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In 'GEGEN ALLE' von Joris-Karl Huysmans werden die Leser in eine Welt voller mysteriöser und grotesker Figuren eingeführt, die die Grenzen der Realität herausfordern. Der Roman zeigt eine detaillierte Darstellung der dekadenten Seite der Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und bietet eine einzigartige Mischung aus Symbolismus und Ästhetik. Huysmans' literarischer Stil zeichnet sich durch seine präzise Beschreibung von Sinneseindrücken und die Verwendung von Symbolen aus, die dem Leser eine tiefgründige Erfahrung bieten. Die Prosa des Autors ist reichhaltig und anspruchsvoll, und sein Werk steht im Kontext des literarischen Naturalismus und Symbolismus seiner Zeit. Joris-Karl Huysmans, ein bedeutender französischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine kritischen Darstellungen der Gesellschaft und seine innovative Verwendung von literarischen Symbolen. Als Schriftsteller fühlte er sich von den Abgründen der menschlichen Psyche angezogen und verarbeitete diese Themen in seinen Werken. Die vielschichtigen Figuren und die komplexe Handlung von 'GEGEN ALLE' spiegeln Huysmans' Interesse an der Erforschung der dunklen Seiten des Menschseins wider. 'GEGEN ALLE' ist ein faszinierendes Werk, das den Lesern ein einzigartiges literarisches Erlebnis bietet. Diejenigen, die sich für die literarische Darstellung des pariserischen Lebens im 19. Jahrhundert interessieren und eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen von Dekadenz und Symbolismus suchen, werden Huysmans' Werk zu schätzen wissen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Zwischen radikaler Weltflucht und maßloser Verfeinerung entwirft GEGEN ALLE das Bild eines Menschen, der das Gewöhnliche verabscheut, die Natur durch Kunstprodukte ersetzt und im selbstgeschaffenen Reich der künstlichen Reize nach einem letzten, restlos beherrschten Dasein sucht – zwischen Körper und Geist, Askese und Exzess, Ordnung und Überdruss gespannt wie ein feines, doch stets gefährdetes Seil, das die Sehnsucht nach Reinheit trägt und zugleich am Gewicht der Erfahrung zu reißen droht.
Joris-Karl Huysmans’ Roman – im Französischen als À rebours bekannt und 1884 erstmals veröffentlicht – gilt als Schlüsselwerk der Décadence-Literatur des fin de siècle. Das Buch spielt vornehmlich in einem abgeschiedenen Haus außerhalb von Paris und verlegt den Handlungsschwerpunkt vom sozialen Geschehen in einen Innenraum radikal subjektiver Wahrnehmung. Als Gegenroman zum Realismus verweigert es die herkömmliche, ereignisgetriebene Erzählökonomie und erprobt stattdessen die Möglichkeiten ästhetischer Intensität. In diesem Sinn ist GEGEN ALLE weniger Gesellschaftspanorama als Experimentierfeld: Schauplatz, Labor und Spiegelkabinett der Sinne und Ideen eines Einzelnen, der sich dem Takt der Zeit entzieht.
Die Ausgangssituation ist einfach und konsequent: Ein exzentrischer Aristokrat, Des Esseintes, zieht sich aus der Pariser Gesellschaft zurück, richtet sich in einer eigens konzipierten Villa ein und ordnet sein Leben den Künsten, Düften, Farben, Getränken und Büchern unter, die seine Fantasie am stärksten anregen. Aus dieser Isolation entsteht keine klassische Abfolge von Abenteuern, sondern eine Kaskade innerer Erlebnisse, Reflexionen und kompositorisch gestalteter Eindrücke. Das Leseerlebnis ist entsprechend kontemplativ, dicht und sinnlich, getragen von einer Stimme, die zugleich analytisch und hingebungsvoll ist, und einem Ton, der zwischen ironischer Distanz und elegischer Schwermut changiert.
Stilistisch verknüpft Huysmans eine detailversessene, bildreiche Prosa mit essayistischen Passagen, kunsthistorischen Exkursen und listenartigen Aufzählungen, die wie kostbare Inventare wirken. Die Erzählung bewegt sich eng am Bewusstsein Des Esseintes, nutzt den Raum als Resonanzkörper und die Dinge als Auslöser geistiger Kaskaden. Lange Perioden, präzise Terminologie und überraschende Metaphern erzeugen eine opulente Textur, die den Leser verlangsamt und auf die Mikrodramatik von Geschmack, Klang und Licht schärft. Dabei bleibt die Beobachtung scharf und bisweilen trocken humorvoll, sodass die barocke Fülle zugleich als Kommentar auf die Leere hinter der Fülle wahrnehmbar wird.
Thematisch kreist GEGEN ALLE um den Gegensatz von Natur und Künstlichkeit, um die Rolle der Kunst als Ersatzreligion, um Müdigkeit, Überdruss und die Frage, ob Intensität ohne Gemeinschaft denkbar ist. Des Esseintes’ Programm einer gesteigerten Wahrnehmung offenbart psychische wie körperliche Grenzen; seine Sensibilität wird zum Prüfstein einer Epoche, die an Reizsteigerung glaubt und an Sinnsuche leidet. Religiöse, literarische und malerische Motive überlagern sich, bilden ein Mosaik aus Versuchungen, Abwehrbewegungen und Sehnsüchten. So entsteht ein Panorama der Décadence, das keinen Skandal sucht, sondern eine existenzielle Diagnose liefert.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es eine Erfahrung beschreibt, die in der Gegenwart neue Formen annimmt: Rückzug als Kur gegen Beschleunigung, kuratierte Lebenswelten als Versprechen auf Kontrolle, das Schwanken zwischen Überreizung und Langeweile im Zeichen ständiger Verfügbarkeit. Die minutiöse Selbstinszenierung des Protagonisten spiegelt Mechanismen der Gegenwartskultur – von Geschmack als Identitätsmarker bis zur Sehnsucht, das Unübersichtliche mittels Auswahl, Filter und Gestaltung zu bändigen. GEGEN ALLE zeigt, wie leicht sich Befreiung in Abhängigkeit verwandelt, und wie fragil eine Existenz ist, die nur auf Intensität setzt.
Wer sich auf diese Lektüre einlässt, begegnet keinem Abenteuerroman, sondern einer gedanklichen und sinnlichen Expedition, deren Spannung aus Präzision, Konsequenz und Widerspruch lebt. Huysmans lädt dazu ein, das Verhältnis von Innenraum und Außenwelt, von Kunst und Leben neu zu verhandeln – ohne einfache Antworten, aber mit suggestiver Kraft. So ist GEGEN ALLE nicht nur ein Monument der Décadence, sondern auch eine aktuelle Schule der Aufmerksamkeit: ein Buch, das Geduld verlangt, Wahrnehmung belohnt und die Frage stellt, wie man leben kann, wenn man dem Gang der Welt nicht folgen will.
Der Roman von Joris-Karl Huysmans verfolgt Jean des Esseintes, den letzten Spross einer verfallenden Adelsfamilie, der sich angewidert von Gesellschaft, Politik und Lärm in ein abgeschiedenes Landhaus bei Paris zurückzieht. Sein Entschluss ist radikal: Er will das Leben neu komponieren, indem er Natur und Alltag durch eine vollständig künstlich arrangierte Welt ersetzt. Daraus entsteht der leitende Konflikt zwischen Isolation als vermeintlicher Befreiung und der zähen Persistenz von Körper, Erinnerung und Umwelt. Die Erzählung folgt seiner schrittweisen Abkehr, von der Stadtflucht über die minutiöse Gestaltung des Rückzugsortes bis zur Erprobung einer Existenz, die ganz auf Kontrolle, Distinktion und seltene Empfindungen setzt.
In Fontenay richtet des Esseintes ein hermetisches Refugium ein, das als Labor für gesteigerte Wahrnehmung dient. Räume, Farben, Stoffe, Düfte und Beleuchtung werden so abgestimmt, dass sie die Außenwelt vergessen machen. Er kuratiert eine Bibliothek seltener Werke, sammelt Kunst und entwickelt ein System, mit dem er Geschmack, Klang und Geruch wie Instrumente eines Orchesters mischt. Das erste große Resultat dieses Programms ist ein Alltag, der nicht mehr auf Ereignisse angewiesen ist, sondern auf Kompositionen des Augenblicks. Zugleich zeigt sich der Preis: Jede Steigerung verlangt die nächste, und die Schwelle der Erregbarkeit verschiebt sich unaufhörlich.
Seine Lektüren führen ihn durch antike, frühchristliche und moderne Texte, die er nach einem Kriterium vereint: Sie kultivieren das Künstliche, das Seltene und das Exzessive. Gegenüber zeitgenössischem Naturalismus behauptet er eine Poetik der Auswahl und des Stils. Auch religiöse Kunst und Liturgie faszinieren ihn, weniger als Glaubenszeugnis denn als Parade der Formen, Farben und Klänge. Leitend ist die Frage, ob eine ästhetische Lebensführung die Zerrissenheit der Moderne heilen kann. Diese Passagen strukturieren den Roman essayistisch: Über Kunst, Sprache und Geschmack versucht des Esseintes, eine innere Ordnung zu gewinnen, die der Außenwelt entzogen bleibt.
Parallel dazu betreibt er Experimente mit den Sinnen: spekulative Diäten, fein abgestimmte Getränke, Parfüms, ungewöhnliche Kombinationen von Materialien und Temperaturen. Reisen ersetzt er durch sorgfältig geplante Reize, die Erinnerungen und Erwartungen simulieren und übertreffen sollen. Der Roman markiert hier einen Wendepunkt: Das Projekt der Verfeinerung wird zur Prüfung der Belastbarkeit von Nerven und Einbildungskraft. Die Grenze zwischen anregender Fiktion und erschöpfender Reizung verwischt, und aus bewusster Regie wird Zwang zur Steigerung. Erste körperliche Symptome und Schlafstörungen deuten an, dass die hermetische Komposition des Daseins Nebenwirkungen hat, die sich nicht mehr ästhetisch beherrschen lassen.
Erinnerungen an frühere Liebesbeziehungen und gesellschaftliche Begegnungen werden als Fallstudien eigener Irrtümer aufgerufen. Sie zeigen, wie sehr seine Versuche, Menschen wie Werke zu inszenieren, in Enttäuschung und Ernüchterung endeten. Statt die Gegenwelt der Kunst zu gefährden, bestärken diese Rückblicke seinen Rückzug. Zugleich offenbaren sie eine unversöhnliche Spannung: Sehnsucht nach Nähe kollidiert mit dem Drang, sich jeder Bindung zu entziehen. In dieser Phase verlagert sich der Fokus von der Sammlung äußerer Kostbarkeiten auf die Selbstbeobachtung, die mit wachsender Nervosität und gesundheitlicher Fragilität einhergeht und die Grenzen der hermetischen Lebensform sichtbarer macht.
Angesichts zunehmender Beschwerden sucht des Esseintes medizinischen Rat und ringt zugleich um geistigen Halt. Religiöse Texte und Bilder werden nun nicht nur ästhetisch betrachtet, sondern als mögliche Schule der Disziplin und des Trostes. Doch Skepsis und Gewohnheit des Widerspruchs verhindern eine einfache Entscheidung. Ein weiterer Wendepunkt ergibt sich, als ihm nahegelegt wird, seinen Rückzug aufzugeben, um die Gesundheit nicht vollends zu ruinieren. Damit tritt der Grundkonflikt offen hervor: Lässt sich das Ideal einer künstlichen, selbstgenügsamen Existenz mit den Bedingungen eines verletzlichen Körpers und einer hartnäckigen Welt vereinbaren, oder muss er den Kurs korrigieren?
Das Werk entfaltet weniger eine äußere Handlung als eine dramatische Idee: die bis zur Konsequenz getriebene Alternative von Natur und Kunst, Weltverkehr und Absonderung. In Sprache, Motivwahl und Kompositionsform wird daraus ein Schlüsseltext der literarischen Décadence, der die Faszination am Künstlichen mit einer präzisen Diagnose moderner Erschöpfung verbindet. Ohne die endgültige Auflösung auszuformulieren, bleibt eine doppelte Wirkung: Bewunderung für die Radikalität ästhetischer Selbsterschaffung und Skepsis gegenüber ihrer Tragfähigkeit. So wirkt der Roman fort als Prüfstein für die Frage, ob Kunst Zuflucht, Ersatzreligion oder nur Zwischenspiel ist, bevor die Wirklichkeit zurückkehrt.
Ende des 19. Jahrhunderts prägten in Frankreich die Dritte Republik, die Hauptstadt Paris und eine dichte Kulturlandschaft das öffentliche Leben. Staatliche Modernisierung, säkulare Schulreformen unter Jules Ferry sowie ein expandierender Pressemarkt strukturierten Debatten. Einflussträger waren die Académie française, die staatlich geförderten Salons der bildenden Kunst und ein kommerziell erstarkter Verlagsbetrieb, etwa bei G. Charpentier. Gleichzeitig behauptete die katholische Kirche trotz antiklerikaler Gesetze weiterhin kulturelle Autorität. Medizinische Institutionen wie die Salpêtrière unter Jean-Martin Charcot prägten den Diskurs über Nervenleiden. In diesem Umfeld entstand 1884 Joris-Karl Huysmans’ Roman, der Paris und seine Vororte als kulturellen Resonanzraum voraussetzt.
Das literarische Feld wurde in den 1870er und frühen 1880er Jahren vom Naturalismus dominiert, angeführt von Émile Zola und den Goncourt-Brüdern. Huysmans stand diesem Lager zunächst nahe: Er schilderte Milieus mit dokumentarischem Anspruch und beteiligte sich 1880 an den Soirées de Médan. Seine Tätigkeit als Beamter im Innenministerium in Paris verlieh seinem Prosaton ein Beobachterprofil, das soziale Realität ernst nahm. Zugleich wuchs in seinem Kreis das Unbehagen an deterministischen Programmen. Kunstanschauungen, die über Beobachtung hinaus auf Suggestion, Klang und Symbol zielten, gewannen an Attraktivität und stellten den naturalistischen Konsens schrittweise infrage.
Parallel festigte sich in Frankreich eine Strömung, die später als Décadence bezeichnet wurde und mit dem entstehenden Symbolismus verflochten war. Autoren wie Mallarmé und Verlaine experimentierten mit musikalischer Sprache und Ambiguität; sie knüpften an Baudelaire an, der 1857 die ästhetische Moderne provoziert hatte. In den frühen 1880er Jahren verschob sich die Aufmerksamkeit zunehmend vom sozialen Panorama zur Innerlichkeit und zum Kult des Künstlichen. Huysmans’ Roman von 1884 wurde rasch als Signaturtext dieser Bewegung erkannt, da er die Vorrangstellung der Kunst, die Rarität des Geschmacks und eine bewusste Distanz zum Alltagsleben programmatisch ausstellte.
Die bildende Kunst bildete einen wichtigen Referenzrahmen. Gemälde von Gustave Moreau und die Visionen Odilon Redons verankerten luxuriöse, symbolisch aufgeladene Bildwelten in der Pariser Avantgarde. Seit den 1860er Jahren hatte der Japonismus neue Ornamentik und Farbvorstellungen verbreitet; Sammlerleidenschaft und kunstgewerbliche Raritäten wurden gesellschaftlich prestigeträchtig. Gleichzeitig etablierte sich ein eigenständiger Musikdiskurs: Die Wagner-Rezeption polarisierte Paris, während die offiziellen Salons weiterhin akademische Normen verteidigten. Die Konflikte zwischen offizieller Kunstpolitik und avantgardistischen Sensibilitäten spiegeln die Spannungen, in denen Huysmans’ Roman seine enzyklopädische Kulturbeobachtung und Vorliebe für kunstvoll Künstliches verankert.
Die medizinisch-wissenschaftliche Moderne prägte die Epoche stark. Charcots Demonstrationen an der Salpêtrière und die Popularisierung von Diagnosen wie Neurasthenie (Beard 1869) beeinflussten die Wahrnehmung nervöser Erschöpfung, Sensibilität und Ausnahmezustände. Degenerationslehren, zunächst von Bénédict Morel formuliert, wurden in den 1880er Jahren breit diskutiert und später von Max Nordau 1892 zur kulturkritischen Anklage gegen Décadents zugespitzt. Diese Diskurse kontextualisieren die im Roman hervortretende Faszination für Grenzzustände von Körper und Wahrnehmung, ohne dass klinische Genauigkeit angestrebt wird. Sie zeigen eine Zeit, die psychische Krisen als Signaturen der Moderne verstand und zugleich pathologisierte.
Zwischen Säkularisierung und religiöser Beharrung war Frankreich von intensiven Glaubensdebatten geprägt. Antiklerikale Gesetze der Dritten Republik trafen auf katholische Revivals, intellektuell gestützt durch neo-thomistische Impulse und eine erneute Wertschätzung liturgischer Traditionen. Huysmans’ spätere Konversion (1892) gehört in diesen Kontext, doch bereits 1884 lässt sich eine starke Anziehungskraft kirchlicher Ästhetik und Ritualsymbolik erkennen, die neben Sinnesluxus sakrale Formen als Gegenwelt zur modernen Nützlichkeit würdigt. Daraus erwächst kein katechetisches Programm, sondern eine historisch bezeugte Spannung zwischen positivistischer Rationalität und dem Bedürfnis nach Transzendenz, wie es zahlreiche zeitgenössische Debatten spiegeln.
Die Veröffentlichung des Romans im Jahr 1884 bei G. Charpentier löste sofort kontroverse Reaktionen aus. Naturalisten empfanden die Abkehr vom dokumentarischen Programm als Provokation, während Symbolisten den Text enthusiastisch aufnahmen. Barbey d’Aurevilly formulierte die berühmte Zuspitzung, der Autor habe nach diesem Buch nur die Wahl zwischen Verzweiflung und dem Kreuz, womit er die existentielle Wucht des Werks betonte. Internationale Wirkung folgte: Oscar Wilde verwies in The Picture of Dorian Gray 1890 auf ein verführerisches Buch, das vielfach mit Huysmans’ Roman identifiziert wird. Kritiker wie Nordau attackierten es später als Symptom kultureller Degeneration.
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Roman als Kommentar zum Fin de Siècle lesen: Er registriert den Bedeutungsverlust traditioneller Aristokratie, die Überfeinerung städtischer Eliten und die Ermüdung an Fortschrittsversprechen. Ohne Handlungsspoiler genügt festzuhalten, dass das Buch eine radikale Innenschau praktiziert und das Künstliche über das Natürliche stellt. Damit reagiert es auf Naturalismus, Massenkultur und Wissenschaftsglauben, indem es das autonome Kunstwerk und elitäre Sensibilität verteidigt. Historisch markiert es einen Wendepunkt: von der sozialen Dokumentation zur ästhetischen Introspektion, die das geistige Klima der Dritten Republik pointiert widerspiegelt.
Wenn man nach den Porträts urteilen sollte, die im Schloß Lourps aufbewahrt werden, müßte die Familie Floressas des Esseintes in alten Zeiten aus athletischen alten Haudegen und rauhen Kriegsmannen hervorgegangen sein.
Gedrängt und eingeengt in ihre alten Rahmen, die sie mit ihren breiten Schultern gänzlich ausfüllen, könnten sie uns mit ihren starren Augen, den à la yatagans gedrehten Schnurrbärten und ihrer mit gewölbtem Panzer bedeckten Brust nahezu erschrecken.
So sahn die Ahnen der berühmten Familie des Esseintes aus; die Bilder der Nachkommen fehlen, da die Reihenfolge unterbrochen ist. Ein einziges Gemälde dient als Mittelglied und verbindet die Vergangenheit und die Gegenwart[1q]. Es war dies ein gar eigentümliches, schlaues Gesicht mit bleichen, schlaffen Zügen, die Backenknochen wie rot punktiert, das Haar wie angeklebt und von Perlen durchflochten, mit ausgestrecktem, geschminktem Hals, der aus den tiefen Falten einer steifen Krause hervortritt.
Schon auf diesem Bilde eines der intimsten Vertrauten des Herzogs von Epernon und des Marquis d’O machten sich die Gebrechen einer untergrabenen Gesundheit wie der Einfluß des lymphatischen Blutes bemerkbar.
Der Verfall dieser Familie hatte zweifellos seinen regelmäßigen Verlauf genommen; die Verweichlichung der männlichen Linie war immer mehr hervorgetreten, und als ob die des Esseintes das Werk der Zeit hätten selbst vollenden wollen, hatten sie während zweier Jahrhunderte ihre Kinder unter sich verheiratet, wodurch der Rest ihrer Kraft in naher verwandtschaftlicher Verbindung noch mehr geschwächt worden war.
Von dieser einst so zahlreichen Familie, die fast das ganze Gebiet von Isle-de-France und Brie bewohnte, lebte nur noch ein einziger Nachkomme, der Herzog Jean, ein schmächtiger junger Mann von dreißig Jahren, blutarm und nervös, mit eingefallenen Backen, kalten stahlblauen Augen, gerader feiner Nase und dürren schmalen Händen.
Durch ein seltsames Vorkommnis der Vererbung hatte dieser letzte Sprosse eine ganz auffällige Ähnlichkeit mit dem Urahnen, von dem er den spitzen Bart von außerordentlich hellem Blond und den doppelsinnigen Ausdruck des sehr ermüdeten und doch lebendigen Gesichtes hatte.
Seine Kindheit war traurig gewesen; bedroht von Skrofeln und heimgesucht von hartnäckigen Fiebern, war er doch in der frischen Luft und bei sorgfältiger Pflege so weit gediehn, daß er die Klippen der Reifezeit überschreiten konnte. Von da ab hielten seine Nerven stand, so daß er die Schwächen der Bleichsucht überwand und es schließlich bis zur vollständigen Reife brachte.
Seine Mutter, eine sehr blasse Frau, still und schweigsam, starb an Entkräftung. Sein Vater erlag einer unbestimmbaren Krankheit, als Jean des Esseintes eben sein achtzehntes Jahr erreicht hatte.
Von seinen Eltern war ihm nur eine Erinnerung verblieben, die einer gewissen Furcht, die jedes kindliche Gefühl erstickte. Seinen Vater, der fast immer in Paris gelebt hatte, kannte er kaum; und seine Mutter vermochte er sich nur in einem dunkeln Zimmer des Schlosses von Lourps unbeweglich auf dem Schlummerbette liegend vorzustellen. Selten nur waren die Gatten vereint gewesen, und aus jenen Tagen erinnerte er sich nur noch der gar einförmigen Zusammenkünfte, wo beide einander gegenüber saßen, zwischen sich einen Tisch, auf dem eine große Lampe brannte, die durch einen Lampenschirm tief verhängt war, da die Frau Herzogin weder Licht noch Lärm zu ertragen vermochte, ohne einer Nervenkrisis zu verfallen. Hier im Halbdunkel wechselten die Gatten wohl einige wenige Worte, bis der Herzog aufstand, sich verabschiedete und gleichsam erleichtert den nächsten besten Zug nahm, der ihn wieder nach Paris zurückführte. –
Bei den Jesuiten, zu denen Jean zur Erziehung geschickt wurde, fand er wohlwollend freundliche Aufnahme. Die Pater gewannen das Kind, dessen Fassungskraft sie in Erstaunen setzte, recht lieb. Dennoch aber vermochten sie nicht, es trotz all ihrer Bemühungen dahin zu bringen, daß es sich den geregelten Studien widmete. Wohl fand es Geschmack an gewissen Arbeiten, so daß es frühzeitig der lateinischen Sprache mächtig ward, dagegen war es aber unfähig, nur zwei Worte Griechisch zu erklären. Es hatte durchaus keine Befähigung für das Erlernen der lebenden Sprachen und zeigte sich geradezu stumpf, sobald man sich bemühte, es in die Anfangsgründe der exakten Wissenschaften einzuführen.
Die Familie kümmerte sich wenig um Jean; dann und wann besuchte ihn sein Vater auf einen Augenblick in der Pension: »Guten Tag! – Adieu! – Sei artig! Arbeite tüchtig!« – das war alles, was er zu hören bekam.
Die Sommerferien verbrachte er im Schlosse von Lourps; doch vermochte seine Gegenwart nicht, die Mutter ihrem träumerischen Zustande zu entreißen. Sie bemerkte ihn oft kaum oder betrachtete ihn während einiger Sekunden mit fast schmerzlichem Lächeln und versenkte sich dann wieder von neuem in die durch dicke Gardinen erzeugte künstliche Nacht.
Die Dienstboten waren langweilig und alt. Der Knabe, sich selbst überlassen, durchstöberte an Regentagen die Bücher der Bibliothek und streifte bei schönem Wetter in der Umgegend umher.
Seine größte Freude war, in das kleine Tal hinunterzugehn bis nach Jutigny, einem kleinen Dörfchen, das sich am Fuße der Hügel ausdehnte und aus wenigen kleinen Häusern und Hütten bestand, die, meist mit Stroh bedeckt, gleichsam aus dem Moos herauswuchsen. Er warf sich dann wohl auf die Wiese im Schatten eines hohen Heuschobers nieder und lauschte dem dumpfen Geplätscher der Wassermühle und sog die frische Luft der Voulzie in die Lungen. Manchmal dehnte er seinen Spaziergang bis zum Torfmoor oder bis zu dem grünen und schwarzen Weiler von Longueville aus, oder er kletterte gar die Anhöhen hinauf, wo der Wind schärfer wehte und von wo er eine schönere Aussicht genoß. An der einen Seite hatte er das Seine-Tal unter sich, das sich in weiter Ferne mit dem Blau des Himmels mischte; an der andern Seite hatte er den Blick hoch oben gen Westen auf die Kirchen und den Turm von Provins, die in der Sonne und dem goldigen Luftstaub zu zittern schienen.
Er las oder träumte, in vollem Genuß der Abgeschlossenheit, wohl bis zur Dunkelheit; und da er sich immer grübelnd denselben Gedanken hingab, konzentrierte sich sein Geist, und seine bis dahin noch unbestimmten Ideen begannen vorzeitig zu reifen. Nach den Ferien kam er jedesmal nachdenklicher und störrischer zu seinen Lehrern zurück, denen diese Veränderung keineswegs entging. Scharfsinnig und schlau – durch ihren Beruf daran gewöhnt, die Seelen bis ins Innre zu ergründen – ließen sie sich durch seine aufgeweckte, doch unlenksame Intelligenz durchaus nicht hinters Licht führen. Sie erkannten wohl, daß dieser Schüler niemals zum Ruhme ihrer Anstalt beitragen werde; da aber seine Familie reich war und sich wenig um seine Zukunft bekümmerte, verzichteten sie vollständig darauf, ihn auf den einträglichen Schulberuf hinzulenken, obgleich er gern die theologischen Doktrinen mit ihnen erörterte, die ihn durch ihre Spitzfindigkeit und ihren Scharfsinn reizten. Dachten sie doch nicht einmal daran, ihn für ihren Orden zu gewinnen; denn trotz aller ihrer Bemühungen blieb sein Glaube schwach, weil sie ihn, aus Klugheit und Furcht vor etwas Unvorhergesehnem, auch ruhig die Studien verfolgen ließen, die ihm eben zusagten, und andre dagegen vernachlässigen, damit ihnen sein selbständiger Charakter nicht durch die Plackereien weltlicher Studienlehrer noch mehr entfremdet werde.
So lebte er vollständig zufrieden und fühlte das väterliche Joch der Priester kaum. Er setzte seine lateinischen und französischen Studien ganz in seiner Weise fort. Und obgleich Theologie nicht auf dem Schulplan stand, widmete er sich doch theologischen Lehren, deren Studium er bereits im Schlosse Lourps in der vom Urgroßonkel, dem Domherrn Prosper, dem vormaligen Prior der Ordensstiftsherrn von Saint-Ruf, hinterlassenen Bibliothek begonnen hatte.
Als er die Erziehungsanstalt der Jesuiten bei Eintritt seiner Großjährigkeit verlassen mußte, wurde er Herr seines Vermögens; sein Vetter und Vormund, der Graf von Montchevrel, legte ihm Rechenschaft über seinen Besitz ab. Die Beziehungen zwischen ihnen aber waren nur von kurzer Dauer, da es keinen Berührungspunkt zwischen beiden gab, weil der eine alt, der andre jung war. Aus Neugier, Langeweile und Höflichkeit setzte der junge Herzog dennoch eine Weile den Umgang mit der Familie fort. Er machte einige Besuche in ihrem Palais in der Rue de la Chaise; entsetzlich langweilige Abende, an denen die steinalten Verwandten sich über adelige Familien, heraldische Monde und veraltetes Zeremoniell unterhielten.
Mehr noch als diese vornehmen alten Damen hier schienen ihm die hochadeligen Herren, die die Whisttische umsaßen, verknöcherte, höchst unbedeutende Menschen zu sein.
Die Nachkommen der alten Helden, die letzten Zweige der feudalen Geschlechter erwiesen sich dem Auge des Herzogs Jean des Esseintes nach Lüftung ihrer Maske meist nur als vom Katarrh geplagte arg verschrobene Käuze, die immer wieder dieselben faden Redensarten und hundertjährigen Phrasen im Munde führten.
Nachdem er einige Abende in ihrer Gesellschaft zugebracht hatte, faßte er den Entschluß, trotz aller Einladungen und Vorwürfe nie wieder dort hinzugehn.
Jetzt fing er an, mit jungen Leuten seines Alters und seines Standes zu verkehren.
Einige von ihnen waren mit ihm in der Ordensschule erzogen und hatten durch diese Erziehungsweise gleichsam einen besondern Stempel aufgedrückt erhalten. Sie gingen regelmäßig zur Messe, beichteten zu Ostern, besuchten die katholischen Kreise und hielten jeden ihrer Angriffe, die sie auf schöne Mädchen niedergeschlagenen Auges unternahmen, geheim wie ein Verbrechen. Es waren dies meist geistlos unselbständige Zierpuppen, die die Geduld ihrer Lehrer ermüdet hatten, die aber trotzdem ihren Wünschen soweit nachgekommen waren, daß sie nun in der menschlichen Gesellschaft als gehorsame und fromme Wesen dastanden.
Die andern, meist Schüler der Staats-Gymnasien, waren weniger Heuchler und im allgemeinen freier, aber sie waren weder interessanter noch aufgeweckter als jene. Sie liebten die Vergnügungen jeder Art, waren große Freunde der Operette und des Turfs, waren an jedem Spieltisch zu finden und verwetteten ihr Vermögen auf Pferde und Karten.
Nach Verlauf eines Jahres war der junge Herzog dieser Gesellschaft müde und überdrüssig. Ihren Ausschweifungen sich hinzugeben, die sie ohne Unterscheidung, ohne fieberhafte Vorbereitung, ohne wirkliche Wallung und Aufregung des Blutes und der Nerven durchmachten, erschien ihm mehr als flach und geradezu gemein.
Nach und nach zog er sich daher von ihnen zurück und schloß sich den Literaten an, bei denen er mehr geistige Verwandtschaft zu finden und sich wohler zu fühlen hoffte. Dies aber führte nur neue Enttäuschungen mit sich, denn er war empört, ihre kleinlichen und rachsüchtigen Urteile zu erkennen, ihre banale Unterhaltung und ihre widerlichen Streitigkeiten zu hören, wonach der Wert eines Werkes einfach nach der Zahl der Auflagen und dem Ertrag des Verkaufs bemessen wurde.
Er lernte zu gleicher Zeit die Freidenker wie die Prinzipienreiter des Bürgerstandes kennen, Leute die alle Freiheit beanspruchten, um die Meinungen der andern zu ersticken; habsüchtige, schamlose Puritaner, deren Bildung er noch geringer schätzte als die des ersten besten Eckenstehers.
Seine Menschenverachtung nahm immer mehr zu; er erkannte, daß die Menschheit zum großen Teil aus leeren Prahlhänsen und Dummköpfen besteht, so daß er die Hoffnung aufgab, bei andern wahre Seelengröße oder reinen Haß zu entdecken. Er verzichtete darauf, einer Fassungskraft zu begegnen, die sich wie die seine in einer arbeitsamen Abgeschlossenheit gefiel, oder in einem Schriftsteller oder Gelehrten den scharf durcharbeiteten Geist zu finden, der sich dem seinen anschließen konnte.
Er fühlte sich nervös und mehr als unbehaglich, war von der Flachheit der Ideen, die man gegenseitig austauschte, angewidert und wurde wie die Leute, von denen Pierre Nicole[1] sagt, daß sie überall empfindlich und gereizt seien. Es kam so weit, daß er sich fortwährend seine Haut aufritzte. Geradezu unerträglich litt er bei der Lektüre patriotischer und sozialer Torheiten, die jeden Morgen von den Zeitungen unter die Leute gebracht und mit denen die ehrsamen Leser abgespeist wurden.
Er begann schon von einer abgeschiedenen Thebaïde, einer komfortabeln Wüstenei, einer unbeweglichen und angenehm durchwärmten Arche zu träumen, wohinein er sich vor der wachsenden Flut des schon mehr unmenschlichen Blödsinns zu flüchten gedachte.
Eine einzige Leidenschaft, das Weib, hätte ihn von dieser allgemeinen Verachtung, die ihn erdrückte, zurückhalten können, aber diese Saite war ja leider auch verbraucht.
Hatte er doch an dieser Fleischestafel mit dem launenhaften Heißhunger eines Menschen gelagert, der an krankhafter Eßlust leidet und dessen Gaumen bald abgestumpft und übersättigt ist. Während der Zeit, in der er mit den Junkern verkehrte, hatte er an ihren tollen Gelagen teilgenommen, bei denen trunkene Dirnen sich zum Nachtisch die Kleider lüften und mit dem Kopfe, wenn nicht unter, so doch auf dem Tische liegen. Selbstredend war er hinter den Kulissen gewesen; er hatte es mit Schauspielerinnen und Sängerinnen versucht und außer der den Frauen angeborenen Dummheit die rasende Eitelkeit elender Künstlerinnen zu ertragen gehabt; er hatte mit galanten, ihrer Schönheit wegen berühmten Frauenzimmern in Verbindung gestanden und gewaltiges Geld an gewisse Agenturen bezahlt, wofür er sehr zweifelhafte Vergnügungen genossen hatte, um sich schließlich übersättigt und dieses gleichförmigen Luxus, dieser erkünstelten Zärtlichkeiten überdrüssig, in die untersten Schichten der Gesellschaft zu stürzen. Hier hoffte er seine nimmersatte Gier durch den Kontrast neu aufstacheln und seine schlummernde Sinnlichkeit durch die aufreizende Unreinheit des Elends wieder anfachen zu können.
Doch was er auch versuchen mochte, ein ungeheurer Weltschmerz drückte ihn nieder. Er gab dennoch den Kampf nicht auf. Er nahm seine letzte Zuflucht zu den gefährlichen Liebkosungen der Virtuosinnen; seine Gesundheit wurde schwach, und seine Nerven zermürbten mehr und mehr. Sein Nacken wurde empfindlich, und seine Hand fing schon zu zittern an. Allerdings hielt er sie noch gerade, sobald er einen schweren Gegenstand ergriff, doch war sie kraftlos, sobald er etwas Leichtes, zum Beispiel ein Glas zu Munde führen wollte.
Die Prognose der Ärzte beunruhigte ihn. Es war Zeit, diesem Leben Einhalt zu tun und auf jene Experimente zu verzichten, die nur die letzten Kräfte raubten. Während einiger Zeit verhielt er sich ruhig; aber sein Gehirn erhitzte sich bald von neuem und rief ihn wieder zu den Waffen. Wie die jungen Mädchen in der Reife ein Verlangen nach allen möglichen aufreizenden Dingen empfinden, kam er dahin, sich ganz absonderlich sinnliche Freuden und Genüsse auszumalen und sich ihnen hinzugeben. Dies aber war der Anfang vom Ende. Übersättigt und erschöpft von allem verfielen seine überreizten Sinne einer Art Lethargie – das sichre Anzeichen eines herannahenden Unvermögens.
Er kam dann wieder von seinen Verirrungen ernüchtert, entsetzlich ermattet zurück, ein Ende herbeisehnend, vor dem die Feigheit seines in Sinnlichkeit versunkenen Charakters zurückschauderte.
Seine Idee, sich irgendwo fern von der Welt niederzulassen, sich gleichsam in einem Winkel einzunisten und wie ein Kranker zu leben, der die Straße mit Stroh bedecken läßt, um den Lärm des unerbittlichen Lebens zu dämpfen, wurde immer stärker in ihm.
Zudem war auch der Zeitpunkt gekommen, einen Entschluß zu fassen, denn seine Vermögensverhältnisse erschreckten ihn. Den größten Teil seines Erbgutes hatte er törichterweise längst vergeudet, und der Rest steckte in Ländereien, die ihm lächerlich wenig einbrachten.
Er entschloß sich daher, Schloß Lourps zu verkaufen, wohin er doch nicht mehr ging, und woran ihn keine Erinnerung und kein Bedauern fesselte; er verkaufte ebenso seine andern Güter, kaufte sich Staatspapiere und schaffte sich auf diese Art ein jährliches Einkommen von 50,000 Franken. Er behielt außerdem noch eine ansehnliche Summe zurück, die er für den Kauf und die Einrichtung des Häuschens bestimmte, in dem er in völliger Stille und Zurückgezogenheit leben wollte.
Er suchte die Umgegend von Paris ab und entdeckte ein kleines Häuschen hoch oben in Fontenay-aux-Roses, das billig zu verkaufen war, weil es an einem entlegenen Platz ganz ohne Nachbarn in der Nähe der Festung lag. Sein Traum erfüllte sich, denn in diesem Orte, der wenig von Parisern heimgesucht ist, war er ziemlich sicher, die gewünschte Zurückgezogenheit zu finden. Die Schwierigkeit der unzuverlässigen Verbindung durch die Eisen-und Pferdebahn, die am Ende des Städtchens stationiert waren und die gingen und kamen, wie es ihnen paßte, beruhigte ihn sehr. Wenn er an diese neue Existenz dachte, die er sich hier gründen wollte, empfand er eine große Freude, und dies um so mehr, als die Wohnung ziemlich weit vom Seineufer entfernt lag, so daß ihn der Menschenstrom selbst nicht erreichte, während er dennoch in der Nähe der Hauptstadt blieb, so daß ihm seine Zurückgezogenheit nicht gerade fühlbar wurde.
Er schickte die Maurer in das neu erstandne Haus, und eines Tages, ohne irgend jemandem etwas von seinen Plänen zu verraten, verkaufte er sein Mobiliar, entließ seine Diener und verschwand, ohne seine Adresse zu hinterlassen.
Mehr als zwei Monate vergingen noch, bevor sich Herzog Jean in die stille Zurückgezogenheit seines Häuschens in Fontenay vergraben konnte[2q]. Einkäufe aller Art nötigten ihn, noch eine Weile in Paris zu verweilen und die Stadt oft von einem Ende bis zum andern zu durchlaufen.
Lange hatte er nachgeforscht und gegrübelt, ehe er die neue Wohnung endlich den Tapezierern überlassen konnte. –
Vormals, da er noch schöne Frauen zu sich kommen ließ, hatte er ein Boudoir nach seiner Angabe einrichten lassen, wo sich inmitten kleiner geschnitzter Möbel aus hellem japanischen Kampferholz unter einem Zelt von indischem Rosa-Atlas der nackte Körper beim künstlichen Widerschein des bauschigen Stoffes noch zarter färbte.
