitzige wissenschaftliche Neuerungen in Hülle und Fülle. Obwohl diese Ansichten nicht ganz unbegründet sein mögen, sind sie nur allzu oft die einzige Daseinsberechtigung für das Erzählte, dieses salbungsvolle Beharren darauf, Dinge zu sagen. Obwohl wir ebenso wenig behaupten möchten, Märchen seien der Gipfelpunkt moderner Erzählkunst, sind wir auch nicht der Meinung, dass die Handlung im Schatten der Theorie stehen sollte. Würde man uns allerdings anketten und damit drohen, uns Bambussplitter unter die Fingernägel zu treiben, müssten wir uns wohl für Ersteres entscheiden.

Erfreulicherweise trifft dieses Buch genau die Mitte. Jede Geschichte ist geradezu verbissen unterhaltsam. Aber jede bordet außerdem über vor Ideen. Nicht einfach nur vor gewöhnlichen Pulp-Ideen, die Sie schon hundertmal gelesen haben, sondern vor frischen, kühnen Ideen; auf ihre Art sind das gefährliche Visionen. (Was allerdings eher ein bildlicher Ausdruck ist denn eine Bedingung.)

Warum das ganze Gerede über Unterhaltung hier, Ideen dort? In einer ziemlich langen Vorrede zu einem ziemlich langen Buch? Warum nicht die Erzählungen für sich sprechen lassen? Weil … auch wenn es watschelt wie eine Ente, quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente und mit Enten herumscharwenzelt, muss es deswegen noch lange keine Ente sein. Dies ist eine Ansammlung von Enten, die sich vor Ihren Augen in Schwäne verwandeln werden. Diese Geschichten sind so unterhaltsam, dass es undenkbar erscheint, sie seien nach der Maßgabe geschrieben, Ideen Ausdruck zu verliehen. Aber so war es, und während Sie staunend zuschauen, wie sich die Unterhaltungsenten in Ideenschwäne verwandeln, servieren wir Ihnen eine Dreiunddreißig-Story-Demonstration des Neusten vom Neusten – der Nouvelle Vague, wenn Sie wollen, der spekulativen Literatur.

Und darin, liebenswürdige Leser, liegt die Revolution.

Für manche beginnt die spekulative Literatur mit Lukian von Samosata oder Äsop. Sprague de Camp zählt, in seinem exzellenten Science Fiction Handbook (Hermitage House, 1953), Lukian, Virgil, Homer, Heliodor, Apuleius, Aristophanes und Thukydides auf und nennt Platon »den zweiten griechischen ›Vater der Science Fiction‹«. Groff Conklin schlägt in The Best of Science Fiction (Crown, 1946) vor, dass die historischen Ursprünge ohne Schwierigkeiten von Dekan Swifts Gulliver, von Frank R. Stocktons »The Great War Syndicate», von Richard Adams Lockes »The Moon Hoax«, von Edward Bellamys Looking Backward, von Verne, von Arthur Conan Doyle, von H. G. Wells und Edgar Allan Poe hergeleitet werden können. In der klassischen Anthologie Adventures in Time and Space (Random House, 1946) entscheiden sich Healy und McComas für den großen Astronomen Johannes Kepler. Auf mich hat, als Grundlage für alle große spekulative Literatur, die Bibel den allergrößten Einfluss ausgeübt. (Lassen Sie uns eine Mikrosekunde innehalten und beten, dass der Herr mich nicht mit einem Blitzschlag in die Milz straft.)

Aber bevor mir vorgeworfen wird, ich würde nur versuchen, den etablierten Historikern der spekulativen Literatur Altbekanntes zu entlocken, möchte ich Ihnen versichern, dass ich lediglich zu den Wurzeln zurückkehre, um aufzuzeigen, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe und deshalb berechtigt bin, die folgenden vorlauten Bemerkungen zu äußern.

Die spekulative Literatur der Moderne wurde in Wirklichkeit 1928 mit Walt Disney und seinem klassischen Zeichentrickfilm Steamboat Willie geboren. Klar war das so – eine Maus, die einen Raddampfer steuert?

Als Ausgangspunkt ist das im Grunde ebenso sinnfällig wie Lukian, denn wenn wir uns auf das Wesentliche beschränken, dann begann die spekulative Literatur, als der erste Cromagnonmensch sich vorstellte, was da draußen unmittelbar außerhalb des Feuerscheins herumschnüffelte. Falls er sich ausmalte, dass es neun Köpfe hatte, Facettenaugen wie eine Biene, einen Feueratem, Tennisschuhe und eine kleinkarierte Weste, dann war das spekulative Literatur. Falls er sich einen Berglöwen vorstellte, war er wahrscheinlich nur au courant, was also nicht zählt. Außerdem war er ein Angsthase.

Niemand kann mit vernünftigen Argumenten bestreiten, dass Gernsbacks AMAZING STORIES aus dem Jahr 1926 der offensichtlichste Vorfahre dessen ist, was wir heute, in diesem Buch, »spekulative Literatur« nennen. Und wenn wir das akzeptieren, dann sollten wir uns vor Edgar Rice Burroughs, E. E. Smith, H. P. Lovecraft, Ed Earl Repp, Ralph Milne Ferley, Captain S. P. Meek (i. R.) und all den anderen verbeugen. Und, natürlich, vor John W. Campbell jr., der früher einmal ein Magazin namens ASTOUNDING herausgegeben hat, in dem Science Fiction publiziert wurde, und der jetzt ein Magazin namens ANALOG herausgibt, in dem eine Menge schematischer Skizzen erscheinen. Mr. Campbell wird im Allgemeinen zugestanden, der »vierte moderne Vater der spekulativen Literatur« zu sein oder etwas in der Art, weil er den Vorschlag machte, dass Autoren versuchen sollten, Menschen in ihre Maschinen zu setzen. Womit Sie und ich in den Vierzigern angekommen wären, bei den Gadget-Geschichten.

Über die Sechziger sagt das allerdings nicht viel aus.

Nach Campbell kamen Horace Gold und Tony Boucher und Mick McComas, die der radikalen Vorstellung den Weg bereiteten, an die Science Fiction solle derselbe Maßstab angelegt werden wie an alle anderen literarischen Gattungen. Für die meisten armen Teufel, die bis dahin Genretexte geschrieben und verkauft hatten, war das ein ziemlicher Schock. Denn es bedeutete, dass sie lernen mussten, gut zu schreiben und nicht nur possierlich zu denken.

Vor diesem Hintergrund waten wir jetzt knietief durch grässliche Geschichten hinein in die Swinging Sixties. Die eigentlich noch gar nicht angefangen haben zu swingen. Aber die Revolution steht bevor. Bitte haben Sie etwas Geduld.

Seit zwanzig Jahren plus ein paar Zerquetschte trommelt sich der treue Fan spekulativer Literatur auf die Brust und wehklagt, der literarische Mainstream wisse phantasievolles Erzählen nicht zu würdigen. Er bejammert die Tatsache, dass Bücher wie Nineteen Eighty-Four, Brave New World und Limbo und On the Beach von Kritikern begeistert aufgenommen, aber nie als »Science Fiction« bezeichnet werden. Tatsächlich würden sie, weil sie »gute Bücher sind, also unmöglich dieser SF-Käse sein können«, automatisch ausgeschlossen. Dazu nimmt dieser Fan jeden grenzwertigen Versuch her, ganz gleich wie miserabel (z. B. Wouks »The Lomokome Papers«, Ayn Rands Anthem, Herseys White Lotus, Boulles La Planète des singes), nur um sich zu bestätigen und sein Argument zu bekräftigen, der Mainstream bereichere sich am Genre, und es gebe innerhalb der ouvrage de longue haleine der Science Fiction eine große Fülle, die für alle genüge.

Dieser fanatische Fan hat sich überlebt. Er hinkt den Zeiten zwanzig Jahre hinterher. Man kann ihn immer noch, überall Verfolger witternd, im Hintergrund brabbeln hören, aber inzwischen ist er eher ein Fossil denn eine Macht. Die spekulative Literatur ist vom Mainstream entdeckt worden und ist dabei, darin aufzugehen. Burgess’ A Clockwork Orange, Vonneguts God Bless You, Mr. Rosewater und Cat’s Cradle, Herseys The Child Buyer, Wallis’ Only Lovers Left Alive und Vercors’ Les animaux dénaturés (um nur einige Werke aus der jüngsten Zeit zu nennen) sind erstrangige spekulative Romane, die sich zahlreicher Werkzeuge bedienen, welche von Science-Fiction-Autoren in ihrer kleinen Genrenische feingeschliffen wurden. Nicht ein Hochglanzmagazin erscheint, ohne die spekulative Literatur in irgendeiner Form zu würdigen, entweder indem erwähnt wird, dass sie irgendeinen heute alltäglichen Gegenstand wissenschaftlicher Neugier vorhergesagt hat, oder durch offene Anbiederung, indem die maßgeblichen SF-Autoren neben den John Cheevers, den John Updikes, den Bernhard Malamuds, den Saul Bellows abgedruckt werden.

Wir sind, das ist die unumgängliche Schlussfolgerung, angekommen.

Und doch setzen der laustarke Fan und die unzähligen Autoren, Kritiker und Herausgeber – die im Laufe all der Jahre, die sie nach eigenem Empfinden in ein Ghetto eingesperrt waren, einen Tunnelblick entwickelt haben – ihr vorsintflutliches Wehklagen fort und verhindern so, dass den von ihnen geliebten Werken die Anerkennung gezollt wird, um derentwillen sie weinen und wehklagen. Wir erleben im Augenblick etwas, das Charles Fort »Dampfmaschinenzeit« nannte: »Wenn es an der Zeit ist, dass die Dampfmaschine erfunden wird, dann erfindet sie jemand, selbst wenn James Watt es nicht tut.«

Die Autoren spekulativer Literatur erleben gerade eine »Dampfmaschinenzeit«. Die Jahrtausendwende steht bevor. Wir sind angesagt.

Und die meisten dieser an der Klagemauer knienden Liebhaber von Fantasyabenteuern finden das furchtbar. Denn mit einem Mal lesen der Busfahrer und der Zahntechniker und der Strandgammler und der Einkaufswagenschieber ihre Geschichten; und was noch schlimmer ist, diese Neuankömmlinge erweisen den großen alten Meistern des Genres möglicherweise nicht die gebührende Achtung, möglicherweise halten sie die Skylark-Geschichten nicht für brillant und erwachsen und unwiderstehlich; möglichweise möchten sie sich nicht von Begrifflichkeiten verwirren lassen, die in der SF seit dreißig Jahren akzeptiert sind, möglicherweise möchten sie verstehen, was passiert; möglicherweise schließen sie sich nicht der alten Ordnung an. Möglicherweise ziehen sie Star Trek und Kubrick Barsoom und Ray Cummings vor. Und deshalb werden sie von diesen Fans mit spöttischem Grinsen bedacht, einem Verziehen des Mundes, das dem Zerknittern einer alten Ausgabe von FAMOUS FANTASTIC MYSTERIES recht ähnlich sieht.

Aber noch weit furchtbarer ist, wenn Autoren die Bühne betreten, die sich nicht an die guten alten Sitten halten. Diese kleinen Klugscheißer, die »dieses ganze literarische Zeug« schreiben, die sich der althergebrachten Ideen des spekulativen Kampfplatzes bemächtigen und sie auf den Kopf stellen. Diese Typen sind Blasphemiker. Der Herr wird sie mit einem Blitzschlag in die Milz strafen.

Dennoch ist die spekulative Literatur (merkt ihr, wie ich es oberschlau vermeide, die Fehlbezeichnung »Science Fiction« zu verwenden? Begreift ihr allmählich, Freunde? Ihr habt eine dieser Anthologien mit S—e F—n gekauft und wusstet es nicht mal! Tja, jetzt ist die Kohle weg, also könnt ihr genauso gut weiter hier herumlungern und was lernen) der fruchtbarste Nährboden, um Schriftstellertalente unbehindert wachsen zu lassen, mit Horizonten, die niemals näher zu kommen scheinen. Und immer mehr von diesen besserwisserischen Rabauken tauchen auf und verdrängen in wilder Raserei die alte Garde aus ihren Löchern. Und Herr im Himmel, wie tief sind die Mächtigen gefallen! Denn die meisten »großen Namen« des Genres, die schon weit länger als verdient die Titelbilder und die Spitzenhonorare für sich reklamierten, können nicht mehr liefern. Oder sie haben sich anderen Weidegründen zugewandt. Und haben die spekulative Literatur neueren, aufgeweckteren Autoren überlassen und denjenigen, die einmal neu und aufgeweckt waren, aber übergangen wurden, weil sie keine »großen Namen« waren.

Doch trotz des neu aufkommenden Interesses an der spekulativen Literatur, trotz der vielfältigeren Stilmittel der neuen Autoren, trotz der größeren Vielfalt an Themen, trotz des von außen betrachtet blühenden, gesunden Marktes … zeichnen sich viele Herausgeber innerhalb des Genres durch eine beklemmende Beschränktheit aus. Denn viele dieser Herausgeber waren früher einfache Fans, und sie haben sich eine spezielle Vorliebe für die SF ihrer Jugend erhalten. Ein Autor nach dem anderen muss erleben, wie seine Texte zensiert werden, bevor er sie überhaupt geschrieben hat, denn er weiß, dass der eine Herausgeber auf seinen Seiten keine politische Auseinandersetzung duldet und dass der andere vor Geschichten zurückschreckt, die von Sex in der Zukunft handeln, und der da unten hinter der Sockelleiste zahlt nicht, außer mit roten Hellern, warum sich also die Mühe machen, die ganzen grauen Zellen auf Betriebstemperatur zu bringen, um sich etwas Gewagtes auszudenken, wenn der Lumpenhund auch die alte Nummer mit dem Wahnsinnigen in der Zeitmaschine kauft.

So etwas nennt man ein Tabu. Und es gibt keinen einzigen Herausgeber innerhalb des Genres, der nicht unter Androhung von Wasserfolter schwören würde, dass ihm dergleichen fremd ist, dass er sogar sein Büro mit Insektenvernichtungsmittel einsprüht, nur für den Fall, dass sich irgendwo in einer Aktenmappe ein Tabu eingenistet hat wie ein Silberfischchen. Das haben sie auf Conventions gesagt, und sie haben es in gedruckter Form gesagt, aber allein in diesem Buch gibt es über ein Dutzend Autoren, die, wenn man sie nur leicht anstupst, grauenhafte Geschichten über Zensur erzählen könnten, in denen jeder einzelne Genreherausgeber vorkäme, sogar der hinter der Sockelleiste.

Oh, natürlich möchte das Genre auch provozieren, und wirklich kontroverse, erhellende Texte werden veröffentlicht; aber dafür gibt es umso mehr, die auf der Strecke bleiben.

Und noch niemand hat die Autoren spekulativer Literatur je aufgefordert: »Zieht alle Register, macht keine Kompromisse, bringt es zu Papier!« Bis dieses Buch daherkam.

Jetzt nicht hinschauen, Sie stehen in der Schusslinie einer Revolution.

1961 war der Herausgeber dieses Buches …

… einen Moment mal. Mir ist gerade etwas eingefallen, das besser gesagt werden sollte. Ihnen mag aufgefallen sein, dass es dem Ich dieser Vorrede an Ernsthaftigkeit und Zurückhaltung mangelt. Das hat seine Ursache weniger in jugendlichem Überschwang – auch wenn zahllose Menschen schwören mögen, dass ich seit siebzehn Jahren vierzehn Jahre alt bin – als vielmehr in einer Abneigung selbigen Ichs, die schonungslose Wahrheit hinzunehmen, dass ich, Schriftsteller durch und durch, einen winzigen Anteil der auktorialen Gestalt außer Kraft gesetzt habe, um Herausgeber zu werden. Mir kommt es merkwürdig vor, dass unter all den klügeren Köpfen des Genres, all den Leuten, die weit mehr geeignet sind, ein Buch hervorzubringen, das – wie ich mir einbilde – so wichtig ist wie dieses, ausgerechnet mir diese Aufgabe zugefallen ist. Aber wenn ich es mir überlege, scheint es mir unvermeidlich; nicht so sehr aufgrund meiner Fähigkeiten, sondern weil es mich mit Macht dazu gedrängt hat, und weil ich die hartnäckige Entschlossenheit aufgebracht habe, die vonnöten war. Hätte ich zu Beginn gewusst, dass es über zwei Jahre brauchen würde, um dieses Buch zusammenzustellen, von dem Kummer und den Kosten ganz zu schweigen – dann hätte ich es trotzdem getan.

Also werden Sie, um in den Genuss der vielen tollen Sachen auf diesen Seiten zu kommen, die Einwürfe des Herausgebers hinnehmen müssen, denn schließlich ist dieser ein Schriftsteller wie alle anderen hier auch, und er ist begeistert, dieses eine Mal Gott spielen zu dürfen.

Wo war ich?

Ah. 1961 war der Herausgeber dieses Buches damit beschäftigt, für einen kleinen Verlag in Evanston, Illinois, eine Taschenbuchreihe zusammenzustellen. Unter den Projekten, die ich aufs Fließband legen wollte, befand sich eine Anthologie mit spekulativen Erzählungen der besten Autoren, alles Erstveröffentlichungen und alle tendenziell hochgradig kontrovers. Ich beauftragte einen bekannten Herausgeber, der – wie vielleicht viele sagen würden – gute Arbeit ablieferte. Ich war anderer Meinung. Mir kamen die Geschichten entweder albern oder witzlos oder plump oder langweilig vor. Einige davon sind inzwischen andernorts veröffentlicht worden, darunter sogar in »Best of«-Anthologien. Von Leiber und Bretnor und Heinlein, um nur drei in Erinnerung zu rufen. Aber das Buch begeisterte mich nicht so, wie ich es von einer derartigen Anthologie erwartet hätte. Nachdem ich den Verlag verlassen hatte, versuchte sich ein anderer Herausgeber an einer zweiten Anthologie. Damit kamen sie auch nicht weiter. Das Projekt blieb noch in der Entstehung stecken. Keine Ahnung, was mit den dafür vorgesehenen Geschichten passiert ist.

Irgendwann 1965 hatte ich den Schriftsteller Norman Spinrad in meinem klitzekleinen Baumhaus in Los Angeles zu Gast, das ich »Ellison Wonderland« nenne, nach dem gleichnamigen Buch. Wir saßen herum und unterhielten uns über dies und das, als Norman anfing, aus irgendeinem Grund, der mir entfallen ist, über die Herausgeber von Anthologien herzuziehen. Er sagte, ich sollte doch einige der aufwieglerischen Ideen über »das neue Ding« in der spekulativen Literatur, die ich fortwährend verbreitete, in Form einer entsprechenden Anthologie umsetzen. Ich beeile mich, darauf hinzuweisen, dass mein »neues Ding« weder Judith Merrils »neues Ding« noch Michael Moorcocks »neues Ding« ist. Fragen Sie nach uns mit unseren Markennamen.

Ich lächelte dümmlich. Ich hatte noch nie eine Anthologie herausgegeben und davon nicht die geringste Ahnung! (Ein Standpunkt, den viele Kritiker dieses Buches einnehmen mögen, wenn sie es gelesen haben. Aber weiter …)

Kurz vor alledem hatte ich Robert Silverberg eine Erzählung für eine Anthologie verkauft, die er zusammenstellte. Ich hatte an irgendeiner Kleinigkeit herumgemeckert und eine Antwort erhalten, die ich, in Auszügen, in Silverbobs unnachahmlichem Stil hier wiedergebe.

2. Okt. 65: Lieber Harlan: Du wirst dich bestimmt freuen zu hören, dass ich dir letzte Nacht im Verlauf eines langen und ermüdenden Traumes zugeschaut habe, wie du beim letztjährigen Worldcon zwei Hugos gewinnst. Und du hast dich dabei auch noch ziemlich arrogant benommen. Ich bin mir nicht sicher, in welchen Kategorien du an der Spitze standst, aber eine davon war wahrscheinlich »Grundloses Lästern«. Gestatte mir eine kurze, väterliche Belehrung in Antwort auf deine schriftliche Abdruckerlaubnis die Anthologie betreffend (worüber die liebenswerten Damen bei Duell, Sloan & Pearce sicherlich zutiefst bestürzt sein werden) …

Worauf er eine vernichtende Anklage vom Stapel ließ, die meine Einstellung gegenüber dem läppischen Honorar betraf, das ich für eine zweitklassige Geschichte erhalten sollte, die er erst gar nicht hätte in Erwägung ziehen sollen. Es folgten mehrere Absätze Klatsch und Tratsch, die mich (vergeblich, wie ich hinzufügen möchte) besänftigen sollten; durchaus köstliche Absätze, die allerdings hier und jetzt von keinerlei Bedeutung sind, also werden Sie sie wohl irgendwann in ferner Zukunft in den Archiven der Syracuse University lesen müssen. Aber jetzt kommen wir endlich zum Pee und zum Ess, das folgendermaßen lautete:

Warum gibst du nicht eine Anthologie heraus? HARLAN ELLISONS AUSWAHL UNKONVENTIONELLER SF oder etwas in der Art …

Er unterzeichnete den Brief mit »Ivar Jorgensen«. Aber das ist eine andere Geschichte.

Spinrad ließ nicht locker. Trau dich, trau dich, mein Kind[2]! Also schnappte ich mir das Telefon und führte ein Ferngespräch (ein Wort, das ich von meinem jiddischen Großvater gelernt habe, der jedes Mal erbleichte, wenn man ein solches erwähnte). Mit Lawrence Ashmead bei Doubleday. Er hatte noch nie zuvor mit mir gesprochen. Hätte er geahnt, welch fremdartige Gräuel ihn erwarteten, nur weil er höflich zu mir war, dann hätte er den anstößigen Apparat aus dem Fenster im achten Stock des an das Wahrheitsministerium gemahnenden Gebäudes an der Park Avenue in Manhattan geworfen.

Aber er hörte mir zu. Spinnengleich webte ich magische goldene Fäden, um ihn zu betören. Eine umfangreiche Anthologie, ausschließlich Erstdrucke, äußerst kontrovers, viel zu gewagt für die Magazine, erstklassige Autoren, die Stars des Mainstream, Spannung, Abenteuer, Pathos, Tausende von Mitwirkenden, eine Pastinake in einem Pflaumenbaum.

Er biss an. Auf der Stelle. Der rasende Rhetoriker hatte wieder zugeschlagen. Ich hatte ihn so was von in der Tasche. Am 18. Oktober erhielt ich folgenden Brief:

Lieber Harlan, der Konsens unter den Lektoren, die sich Ihr Exposé für Dangerous Visions angeschaut haben, ist, dass wir etwas Konkreteres benötigen … Sofern Sie nicht herausfinden können, was genau an bisher unveröffentlichten Erzählungen verfügbar ist, und sofern Sie mir nicht ein einigermaßen definitives Inhaltsverzeichnis liefern können, hat dieses Projekt nicht die mindeste Chance, von unserem Akquisitionsgremium abgesegnet zu werden. Anthologien sind heutzutage Dutzendware, und wenn sie nicht wirklich besonders sind, rechtfertigen sie keinen großen Vorschuss. Genau genommen ist es mein Grundsatz, Anthologien (es sei denn, sie sind »besonders«) auf Autoren zu beschränken, die regelmäßig Romane bei Doubleday publizieren. Falls Sie also gewährleisten können, für den Großteil des Inhalts von Dangerous Visions definitive Zusagen zu erhalten … und ich weiß, dass ist gleichbedeutend mit der Situation, in der sich der Buttertoffeemann befindet, der nicht rennen kann, bevor ihm warm ist, und dem nicht warm wird, bevor er rennt …

An dieser Stelle ist vielleicht eine Erklärung vonnöten. Traditionell bestehen Anthologien aus Geschichten, die zuerst als Fortsetzung oder in einem Magazin veröffentlicht wurden. Um in Buchform zu erscheinen, können sie für einen Bruchteil des ursprünglichen Honorars erworben werden. Der Autor schlägt seinen Profit aus daraus folgenden Verkäufen – Taschenbuchrechte, Auslandslizenzen etc. Und da er bereits einmal für den Text bezahlt worden ist, kommt das alles obendrauf. Dementsprechend bedeutet ein verrechenbarer Vorschuss von fünfzehnhundert Dollar für einen Herausgeber, dass er die Hälfte der Kohle selbst einstecken und die verbliebenen siebenhundertfünfzig Dollar auf elf oder zwölf Autoren verteilen kann, und schon hat er ein stattliches Buch. Dieses Buch wurde allerdings als Sammelband von Erstveröffentlichungen konzipiert, was bedeutete, dass die Erzählungen ausdrücklich für das Buch verfasst würden (oder, in seltenen Fällen, bereits seit Längerem geschrieben und von allen verfügbaren Märkten abgelehnt worden waren, weil sie dieses oder jenes Tabu brachen; die letztere Möglichkeit war, offenkundig, weit weniger reizvoll, denn normalerweise lässt sich eine Erzählung – es sei denn, sie ist über die Maßen heikel – immer irgendwo unterbringen; falls sie niemand genommen hatte, war es wahrscheinlicher, dass sie einfach grottenschlecht war und eben nicht kontrovers; ich sollte nur allzu bald herausfinden, dass ich mit dieser Ansicht richtiglag; kontroverse Geschichten werden von Herausgebern oft nicht deswegen gekauft, weil sie schockieren und aufrütteln, sondern weil sie von »großen Namen« stammen, die sich dergleichen leisten können; weniger bekannte Autoren haben es damit bedeutend schwerer; und wenn es ihnen nicht gelingt, sich im Lauf der Zeit einen Namen zu machen und diese Geschichten irgendwann später wieder aus der Schublade hervorzuholen, dann bekommt sie eben nie jemand zu sehen).

Damit ein Autor eine Erzählung speziell für dieses Buch schrieb, musste mein Honorar bei Annahme mit dem konkurrieren können, was die Magazine ihm für den Erstdruck boten. Das bedeutete, das der übliche Vorschuss von fünfzehnhundert Dollar nicht genügte. Nicht, wenn es ein umfangreiches, breit gefächertes und repräsentatives Projekt werden sollte.

Die zusätzlichen drei Cent pro Wort für eine Magazinveröffentlichung spielen für Freischaffende, die ausschließlich von den Genremagazinen leben, eine entscheidende Rolle. Also benötigte ich mindestens dreitausend Dollar, den doppelten Vorschuss. Ashmead, dem Nelson Doubleday nicht erlaubte, mehr als fünfzehnhundert Dollar auszuspucken, musste zu seinem Akquisitionsgremium gehen, und er glaubte nicht, dass sie beim jetzigen Stand der Dinge allzu begeistert sein würden. Sie wollten nicht einmal die ersten fünfzehnhundert rausrücken.

Also griff der kadmiumkehlige Redner erneut zum Telefon. »Hallo Larry, Schätzchen, Schmusekätzchen!«

Was dabei herauskam, war die größte Mogelpackung seit dem Teapot-Dome-Skandal. Ashmead würde mir die ersten fünfzehnhundert Dollar Vorschuss auszahlen, von dem ich nur, sagen wir, dreißigtausend der geplanten sechzigtausend Wörter bezahlen würde. Dann würde ich ihm die Erzählungen schicken und sagen, dass ich weitere fünfzehnhundert Dollar benötigte, um das Projekt abzuschließen, und wenn sich alles so gut entwickelte, wie wir erwarteten, dann wäre es nicht weiter schwierig, bei dem Gremium vorzusprechen und die Differenz zu erhalten.

Jetzt, zweihundertneununddreißigtausend Wörter und neunzehn Monate später, hat Dangerous Visions Doubleday dreitausend Dollar gekostet, mich zweitausendsiebenhundert Dollar, die ich aus eigener Tasche bezahlt habe (von dem Herausgeberhonorar reden wir erst gar nicht), und Autor Larry Niven siebenhundertfünfzig Dollar, die er in das Projekt gesteckt hat, damit es ordentlich gemacht wird. Darüber hinaus sind vier der Autoren in diesem Buch bisher nicht bezahlt worden. Ihre Geschichten sind mit Verspätung eingetroffen, sodass der nominelle Abgabetermin bereits überschritten war; aber sie hatten davon erfahren und waren so begeistert, dass sie unbedingt dabei sein wollten, und so stimmten sie einer späteren Honorierung zu, die von Ellisons Beteiligung gezahlt wird, nicht von den Tantiemen der Autoren.

Diese Vorrede hat fast ihr Ende erreicht. Den Sternen sei Dank. Viele der unglaublichen Ereignisse, die im Laufe ihrer Entstehung eingetreten sind, können hier nicht erzählt werden. Die Pynchon-Story. Die Heinlein-Anekdote. Die Laumer-Affäre. Der Zwischenfall mit den drei Brunner-Storys. Der kurzfristige Flug nach New York, um die Dillon-Illustrationen zu versichern. Das Kingsley-Amis-Nachwort. Die Armut, die Krankheit, der Hass!

Nur noch ein paar letzte Woche über das Wesen dieses Buches. Zu allererst war es als Versuchsfeld für neue Stilmittel, kühne Experimente, unpopuläre Gedanken gedacht. Ich meine, bis auf eine oder zwei Ausnahmen wird jede der enthaltenen Erzählungen dieser Absicht gerecht. Erwarten Sie nichts, bleiben Sie offen für das, was diese Autoren versuchen, und lassen Sie sich begeistern.

Viele Autoren, die Lesern spekulativer Literatur vertraut sind, sind hier nicht enthalten. Diese Anthologie möchte nicht allumfassend sein. Aufgrund der Natur dessen, was sie schreiben, sind viele Autoren ausgeschlossen worden, denn sie haben bereits vor Jahren gesagt, was sie zu sagen hatten. Andere fanden, dass sie nichts Kontroverses oder Kühnes beizutragen hätten. Manche hatten schlicht kein Interesse an dem Projekt. Aber mit einer Ausnahme hat der Herausgeber niemanden von vorneherein ausgeschlossen. Dementsprechend finden Sie hier neue junge Autoren wie Samuel Delany Seite an Seite mit etablierten Schriftstellern wie Damon Knight. Sie werden Besuchern aus anderen Regionen wie dem Drehbuchautor Howard Rodman zusammen mit einer Veteranin der SF-Kriege begegnen, der charmanten (und in diesem Fall furchteinflößenden) Miriam Allen de Ford. Sie werden einem Traditionalisten wie Poul Anderson unmittelbar neben einem experimentellen Schriftsteller wie Philip José Farmer begegnen. Nur das Neue und das Ungewöhnliche war gefragt, aber in manchen Fällen war eine Geschichte so … so sehr eine Geschichte (wie etwa ein Stuhl sehr ein Stuhl sein kann), dass sie sich geradezu aufzwang.

Zu guter Letzt: Es war ein Privileg, dieses Buch herauszugeben. Nach den vielen bombastischen Sturmläufen mag das dem Leser wie eine unaufrichtige Bescheidenheitsgeste à la Jack Paar vorkommen. Der Herausgeber kann nur versichern, dass das Wort »Privileg« noch unzureichend ist. Mitansehen zu dürfen, wie dieses äußerst lebhafte und faszinierende Buch heranwuchs, kam nicht nur einem privilegierten Blick in die Zukunft gleich, sondern auch einem privilegierten Blick in die Zukunft der spekulativen Literatur.

Und aus dem, was er sah, konnte der Herausgeber, während diese zweiunddreißig Wahrsager ihre Geschichten von Morgen erzählten, den Schluss ziehen, dass die Wunder und Reichtümer, die er in diesem Genre fand, als er sein Handwerk erlernte, wirklich und wahrhaftig existieren. Falls irgendjemand daran zweifelt, möge er sich den folgenden Erzählungen zuwenden. Keine einzige davon ist jemals irgendwo abgedruckt worden, und wenigstens ein Jahr lang wird keine davon irgendwo anders abgedruckt werden, also haben Sie Ihr Geld klug angelegt; und Sie haben die Männer und Frauen belohnt, die diese gefährlichen Visionen hatten.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Harlan Ellison

Hollywood

Januar 1967

[2] Im Original deutsch. A. d. Ü.

Der Herausgeber möchte den folgenden Personen seine Dankbarkeit ausdrücken und ihre Mitwirkung würdigen, denn ohne die Zeit, das Geld, die Vorschläge und das Mitgefühl, die sie beigetragen haben, wäre dieses Buch vielleicht nicht unmöglich gewesen, aber der Herausgeber wäre mit weit größerer Wahrscheinlichkeit in einem Heim für müde alte Männer gelandet:

Mr. Kingsley Amis

Mr. und Mrs. Terry Carr

Mr. Joseph Elder

Mr. Robert P. Mills

Mr. Robert Silverberg

Mr. Norman Spinrad

Miss Sherri Townsend

Mr. und Mrs. Ted White

Falls der Herausgeber jemanden übersehen hat, der es verdient gehabt hätte, hier erwähnt zu werden, entschuldigt er sich im Voraus und plädiert auf vorübergehende Erschöpfung, aber ein ganz besonderer Dank für Unterstützung, die weit über alles Erwartbare hinausging, gilt den Herren Larry Niven und Lawrence P. Ashmead sowie Mr. und Mrs. Leo Dillon – ohne deren starkes Kreuz dieses Buch tatsächlich nie Wirklichkeit geworden wäre. Behüte euch Gott.

Harlan Ellison

Hollywood

14. Februar 1967

Lester del Rey

Abendandacht

Einleitung: Ich habe Lester del Rey aus mehreren Gründen ausgewählt, diesen erlesenen Festzug von Autoren anzuführen. Erstens, weil … nein, lassen Sie mich den zweiten Grund zuerst angeben, denn der erste Grund ist strikt privat. Zweitens, weil Lester del Rey der Ehrengast der 25. World Science Fiction Convention ist, die in New York stattfindet, wenn dieses Buch erscheint. Dass Lester durch die Convention ausgezeichnet wird, und die geringere Ehre, am Anfang dieses Buchs zu stehen, sind nur Kleinigkeiten in der Reihe der Ruhmestaten, die wir ihm verdanken. Lester ist einer der wenigen »Giganten« der Science Fiction; seine Reputation beruht nicht nur auf ein oder zwei brillanten Geschichten, die vor fünfundzwanzig Jahren geschrieben wurden, sondern auf einem umfangreichen Oevre, das mit jeder neuen Schöpfung an Vielseitigkeit und Originalität gewonnen hat. Nur wenige Autoren innerhalb des Genres hatten denselben bahnbrechenden Einfluss wie del Rey. Im Vergleich dazu sind diese Ehrungen wahrlich unbedeutend.

Der erste Grund ist jedoch ein rein privater. Lester ist, in vielerlei Hinsicht, dafür verantwortlich, dass ich professionell zu schreiben begann (eine Tatsache, die ihn der Gefahr unangebrachter Schmähungen aussetzte; ich kann versichern, dass nichts davon aus Gefälligkeit geschah; Lester konnte nicht wissen, worauf das alles hinauslaufen würde). Als ich 1955, kurz nachdem ich von der Ohio State University geflogen war, nach New York kam, nahmen er und seine wunderbare Ehefrau Evvie mich in ihrem Zuhause in Red Bank, New Jersey auf, und unter der sadistischen Knute von Lesters scheinbar unermüdlicher Anleitung (einer Art schleichender Folter als Erziehungsmaßnahme, von der mir Lester versicherte, sie würde mein Talent zur Reife bringen, meinen Charakter stärken und meinen Teint kräftigen), lernte ich allmählich die Grundlagen meines Handwerks. Denn ich glaube noch heute, in der Rückschau nach über zehn Jahren, dass von allen Autoren in dieser Branche nur einige wenige – und Lester sticht unter diesen hervor – erklären können, was gutes Schreiben ausmacht. Er ist die lebende, zähnefletschende Widerlegung der weitverbreiteten Lüge, dass diejenigen, die zu etwas nicht in der Lage sind, andere darin unterrichten. Sein Geschick als Redakteur, Herausgeber, Kritiker und Lehrer leitet sich direkt aus seiner Energie als Schriftsteller ab.

Von Lester ist sehr unfreundlich gesagt worden, dass er, hat er sich einmal irgendwo hingepflanzt, sogar mit den Würmen um den Besitz seines Kadavers streiten würde. Jeder, der ihm irgendwann einmal auf Augenhöhe gegenüberstand, wird verständnisvoll nicken. Und ich meine auf Augenhöhe, denn del Rey ist über die Maßen fair: Er schaltet in einer Diskussion nicht auf Höchstleistung, sofern die Chancen nicht gleich verteilt sind: ungefähr sieben zu eins. Ich habe noch nie erlebt, dass er in einem Streitgespräch den Kürzeren gezogen hätte. Ganz gleich, worum es geht, ganz gleich, ob du dich mit dem Gesprächsgegenstand besser auskennst als irgendjemand sonst auf der Welt, del Rey wird ein Arsenal von Fakten und Theorien aufbieten, das so unerschöpflich und beeindruckend ist wie deine Niederlage gewiss. Ich habe starke Männer vor del Rey dahinwelken sehen. Herrschsüchtige, übellaunige Menschen fliehen vor ihm schreiend auf die Toilette. Er ist etwa eins achtundsechzig groß, hat flaumiges »Babyhaar«, das nur schwer zu kämmen ist, trägt eine Brille, deren Gläser nur wenig dicker sind als der Boden einer Colaflasche, und wird von einer übernatürlichen Kraft angetrieben, die die Hersteller von Herzschrittmachern für ihre Maschinen in Betracht ziehen sollten.

Lester del Rey wurde 1915 als R. Alvarez del Rey auf einem Pachthof in Minnesota geboren. Er hat den Großteil seines Lebens in Städten im Osten verbracht, wenngleich enge Freunde ihn hin und wieder von seinem Vater murmeln hören, der ein eifriger Evolutionist in der Provinz war. Er hat als Literaturagent fungiert, als Schreiblehrer und Textdoktor, und schweigt sich über die (augenscheinlich) endlose Folge von Gelegenheitsjobs aus, denen er nachging, bevor er sich vor dreißig Jahren ganz dem Schreiben widmete. Lester ist einer der wenigen Autoren, die unablässig reden können, ohne dass es ihn daran hindert, die Geschichten niederzuschreiben, die er erzählt. Während der vergangenen dreißig Jahre hat er fast ununterbrochen geredet, bei informellen Gesprächen, Vorträgen, Predigten, Autorenkonferenzen, im Fernsehen und über zweitausend Stunden in der Manhattener Radiosendung von Long John Nebel, in der er beständig die Stimme der Vernunft spielte. Seine erste Geschichte, »The Faithful«, verkaufte er 1937 an ASTOUNDING SCIENCE FICTION. Seine Bücher sind zu zahlreich, um sie aufzulisten, hauptsächlich weil er zehntausend Pseudonyme hat und die schlechten Sachen katzenschlau unter falschen Namen vertickt.

Eigentümlicherweise traf die erste Geschichte in diesem Buch als letzte ein. Als einer der ersten zehn Autoren, die ich für dieses Projekt angesprochen habe, versicherte Lester mir sogleich, dass er mir in den nächsten paar Wochen eine Geschichte schicken würde. Fast auf den Tag genau ein Jahr später traf ich ihn auf der Cleveland Science Fiction Convention und bezichtigte ihn der Großsprecherei. Er versicherte mir, er habe die Geschichte vor Monaten abgeschickt, habe nichts von mir gehört und sei davon ausgegangen, ich wolle sie nicht haben. Das von einem Profi, der – wie er mir ein Jahrzehnt zuvor beibrachte – Manuskripte immer so lange herumschickt, bis jemand sie kauft. Für die Schublade zu schreiben ist Onanie: so spricht del Rey. Nachdem ich von der Convention nach Los Angeles zurückkehrte, traf »Abendandacht« ein, zusammen mit einer dürftigen Notiz, er schicke mir die Geschichte, um zu beweisen, dass er sie geschrieben habe. Er fügte auch, wie gewünscht, eine Nachbemerkung bei. Einer der Anreize der Anthologie sollen die Nachbemerkungen der Autoren zu ihren Geschichten sein, was sie darüber denken, oder inwiefern es sich um eine »gefährliche« Vision handelt, oder über ihre Haltung zur spekulativen Phantastik oder zu ihrer Leserschaft oder wo sie sich im Universum verorten … in anderen Worten, über alles, was sie möglicherweise sagen wollten, um jene so seltene Beziehung zwischen Autor und Leserschaft herzustellen. Diese Nachbemerkungen befinden sich am Ende jeder Geschichte, doch Lesters Kommentar zu seiner Nachbemerkung scheint mir an den Anfang zu gehören, denn dieser gibt die Haltung wider, die viele der Autoren dieses Buches zu solchen Nachbemerkungen einnehmen. Er sagte:

»Die Nachbemerkung ist nicht besonders gescheit oder amüsant. Aber ich habe das, was ich sagen wollte, so ziemlich in der Geschichte selbst abgehandelt. Also habe ich den sogenannten Kritikern einfach ein paar Wörter vorgesetzt, die sie im Lexikon nachschlagen können, um sie gelehrt durchzukauen. Ich dachte, sie sollten wenigstens erfahren, dass es ein Stilmittel wie die Allegorie überhaupt gibt, auch wenn sie den Unterschied zwischen einer solchen und einem schlichten Phantasiegebilde nicht begreifen mögen. Ich war immer der Meinung, eine Geschichte müsse für sich stehen, und dass der Autor, der sie verfasst hat, für ihren Wert bedeutungslos ist. (Und natürlich hatte ich einen Durchschlag und konnte dir davon eine Abschrift der Geschichte schicken, hatte ich, hatteich, hattich …)«

Deutsch von Hannes Riffel

Bis er endlich die Oberfläche des kleinen Planeten erreichte, war noch der letzte Rest seiner Energie aufgebraucht. Jetzt ruhte er aus, zehrte langsam von der gelben, widerspenstigen Sonne, die auf die Wiese herabschien, welche ihn umgab. Seine Sinne waren getrübt vor Erschöpfung, aber die Furcht, die ihn die Eindringlinge gelehrt hatten, war Antrieb genug, sie nach außen zu richten, auf der Suche nach weiteren Hinweisen auf eine Zuflucht.

Es war eine friedliche Welt, stellte er fest, und in ihm ballte sich Furcht angesichts dieser Entdeckung. In jüngeren Jahren hatte er eine Vielzahl von Welten geliebt und das Auf und Ab des Lebensspiels bis zur Neige ausgekostet. Damals hatte er ein lustvolles Universum durchstreift. Aber die Eindringlinge duldeten niemanden, der mit ihrer eigenen raumgreifenden Begierde wetteiferte. Dass hier Friede und Ordnung herrschte, bedeutete, dass diese Welt einst ihnen gehört hatte.

Behutsam streckte er, während der leiseste Hauch von Energie in ihn hineinströmte, die Fühler nach ihnen aus. Im Moment waren sie nicht hier. Er hätte den Druck ihrer Nähe sofort gefühlt, und davon gab es keine Spur. Das Grasland erstreckte sich in sanften Wellen bis zu fernen Hügeln. Dort erhoben sich marmorne Gebilde, die im Abendsonnenschein weißlich funkelten, doch sie waren leer, ihr unbekannter Zweck auf diesem verlassenen Planeten zu bloßem Schmuck verkommen. Seine Aufmerksamkeit kehrte zurück, glitt über einen Bach hinweg auf die andere Seite des weitläufigen Tals.

Dort entdeckte er den Garten. Von niedrigem Gemäuer umgeben, erstreckte er sich meilenweit – eine dicht mit Bäumen bestandene und offenbar vernachlässigte Domäne. Zwischen den Ästen und entlang der sich windenden Pfade nahm er wahr, wie sich größere Tiere regten. Die streitbare Vitalität echten Lebens fehlte, doch sein Überfluss mochte genügen, um den Rest Lebenskraft, der ihm geblieben war, vor einer noch so sorgfältigen Suche zu verbergen.

Zumindest war es ein besseres Versteck als diese ungeschützte Grünfläche, und er sehnte sich dorthin, doch die Gefahr einer verräterischen Bewegung hielt ihn an Ort und Stelle. Zuvor hatte er auch geglaubt, seiner Flucht stünde nichts im Wege, doch langsam erkannte er, dass sogar er sich irren konnte. Jetzt wartete er und suchte abermals nach Hinweisen, dass dies eine Falle der Eindringlinge war.

In dem Gefängnis, das die Eindringlinge im Zentrum der Galaxis errichtet hatten, hatte er Geduld gelernt. Heimlich hatte er seine Kräfte gesammelt, während er um ihr Widerstreben herum, endgültig über ihn zu entscheiden, seine Flucht plante. Dann war er mit einer gewaltigen Anstrengung, die ihn weit über die Grenzen ihres Einflussbereiches hätte hinaustragen müssen, davongejagt. Und er war gescheitert, bevor er auch nur die Entfernung bis zum Ende des Spiralarms einer einzigen galaktischen Festung zurückgelegt hatte.

Allem Anschein nach waren ihre Fühler überall. Ihre gewaltigen, Energie raubenden Fäden bildeten ein so feines Netz, dass kein Durchkommen war. Sterne und Welten waren miteinander verbunden, und nur eine Abfolge wundersamer Ereignisse hatte ihn so weit kommen lassen. Und jetzt stand ihm der Überfluss an Energie, der für solche Wunder nötig war, nicht mehr zur Verfügung. Seit er ihnen mit so knapper Not entkommen war, hatten sie zu viel über ihn erfahren.

Jetzt suchte er mit aller Vorsicht, denn er fürchtete, irgendeinen Alarm auszulösen, doch noch mehr fürchtete er zu übersehen, dass es einen solchen gab. Aus dem All hatte diese Welt die einzige Hoffnung geboten, von ihren Netzen frei zu sein. Doch waren ihm in dem Moment nur Mikrosekunden geblieben, um das zu überprüfen.

Schließlich zog er seine Fühler zurück. Er konnte nicht den geringsten Hinweis auf ihre Köder und Spürer entdecken. Ihm war der Verdacht gekommen, dass selbst seine größten Anstrengungen jetzt nicht ausreichen würden, aber mehr konnte er nicht tun. Langsam erst, dann mit einem einzigen Vorwärtsstürmen warf er sich in das Gartenlabyrinth.

Nichts zuckte vom Himmel herab. Nichts sprang aus dem Planetenkern empor, um ihn aufzuhalten. Die Blätter raschelten, und die Vögel zwitscherten. Nichts ließ die Tiere verstummen. Nichts schien seiner Anwesenheit im Garten gewahr zu sein. Einst wäre das undenkbar gewesen, doch nun spendete es ihm Trost. Nur noch ein Schatten durfte er sein, unerkannt und unerkennbar auf seinen Wegen.

Etwas kam den Pfad entlang, auf Hufen dahintribbelnd, die kaum das gefallene Laub zu berühren schienen. Etwas anderes hüpfte flugs durch das dünne Unterholz neben dem Pfad.

Er ließ, während beide in seiner Nähe auf dem Pfad erschienen, seine Aufmerksamkeit auf ihnen ruhen. Kaltes Grauen machte sich in ihm breit.