Gefüllte Siebenschläfer - Christoph Wagner - E-Book

Gefüllte Siebenschläfer E-Book

Christoph Wagner

4,4

Beschreibung

ADRIA. GENUSS. FISCH UND MORD PASSEN NICHT ZUSAMMEN, DAS STELLT AUCH MARIO CAROZZI FEST Mario Carozzi, Archäologe und nach mehrjährigem Mexikoaufenthalt Maya-, Azteken- und vor allem Chiliexperte, kehrt nach Europa zurück, wo er sich mit Gelegenheitsjobs in Heimatmuseen über Wasser hält. In der adriatischen Inselstadt Balaor bewirbt er sich nun als Leiter des dortigen Lapidariums. Carozzi soll diese bislang unscheinbare Sammlung antiker römischer Grabsteine in ein Profit-Center verwandeln. Und will dort gemeinsam mit der befreundeten Köchin Gilda Gerichte nach den Rezepten des altrömischen Feinschmeckers Apicius servieren. Doch sein Aufenthalt auf der Insel wird begleitet von mysteriösen Todesfällen und seltsamen Ereignissen, die ihn allmählich selbst in arge Bedrängnis bringen ... Der zweite Kriminalroman des bekannten Restaurantkritikers und Gastrosophen Christoph Wagner glänzt durch die lebendige Schilderung der Küstenlandschaft zwischen Grado und Rovinj mit all ihrer verzaubert-abgründigen Atmosphäre ebenso wie durch tiefschwarzen Humor und scharfzüngige Beobachtungsgabe und verführt mit höchst ausgefallenen Rezepten. "Der Krimi ist gespickt mit genüsslichen Details aus dem Wortschatz eines Restaurantkritikers. Auch als Krimiautor vermittelt er viel Feingefühl ... ein Hochgenuss für die Geschmacksknospen der Leserschaft." "Drehort der Handlungen ist die Adriaküste, das Buch ist die richtige Urlaubslektüre und sorgt für entspannten Lesespaß an heißen Tagen." WEITERE BÜCHER DES AUTORS: Schattenbach, Carozzi-Krimi Gefüllte Siebenschläfer, Carozzi-Krimi Das Apfelhaus, Carozzi-Krimi Muj und der Herzerlfresser von Kindberg, Südbahn-Krimi

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Christoph Wagner

GEFÜLLTE SIEBENSCHLÄFER

Christoph Wagner

GEFÜLLTE SIEBENSCHLÄFER

Ein Carozzi-Krimi

Der Autor dankt vor allem der Bevölkerung von Grado, aber auch jener von Marano Lagunare, Sežana, Rovinj, Vodnjan, Lovran und Opatija für die Mitarbeit und die zahlreichen balaoranischen Inspirationen.

© 2007

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7454-4

Umschlaggestaltung: Haymon Verlag/Stefan Rasberger

unter Verwendung eines Bildes von www.istockphoto.com

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Inhaltsverzeichnis

1. KapitelPasta d’Angelo

2. KapitelBoreto

3. KapitelGratinierte Seeigel

4. KapitelPastete serbisch

5. KapitelVinum mulsum

6. KapitelPerlhuhn mit Pfefferschokolade

7. KapitelSardinen in Falerner

8. KapitelScampi al Brandy

9. KapitelFlammende Frösche

Und dem Meere bringt er Kunde vom Kampf,den Nebel und Wind am Himmel führen,dem Meer verkündet er den Brand,der in meinem Herzen wütet.

Carlo Michelstaedter

1. Kapitel

Pasta d’Angelo

Das erste, was mir in Balaor auffiel, war ein gefallener Engel. Er hatte jeglichen Halt verloren und war gestürzt. Engel tun das manchmal, man kennt die Geschichte ja von Luzifer. Mein Engel erinnerte nach dem Absturz von seinem mannshohen Natursteinsockel allerdings eher an einen Autofriedhof als an den Höllenpfuhl. Seine Flügel waren verbogen, seine Rüstung war verbeult und sein Flammenschwert geborsten. Kaum noch zu reparieren, dachte ich mit Kennerblick und freute mich insgeheim, dass ich in Balaor, wenn es denn mit meiner Anstellung als Archäologe klappen sollte, nicht für gefallene Renaissanceengel, sondern für alte Römersteine zuständig sein würde.

Ich wollte gerade über den Blechhaufen steigen, um zu den Stufen der Präfektur zu gelangen, da bemerkte ich, dass der Bronzeengel eine für seine Gattung ziemlich ungewöhnliche Eigenschaft entwickelte: Er verlor Blut. Ziemlich viel Blut sogar.

Ich kam nicht einmal bis an die unterste Schwelle der Freitreppe, die zum Portal mit den beiden Marmortritonen führte. Ihre Gesichter zogen steinerne Grimassen, die mir in einer Situation wie dieser ziemlich unangebracht schienen. Andererseits hatten die beiden Fratzen im Gegensatz zu mir leicht lachen. Ich sah mich nämlich plötzlich von Carabinieri und Sanitätern umringt, die aus Autos sprangen und sich von Motorrädern schwangen, eine Bahre herbeitrugen und mich in einen Pulk von Passanten abdrängten, der sich mit jeder Sekunde weiter aufblähte und daher von der Obrigkeit mit Seilen und Sperrgittern gebändigt werden musste.

„Ich habe einen Termin beim Präfekten“, sagte ich zu einem der Ordnungshüter, der mir jedoch nicht zuhörte, sondern seine Augen auf das blutrot schraffierte Stück Mensch richtete, das von den Sanitätern gerade aus den Engelskarkassen geschält und auf die Bahre gehievt wurde. Der Engel hatte seinem Opfer die Hornbrille von der Nase geschlagen, jetzt baumelte sie mit zersplitterten Gläsern traurig an einer schwarz schimmernden Kordel von seiner Schulter hinab. Die Brille war übrigens nicht das einzige, was an diesem Mann, der einen schwarzen Anzug und eine dunkle Krawatte trug, zu Bruch gegangen war. Seine Schädeldecke sah auch danach aus.

Ein weißer Wagen mit flackerndem Blaulicht verschluckte den schwarzen Mann, dafür gaben die beiden fischleibigen Tritonen oben an der Treppe einen anderen frei. Da dieser nicht nur würdig, sondern mit seiner in graue Schläfen mündenden Halbglatze und einem wachsamen Blick auch einigermaßen vertrauenswürdig aussah, turnte ich über die Absperrung hinweg und lief die Treppe hinauf geradewegs auf ihn zu. „Ich muss zum Präfekten, es ist dringend“, sagte ich, während ich meine Schulterblätter schon im Zangengriff zweier Carabinieri spürte, die mich die Treppe wieder hinunterziehen wollten.

„Ich bin der Präfekt“, sagte der Mann im dunklen Anzug.

„Wir wollten über das Lapidarium reden“, brachte ich gerade noch heraus, bevor sich jede Menge Carabinierifinger wie Stacheln unter meine Schulterblätter bohrten.

„Ach, der neue Kustos!“ Die buschigen Augenbrauen des Präfekten zuckten gebieterisch und die Stacheln zogen sich auf wundersame Weise aus meinem Fleisch zurück. „Wir müssen später reden. Kommen Sie am Nachmittag um vier wieder. Sie sehen ja, ich werde gebraucht.“

Kein gutes Omen für ein Vorstellungsgespräch, dachte ich, während ich mit heftigen Ruderbewegungen gegen den Strom der Passanten ankämpfte, die trotz der Absperrungen weiter auf die Palasttreppe drängten. Das Blaulicht blinzelte mir noch ein letztes Mal zu, bevor es in einer der engen Altstadtgassen verschwand.

Die Uhr am Campanile der Sankt-Euphemien-Kathedrale schlug elf. Hätte der heilige Michael meine Pläne nicht durchkreuzt, dachte ich, so säße ich jetzt wohl bereits im Büro des Präfekten, bekäme vielleicht sogar einen Espresso serviert und würde ihm und dem Kulturdezernenten schildern, wie ich mir die Leitung eines altrömischen Lapidariums vorstellte. Welchen Verlauf das Gespräch auch genommen hätte, ich wäre jedenfalls pünktlich gewesen. So jedoch trennte mich eine fünfstündige Karenzzeit von meiner beruflichen Zukunft und riss ein Luftloch in meine Karriereplanung, dem ich in Richtung Altstadt entschlüpfte.

Ich beschloss, die Zeit zu nützen, um mich etwas näher mit der Inselstadt vertraut zu machen, in der ich mich um die Leitung der bislang verwaisten altrömischen Grabsteinsammlung in einem toten und, wie ich in der Ausschreibung gelesen hatte, touristisch bisher ziemlich ungenützten Winkel hinter der Kathedrale beworben hatte.

Auf dem Weg dorthin kämpfte eine sanfte Meeresbrise, die durch die Kopfsteingassen wehte, vergeblich gegen das Flirren der Mittagshitze an. Ich wischte mir ein Sandkorn aus dem rechten Augenwinkel, spürte Salz auf den Lippen und bemerkte, wie durstig ich war.

Die zahlreichen kleinen Altstadt-Bars waren durchwegs gut gefüllt und ich wurde das Gefühl nicht los, dass die vielen Menschen, die in den Gassen unterwegs waren, sich in Wahrheit nur auf dem Weg von einer Kneipe in die andere befanden. Als wollten sie gerade diesen Eindruck widerlegen, trugen die meisten Passanten allerdings mit mehr oder minder bedeutender Miene Mappen, Aktenordner, Werkzeugkästen, Laptops, Pappkartons, lange, spitze Eisenstangen oder Hunde, Katzen und Kinder in Säcken und Körben mit sich herum – Beweisstücke dafür, dass sie ihre Kneipenrunden einzig und allein aus beruflicher oder familiärer Pflichterfüllung drehten. Das hinderte sie freilich nicht daran, auf den einzelnen Etappen ihrer vormittäglichen Routen da einen Fernet und dort ein Gläschen Malvasia zu kippen, was die Stimmung in der Stadt trotz der Trübung durch das Attentat des Engels aus Erz zu einer hellen und sommerlich-vergnügten machte.

An einem Ort wie diesem, dachte ich, da ließe es sich schon eine Weile aushalten, auch wenn das Lapidarium von Balaor mir, wie ich gestehen muss, eher als zwischenzeitlicher Notnagel denn als strahlende Aussicht für meine archäologische Karriere erschien.

Was meine Zukunft betraf, so hatte ich dieselbe noch vor ein paar Tagen wesentlich sicherer im Griff gehabt als heute, zumal ich kurz vor der Unterzeichnung eines Vertrages als wohlbestallter Direktor des Museo Archeologico von Aquileia gestanden war. Doch dann hatte sich, einen Tag vor Ende der Ausschreibungsfrist, noch diese Etruskologin aus Mantua ins Spiel gebracht. Jetzt bewacht sie dort mit ihren tiefgründigen Onyxaugen die bunten Mosaikböden mit den dicken Fischen und den zierlichen Singvögeln sowie die alten Tempelruinen, die allesamt spannender sind als das meiste, was Balaor in dieser Hinsicht zu bieten hat. Dabei waren die Etrusker in Aquileia ebensowenig zugange wie die Azteken und Mayas, bei deren Erbmasse ich mir während meiner Zeit in Mexiko meine archäologischen Qualifikationen erworben habe. Andererseits hätte ich die hübsche junge Dame mit ihrer gemmenhaften Silhouette und dem aparten Augenschnitt, wäre ich der Bürgermeister von Aquileia gewesen, auch statt meiner engagiert. Aber so sind wir halt, wir Männer.

Ich kaufte in einer Tabaktrafik ein paar Toscani, diese finsteren, wie kleine Baumstämme aussehenden und auch nach Wald und Torf schmeckenden Zigarren, die nur in solchen Weltgegenden wirklich ziehen, in denen ständig ein Wind weht, weshalb sie gerade in Meeresregionen so beliebt sind. Während ich die Toscani bezahlte – sie gehören zu jenen wenigen Zigarren, bei denen die Kosten nicht ins Gewicht fallen, und die daher auch von Archäologen geraucht werden können –, fiel mir auf einem der Ansichtskartenständer eine kleine Broschüre über Balaor ins Auge, auf deren Titelbild eine Luftaufnahme abgebildet war. Sie zeigte eine längliche Insel in unmittelbarer Küstennähe, deren Form an den Körper einer sitzenden Frau mit ausgesprochen guter Figur erinnerte, die sich gerade ihr T-Shirt über den Kopf zog. Das T-Shirt war der lange, schmale, fast weiße Sandstrand am Südende der Insel, während ich mich gerade zwischen Busen und Hüfte der Dame aufhielt.

Ich erwarb das Büchlein und erfuhr, dass das über eine schmale Dammstraße vom Festland her leicht erreichbare Eiland unmittelbar am 45. Breitengrad und damit exakt auf halbem Weg zwischen Äquator und Nordpol lag. Politisch lag Balaor unter kroatischer Oberhoheit, kulturell zählte es, wie an den zahlreichen Fotos von Märkten, Plätzen und Fassaden deutlich wurde, zum Erbe des versunkenen byzantinischvenezianischen Weltreichs. Daran erinnerte, wie gleich im Einführungskapitel nachzulesen war, ein immer noch beträchtlicher italienischer Bevölkerungsanteil, der sich im Alltag in der südfriulanischen Mundart Balaoran verständigte. Kroatisch sprechende Balaoraner waren jedoch, wie das Büchlein nicht anzumerken vergaß, in der Mehrheit.

Beim weiteren Blättern stellte ich zu meinem äußersten Missvergnügen fest, dass allerlei kommunalen Attraktionen wie Thermalbädern und Aqua-Splash-Paradiesen bei der Schilderung der Schönheiten der Stadt breiter Raum gewidmet wurde, während das Heftchen mit kunsthistorischer Information eher geizte. „Meinem“ Lapidarium waren gerade einmal zwei Zeilen gewidmet, und auch die Krypta, die neben allerlei mumifizierten Heiligen immerhin die ausgestopfte Hand der heiligen Barbara barg, wurde in einem knappen Absatz reichlich dürr abgehandelt. Andererseits erfuhr ich, dass Balaor auf Deutsch Stiegenstadt heißt und die kleine Inselmetropole an ihrer Südostflanke in der Tat wie eine Stiege zum Meer hin abfällt. Seinen Namen, las ich weiter, verdankte Balaor jedoch dem Umstand, dass es in der Stadt, zumindest in den älteren Stadtteilen, kaum ein Haus ohne kleine Außenstiegen gab, die der dem Venezianischen verwandte Inseldialekt als Balaoren bezeichnete.

Hatte man für diese Besonderheit erst einmal den Blick geschärft, sah man sich allenthalben von Stiegenaufgängen und Treppchen flankiert, die nicht viel höher waren als die Stiegensteiger selbst, und die oft genug schon nach wenigen Stufen ins Nichts führten, weil sie lediglich der Stapelung von Lebensmitteln, Gießkannen, Kinderspielzeug, Reservereifen oder Blumentöpfen dienten. Vor allem aber dienten sie dem zumeist recht gesprächigen Austausch der, je nach Mentalität, faul oder tätig auf den Stiegen Herumsitzenden mit jenen, die gerade, mehr oder minder zufällig, daran vorbeizogen.

Obwohl das Lapidarium mitten im Herzen Balaors lag, war es gar nicht so leicht zu finden. Selbst wenn man unmittelbar vor der Euphemienkathedrale stand, wies keinerlei Schild darauf hin, dass es gleich um die Ecke eine der – zumindest unter Kunstkennern – bedeutendsten römischen Grabsteinsammlungen am ganzen Mittelmeer zu bewundern gab. Man musste erst die halbe Basilika umrunden, bis man zu einem Gittertor gelangte, das für den Unwissenden recht verschlossen aussah und in einen kleinen Nebenhof mit üppigem Oleander- und Bougainvillea-Bewuchs führte. Hatte man aber erst einmal erkannt, dass die Gittertür nur angelehnt war, gelangte man an einen verzauberten Ort, an dem man sich im Schatten einiger Olivenbäume auf einer Marmorbank niederlassen konnte und sich von steinernen Monumenten aus der Antike umringt sah. Besser, dachte ich, konnte man eine Sehenswürdigkeit gar nicht vor neugierigen Blicken der Öffentlichkeit verstecken. Eine junge Frau, die auf der gegenüberliegenden Steinbank gerade ihr Kind mit einem Fläschchen fütterte und danach sanft in den Schlaf wiegte, zeigte mir jedoch, dass dieser stille, kontemplative Ort zumindest unter Einheimischen nicht ganz unbekannt war.

Es würde nicht ganz leicht sein, aus dieser schattigen Hinterhof-Oase eine Fremdenverkehrsattraktion zu machen, ohne ihren idyllischen Charakter dabei zu zerstören. Andererseits fielen mir mehr als genügend Versatzstücke ins Auge, die sich mit ein paar einfachen gestalterischen Tricks ins Zentrum des Interesses rücken ließen. Ich dachte dabei weniger an die dekorativen Zimboriumbögen mit ihren üppigen Kranz- und Pflanzenmotiven, auch nicht an den schönen Architrav mit den Akanthusbüscheln und dem Relief aus Efeu und Wasserblattwerk. Wesentlich besser gefielen mir die Sarkophagfragmente aus der Spätantike, die neben einem deutlich erkennbaren Pfau und einem an Weintrauben naschenden Sperling eine Gruppe von vier über den Meereswellen tanzenden Delphinen zeigten.

Museumsdidaktisch anregend fand ich vor allem auch den Steinsarg, der ein von Musen, Dichtern und Fahnenträgern umgebenes Ehepaar auf einem Trikliniumlager zeigte, das sich an einer opulenten Fülle von Speis und Trank labte. Selbstverständlich handelte es sich dabei nicht um ein weltliches Gelage, sondern, wie es sich für ein Sargrelief gehörte, um ein antikes Totenbankett, das für die beiden Verstorbenen aus Anlass ihrer Aufnahme in die Unterwelt ausgerichtet wurde. Trotz des traurigen Anlasses hatte die Szene etwas Beruhigendes, Tröstliches, ja sogar Bacchantisches an sich. Und als ich dann noch die schöne alte Zisterne sah, in deren Tiefe ich, etwa eine Handbreit hoch vom Wasserspiegel bedeckt, etliche Münzen liegen sah, hatte ich plötzlich die Vision, dass man diesen kühlen Grund als natürlichen Weinkühlschrank nützen könnte, der das Lapidarium auch für archäologisch weniger interessierte Gäste von Balaor attraktiv machen könnte.

Während ich so unter den alten Olivenbäumen und umringt von den noch älteren Steindenkmälern über deren mögliche Zukunft sinnierte, stieg mir plötzlich ein betörender Duft in die Nase. Es roch nach Tomaten, Basilikum, Knoblauchöl und Tintenfischen. Ich folgte dem Odeur, das Schritt um Schritt intensiver wurde, bis ich vor dem Mauerloch stand, aus dem die Düfte drangen. Genaugenommen handelte es sich nicht um ein Loch, sondern um ein vergittertes Fenster, das mit ein paar morschen Brettern vernagelt war, zwischen denen allerlei Unkraut hervorquoll. An manchen Stellen war der Holzverschlag so porös, dass man hinüber ins Nachbargewölbe spähen konnte, wo sich, deutlich erkennbar, eine Küche befand. Dort werkte zwischen allerlei Töpfen, von aufsteigenden Dämpfen umwölkt, eine Köchin, deren Gesichtszüge ich nur schemenhaft wahrnahm. Es war daher auch nicht so sehr die Köchin selbst, die meinen Speichelfluss anregte, als vielmehr das, was sie gerade zubereitete.

Ich verließ also das Lapidarium und umrundete die Basilika in der Hoffnung, in einem der benachbarten Gässchen einen Durchgang zu finden, der mich an die gegenüberliegende Häuserfront und damit an den Eingang des Reiches meiner gastlichen Wirtin führen würde. Es dauerte nicht lange, bis ich das Basilikum-Knoblauch-Aroma wieder unter der Nase und ein bunt bemaltes Tavernenschild vor den Augen hatte, auf dem unter einem aus dem Panzer lachenden Taschenkrebs schlicht die Aufschrift „Fortuna“ stand. Ich beschloss also, zumindest für diese herannahende Mittagsstunde mein Glück zu machen, und trat ein.

Die Einrichtung der finsteren, kleinen Konoba unterstrich einmal mehr die alte epikureische Weisheit, dass wahres Glück keineswegs im Luxus, sondern vielmehr in der Beschränkung zu finden sei. Daher beschränkte sich das Innenleben des Lokals auch auf ein halbes Dutzend schmuckloser ungedeckter Holztische, zwei ohne unnötige Hast rotierende Deckenventilatoren sowie einen kastanienbraunen Tresen, auf dem neben etlichen Weinflaschen und dicken Pressgläsern eine chromblitzende Macchinetta stand. Sie erfüllte den Raum nicht nur mit dem Duft frisch geriebenen Kaffees, sondern brachte sogar einen Hauch von gastronomischem Glanz in den langgezogenen Gewölbeschlauch.

Das Lokal war spätvormittäglich schütter besetzt. Es war noch zu früh fürs Mittagessen, und die wenigen Gäste begnügten sich mit Espresso, Campari oder einem Gläschen Weißwein. Ein älterer Mann mit Schnapsnase und einem passenden lila Schirmkäppchen, das die Aufschrift „Il Tubo Storto“ trug, vertiefte sich in ein Würfelspiel. Sein Kontrahent war ein alter, rotgesichtiger Seebär in buschgrünem Hemd und mit einer leuchtfarbenen Matrosenmütze, die wie ein umgestülptes Stanitzel aussah. Die beiden würfelten zwar nur um ein paar Münzen, ihre Gesichter waren jedoch von einer mit so viel Spannung aufgeladenen Bewegungslosigkeit, als spielten sie um Leben und Tod.

Weiter hinten im Raum versteckte ein dritter, für das Ambiente eher untypisch gut gekleideter Gast sein Antlitz hinter einer großflächigen Sportzeitung und lugte, als ich eintrat, misstrauisch über den Blattrand.

Ich nahm auf einem der mit Bast bespannten Holzhocker Platz und sah, wie hinter der Macchinetta ein Mann auftauchte, dessen gewaltiges, von schütteren, grauen Haarbüscheln gesäumtes Haupt auf einem Rumpf saß, der fast noch breiter als die Kaffeemaschine war.

„Einen Ristretto“, sagte ich.

„Zum ersten Mal in Balaor?“, erwiderte der Koloss und kratzte sich hinter seinem Ohr.

„Ja, aber dafür vielleicht für länger.“

„Schön für Sie. Balaor ist eine schöne Stadt.“

Als er aufgehört hatte sich zu kratzen, kam hinter seiner bis an die Fingeransätze behaarten Hand ein goldener Ohrreif zum Vorschein, in dessen Mitte ein meerblauer Topas glänzte. Unwillkürlich kratzte auch ich mich an meinem Ohrenläppchen, doch mein bescheidener Indianerohrring verblasste gegen den Ohrbehang meines Gegenübers, der aus einem Piratenschatz hätte stammen können, wie billiger Glasschmuck.

Der Koloss wandte sich um und machte sich hinter der Macchinetta zu schaffen, die er in Windeseile in eine aus allen Öffnungen fauchende Höllenmaschine verwandelte, die nach minutenlangen Blähungen und Krämpfen tatsächlich ein Tässchen Mocca kreißte.

„Sie haben Glück oder Spürsinn oder beides, junger Mann. Sie sind auf Anhieb in die beste Kneipe der Stadt gefallen“, wandte sich der Würfelspieler mit dem leuchtenden Stanitzel an mich, während der Koloss mit dem Goldstück im Ohr meinen Kaffee servierte.

„Schön, wenn man als Wirt so zufriedene Stammkunden hat“, sagte ich und nahm einen Schluck.

„Boldo ist nicht der Wirt“, widersprach mir Il Tubo aufs heftigste. „Die Kneipe gehört Gilda, seiner Tochter. Sag ihm, wer du bist, Boldo.“

Der Koloss pflanzte sich vor mir auf und dehnte Mund und Backenknochen zu einem wohlwollenden, sonnigen Lachen.

„Ich bin Arcimboldo Scaramuzza, Urenkel von Sebastiano Scaramuzza, dem großen Revolutionär, Dichter und Patrioten von Balaor.“

„Sei nicht so bescheiden, Boldo. Er hat das Talent von seinem Urgroßvater geerbt“, warf Tubos Würfelpartner ein. „Boldo ist unser größter Poet hier auf der Insel. Er kann schneller reimen als sich der Wind dreht.“

„Wenn Sie ihn schön darum bitten“, schalmeite Il Tubo, „dann gibt Boldo Ihnen vielleicht sogar eine kleine Kostprobe.“

Mir war weder nach Bitten noch nach Reimen zumute, und so brachte ich mich fürs Erste um den Kunstgenuss. Dafür erschien Gilda, die anmutige Erscheinung aus den Küchennebeln, die mich hierhergeführt hatten, und stellte auf jeden der drei besetzten Tische einen Teller voll gebackener Ährenfische und auf einem Extratellerchen jede Menge Limonenscheiben dazu.

Gilda war schwarz gelockt, eher mager und, was ihr Erscheinungsbild betraf, so ziemlich das exakte Gegenteil ihres Vaters. Sie war keine wirkliche Schönheit, strahlte jedoch in Gesicht und Gestik jene subtile Erotik aus, die vielerlei anzudeuten vermochte, aber nur wenig davon verriet.

„Vom Haus“, sagte Gilda kurz angebunden. Ich fand, dass ihr Name nicht zu ihrem Timbre passte. Gilda, das klang nach Koloratur und großer Oper, aber ihre Stimme hörte sich eher nach Nachtclub und einsamem Herzen an.

Gilda ging mit energischen Schritten wieder in ihre Küche zurück. Ich überlegte inzwischen, ob mein Espresso wirklich die ideale Begleitung zu Ährenfischen war. Scaramuzza schien meine Gedanken erraten zu haben und stellte mir einen gut gefüllten Tonkrug auf den Tisch.

„Malvasia“, sagte er und ließ die zahlreichen Lachfältchen zwischen seiner gar nicht so unelegant geschwungenen Augenpartie und dem leichten Kropfansatz vibrieren, dass es nur so eine Freude war. „Passt besser zum Fisch als Kaffee.“

Ich nahm hastig den letzten Schluck von meinem Ristretto, spülte den herben Geschmack mit etwas Malvasia hinunter und sah mich fragend nach einem Besteck um.

Il Tubo, der mich dabei beobachtete, schüttelte den Kopf.

„Kein Besteck“, sagte er mit Nachdruck und schnappte nach einem Fischlein von seinem Teller und führte es zwischen Daumen und Zeigefinger an seine Lippen, bevor er es, vom Kopf bis zur Schwanzflosse, lustvoll flutschend verschwinden ließ.

„Jetzt Sie“, ermunterte er mich.

„Den Kopf auch?“, fragte ich zögerlich.

„Runter damit. Ist ja genügend Malvasia zum Nachspülen da.“

Ich fasste mir ein Herz, schob das Fischlein halb in den Mund und biss es in der Mitte durch.

„Jetzt, wo du den Kopf geschafft hast, wirst du den Schwanz auch noch schlucken“, grölte der Buschgrüne mit dem Leuchtstanitzel.

Die kleinen Geschosse waren tatsächlich so kross, dass sie eher nach Salzgebäck als nach Fisch schmeckten und ordentlich durstig machten.

„Früher hab’ ich davon ganze Netze voll gefangen“, bemerkte Scaramuzza nicht ohne Stolz. „Aber seit die Genossenschaft die Lizenzen reduziert hat und ich mit meinem alten Kahn nur noch Inselrundfahrten machen darf, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Nachschub in der Pescheria am Fischereihafen zu besorgen.“

„Hast du eigentlich schon gehört, dass es Lukobran erwischt hat? Heute vormittag vor der Präfektur.“ Il Tubo, der merkte, dass er Scaramuzza damit offenbar eine Neuigkeit überbrachte, wiegte mit wichtiger Miene seinen dunkelvioletten Zinken auf und ab.

„Den Commendatore? … Was heißt das, erwischt?“

„Ist dem Erzengel Michael in die Arme gelaufen, der feine Herr. Und der hat ihm gleich einen Platz in der Hölle reserviert.“

„Du meinst, er ist – tot?“

„Tu nicht so, als ob du gerührt wärst, Boldo. Er hat uns alle oft genug ins Ausgefischte geschickt.“

„Was soll der Fremde von euch und von Balaor denken, wenn ihr so über einen Toten redet?“ Gilda hatte sich, ohne dass es jemandem aufgefallen war, wieder aus der Küche zurückgemeldet. „Was machen Sie auf unserer Insel,“ wandte sie sich dann, um eine Spur freundlicher, an mich, „Urlaub?“

„Nein, keineswegs“, erwiderte ich. „Ich habe mich für die Position eines archäologischen Leiters des Lapidariums von Balaor beworben.“

„Das Lapidarium von Balaor“, wiederholte Gilda, und ihre rauchige Stimme bekam etwas unangenehm Schnarrendes. „Sie meinen doch nicht etwa den Steinhaufen hinter meiner Küche? Der braucht keinen Leiter, sondern allenfalls einen Leiterwagen, um den ganzen Krempel abzutransportieren. Dann könnten wir endlich hinter unserem Lokal einen kleinen Garten eröffnen. Angesucht habe ich weiß Gott oft genug, doch die Präfektur hat jedesmal abgelehnt. Und was wollen Sie jetzt daraus machen – ein Freilichtmuseum?“

„Jedenfalls ist von der Präfektur der Posten eines Direktors ausgeschrieben worden“, erwiderte ich, während ich mir unter ständiger Beobachtung von Tubo und seinem Genossen folgsam ein Ährenfischchen nach dem anderen in den Mund schob. Ich begann allmählich Gefallen an den knusprigen kleinen Torpedos zu finden, und der leicht prickelnde Malvasia trank sich dazu wie Champagner.

Gilda beobachtete mich mit abwartender Neugierde, zumindest ließ sie mich keine Sekunde lang aus den Augen. Fand sie mich etwa interessant, oder erhoffte sie durch mich etwas über die Pläne der Präfektur herauszubekommen?

„Ich bin zufällig auf das Angebot gestoßen,“ sagte ich, „als ich mich um den Posten des Direktors der Ausgrabungen von Aquileia beworben habe, der damals noch – vakant war.“

„Wäre wohl etwas ruhmreicher gewesen als das Lapidarium von Balaor“, erwiderte Gilda. „Schade, dass man Sie nicht genommen hat.“

„Du musst den Herrn mit deiner Pasta d’Angelo trösten. Die ist besser als jeder noch so gute Museumsjob“, mischte sich Scaramuzza in unser Gespräch ein und fügte sachkundig hinzu: „Meine Tochter behandelt die Pasta, als ob sie ein Risotto wäre.“

„Nudeln wie einen Risotto? – Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Ach, er versteht was vom Kochen, der Professore?“, fragte Scaramuzza erfreut.

„Kein Professore“, widersprach ich ihm, „nur Dottore, oder schlicht Doktor.“

„Niemand, der etwas vom Kochen versteht, und mag er auch ein gelehrter Dottore sein, vermag sich vorzustellen, dass man Capellini d’Angelo tatsächlich wie einen Risotto zubereiten kann. Doch wenn man die Rezeptur erst einmal so beherrscht wie meine Gilda, dann saugt die Pasta das Meer auf, und die Pasta bewegt sich wie nach den Gezeiten …“

„Er wird’s schon von alleine merken“, unterbrach Gilda ihren Vater mit töchterlicher Strenge und verschwand in der Küche.

„Ist dir heiß?“, fragte Scaramuzza, der mich plötzlich duzte.

„Wie kommen Sie drauf?“

„Du schwitzt. Und außerdem siehst du nicht aus wie jemand, der an das Meer gewöhnt ist.“

„Ich habe etliche Jahre in Mexiko verbracht“, widersprach ich.

„Vermutlich im Gebirge“, entgegnete Scaramuzza mit einem listigen Lachen. „Wie heißt du eigentlich?“

„Mario Carozzi.“

„Klingt nicht sehr mexikanisch, oder?“

„Geboren bin ich in Südtirol, in der Nähe von Naturns.“

„Hab ich es nicht gesagt, dass du aus den Bergen kommst? Ich habe es an deinen Augen abgelesen. Eure Fische leuchten nicht! Wenn du im Meer das Licht der Sonne ausknipst, leuchten sie alle, von der kleinsten Qualle über die Seeschnecken und Heuschreckenkrebse bis hin zu den Hummern und den Langusten. Alle leuchten sie. Selbst die Meereswürmer leuchten. Knipse einmal in einem Gebirgssee das Licht aus, Carozzi, und du wirst sehen, dass ich recht habe. Nichts leuchtet da. Und dieses allgegenwärtige unterirdische Leuchten, das auch Menschenaugen zum Leuchten bringen kann, das fehlt euch Leuten aus dem Gebirge.“

„Bei uns leuchtet dafür sonst einiges“, widersprach ich beleidigt.

„Ja, Glühwürmchen“, höhnte Scaramuzza.

„Viel mehr als nur das. Noch nie was von Alpenglühen gehört?“

Scaramuzza kratzte sich erneut hinter seinem Ohrring.

„Jetzt hast du mich alten Fischersmann aber kalt erwischt. Von Alpenglühen verstehe ich nun wirklich nichts. Dafür muss ich mich wohl mit einem kleinen Verslein entschuldigen.“

„Gut gemacht, junger Mann“, applaudierte Il Tubo zwischen zwei hastig genommenen Schlückchen Malvasia. „So schnell rückt Boldo sonst nicht mit seinen Gedichten raus. Scheinst ihm sympathisch zu sein.“

Scaramuzza warf sich inzwischen vor seiner Macchinetta in Pose, und seine Augen blitzten dabei, als wäre er selbst einer der Leuchtfische, von denen er gerade gesprochen hatte.

„Das Meer“, sagte er. „Das Gedicht heißt: Das Meer.“

„Das kennen wir“, kicherte der Buschgrüne mit dem Leuchtstanitzel. „Aber keine Angst: Es ist kurz und eines seiner besten.“

Scaramuzza nahm sicherheitshalber einen Schluck Malvasia und atmete tief ein, als wolle er eine große Bassarie intonieren. Was er dann mit volltönenden Stimmbändern und einer dunklen, gutturalen Färbung, wie sie für den balaoranischen Inseldialekt charakteristisch ist, vorbrachte, hörte sich auch durchaus wie eine Arie an:

Ich spür das Meer, doch seh ich’s nicht,

Ich hör wohl, wie die Welle bricht,

Ich riech wohl Algen in der Gischt

Und neide dem nichts, der drin fischt.

Das feuchte Salz netzt mir die Lippe.

Ich schmeck’s selbst, wenn am Wein ich nippe.

Die Düne reflektiert das Licht.

Ich spür das Meer, doch seh ich’s nicht.

„Applaus, Applaus!“, feuerte Il Tubo die Runde an. Doch kaum klatschten die ersten Hände, winkte Scaramuzza auch schon wieder ab, als wolle er noch eine Zugabe geben.

„Ich riech das Meer, ich riech das Meer“, setzte er noch eine kecke kleine Coda nach, „ich riech es von der Küche her. Los, Gilda, du bist dran!“

Gilda kam mit einer großen Steingutschüssel hinter dem Tresen hervor, die bis weit über den Rand mit Nudeln gefüllt war.

„Konoba alla Fortuna proudly presents“, deklamierte Scaramuzza mit dem gespielten Pathos eines Zeremonienmeisters, „Capellini d’Angelo al Risotto di mare.“

Geschickt verteilte Gilda mit einer Nudelzange den Inhalt der dampfenden Schüssel auf mehrere tiefe Teller. Den von Scaramuzza stellte sie auf den Tresen.

„Das sind Nudeln, das ist kein Risotto“, wandte ich skeptisch ein.

„Hüte deine Zunge, Mann aus dem Gebirge, und koste erst einmal!“ Während Gilda aus dem Tonkrug Malvasia nachschenkte, zog Scaramuzza, noch im Stehen, einen ärmellangen Nudelstrang an einer Gabel wie ein Schiffstau aus dem Schüsselrumpf hoch und ließ ihn in Sekundenschnelle in seinem Schlund verschwinden.

„Was schmeckst du, Carozzi?“, fragte er, nachdem er seinen Rachen wieder frei hatte.

Ich wickelte eine Engelshaarsträhne um meine Gabel, allerdings eine wesentlich fragilere als Scaramuzza, ließ die Nudeln auf meiner Zunge leicht anschmelzen und fühlte mich plötzlich, als wäre ich wieder in Mexiko.

„Ihr seid ganz schön freigiebig mit Chilis hier in Balaor“, sagte ich, durchaus positiv überrascht.

„Du meinst die Peperoncini“, sagte Scaramuzza, der mit meiner Antwort sichtlich nicht ganz zufrieden war. „Aber jetzt los, sag schon, was schmeckst du noch?“

„Allerlei“, antwortete ich arglos. „Etwas Knoblauch, Tomaten, Basilikum, ziemlich viel Olivenöl und natürlich Tintenfische. Aber nichts von einem Risotto.“

„Na, was empfindest du wirklich, Carozzi? Oder hast du einen Geschmack wie ein Schwamm, wie ein Fisch ohne Nerven und ohne Hirn? Wozu, glaubst du, habe ich zuerst extra für dich mein Gedicht aufgesagt? Also, du schmeckst …“

„… das Meer?“, fragte ich zögerlich.

„Gewonnen, gewonnen“, wieherten Il Tubo und das leuchtende Stanitzel unisono.

„Und warum schmeckst du das Meer?“, fragte Scaramuzza so ungeduldig, dass er sich die Antwort auf diese Frage lieber gleich selbst gab. „Weil Gilda die Pasta wie einen Risotto gerührt und jede Nudel einzeln im Meeressugo gebadet hat. Los, Gilda, erklär ihm schon, wie du das machst.“

„Die Pasta mundet ganz hervorragend“, versicherte ich wahrheitsgemäß, aber nicht zuletzt, um Gilda nach Scaramuzzas Standpauke gewogen zu stimmen.

„Es ist ein sehr einfaches Rezept“, erwiderte Gilda, „und die Zutaten haben Sie ja ziemlich treffsicher erraten, war ja auch nicht schwer. Was es von anderen Pastarezepten unterscheidet, ist lediglich die Garung der Nudeln, die hier nicht gekocht, sondern im Sugo weichgerührt werden. Dabei gießt man, wie bei einem Risotto, immer wieder mit einem Schöpflöffel sprudelnd kochende Fischsuppe auf und lässt die Nudeln wie einen Risotto bei kleiner Hitze ganz langsam garziehen, bis sie weich sind und die gesamte Flüssigkeit aufgesogen haben. Dann kommt noch eine Prise Meersalz dazu und das Gericht ist fertig.“

„Zu Weihnachten hat Gilda dasselbe Rezept mit frischem Aal gemacht. Ein Gedicht“, lobte Il Tubo.

„Und zu meinem Geburtstag macht sie es mit einer Languste“, schwärmte Scaramuzza voll Vaterstolz. „Bei Gilda kannst du lernen, wie man kocht.“

„Ich werde mir Mühe geben, ein gelehriger Gast zu sein“, erwiderte ich artig, während ich mit dem größten Vergnügen meine Pasta aufaß.

„Wer war eigentlich dieser Lukobran?“, fragte ich so beiläufig wie möglich, nachdem ich meinen Teller mit einem Stück Weißbrot leergeputzt hatte. „Ich bin nämlich Augenzeuge seines tödlichen Unfalls geworden, oder zumindest fast. Der Engel hat den Mann fürchterlich zugerichtet.“

„Es war ja auch nicht irgendein Engel“, meldete sich Il Tubo zu Wort. „Der Erzengel Michael ist das Wahrzeichen unserer Stadt. Ein paar Jahrhunderte lang stand er auf dem Campanile der Kathedrale. Aber dann bekamen es die Stadtväter plötzlich mit der Angst zu tun, dass ihn der Maestral eines Tages zum Abheben ermuntern könnte. Die Sorge war nicht ganz unbegründet. Denn der Maestral ist, wie man bei uns in Balaor zu sagen pflegt, ein Wind, der einem Esel den Schwanz ausreißen kann. Also landete der Erzengel vor etwa dreißig Jahren auf seinem Sockel vor der Präfektur.“

„Das wird unseren Gast aus den Bergen herzlich wenig interessieren“, schnitt ihm Leuchtstanitzel das Wort ab. „Lukobran war, um Ihre Frage zu beantworten, Obmann unserer örtlichen Fischereigenossenschaft. Man könnte auch sagen, er war Fischereidirektor von Balaor. Das könnte man doch so sagen, nicht wahr, Boldo?“

Scaramuzza zögerte. „Zumindest hätte man es sagen können“, erwiderte er nach einer kurzen Nachdenkpause, „wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären.“

„Anders als wie?“, fragte ich neugierig.

„Anders als sie es sind, lieber Freund.“

„Sie meinen, man hat ihn ermordet?“

„Nein, nein. Erzengel morden nicht.“ Scaramuzza schien mein Verdacht ausgesprochen zu amüsieren.

„Es sind aber nicht alle Menschen Engel“, erwiderte ich.

„Es sind aber auch nicht alle Menschen Mörder“, sagte Scaramuzza, „schon gar nicht hier auf unserer friedlichen Insel Balaor.“

Gilda hatte inzwischen meinen Teller abgeräumt.

„Wenn Sie Peperoncini mögen, wird Ihnen vielleicht auch das schmecken“, sagte sie und schenkte mir zum Abschluss noch aus einer Flasche, die einen halben Meter hoch war, eine ausgiebige Portion Grappa al Peperoncino ein.

Spätestens als das höllenscharfe Elixier wie ein Feuerball durch meine Speiseröhre schoss, wusste ich, dass ich mich hier in Balaor erstmals, seit ich Mexiko verlassen hatte, wieder so richtig zuhause fühlen würde.

Der Mann hinter der Sportzeitung war mir während meiner kleinen Exkursion in Gildas Pastahimmel nur dadurch aufgefallen, dass sein Handy alle paar Minuten „What a wonderful world“ intonierte. Ansonsten hatte er sich nicht in unser Gespräch eingemischt, sehr wohl aber von Gildas Pastatopf genascht. Ich nahm ihn erst wieder wahr, als er gleichzeitig mit mir bezahlte und die Konoba verließ. Wir schienen, zumindest eine Zeit lang, denselben Weg zu haben, gingen jedoch auf verschiedenen Straßenseiten. Nach einer Weile schwenkte er dann auf meine Seite um und ging geradewegs auf mich zu.

„Darf ich Ihnen ein Pfefferminzbonbon anbieten?“, sagte er.

„Wieso?“, fragte ich verblüfft.

„Nehmen Sie es ruhig“, insistierte er. „Glauben Sie mir, Sie werden es brauchen. Am besten, Sie nehmen gleich zwei.“ Er steckte mir eine Hand voll Pastillen in meine Jackentasche, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in einer Seitengasse.

Ich sah auf die Uhr. Die Zeit in der Konoba Fortuna war wie im Flug vergangen. Es fehlte gerade noch ein halbes Stündchen, bis es vier wurde. Ich nützte es, um mir noch ein paar von den Altstadthäusern anzusehen, in deren Fassaden ich immer wieder alter Römersteine eingearbeitet fand. Auf einem besonders schönen Exemplar, das ich gleich neben der Eingangstür zu einer Metzgerei fand, war das Fragment einer Hasenjagd dargestellt, was in dieser Nachbarschaft nicht eines gewissen morbiden Reizes entbehrte. Und da man sich im Gässchenlabyrinth des historischen Stadtkerns von Balaor leicht verlaufen konnte, war ich ganz froh, als ich einigermaßen pünktlich vor der Präfektur ankam, wo ein paar Gemeindebedienstete gerade damit beschäftigt waren, die Blutflecken von der Treppe zu scheuern.

Die Präfektur war, wie ich einer Inschrift neben den beiden grinsenden Tritonen entnahm, im ehemaligen Bischofspalast von Balaor untergebracht, der, wie viele Verwaltungsgebäude am adriatischen Meer, im Stil der einstigen venezianischen Kolonialherren erbaut worden war. Ich trat ein und ein blässlicher Jüngling, der in einem Glaskubus gleich hinter der Eingangstür saß, teilte mir über die Sprechanlage mit, dass der Präfekt mich in seinem Arbeitszimmer in der ehemaligen bischöflichen Bibliothek im zweiten Stock des Hauses erwarte.

Ich ließ das Sekretariat der Präfektur, zu dem ein Pfeil führte, also links liegen und pochte lieber gleich mit einem schweren Eisenring zwei- oder dreimal an die Bibliothekstür. Als niemand antwortete, überlegte ich kurz, ob ich nicht doch noch den hierarchisch sicher angebrachten Umweg nehmen und mich anmelden lassen sollte, doch dann zog ich es vor, einfach einzutreten.

Die Bibliothek war zwar zweistöckig, aber durchaus überschaubar, man könnte fast sagen intim. In der Mitte des Raumes stand ein schwerer Konsoltisch aus der Spätrenaissance, dessen verspielte Knorpelwerk-Ornamentik in seltsamem Gegensatz zur glattpolierten, nahezu intarsienfreien Oberfläche stand, auf der sich nur ein Telefon und ein PC, aber weder Akten noch Schreibzeug oder sonstige Unterlagen befanden. Der Mann, der auf dem im selben üppigen Stil wie der Tisch gehaltenen Armstuhl saß, umgab sich sichtlich nicht gerne mit überflüssigen Dingen. Im Moment war der Stuhl allerdings leer, und der Präfekt war nur durch seine Stimme präsent, die von der Galerie kam.

„Dobre dan, Doktor Carozzi, kommen Sie nur herauf“, erschallte die laute, wenn auch schon etwas knirschende Stimme, die noch einen weiteren Satz in ihrer Muttersprache hinzufügte. Erst mein peinlich anhaltendes Schweigen ließ den Präfekten in ein dunkel timbriertes, aber perfektes Italienisch wechseln. „Der Tag hat schlimm genug begonnen, man muss ihn nicht auch noch in finsteren Räumen verbringen.“

Ich kletterte die kleine Wendeltreppe auf die Galerie hoch und sah, dass hinter der Bücherfront noch eine weitere kurze Treppe hinaus auf eine geräumige Loggia führte, wo Damir Nonno zwischen etlichen Stechpalmen und Kakteen vor einem Panorama residierte, um das man ihn nur beneiden konnte. Lediglich ein paar Ziegeldächer trennten die Marmorbrüstung vom Meer und gaben den Blick auf mehr als ein Dutzend kleiner und kleinster Inseln frei, die der Küste Balaors wie Trabanten vorgelagert waren. Manche waren dicht mit Pinienwäldern bewachsen, andere ragten wie felsgraue Eisberge aus dem Wasser und waren, außer zum Anschauen, allenfalls für Strafgefangene geeignet, die dort, wo man heute noch Befestigungsreste erkennen konnte, tatsächlich einmal untergebracht gewesen sein mochten.

„Ich lasse nach Macorig rufen, unserem Kulturdezernenten. Er sollte, denke ich, bei unserem Gespräch dabei sein“, sagte der Präfekt und murmelte ein paar Worte in sein Triband-Handy, mit dem er die Stadt von seiner Loggia aus wie mit einem elektronischen Zauberstab zu regieren schien. Ich persönlich pflege statt Handy ja Bellerophon zu sagen. Denn ich habe diese Zivilisationsgeißel nach jenem eitlen Unglückswurm benannt, der mit dem Pegasos über den Olymp reiten wollte. Göttervater Zeus stürzte ihn daraufhin zuerst in die Tiefe und dann in den Wahnsinn. Ich überlegte kurz, ob ich den Präfekten nach seinem harten Arbeitstag mit dieser kleinen Anekdote aus meinem archäologischen Repertoire erheitern könnte, ließ es aber dann. Mein Gegenüber hatte, wie sich gleich zeigen sollte, andere Probleme.

„Sie haben ausgiebig zu Mittag gegessen?“, fragte Nonno nicht wirklich freundlich, nachdem er mich aufgefordert hatte, Platz zu nehmen. „Hat Ihnen unser Wein geschmeckt?“

Ich war über diese Frage zu verblüfft, um darauf eine einigermaßen schlagfertige Antwort zu finden, und kramte stattdessen in meiner Jackentasche nach den Pfefferminzbonbons.

„Ich habe einen sehr ausgeprägten Geruchssinn“, fuhr der Präfekt fort. „Ich würde sagen, Sie haben ziemlich scharf gegessen, dazu reichlich Malvasia getrunken und am Schluss auch noch ausgiebig an einem Schnäpschen genippt. Habe ich nicht recht?“

Es hatte wohl keinen Sinn, ihm zu widersprechen. „Ja, ich habe die Wartezeit damit verbracht, eines der Restaurants von Balaor auszuprobieren“, gestand ich.

„Vielleicht hätten Sie in der Zwischenzeit lieber das Lapidarium inspizieren sollen.“

„Dort war ich …“

„Halt, lassen Sie mich raten“, unterbrach mich Nonno. „Sie waren in der Fortuna und haben von Gildas Pasta d’Angelo genascht, richtig?“

„Ihr Geruchssinn ist wirklich verblüffend“, erwiderte ich, aufrichtig beeindruckt. Ein verbindliches Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Der Mann, der vielleicht mein nächster Vorgesetzter werden sollte, war also eitel.

„Ich habe auch lange genug geübt“, sagte er und klopfte sich schuldbewusst auf den Bauchansatz. „Nicht ohne Folgen übrigens. Wenn in Balaor der Südwind geht, ist das Meer zwar am schönsten, aber dann plagt mich mein Ischias.“

Nonnos Züge verzerrten sich plötzlich schmerzhaft, und er griff sich vom Sonnengeflecht, auf dem seine Hand noch immer ruhte, an die rechte Hüfte.

„Heute ist das Meer besonders schön, finden Sie nicht?“

Ich benetzte meinen Zeigefinger mit etwas Speichel und hielt ihn in den Wind.

„Kommt tatsächlich von Süden“, sagte ich.

„Ja, der Jugo. Es ist immer dasselbe“, seufzte der Präfekt. „Vielleicht sollte ich es wirklich wie Papst Benedikt XIV. machen und statt Tabletten zu nehmen Strümpfe aus Muschelseide tragen. Er hatte immer welche dabei, und sobald er einen Anfall bekam, nahm er sie aus seiner Tabaksdose. Wussten Sie das?“

Ich hatte mittlerweile endlich eines meiner Pfefferminzbonbons aus der Tasche gefingert und schob es, als ich mich von Nonno einen Augenblick lang unbeobachtet glaubte, zwischen die Zähne. Dafür erspähte mich der edle Spender der Pastillen.

„Dario, da sind Sie ja“, sagte Nonno, dessen Ischiasattacke wieder nachgelassen hatte. „Darf ich Ihnen Dario Macorig vorstellen, unseren Kulturdezernenten?“

„Wir haben uns schon kennengelernt“, erwiderte Macorig grinsend. „Wir hatten den gleichen Weg.“

„Ach ja, Sie pflegen ja auch bei Gilda zu lunchen. Bei Ihrer Jugend können Sie sich das auch noch leisten. Ich hingegen muss mich wenigstens mittags kasteien.“

„Abends wäre gesünder …“, wandte Macorig ein.

„… ist aber nicht machbar“, erwiderte Nonno kategorisch, bevor er sich wieder an mich wandte.

„Sie wollten sagen, dass Sie nicht nur bei Gilda gespeist haben, Dottore Carozzi, sondern sich auch schon etwas intensiver mit unserem Lapidarium befasst haben?“

„Ich habe die einschlägige Fachliteratur studiert, ja. Wissenschaftlich gesehen wäre die Leitung einer solchen Sammlung zweifellos eine große Herausforderung.“

„Ja, ja, wissenschaftlich gesehen“, äffte mich Nonno nach, und das verhieß wenig Gutes. „Unwissenschaftlich betrachtet ist das Lapidarium nämlich ein touristisch brachliegender und ökonomisch völlig ungenützter öffentlicher Raum, und wenn wir nicht einen so engagierten Kulturdezernenten hätten, …“

Macorig lehnte sich selbstzufrieden in seinem Sessel zurück.

„… so würde ich die Steine am liebsten ans British Museum verkaufen, das sich übrigens schon interessiert gezeigt hat, da das Lapidarium im 18. Jahrhundert von einem der ihren eingerichtet wurde.“

„Sie meinen Sir Joseph Bingham“, erwiderte ich, um zu beweisen, dass ich mich tatsächlich vorbereitet hatte.

„Mag sein, dass er so geheißen hat“, erwiderte Nonno eher uninteressiert.

„Aber so weit, dass wir verkaufen wollen, sind wir ja noch nicht“, mischte sich Macorig ins Gespräch ein. „Sonst hätten wir ja wohl keinen Posten für einen Museumsdirektor mit archäologischer Ausbildung ausgeschrieben. Was fällt Ihnen denn spontan so zu unserem Lapidarium ein, Dottore?“

„Es ist ein schöner Platz“, sagte ich. „Und es wäre wirklich schade, wenn Sie die Steindenkmäler verkaufen würden.“

„Wir wollen die Steine ja auch gar nicht verkaufen“, insistierte Macorig. „Wir möchten allerdings, dass Sie sie für uns verkaufen.“

Kaum hatte ich begonnen, mich für Balaor zu erwärmen, sah ich meine Chancen, hier zumindest einen schönen Sommer zu verbringen, auch schon wieder dahinschwinden.

„Wie darf ich das verstehen?“, fragte ich und konnte meine Enttäuschung nicht verhehlen. „Ich bin Archäologe, kein Kunsthändler.“

„Sie haben mich missverstanden“, erwiderte Macorig und schien sich diebisch darüber zu freuen, dass es ihm gelungen war, mich aufs Eis zu führen. „Wie ich Ihren Bewerbungsunterlagen entnehme, haben Sie sich in Mexiko, Ephesos und diesem, wie Sie schreiben, niederösterreichischen Weiler namens …?“

„Schattenbach. Aber das war mehr ein Sidestep ins Volkskundliche …“

„Gleichwie. Sie haben uns versichert, dass Sie sich dort mit Museumsmarketing vertraut gemacht haben. Und genau das erwarten wir von Ihnen. Sie sollen mit dem Lapidarium Gewinne erwirtschaften.“

„Sie meinen, ich soll Eintrittskarten verkaufen?“

Macorigs schmale Lippen verzogen sich beidseitig nach unten.

„Das auch, aber damit wird es wohl nicht getan sein.“

„Was Dario meint“, sprang ihm der Präfekt bei, „ist, dass Sie das Lapidarium als eigenständiges Profit-Center führen sollen. Das mindeste, was es kurzfristig einspielen muss, ist Ihr Gehalt. Und da dieses vernünftigerweise ja nicht allzu hoch sein wird, sollte das auch möglich sein. Mittelfristig müsste das Lapidarium dem Museumserhalter jedoch auch Gewinne bringen, da sonst …“

„Ich weiß, das British Museum …“

„Es muss nicht das British Museum sein. Japanische Museen würden vielleicht noch mehr für unsere epigraphisch so bedeutungsvolle Sammlung zahlen. Also reden Sie schon, Dottore, was fällt Ihnen dazu ein, außer dass Sie den ganzen Tag an der Kasse sitzen und Eintritt verlangen wollen?“

Die Vorstellung, als Kassier engagiert zu werden, erfreute mein Archäologenherz nicht gerade, und außerdem ging mir Nonnos überhebliche Art langsam wirklich auf die Nerven.

„Man könnte alljährlich ein archäologisches Symposium abhalten“, erwiderte ich dennoch artig und schluckte meinen Ärger hinunter. „Das brächte neue Gäste nach Balaor.“

„Und würde noch mehr Geld kosten, nein, nein“, widersprach der Präfekt kopfschüttelnd, für den der Verkauf der Steine, wie mir schien, schon beschlossene Sache war. „Denken Sie allein an die Honorare und Reisekosten für die Referenten.“

„Man könnte auch spezielle Führungen für junge Leute anbieten“, spann ich weiter vor mich hin.

„… die dann nur den halben Preis zahlen, massenhaft Sandwiches vertilgen und mit ihren hässlichen Rucksäcken unser Straßenbild stören, oder was meinten Sie damit?“

Nein, ein konstruktiver Vorgesetzter war Damir Nonno nicht.

„Ich meine, die alten Römer haben es doch wirklich toll getrieben“, setzte der Präfekt nach. „Da muss einem Fachmann wie Ihnen doch irgendetwas dazu einfallen.“

„Ich kann auch Swinger-Clubbings zwischen antiken Grabsteinen anbieten, oder altrömische Orgien“, erwiderte ich, mittlerweile schon ziemlich gereizt.

„So weit wollen wir nun wieder nicht gehen“, beschwichtigte Macorig.

„Obwohl – das mit den Orgien, das hätte schon was“, merkte Nonno zufrieden an und grinste nach längerer Zeit wieder einmal.

Ich starrte hinaus aufs Meer und sah, dass sich auf der Balustrade gerade eine Felsentaube niedergelassen hatte, die mit einer der vorbeifliegenden Möwen um die Wette gurrte. Ich durchpflügte unterdessen den Irrgarten unter meiner Schädeldecke nach einer rettenden Idee, bis ich erkannte, dass diese unmittelbar vor mir saß.

Apicius, so hieß das Zauberwort. Felsentaube nach Apicius-Art. Ich hatte sie einmal in der Taverne des archäologischen Parks von Xanten gegessen, wo man sie nach dem antiken Originalrezept in einer Sauce aus Pfeffer, Liebstöckel, Selleriesamen, Minze, Myrtenbeeren, Honig, Wein, Essig, Fischpaste und Öl zubereitet hatte. Sie hatte damals zwar ein wenig eigenartig, aber letztlich gar nicht so übel geschmeckt.

Die Taube breitete ihre Flügel aus und setzte von der Balustrade der Loggia aus zum Sinkflug über die Dächer von Balaor auf die Meeresküste an. Für mich hatte sie ihren Dienst, zumindest fürs Erste, getan.

„Wir könnten im Lapidarium, ein- oder mehrmals in der Woche, Apicius-Menüs anbieten“, schlug ich vor.

„Apicius-Menüs?“ Mir war nicht ganz klar, ob die Reaktion des Präfekten Ratlosigkeit oder Begeisterung signalisierte.

„Apicius ist der Autor der ältesten Rezeptsammlung der Welt“, erklärte ich. „Er lebte zur Zeit des Kaisers Tiberius und hat ein paar hundert Kochrezepte hinterlassen, von denen sich die meisten auch heute noch relativ leicht nachkochen lassen.“

„Ich weiß, wer Apicius ist“, sagte Nonno leicht gekränkt. „Aber wie wollen Sie das machen? Im Lapidarium gibt es weit und breit keine Küche.“

„Doch, gibt es. Man bräuchte bloß das vernagelte Fenster zu öffnen, das direkt in die Konoba Fortuna führt. Das könnte Gilda Scaramuzza als Durchreiche verwenden und von ihrer Küche aus die Apicius-Menüs catern. Man müsste bloß mit ihr reden. Kochen kann sie jedenfalls.“

„Und wie“, fügte Dario Macorig begeistert hinzu.

„Der Rest sind ein paar weiße Leintücher und Holzpritschen, die wir ohne großen Aufwand in Triklinien umbauen können. Und die Zisterne unter dem Olivenbaum eignet sich perfekt als Weinkühlschrank.“

„Wenn das tatsächlich realistisch sein sollte, dann sind Sie engagiert, Doktor Carozzi“, sagte der Präfekt feierlich. „Ich würde meinen, wir beginnen vorerst einmal mit einer Probezeit von, sagen wir, drei Monaten?“

Ich willigte, obwohl ich das Wort Probezeit aufgrund früherer böser Erfahrungen gar nicht gerne höre, in seinen Vorschlag ein und versprach, mich mit den Scaramuzzas ins Einvernehmen zu setzen.

„Sie sollten sich möglichst bald auch mit Professor Belli bekanntmachen“, sagte Macorig. „Ich denke, Ihre Idee wird ihm gefallen, und vielleicht kann er etwas dazu beitragen, dass Sie sich Ihr Geld bei uns auch wirklich verdienen.“

„Wer ist Professor Belli?“

„Professore Bartolomeo Belli? – Er ist eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet des Event-Marketings. Zurzeit lebt er drüben auf der Katharineninsel und erarbeitet ein völlig neues Tourismuskonzept für unsere Inselregion. Macorig wird für Sie sicherlich einen Termin mit ihm vereinbaren, nicht wahr, Dario?“

Macorig nickte.

„Apropos“, fügte Nonno hinzu. „Wo wohnen Sie eigentlich hier in Balaor?“

„Die heutige Nacht habe ich im Hotel Cefalo verbracht. Aber das werde ich mir von dem Gehalt, das Sie mir gerade in Aussicht gestellt haben, wohl nicht lange leisten können.“

Damir Nonno lächelte mitleidig und wandte sich dann an seinen Dezernenten.

„Wir könnten ihn fürs Erste im Castelletto unterbringen. Das ist zwar nicht sehr luxuriös und gehört eigentlich zum alten Ospizio. Aber es steht leer und hat einen herrlichen Blick aufs Meer, fast noch schöner als dieser hier von der Loggia. Dario wird Sie bei Tusnelda Scacci avisieren.“

Macorig nickte abermals.

Nonno wünschte mir viel Erfolg für meine neue Aufgabe und entließ mich. Macorig begleitete mich aus der Bibliothek und bat mich, unten am Portal auf ihn zu warten. Er müsse, sagte er, nur noch ein paar Anrufe erledigen und könne mich dann persönlich hinüber zum Castelletto führen.

Als ich unten bei den beiden grinsenden Tritonen angelangt war, sah ich, dass die Blutflecken auf der Treppe mittlerweile verschwunden waren, der Engel, der sie verursacht hatte, jedoch hinter einer rot-weißen Absperrung immer noch alle Viere, und wenn man die beiden Flügel dazuzählte, sogar alle Sechse von sich streckte. Ich beneidete die Kollegen nicht, die den zerborstenen Himmelsboten mitsamt seinem voluminösen Flugapparat und dem zersplitterten Flammenschwert wieder zusammenflicken mussten. Kaum zu glauben, dachte ich, dass dieser Erzengel, dessen Namen immerhin „Wer ist wie Gott?“ bedeutet, dereinst Satan besiegt haben sollte, so hilflos, wie er da auf dem Pflaster lag.

Während der Engel von einem Gendarmen in Gardeuniform, der vor der Präfektur Wache schob, observiert wurde, schien sich um den Sockel, auf dem der Himmelsbote heute Morgen noch gestanden war, kein Mensch zu kümmern. Nachdem es vor dem alten Bischofspalast sonst keine Sitzgelegenheit gab, benutzte ich während des Wartens auf Macorig das Steinfundament zum Anlehnen, was mir zwar einen kritischen Carabinieriblick, ansonsten aber keinen Ärger eintrug.

Macorig brauchte eine Weile und ich begann, schon ein wenig nervös, rund um den Steinquader zu zappeln, stützte mich einmal darauf, drehte mich dann in die andere Richtung, und sah plötzlich, dass die Hand, mit der ich mich aufgestützt hatte, schwarze Flecken hatte. Sollte der Erzengel, solange er noch in Amt und Würden war, etwa Schmieröl abgesondert haben?

Nein, das war kein Öl, das war auch nicht Staub, sondern es war Asche, die ich da auf der Hand hatte, fast so, als hätte gerade jemand eine seiner Toscani auf dem Sockel ausgedämpft. Als ich den Stein daraufhin noch ein wenig genauer untersuchte, fiel mir auf, dass, kaum merklich, ein kleines, gerade nussgroßes Eckstück abgebrochen war. Ich ging um den Sockel herum und erblickte in einem halben Meter Entfernung davon tatsächlich das fehlende Steinbröckchen. Ich überlegte kurz, ob ich es liegen lassen sollte, wo es war. Doch dann bückte ich mich schnell, hob es auf und ließ es in meine Tasche zu den Pfefferminzbonbons gleiten. Dann klatschte ich ein paar Mal in die Hände, um den schwarzen Staub abzuschütteln.

„Applaudieren Sie sich jetzt selbst, dass Sie den Job bekommen haben?“, fragte Macorig, der im selben Augenblick zwischen den beiden Tritonen hervortrat.

„Ich gehe davon aus, dass auch Sie mir früher oder später applaudieren werden“, erwiderte ich frech. „Spätestens dann, wenn die Apicius-Abende im Lapidarium ein Erfolg geworden sind.“

Macorig schien an meiner Antwort nicht wirklich interessiert zu sein.

„Sie hätten das Pfefferminzbonbon schon früher lutschen sollen. Der Geruchssinn des Präfekten ist in ganz Balaor bekannt, und Boldos Peperoncini-Grappa ist leider ein ziemlich verräterischer Stoff. Professor Belli erwartet Sie übrigens morgen auf der Katharineninsel. Sie können das Frühschiff nehmen. Er wird Sie an der Anlegestelle erwarten. Der Professore wirkt sehr interessiert an Ihren Plänen.“

„Vielleicht sollte man vorher noch mit Gilda Scaramuzza reden.“

„Sie wird mitmachen, davon können Sie ausgehen. Denn auf diese Weise kommt sie endlich zu dem kleinen Gastgarten, um den sie schon so lange angesucht hat. Damit wird man sie ködern können.“

Ich überlegte kurz, ob ich ihm die Geschichte von der Asche und dem abgebröckelten Stein erzählen sollte, wollte mich aber nicht unnötig wichtigmachen.

„Ich habe Sie auch bei Tusnelda Scacci angemeldet“, fuhr Macorig fort. „Sie lässt Ihre Suite im Castelletto gerade saubermachen.“

„Meine Suite?“

„Lassen Sie sich überraschen. Ich werde Sie hinüberbegleiten. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß, und das Castelletto liegt auch nicht allzu weit vom Hotel Cefalo entfernt.“

„Weiß man eigentlich schon, warum der Engel von seinem Sockel gefallen ist?“

Macorig zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Engel sind unberechenbar. Aber es war ganz sicher ein Unfall, wenn Sie das meinen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der kräftig genug wäre, einen Bronzeengel vom Sockel zu schubsen.“

Über Balaor hatte sich inzwischen eine vorabendliche Stimmung gelegt und die schon etwas müde gewordene Sonne tauchte die Altstadt in ein sattes Ocker. Scaramuzza, dachte ich, hatte schon recht. Balaor war wirklich eine schöne Stadt. Allerdings eine, in der man gut beraten war, sich vor sprungbereiten Monumenten in Acht zu nehmen.

2. Kapitel

Boreto

Die Übersiedlung vom Hotel Cefalo in die Via Brunbuli bewies mir einmal mehr, wie klug es gewesen war, meinen alten Lada, den ich noch als Student erworben hatte, nach meiner Rückkehr von Mexiko nach Europa nicht gegen ein neueres Auto einzutauschen. Er passte in die engen Gassenschluchten von Balaor, in denen sonst nur mit Motorrollern und Fahrrädern an ein Weiterkommen zu denken war, wie ein Finger in einen Gummihandschuh. Ich musste dem alten Lenin, der die Umrisse des Prototyps angeblich selbst entworfen hat, einmal mehr recht geben, wenn er meinte, dass alles, was ein Auto außer einem Chassis, einem Motor und vier Reifen habe, überflüssiger Luxus sei.

Eines solchen entbehrte auch die „Suite“, die mir Macorig im Castelletto in der Via Brunbuli zugewiesen hatte, auf jede nur erdenkliche Weise. Daran änderte auch nichts, dass, wie mir Tusnelda Scacci bei der Schlüsselübergabe versicherte, kein Geringerer als der große Gabriele D’Annunzio hier dereinst einen Sommer verbracht hatte, um etliche Kapitel seiner „Laudi“ zu schreiben. Der Mann mochte für seine Liebe zur Prunkentfaltung ja ebenso berühmt gewesen sein wie für seine schwülen Metaphern. Geblieben waren aus seiner gloriosen Epoche lediglich eine vorhanglose Brause und ein Sparherd, der allerdings erfreulich benutzbar wirkte und von einem Kasten flankiert war, in dem sich ein paar Kochutensilien befanden. Im Übrigen waren die ehemaligen Gemächer fast völlig ausgeräumt. Der Verputz splitterte von den meerfeuchten Wänden. Das spärliche Mobiliar – ein Spind, ein Eisenbett, ein kleiner Tisch und ein paar Stühle – roch nach Lysoform und war offenbar kurz vor meinem Eintreffen aus dem benachbarten Hospiz herübergeschafft worden.

Andererseits hatte D’Annunzio die Orte, an denen er schrieb, durchaus mit Bedacht ausgewählt. Prächtiger als hier, in einer Seitengasse jenseits der Strandpromenade von Balaor, hätte der einstöckige Naturziegelbau gar nicht gelegen sein können. Mit seinem zinnengekrönten kleinen Türmchen, den von Amphoren gesäumten Balustraden und den gemauerten Rundbogenfenstern sah das Castelletto wie die Miniaturausgabe eines schottischen Geisterschlosses aus. Die Umgebung war indessen ganz und gar nicht schaurig, sondern von vollendetem Liebreiz. Mein Schlösschen schoss aus einem üppig wuchernden kleinen Park heraus und war von einem Meer aus Oleander- und Bougainvillea-Blüten umgeben, in das die kleine Terrasse, die ich von meinem Schlafzimmer aus betreten konnte, wie eine Halbinsel hineinragte. Da sich das rosarote Blütenmeer von der Terrasse aus direkt über die Strandpromenade wölbte, mündete es aus meinem Blickwinkel scheinbar übergangslos in den blauen Mediterran, dessen gemächliche, aber beständige Brandung die Geräusche, die vom Uferkorso her durchs Gebüsch drangen, auf angenehme Weise dämpfte.

Ich trug einen der herumstehenden Klappsessel durch die Jalousientür auf die Terrasse hinaus und setzte mich so hin, dass ich sowohl den Blick auf das Türmchen als auch jenen aufs Meer genießen konnte.

Nonno hatte nicht übertrieben.

Über der Terrassentür fiel mir ein aus der Spätantike stammendes Mosaik ins Auge, das wie ein Medaillon ins Mauerwerk eingelassen war und einen Hahn im Kampf gegen eine Schildkröte zeigte. Mehr als die Architektur des Schlösschens zog mich zu dieser Stunde jedoch jene des Himmelgewölbes in ihren Bann. Neptun, der Gott des Meeres, schien nämlich gerade einen Heidenappetit auf Hespera, die Nymphe der Abendröte, zu bekommen.

Ich dachte an Lukobran, den Fischereidirektor, und daran, wie seltsam kühl und unbeteiligt mich sein Tod gelassen hatte. Sollte mich mein erlernter Umgang mit den Priestern der Mayas und Azteken, die während der Weihezeremonien ihren Opfern die Herzen aus dem lebendigen Leibe rissen, gegen blutüberströmte Leichen immunisiert haben? Oder war ich auf dem besten Wege, ein ganz normaler Karrierist wie so viele andere zu werden, der sich in seinem persönlichen Fortkommen vom Leid, das über andere kam, nur unangenehm berührt fühlte?

Über andere kam, wiederholte ich in Gedanken. Fragte sich bloß, von wem oder was es ausging. Wer hatte denn den Bronzeengel in Marsch gesetzt? Gott, das Karma oder vielleicht doch jemand aus Fleisch und Blut, der Schicksal gespielt hatte, indem er St. Michael als Cruise-Missile missbrauchte?

Neptun wollte gerade endgültig nach Hespera schnappen, um sich ihren makellosen, runden Schädel wie eine Blutorange in den Schlund zu schieben, als ich aus meiner Wohnung Schritte hörte.

Es war Tusnelda Scacci, die mit einer großen sandfarbenen Kühltasche, wie man sie gerne für Strandpicknicks benützt, auf die Terrasse trat.

„Sie werden sehen. Man kann es sich hier ganz gemütlich machen“, sagte sie mit einem skeptischen Blick auf das abbröckelnde Mauerwerk und öffnete den Reißverschluss der Tasche, die zu meiner Freude allerlei Nützliches wie Eier, Butter, Toast, Prosciutto und eine Flasche Weißwein enthielt. „Leider wurden die Gobelins in diesem Zimmer schon vor Jahren verkauft, damals, als wir das Ospizio von Grund auf renoviert haben. Aber ich werde Dusan, unseren Haustechniker, anweisen, Ihre beiden Zimmer und die Küche in der nächsten Woche wenigstens neu auszumalen.“

So wie Signora Scacci gekleidet war, glich sie weniger der Direktorin eines Pflegeheims als vielmehr der Managerin eines Luxushotels. Sie trug ein Kostüm aus blassgrauer Naturseide und dazu einen Schal aus karminrotem Chiffon. Sie mochte so um die fünfzig sein, wirkte aber jünger und war dank ihrer breiten Admiralsschultern und einer hohen, strengen Stirn, die durch den darüber aufgesteckten, dunkelblonden Haarbusch noch etwas höher und strenger wirkte, eine durchaus Respekt gebietende Erscheinung.

„Signor Macorig hat mir versprochen, das Castelletto würde mich überraschen“, erwiderte ich. „Und ich muss zugeben, die Überraschung ist ihm in jeder Hinsicht gelungen. Aber Sie haben recht. Ausmalen wäre kein Fehler. Das Gemäuer bröckelt wie feuchtes Meersalz.“

Sie nickte wissend, ich bat sie, Platz zu nehmen, und fragte höflich: „Darf ich Ihnen ein Glas von Ihrem Wein anbieten?“

„Nein, nein, den trinken Sie nur brav alleine“, erwiderte Tusnelda Scacci und blieb trotz meiner Aufforderung, sich zu setzen, weiter stehen, schien sich dabei aber nicht recht wohlzufühlen.

„Selbstverständlich stellt Ihnen Dusan morgen auch noch einen Kühlschrank auf“, erwiderte sie, ob der Kargheit des Raums peinlich berührt. „Es war in der kurzen Zeit im ganzen Ospizio leider keiner aufzutreiben.“

„Ich wollte mich auch gar nicht beschweren“, erwiderte ich und schob ihr den Sessel nunmehr fast schon fordernd unter die Kniekehlen.