Geflüchtete würdeorientiert begleiten - Luise Reddemann - E-Book

Geflüchtete würdeorientiert begleiten E-Book

Luise Reddemann

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15,00 €

Beschreibung

Bekommen Geflüchtete es besonders zu spüren, dass Würde ein vergessener Wert in der Psychotherapie ist, und welche Gegenmittel gibt es dagegen? Das ist die Frage, von der ausgehend Luise Reddemann ihre Überlegungen über die psychotherapeutische Ethik der Würde im Spannungsfeld von Evidenzbasierung und Selbstverständnis von Fachkräften aufspannt. Sie fordert, Würde als Leitbegriff im psychotherapeutischen Handeln zu verstehen und dabei die besonderen Gesichtspunkte, die weibliche Würde verlangen, nicht außer Acht zu lassen. Trauma, Würde und Mitgefühl gehören in der therapeutischen Arbeit zusammen und sind die Ausgangsbasis für eine Care-Ethik. Wie diese psychosozialen Kräfte Halt und Orientierung bieten kann, zeigt die Autorin anschaulich und praxisnah.

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Seitenzahl: 160

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Geflüchtete Menschen psychosozialunterstützen und begleiten

Herausgegeben von

Maximiliane Brandmaier

Barbara Bräutigam

Silke Birgitta Gahleitner

Dorothea Zimmermann

Luise Reddemann

Geflüchtete würdeorientiert begleiten

Ethische und psychosoziale Annäherungen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Nadine Scherer

Satz und Layout: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2625-6452

ISBN 978-3-647-99946-3

Inhalt

Vorwort von Klaus Ottomeyer

Deklaration von Genf (Auszug): Das ärztliche Gelöbnis

Prolog

1Bekommen Geflüchtete es besonders zu spüren, dass Würde ein vergessener Wert in der Psychotherapie zu sein scheint?Und welche Gegenmittel haben wir?

1.1Würde als Leitbegriff im psychotherapeutischen Handeln

1.2Die Beachtung weiblicher Würde

2Eine psychotherapeutische Ethik der Würde

2.1Was sollte unter Würdegesichtspunkten zu einer psychosozialen Begleitung von Geflüchteten gehören?

2.2Unser Blick ist heute oft durch Technikregeln verstellt – das muss nicht sein

2.3Die Autonomie der Begleitenden

2.4Blicke über den Zaun der Psychotherapie

2.5Würde bleibt trotz allem ein schwer zu fassender und herausfordernder Begriff

3Würde, Trauma und Mitgefühl

3.1Traumatisierungen in der Kindheit

3.2»Politische Bildung beginnt auf dem Wickeltisch«

3.3Abwehrbewegungen im Umgang mit dem Thema »Würde« – Angst vor dem Fremden als projektiver Mechanismus zur Selbstentlastung

3.4Würdeorientierung als »eine Art zu leben«

3.5Technikorientierung in der Psychotherapie untergräbt Würdeorientierung

3.6Würdeorientierung als Anerkennung eines Grundbedürfnisses

3.7Würde als Respekt vor dem Anderssein und das Recht auf Verletzlichkeit

3.8Was wehtut und wie wir Hass verringern können

3.9Care-Ethik und Begleitung von traumatisierten Flüchtlingen – eine Herausforderung

Dank

Literatur

Vorwort

Der »Welt«-Journalist Deniz Yücel war von Februar 2017 bis Februar 2018 in türkischer Untersuchungshaft. Nach seiner Freilassung berichtete er von verschiedenen Praktiken psychischer Folter durch die Wachmänner: »Und als wir an einem Mülleimer vorbeikamen, drohte einer: ›Ich werde dich den Mülleimer grüßen lassen. Du wirst sagen: Hallo, mein Bruder Müll. Denn du bist auch Müll‹« (Yücel, 2019).

Viele Flüchtlinge haben ähnliche Bedrohungen ihrer Würde und manchmal auch sehr schwere physische Angriffe erlebt. Yücel hat zumindest nachher darüber berichten können und Namen und Adressen von Verantwortlichen, darunter den türkischen Präsidenten, nennen können. Er hat öffentliche Solidarität und ein Mindestmaß an Gerechtigkeit erfahren. Bei Flüchtlingen, die bei uns um Asyl ansuchen, ist das anders. Sie müssen ihre Erinnerungen an Unrecht und Entwürdigung zum großen Teil für sich behalten, verschweigen, überspielen, verleugnen, hinunterschlucken. Gegen die zusätzliche Entwürdigung, die sie im lang gezogenen Asylverfahren erleben, wo ihnen widersprüchliche Aussagen, mangelnde Glaubwürdigkeit, die Fälschung von Belegen und Attesten sowie mehr oder weniger offen auch Sozialbetrug vorgeworfen werden, können sie nicht protestieren oder mit ihr gar an die Öffentlichkeit gehen. Das würde ihnen nur schaden. All das fördert eine stille Scham der Entwürdigten. Hinzu kommt noch die Unterbringung in großen unpersönlichen Lagern, die von der Politik neuerlich propagiert werden. Man muss sich wundern, wie wenige der Betroffenen angesichts dessen aus der Haut fahren. Die Helfenden erleben die Entwürdigungen sehr intensiv mit und können nur wenig dagegen tun. Unbedingt höflich bleiben, Kritikpunkte diplomatisch formulieren, juristische Einspruchsmöglichkeiten erkunden, kleine soziale und therapeutische Pflaster verteilen, sich in Geduld üben und parallel dazu die wachsende Empörung ebenfalls hinunterschlucken – das scheint oft alles, was möglich ist. Und bei mancher Ungerechtigkeit, die man ganz aus der Nähe miterleben muss, bricht einem fast das Herz.

In dieser Situation hat das Buch von Luise Reddemann etwas Befreiendes. Sie bringt uns die permanente Würdeverletzung von Flüchtlingen nahe und macht sie öffentlich. Dabei diskutiert sie die philosophischen und psychotherapeutischen Grundlagen von Würde und zeigt, dass wir durch das Vergessen oder Missachten der ethischen Maßstäbe, die in Sonntagsreden von westlichen Politikern und Politikerinnen beschworen werden und auf die wir angeblich stolz sein können, auch unsere eigene Integrität zerstören: »Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.« Dieser Satz, der Immanuel Kant zugeschrieben wird, mag radikal und praxisfern klingen. Dasselbe gilt für das von Luise Reddemann immer wieder angeführte Kant’sche Gebot, Menschen nicht wie Dinge oder Waren für außerhalb ihrer selbst liegende Zwecke zu instrumentalisieren. Aber immerhin liegen diese Prinzipien der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und unseren europäischen Verfassungen zugrunde. Im Alltag verstoßen wir natürlich mehrmals täglich gegen das Instrumentalisierungsverbot wie auch gegen das Verbot zu lügen. Aber sollte man diese Verbote deswegen ganz aufgeben, hemmungslos lügen und Menschen für das eigene Geschäft benutzen, wie es das Erfolgsrezept der großen »Dealmaker« zu sein scheint?

Wir können uns zumindest daran orientieren, dass man die Instrumentalisierung dort, wo es irgendwie möglich ist, vermeidet oder sie minimiert. Statt der Instrumentalisierung oder als Gegenkraft zur Instrumentalisierung sollte es, wo immer es möglich ist, um die Anerkennung der Eigenständigkeit und Autonomie des Menschen gehen, dem wir begegnen. Egal, ob dieser Mensch ein Kind, eine untergebene Person, ein schutzbefohlener Pflegling, ein Patient bzw. eine Patientin in der Psychotherapie oder ein Flüchtling ist. Wenn man Menschen, die von einem abhängig sind, für die berufliche Karriere, als Einkommensquelle oder als Material (z. B. als Kanonenfutter) verwendet oder wenn man sie als willkommene Feindbilder und Sündenböcke für eine Bewegung einsetzt, deren Führungsperson oder Gefolgschaft man sein möchte, dann ist das auf jeden Fall eine vermeidbare Verletzung ihrer Würde. Leider werden Menschen mitunter auch für den eigenen (manchmal unbewussten) Narzissmus und Sadismus benutzt. Erniedrigung und Verspottung machen offensichtlich Freude. Der alltägliche Hass im Netz belegt dies. Der österreichische Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), Mitglied der im Frühjahr 2019 geplatzten Kurz-Strache-Regierung, durfte am Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge ein Schild mit der Bezeichnung »Ausreisezentrum« anbringen. Überhaupt ist der erniedrigende Witz (Freud sprach vom mehr oder weniger erbärmlichen »tendenziösen Witz«; Freud, 1905) ein wichtiger Mechanismus, um die Wälle des Gewissens, welche die Würde des Menschen noch schützen, per Lachsalven zu stürmen. Wer dann die dummen Witze oder fremdenfeindlichen Cartoons kritisiert, kann leicht als humorloser Gutmensch beiseitegeschoben werden. Populistische Politiker und Politikerinnen, die heute Ressentiments und Hass gegenüber Flüchtlingen verbreiten, agieren als niveaulose Unterhaltungskünstler bzw. -künstlerinnen, die dem erregten Publikum abwechselnd Schauermärchen und böse Witzgeschichten erzählen.

Beim Thema Würde kann man nicht anders als ernst werden. Angriffe auf die Würde eines Menschen sind das Gegenteil der sozialen Anerkennung, die jeder Mensch für eine gedeihliche Entwicklung so dringend braucht. Aus einer gespeicherten guten Erfahrung von Anerkennung kann Selbstanerkennung, Selbstachtung und damit auch Autonomie gegenüber aktuellen sozialen Erwartungen entstehen. Missachtung und Entwertung können hingegen von außen nach innen wandern. Luise Reddemann zitiert zu Recht aus dem fast vergessenen Roman »Anton Reiser« von Karl Philipp Moritz, der am Ende des 18. Jahrhunderts entstand: »Die unwürdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm oft einen großen Teil der Achtung gegen sich selbst« (Moritz, 1790/1998, S. 159 f.). Täter und Täterinnen, die entwürdigen wollen, zielen – durchaus einfühlsam – auf die Restbestände der Selbstachtung, die im Opfer noch existieren. Der Philosoph Axel Honneth (u. a. 2003, S. 117 f.) hat drei Quellen von Anerkennung und Selbstanerkennung unterschieden, die wir alle brauchen wie das tägliche Brot: Die Anerkennung im Recht als freie und gleiche Bürgerinnen und Bürger, die Anerkennung als Solidarität in der Arbeitswelt, wo man gebraucht wird, und schließlich die Anerkennung als unverwechselbares liebendes Subjekt in unseren Partner-, Familien- und Freundschaftsbeziehungen. Daraus können Würde und Selbstachtung entstehen. Wenn es an Anerkennung in einem oder mehreren dieser Bereiche mangelt, droht Verbitterung (u. a. Honneth, 2004, S. 24). Es sieht so aus, als wäre in den letzten Jahrzehnten ein böser Geist in die westlichen Gesellschaften eingezogen, der für die Flüchtlinge die drei grundlegenden Quellen von Anerkennung und Würde systematisch zu zerstören oder zu verstopfen versucht. Als Rechtssubjekt sind sie Menschen zweiter oder dritter Klasse. Der Vorgang ihrer Anerkennung als »schutzberechtigt« und als freie und gleiche Teilnehmende am Rechtsverkehr ist mit so viel Wartezeit, Schikanen, Unsicherheiten und Entwürdigungen verbunden, dass dies die Anwärter und Anwärterinnen bald hoffnungslos und verzweifelt macht, Depressionen fördert und retraumatisierend wirkt. Aus der Arbeitswelt, in die fast alle Geflüchtete – entgegen einem verbreiteten Vorurteil vom Hängematten-Flüchtling und Sozialtouristen – unbedingt hinein wollen, werden sie durch Arbeitsverbote, Zugangsbeschränkungen und mangelnde Qualifikationsangebote ferngehalten. Familienzusammenführungen wurden in den letzten Jahren systematisch erschwert. Der Kontakt mit den Menschen, die man liebt, ist für viele auf das (heute zum Glück erschwingliche) Telefonieren beschränkt. Wenn Familienmitglieder mit im Land sind, werden die Beziehungen durch Armut, schlechte Wohnbedingungen, Sprachprobleme und Rollenverdrehungen (z. B. Kinder als verantwortliche Übersetzende für die Eltern) überlastet. Es herrscht ein Mangel an kultursensiblen Beratungsstellen und Traumatherapieeinrichtungen.

Trotz alledem können wir als relativ privilegierte Bewohner und Bewohnerinnen der westlichen Welt in allen genannten Bereichen bei der (Wieder-)Gewinnung von Würde und Selbstachtung Beistand und Begleitung bieten: Rechtshilfe, Suche nach Arbeitsmöglichkeiten, Unterstützung von Familien, Traumatherapie und last but not least: Sprachunterricht. Dabei ist es, wie Luise Reddemann zeigt, sehr wichtig, bei jedem Schritt zu fragen, was unser Gegenüber braucht, und auch eine Ablehnung unserer Vorschläge zu akzeptieren. Der Herrenmensch in uns (den es auch im Gewande der westlichen Psychotherapie gibt) sollte in jeder Hinsicht zurücktreten. Zur Kombination von »Achtsamkeit und Würde« sollte es auch gehören, als Helferin oder Helfer, sich selbst zu spüren und über die Belastungen und die Grenzen der Belastbarkeit rechtzeitig mit anderen zu kommunizieren. Zu einer solchen Kommunikation leistet das Buch von Luise Reddemann einen wichtigen Beitrag.

Klaus Ottomeyer

Literatur

Freud, S. (1905). Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Leipzig/Wien: Franz Deuticke.

Honneth, A. (2003). Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Honneth, A. (2004). Antworten auf die Beiträge der Kolloquiumsteilnehmer. In C. Halbig, M. Quante (Hrsg.), Axel Honneth: Sozialphilosophie zwischen Kritik und Anerkennung (S. 99–121). Münster: Lit.

Moritz, K. P. (1790/1998). Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Frankfurt a. M.: Insel.

Yücel, İ. D. (2019). Verteidigungsschrift. Am 10. Mai 2019 dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten im türkischsprachigen Original vorgelegt. Welt, 10.5.2019. Zugriff am 6.11.2019 unter https://www.welt.de/politik/ausland/article193264479/Verteidigungsschriftvon-Deniz-Yuecel-Ich-wurde-gefoltert.html

Deklaration von Genf (Auszug): Das ärztliche Gelöbnis

»Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein. Ich werde die Autonomie und die Würde meiner Patientin oder meines Patienten respektieren. Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren. Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten […].«

(Auszug aus der Deklaration von Genf, verabschiedet von der 2. Generalversammlung des Weltärztebundes, Genf, Schweiz, September 1948; mehrfach revidiert, zuletzt von der 68. Generalversammlung des Weltärztebundes, Chicago, Vereinigte Staaten von Amerika, Oktober 2017; Weltärztebund, 2017, S. 1).

Prolog

Ende des Zweiten Weltkriegs war ich gerade zwei Jahre alt. Meine Mutter hatte mit uns Kindern bei ihren Eltern in Österreich Zuflucht gesucht. Aber als Frau eines Deutschen war sie dort unerwünscht. Wir suchten also, anderweitig in Süddeutschland unterzukommen. Ähnliche Erfahrungen wurden mir viel später auch von Kolleginnen und Kollegen mit ebenfalls einem österreichischen und einem deutschen Elternteil berichtet. Österreich war nach dem Willen der Alliierten an den Verbrechen des NSRegimes nicht schuldig zu sprechen und schien also mit Deutschland diesbezüglich von nun an über Jahrzehnte nichts gemein zu haben.1 Zusammenhänge zwischen der persönlichen und der Familiengeschichte sowie der kollektiven herzustellen, gelang mir erst im Erwachsenenalter. Die geschilderte Erfahrung meiner Mutter und zahlreicher anderer macht darauf aufmerksam, wie stark persönliche Schicksale auch mit politischen Ereignissen zusammenhängen können, also wesentlich davon geprägt werden. Dass dies bei den Menschen, die heute als Geflüchtete zu uns kommen, eine bedeutende Rolle spielt, ist den Leserinnen und Lesern dieser Zeilen sicher klar. Unsere Geschichte genauer anzuschauen, kann helfen, Geflüchteten mit mehr Einfühlung zu begegnen.

Dazu schreibt der Historiker Nils Minkmar mit Bezugnahme auf die politische Situation im Mai 2019: »Die deutsche Gesellschaft ist in ihrer Tiefe immer noch traumatisiert, dort residiert eine Urangst vor Ohnmacht, Geldentwertung, der Wiederkehr der instabilen Zeiten, darum kommt bei gewissen Begriffen eine Art politischer Flashback auf, eine Panik, die den offenen Diskurs unmöglich macht« (o. S.; Hervorh. L. R.).

Minkmar (2019) erzählt von Gesprächen mit einem älteren deutschen Diplomaten, bei denen dieser »das Ideal der ›schwarzen Null‹ wie ein Dogma verteidigte, obwohl er den hohen politischen Preis sah, den der Süden Europas dafür zu zahlen hatte und die Gefahren, die mit dem Aufstieg eurofeindlicher Parteien verbunden sind. Dennoch kannte er kein Einsehen, wir wurden nicht einig« (o. S.).

Eindrucksvoll beschreibt Minkmar sodann eine Szene, die Unverarbeitetes deutlich macht: »Später saßen wir beim Essen zusammen, und obwohl es nicht gut war, leerte er als einziger seinen Teller blitzblank. Dabei erzählte er von seiner harten Kindheit, dem im Krieg gefallenen Vater und der überforderten Mutter. Nie, sagte er, könne er einen Teller anders zurückgeben als völlig geleert. Solide Finanzen, oder was er dafür hielt, waren ihm ein Machtmittel, die Nöte seiner Kindheit zu bekämpfen, Jahrzehnte später. In der Politik spielen eben nicht nur Argumente eine Rolle, sondern ebenso Ängste, Erfahrungen der Vorfahren und sogar Aberglaube« (o. S.; Hervorh. L. R.).

Den Teller leer machen bis auf den letzten Krümel, weil es vorerst nichts mehr zu essen gibt und immer wieder Hunger da ist, das kenne ich gut aus der Nachkriegszeit und es bedarf bis heute einer gewissen Bewusstheit, darauf zu verzichten. Viele jüngere psychosozial Tätige haben über diese Zusammenhänge in der Regel wenig oder zu wenig gelernt. Die Älteren unter ihnen, weil die historischen Gegebenheiten lieber nicht angerührt wurden, die Jüngeren, weil sie solche Details womöglich nie gehört haben oder auch nicht hören wollten.

Jetzt kommen Geflüchtete zu uns, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie die Flüchtlinge aus den damaligen ostdeutschen Gebieten. Wer darüber mehr wissen möchte, könnte das Buch von Francesca Melandri »Alle, außer mir« (2017/2018) lesen, das in erschütternder Weise die Erfahrungen eines Geflüchteten beschreibt. Es empfiehlt sich, in der professionellen Arbeit mit Geflüchteten auf politische Verhältnisse sowie damit verbundene kollektive und individuelle Schicksale zu achten, ja sie gegebenenfalls – behutsam – zu erfragen.

Deutsche Flüchtlinge aus dem Osten haben nach dem Zweiten Weltkrieg über lange Zeit Ähnliches zu spüren bekommen, wie es Menschen, die aktuell als Geflüchtete in Deutschland Schutz suchen, heute erleben: minimale Hilfsbereitschaft und maximale Ablehnung. Ich erinnere mich gut an Formulierungen wie »Gesocks«, ein Wort, das ich als Kind gar nicht verstand, aber es hörte sich schrecklich an, nicht zuletzt, weil ein sehr deutlicher Ton der Verachtung mitschwang, den ich erst viel später ermessen und einordnen konnte. Millionen Menschen wurden als »Gesindel« bezeichnet, obwohl sie ja letztlich einen Preis für alle Deutschen zu bezahlen hatten.

Noch schlimmer war der auch nicht selten formulierte Wunsch, dass sie alle »verrecken« sollten, die Flüchtlinge, und vieles Feindselige mehr, das interessierte Leserinnen und Leser in dem sehr empfehlenswerten Buch »Kalte Heimat« von Andreas Kossert (2008) nachlesen können. Verachtung gegenüber Geflüchteten und der Wunsch danach, dass diese Störenfriede wieder verschwinden sollten, ist also nicht neu und scheint in den aktuellen Konflikten im Umgang mit ihnen nachzuhallen und schlimme Blüten zu treiben.

So kann der langjährige Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill von »Wir Herrenmenschen« (2019) sprechen. Ein Erbe aus der Kolonialzeit, so Grill, aber auch aus der NS-Zeit. In dem Dorf, wo ich als Zweijährige ankam, war klar, wer die Herren waren, natürlich die Dorfbewohner. In seinem Buch schreibt Grill nachdrücklich und eindrucksvoll: »Wir leben in einer Zeit, in der die moralischen und ethischen Grundregeln unseres demokratischen Gemeinwesens bedroht sind. Begriffe wie Volk, völkisch, Lebensraum, Rasse und Rassenkampf sind in den Sprachgebrauch zurückgekehrt« (S. 15). All diese Formulierungen waren insbesondere in der NS-Zeit weit verbreitet und blieben es hinter den häuslichen Türen im Nachkriegsdeutschland nach wie vor: »Weiße Europäer zeigen wieder öffentlich, dass sie sich für höherwertige Geschöpfe halten und glauben, dass das Leben schwarzer Menschen weniger wert sei – angeblich zähle es ja auch in deren Heimatländern nicht viel. Richtig gefährlich wird die ethnonationalistische Hetzerei allerdings dann, wenn sie auch in demokratische Parteien einsickert. Wenn etwa Spitzenpolitiker der CSU den ›Asyltourismus‹ und die ›Anti-Abschiebe-Industrie‹ geißeln und im Kampf um rechte Wählerstimmen das bisschen christlich-humanistischen Anstand aufgeben, mit dem sie sich gerne brüsten. Neuerdings wird sogar darüber diskutiert, ob man afrikanische Migranten unbedingt vor dem Ertrinken retten müsse« (S. 15). Es brechen jüngst also »ungehemmt jene rassistischen Weltbilder durch, die in der Kolonialära geprägt wurden« (S. 16). In meiner Kindheit in den 1940er und 1950er Jahren waren sie ebenfalls bei vielen noch ungeniert üblich.

Die UNO-Menschenrechtskonvention, beschlossen am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ebenso wie das Versprechen des Weltärztebundes, das ich eingangs zitiert habe, sind Konsequenzen aus den beiden Weltkriegen, den Schrecken der Nachkriegszeit und allen damit zusammenhängenden Untaten. Damals, in den 1940er Jahren, scheint es eine gewisse politische Entschlossenheit zu humanitärem Handeln gegeben zu haben, die man heute oft vergeblich sucht. Das Glück, als Jugendliche ab 1959 nach England und Frankreich zum Schüleraustausch fahren zu dürfen, war mir bereits zu jener Zeit sehr bewusst, und ich war davon begeistert. Ich war alt genug, um die Freundlichkeit, die mir als Deutscher entgegengebracht wurde, dankbar zu genießen.

Im Zusammenhang mit den zunehmenden Verwerfungen im Umgang mit Geflüchteten, die in den 1990er Jahren und seit 2015 in größerer Zahl bei uns Schutz such(t)en, und den Schwierigkeiten, ihre Würde zu achten, möchte ich drei Hypothesen formulieren:

1.Zu viele Menschen sind nach wie vor davon überzeugt, dass Härte ein sinnvoller Umgang sei, mit Erwachsenen vor allem dann, wenn man in ihnen unmündige Kinder sieht. Härte als Erfahrung in der Kindheit kann zu Härte im Erwachsenenleben führen und zu mehr oder weniger unbewussten Racheimpulsen gegenüber Schwächeren. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hat Heinrich Mann dazu sein Buch »Der Untertan« (1918/1996) geschrieben. Härte verhindert eine Orientierung an der Würde.

2.Viele Erfahrungen von Vertreibung und Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg sind weder in Familien noch im Kollektiv ausreichend verarbeitet. Darunter verstehe ich auch die Verantwortungsübernahme für die deutsche Schuld als eine Ursache des Leides während und nach dem Zweiten Weltkrieg und die nicht ausreichende Akzeptanz der Westdeutschen für das, was damaligen Geflüchteten in der neuen »kalten Heimat« angetan wurde (vgl. Kossert, 2008; Reddemann, 2015). Ängste, Scham und von den Vorfahren übernommene Schuld und Schuldgefühle sind bis heute nicht ausreichend im kollektiven und individuellen Gedächtnis betrauert. Die eigene Unsicherheit und Schuld wird u. a. auf Geflüchtete projiziert und an ihnen bekämpft. Diese Feindseligkeit verhindert ebenfalls eine Orientierung an der Würde.

3.Der kollektive neoliberal gestimmte Rückgang von Solidarität, der schon allzu lange als »normal« hingenommen wird, trägt zu Gleichgültigkeit, Mangel an Mitgefühl sowie Mangel an Würdeorientierung bei. Die Gier, die sich darin zeigt, könnte auch mit Mangelerfahrungen im und nach dem Krieg zusammenhängen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bis in die 1970er Jahre hinein ein Bemühen um erheblich mehr Solidarität, was sich in dem damals entwickelten – und heute mehr oder weniger leeren – Begriff der sozialen Marktwirtschaft zeigte. Der Neoliberalismus mit seinem schrankenlosen Individualismus und Gewinnstreben hat sich seitdem immer mehr durchgesetzt – bis hin zur Umkehr aller zuvor gültigen Werte und einer Verachtung für »Gut-Menschen« (vgl. ausführlich Judt, 2010/2014).

Der 1966 geborene Nils Minkmar (2019) mahnt: »