Gegen Trump - Naomi Klein - E-Book
Beschreibung

Wie konnte es dazu kommen, dass Donald Trump Präsident der USA wurde? Der mit »alternativen Fakten« gegen Einwanderer, gegen Frauen, gegen Wissenschaft, gegen Pressefreiheit hetzt und seine populistische Agenda schamlos durchsetzt? Überzeugend zeigt Naomi Klein, dass Trump weder aus dem Nichts aufgetaucht ist noch ein politischer Unfall ist. Seine Wahl ist die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung, die schon vor Jahren begann. Trump ist Agent eines ungezügelten Kapitalismus, zunehmender Ungleichheit, zunehmenden Rassismus und Protektionismus. Um gegen seine perfide Strategie der Schock-Politik anzugehen, braucht es mehr als Wut und Protest. Aus ihrer messerscharfen Analyse entwickelt die bekannte Aktivistin und Bestsellerautorin Naomi Klein eine ganz konkrete, optimistische Strategie des neuen Widerstands. »Ein unverzichtbares Handbuch für alle, die die ökonomische, soziale und politischen Kräfte verstehen wollen, die für die aktuelle Krise verantwortlich sind – und wie wir gegen diese effektiv vorgehen können.« Danny Glover »Nur Naomi Klein schafft es, uns aus dem aktuellen Wahnsinn zu retten. „Gegen Trump“ muss ganz oben auf Ihrem Bücherstapel liegen, unbedingt lesen.« Michael Stipe »Naomi Klein hat einen Leitfaden zur Hoffnung für jedermann geschrieben. Lesen Sie dieses Buch!« Arundhati Roy »Naomi Klein ist wie eine großartige Ärztin – sie kann Probleme diagnostizieren, wie niemand sonst.« Alfonso Cuarón

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:405


Naomi Klein

Gegen Trump

Der Aufstieg der neuen Schock-Politik und was wir jetzt tun können

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Claus Varrelmann

FISCHER E-Books

Inhalt

Für meine Mutter, Bonnie [...]»Ich habe nicht vor, [...]EinführungTeil I Wie sind wir hierhergeraten: Der Aufstieg der SupermarkenKapitel 1 Trumps Sieg als Markenerlebnis purKapitel 2 Die erste MarkenfamilieKapitel 3 Die Tribute von Mar-a-LagoTeil II Wo stehen wir jetzt: Klima der UngleichheitKapitel 4 Die Klima-Uhr schlägt MitternachtKapitel 5 Der Obergrapscher – die personifizierte RücksichtslosigkeitKapitel 6 Nichts verabscheut die Politik mehr als das VakuumKapitel 7 Wirtschaftspopulismus lieben lernenTeil III Kann es noch schlimmer kommen: Die Schocks der ZukunftKapitel 8 Masters of Disaster: Wie hebelt man die Demokratie aus?Kapitel 9 Die giftige To-do-Liste: Was bei einer zu erwartenden Krise zu erwarten istTeil IV Wie könnte sich die Lage verbessern?Kapitel 10 Wenn die Schock-Strategie fehlschlägtKapitel 11 Als ein Nein nicht reichteKapitel 12 Lehren aus Standing Rock: Einen Traum wagenKapitel 13 Zeit für einen großen Satz nach vorn: Weil uns kleine Schritte nicht mehr weiterbringenSchlussfolgerung: Eine fürsorgliche Mehrheit ist in ReichweitePostscriptum: Das Leap-ManifestDanksagung

Für meine Mutter, Bonnie Sherr Klein, die mir täglich etwas über Schockresilienz beibringt.

»Ich habe nicht vor, die amerikanische Regierung zu stürzen, das haben die Konzerne schon erledigt.«

 

John Trudell

Santee-Dakota-Aktivist, Künstler und Dichter (1946–2015)

Einführung

Schock.

Dieses Wort fällt immer wieder, seit Donald Trump im November 2016 gewählt wurde – um die Wahlergebnisse zu beschreiben, die den Umfragen trotzten, um den Seelenzustand jener darzustellen, die seinen Aufstieg zur Macht beobachteten, und um die Blitzkriegtaktiken zu schildern, mit denen er Politik macht. Sogar seine Beraterin Kellyanne Conway hat im Zusammenhang mit der neuen Ära wiederholt von einem »Schock für das System« gesprochen.

Seit annähernd zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen großer Schocks – wie sie entstehen, wie sie von Politikern und Unternehmen ausgenutzt werden und wie sie sogar bewusst verschärft werden, um gegenüber einer desorientierten Bevölkerung die Oberhand zu gewinnen. Ich habe aber auch über die andere Seite der Medaille berichtet: Wie Gesellschaften angesichts einer Krise, die alle betrifft, zusammenfinden und die Welt zum Besseren verändern.

Als ich Trumps Aufstieg beobachtete, hatte ich ein seltsames Gefühl. Nicht nur, dass er die Schock-Strategie auf das mächtigste und schwerstbewaffnete Land der Welt anwendet. Es ist noch mehr als das. In Büchern, Dokumentarfilmen und investigativen Berichten habe ich diverse Trends dokumentiert: den Aufstieg der Supermarken, die wachsende Macht privaten Reichtums über das politische System, die globale Durchsetzung des Neoliberalismus, wobei häufig Rassismus und Angst vor den »anderen« als Mittel zum Zweck dienten, die verheerenden Folgen des Freihandels im Dienst der Konzerne und die tiefen Wurzeln, die die Leugnung des Klimawandels im rechten Lager geschlagen hat. Und als ich mit meinen Recherchen zu Trump begann, erschien er mir allmählich wie Frankensteins Monster, zusammengeflickt aus den Leichenteilen all dieser und weiterer gefährlicher Tendenzen.

Vor zehn Jahren erschien mein Buch Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophenkapitalismus, eine Untersuchung, die vier Jahrzehnte umspannte, von Chile nach Augusto Pinochets Putsch bis Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, von Bagdad unter der US-amerikanischen »Shock-and-Awe«-Attacke bis New Orleans nach dem Hurrikan Katrina. Der Begriff »Schock-Strategie« beschreibt die brutale Taktik, die Desorientierung der Öffentlichkeit auszunutzen, wenn sie in einen kollektiven Schockzustand verfällt – nach Kriegen, Terroranschlägen, Marktzusammenbrüchen oder Naturkatastrophen –, um radikale konzernfreundliche Maßnahmen durchzudrücken, ein Vorgehen, das häufig unter dem Begriff »Schocktherapie« läuft.

Zwar sprengt Trump den gewohnten Rahmen in mancher Hinsicht, seine Schock-Strategie folgt aber einem Muster, wie man es aus anderen Ländern kennt, die unter dem Deckmantel der Krise radikal umgekrempelt wurden. Als Trump in seiner ersten Woche im Amt einen wahren Tsunami an Präsidialdekreten erließ und die Menschen sich wahrhaft schwertaten, mitzukommen, musste ich an Polen denken, ein Land, dem die Vereinigten Staaten, wie es die Menschenrechtsaktivistin Halina Bortnowska beschreibt, mitten im Zusammenbruch des Kommunismus eine wirtschaftspolitische Schocktherapie aufzwangen. Sie schildert die Geschwindigkeit der Veränderungen in ihrem Land als den »Unterschied zwischen Hundejahren und Menschenjahren« und beobachtet, dass man »Zeuge dieser halbpsychotischen Reaktionen wird. Man kann nicht mehr erwarten, dass die Menschen in ihrem eigenen Interesse handeln, wenn sie so desorientiert sind, dass sie nicht mehr wissen – oder nicht mehr wissen wollen –, was diese ihre Interessen sind.«

Bisher hat es den Anschein, dass Trump und seine wichtigsten Berater auf eine Reaktion hoffen, wie Bortnowska sie beschreibt, und dass sie versuchen, die Schock-Strategie im eigenen Land durchzuziehen. Ziel ist der offene Krieg gegen den öffentlichen Sektor und das Gemeinwohl, sei es in Form von Umweltschutzvorschriften oder Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers. An ihre Stelle soll die entfesselte Macht und Freiheit der Konzerne treten. Dieses Programm ist so eklatant ungerecht und so offenkundig korrupt, dass es nur mit Hilfe einer rassistischen und sexistischen Politik verwirklicht werden kann, die die Gesellschaft spaltet, ergänzt durch ein unaufhörliches Medienspektakel, das der Ablenkung dient. Und selbstredend wird es gestützt durch massiv aufgestockte Kriegsausgaben, eine dramatische Eskalation von militärischen Konflikten an verschiedenen Fronten, von Syrien bis Nordkorea, während der Präsident darüber nachsinnt, wie »Folter funktioniert«.

Trumps Kabinett aus Milliardären und Multimillionären sagt uns eine Menge über die Ziele, die diese Regierung verfolgt. ExxonMobil stellt den Außenminister. General Dynamics und Boeing leiten das Verteidigungsministerium. Und die Leute von Goldman Sachs kümmern sich um den Rest. Einige Berufspolitiker wurden für ihren Posten offenbar deshalb ausgewählt, weil sie den Aufgaben der Behörden, die sie nun leiten, feindselig oder bestenfalls gleichgültig gegenüberstehen. Steve Bannon, Trumps mittlerweile an den Rand gedrängter Chefstratege, erklärte im Februar 2017 vor einem konservativen Publikum ganz unverblümt, das Ziel sei die »Dekonstruktion des Verwaltungsstaates« (damit meinte er gesetzliche Bestimmungen und Behörden, die die Menschen und deren Rechte schützen sollen). Und »wenn man sich die für das Kabinett Nominierten anschaut, wurden sie aus einem bestimmten Grund ausgewählt, und das ist die Dekonstruktion«.

Es wurde viel Wirbel gemacht um den Gegensatz zwischen Bannons christlichem Nationalismus und dem Transnationalismus von Trumps eher konformistischen Beratern, insbesondere seines Schwiegersohns Jared Kushner. Es mag sein, dass Bannon aus dieser blutrünstigen Reality-Show fliegt (vielleicht ist das bereits eingetreten, wenn Sie diese Zeilen lesen). Wenn es aber um die Dekonstruktion des Staates geht und das Outsourcing großer Teile des öffentlichen Sektors in profitorientierte Unternehmen, stehen Bannon und Kushner keineswegs im Konflikt, sondern ziehen an einem Strang.

Während sich diese Entwicklung vollzog, fiel mir auf, dass in Washington nicht einfach die Machtübergabe zwischen zwei Parteien stattfand, sondern die unverhüllte Machtergreifung der Konzerne, die seit Jahrzehnten in Vorbereitung ist. Es scheint, als seien die Kreise, die seit langem die großen Parteien finanzieren, um sie für ihre Interessen einzuspannen, dieses Spiels überdrüssig geworden. Offenbar haben die Bewirtung gewählter Volksvertreter, das Umschmeicheln und die legalisierte Bestechung ihr Gefühl verletzt, mit göttlichen Befugnissen ausgestattet zu sein. Deshalb schalten sie jetzt die Mittelsmänner aus – diese notleidenden Politiker, deren Aufgabe es wäre, das Gemeinwohl zu schützen – und machen, was alle Bosse tun, wenn sie wollen, dass etwas richtig gemacht wird: Sie machen es selbst.

Deshalb bleibt meist die Antwort aus auf die ernsthaften Fragen nach Interessenkonflikten und Verstößen gegen Ethikrichtlinien. So wie sich Trump beharrlich weigert, seine Steuererklärung offenzulegen, so hat er sich auch rundweg geweigert, sein Wirtschaftsimperium zu verkaufen oder auf Gewinne daraus zu verzichten. In Anbetracht der Abhängigkeit der Trump Organization von der Gunst ausländischer Regierungen, die wertvolle Markenlizenzen und -zulassungen vergeben, ist nicht auszuschließen, dass Trumps Verhalten gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten verstößt, die es dem Präsidenten untersagt, Geschenke oder ein »Gehalt« von einem fremden Staat anzunehmen. Ein Gerichtsverfahren auf dieser Grundlage läuft bereits.

Aber die Trumps stört das wenig. Das Gefühl, über dem Gesetz zu stehen und stets ungestraft davonzukommen, ist kennzeichnend für diese Regierung. Jeder, der diese Straflosigkeit gefährdet, wird kurzerhand gefeuert – fragen Sie den ehemaligen FBI-Chef James Comey. Bisher trugen in den Vereinigten Staaten die Vertreter der Konzerninteressen eine Maske: die des lächelnden Schauspielers Ronald Reagan oder die des Pseudo-Cowboys George W. Bush (mit Dick Cheneys/Halliburton finsterer Miene im Hintergrund). Jetzt ist die Maske gefallen. Und niemand versucht auch nur so zu tun, als verhielte es sich anders.

Trump war nie Leiter eines traditionellen Unternehmens, sondern – und das macht die Geschichte noch anrüchiger – Aushängeschild eines Imperiums, das um seine persönliche Marke aufgebaut wurde – eine Marke, die ebenso wie die Marke seiner Tochter Ivanka bereits vielfach von der Fusion mit der US-Präsidentschaft profitiert hat. Das Geschäftsmodell der Familie Trump verdankt sich einem Wandel der Unternehmensstrukturen, der sich bei vielen multinationalen Markenherstellern vollzogen hat. Dieser Wandel hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Kultur und Arbeitsmarkt, die im Mittelpunkt meines ersten Buches No Logo: Der Kampf der Global Players um die Marktmacht – Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern standen. Dieses Modell sagt uns, dass die bloße Idee, es könnte – oder sollte – ein Unterschied zwischen der Marke Trump und Trumps Präsidentschaft bestehen, jenseits des Vorstellungsvermögens des Mannes im Weißen Haus liegt. Das hohe Amt ist nichts anderes als die krönende Verbreiterung seiner Markenbasis.

Bei der Beschäftigung mit der unentwirrbaren Verflechtung Trumps mit seiner Handelsmarke und deren Folgen für die Zukunft der Politik ging mir auf, warum so viele Angriffe auf ihn verpuffen – und wie wir wirksamere Mittel und Wege des Widerstands finden können.

 

Die Tatsache, dass die freche Geschäftemacherei mit einem öffentlichen Amt vor aller Augen ein solches Niveau erreicht, ist ebenso besorgniserregend wie viele Amtshandlungen Trumps in seinen ersten Monaten als Präsident. Aber die Geschichte zeigt uns, dass dank der Schock-Strategie auf diese bereits destabilisierte Lage noch sehr viel Schlimmeres folgen kann.

Die Hauptsäulen von Trumps politischem und ökonomischem Projekt sind: die Dekonstruktion staatlicher Behörden; ein Frontalangriff gegen den Wohlfahrtsstaat und das Sozialwesen (teilweise begründet mit bösartiger rassistischer Panikmache und Angriffen gegen Frauen, weil sie Gebrauch von ihren Rechten machen); die Entfesselung eines rauschhaften Verbrauchs fossiler Brennstoffe (wofür erst einmal die Klimawissenschaft beiseitegefegt und zahlreiche Behörden geknebelt werden müssen); und ein Kulturkrieg gegen Einwanderer und den »radikalislamischen Terrorismus« (auf sich stetig ausweitenden Schauplätzen im In- und Ausland).

Dieses Projekt bedroht jene, die ohnehin schutzlos sind, aber zugleich ist es darauf angelegt, eine Abfolge von Krisen und Schocks zu erzeugen. Wirtschaftskrisen, wenn Marktblasen platzen – die sich dank Deregulierung aufgebläht haben; Sicherheitsschocks, wenn der Bumerang einer antiislamischen Politik und einem aggressiven Vorgehen im Ausland zurückschlägt; Extremwetterereignisse, weil sich unser Klima zusehends destabilisiert; und Industrieschocks, wenn Ölpipelines zu Bruch gehen und Bohrtürme einstürzen, was leicht passiert, wenn Sicherheits- und Umweltvorschriften, die das Chaos eindämmen, abgeschafft werden.

All das ist gefährlich. Noch gefährlicher sind die Maßnahmen, die Trump und seine Regierung ergreifen werden, um unter Ausnutzung dieser Krisen und Schocks die radikaleren Aspekte seiner Agenda durchzudrücken.

Eine schwere Krise – sei es ein Terroranschlag oder ein Börsenkrach – würde voraussichtlich den Vorwand liefern, um den Notstand auszurufen und die geltenden Regeln außer Kraft zu setzen. Unter dem Deckmantel der Krise könnten dann Schwerpunkte der Trump-Agenda durchgeboxt werden, für die eine weitere Aushebelung demokratischer Normen erforderlich wäre – wie etwa sein Vorhaben, ein Einreiseverbot für alle Muslime zu verhängen (nicht nur für jene aus bestimmten Ländern), seine Twitter-Drohung, mit Hilfe der »Bundespolizei« die Gewalt auf den Straßen von Chicago einzudämmen, oder sein offenkundiger Wunsch, die Pressefreiheit zu beschneiden. Eine hinreichend große Wirtschaftskrise könnte als Vorwand dienen, um die staatliche Rentenversicherung zu demontieren, zu deren Schutz sich Trump verpflichtet hat, die aber viele aus seinem Kreis seit Jahrzehnten abschaffen möchten.

Trump könnte noch aus anderen Gründen darauf abzielen, das Krisenniveau hochzuschrauben. Wie der argentinische Romancier César Aira 2001 schrieb: »Alle Veränderungen sind nur Änderungen des Themas.« Trump hat bereits mehrfach mit schwindelerregendem Geschick das Thema gewechselt – wozu er alles einsetzt, vom verrückten Tweet bis zu Tomahawk-Marschflugkörpern. Sein Luftangriff auf Syrien als Reaktion auf einen grauenhaften Chemiewaffenangriff hat ihm in der Presse den größten Zuspruch seiner Präsidentschaft gebracht (in manchen Organen schlägt man seither einen respektvolleren Ton an). Sei es als Reaktion auf weitere Enthüllungen über seine Verbindungen zu Russland oder über Skandale im Zusammenhang mit seinen unübersichtlichen internationalen Geschäftsbeziehungen – wir dürfen damit rechnen, dass er noch häufiger das Thema wechselt. Und nichts sorgt so zuverlässig für einen Themenwechsel wie ein größerer Schock.

Wir verfallen nicht in einen Schockzustand, wenn etwas Großes und Schreckliches passiert; es muss etwas Großes und Schreckliches sein, das wir noch nicht verstehen.Ein Schockzustand tritt ein, wenn sich eine Kluft auftut zwischen den Ereignissen und unserer Fähigkeit, sie zu erklären. Wenn wir in diese Lage geraten, ohne Geschichte, ohne Verankerung, dann werden sehr viele Menschen anfällig für Autoritätsfiguren, die uns sagen, wir sollten einander fürchten und unsere Rechte für das Wohl der Allgemeinheit opfern.

Das ist heute ein globales Phänomen, das sich nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Nach den koordinierten Terroranschlägen in Paris im November 2015 verhängte die französische Regierung den Notstand, womit ein Versammlungsverbot einherging – und dehnte diesen Zustand auf Monate aus, das heißt, politische Demonstrationen wurden weitestgehend verboten. Viele Bewohner Großbritanniens erklärten nach dem Schock der Brexit-Abstimmung, sie hätten das Gefühl, in einem neuen, nicht wiederzuerkennenden Land aufzuwachen. In diesem Kontext stieß die konservative Regierung mehrere rückschrittliche Reformen an, darunter die Idee, Großbritannien könne seine Wettbewerbsfähigkeit nur durch Abschaffung von Vorschriften und durch Steuervorteile für die Reichen bewahren, womit das Land praktisch zur Steueroase für ganz Europa wird. In diesem Kontext setzte Premierministerin Theresa May vorgezogene Neuwahlen durch – gegen eine in Umfragen geschwächte Opposition und offenbar in der Hoffnung auf eine weitere Amtszeit, ehe die Öffentlichkeit die Chance ergreift, gegen neue Austeritätsmaßnahmen zu rebellieren, die rein gar nichts mit den Versprechungen zu tun haben, mit denen der Brexit den Wählern verkauft wurde.

 

In jedem meiner bisherigen Bücher stecken fünf bis sechs Jahre intensiver Recherchen; während dieser Zeit habe ich das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und aus den am schlimmsten betroffenen Regionen berichtet. Das Ergebnis waren dicke Bände mit sehr vielen Fußnoten. Dieses Buch ist hingegen innerhalb weniger Monate entstanden. Ich habe mich kurzgefasst und im Plauderton geschrieben, weil ich weiß, dass heutzutage kaum noch jemand Zeit für dicke Wälzer hat. Auch sitzen an Teilen dieser verwickelten Geschichte bereits andere Autoren, die sie weit besser darstellen können als ich. Aber mir wurde klar, dass die Recherchen, die ich über all die Jahre angestellt habe, etwas Licht ins Dunkel des Trumpismus bringen können. Verfolgt man die Wurzeln von Trumps Geschäftsmodell und seiner Wirtschaftspolitik, betrachtet man ähnlich destabilisierende Momente in der Geschichte und lernt man von Menschen, die erfolgreich Widerstand gegen Schock-Strategien geleistet haben, dann wird auch etwas klarer, wie wir auf diesen gefährlichen Weg geraten sind, wie wir künftigen Schocks besser standhalten und, noch wichtiger, wie wir rasch wieder auf sicheren Boden gelangen können. Das sind die ersten Elemente eines Leitfadens für Schockresistenz.

Eines habe ich bei der Berichterstattung von dutzenden Schauplätzen mitten in der Krise gelernt, sei es in Athen im Schuldendebakel oder in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina oder in Bagdad während der US-Besatzung: Widerstand gegen diese Strategien ist möglich. Zu diesem Zweck müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens müssen wir durchschauen, wie Schockpolitik funktioniert und wessen Interessen sie dient. Auf diese Weise schütteln wir den Schock schnell ab und beginnen mit der Gegenwehr. Genauso wichtig ist zweitens, dass wir eine andere Geschichte erzählen als jene, die uns die Schocktherapeuten aufbinden wollen; wir müssen eine Weltsicht präsentieren, die so überzeugend ist, dass sie dem Wettkampf mit ihrer Weltanschauung gewachsen ist. Diese Vision beruht auf Werten, und sie muss einen anderen Weg aufzeigen, der von den Serienschocks wegführt. Einen Weg, den wir ungeachtet der Trennlinien von Rasse, ethnischer Gruppe, Religion und Geschlecht gemeinsam gehen, statt dass wir uns gegeneinander aufhetzen lassen. Einen Weg, der den Planeten heilt, statt ihn mit noch mehr Kriegen und Umweltverschmutzung zu überziehen. Vor allem aber muss diese Vision jenen, die leiden – weil sie keine Arbeit haben, keine Krankenversicherung, keinen Frieden, keine Hoffnung –, ein spürbar besseres Leben anbieten.

Ich behaupte nicht zu wissen, wie diese Vision aussieht. Gemeinsam mit allen anderen arbeite ich daran und bin überzeugt, dass sie nur aus einer echten Zusammenarbeit hervorgehen kann, wobei die Führungsrolle denen zukommt, die von unserem gegenwärtigen System am brutalsten behandelt werden. In den letzten Kapiteln beschäftige ich mich mit einigen frühen, hoffnungsvollen Basisbewegungen, in denen dutzende Organisationen und Denker zusammenarbeiteten, um eine solche Agenda zu entwerfen, eine Agenda, die es mit dem aufstrebenden Militarismus, Nationalismus und der Herrschaft der Konzerne aufnehmen kann. Zwar steckt sie noch in den Anfängen, aber es zeigen sich bereits die Konturen einer progressiven Mehrheit, die sich auf einen kühnen Plan für eine Welt der Sicherheit und Fürsorglichkeit einigt, die wir alle wollen und brauchen.

All die dabei geleistete Arbeit gründet auf dem Wissen, dass es nicht reicht, zu schlechten Ideen und böswilligen Akteuren nein zu sagen. Das entschiedene Nein muss von einem mutigen und vorausblickenden Ja begleitet werden, einem Plan für die Zukunft, der so glaubwürdig und bestechend ist, dass sehr viele Menschen für seine Realisierung kämpfen werden, ganz gleich, welche Schock-Strategien und Panikmache die Gegenseite aufbietet. Das Nein – zu Trump, zu Marine Le Pen, zu jeder fremdenfeindlichen und hypernationalistischen Partei, wie sie weltweit aus dem Boden sprießen – mag der Beweggrund sein, der anfangs Millionen auf die Straße treibt. Aber das Ja ist es, das uns weiterkämpfen lässt.

Das Ja ist das Leuchtfeuer, das uns in den kommenden Stürmen den Weg weisen wird.

 

Kurz gesagt geht es in diesem Buch darum, dass Trump, so extrem er sein mag, keine Anomalie, sondern vielmehr eine logische Konsequenz ist – ein Potpourri aus so ziemlich allen üblen Trends der letzten fünfzig Jahre. Trump ist das Produkt mächtiger Denkmodelle, die menschliches Leben anhand von Rasse, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher Erscheinung und körperlichen Fähigkeiten einstufen – und die seit den Anfängen der Kolonisierung Nordamerikas und des transatlantischen Sklavenhandels systematisch die Rassenzugehörigkeit als Waffe genutzt haben, um eine brutale Wirtschaftspolitik durchzusetzen. Zudem personifiziert er die Fusion zwischen Mensch und Konzern – die Ein-Mann-Megamarke, mit Ehefrau und Kindern als Ablegermarken, die pathologischen Züge und Interessenkonflikte, die damit einhergehen, inbegriffen. Er verkörpert die Überzeugung, Geld und Macht seien ein Freibrief dafür, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, ein Freibrief, nach Frauen zu grapschen oder nach den begrenzten Ressourcen eines Planeten an der Schwelle einer katastrophalen Erwärmung. Er ist das Produkt einer Geschäftskultur, die »Disruptoren« hochjubelt, wenn sie mit der Missachtung von Gesetzen und Vorschriften ein Vermögen machen. Vor allem aber ist er die Inkarnation eines immer noch mächtigen marktfundamentalistischen Projekts – einer Ideologie, die von den Parteien der Mitte ebenso übernommen wurde wie von den Konservativen und die Krieg führt gegen den öffentlichen Sektor und jedwedes Gemeinschaftseigentum, während Firmenchefs als Superhelden hingestellt werden, die die Menschheit retten. 2002 gab George W. Bush eine Party zum 90. Geburtstag eines Mannes, der geistiger Urheber des Krieges gegen den öffentlichen Sektor war, den marktradikalen Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. Bei der Feier erklärte der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: »Milton verkörpert die Wahrheit, dass Ideen Folgen haben.« Da hatte er recht – und Donald Trump ist die unmittelbare Folge dieser Ideen.

Deshalb ist der Blickwinkel wichtig, unter dem Donald Trump nicht schockierend ist. Er ist das vollkommen vorhersehbare, ja geradezu klischeehafte Ergebnis der allgegenwärtigen Ideen und Trends, denen man schon lange hätte Einhalt gebieten müssen. Und aus diesem Grund müssen wir, selbst wenn diese albtraumhafte Präsidentschaft morgen enden würde, den politischen Bedingungen entgegentreten, denen sie sich verdankt und die in aller Welt Ableger hervorbringen. Mit Vizepräsident Mike Pence und dem Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan, die im Hintergrund lauern, und einem Demokratische-Partei-Establishment, das ebenfalls mit der Klasse der Superreichen verstrickt ist, wird uns die Welt, die wir brauchen, nicht einfach in den Schoß fallen, sobald der derzeitige Chef im Oval Office ausgetauscht ist.

Über das Wort wir: Vielleicht fällt Ihnen auf, dass ich manchmal bezüglich der Vereinigten Staaten von wir spreche, und manchmal im Hinblick auf Kanada. Einer der Gründe ist ganz einfach. Ich besitze die Staatsbürgerschaft beider Länder und habe tiefe Bindungen und Beziehungen auf beiden Seiten der Grenze. Meine Eltern sind Amerikaner, und meine Verwandten leben alle in den Vereinigten Staaten. Aber ich bin in Kanada aufgewachsen und habe mich entschieden, hier zu leben. (Am Wahlabend erhielt ich eine Nachricht von meinem Vater: »Bist du nicht froh, dass wir schon nach Kanada gezogen sind?«) Meine journalistische und politische Arbeit führt mich jedoch sehr oft in die Vereinigten Staaten, wo ich an zahllosen Meetings und Debatten darüber teilgenommen habe, wie wir uns gemeinsam angesichts dieses historischen Augenblicks der Verantwortung stellen können.

Ein weiterer Grund, warum ich manchmal bezüglich der Vereinigten Staaten wir sage, hat nichts mit Staatsbürgerschaft zu tun. Tatsache ist, dass die US-Präsidentschaft Folgen für jeden Erdenbürger hat. Niemand ist gefeit gegen das Tun der größten Volkswirtschaft der Welt, des zweitgrößten Emittenten von Treibhausgasen und der Nation mit dem größten Militärarsenal. Jene, die Ziel von Trumps Raketen und monströsen Bomben sind, tragen bei weitem die größten Lasten und Risiken. Aber angesichts einer so gewaltigen Macht und einer so skrupellosen Politik befindet sich jeder Bewohner des Planeten potentiell im Explosionsgebiet, in der Fallout-Zone und sicherlich in der Erwärmungszone.

Eine Geschichte allein reicht nicht, um zu erklären, wie wir in diese kritische Lage geraten sind, und ein Plan ist nicht genug, um die Probleme zu beheben – dafür ist unsere Welt zu verflochten und zu kompliziert. Dieses Buch ist nur ein Versuch, darzustellen, wie wir an diesem surrealen politischen Augenblick angelangt sind, wie es ganz konkret sehr viel schlimmer werden könnte, und wie wir, wenn wir nicht den Kopf verlieren, eine neue Seite aufschlagen und in einer radikal besseren Zukunft ankommen können.

Zuallererst müssen wir verstehen, wozu wir nein sagen – weil das Nein auf der Rückseite des Buchumschlags nicht nur einer Person oder einer Gruppe gilt (obwohl es das auch tut). Wir sagen auch nein zu dem System, das ihren Aufstieg in solche Höhen ermöglicht hat. Und dann gehen wir einen Schritt weiter und sagen ja – ein Ja, das einen so fundamentalen Wandel einleiten wird, dass die Machtergreifung der Konzerne, die wir heute erleben, zu einer Fußnote der Geschichte schrumpfen wird, die unseren Kindern zur Warnung dienen soll. Und Donald Trump und seine Mitläufer wird man als das sehen, was sie sind: das Symptom einer tiefsitzenden Krankheit – aber man wird auch erfahren, dass wir gemeinsam beschlossen haben, uns zusammenzutun und sie zu heilen.

 

Anmerkung: Kleinere Teile dieses Buches sind bereits früher in Form von Essays, Büchern und Reden erschienen; die große Mehrzahl der Texte ist aber neu und erscheint erstmals. Bitte besuchen Sie noisnotenough.org, dort sind die von mir geschilderten Bewegungen, denen Sie sich anschließen können, sowie viele weitere Organisationen und Denker verlinkt.

Auch finden Sie dort die Quellen für alle Zitate und Statistiken in diesem Buch.

Teil IWie sind wir hierhergeraten: Der Aufstieg der Supermarken

»Wir müssen schnell damit anfangen, von einer ›sachorientierten‹ Gesellschaft zu einer ›personorientierten‹ Gesellschaft zu kommen. Wenn Maschinen und Computer, Profitbestrebungen und Eigentumsrechte für wichtiger gehalten werden als die Menschen, dann wird die schreckliche Allianz von Rassenwahn, extremem Materialismus und Militarismus nicht mehr besiegt werden können.«

Martin Luther King jr., »Vietnam und die Menschenrechte«, 1967

Kapitel 1Trumps Sieg als Markenerlebnis pur

Der Abend, an dem Donald Trump zum Gewinner der Wahl von 2016 und zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten erklärt wurde, verwirrte mich auch deshalb, weil es kein Abend war. Ich befand mich auf einer Vortragsreise im australischen Sydney, und wegen der Zeitverschiebung war es Mittwoch, der 9. November, spätvormittags. Für fast alle, die ich kenne, war es Dienstagabend, und meine Freunde schickten mir Textnachrichten von Wahlpartys, auf denen keiner mehr nüchtern war. Für die Australier aber begann ein normaler Werktag, was bei mir nur zu totalen Schwindelgefühlen führte, als die ersten Hochrechnungen gemeldet wurden.

Ich saß in einer Besprechung mit fünfzehn Leitern verschiedener australischer Organisationen, die sich für Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Unsere Debatte drehte sich um eine entscheidende Erkenntnis. Bisher hatten wir unseren Kampf gegen Klimawandel, Rassismus, Ungleichheit und die Verletzung der Rechte von Ureinwohnern, Migranten und Frauen sowie andere zentrale Konflikte separat, jeder auf seinem Feld ausgetragen. Aber wir stellten, wie viele Bewegungen heute, die Frage: Wo sind die Berührungspunkte? Welche tiefer liegenden Ursachen sind das verbindende Element? Wie können diese Probleme gleichzeitig und im Zusammenhang angegangen werden? Welche Werte wären für eine solche Bewegung maßgeblich? Und wie ließe sie sich in politische Macht ummünzen? Mit einigen Kollegen arbeitete ich in Nordamerika daran, eine solche übergreifende Bewegung, die »People’s Platform«, aufzubauen – auf dieses Projekt namens Leap Manifesto werde ich im letzten Kapitel noch einmal zurückkommen –, und es gab viele australische Gruppen, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten.

Eine Stunde lang herrschte auf unserem Treffen fröhlich-optimistische Stimmung, und wir sprachen aufgeregt über die neuen Möglichkeiten. Was die US-Wahlen betraf, waren die Teilnehmer völlig entspannt. Wie viele Progressive und Linke und sogar traditionelle Konservative waren wir sicher, dass Trump verlieren würde.

Dann begannen die Handys zu summen. Und im Raum wurde es immer stiller, die Teilnehmer in dem lichtdurchfluteten Versammlungssaal wurden von wachsender Panik ergriffen. Plötzlich erschien uns der Grund für unsere Versammlung – die Idee, dass wir gemeinsam einen Sprung nach vorn für den Klimaschutz, gegen Rassismus, für gute Arbeitsplätze und mehr schaffen würden – völlig absurd. Es war, als würde jeder sofort, und ohne ein Wort darüber zu verlieren, begreifen, dass uns eine Orkanbö ins Gesicht schlug und wir jetzt nichts anderes tun konnten, als die Stellung zu halten. Die Vorstellung, dass wir auch nur bei einer der akuten Krisen, mit denen wir es zu tun haben, vorankommen könnten, schien sich vor unseren Augen in Luft aufzulösen.

Dann, ohne dass jemand die Sitzung beendet hätte, löste sie sich auf, wobei sich die Mitstreiter zum Abschied kaum zunickten. CNN übte eine magische Anziehungskraft aus, und wir begaben uns schweigend auf die Suche nach größeren Bildschirmen.

Es waren nicht die US-Wähler, die sich mehrheitlich für Trump ausgesprochen hätten; Hillary Clinton hatte einen Stimmenvorsprung von fast 2,9 Millionen, eine Tatsache, die den Präsidenten wurmt. Dass er die Wahl gewann, hat er dem Wahlmännersystem zu verdanken, das ursprünglich eingeführt wurde, um die Macht der Sklavenhalter zu schützen. Und im Rest der Welt erklärte die überwältigende Mehrheit der Menschen in Umfragen, hätten sie auf magische Weise an dieser Wahl teilnehmen können, so hätten sie ihr Kreuzchen bei Clinton gemacht. (Eine bemerkenswerte Ausnahme bildete Russland, wo Trump großen Zuspruch erntete.)

In diesem großen Anti-Trump-Camp hat jeder über diesen Wahlabend, und wie es ihm dabei erging, eine andere Geschichte zu erzählen. Viele ergriff Entsetzen darüber, dass so etwas in den Vereinigten Staaten passieren konnte. Sehr viele andere trauerten, weil das, was wir über tiefverwurzelten Rassismus und Frauenfeindlichkeit in den Vereinigten Staaten längst wissen, so anschaulich bestätigt wurde. Wieder andere bedauerten, dass die erste Kandidatin um das Amt des US-Präsidenten keine Chance bekam, zum Vorbild für die nächste Generation zu werden. Aber es gab auch Leute, die wütend darüber waren, dass eine so kompromittierte Kandidatin überhaupt gegen Trump ins Rennen geschickt wurde. Und für Millionen in den Vereinigten Staaten und in aller Welt war Angst das beherrschende Gefühl – eine dumpfe, geradezu körperliche Vorahnung, dass die Präsidentschaft Trumps als Katalysator extremen Rassismus, Gewalt und Unterdrückung freisetzen würde. Zahlreiche Menschen erlebten einen Mix dieser und anderer Emotionen.

Und viele begriffen auch, dass es bei diesem Wahlergebnis nicht nur um einen Mann in einem Land ging. Trump ist nur eine Spielart einer offenbar global um sich greifenden Infektion. Wir erleben eine Welle autoritärer, fremdenfeindlicher Rechtsaußenpolitik – von Marine Le Pen in Frankreich über Narendra Modi in Indien bis hin zu Rodrigo Duterte in den Philippinen, der britischen UK Independence Party, Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei und all ihren Gesinnungsgenossen (einige darunter explizit neofaschistisch), die in aller Welt an die Macht drängen.

Meine Eindrücke vom Wahltag/Wahlabend in Sydney schildere ich deshalb, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass wir etwas Wichtiges lernen können aus der Erfahrung, wie Trumps Sieg unser Gespräch beendete und Pläne für eine optimistische Agenda praktisch ohne Debatte über den Haufen warf. Es war völlig nachvollziehbar, dass wir am Wahltag so empfanden. Aber wenn wir uns damit abfinden, dass es von nun an nur noch Verteidigungsschlachten zu schlagen gibt, dass wir nur noch unsere Stellung halten können angesichts der rückschrittlichen Attacken im Stile Trumps, dann geraten wir tatsächlich in eine sehr gefährliche Situation. Denn die Stellung, die wir hielten, bevor Trump gewählt wurde, war die Situation, die Trump hervorgebracht hat. Eine Situation, die viele Menschen als den sozialen und ökologischen Ernstfall ansahen, und zwar schon ohne die neuesten Rückschläge.

Natürlich müssen wir uns gegen die Angriffe, die von Trump und ähnlichen Demagogen weltweit ausgehen, energisch wehren. Aber wir dürfen die nächsten vier Jahre nicht ausschließlich in der Verteidigung spielen. Die Krisen sind so akut, dass wir keine Zeit zu verlieren haben. Bei einem Problem, über das ich eine ganze Menge weiß, dem Klimawandel, hat die Menschheit ein begrenztes Zeitfenster, in dem gehandelt werden muss; danach wird es unmöglich sein, ein auch nur halbwegs stabiles Klima aufrechtzuerhalten. Und wie wir in Kapitel 4 sehen werden, schließt sich dieses Fenster rasch.

Wir müssen also gleichzeitig das Erreichte verteidigen und in die Offensive gehen – um den Angriffen der Gegenwart standzuhalten und Raum für den Aufbau der Zukunft zu finden, die wir brauchen. Also sagen wir gleichzeitig nein und ja.

Aber bevor wir dazu kommen, was wir statt Trump und all dem wollen, wofür er und seine Regierung stehen, sollten wir mit unerschrockenem Blick betrachten, wo wir stehen und wie wir hierhergeraten sind, und uns damit beschäftigen, dass sich die Lage wahrscheinlich kurzfristig erheblich verschlimmern wird. Zu letzterem Punkt lassen Sie sich gesagt sein: Viel spricht dafür, dass wir auf ein schlimmes Ende zusteuern. Aber davon dürfen wir uns nicht lähmen lassen. Dieses Territorium zu kartieren ist nicht leicht, aber es gibt keinen anderen Weg, wollen wir die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und dauerhafte Lösungen finden.

Kein Wandel, sondern ein Putsch der Konzerne

Donald Trumps Kabinett der Milliardäre und Multimillionäre steht für eine schlichte Tatsache: Die Menschen, die sich bereits einen obszönen Anteil am Reichtum des Planeten gesichert haben, einen Anteil, der Jahr für Jahr wächst – die neuesten Zahlen von Oxfam belegen, dass acht Männer so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung – sind entschlossen, noch mehr an sich zu reißen.

NBC News meldete im Dezember 2016, dass Trumps Anwärter für Ministerposten insgesamt Vermögen von 14,5 Milliarden Dollar kontrollieren (nicht mitgerechnet »Sonderberater« Carl Icahn, der allein über 15 Milliarden Dollar verfügt). Zudem sind die Kabinettsposten nicht einfach nur mit einer repräsentativen Auswahl der Ultrareichen besetzt. In einem beunruhigenden Ausmaß hat Trump seine Regierungsmannschaft aus Leuten zusammengestellt, die ihren persönlichen Reichtum der Tatsache verdanken, dass sie wissen, wie man den verletzlichsten Menschen auf dem Planeten und dem Planeten selbst Schaden zufügt, und zwar oft mitten in der Krise. Es scheint fast, als wäre dies das Einstellungskriterium gewesen.

Als Finanzminister hat Trump Steve Mnuchin bestellt, einst an der Spitze der Immobilienbank OneWest wurde er als »Mr Zwangsversteigerung« bekannt, weil er zehntausende Menschen nach dem Finanzkollaps von 2008 unter fragwürdiger Ausnutzung der rechtlichen Lage aus ihren Häusern geklagt hatte. Trumps Außenminister heißt Rex Tillerson, früher Geschäftsführer von ExxonMobil, dem größten privaten Erdölunternehmen der Welt. Der Konzern, den er leitete, hatte über Jahrzehnte pseudowissenschaftliche Fehlinformationen über den Klimawandel finanziert und verbreitet und über Lobbyisten hinter den Kulissen erbittert gegen internationale Maßnahmen zum Klimaschutz gekämpft, während man bei ExxonMobil darüber nachdachte, wie der Konzern von einer sich erwärmenden Welt profitieren könnte. Und dann wären da noch die vielen Unternehmer aus dem militärischen und Überwachungsbereich sowie deren bezahlte Lobbyisten, die Trump mit Aufgaben im Verteidigungsministerium und beim Verfassungsschutz betraute.

Wir waren im Höhenflug

Man vergisst es leicht, aber vor Trumps Wahl standen ganz normale Leute empört auf, um gegen das Unrecht zu kämpfen, das von vielen eben jener Branchen und politischen Kräfte verübt wird, und ihr Widerstand verzeichnete erste Erfolge. Bernie Sanders’ überraschend starker Wahlkampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat ließ, obwohl er letztlich scheiterte, die Wall Street bereits um ihre Boni zittern und konnte bedeutende Änderungen im Wahlprogramm der Demokraten durchsetzen. Black Lives Matter und Say Her Name erzwangen eine landesweite Debatte um systematische Schwarzenfeindlichkeit und militarisierte Polizeirazzien, und sie sorgten für einen allmählichen Abbau der Privatgefängnisse und den Rückgang der Zahl inhaftierter Amerikaner. Im Jahr 2016 konnte kein großes Sport- oder Kulturereignis – von der Oscarverleihung bis zum Super Bowl – mehr stattfinden, ohne deutlich zu machen, wie sehr sich die Debatte über rassistische und staatliche Gewalt gewandelt hatte. Die Frauenbewegung brachte sexuelle Gewalt in die Schlagzeilen, beleuchtete die »Vergewaltigungskultur« und veränderte den Stil, in dem über Prominente wie Bill Cosby gesprochen wurde, die wegen Sexualdelikten vor Gericht standen; auch war es gelungen, Roger Ailes von seiner Spitzenposition bei Fox News zu entfernen, nachdem ihm vorgeworfen wurde, er habe mehr als zwei Dutzend Frauen sexuell belästigt (was er bestreitet).

Auch die Klimabewegung war auf Erfolgskurs und errang einen Sieg nach dem anderen gegen Erdölpipelines, Schiefergas-Fracking und Ölbohrungen in der Arktis, wobei sehr oft Ureinwohner ihren Widerstand wiederaufleben ließen. Und noch weitere Siege bahnten sich an: Das 2015 in Paris ausgehandelte Klimaabkommen steckte das Ziel, den Temperaturanstieg so stark zu begrenzen, dass fossile Brennstoffe im Wert von Billionen Dollar, also extrem profitable Aktivposten, im Boden bleiben müssen. Firmen wie ExxonMobil sahen sich durch die Umsetzung dieser Klimaziele in ihrer Existenz bedroht.

Und wie sich auch auf unserem Treffen in Sydney zeigte, gewann in den Vereinigten Staaten und anderswo die Einsicht an Boden, dass die vordringliche Aufgabe darin besteht, Kontakte zwischen diesen Bewegungen zu knüpfen, um eine gemeinsame Agenda zu entwickeln und zugleich ein progressives Bündnis aufzubauen – das in einer Ethik umfassender sozialer Integration und Sorge für den Planeten wurzelt.

Die Regierung Trump, keineswegs die Geschichte einer gefährlichen, unverschämten Einzelperson, sollte teilweise in diesem Kontext betrachtet werden – als wütender Backlash gegen die wachsende Macht der sich zusammenschließenden sozialen und politischen Bewegungen, die eine gerechtere und sichere Welt fordern. Statt das Risiko weiterer Fortschritte (und zunehmender Gewinneinbußen) einzugehen, hat sich diese Bande aus raffgierigen Investoren, klimafeindlichen Umweltverschmutzern und Profiteuren von Krieg und »Überwachung« zusammengeschlossen, um die Regierung zu übernehmen und ihren unrechtmäßig erworbenen Reichtum zu schützen. Nach Jahrzehnten, in denen der öffentliche Raum Stück für Stück privatisiert wurde, haben Trump und seine Mannschaft nun die Kontrolle über die Regierung selbst an sich gerissen. Die Machtübernahme ist vollzogen.

Der Wunschzettel der Konzerne

Angesichts seiner fehlenden Regierungserfahrung hat sich Trump den Wählern mit einer neuartigen zweigleisigen Verkaufsmasche angedient. Erstens: Ich bin so reich, dass ich es nicht nötig habe, mich kaufen zu lassen. Und zweitens: Ihr könnt darauf vertrauen, dass ich dieses korrupte System repariere, weil ich es in- und auswendig kenne – ich habe als Geschäftsmann mitgespielt, ich habe Politiker gekauft, ich habe Steuern hinterzogen, ich habe die Produktion ausgelagert. Also wer ist besser geeignet als ich und meine ebenso reichen Freunde, um diesen Sumpf auszutrocknen?

Es überrascht kaum, dass noch etwas geschehen ist. Trump und sein Kabinett ehemaliger Topmanager bauen die Regierung mit atemberaubender Geschwindigkeit so um, dass den Interessen ihrer Firmen, ihrer ehemaligen Firmen und ihrer Steuerklasse insgesamt gedient ist. Wenige Stunden nach seiner Amtsübernahme forderte Trump massive Steuersenkungen, so plante er, die Körperschaftssteuer für Konzerne von bisher 35 Prozent auf 15 Prozent zu reduzieren, und versprach, 75 Prozent der Umweltschutzvorschriften außer Kraft zu setzen. Seine Steuerpläne enthalten noch weitere Vergünstigungen und Schlupflöcher für die Superreichen, wie sie sein Kabinett bevölkern (zu schweigen von ihm selbst). Seinen Schwiegersohn Jared Kushner betraute er mit der Leitung eines »SWAT-Teams«, bestückt mit Konzernmanagern, denen aufgetragen wurde, weitere Vorschriften aufzuspüren, die abgeschafft werden sollen, neue Privatisierungsprogramme zu entwerfen und neue Wege zu finden, die US-Regierung »wie ein großes amerikanisches Wirtschaftsunternehmen« zu führen. (Einer Analyse von Public Citizen zufolge traf sich Trump in weniger als drei Monaten im Amt mit mindestens 190 Konzernmanagern – bis er verkündete, das Besucherprotokoll werde nun nicht mehr veröffentlicht.) Auf die Frage, was die Regierung in den ersten drei Monaten Substantielles geleistet habe, verwies Mick Mulvaney, Chef des Haushaltsbüros, auf Trumps zahlreiche Präsidialerlasse und betonte: »Die meisten dieser Gesetze und Vorschriften schaffen andere Gesetze ab. Vorschriften, die andere Vorschriften abschaffen.«

So sieht’s aus. Trump und seine Mannschaft sind darauf erpicht, Programme zu zerstören, die Kinder vor Umweltgiften schützen, sie haben Erdgasunternehmen von der Pflicht befreit, all die hochwirksamen Treibhausgase zu melden, die sie ausspucken, und treiben Dutzende und Aberdutzende vergleichbarer Maßnahmen voran. Das ist kurz gesagt ein Rundumschlag. Und aus diesem Grund lachen Trump und die von ihm ernannte Regierungsmannschaft über den schüchternen Einwand, es gebe hier Interessenkonflikte – das ganze Projekt ist ein einziger Interessenkonflikt. Um nichts anderes geht es.

Und darum geht es vor allem Donald Trump, einem Mann, der so vollständig mit seiner Unternehmensmarke verschmolzen ist, dass er selbst offenbar nicht sagen kann, wo er aufhört und seine Marke beginnt. Ein durchaus bemerkenswerter Aspekt von Trumps bisheriger Präsidentschaft ist die Etablierung von Mar-a-Lago, Trumps Privatdomizil und Club, als karnevaleskes, profitorientiertes »Winter White House« nur für Mitglieder (als solches wurde es sogar kurzzeitig auf Websites des Außenministeriums beworben). Ein Clubmitglied verriet der New York Times, Mar-a-Lago sei wie ein »Ausflug nach Disneyland, bei dem man weiß, Micky Maus ist den ganzen Tag da« – nur dass es sich bei dieser Übung in Vollkontakt-Branding nicht um Disneyland, sondern um Americaland handelt und der Präsident der Vereinigten Staaten Micky Maus ist.

Der ultimative Markenrabauke

Als ich dieses Zitat las, wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Präsidentschaft verstehen wollte, etwas würde tun müssen, wogegen ich mich lange Zeit gesträubt habe: wieder in die Welt des Marketing und Branding, das heißt der Markenpolitik, einzutauchen, mit der ich mich in meinem ersten Buch No Logo beschäftigt habe.

In dem Buch geht es um einen Schlüsselmoment in der Geschichte amerikanischer Unternehmen, als Konzerngiganten wie Nike und Apple aufhörten, sich vor allem als Firmen zu sehen, die physische Produkte herstellen, und begannen, sich in allererster Linie als Hersteller von Marken zu betrachten. Sie beschlossen, im Branding – das ein Gefühl der Stammeszugehörigkeit herstellt – ihr Glück zu suchen. Vergesst Fabriken. Vergesst die Notwendigkeit einer großen Belegschaft. Sobald sie erkannten, dass die höchsten Gewinne aus der Herstellung eines Bildes flossen, kamen diese »hohlen Marken«, diese »hollow brands«, zu dem Schluss, dass es eigentlich keine Rolle spielte, wer ihre Produkte herstellte oder wie wenig man den Arbeitern bezahlte. Das überließen sie den Fremdfirmen – eine Entwicklung mit verheerenden Folgen für die Beschäftigten zu Hause und im Ausland, die aber auch eine neue Welle des Widerstands gegen Konzerne befeuerte.

Bei den Recherchen zu No Logo vertiefte ich mich vier Jahre lang in die Markenkultur – vier Jahre lang sah ich immer wieder Super-Bowl-Werbung, durchforstete Zeitschriften wie Advertising Age nach den jüngsten Erkenntnissen zur Unternehmenssynergie, las nervtötende Managementliteratur darüber, wie man mit den eigenen persönlichen Markenwerten in Kontakt kommt, unternahm Exkursionen in NikeTown-Läden, besuchte asiatische Ausbeuterbetriebe, durchwanderte monströse Einkaufszentren und Städte, die sich für Markenwerbung hergaben, und begleitete »Adbusters« und »Culture Jammers« auf ihren nächtlichen Aktionen.

Manches hat Spaß gemacht – ich bin keineswegs immun gegen die Reize von gutem Marketing. Aber am Ende hatte ich das Gefühl, als hätte ich eine Toleranzgrenze überschritten und eine Art Markenallergie entwickelt. Wenn Starbucks eine neue Masche ersonnen hatte, um ihre Läden zu »Nichtmarken« zu machen, oder Victoria’s Secret Kopfschmuck von Ureinwohnern auf den Laufsteg brachte, wollte ich nicht darüber schreiben – ich hatte diese raubgierige Welt hinter mir gelassen. Das Problem ist, wer Trump verstehen will, muss die Welt begreifen, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist, und das ist weitestgehend die Welt des Branding und der Marken. Er zeigt die schlimmsten Trends auf, die ich in No Logo beschrieben habe, vom Abschütteln der Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, die das Markenprodukt herstellen, vermittelt über ein Netz von häufig skrupellosen Fremdfirmen, bis hin zu einem unersättlichen kolonialistischen Bedürfnis, jeden verfügbaren Raum mit dem eigenen Namen zu versehen. Und deshalb habe ich mich entschieden, wieder in diese Hochglanzwelt einzutauchen, um zu sehen, was sie uns darüber sagen kann, wie es Donald Trump gelang, in das mächtigste Amt der Welt aufzusteigen, und vielleicht sogar, was sie über den Zustand der Politik ganz allgemein zu sagen hat.

Jenseits der Welt der Dinge

Der Aufstieg der Supermarken, wie sie Trump um seine dreiste Rollenfassade aufgebaut hat, wurzelt in einer scheinbar harmlosen Idee, die Mitte der 1980er Jahre von Managementtheoretikern entwickelt wurde: dass Unternehmen, um erfolgreich zu sein, vor allem Marken produzieren müssen und nicht etwa Produkte.

Bis dahin hatte man in der Geschäftswelt zwar begriffen, dass die Stärkung des Markennamens durch Werbung wichtig ist, die Hauptsorge eines jeden soliden Herstellers war jedoch die Produktion von Gütern. Wie es in einem Leitartikel der Zeitschrift Fortune des Jahres 1938 hieß: »die grundlegende und irreversible Aufgabe der Industrie ist die Herstellung von Dingen … Kaufkraft hat ihren Ursprung in der Fabrik und auf dem Land und unter der Erde.«

Aber in den 1980er Jahren schwächelten die Umsatzzahlen von klassischen Marken wie Tide, Levi’s und Marlboro. Das Problem war offenbar, dass der Markt mit täuschend ähnlichen Produkten überschwemmt wurde, und angesichts der Rezession war für viele bei ihrer Kaufentscheidung der Preis und nicht der Markenname ausschlaggebend. Die alten Tricks – Reklametafeln, TV-Werbespots – zogen nicht mehr recht; es war, als wären die Verbraucher resistent geworden. (Oder wie der Werbefachmann David Lubars es so einprägsam formulierte: Verbraucher »sind wie Kakerlaken – man besprüht sie und besprüht sie und nach einer Weile werden sie immun«.)

Etwa um diese Zeit bekamen die traditionellen amerikanischen Hersteller Konkurrenz, die ihnen Marktanteile abjagte. Es waren Firmen wie Nike und Apple oder später Tommy Hilfiger, Intel und so weiter. Diese Pioniere hatten ein anderes Modell: Schaffe eine transzendente Idee oder Marke rund um dein Unternehmen. Nutze es, um mit Verbrauchern in Kontakt zu kommen, die die Werte der Marke teilen. Dann berechne einen gesalzenen Aufpreis für Produkte, bei denen es weniger um die Objekte an sich als um den urtümlichen Wunsch eines jeden Menschen geht, zu einem Stamm, zu einem festen Kreis zu gehören.

Wenn sich also Jugendliche die ganze Nacht anstellten, um Nike-Turnschuhe für 250 Dollar zu kaufen, erwarben sie im Grunde keine Turnschuhe; sie kauften die Idee des »Just Do It« und den Traum von Michael Jordan, der zur Ein-Mann-Supermarke aufstieg, ein Begriff, mit dem das wachsende Imperium des Sportlers beschrieben wurde. Wenn die Eltern dieser Jugendlichen einen Apple-Computer kauften, brachten sie ein Stück der zutiefst optimistischen Zukunftsvision mit nach Hause, eingefangen in dem Slogan »Think Different«. (Die Aura des Authentischen wuchs mit jeder revolutionären, künstlerischen Ikone, ob lebendig oder tot, deren Gesicht die Kampagne zierte: Gandhi, Martin Luther King, Picasso, Mandela, der Dalai Lama.) Und wenn Pendler plötzlich den vierfachen Preis wie sonst üblich für eine Tasse Kaffee hinblätterten, dann lag das daran, dass Starbucks nicht wirklich Kaffee verkaufte; es verkaufte, seinem Chef zufolge, die Idee des »dritten Orts«, weder zu Hause noch am Arbeitsplatz. (Der dritte Ort war früher ein echter kommunaler Raum, wo Menschen ohne die Hilfe von Konzernen zusammenkamen, aber diese Räume verschwanden rasch.)

Eine weitere wichtige Entwicklung in dieser Zeit war die Vorstellung, dass sich die Marke – als das wahre Produkt – auf beliebig viele Waren projizieren lässt, die scheinbar gar nichts mit ihr zu tun haben. Ralph Lauren brachte Tapeten heraus, Virgin versuchte sich mit Hochzeitskleidern und Cola, Starbucks bot Jazz-CDs an. Die Möglichkeiten schienen grenzenlos.

Viele dieser Firmen mit hohem Markenprofil stellten die (damals) kühne Behauptung auf, Waren zu produzieren sei nur eine Nebensache, und dank der jüngsten Siege in der Liberalisierung des Handels und der Reform des Arbeitsrechts könnten sie ihre Produkte zu Schnäppchenpreisen durch Fremdfirmen und Subunternehmer herstellen lassen, meist im Ausland angesiedelt. Es spiele eigentlich keine Rolle, wer die physische Arbeit erledigte, denn der wahre Wert liege nicht in der Herstellung, sondern in Design, Innovation und natürlich Marketing.

Bald war es auf Managementebene Konsens, sehr viele Unternehmen, die sich dieses Modell nicht zu eigen machten, seien aufgebläht und überdimensioniert; sie besäßen zu viel, beschäftigten zu viele Leute und hätten zu viele Belastungen zu tragen. Der altmodische Produktionsprozess – eigene Fabriken unterhalten, für zehntausende Vollzeitbeschäftigte mit festen Verträgen verantwortlich sein – sah nicht mehr aus wie der Weg zum Erfolg, sondern eher wie ein Klotz am Beim. Ziel war es, ein Hollow-Brand-Modell zu werden – wenig besitzen, alles auf die Marke setzen.

Sehr bald konkurrierten multinationale Konzerne in einem Wettlauf hin zur Schwerelosigkeit: Wer am wenigsten besaß, die wenigsten Beschäftigten auf der Gehaltsliste hatte und die stärksten Bilder, im Gegensatz zu Dingen, produzierte, gewann das Rennen.

Kein Raum, kaum Jobs

Der kometenhafte Aufstieg dieses Geschäftsmodells hatte zwei unmittelbare Folgen. Zum einen drängte sich das Marketing immer stärker in unsere Kultur, weil Marken unbesetzten Raum suchten und neue »Markenerweiterungen« anstrebten, um ihre großen Ideen zu projizieren und ihren Zielmarkt zu erreichen. Zum anderen erlebten Arbeit und Arbeiter eine extreme Abwertung und galten zunehmend als austauschbar.

Marken wie Nike und Adidas lieferten sich in der Marketingsphäre einen erbitterten Konkurrenzkampf, ließen aber ihre Produkte in denselben Fabriken herstellen, wo sie von denselben Beschäftigten zusammengenäht wurden. Und warum auch nicht? Etwas zu produzieren galt nicht mehr als »Kernkompetenz«. Hauptniederlassungen (jetzt oft als »Campus« bezeichnet) wollten sich möglichst ungehindert auf das konzentrieren, was sie als ihr eigentliches Geschäft ansahen: eine Unternehmensmythologie erschaffen, die so stark ist, dass sie Sinn und Bedeutung auf praktisch jeden Gegenstand projizieren kann, einfach indem man ihn mit dem Markennamen versieht.

In der Presse wurde dieses Phänomen häufig so dargestellt: Unternehmen X oder Y verlagert seine Fabriken in einen Teil der Welt, wo Arbeit billiger ist. Aber als ich die Sweatshops besuchte, die in Indonesien und den Philippinen Markenartikel wie Gap-Kleidung und IBM-Computer produzieren, stellte ich fest, dass die Wahrheit anders aussieht. In den meisten Fällen sind diese Unternehmen mit ihren Fabriken in Nordamerika und Europa nicht etwa umgezogen und haben sie in Asien wieder eröffnet, sondern sie haben sie geschlossen und nie wieder eröffnet, nirgendwo. In dieser Zeit entstanden hochkomplizierte Lieferketten, und es wurde immer schwieriger, herauszufinden, wo und von wem ein Produkt hergestellt wird. Auch kam es zu einer Welle von Skandalen: Immer wieder brachten unerschrockene Investigativjournalisten und Gewerkschaftsgruppen ans Licht, dass etwa ein von Michael Jordan beworbener Nike-Schuh oder ein Disney-Markenspielzeug unter erschreckenden Bedingungen in Ausbeuterbetrieben in Haiti oder Indonesien hergestellt wurde. Aber sobald Journalisten und Verbraucher die Marke zur Verantwortung ziehen wollten, erklärten die Unternehmen unisono: »Wir sind genauso entsetzt wie Sie. Und deshalb werden wir mit dieser Fremdfirma nicht mehr zusammenarbeiten.«

Es ist kein Geheimnis, warum dieses Modell durchstartete. Wenn man es richtig anstellte – wenn man schöne Werbefilme drehte, eine Menge in Design investierte und versuchte, die Markenidentität durch zahllose Sponsorenverträge und Crosspromotion zu stärken –, dann waren viele Leute bereit, für das so aufgepeppte Produkt fast jeden Preis zu bezahlen. Und aus diesem Grund erzeugte der Erfolg der sogenannten »Lifestyle-Marken« eine Art Manie, und die Marken überboten sich darin, wer das teuerste Netzwerk von Markenerweiterungen aufbieten und wer die umfassendsten 3-D-Erlebnisse schaffen konnte – die dem Kunden ermöglichten, förmlich in ihre Lieblingsmarken hineinzukriechen und mit ihnen zu verschmelzen.

Was hat nun diese Geschichte der 1990er Jahre mit Donald Trump zu tun? Eine ganze Menge. Trump hat exakt nach diesem Rezept ein Imperium aufgebaut. Und dann hat er sich als Kandidat genau ausgerechnet, wie er von der Wut und Verzweiflung profitieren konnte, die dieses Modell in den Kommunen hinterlassen hatte, wo früher die gutbezahlenden Fertigungsbetriebe angesiedelt gewesen waren – mit Arbeitsplätzen, die Firmen wie die Trumps abgebaut haben. Eine echte Meisterleistung.

Die Trump-Show

In den 1980er Jahren, als Trump landesweit bekannt wurde, war er noch ein traditionell tätiger Immobilientycoon, der von dem unersättlichen Wunsch geplagt wurde, seinen Namen in der Presse und auch sonst vielerorts zu sehen. Sein Name prangte auf Gebäuden in New York und Atlantic City; er bearbeitete unermüdlich die Presse, und seine Beziehung zu seiner Frau und seiner Geliebten inszenierte er zu einer Seifenopfer, die man live verfolgen konnte. Die Folge war, dass Trump weitaus sichtbarer wurde, als seine Bedeutung es gerechtfertigt hätte: Sein Gesicht erschien auf Illustrierten von Time bis GQ. Er war mit Kurzauftritten in Filmen und Fernsehserien zu sehen. Und schon früh begriff er einen wesentlichen Aspekt des Branding. Wie er dem Playboy sagte: »Die Show ist Trump, und die Vorstellungen sind überall ausverkauft.« Dennoch blieb sein Kerngeschäft konventionell: Er kaufte Immobilien, renovierte und betrieb die Gebäude, seien es Hotels, Eigentumswohnanlagen oder Kasinos.

In den 1990er Jahren änderte sich das, vor allem weil Trump seine Kasinos in Atlantic City so heruntergewirtschaftet hatte, dass seine Geldgeber, die Banken, immer mehr von seinem Imperium übernahmen, und zwar noch bevor er zum ersten Mal Pleite machte. Er verlor die Kontrolle über seine Objekte jedoch nicht ganz. Die Investoren glaubten, sie benötigten Trumps Namen – seine persönliche Marke –, um zu verhindern, dass das Kartenhaus in sich zusammenfiel. Und das ließ Rückschlüsse darauf zu, wie viel ein durch eifrige Promotion gepushter Name in der realen Welt wert ist.