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Beschreibung

Eins steht fest: Etwas wie die derzeitige Corona-Krise haben wir alle noch nicht erlebt. Doch das Unbekannte beflügelt die Fantasie, und da sind die Autor*innen von Piper Digital keine Ausnahme! In über 30 Kurzgeschichten erzählen sie von Kriminalermittlungen aus dem Home-Office, Liebesgeschichten von Balkon zu Balkon, skurrilen Quarantäne-Eskapaden und vielem mehr. So hat die Pandemie doch ihre guten Seiten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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© Piper Verlag GmbH, München 2021

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

PIPER Gefühlvoll

»Zwangspause«von Kate Dark

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»Gemeinsam durch den Lockdown«von Vanessa Golnik

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»Hallo, Frau Nachbarin!«von Gina Greifenstein

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»Corona Love – oder wie ich Abstand halte, ohne einen Babyelefanten zu entführen!«von Yasemin Grißmann

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»Negativ ist Positiv?«von Elizabeth Horn

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»Verliebt. Verlobt. Lockdown … und zwischen uns ein Zaun«von Verena Maatman

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»Und was wird aus Nelly? ODER: Gefühle auf Abstand«von Elke Schleich

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»Von Masken und Dates – Alles eine Frage der Verhandlung«von Catrina Seiler

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PIPER Humorvoll

»Die Insel Lügen«von Ingo Bartsch

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»Abgeholt«von Tim Eckhaus

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PIPER Schicksalsvoll

Ein Sommer-Alptraumvon Jörg Eschenbach

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»Unvergessen – Erinnerungen überschreiten alle Grenzen«von Nadine Gerber

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»Schnurrekatze«von Heidi Grund-Thorpe

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»Oma, vergiss mich nicht!«von Bettina Lausen

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»Mein Corona-Jahr in der Hausarztpraxis«von Eva-Isabel Schmid

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»Drohungen«von Elke Vesper

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»Die blaue Elster«von Marisa Liehner

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PIPER Spannungsvoll

»Die Richterin und die Virus-Rebellen«von Liliane Fontaine

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»Tödliche Sicherheit«von Karen Kliewe

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»Kommissar Mertens und das Masken-Malheur«von Sarah Koch

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»Dornröschens Küchenjunge«von Franziska Langhammer

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»Das einsame Haus«von Alexandra Maibach

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»By Hook or by Crook«von Pia O’Connell

Mehr von Pia O’Connell bei PIPER:

»Shutdown im Salzkammergut«von Jenna Theiss

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»Die wahre Kraft des Todes«von Nikola Vertidi

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»Frida ist tot«von Christina Wermescher

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»Suppe für einen Unbekannten«von Sandra Schipper

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PIPER Wundervoll

»Agnes und die Pestilenz«von Jan Bosse

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»Ulpirris und Qroks erster Fall – die magische Nies-Epidemie«von Nicole Gozdek

Mehr von Nicole Gozdek bei PIPER:

»Die Haut des Afanc«von Ira Potter

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»Wohin der Wind dich weht«von Linda Schirmer

Mehr von Linda Schirmer bei PIPER:

Zwangspausevon Kate Dark

»Was meinen Sie damit, wir dürfen nicht auschecken?« Kristens Atmung beschleunigte sich. Ihr Herz raste. Das konnte doch wohl nur ein schlechter Scherz sein.

Carter, der Inhaber des kleinen Hotels in den schottischen Highlands, hob beschwichtigend die Hände. »Es tut mir leid. Das ist eine Anordnung. Ich darf die Gäste erst auschecken lassen, wenn klar ist, dass niemand mit dem Corona-Virus infiziert ist.«

Kristen rieb sich die Stirn. Das durfte nicht wahr sein. Ihr Job hing ohnehin schon am seidenen Faden, und jetzt das. Wie sollte sie das ihrem Chef erklären? Wer würde ihr den Ausfall bezahlen, und was war mit der Schule? Außerdem hatten sie nur Kleidung für ein Wochenende dabei. »Ich verrate es niemandem, wenn Sie es auch nicht tun.«

Carter lächelte entschuldigend. »Nein, das geht leider nicht.«

Sie hatte es sich gedacht, sich aber an einen letzten verzweifelten Versuch geklammert. Mit hängenden Schultern ging sie zurück in den halb gefüllten Speisesaal. Viele Gäste waren in den vergangenen beiden Tagen abgereist. Kristen war so dumm! Hätte sie doch bloß den Gerüchten und Medienberichten Glauben geschenkt und wäre ebenfalls aufgebrochen. Aber nein. Sie hatte unbedingt die Zeit hier voll auskosten wollen. Das hatte sie nun davon.

Connor, ihr fünfzehnjähriger Sohn, und Susan, ihre dreizehnjährige Tochter, saßen am Tisch, die Smartphones in den Händen.

»Das ist nicht wahr, oder?«, fragte Connor auch sofort, noch bevor Kristen sich überhaupt setzen konnte, und fuchtelte wild mit dem Telefon herum.

»Nun …«

»Das hier ist wie die Hölle«, ergänzte Susan und begann an den Fingern aufzuzählen. »Kein Netflix, kein vernünftiger Empfang, kein WLAN. Kein Fernseher im Zimmer. Kein Einzelzimmer.«

»Du kannst uns nicht zwingen, noch länger hier zu bleiben.«

»Ich nicht, die Regierung schon«, sagte Kristen und senkte die Stimme in der Hoffnung, ihre Kinder würden das Gleiche tun. Sie hatten bereits die gesamte Aufmerksamkeit der anderen Gäste. Wie so oft in den letzten Tagen. Ihre Sprösslinge fanden alles schrecklich: die langweilige Einsamkeit, die knarrenden Betten, das eintönige Essen, die kratzenden Laken. Die anderen Gäste – zugegeben, die fand Kristen auch nicht unbedingt nett, was daran lag, dass sie weit über sechzig waren und für die Jugend kein Verständnis aufbringen konnten.

»Mom!«, krächzte Connor, der sich aktuell im Stimmbruch befand.

»Genug jetzt.« Kristen hielt dem Blick ihres Sohnes stand und kniff die Augen leicht zusammen. »Es sind nur ein paar Tage mehr, die wir hier verbringen. Genießt das Wetter, die Aussicht und die zusätzliche Freizeit.«

»Du hast keine Ahnung, wie wir uns fühlen, weil du nur an dich denkst und nicht an uns. Susan und ich haben ein Leben, Freunde, und zu denen wollen wir zurück! Du hast niemanden, der Zeit mit dir verbringen will und dafür lässt du uns jetzt büßen.«

Ihre Hand mit der Kaffeetasse zitterte. Vorsichtig stellte sie diese auf den Tisch und stand auf. Flüsternd, weil sie ihrer Stimme nicht traute, meinte sie: »Wir werden das zusammen aussitzen. Keine Widerworte!«

Auf dem Weg nach draußen wischte Kristen sich die Tränen von den Wangen. War es nicht schlimm genug, dass dieses unbekannte Virus die Welt in Atem hielt? Was hatte sie nur verbrochen, dass ihre Kinder zu diesen undankbaren Wesen herangewachsen waren?

Sie setzte sich auf die Bank, die sie in den letzten beiden Tagen öfter aufgesucht hatte, wenn Connor und Susan mal wieder gestritten oder sich in Smartphone-Zombies verwandelt hatten. War es so schwer zu verstehen, dass sie einfach nur ein paar schöne Tage mit ihren Kindern verbringen wollte? Fernab von ihrem Alltag und den Sorgen?

»Kristen.«

Sie drehte leicht den Kopf und nahm die Jacke entgegen, die Carter ihr hinhielt. »Danke.«

»Darf ich?«

Sie rutschte ein Stück zur Seite und er setzte sich neben sie. Kristen genoss die Aussicht auf die Highlands und den Loch Lomond. Es war wie Nachhausekommen. Das hatte sie in Edinburgh nicht.

»Kinder können solche Nervensägen sein.«

Halb schniefend, halb lachend stimmte sie zu. »Ich weiß echt nicht, was in sie gefahren ist.«

»Die Pubertät.« Carter legte den rechten Knöchel auf dem linken Knie ab. »Meine Tochter ist vierzehn und lebt bei ihrer Mutter. Oder vielmehr der Nanny. Ich wollte, dass sie bei mir lebt, aber aufgrund des schlechten Empfangs fiel die Entscheidung für ihre Mutter. Ich sehe sie alle zwei Wochen und höre nur Genörgel darüber, wie die Zeit an diesem Ort stehengeblieben ist. Lilly will Influencerin werden.«

Kristen schüttelte den Kopf. »Ich habe mit achtzehn geheiratet, mit neunzehn Connor auf die Welt gebracht und mit dreißig meinen Mann beerdigt.« Ihr Blick fokussierte einen kleinen Punkt in der Ferne. »Es war nicht leicht, zwei Kinder und den Job unter einen Hut zu bekommen. Genauer gesagt, werde ich vermutlich bald arbeitslos sein, und statt, dass meine Kinder den letzten Urlaub für eine sehr lange Zeit genießen, benehmen sie sich wie kleine Ärsche und geben für alles, was bei ihnen nicht funktioniert, mir die Schuld.«

Carter schwenkte auf das vertrauliche Du um. »Gib ihnen etwas Raum, um die Information zu verdauen. In der aktuellen Situation fällt es niemandem leicht. Alles ist ungewiss und fernab von normal.«

Sie wusste, dass er recht hatte. Und trotzdem nagte ein kleiner Zweifel an ihr: War es ihre Schuld, dass die Kinder so geworden waren? Hätte sie härter durchgreifen müssen?

»Wir sollten zurück.« Carter deutete auf den Himmel, der sich düster und dunkelgrau zusammenzog. »Ein Sturm zieht auf und das kann in den Bergen sehr ungemütlich werden.«

Carter hatte nicht untertrieben. Der Regen peitschte gegen die Fenster. Der Sturm ließ die Türen erzittern und die Bäume draußen tanzen. Der Wind pfiff heulend durch alle Ritzen.

Kristen beobachtete Connor dabei, wie er versuchte, eine Telefonverbindung zu seiner neuen Freundin herzustellen – vergeblich. Auch ohne das Unwetter war der Empfang mäßig bis schlecht. Er eilte von einem Fenster zum anderen, murmelte Flüche und beschwerte sich über das lahme, hinterwäldlerische Hotel.

»Mom?« Kristen sah zu ihrer Tochter, die in eine Decke eingekuschelt, auf dem Bett saß. Sie wirkte plötzlich gar nicht mehr so erwachsen. »Was bedeutet Quarantäne? Wie lange dauert das alles und was passiert mit uns? Sind wir krank und wenn ja, wie schlimm ist es? Werden wir sterben?«

»Aber nein, Liebling, wir werden nicht sterben.« Kristen versuchte all ihre Überzeugungskraft in die Worte zu legen. »Es bedeutet nur, dass wir ein paar Tage länger hierbleiben und Urlaub machen dürfen.«

»In den Nachrichten steht, dass Menschen daran gestorben sind.« Connor setzte sich in einigem Abstand zu ihnen auf das Bett.

Kristen strich sich eine blonde Locke hinter das Ohr. »Menschen sterben immer an Krankheiten. So traurig das auch ist, aber es trifft oftmals die älteren und vorbelasteten zuerst.«

»Was ist mit uns? Was, wenn jemand hier infiziert ist und uns ansteckt? Gibt es hier Ärzte?«

»Was willst du mit Ärzten, wenn keiner weiß, wie es behandelt werden kann?« Connor tippte auf seinem Telefon herum.

Kristen verdrehte die Augen. »Mach deiner Schwester nicht noch mehr Angst.« An ihre Tochter gewandt sagte sie: »Natürlich gibt es hier Ärzte. Ich denke allerdings nicht, dass wir welche benötigen.«

»Und falls doch?« Susan war mittlerweile die Panik in der Stimme anzuhören. »Hier gibt es nicht mal vernünftigen Empfang. Wie sollen wir jemanden erreichen, wenn wir Hilfe brauchen?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Carter ein Festnetztelefon hat. Sollten wir einen Arzt benötigen, werden wir dieses benutzen.«

»Oh mein Gott!« Susan sprang plötzlich von dem Bett auf und hielt sich das Smartphone vor die aufgerissenen Augen.

»Ist alles in Ordnung?«

»Willows Mutter wurde positiv auf Corona getestet. Sie müssen jetzt alle Zuhause bleiben und abwarten, ob irgendwelche Symptome auftreten.« Zitternd ließ sich Susan auf der Bettkante nieder. Ihre Finger, die noch immer das Smartphone umklammerten, zitterten. »Das ist so furchtbar. Was, wenn sie sich alle anstecken und dann sterben?«

»Komm mal wieder runter, Sis. Grant und Billy sind auch in Quarantäne und warten noch auf die Ergebnisse. Grant sagt, ihm geht es bestens.«

»Aber Grant und Billy sind jung. Willows Mutter ist alt und damit gefährdet.«

Kristen verdrehte die Augen. »Mit alt sind nicht Mütter gemeint, sondern Menschen ab sechzig.«

»So wie Mrs Worthingten, meine Mathelehrerin«, bestätigte Connor. »Ich gönne ja niemandem was Schlechtes, aber die könnte ruhig für länger ausfallen.«

»Connor!«, ermahnte sie ihren Sohn.

Er hob die Schultern. »Ist doch so. Die alte Hexe.«

Das Licht flackerte kurz.

»Das ist ein Zeichen, Connor.« Susan lachte und schrie im nächsten Moment auf, als das Licht gänzlich ausging und sie im Dunklen saßen.

»Bestimmt nur eine Sicherung, die raus ist. Ich gehe zu Carter und frag mal nach«, versuchte Kristen ihre Kinder nicht unnötig zu ängstigen.

»Ich komme mit«, sagte Susan sofort und schaltete die Taschenlampe in ihrem Telefon ein.

»Und ich bleib hier nicht alleine.«

»Angst?«

»Einer muss euch doch beschützen. Ich bin schließlich der Mann im Haus.«

Kristen drückte die Hand ihres Sohnes. Das berührte sie sehr.

Der Strom war im ganzen Hotel ausgefallen. Die anderen Gäste waren aus den Zimmern gekommen und belagerten Carter, der mit einer Taschenlampe hinter dem kleinen Empfangstresen stand. Vergeblich versuchte er, die Leute um ihn herum zu beruhigen. Sie ließen ihn gar nicht zu Wort kommen. Alle redeten durcheinander.

Connor stieß einen schrillen Pfiff aus.

»Lassen Sie doch Carter mal ausreden!«, forderte Kristen energisch und schüttelte den Kopf.

»Warum haben wir kein Licht mehr?«

»Strom geht auch nicht.«

»Ich wollte gerade im Keller nachsehen, ob es eine Sicherung ist. Gehen Sie doch bitte alle in den Aufenthaltsraum und warten dort, bis ich zurück bin.« An Connor gewandt, fragte Carter: »Ich könnte Hilfe gebrauchen, begleitest du mich?«

Kristens Sohn drückte den Rücken durch und setzte einen entschlossenen Gesichtsausdruck auf. Offenbar fühlte er sich gleich ein paar Zoll größer.

»Mom?«, flüsterte Susan. »Soll ich zu den Alten gehen? Mit meinem Telefon kann ich ihnen etwas Licht geben.«

Kristen konnte gar nicht sagen, wie stolz sie in diesem Moment auf ihre Kinder war. »Mach das, Schatz. Ich komme gleich nach.«

Carter gab Connor die Taschenlampe. »In der Schublade meines Schreibtischs habe ich noch Batterien.«

Connor eilte sofort in das Büro, das hinter dem Empfangstresen lag.

»Danke.« Kristen legte ihre gesamte Aufrichtigkeit in dieses eine Wort. »Du ahnst gar nicht, wie sehr du Connor gerade den Aufenthalt angenehmer gestaltet hast.«

Carter lächelte lausbubenhaft. »Ein bisschen Grusel muss schon sein. Passt doch perfekt zum Wetter.«

»Du hast das absichtlich gemacht?«

»Es gibt einen Hauptstromschalter im Keller. Schalte ich den ab, geht nach ein paar Sekunden alles im Haus aus. Sobald der eingeschaltet wird, funktioniert wieder alles.« Sein Lächeln vertiefte sich. »Ich habe deine Kinder richtig eingeschätzt. Sie helfen den anderen und denken an was anderes als ihre Telefone oder wie langweilig hier alles ist.«

»Danke, Carter«, wiederholte Kristen und drückte seine Hand.

»Reiner Eigennutz. Vielleicht merkst du ja auch, dass ich gar nicht so übel bin.«

Bevor sie darauf antworten konnte, kam Connor mit den Batterien zurück. »Kann es losgehen?«

Kristen lehnte am Türrahmen und beobachtete ihre Tochter dabei, wie sie einigen der Gäste die Technik der Smartphones erklärte. Nachdem der vergangene Abend damit geendet hatte, dass sie bei heißer Schokolade und Keksen im Aufenthaltsraum gesessen hatten, war die angespannte Atmosphäre etwas aufgelockert. Connor und Carter waren schnell hinter das Problem gekommen, und nach ein paar Minuten funktionierten Licht und Strom wieder. Es würde Kristens Geheimnis bleiben. Connor hatte noch die halbe Nacht davon geschwärmt, wie er geholfen hatte, und Susan hatte zugegeben, dass ältere Menschen gar nicht so begriffsstutzig waren, wie sie immer geglaubt hatte.

»Ich warte darauf, dass jemand von denen eine Sprachnachricht versendet.« Carter stand plötzlich neben ihr und beobachtete ebenfalls das Szenario.

»Ich glaube, das schafft selbst Susan nicht.« Kristen nahm die Tasse Kaffee entgegen, die Carter ihr hinhielt. »Gibt es schon Neuigkeiten?«

»Leider nein. Offenbar sind sie sich nicht einig, wie mit dieser Quarantäne umgegangen werden soll. Zum Glück gibt es hier bislang niemanden mit Symptomen.« Er berührte sie leicht am Rücken. »Doch nicht so übel in dem Loch hier, hm?«

»Das waren nie meine Worte – im Gegenteil. Ich liebe es hier. Die Ruhe und die wunderschöne Aussicht. Am liebsten möchte ich gar nicht mehr zurück.«

»Dann bleib hier.«

Kristen schaute ihn erschrocken an. »Du sagst das so leicht.«

»Weil es das ist. Einen Job findest du hier immer. Die Schule ist knapp zwanzig Minuten entfernt. Was brauchst du noch?«

»Ich … ich.« Sie stockte. Was brauchte sie? Warum sollte sie nicht auch mal etwas wagen? Mutig sein? Einen neuen Schritt gehen?

»Mom!« Susan stand vor ihr und meinte panisch: »Du wirst es nicht glauben, jetzt ist auch Willows Dad positiv getestet worden.«

»Wie geht es denn ihren Eltern? Sind sie noch Zuhause oder schon im Krankenhaus?«

»Ich weiß nicht. Willow schrieb mir nur, dass auch ihr Dad dieses Virus hat.«

Kristen umarmte ihre Tochter. »Das bedeutet gar nichts. Warte erst mal ab. Ich glaube, es war von zehn bis vierzehn Tagen Inkubationszeit die Rede. Wenn sie jetzt keine Symptome haben, wird es vermutlich so bleiben.«

»Wir sind doch auch schon über eine Woche hier. Bedeutet das, dass wir bald nach Hause müssen?«

»Klingt, als wärst du gerne hier«, neckte sie ihre Tochter.

Susan hob die Schultern. »Na ja, vielleicht sind wir in dem Hotel sicherer als Zuhause.«

»Wo ist Connor?« Kristen schaute sich panisch um. Sie hatte überall gesucht, ihn jedoch nirgends finden können. Bald würde die Nacht hereinbrechen und ihr Sohn war unauffindbar. Ihr lief es heiß und kalt über den Rücken.

»Mach dir keine Sorgen, ich werde ihn suchen.« Carter hielt eine Taschenlampe hoch.

»Ich komme mit«, sagte Susan sofort und reckte ihr Kinn vor.

»Hol deine Jacke.« Kristen wusste, dass sie jetzt nicht zu diskutieren brauchte.

Carter hatte einen der Gäste gebeten, kurz auf das Hotel aufzupassen. Wegen der aktuellen Lage mit dem Virus war er oft alleine im Hotel und musste alles selbst machen.

Zu dritt machten sie sich auf den Weg, Connor zu finden. Kristen zog den Schal enger und vergrub die Hände in den Taschen. Mit knapp 39 Grad Fahrenheit hatten sie zwar einen der wärmeren Tage im März erwischt, doch es war noch immer weit entfernt von angenehm.

Carter beleuchtete den Weg. »Passt auf eure Köpfe auf. Hier gibt es Fledermäuse.«

Susan quietschte erschrocken. Carter lachte.

Kristen konnte kaum noch etwas erkennen und schaltete zusätzlich die Taschenlampe in ihrem Smartphone ein. Der Boden war hart und überall ragten Wurzeln empor. Tiefhängende Äste und wildgewachsene Sträucher taten ihr Übriges, um den Marsch zu erschweren.

»Was hat er sich nur dabei gedacht?«, schimpfte sie leise vor sich hin und schüttelte den Kopf.

»Vielleicht wollte er einfach mal raus«, mutmaßte Carter. »Als ich in seinem Alter war, bin ich auch ständig unterwegs gewesen. Die Gegend ist nur dann gefährlich, wenn man Abhänge herunterrutscht. Ansonsten sind hier viele Wegweiser.«

»Du bist hier aufgewachsen?«, fragte Susan neugierig.

»Aye. Das Hotel ist seit Jahrhunderten in Familienbesitz. Meine Eltern konnten sich nicht mehr darum kümmern, also habe ich es übernommen. Ich kenne jeden noch so winzigen versteckten Winkel.«

»War es nicht einsam? Hier gibt es doch nichts.«

»Schulen und andere Orte sind nicht weit entfernt. Wenn ich meine Freunde treffen wollte, musste ich nur aufs Fahrrad steigen.«

Es kam Kristen wie eine halbe Ewigkeit vor, dass sie durch die Nacht liefen und nach Connor suchten. Sie hatte völlig die Orientierung verloren und musste sich auf Carter verlassen. Wann hatte sie sich zuletzt auf jemand anderen stützen können?

»Hallo?«

»Connor?«

»Ich bin hier hinten. Seht ihr mich?«

Carter schwenkte die Taschenlampe in alle Richtungen und blieb an einem Punkt rechts von ihnen hängen.

Kristen rannte sofort auf ihren Sohn zu und stolperte fast über eine Wurzel. Sie schloss ihn fest in die Arme. Tränen der Erleichterung rannen ihre Wangen hinunter.

»Schon gut, Mom, nicht weinen.«

»Was hast du dir nur dabei gedacht?« Fahrig wischte sie sich übers Gesicht.

Connors Blick huschte zwischen ihn und Carter hin und her. »Ich wollte über was nachdenken und habe mich verlaufen. Es war keine Absicht.«

»Und dein Telefon?«

»Mein Akku ist leer. Ich hatte guten Empfang und habe meine Freundin angerufen.«

Für einen Moment schloss Kristen die Augen. »Lass uns zurückgehen.«

Vor dem Hotel hielt Connor sie am Arm fest.

»Ich mach uns allen eine heiße Schokolade und du kannst mir helfen«, sagte Carter und zog Susan mit sich ins Hotel.

»Es tut mir leid, Mom. Ich wollte dir keine Angst einjagen.«

»Schon gut, ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist.«

»Ich hatte Spaß mit Carter, er ist ganz cool, und das ist doch Dad gegenüber nicht fair. Niemand kann ihn ersetzen.«

Kristen umarmte ihren Sohn. »Du hast recht, niemand kann ihn ersetzen, aber vielleicht können wir zu gegebener Zeit für jemanden Platz machen?«

Connor nickte. »So übel ist es hier gar nicht.«

Gemeinsam gingen sie nach drinnen und sahen, wie Susan und Carter Tassen und eine Keksdose auf den Tisch stellten.

»Dann stört es dich nicht, dass wir noch ein paar Tage bleiben müssen?«

»Solange Carter nicht noch mal den Strom absichtlich abstellt und ich beim nächsten Besuch mein eigenes Zimmer bekomme, ist alles okay, Mom.«

»Dad wäre stolz auf dich«, flüsterte Kristen und folgte ihrem Sohn in das Zimmer.

Mehr von Kate Dark bei PIPER:

Gottes Vollstrecker (erscheint am 01.07.2021)

Gemeinsam durch den Lockdownvon Vanessa Golnik

Ich schreckte hoch, als ich hörte, wie sich draußen ein Schlüssel in der Wohnungstür drehte. Seit über zwei Wochen war ich allein in dieser Wohnung, in einer neuen Stadt, in der ich niemanden kannte.

Vorsichtig schlich ich zur Tür meines Zimmers, öffnete sie und lugte in den Flur, wo gerade eine Tasche geräuschvoll zu Boden fiel. Im Eingang stand ein Mann, den ich bisher nur von den Bildern kannte, die meine Mitbewohnerin Sandra mir gezeigt hatte. Mein zweiter verschollener Mitbewohner. Vincent.

»Hey.« Vorsichtig trat ich in den Flur, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.

Er lächelte mich an, die Wangen unter dem Drei-Tage-Bart gerötet von der Kälte draußen. »Hey. Du musst Leah sein.«

Ich nickte, nicht in der Lage etwas zu sagen. Auf einmal wurde ich mir meiner Jogginghose und den dicken Einhorn-Glitzersocken, die mir eine Freundin als Scherz geschenkt hatte, schmerzlich bewusst. Und wann hatte ich mir überhaupt zum letzten Mal die Haare gewaschen? Ich musste einen ziemlich gammligen ersten Eindruck machen.

»Ich bin Vincent, aber das hat Sandra dir sicher gesagt.« Er zog seine Jacke aus und hängte sie an die überfüllte Garderobe. Sandra war unsere andere Mitbewohnerin, die kurz nach meiner Ankunft die Nachricht bekommen hatte, dass ihre Mutter Hilfe bei der Pflege ihrer Großmutter brauchte.

»Ja.« Ich stockte, immer noch unsicher, was ich sagen sollte. Als ich an meinem Gammel-Outfit herabsah, entschied ich mich für die Wahrheit. »Ich glaube, ich habe mich in den letzten zwei Wochen zu sehr daran gewöhnt, allein zu sein.«

Er lachte. »Das geht uns doch gerade allen so. Ich saß bei meinem Praktikum auch mehr in meiner Übergangswohnung als im Büro. Das hat allerdings den Vorteil, dass wir beide in den letzten Wochen kaum Kontakte hatten und uns keine Sorgen machen müssen. Schicke Socken übrigens.«

Ich kräuselte die Lippen, während mir die Hitze in die Wangen kroch. »Die hat eine Freundin mir geschenkt. Hast du Hunger? Ich habe gerade Lasagne im Ofen. Sollte gleich fertig sein.«

»Gerne.«

Nur zehn Minuten später saßen wir im Wohnzimmer auf der Couch, beide einen Teller mit Lasagne in der Hand.

Er legte seine Füße auf den Couchtisch. Meine Augenbrauen schossen in die Höhe, als mein Blick auf seine Socken fiel. Darauf prangten kleine lachende Avocados, die mir freundlich zu winkten.

»Das ist meine Art dir zu sagen, dass du dich vor mir nie für deine Socken schämen musst.« Er zwinkerte mir zu. Dann schob er sich einen großen Löffel Lasagne in den Mund.

Ich schüttelte den Kopf, konnte ein Lächeln aber nicht unterdrücken. »Das werde ich mir merken.«

»Also Leah.« Er sah mich erwartungsvoll an. »Wie hat es dich nach München verschlagen?«

Für einen Moment konnte ich nichts tun, außer in seine warmen braunen Augen zu starren. Ich zwang mich dazu, mich von ihm loszureißen. Hatte ich in zwei Wochen ernsthaft verlernt, wie man mit Menschen umging? Wenn ich ehrlich war, war es mir schon vor Corona schwergefallen, mich normal mit gut aussehenden, netten Männern zu unterhalten.

Vincents dunkle Augenbrauen hoben sich, bis sie fast unter seinen dunklen Locken verschwanden, während er auf meine Antwort wartete.

»Meinen Bachelor habe ich in Heidelberg gemacht, aber da kann man sich im Master nicht wirklich spezialisieren. Also habe ich mich an der TUM beworben. Nie wieder PC.«

Jetzt runzelte er die Stirn und legte den Kopf schief.

»Physikalische Chemie«, erklärte ich hastig, »Ich bin Chemikerin.«

Vincent nickte. »Das hat Sandra mir erzählt. Aber wenn ich PC höre, denke ich an Computer, wie sich das für einen Informatiker gehört.«

Ich lachte. »Das tun auch die meisten Nicht-Informatiker. Wo hast du dein Praktikum gemacht?«

Hastig schluckte er den Bissen herunter, den er gerade kaute. »Bei einer recht kleinen IT-Firma in Stuttgart. Kennt man nicht, muss man auch nicht kennen, war aber sehr interessant. Nicht gerade einfach reinzukommen, wenn man hauptsächlich über Videokonferenz kommuniziert, aber dafür musste ich auch nie Kaffee kochen, sondern habe richtige Aufgaben bekommen. Ich durfte sogar zeigen, was ich beim Programmieren draufhabe. Vielleicht mache ich da noch einen Ferienjob, wenn sich die Lage bis dahin gebessert hat. Die Lasagne ist übrigens der Hammer.« Sobald er seinen Teller geleert hatte, lud er ihn sich wieder voll. »Ich habe seit heute Morgen nichts gegessen, weil ich im Zug nicht die Maske abnehmen wollte. Erschreckend viele nutzen essen als Ausrede und machen ganz entspannt zwei Stunden lang Picknick im ICE. Nicht Sinn der Sache.«

Eigentlich hatte ich geplant, von der Lasagne noch ein zwei Tage zu leben, aber wenn ich dadurch bei meinem neuen Mitbewohner einen Stein im Brett hatte, war es mir das wert.

»Lass uns über etwas anderes reden«, schlug ich vor, »Irgendwas Schöneres.«

»Das ist seit März mein Motto, aber langsam fällt mir nichts mehr ein. Erschreckend, wie schnell man sich an so einen Mist gewöhnt, oder?« Er griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. »Lass uns einen richtig dämlichen, seichten Film schauen, über den wir uns lustig machen können.« Er rief die Seite eines Streamingdienstes auf.

Ich stellte meinen Teller zur Seite und legte meine Füße auf den Tisch, neben seine. Avocados und Einhörner vereint. »Perfekt. Irgendwelche Vorschläge?«

»Keine Ahnung. Schauen wir mal, was uns so vorgeschlagen wird.« Er begann durch ein paar romantische Komödien zu klicken. »Klingt langweilig, klingt dämlich, klingt vorhersehbar.«

Ich sah ihn an, eine Augenbraue hochgezogen. »Ich dachte, dass wäre der Sinn der Sache.«

Er nickte. »Auch wieder wahr. Dann nehmen wir doch einfach den hier.«

Der Vorspann begann, doch Vincent betrachtete mich statt dem Fernseher. »Was macht man eigentlich im Chemiestudium so? Also, außer Drogen kochen und Bomben bauen.«

Ich warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Solche Witze kannte ich zur Genüge. »Man lernt hunderte von Namensreaktionen auswendig und verbringt sein halbes Leben im Labor mit Reaktionen, die nicht richtig funktionieren, damit man Frusttoleranz aufbaut.«

Er hatte den Blick immer noch auf mich gerichtet, das sah ich aus den Augenwinkeln. Doch ich starrte lieber auf den Fernseher, bevor ich mich noch in seinen dunklen Augen verlor. »Klingt in der Tat frustrierend. Warum bist du drangeblieben?«

Ich zuckte die Achseln. »Weil ich Chemie interessant finde. Klar, der Bachelor war verdammt anstrengend, aber jetzt kann ich langsam damit anfangen, auch richtig zu forschen.«

»Und in welche Richtung möchtest du da gehen?« Er schenkte mir immer noch mehr Aufmerksamkeit als dem Film, obwohl der inzwischen begonnen hatte.

»Mich hat schon immer die pharmazeutische Chemie interessiert. Ich würde gern an Krankheiten forschen und Medikamente dagegen entwickeln.« Es klang erbärmlich, wenn ich es so aussprach, denn was konnte ich allein schon groß ausrichten? Doch Vincent schien das anders zu sehen.

»Ziemlich cool.« Er beobachtete mich noch immer, ein Lächeln auf dem Gesicht, das mich durcheinanderbrachte. Ich war niemand, der sich schnell verknallte, aber irgendetwas an ihm fand ich faszinierend. Vielleicht war es das aufrichtige Interesse, das er an mir und meinem Studium zeigte.

»Und was hast du nach deinem Abschluss vor?«, fragte ich, in der Hoffnung etwas von mir abzulenken.

Wir redeten während des ganzen Films und am Ende hätte ich nicht sagen können, wie die Hauptperson hieß. Vincent schien nicht einmal zu bemerken, dass der Abspann lief. Er war zu sehr damit beschäftigt mich auszufragen.

»Hunde- oder Katzenmensch?«

Ich lachte. »Ist das wichtig?«

Er lehnte sich vor, die Augen verengt und beobachtete mich prüfend. »Extrem wichtig. Wie soll man sonst herausfinden, ob man zueinander passt?«

Ich senkte den Kopf, während mir die Hitze in die Wangen stieg. Was, wenn meine Antwort falsch war? Würde er mich dann einfach fallen lassen oder wollte er mich nur ärgern?

»Hunde, aber es ist nicht so, dass ich Katzen hasse.«

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. »Hast du etwa Angst, dass deine Antwort falsch ist?«

Beschämt zog ich die Schultern ein. »Okay, Hunde, aber nicht so kleine Handtaschenköter. Große Hunde.«

Er grinste und lehnte sich ein Stück zu mir. Fast automatisch tat ich das Gleiche. »Meine Eltern haben einen Schäferhund.«

Ich biss mir auf die Lippe. »Richtige Antwort?«

»Richtige Antwort.« Sein Blick fesselte mich. Wie gebannt starrte ich ihn an, während das Lächeln langsam aus seinem Gesicht verschwand. Er hob eine Hand und streckte sie nach mir aus, doch ich setzte mich wieder auf, bevor er mich berühren konnte. Ich drehte mich zum Bildschirm und griff nach der Fernbedienung. Schon bereute ich, den Moment zerstört zu haben. Aber er war mein Mitbewohner. Es wäre verdammt dumm gewesen, etwas mit ihm anzufangen, nur weil ich ein wenig einsam war.

»Noch ein Film?«

Er räusperte sich und setzte sich ebenfalls auf. »Gerne. Suchst du aus?«

»Hm hm.« Ich scrollte durch die Filme, ohne mir die Beschreibungen durchzulesen. »Der hier sieht doch gut aus.« Auf den ersten Blick sah es aus wie etwas, das eher in die lustige als in die romantische Richtung ging. Perfekt.

Vincent lehnte sich zurück und legte einen Arm auf die Couchlehne hinter mir.

»Weißt du, was ich mich schon immer gefragt habe?«, flüsterte er mir ins Ohr. »Wieso ist es in solchen Filmen immer normal, wenn sich eine Beziehung superschnell entwickelt, aber im echten Leben wird man dafür für verrückt gehalten?«

Ich wandte den Kopf und starrte ihn an. Was wollte er mit diesem Kommentar bezwecken? War es eine schlechte Anmache? Oder wollte er mich verunsichern? Letzteres war ihm definitiv gelungen.

Hastig sah ich wieder zum Fernseher. »Keine Ahnung. Damit es spannend und dramatisch ist?«

Er lachte, sagte aber nichts mehr, als der Film begann.

Auf einmal fühlte ich mich unsicher. Dieser Nachmittag hatte sich so leicht angefühlt. Wir hatten uns von Anfang an gut verstanden, waren auf einer Wellenlänge gewesen. Es musste irgendeinen Haken an der Sache geben. Ach ja, richtig. Er war mein Mitbewohner. Wenn es nicht funktionierte, würde es die Hölle sein hier zu wohnen. Und ich hatte mit dieser Wohnung verdammt Glück gehabt. Sie hatte eine gute Lage und war halbwegs bezahlbar.

Doch als er wieder begann mich auszufragen, konnte ich nicht anders, als mich zu ihm zu drehen und zu antworten. Ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart. So wohl, wie schon lange nicht mehr. Normalerweise war ich zurückhaltend, riskierte nicht viel. Vielleicht war es an der Zeit, die Vorsicht in den Wind zu schlagen. Also rückte ich ein Stück näher an ihn heran und stellte Gegenfragen. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal so gelacht hatte, wie als Vincent mir verrückte Geschichten aus seiner Kindheit erzählte.

»Manchmal frage ich mich, warum meine Mutter mich nicht zur Adoption freigegeben hat. Ich habe sie wirklich in den Wahnsinn getrieben«, schloss er die Geschichte darüber, wie er beim Versuch, eine Wasserrutsche von der Küche in den Garten zu bauen, das halbe Haus geflutet hatte.

»Das ist das Problem mit der Liebe.« Ich stützte den Ellenbogen auf die Sofalehne und lehnte meine Schläfe gegen meine Faust. »Man tut Sachen, die keinen Sinn ergeben.«

Sein Lächeln wirkte verträumt. »Das ist ja das Schöne daran.«

Sachen, die keinen Sinn ergaben. Wie zum Beispiel, sich Hals über Kopf in seinen Mitbewohner verlieben, den man erst seit ein paar Stunden kannte. Denn genau das war es, was hier gerade passierte, auch wenn ich es mir noch nicht so richtig eingestehen wollte. Ich war niemand, der sich schnell verliebte. Oder etwa doch?

Es war nur so unglaublich leicht, mit ihm zu reden, auch wenn er mich hin und wieder aus dem Konzept brachte …

Wir redeten und redeten. Ich lachte so befreit wie schon lange nicht mehr. Seit März war ich angespannt gewesen. Hatte mir ständig Sorgen machen müssen. Erst war meine Bachelorprüfung verschoben worden, dann meine Bachelorarbeit. Wochenlang hatte ich nicht gewusst, ob ich das Semester überhaupt wie geplant abschließen konnte. Als das endlich alles durch gewesen war, hatte ich ewig meinem Zeugnis hinterherrennen müssen. Eine Abschlussfeier hatte es nicht gegeben. Dann die Bewerbungen, die Wohnungssuche und der Umzug. Alles während einer Pandemie. Alles, während ich mir Sorgen um meine Oma machen musste, die im Altenheim wohnte. Sorgen um meine Mutter, die Ärztin war und sich zu Tode schuftete. Ablenkung war dank der Einschränkungen auch nur schwer möglich gewesen. Es war Monate her, dass ich hatte abschalten können, um meine Sorgen wenigstens kurz zu vergessen.

Doch mit Vincent war es auf einmal kinderleicht. Er brachte mich dazu, aus vollem Hals zu lachen, während er mir von den verrückten Sachen erzählte, die er auf seiner Reise durch Vietnam erlebt hatte. Er brachte mich dazu, loszulassen. Zum ersten Mal seit Monaten war das bedrückende Gefühl auf meiner Brust verschwunden. Zum ersten Mal waren die Ängste aus meinem Hinterkopf verschwunden.

Plötzlich erklang Musik.

Der zweite Film, von dem wir nichts mitbekommen hatten, war zu Ende. Ich wollte nicht, dass der Abend aufhörte, aber es war schon spät und ich konnte ein Gähnen nicht unterdrücken.

Vincent schaltete den Fernseher aus und sah mich an. »Das war ein wirklich sehr schöner Abend, Leah. So etwas habe ich in den letzten Monaten schmerzlich vermisst.«

Ich erwiderte sein Lächeln, während mir ganz warm wurde. »Das sollten wir definitiv wiederholen.«

»Am besten gleich morgen«, bekräftigte er, warf einen kurzen Blick auf sein Handy und runzelte die Stirn.

»Was ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Ein Freund hat mir einen merkwürden Artikel weitergeleitet. Das muss doch Satire sein.« Er hielt mir den Bildschirm hin und ich las die Schlagzeile.

Giftige, aggressive Ratten überfallen Wohnungen in New York. Experten sprechen von unbekannten Mutationen, die die Ratten in Monster verwandelt haben sollen.

Vincent lachte. »Das wäre so typisch 2020, wenn jetzt auch noch Bestien über den Planeten herfallen würden.«

Ich lachte. Diese Idee schien wirklich zu abgedreht. Selbst für 2020.

Wir räumten das dreckige Geschirr in die Küche und schalteten das Licht aus. Dann standen wir auf dem Gang vor meiner Zimmertür, nicht sicher, was wir sagen sollten.

Schließlich schien Vincent sich ein Herz zu fassen, trat auf mich zu und umarmte mich.

»Es war sehr schön, dich kennenzulernen. Sandra hat eine ausgesprochen gute Wahl getroffen.«

Ich lächelte. »Vielen Dank. Gute Nacht, Vincent.«

»Gute Nacht, Leah.«

Ich trat in mein Zimmer, schloss die Tür und lehnte mich dagegen, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Noch vor ein paar Stunden war mir die Zukunft düster und einsam vorgekommen. Jetzt erschien sie mir bunt und voller Abenteuer.

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Tales of Beasts and Magic

Tales of Fear and Darkness (erscheint am 06.12.2021)

Hallo, Frau Nachbarin!von Gina Greifenstein

Es hätte ein Neuanfang sein sollen, der Start in ein unbeschwertes Leben nach desaströser Beziehung, mit neuem Job, neuen netten Kollegen und neuer Wohnung in einer anderen Stadt.

Das mit dem neuen Job und den Kollegen hatte perfekt geklappt. Auch das mit der anderen Stadt und der neuen Wohnung.

Aber genau in dieser Wohnung saß Laura nun fest. In einem hübsch eingerichteten, aber doch recht kleinen Zwei-Zimmer-Küche-Bad-plus-kleiner-Balkon-Gefängnis in einem großen Wohnblock. Dieses neuartige Corona-Virus hatte nicht nur ihr Leben, es hatte ganz Deutschland lahmlegt.

Gerade mal vierzehn Arbeitstage hatte sie in ihrem neuen Büro im Verlag verbringen dürfen. In dieser kurzen Zeit hatte sie sich weder genügend einarbeiten noch ihre neuen Kolleginnen und Kollegen näher kennenlernen können. Seit ein paar Wochen arbeitete sie jetzt im Homeoffice, was sich eigentlich recht nobel anhörte, bei ihr aber nur die dunkle Ecke mit dem alten Schreibtisch im Wohnzimmer neben dem Fernseher war, weil dort das Internet am besten funktionierte.

Klar, die meiste Arbeit konnte sie wunderbar am heimischen Computer erledigen, doch ihr fehlte der Kontakt zu anderen Menschen, der Plausch in der Kaffeeküche, das Gegenüber zum Anfassen und Gemeinsam-Lachen in der Mittagspause. Mittels Videokonferenz konnte sie das Wichtigste abklären, aber persönliche Beziehungen würde sie auf diese Art und Weise nie aufbauen können. Laura fühlte sich wie ein Eisbär, der ganz allein auf einer abgebrochenen Eisscholle vor sich hin treibt.

Von der Stadt hatte sie auch noch nicht viel gesehen. Der Supermarkt war der einzige Ort, den sie seit dem Lockdown besucht hatte.

Ihr Kaffeevorrat ging rasant zur Neige, stellte sie fest, als sie sich eine frische Kanne kochte – die dritte an diesem Tag. Wenn sie am Computer arbeitete, trank sie immer viel Kaffee, und seit sie an Zuhause gefesselt war, saß sie eigentlich nur noch am Schreibtisch. Auch heute. Viel zu früh aufgewacht, hatte sie sich im Schlafanzug an den Computer gesetzt. Inzwischen war es zwei Uhr nachmittags, ihr Nacken schmerzte und die Augen brannten, höchste Zeit für eine Pause.

Während sich das heiße Wasser seinen Weg durch den Kaffeefilter bahnte, ging Laura ins Wohnzimmer. Vor der geschlossenen Balkontür ließ sie den Kopf langsam kreisen. Die Aussicht war alles andere als prickelnd: Genau gegenüber, keine fünfzehn Meter entfernt, stand ein weiterer Wohnblock. Wenn in den Wohnungen drüben nachts das Licht brannte und die Rollos nicht heruntergelassen waren, war es wie Fernsehen, nur ohne Ton.

Der graubewölkte Himmel, aus dem seit den frühen Morgenstunden unablässig Regen tropfte, tat sein Übriges, alles noch trostloser erscheinen zu lassen.

Diese Trostlosigkeit traf Laura mit voller Wucht. Zum ersten Mal seit ihrem Umzug fragte sie sich, ob ihre Entscheidung, hierher zu ziehen, wirklich die richtige gewesen war. Abrupt wandte sie sich ab, um sich Kaffee zu holen.

Als sie mit der dampfenden Tasse zurück ins Wohnzimmer kam, hatte die Sonne es tatsächlich geschafft, ein paar Strahlen durch die Wolkenberge hindurchzuschicken. Der Regen hatte aufgehört, die Tropfen, die noch am Balkongeländer hingen, funkelten wie Edelsteine.

Laura öffnete die Tür und trat hinaus. Die Luft roch nach Regen, und es war noch kühl, aber die Sonne auf ihrem Gesicht war warm, schon frühlingshaft. Mit geschlossenen Augen genoss Laura den Moment.

»Hallo, Frau Nachbarin. Herrlich, so ’ne Nase voll frischer Luft, oder?«

Laura ließ vor Schreck beinahe die Tasse fallen, heißer Kaffee schwappte über ihre Hand.

»Autsch«, entfuhr es ihr, und ihre Nackenhaare sträubten sich. Die sonore Männerstimme war so nah, als stünde der Mann direkt neben ihr auf dem Balkon.

Der Besitzer der Stimme, ein wahrer Hüne, stand jedoch auf dem Nachbarbalkon.

»Oh, sorry, ich wollte dich nicht erschrecken«, sagte der Kerl, der für Lauras Geschmack definitiv einige Kilos zu viel auf den Rippen hatte.

Seine Mimik konnte Laura nicht erkennen, denn die gesamte untere Gesichtshälfte verschwand in einem dunklen langen Bart.

Laura mochte keine Männer mit Bart, ein derartiges Gestrüpp schon gar nicht. In einem Zeitungsartikel hatte sie mal gelesen, was sich in Bärten tummeln konnte: von Essensresten bis hin zu Bakterien so ziemlich alles. Und in einem derartigen Pelz, wie ihr Gegenüber ihn trug, mit ziemlicher Sicherheit auch Kleinstlebewesen.

Heftiger Kontrast zu dem üppigen Bart war sein glattrasierter Schädel. Männer mit Glatze fand sie so was von unsexy!

Laura stellte die Tasse auf die schmale Fensterbank und wischte die Hand an einem zerknüllten Papiertaschentuch ab, das sie in der Tasche ihrer Schlafanzughose fand.

»Hast du dich verbrannt?« Die Stimme des Bärtigen klang besorgt.

»Halb so schlimm.« Sie schickte ein bemühtes Lächeln zu ihm hinüber. Gerade noch hatte sie menschliche Kontakte vermisst, jetzt jedoch wollte sie nur weg von hier. »Ich muss dann mal weiterarbeiten, schönen Tag noch.«

Mit einem Fuß war sie schon im sicheren Wohnzimmer, doch ihr Nachbar ließ nicht locker.

»Vergiss deine Tasse nicht«, rief er ihr nach.

Laura machte den letzten Schritt rückgängig, ergriff die Tasse und hob sie mit dankbarer Geste gen Nachbarbalkon.

Der Bärtige hielt ihr seinerseits eine große Tasse entgegen. »Na, dann Prost.« Er setzte den Humpen, auf dem Laura ein Motorrad zu erkennen glaubte, an Lippen, die auf den ersten Blick nicht zu sehen waren, und trank.

Aus purer Höflichkeit nahm sie ebenfalls einen Schluck. Er war genau der Typ Mann, den sie nicht einmal mit der Kneifzange anfassen, ja, um den sie auf der Straße einen weiten Bogen machen würde.

»Kaffee oder Tee?«

Sie überlegte krampfhaft, wie sie den Kerl so schnell wie möglich abschütteln konnte, ohne allzu unhöflich zu sein. Am praktischsten wäre es gewesen, wenn das Telefon geklingelt hätte.

Aber das Telefon klingelte nicht.

»Kaffee«, sagte sie knapp und schon wieder auf dem Rückzug.

»Ich auch, ich bin quasi Kaffeeholiker.« Wie zum Beweis trank er erneut. »Du bist wohl Freddys neue Freundin? Ist er auch da?«

Der Kerl war nervtötend.

»Ich kenne keinen Freddy. Das ist meine Wohnung, ich wohne allein hier.«

Der Bärtige lachte herzlich, zwei Reihen weißer Zähne blitzten aus dem Gestrüpp hervor.

»Ich kenn auch keinen Freddy«, sagte er vergnügt. »Ich wollte nur rausfinden, ob du mit oder ohne Kerl hier wohnst.«

»Vielleicht bin ich ja lesbisch«, sagte Laura schnippisch.

»Eins zu Null für dich, Frau Nachbarin! Ich bin jedenfalls weder schwul noch mit einer Frau zusammen – nur zur Information.« Er zwinkerte ihr zu.

»Herzlichen Glückwunsch. Ich muss jetzt wieder an die Arbeit.« Begleitet von den Worten »Na, dann fröhliches Schaffen, Frau Nachbarin«, floh Laura in die Wohnung. Hektisch schloss sie die Balkontür, als könne der Kerl ihr folgen.

Ein aufdringlicher Nachbar, der dank Corona zu viel Zeit zu Hause verbrachte und sich deshalb langweilte, fehlte ihr gerade noch.

Auf dem Weg zur Toilette kam sie am großen Spiegel in der Diele vorbei. Entsetzt blieb sie stehen und starrte das Bild an, das sich ihr bot. So war sie auf den Balkon gegangen?! Im ausgebeulten, an den Bündchen schon leicht ausgefransten grellrosa Frottee-Schlafanzug? Ihre Füße steckten nicht nur in albernen flauschigen Häschen-Hausschuhen, sondern auch in dicken froschgrünen Wollsocken, die ihre Oma für sie gestrickt hatte. Herrlich warme Socken, aber auch schrecklich hässliche. Und sie waren wie immer bis knapp unter die Knie über die Hosenbeine des Schlafanzugs gezogen. Krönender Abschluss waren ihre Haare: Nach dem Aufstehen hatte sie die dicken roten Locken wie sie waren zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, der sich inzwischen allerdings weitgehend aufgelöst hatte. Wie eine farbenblinde Hexe sah sie aus. Und so hatte sie der Kerl von nebenan gesehen?! Heiße Scham stieg in ihr auf, auch wenn der Typ ihr völlig egal war. So sollte sie kein Mensch zu sehen bekommen.

Fest entschlossen, sofort etwas gegen diesen Lotterzustand zu unternehmen, zerrte sie sich den Lieblingsschlafanzug vom Körper, stopfte ihn in den Wäschekorb und stieg unter die Dusche.

Gut riechend, mit ordentlich im Nacken geflochtenem Zopf, bekleidet mit hellgrauem Rollkragenpulli und ausgewaschener Jeanslatzhose, ging sie eine halbe Stunde später erneut auf den Balkon, um die Badezimmermatte auszuschütteln.

Aus dem geplanten Schnell-raus-und-schnell-wieder-rein wurde allerdings nichts.

»Bist du das, Frau Nachbarin, oder deine ordentliche Zwillingsschwester?«

Laura verfluchte sich, dass sie sich nicht vorher vergewissert hatte, ob die Luft rein war. Hatte der Typ nichts anderes zu tun, als auf seinem Balkon herumzulungern? Schlimmer noch: Hatte er etwa auf sie gewartet?

»Einmal in der Woche ziehe ich was Anständiges an, und das ist zufällig heute.« Laura sagte das unfreundlicher als beabsichtigt. Inständig hoffte sie, dass er nicht auf die Idee käme, dass sie sich wegen ihm umgezogen hatte.

Der Bärtige schien die Schärfe in ihrer Stimme nicht zu bemerken. Oder er ignorierte sie. Jedenfalls lachte er ausgelassen.

Ein angenehmes Lachen, stellte Laura fest. Auch den Klang seiner Stimme empfand sie eigentlich als angenehm. Es war eine dieser dunklen Stimmen mit weicher Tiefe, denen man gern zuhörte … aber nein, entschied sie rigoros, sie wollte diesen Typ nicht mögen – auf gar keinen Fall! Allein des Bartes wegen.

Sie warf einen grantigen Blick hinüber, nur um zu sehen, dass er sich in der Zwischenzeit auch herausgeputzt hatte. Nicht so, dass Laura ihn jetzt attraktiv fand, aber doch zu seinem Vorteil: Das Totenkopf-Shirt hatte er gegen ein kariertes Holzfällerhemd eingetauscht, und der einst zottelige Bart war jetzt gebürstet. Eine Strähne hatte er zu einem Zöpfchen geflochten, in das er mehrere bunte Perlen eingearbeitet hatte.

Auch das war nicht nach Lauras Geschmack, aber er sah jetzt doch um einiges besser aus. Im Stillen leistete sie Abbitte – womöglich hatte sie ihm bei ihrer ersten Begegnung ja unrecht getan, und er war doch ein ganz netter Kerl. Aber ihr Typ war er trotzdem nicht.

»Hast du einen Namen?«

Laura sah direkt in seine Augen. Ein dunkles Braun, schätzte sie über die Entfernung zwischen ihnen hinweg.

»Ich bin Olli«, sagte er, als sie nicht antwortete. »Nur, falls du zu den Frauen gehören solltest, die Männern, deren Namen sie nicht kennen, nicht verraten, wie sie heißen.«

Laura musste nun doch lächeln. Humor schien der Typ – Olli – immerhin zu haben.

»Laura.«

»Hallo, Laura, freut mich. Darauf sollten wir später anstoßen, was hältst du davon?«

»Aber wie …« Laura war überrumpelt. Zusammen etwas trinken? Mit ihm? Mit einem wildfremden Typen der auch noch so aussah?

Zum Glück fiel ihr die beste Ausrede der Welt ein: »Ist doch coronabedingt alles zu.«

»Lass dich überraschen, ich hab da schon eine Idee. – Sagen wir um achtzehn Uhr? Gleicher Balkon?«

Laura nickte zögerlich. Auch ohne gesetzlich vorgeschriebene Kontaktbeschränkungen würde sie den Kerl auf gar keinen Fall in ihre Wohnung lassen. Und zu ihm rübergehen ganz sicher auch nicht. Sie war heilfroh, dass sie zwar Balkon an Balkon wohnten, seine Wohnung aber nicht in ihrem, sondern im direkt anschließenden Wohnblock war – so konnte er vielleicht doch nicht schnell mal vor ihrer Tür stehen.

Olli winkte ihr zu und war gleich darauf mit den Worten »Also dann bis später, ich freu mich« in seiner Wohnung verschwunden.

Laura blieb verdattert zurück. Sie spielte mit dem Gedanken, zu besagter Uhrzeit einfach nicht auf den Balkon zu gehen. Aber würde sie sich dann jemals wieder hinaustrauen? Sie hatte sich so gefreut, eine Wohnung mit Balkon bekommen zu haben, auch wenn der nicht gerade groß war. Für einen kleinen Tisch, einen Stuhl und ein paar Blumentöpfe würde der Platz reichen, und im Sommer wollte sie auch hier draußen arbeiten. Das war jedenfalls der Plan gewesen. Mit einem Nachbarn, der sie dauernd volllaberte, wäre das aber nicht möglich. Sie würde ihm später unmissverständlich sagen, dass sie ihre Ruhe und grundsätzlich keine nachbarschaftlichen Kontakte haben wollte. Dass das an seiner Person lag, musste er ja nicht wissen.

Es blieben ihr knappe zwei Stunden, also setzte sich Laura an den Computer. Schnell war sie wieder in ihre Arbeit vertieft. Und so vergaß sie die Zeit.

Ein Geräusch auf dem Balkon ließ sie hochschrecken. Versuchte der schreckliche Typ etwa, zu ihr herüberzuklettern?

Vorsichtig öffnete sie die Balkontür. Sie sah ein Seil über ihrer Brüstung hängen, an dessen Ende ein faustgroßer Stein baumelte. Am anderen Ende des Seils, einen Balkon weiter, stand Olli.

Sie fragte sich, was er vorhatte. Wollte dieser Riesenbrocken von einem Mann etwa wie ein Seiltänzer zu ihr herüberkommen?

»Laura, gut, dass du da bist. Jetzt musst du das Seil noch ein Stück zu dir rüberziehen, um dein Geländer legen und mit dem Stein wieder zu mir werfen.«

Laura ahnte, was er vorhatte und folgte seinen Anweisungen. Nur Werfen war von jeher eine Disziplin, die sie nicht beherrschte, immer wieder verfehlte sie seine ausgestreckten Hände.

Beim sechsten Versuch klappte es endlich: Mit einem Jubelschrei erwischte Olli den Stein. Er küsste ihn, hielt ihn wie einen Siegerpokal in die Höhe und vollführte etwas, das wohl ein Freudentanz sein sollte, aber wie die Bewegungen eines zu dick geratenen Tanzbären aussah.

Laura konnte nicht anders, sie musste lachen. Irgendwie fand sie den massigen, gesichtsbehaarten Typen da drüben drollig.

Olli beendete das, was immer er gerade vollführt hatte, und sah sie mit kritisch gekräuselten Augenbrauen an. »Du lachst mich hoffentlich an und nicht aus.«

»An natürlich.« Laura versuchte vergeblich ernst zu bleiben.

»Wenn ich herausfinden sollte, dass du mich gerade angelogen hast, dann …« Er beendete den Satz nicht, weil er damit beschäftigt war, einen Korb in seine Konstruktion einzufädeln, das Seil zu kappen und die Seilenden zu verknoten.

»Dann?«

»Dann bekommst du keinen Gin-Tonic.«

Laura sah das nicht wirklich als Strafe an, denn Gin war nichts, was sie vermissen würde, da sie ihn noch nie probiert hatte.

»Bin gleich wieder da!« Olli ging nach drinnen.

Mit vor der Brust verschränkten Armen sah Laura gespannt zu, wie er mehrmals wieder rauskam, Gläser und andere Dinge auf seinem Balkontisch abstellte und zuletzt mit zwei edel aussehenden Flaschen ans Geländer trat. »Welchen willst du?«

Da sie keine Ahnung hatte, entschied sie sich für die schöne blaue Flasche.

Olli legte sie in den Korb. Dazu noch eine Flasche Tonicwater. Als nächstes hob er ein Longdrink-Glas in die Höhe und ließ demonstrativ ein paar Eiswürfel und eine dicke Scheibe Orange hineinfallen. Zuletzt steckte er etwas Grünes hinein, das Laura trotz Entfernung als Rosmarinzweig identifizierte. Auch das Glas gab er in den Korb. Und dann zog er das oben liegende Seil zentimeterweise zu sich. Der Korb darunter näherte sich schwankend Lauras Balkon.

»Zwei Fingerbreit Gin ins Glas und dann mit Tonic auffüllen«, wies er sie an.

Laura öffnete die Gin-Flasche, schnupperte prüfend daran und zuckte zurück: Das roch wie billiges Rasierwasser! Sie war sich sicher, dass sie kein Fan dieses Getränkes werden würde.

Als ihr Drink fertig war, prostete sie Olli zu.

»Auf gute Nachbarschaft.« Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.

Laura nippte vorsichtig, nur um festzustellen, dass Rasierwasser mit Tonicwater ganz köstlich schmeckte.

Trinkend und plaudernd standen sie auf ihren Balkonen, während der Himmel dunkler wurde und hinter den Fenstern in der Nachbarschaft nacheinander die Lichter angingen.

Während Olli die zweite Runde Gin-Tonic zubereitete, zog sich Laura eine warme Jacke an und holte einen Klappstuhl aus der Küche. Nach dem zweiten Glas wusste Laura nicht nur, dass Gurke und Basilikumblätter auch hervorragend in einen Gin-Tonic passten, sondern auch, dass Olli Nichtraucher war. Auch, dass er gern reiste und dass sein nächstes Ziel Schottland oder Irland sein würde – Lauras absolute Sehnsuchtsorte. Auf das sicherlich nett gemeinte Angebot, doch gemeinsam auf die Insel zu fahren, sobald der Lockdown beendet sei, ging sie aber auch mit spürbar erhöhtem Alkoholspiegel nicht ein.

Irgendwann waren sie tatsächlich beim vierten Cocktail angekommen. Lauras Finger, die das Glas mit den darin klirrenden Eiswürfeln hielten, waren schon ganz steif. Die Decke, die sie zwischenzeitlich um sich gewickelt hatte, half nur wenig gegen die Kälte. Trotzdem fand sie es wunderschön hier draußen: Die Sterne funkelten über ihnen an einem wolkenlosen Himmel, und Olli war ein amüsanter Unterhalter.

Trotzdem gab Laura kurz nach elf auf. Ein letztes Mal legte sie ihr Glas in den Korb und schickte es zu Olli hinüber.

»Gute Nacht, und danke für die Einladung.«

»War mir ein Vergnügen, Frau Nachbarin. Bei Gelegenheit können wir das gern wieder machen. – Morgen?«

Laura zögerte. Der Typ raubte ihr ihre Zeit. Eigentlich hatte sie noch etwas fertig machen wollen. Und Olli würde sich eventuell nur falsche Hoffnungen machen.

»Okay«, sagte sie trotzdem

Als sie wenig später in ihrem Bett lag und langsam wieder warm wurde, dachte sie zurück an diesen wunderbar verrückten Abend. Und natürlich auch an Olli, sein Lachen, seine Art zu erzählen … Dass sie dabei lächelte, schob sie auf den mittelschweren Schwips, der sie am nächsten Morgen ganz sicher mit einem dicken Kopf aufwachen lassen würde.

 

Kopfschmerzen hatte sie keine, aber es fiel ihr trotzdem schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab, zurück zum letzten Abend. Seit Wochen hatte sie neben den Telefonaten mit Kollegen, die sie gar nicht richtig kannte, ihren Eltern und ihrer besten Freundin Hanna endlich mal wieder Gesellschaft gehabt. Und sie hatte seit Langem mal wieder gelacht, herzlich gelacht. Das hatte so verdammt gutgetan. Dementsprechend freute sie sich auf das bevorstehende Balkondate.

An diesem Abend sprachen sie vor allem über Musik, wobei sie feststellten, dass ihr Geschmack recht ähnlich war und dass sie tatsächlich auf demselben Rammstein-Konzert gewesen waren.

Am nächsten Abend tauschten sie sich über Filme aus, wobei Laura herausfand, dass Olli genauso gern ins Kino ging wie sie und ebenfalls Science-Fiction liebte.

Am übernächsten Abend schwelgten sie in Kindheitserinnerungen. Olli hatte eine derart amüsante Art zu erzählen, was Klein-Olli alles erlebt und angestellt hatte, dass Laura stundenlang hätte zuhören können.

Am überübernächsten Abend legte Laura ihre allererste selbstgekaufte Flasche Gin in den Korb. Als sie sich gegen Mitternacht verabschiedeten, war die fast leer und Laura wusste, dass Olli als Kind Messdiener und bei den Pfadfindern gewesen war.

An einem weiteren Abend erzählte Olli dann, dass er seiner Oma schon als kleiner Junge immer gern beim Kochen und Backen geholfen hatte, weshalb er dann auch Koch geworden war. Koch mit Arbeitsplatz, der genau wie sie, wegen Corona ans Haus gefesselt war.

Was er am darauffolgenden Abend dann auch unter Beweis stellte, mit einem leckeren Essen, das mit dem Korb zu Laura herübergeschaukelt kam: Spaghetti mit Meeresfrüchten in einer köstlichen Tomaten-Sahnesoße.

Ab da gab es für Laura zum Gin immer ein leckeres Abendessen dazu.

Laura konnte nicht sagen, wie viele solcher Abende sie insgesamt miteinander verbracht hatten, lachend, erzählend, neckend. Eingemummelt in warme Decken und Jacken und das eine oder andere Mal auch mit Regenschirmen.

Aber dann kam der Abend, an dem sich alles änderte: Laura sehnte den Abend herbei. Nur mühsam konnte sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Ab eins sah sie minütlich auf die Zeitanzeige ihres Computers. Sechs Uhr, ihre verabredete Cocktail-Zeit, rückte quälend langsam näher. Und obwohl die Sonne schien, widerstand sie dem Drang, zwischendurch auf den Balkon zu gehen, denn Olli könnte am Ende noch denken, sie würde es wegen ihm tun.

Um drei hielt sie es dann nicht mehr aus, sie wollte ihn sehen und wenigstens ein paar Worte mit ihm sprechen. Mit Kaffeetasse bewaffnet betrat sie ihren Balkon und setzte sich auf den Stuhl, der nicht wieder den Weg in die Küche gefunden hatte. Angestrengt sah sie nach vorne und nach rechts und tat so, als würde sie sich gar nicht um den Nachbarbalkon zur Linken kümmern. Und sie sah nach unten, wo ein paar Kinder auf dem Spielplatz kreischend mit einem Ball spielten.

Aus dem Augenwinkel heraus hatte sie jedoch schon gecheckt, dass Ollis Balkon verwaist war. Sie schalt sich für die Enttäuschung, die sie dabei verspürte. Olli war nur ein netter Nachbar, und sie war ein gebranntes Kind, sie brauchte keinen Mann – sie wollte keinen Mann in ihrem Leben. Nie wieder! »Hallo, Frau Nachbarin!«

Wieder schwappte ihr heißer Kaffee über die Hand. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er nach draußen gekommen war.

»Ist das gut für die Haut oder warum machst du das immer?« Seine Augen funkelten dabei übermütig.