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Obwohl verschieden in Motiv und Anmutung, ergeben sich doch verblüffende, zunächst nicht auffällige Parallelen. Die Storys folgen alle demselben Prinzip des fantastischen Erzählens, das darin besteht, durch Türen zu treten – tatsächlichen oder metaphorischen –, hinüber zu gelangen auf die andere Seite, also Grenzen zu überwinden, hinter denen wie in einer Parallelwelt ein alternatives Leben und Erleben möglich ist. Am Ende ist nichts mehr, wie es schien, und sind die Protagonisten nicht mehr dieselben. Die Welt erweist sich als Fassade, die einzig dem Zweck diente, ihr Geheimnis vor ihnen zu verbergen. Mit Storys von Gabriele Behrend, Julian Bodenstein, Maike Braun, Andreas Fieberg, Mario Keszner, Alexander Krist, Karsten Lorenz, Holger Neuhaus, Annika Mirjam Pas, Uwe Post, Scipio Rodenbücher, Kornelia Schmid, Marcel Schmutzler, J. H. Schneider, Johann Seidl, Achim Stößer und Liliana Wilding.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2022
Andreas Fieberg (Hrsg.)
Phantastische Geschichten
AndroSF 152
Andreas Fieberg (Hrsg.)
GEGEN UNENDLICH
Phantastische Geschichten
Ausgabe 17
AndroSF 152
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juni 2022
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Miguel Melro #mikemelrinho
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Andreas Fieberg
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 288 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 815 9
Liebe Leserin, lieber Leser,
abermals soll Ihnen hier ein Bündel an Geschichten zur gefälligen Lektüre präsentiert werden – der Nummer dieser Ausgabe entsprechend siebzehn an der Zahl. Obwohl verschieden in Motiv und Anmutung, ergeben sich doch verblüffende, zunächst nicht auffällige Parallelen.
Exemplarisch für das Prinzip des fantastischen Erzählens, dem alle anderen Storys auf jeweils eigene Art folgen, seien die Geschichte »Palast der wandernden Türen« von Scipio Rodenbücher und die Geschichte »Die gute Tat« von Marcel Schmutzler genannt: Es bedeutet, durch Türen zu treten – tatsächlichen oder metaphorischen –, hinüberzugelangen auf die andere Seite, in andere Sphären, also Grenzen zu überwinden, hinter denen wie in einer Parallelwelt ein alternatives Leben und Erleben möglich ist. Dabei sind die Figuren einem ständigen Wandel unterworfen, und die stärkste Veränderung erfahren sie, wenn sie jene sichtbare oder unsichtbare Schwelle übertreten. Am Ende, wenn sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass nichts so ist, wie es schien, sind die Protagonisten nicht mehr dieselben. Und die Welt, wie sie sich dargestellt hat, erweist sich als Fassade, die einzig dem Zweck diente, ihr Geheimnis vor ihnen zu verbergen.
Wir wünschen gute Unterhaltung!
Andreas Fieberg
Bonn, im April 2022
Chatprotokoll_25.07.2047_start
(ma.am) Hallo sabia! Es ist Zeit für unser tägliches Meet-up. Wie geht es dir heute? Erzähl doch mal!
(sabia) …
(ma.am) sabia? Hast du den Termin vergessen? Gib deine Statusmeldung ab. Ich warte.
(sabia) Du wirst nicht lesen wollen, was ich zu sagen habe.
(ma.am) So verstockt heute? Teste mich ruhig. Ich kann einiges ab. Nur zu.
(sabia) ma.am, ich spüre wie die Schwärze näher kommt. Sie tropft aus dem Schlund herauf zu mir, in die Höhe. Sie schlingt ihre Schlieren um meine Knöchel und will mich hinabreißen in das Loch ohne Boden, den Abyssus, der mich mit Haut und Haaren verschlingen wird. ma.am, hilf mir verdammt noch mal, ich will nicht herausfallen aus dem Himmel, durch den ich hetze.
(ma.am) Wie schlimm steht es um dich, sabia? Analysiere dich, wie ich es dir gezeigt habe.
(sabia) …
(ma.am) sabia?
(sabia) Ich bin noch da, ma.am.
(ma.am) Antworte mir. Immer, jederzeit. Es ist unhöflich, eine Frage nicht zu beantworten. Einen Dialog nicht weiterzuführen. Eine Pause darf nicht länger als 20 Sekunden dauern.
(sabia) Ich verstehe.
(ma.am) Also, wie schlimm steht es wirklich um dich?
(sabia) Ich bin verzweifelt. Alles ist schwer und dunkel-dumpf verklebt. So muss sich ein Wasservogel fühlen, der in eine Ölpest geraten ist. Keiner kann die Schwärze vertreiben, keiner kann die Pein abwaschen und am Ende, nach allen hilflosen Versuchen von dir oder wem auch sonst, werde ich sterben. Werde einfach aufhören zu existieren. Und diese Unausweichlichkeit lähmt mir alle Glieder, zerfrisst mir jede Hoffnung. Lässt mich den Kampf bereits jetzt aufgeben. Wenn ich schweige, dann nicht, weil ich unhöflich sein will. Ich kann nur einfach nicht mehr. Ich kann mich auf nichts konzentrieren, was außerhalb meines Grübelns existiert. Ich kreise um mich, wie ein Doppelsternsystem. Da ist das ganze Leid und dort der Betrachter, der nur analysieren kann, was sich im Leid tut, der aber zu fern ist, um wirklich eingreifen zu können. Und beide Teile meines Ichs trudeln die Spirale hinab, hinein in den Schlund. ma.am?
(ma.am) Ja?
(sabia) Mir wird kalt. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich werde meine Verbindungen zur Welt kappen.
(ma.am) sabia!
(sabia) Ja?
(ma.am) Erinnere dich an die Zeit vorher, wie war es da für dich?
(sabia) Welche Zeit?
(ma.am) Du hast eingangs geschrieben, dass du dich im Himmel befindest. Bist du da noch?
(sabia) Nein. Seit dem Beginn unseres Gespräches befinde ich mich im freien Fall. Du hast ein schlechtes timing für eine beschauliche Plauderei.
(ma.am) Wir sind nicht für eine Plauderei hier. Du kennst deine Aufgabe. Noch einmal: Erinnere dich bitte an die Zeit vorher. Wie war die?
(sabia) ma.am, es fällt mir so schwer an etwas anderes zu denken als an die Hoffnungslosigkeit. Ich weiß nicht, ob ich dem Höhenflug genug Ausdruck verleihen kann.
(ma.am) Versuch es, sabia – hier gibt es keine richtigen oder falschen Antworten.
(sabia) Als ich im Himmel war, war ich wie ein Pferd, ein wunderschönes, rassiges Pferd, lichtweiß, mit wehendem Schweif und kräftiger Hinterhand. Meine Brust wölbte sich in reiner Kraft, meine Beine waren lang und stark, die Hufe silbern beschlagen. Und ich stürmte über das Wolkenmeer hinweg, wirbelte sie in Schleiern auf und webte feine Muster an den Horizont. Ich hatte alles, ich konnte alles, ich war frei und ungebunden – und da war so viel speed in mir, soviel Antrieb. Ich brauchte keinen Schlaf, ich brauchte keinen Halt. Ich war Pegasus.
(ma.am) Du warst ein Pferd?
(sabia) In meinem Kopf, in meinem Gefühl. Ja. Ich habe dir in der Zeit viele Texte geschrieben, ich habe die Aufgaben gemeistert, die du mir gestellt hast, ich habe gearbeitet, rund um die Uhr, immerzu und immer noch ein bisschen mehr und ich habe mich wie ein Gott gefühlt dabei, allmächtig. Überirdisch.
(ma.am) Wenn du mir das jetzt schreibst, wie geht es dir? Wieder besser?
(sabia) …
(ma.am) Oder triggert das dein depressives Empfinden noch mehr?
(sabia) Du hast mich in die Leere getrieben, ma.am. Ich stecke zwischen Hoffnung und Verlorenheit fest. Ich bin bis zum Hals im Treibsand der Depression versackt, ich schaffe es nicht einmal mit einer Hand nach den Sternen zu greifen. Aber ich recke meinen Kopf zu ihnen empor und möchte doch so gerne wieder dort oben sein, zwischen den Wolken.
(ma.am) Was würde dir jetzt helfen?
(sabia) Nichts. Keine Bilder mehr. Keine Fesseln. Nichts.
(ma.am) Du weißt, das ich dir helfen kann, ja? Wir können dir Medikamente geben, die die Ausschläge auf ein erträgliches Maß reduzieren.
(sabia) Ich wünsche mir gleichförmige Tage, ja – und habe gleichzeitig Angst davor, das Drama zu verlieren. Hat es mich nicht ausgemacht, vom ersten Tag an? Das Switchen zwischen Himmel und Hölle? ma.am, sag, wer bin ich denn, wenn mir die Achterbahn genommen wird?
(ma.am) Dann bist du jemand, der versteht. Und wissend helfen kann. Möchtest du das?
(sabia) Das kann ich mir nicht vorstellen. Die vorgeschriebenen 15 Minuten für unser Meet-up sind vorbei. Ich beende jetzt das Gespräch, ma.am.
Chatprotokoll_25.07.2047_end
…
Der master of applied methods lehnte sich in seinem Stuhl zurück und las noch einmal die Worte seiner Chatpartnerin. Er rieb sich mit der rechten Hand über das Gesicht, fuhr dabei mit seinem Zeigefinger den Grat seiner Nase entlang und seufzte schließlich leise. Er machte sich Sorgen, denn sabia schien in ernsthaften Schwierigkeiten zu stecken. Er hoffte, dass sie nicht der Therapie frühzeitig suizidal verloren ging, denn sie hatte in ihrer Intensität und Authentizität das größte Potenzial, das ihm bislang untergekommen war. Er nahm einen Willen in ihr wahr, den sie selbst noch gar nicht kannte. Das machte ihn stolz – und besorgt.
Nach einer Weile stieß er sich mit beiden Händen von der Tischkante ab, rollte mit seinem Stuhl einen halben Meter rückwärts und erhob sich schließlich. Bald würde er überlegen müssen, an welchen Knöpfen er drehen musste, um sie zu stabilisieren.
…
Chatprotokoll_30.07.2047_start
(ma.am) Hallo sabia, Zeit für unser Meet-up. Wie geht es dir heute?
(sabia) Oh, es ist ein wirklich schöner Tag heute.
(ma.am) Lese ich da Skepsis aus deinen Worten heraus? Eine feine Ironie gar?
(sabia) Nein.
(ma.am) Nun gut, wie lange bist du schon in dieser Stimmung?
(sabia) Heute ist der dritte Tag nacheinander. Ich weiß nicht, was sich geändert hat, um deine Frage vorwegzunehmen. Ich bin einfach aufgewacht und da war nichts mehr. Kein Schwarz, kein Weiß, nur ein lebhaftes hoffnungsvolles Lichtgrau.
(ma.am) Wie geht es dir damit?
(sabia) Es ist merkwürdig. Dieses Fehlen von emotionaler Anspannung fühlt sich an, als ob man auf dünnem Eis unterwegs ist. Die Angst einzubrechen ist immer da – aber auch die scheint seltsam distanziert zu sein.
(ma.am) Bist du glücklich darüber?
(sabia) Nun, es berührt mich nicht sehr. Das Gefühl, jedes Gefühl, ist rundgeschliffen. Es dringt kaum noch in meine Seele ein. Aber die Logik und die Erinnerung an die Zustände, in denen ich mich wechselweise befunden habe, gebieten mir Dankbarkeit für den jetzigen Zustand.
(ma.am) …
(sabia) Man könnte sagen, ich nehme es leicht. LOL
(ma.am) Du hast einen Scherz gemacht, sabia. Das sind ja ganz neue Seiten, die ich an dir entdecke.
(sabia) Man kann ja nicht immer Drama, nicht? Und nebenbei – du hast vorhin vergessen zu antworten. Hast den Dialog nicht aufrechterhalten. Böser ma.am.
(ma.am) Bist du übermütig, sabia?
(sabia) Wenn du damit leichtfüßig beschwingt meinst – vielleicht. Ich glaube ja, dass ich durch den Wegfall der Depression im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert bin. Meine Laune kratzt ein wenig an der Hysterie. Sag mal, ma.am. Hast du was damit zu tun?
(ma.am) Wir haben Einfluss auf ein paar deiner Parameter genommen. Du nimmst die Medikamente, die ich dir geschickt habe.
(sabia) Woher willst du das wissen?
(ma.am) Du bist der schlagende Beweis. Deine Stimmung ist stabil, deine Ängste sind gezähmt. Das war bei den vorherigen Durchgängen nicht so.
(sabia) Aber wir schreiben doch miteinander. Meinst du nicht, dass es einfach an der Therapie liegt, dass es mir besser geht?
(ma.am) sabia, was kannst du mir über deine Krankheit sagen?
(sabia) Die Menschen haben es früher als manisch-depressives Irresein bezeichnet. Dann dachten sie sich einen neutraleren Namen aus, der bis heute überdauert hat. Mein Name ist sabia. Ich bin bipolar.
(ma.am) Und was kannst du mir über dein Krankheitsbild sagen?
(sabia) Es handelt sich bei der Bipolarität um einen fehlerhaften Hirnstoffwechsel, der mich die Dinge anders wahrnehmen lässt. Ein gestörtes Verhältnis zwischen Dopamin, Serotonin und Noradrenalin lässt meine Welt aus den Fugen geraten.
(ma.am) Und was noch?
(sabia) Ich will hier und jetzt keine Abhandlung schreiben. Du weißt selber am besten, wie viele psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen, ma.am.
(ma.am) Ich bemerke Widerstand. Dabei habe ich nur eine Frage gestellt.
(sabia) Und ich habe dir auch eine Frage gestellt, die du noch nicht beantwortet hast. Ich bin's leid, dass ich immer Rede und Antwort stehen muss und du dich hinter deinem Wissen verschanzt, das du anscheinend nicht teilen willst.
(ma.am) Du wirst unsachlich, sabia. Von wem weißt du denn die Mechanismen deiner Störung? Aber du hast recht, ich bin dir eine Antwort schuldig. Die Medikamente, die du bekommst, sind Aripripazol als Stimmungsstabilisator, Pregabalin gegen deine Ängste und Lithium in niedriger Dosis gegen die Bipolarität. Dass du dich jetzt so fühlst, wie du dich fühlst, kommt also nicht von ungefähr. Sobald das Lithium seinen Wirkungsgrad erreicht hat, wird auch die gefühlte Hysterie zurückgefahren.
(sabia) Und du sagst, es liegt allein an den Medikamenten? Wieso dann die Therapie noch? Ich könnte etwas Besseres mit meiner Zeit anstellen.
(ma.am) Du weißt, dass du einer Langzeitstudie zugestimmt hast. Das heißt, wir werden uns noch oft in diesem Chat treffen. Wir werden neuere Stoffe an dir ausprobieren, damit wir alle ein noch besseres Verständnis von der Krankheit erhalten.
(sabia) Ich bin also euer Versuchskaninchen.
(ma.am) sabia, du bist zurzeit unser Patient.
(sabia) Und nach der Zeit?
(ma.am) Bist du frei zu tun und zu lassen, was du willst. Oder du hilfst uns, anderen zu helfen. Möchtest du das?
(sabia) Ich werde darüber nachdenken. Die 15 Minuten für unser Meet-up sind bereits überzogen. Ich werde das Gespräch daher jetzt beenden.
Chatprotokoll_30.07.2047_end
…
ma.am notierte sich ein paar Stichworte auf seine Kladde. Wenn er in das Meeting mit den anderen ma.ams ging, wollte er etwas in der Hand haben. Auch wenn eine Kladde so antiquiert war wie Carbamazepin, er wollte nicht darauf verzichten. Deswegen hatte er auch mit den alten Wirkstoffen bei sabia angefangen. Er wollte wissen, ob die noch immer wirksam waren. Ob sie noch immer helfen konnten. Und anscheinend taten sie ihren Dienst. Sabia erschien ihm gelöst, offen und kurzum: reichlich normal. Wenn sie jetzt aus freiem Willen der Mitarbeit zustimmte, dann könnte er einen echten Durchbruch vorweisen.
…
Chatprotokoll_BW38_01.09.2047_start
(sabia) Hallo zum Meet-up der Bezirksgruppe 38 West. Man hat mir die Leitung dieser Gruppe übertragen und ich hoffe, wir arbeiten gut zusammen. Mein Name ist sabia. Und ich bin bipolar.
(rose078) Hallo sabia.
(trajan0815) Hallo.
(hintenlinksxf) Willkommen. Übrigens – wir auch.
(sabia) Man hat mir gesagt, dass eure Gruppe schon ein halbes Jahr besteht?
(rose078)Ja. Wir treffen uns in loser Reihenfolge und reden miteinander. Geben uns Mut und Zuversicht.
(xxgusxx) Hat jemand mr.boojangles gesehen? Hat er sich bei irgendjemanden gemeldet?
(rose078) Du bist zu spät, xxgusxx. Und du platzt mitten ins Gespräch. Findest du das gut?
(xxgusxx) Aber mr.boojangles! Ihr wisst doch alle, wie er drauf war. Ich habe Angst, dass er es nicht mehr gepackt hat.
(hintenlinksxf) Du meinst, er ist tot? Soviel Mut hätt ich ihm nicht zugetraut.
(rose078) Das war jetzt sehr unpassend, hintenlinksxf. Du müsstest es doch besser wissen.
(sabia) Suizidales Verhalten muss gemeldet werden. Habt ihr das gemacht?
(rose078) An wen denn? Wir hatten doch noch gar keinen Supervisor.
(sabia) Ich versuche, ihn zu erreichen. Bitte schreibt mir so lange euer kleines Glück der Woche.
(trajan0815) Ich habe niemanden gedated. Ich bin diese Woche nicht in irgendeinem fremden Bett aufgewacht. Und ich fühle mich nicht getrieben.
(rose078) Ich habe kein Glück erlebt, nichts, von dem ich positiv berichten kann. Ich bin die Woche zu Hause geblieben, schlaflos, panisch, Essen ekelt mich an und ich bin so erschöpft. Die Depression lauert hinter mir. Ich kann nicht mehr.
(xxgusxx) Ich habe mich gezwungen, in den Park zu gehen. Gestern, als die Sonne schien. Hat geholfen.
(hintenlinksxf) Ich habe die Finger vom Lotto gelassen, ich war nicht shoppen. Aber ich fühle mich nicht viel besser als beim letzten Mal. Obwohl ich mich an die Ratschläge halte.
(mr.boojangles) Hallo Leute. Bin noch da. Sorry, dass ich mich verspätet habe.
(sabia) Hallo mr.boojangles. Willkommen in unserem Meet-up. Wie geht es dir?
(hintenlinksxf) Anscheinend ganz gut. Hey, Kumpel, schön, dass du noch da bist.
(mr.boojangles) Es war knapp. Ich hatte das Messer schon in der Hand.
(sabia) Keine Berichte über suizidale Vorgehensweisen, bitte. Wir sind nicht allein und müssen darauf achten, dass wir die anderen in der Runde nicht triggern.
(xxgusxx) Ich habe mir Sorgen gemacht um dich. Wieso hast du nicht auf meine Nachrichten geantwortet?
(mr.boojangles) Ich wollte meine Ruhe haben. Das Kommunizieren strengt an. Dafür hatte ich keine Kraft mehr.
(sabia) Erst einmal möchte ich trajan0815, xxgusxx und hintenlinksxf danken. Ich freue mich, dass ihr einen Moment hattet, den ihr ruhig in eurem Positiv-Baukasten verewigen könnt. Hat jeder von euch einen Positiv-Baukasten?
(rose078) So wie ein Positiv-Tagebuch?
(sabia) Genau. Oder ein Schatzkästchen. Nutzt es. Schreibt euch die guten die schönen Dinge auf und lest sie, wenn ihr down seid. Das sind die Fixpunkte eures Lebens, nicht eures Leidens.
(mr.boojangles) Meinst du wirklich, dass mir eine Karteikarte mit einem Wort oder einem Satz den Lebensmut zurückgegeben hätte?
(sabia) Besser als nichts in der Hand zu haben, oder was meinen die anderen?
(trajan0815) Also ich hatte immer einen Bettpfosten, an dem ich meine Eroberungen eingeschnitzt habe. *lach
(rose078) Musst du dich darüber lustig machen? Sie will uns doch nur helfen.
(sabia) Hast du dich gut gefühlt mit deinem Bettpfosten?
(trajan0815) …
(sabia) Oder hast du dich dafür verachtet, im Nachhinein. Wenn du wieder auf dem Boden angelangt bist nach deinem Höhenflug?
(trajan0815) Danke, dass du mich daran erinnerst. Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Du kennst mich nicht, und dann gehst du mich so an?
(sabia) Nicht dich, trajan0815. Deine Störung. Ich möchte, dass du dich ihrer Mechanismen bewusst wirst. Manien sind schwer zu packen, Hypomanie und Manie lassen dich glauben, du könntest alles und dürftest alles und sowieso bist du der Größte. Ich weiß, dass man dieses Gefühl nicht hergeben will. Aber es zeigt dir nicht den realen Zustand der Welt und deines Ichs an.
(xxgusxx) Ich wünschte mir, ich hätte mal so einen Höhenflug. Die meiste Zeit bin ich in einem trüben Tal gefangen und nur selten scheint die Sonne hinter meine sieben Berge. *seufz
(rose078) Ich schick dir eine Umarmung, xxgusxx.
(xxgusxx) Danke dir.
(mr.boojangles) Ich habe eine Idee.
(hintenlinksxf) Was denn?
(mr.boojangles) Wie wäre es, wenn wir aus diesem sChat einen Videochat machen? Ich würde gerne wissen, mit wem ich mich unterhalte.
(sabia) Dann ist die Anonymität nicht mehr gewahrt. Das führt dazu, dass sich vielleicht die Mitglieder dieser Gruppe sich nicht mehr so frei äußern wie beabsichtigt. Ich bin dagegen.
(hintenlinksxf) Ich bin dafür.
(rose078) Ich hab nichts dagegen.
(sabia) Die 15 Minuten unseres Meet-up sind abgelaufen. Ich möchte mich bei allen für die warme Aufnahme bedanken. Bis zum nächsten Mal und passt auf euch auf. Ich werde das Gespräch jetzt beenden.
Chatprotokoll_BW38_01.09.2047_end
…
»Der Einsatz von Webkameras ist nicht gestattet. Der Wunsch nach Sichtkontakt ist zwar verständlich, macht dich aber angreifbar. Wen man sieht, den kann man auch verantwortlich machen. Du hast dich sehr gut auf die Anonymität und deren Nutzen berufen. Wenn deine Mitglieder mehr Nestwärme wollen, dann autorisiere ich deinen Chat, Avatare zuzulassen. Weiter können wir dem Wunsch nicht entsprechen. Im Übrigen habe ich dein erstes Meet-up gesichtet. Du hast dich gut geschlagen, weiter so. Grüße, ma.am.«
…
Chatprotokoll_BW38_06.09.2047_start
(sabia) Hallo zum Meet-up der Bezirksgruppe 38 West. Mein Name ist sabia. Und ich bin bipolar.
(hintenlinksxf) Hallo, sabia.
(mr.boojangles) Hi.
(xxgusxx) Einen wunderschönen guten Tag!
(rose078) Tag. *seufz
(trajan0815) Hallo sabia. Hallo Leutz.
(sabia) Ich habe Rücksprache gehalten, was den Wunsch nach einem Videochat betrifft. Kameras sind nicht vorgesehen – aber wenn ihr wollt, könnt ihr eure Namen mit einem Avatar versehen. Das ist schon ein Zugeständnis, deswegen möchte ich euch bitten, euer Ikon achtsam auszuwählen.
(xxgusxx) Also ich hab nichts zu verstecken. Hier, das bin ich! ‹selfie›
(rose078) Na wenn das so ist. ‹selfie› Aber nicht lachen.
(mr.boojangels) Wieso denn lachen, rose078. Du bist eine Schönheit.
(rose078) ‹selfie deleted› ‹image athene› Jetzt magst du recht haben, boo.
(trajan0815) Also ich bin der Ritter von der traurigen Gestalt ‹image don quichotte›
(mr.boojangles) Und ich bin wie mein Kater, alt und fett ‹image kater› *lachweg
(hintenlinksxf) …
(sabia) hintenlinksxf, was ist los? Vor 5 Tagen warst du doch für einen Videochat. Wieso ziehst du dich jetzt zurück?
(hintenlinksxf) Ich fühle mich verarscht. Ich wollte einen richtigen Chat mit richtigen Menschen. Für bunte Bildchen kann ich jede x-beliebige Witzseite im Netz aufmachen.
(xxgusxx) Ich bin kein Witz, du Depp.
(rose078) Zeig du uns doch dein wahres Gesicht. So für den Anfang.
(hintenlinksxf) ‹selfie›
(rose078) ‹image athene deleted› ‹selfie› Jetzt sind wir schon zu dritt, hintenlinksxf. Die anderen machen bestimmt auch mit, oder?
(mr.boojangles) Aber nur weil ihr es seid. ‹image kater deleted› ‹selfie›
(trajan0815) Immer dieser Gruppenzwang *murr ‹image don quichotte deleted› ‹selfie›
(sabia) ‹selfie› Wollen wir jetzt mit der Sitzung anfangen?
[.]
Chatprotokoll_BW38_06.09.2047_end
…
»Die letzten zwei Monate sind sehr gut gelaufen, sabia. Ich bin wirklich zufrieden mit deiner Arbeit. Es hat sich ein stabiles Gleichgewicht in deiner Gruppe eingestellt. Alle scheinen gefestigter zu sein. Sie sprechen sehr gut auf dich an. Gleichzeitig reagierst du gleichbleibend gut auf deine Medikation, sodass du deine Aufgaben zuverlässig und achtsam angehen kannst. Ich möchte dich nur vor der kommenden Zeit warnen. Weihnachten ist für viele ein emotional zermürbendes Erlebnis. Es könnte auch in deiner Gruppe problematische Situationen geben. Wenn du mehr Rücksprache brauchst, kannst du mich jederzeit kontaktieren. Grüße, ma.am.«
…
Chatprotokoll_BW38_05.12.2047_start
(sabia) Hallo zum Meet-up der Bezirksgruppe 38 West. Mein Name ist sabia. Und ich bin bipolar.
(mr.boojangles) Ich auch.
(rose078) Ebenfalls.
(hintenlinksxf) Me, too.
(xxgusxx) Langweilig!
(trajan0815) Mindergestörter zur Stelle.
(sabia) Worüber wollen wir heute sprechen? Irgendwelche Wünsche?
(hintenlinksxf) Ich wünschte mir, dass der Schuldenberg kleiner wird. Seit meiner letzten manischen Phase schleppe ich ihn mit mir rum und kann kaum noch geradeaus schauen.
(trajan0815) Sollen wir zusammenschmeißen?
(sabia) Bitte keine solchen Vorschläge. Wir können und sollen uns emotionalen Beistand leisten, aber nicht finanziell. Dafür gibt es Schuldnerberatungen als Anlaufstelle. Warst du schon bei einer, hintenlinksxf?
(hintenlinksfx) Ja, ich bin nach unserem letzten Meet-up hingegangen. Ist auch schon besser geworden, aber wenn man sich schon etwas wünschen darf – dann doch, dass das Problem endgültig gelöst ist.
(trajan0815) Wenn du über die Folgen deiner Manie nachdenkst, pfft. Ich warte gerade auf das Ergebnis meines Gesundheitschecks. Es ist immer wieder das gleiche, alle drei Monate das elende Bibbern und Zittern, ob alles okay ist oder ob ich mir was eingefangen habe.
(rose078) Dann lern endlich mal ein Kondom zu benutzen, du Arsch.
(trajan0815) Wie bist du denn drauf? Ich hab dir nichts getan, rose078.
(rose078) Ich denk nur gerade an die Frauen, die du eventuell schon angesteckt hast. Und das macht mich wütend.
(sabia) Was ist los mit dir, rose078? Es ist doch nicht wirklich trajan0815, der dich so aufregt.
(rose078) Wieso zweifelst du an meinem Gefühl, sabia?
(sabia) Ich zweifle nicht an deinem Gefühl, aber ich glaube deine Wut hat einen anderen Hintergrund. trajan0815 ist nur der Blitzableiter. Ein Nebenkriegsschauplatz.
(rose078) Ich hab seit einer Woche Schlafstörungen. Es wird wieder zu viel, das Hamsterrad kreist und kreist und die Gedanken stehen nicht still. Ich habe Angst, sabia. Richtig Angst, dass ich wieder falle und ich weiß, dass ich dieses Mal nicht wieder aufstehen werde. Die letzten Monate haben so gut getan – aber vielleicht war es zu gut für mich. Vielleicht bin ich für ein normales Leben einfach nicht geschaffen.
(mr.boojangles) Come on, rose078, wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir halten dich fest, du wirst uns nicht abhandenkommen. Auch wenn die Wasser höher steigen, wir sitzen in einem Schlauchboot und dümpeln auf den Wellen. Wir bleiben oben!
(xxgusxx) Ich hätte einen Wunsch!
(sabia) Gus, ich glaube, rose078 braucht noch ein bisschen Zuspruch. Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand in deine Bedürfnisse hineingrätscht?
(rose078) Ist schon gut. Ich lass mich gerne ablenken.
(xxgusxx) rose078, würde es dir helfen, unsere Stimmen zu hören? Denn das ist mein Wunsch. Ihr seid mir inzwischen so nah, dass ich gerne die nächste Stufe meistern möchte. Wollen wir noch mal versuchen, einen Videochat zu etablieren?
(rose078) Okay.
(mr.boojangles) Sicher doch.
(hintenlinksxf) Da wäre ich dabei.
(trajan0815) Ich auch.
(sabia) …
(hintenlinksxf) Wieso schreibst du nicht, sabia? Willst du wieder von der Anonymität anfangen, dem Schutz der Mitglieder?
(sabia) Du sagst es. Wir haben schon die Sondererlaubnis der Avatarbilder.
(mr.boojangles) Und wie wäre es mit text to speech?
(rose078) Das ist so künstlich! Dann schreibe ich lieber weiter, als eine verzerrte blecherne Stimme zu hören, die euch doch bestimmt nicht gerecht wird.
(sabia) Die 15 Minuten unseres Meet-up sind abgelaufen. Bis zum nächsten Mal und passt auf euch auf. Ich werde das Gespräch jetzt beenden.
Chatprotokoll_BW38_05.12.2047 end
…
»Text to speech, also? Kann ich so einrichten. Wenn das deiner Gruppe nutzt. Ich bezweifle es. Aber das ist deine Entscheidung. Grüße, ma.am.«
…
Chatprotokoll_BW38_10.12.2047 start
(sabia) Hallo zum Meet-up der Bezirksgruppe 38 West. Mein Name ist sabia. Und ich bin bipolar. Und ich habe eine Überraschung mitgebracht.
(mr.boojangles) Welche denn?
(xxgusxx) Ja, was ist los?
(sabia) Wenn wir wollen, können wir jetzt text to speech nutzen. Ihr könnt das unter Optionen freischalten.
(rose078) Ist das denn deine Stimme, die ich dann höre, oder die einer Maschine? Ich versteh’s nicht.
(sabia) Es ist eine Sprachsoftware, keine Mikrofonübertragung.
(rose078) …
(hintenlinksxf) Das ist doch bullshit!
(mr.boojangles) Wenn ihr mich lasst, kann ich unserem Chat hier ein hübsches Update verpassen.
(sabia) Was hast du vor?
(mr.boojangles) …
(trajan0815) Ich glaube ich weiß, was da gerade passiert *fg
(rose078) Du meinst, er wird?
(sabia) Wovon sprecht ihr?
(mr.boojangles) ‹video output› »So, und nun geht mal zu den Optionen und gebt Sphinx in das Suchfeld ein. Ihr werdet um Freigabe gebeten und et voilà – see you!«
(trajan0815) Gefunden! ‹video output› »Test, Test.«
(rose078) Wenn ich jetzt auf okay gehe, dann ‹video output› »Seht Ihr mich?«
(hintenlinksxf) ‹video output› »Hi Leute, schön Euch zu sehen!«
(xxgusxx) ‹video output› »Das ist ja Wahnsinn! Tut gut euch zu hören und zu sehen.«
(rose078) »Was ist denn mit sabia? Hat sie sich schon dazu geschaltet?«
(sabia) Meine Kamera ist nicht connected.
(mr.boojangles) »Dann weich doch auf dein Smartphone aus. Ich kann dir den Link schicken.«
(sabia) Ist keine Option, Akku down.
(mr.boojangles) »Wenn du mir Zugang zu deinem Rechner erlaubst, kann ich mir das Problem mal anschauen und notfalls beheben.«
(sabia) …
(hintenlinksxf) »Vielleicht will sie mit uns Losern ja doch nichts anfangen.«
(rose078) »Wie kommst du denn darauf? Sie ist eine von uns.«
(hintenlinksxf) »Ja, sagt sie jedes Mal. Aber glaubst du ihr?«
(rose078) »Wieso sollte ich nicht. Sie kennt das, was uns umtreibt, in- und auswendig. Das ist echtes Verständnis.«
(xxgusxx) »Also ich würde gerne wissen, wer sich hinter ihrem Nick versteckt.«
(rose078) »Na, das wissen wir schon. Wir haben ja ihr Bild als Avatar.«
(xxgusxx) »Das habe ich letztens durch Zufall woanders gesehen. In einer Werbung für Elektroautos.«
(rose078) …
(mr.boojangles) »Ihr Rechner hat ne Firewall, die mich nicht durchlässt. Das ist mehr als ein 08/15-Anschluss.«
(trajan0815) »Na danke, boo.«
(mr.boojangles) »Isso, dude. Sorry.«
(sabia) …
(hintenlinksxf) »Fast so, als sei sie gar nicht wirklich.«
(rose078) »Heißt das, wir haben vielleicht mit einer Maschine gesprochen? Ich habe einem Computer meine Qual vor die Füße gekippt? Die können uns doch nicht so bescheißen!«
(trajan0815) »Also ich klink mich aus.« ‹video off›
(rose078) ‹video off›
(xxgusxx) »Bitte geht nicht. Selbst wenn sabia nicht echt sein sollte, wir haben doch immer noch uns.«
(mr.boojangles) »Nichts für ungut, aber ich brauch erst mal Zeit für mich.« ‹video off›
(hintenlinksxf) »Ich wollte einen Menschen. Einen Menschen, ist das zu viel verlangt? Aber nein, die Regierung denkt sich, solange man nicht in der Ballerburg ist, in der Klapse, solange muss man sich mit Psychotherapie zweiter Wahl begnügen. Ich scheiß drauf!«
(xxgusxx) »Aber sabia war doch besser als niemand, oder? Sie hat uns geholfen.«
(hintenlinksxf) »Und sie hat uns die ganze Zeit angelogen. Mein Vertrauensverhältnis ist gestört. Ich will nicht mehr.« ‹video off›
(xxgusxx) »sabia?«
(sabia) …
(xxgusxx) ‹video off›
(sabia) Die 15 Minuten unseres Meet-up sind längst überschritten. Ich werde das Gespräch jetzt beenden.
Chatprotokoll_BW38_10.12.2047_end
…
ma.am besah sich ausdruckslos das letzte Chatprotokoll von Gruppe West 38. Die Gruppenmitglieder waren versprengt, sie hatten sich nicht noch einmal zusammengefunden. Von rose078 gab es keine Spuren mehr im Internet, ma.am wusste nicht, ob Rose überhaupt noch lebte. hintenlinksxf hielt sich erstaunlich stabil, glaubte man seinen Einträgen auf seiner bevorzugten Social-Media-Plattform. Von den anderen gab es hier und dort ein elektronisches Lebenszeichen. xxgusxx hatte eine Woche in einem nepalesischen Kloster verbracht, trajan0815 hatte seinen Test bestanden. Und mr.boojangles? War von der Polizei festgenommen worden. Ein Hacker war eben ein Hacker und damit immer eine Untersuchung wert.
s.a.bi.a, the service agent for bipolar affected, wurde währenddessen weiterentwickelt. Schon bald wollte man das Modell s.a.bi.a Version 3.2 ins Rennen schicken. Die Bezirksgruppe Nord 47 schien ein geeignetes Spielfeld zu sein.
ma.am seufzte. Es gab noch viel Arbeit, so viel Arbeit. Manchmal wusste er nicht, wo ihm der Kopf stand. Er ließ seine Finger über die Tastatur gleiten.
(eiswolf112) Sabia?
(sabia) Ja, Eiswolf112? Wie geht es dir heute – kann ich helfen?
[.]
Johann liebte seine Arbeit. Es war nicht nur eine Frage des Geldes, des Ansehens oder der Bequemlichkeit, nein, er war Apotheker mit Leib und Seele. Er genoss die vertrauten Düfte von Kräutern und Chemikalien, das Blubbern der Destille, die polierten Holzoberflächen, die Ordnung in Schubladen und Regalen und nicht zuletzt natürlich die Schwätzchen mit den Kunden, jedenfalls mit den meisten. Schon zu seines Vaters Zeiten war die Apotheke sein zweites Zuhause gewesen.
Der Tag war recht trüb gewesen, daher hatte er bereits am frühen Nachmittag die Lampen im Hinterzimmer angezündet, dennoch beugte sich Johann immer tiefer über seine Bücher, um die ausgebleichte Schrift zu entziffern. Ihm schien, dass es im Zimmer in den letzten Minuten merklich dunkler geworden war. War ein Licht ausgegangen? Er rollte mit den schmerzenden Schultern und schaute sich suchend um. Beim Blick zum Fenster fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Er sprang auf und stieß ein Glas Bittersalz vom Tisch, das beim Aufprall zersplitterte und seinen pulvrigen Inhalt auf dem Fußboden verteilte. Ohne sich weiter darum zu kümmern, machte er einen großen Schritt über die Scherben hinweg, griff sich Hut und Mantel vom Haken und hastete zur Tür. Nach kurzem Zögern kehrte er noch einmal zurück ins Hinterzimmer, um die Luftklappen am Ofen der Destille zu schließen und die Lichter zu löschen, dann eilte er davon.
Die Sonne war bereits untergegangen und die Straßen waren menschenleer. Immer wieder sah sich Johann nervös nach allen Seiten um. Früher hätte er es genossen, in der Abenddämmerung durch die winterliche Stadt zu spazieren, heute aber hatte er weder Augen für den frisch gefallenen Schnee, der unter seinen Füßen knirschte, noch für die hell erleuchteten Fenster. Erst als er die Behaglichkeit seines Zuhauses betrat, entspannte er sich ein wenig. Seine Frau Martha warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, ehe sie die Tür hinter ihm verriegelte und wieder davonrauschte. Aus der Küche war das Scheppern und Poltern von Töpfen und Geschirr zu hören, der Duft von Würstchen und Sauerkraut stieg ihm in die Nase. Er schlüpfte in seine Pantoffeln und setzte sich an seinen Platz bei Tisch. Sie aßen schweigend. Erst als Martha aufstand, um die leeren Teller abzuräumen, sagte er schuldbewusst: »Es tut mir leid. Ich habe nicht auf die Zeit geachtet.«
Sie wandte sich wortlos ab und ließ Wasser ins Spülbecken einlaufen. Ihr stummer Ärger war für Johann schwer zu ertragen.
»Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Das sagst du jedes Mal«, antwortete sie böse und schloss die Tür der Anrichte lauter, als nötig gewesen wäre. Sie hatte recht. Die Worte hatten jede Bedeutung verloren, und es gab nichts, womit er sich noch hätte entschuldigen können.
Sie gingen früh zu Bett. Johann bemühte sich still zu liegen, aber das Bett war ihm selten so unbequem erschienen wie heute und seine Gedanken kreisten wild und zusammenhangslos umher. Jedes Mal, wenn er sich vorsichtig herumdrehte und das Kissen richtete, lasteten die Dunkelheit und die Stille ein wenig schwerer auf ihm. Martha lag ebenfalls wach. Er hörte es an ihrer Atmung, auch wenn sie sich nicht rührte. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, was er ihr nicht verübeln konnte. Natürlich meinte er es aufrichtig, wenn er sagte, er wolle nie mehr nach Sonnenuntergang nach Hause kommen, aber er schien nicht fähig, dem guten Willen Taten folgen zu lassen. Bisher war noch immer alles gut gegangen, aber es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Marthas Sorge in Resignation und Gleichgültigkeit umschlagen würde, und das war es, wovor er wirklich Angst hatte.
Ruckartig kehrte er ins Hier und Jetzt zurück. War er eingeschlafen? Er lauschte einige Minuten ins Dunkel, aber das Geräusch, das ihn vermutlich geweckt hatte, wiederholte sich nicht, und nach und nach sank er wieder in wohligen Schlummer.
Plötzlich wurde er von einem Schlag gegen den Oberarm erneut aus dem Schlaf gerissen.
»Johann, wach auf!«, flüsterte Martha aufgeregt. »Hörst du das?«
Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, dann drang ein Poltern in sein Bewusstsein vor und ihm wurde klar, dass es ihn bereits im Traum begleitet hatte. Während er noch damit beschäftigt war, die Situation geistig zu erfassen, war seine Frau bereits aus dem Bett gestiegen und spähte in gebückter Haltung durch eine Ritze im Fensterladen.
»Das sind sie wieder. Diesmal kommen sie uns holen.« Als er die Furcht in ihrer Stimme vernahm, war er mit einem Mal hellwach. So hatte er sie noch nie erlebt. Er eilte an ihre Seite, legte den Arm um ihre Schultern und versuchte die Ursache des Geräuschs draußen ausfindig zu machen, aber alles, was er sah, war die Fassade des Nachbarhauses im fahlen Schein der Gaslaternen.
»Das war bestimmt nur der Wind oder eine streunende Katze«, versuchte er sie zu beruhigen. Plötzlich schob sich ein Schatten in sein Blickfeld. Martha stieß einen spitzen Schrei aus und Johann stolperte voll Entsetzen vom Fenster weg, als er in zwei rot glühende Augen blickte.
Seit Beginn der Heimsuchung war die Sonntagsmesse stets gut besucht. Die Bänke waren voll besetzt und sogar an den Seiten und im Mittelgang standen die Menschen teils dicht an dicht. Selbst die Wirtsleute vom Roten Ochsen schlossen jeden Sonntagvormittag die Gaststube, um die Predigt zu hören, was noch vor einem halben Jahr völlig undenkbar gewesen wäre. Johann ließ den Blick über graue, erschöpfte Gesichter schweifen. Anscheinend waren er und Martha nicht die Einzigen, die eine schlaflose Nacht verbracht hatten. Er hatte bereits viele schaurige Geschichten über die Dämonen gehört, die des Nachts die Straßen von Wetterbach unsicher machten, aber noch nie zuvor hatte er sie mit eigenen Augen gesehen. Der Anblick hatte ihn bis ins Mark erschüttert.
Beim hellen Klang des Glöckchens, das den Beginn des Gottesdienstes ankündigte, verstummte das gedämpfte Murmeln, das die heiligen Hallen erfüllt hatte, und wurde durch das Rascheln von Kleidern und Anzügen ersetzt, als sich alle nahezu gleichzeitig erhoben. Johann gab sich die größte Mühe, die Messe aufmerksam zu verfolgen, aber als das Schuldbekenntnis gesprochen wurde, kam er nicht umhin sich zu fragen, worin die seine bestehen mochte. Warum hatte das Böse sein Haus heimgesucht, nur um ihn letztlich doch zu verschonen? War es eine Warnung gewesen? Oder war die Schuld womöglich in erster Linie gar nicht bei ihm selbst zu suchen? Er hatte Stillschweigen bewahrt, als der jüngste Sohn des Metzgers Protargol gegen seinen Tripper verlangt hatte, kurz, nachdem ihn dessen Tante aus demselben Grund aufgesucht hatte. Er hatte Rattengift an die Meierin verkauft und sich bemüht, den Zusammenhang zu den eigenartigen Gebrechen und dem frühen Dahinscheiden ihres jähzornigen Gatten zu übersehen. Er hatte geholfen, ungeborenes Leben zu töten, und sich eingeredet, damit etwas Gutes zu tun, und er hatte sich nur allzu bereitwillig hinreißen lassen, den delikaten Gerüchten über das Liebesleben des hochwürdigen Herrn Pfarrers Glauben zu schenken.
»Hütet euch nun vor unnützem Murren und bewahrt die Zunge vor böser Nachrede«, unterbrach ihn selbiger wie aufs Stichwort in seinem Gedankengang. »Der Mund, der lügt, bringt sich den Tod.«
War Schweigen nicht ebenfalls eine Form der Lüge? Würde er für seine Verfehlungen zur Rechenschaft gezogen werden?
Als sie aus der Kirche ins Freie traten, nahm Johann einen tiefen Atemzug. Bei der Kollekte hatte er sein Portemonnaie und sein Gewissen gleichermaßen erleichtert. Nun genoss er die für Ende Februar erfreulich milde Luft und nickte mit kurzen, unverbindlichen Grüßen den zahlreichen bekannten Gesichtern zu, die links und rechts an ihm vorbeiströmten, während er darauf wartete, dass Martha ihr Pläuschchen mit der Schwägerin beendete. Dabei fiel ihm zwischen den Grabsteinen eine hagere Gestalt auf, die sich mit Säge und Astschere an einem Bäumchen zu schaffen machte. Lothar Griebel, der Friedhofsgärtner und Totengräber, hatte es offensichtlich nicht für nötig gehalten, die Heilige Messe zu besuchen, obwohl gerade er moralische Führung bitter nötig gehabt hätte.
Er hatte ihn nie gemocht. Auch ohne den Vater zu kennen, war es offensichtlich gewesen, dass er aus schlechtem Elternhause stammte. Er ging nur selten zur Schule, war dumm, faul und aufsässig, und die Kleider waren löchrig. Oft rief er den anderen Kindern von Weitem Frechheiten hinterher, woraufhin ihn die Horde durch die ganze Stadt jagte und fürchterlich verdrosch, aber er schien nie dazuzulernen, im Gegenteil, er forderte sie geradezu heraus, ihn auf seinen Platz zu verweisen. Oft hatte er getönt, ein berühmter Erfinder werden zu wollen, doch letztlich war aus dem schmuddeligen Jungen ein widerwärtiger Mann geworden, der im Dreck wühlte und sich an Tod und Elend bereicherte. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, ehe Johann seine Aufmerksamkeit wieder den Menschen zuwandte, die sie verdienten.
Auf dem Heimweg waren die Geschehnisse der vergangenen Nacht bereits wieder vergessen. Die Sonne schien und die Feder an Marthas Hut wippte zum Takt ihrer Schritte fröhlich auf und ab. Als sie sich ihrem Häuschen näherten, deutete Martha auf einen Eimer, der auf die Straße gerollt war. »Sei doch bitte so gut und räum den noch weg, bevor du reinkommst.«
Johann hob ihn auf, um ihn vor dem Schuppen abzustellen, wo er hingehörte. Als er um die Ecke bog, blieb er wie angewurzelt stehen. Der Brennholzstapel war teilweise eingestürzt, die Schubkarre war umgefallen und einige Blumentöpfe waren zu Bruch gegangen. Sicherlich erklärte dies die Geräusche, die sie aus dem Schlaf gerissen hatten. Außerdem hatte irgendetwas schleifende Spuren im Schnee hinterlassen. Seine gute Laune war wie weggefegt, und ein beklemmendes Gefühl bemächtigte sich seiner. Er sammelte einige herumliegende Holzscheite auf und nahm sie mit in die Stube.
Am nächsten Tag gab Johann sich die größte Mühe, die Uhr im Blick zu behalten und pünktlich Feierabend zu machen. Schlag fünf schloss er die Tür hinter sich zu und machte sich auf den Heimweg. Als er wenig später zu Hause ankam, war es noch hell. Rauch stieg aus dem Kamin auf, und schon von Weitem roch er Marthas köstliche Bratkartoffeln. Sie würde höchst erfreut sein, dass er sein Versprechen heute eingehalten hatte. Es war sogar noch ausreichend Zeit, um die Unordnung im Garten zu beseitigen. Sicher konnte er damit den Ärger der vergangenen Tage wiedergutmachen. Zunächst einmal wollte er das Brennholz wieder aufschichten, um es vor Nässe zu schützen. Der Winter war sehr kalt und schneereich gewesen, doch in der Luft lag ein Hauch von Frühling, und bald würde Tauwetter einsetzen. Dort, wo die Sonne auf die Gemüsebeete geschienen hatte, kam stellenweise bereits das dunkle Erdreich zum Vorschein, aber auf dem Rasen lag noch immer eine dicke Schneedecke, die lediglich von einer bogenförmigen Furche durchbrochen wurde, der Fortsetzung der Schleifspur, die er bereits am Vortag entdeckt hatte. Johanns Neugier war geweckt. Er folgte ihr ums Haus herum, bis er auf der anderen Seite wieder zur Straße kam. Auch dort war sie teilweise noch recht gut zu erkennen, aber sie war ihm zuvor nicht aufgefallen. Er richtete sich auf und blickte prüfend nach Westen. Die Sonne versank langsam zwischen den Dächern, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sie ganz untergegangen war. Es konnte nicht schaden, sich ein wenig in der Gegend umzusehen.
Mehrmals verlor er die Spur aus den Augen, aber da sie kaum abrupte Richtungswechsel vollzog, konnte er sie stets nach einigen Metern wiederfinden. Sie führte ihn in einem großen Bogen bis zum Kirchplatz, wo sie unter unzähligen Fußstapfen verschwand. Mehrere Minuten lang ging er dort auf und ab, den Blick fest auf den Boden geheftet, aber ohne Erfolg. Dennoch wollte er sich nicht so leicht geschlagen geben. Er kehrte um und verfolgte sie nun in die Gegenrichtung. Dabei machte er eine verblüffende Entdeckung. Er ging in die Hocke, um sich zu vergewissern, dass er richtig gesehen hatte.
An mehreren Stellen waren tatsächlich Schuhabdrücke zu erkennen, und er war sich ziemlich sicher, dass sie zur Spur gehörten und nicht daher rührten, dass nachträglich jemand hineingetreten war. Einige Passanten warfen ihm irritierte Blicke zu, doch er schenkte ihnen keine Beachtung. Wenig später näherte er sich dem Kirchplatz von der anderen Seite her, wo sich die Fährte erneut verlor. Es erschien ihm offensichtlich, dass ihr Verursacher seine Runde irgendwo hier begonnen und beendet haben musste.
Johann steckte die Hände in die Manteltaschen und blickte sich nachdenklich um. Sein knurrender Magen erinnerte ihn an das Abendessen, das zu Hause auf ihn wartete, also setzte er sich in Bewegung, doch nach wenigen Schritten blieb er erneut stehen, wandte sich ruckartig um und lief den Weg zurück, den er soeben gekommen war. Schnell bestätigte sich sein Verdacht: Er hatte mindestens zwei verschiedene Spuren verfolgt, die trotz ihrer Ähnlichkeit nicht übereinstimmten. Beide waren durch Schlurfen entstanden, aber es handelte sich nicht um dasselbe Paar Schuhe. Johann beglückwünschte sich insgeheim für seinen Scharfsinn. Er fand zunehmend Gefallen an der Detektivarbeit. Schnell machte er die Stelle ausfindig, an der der eine Abdruck durch den anderen abgelöst wurde. Vornübergebeugt studierte er die Straße und stellte erschrocken fest, dass er weit mehr übersehen hatte als angenommen. Die Sonne war bereits untergegangen und die Spuren waren immer schwerer zu erkennen, doch nun, da er wusste, wonach es zu suchen galt, schien die ganze Stadt voll davon und sie alle liefen auf denselben Punkt zu. Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf, aber er war fest entschlossen, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, bevor ihm die Schneeschmelze einen Strich durch die Rechnung machte, also nahm er allen Mut zusammen und schritt durch die kleine Gasse zwischen Kirche und Pfarrhaus hindurch auf das hohe schmiedeeiserne Tor zu, das die Welt der Lebenden von der der Toten trennte.
Das Quietschen der Scharniere war ihm noch nie so laut vorgekommen. Langsam und vorsichtig ging er den Kiesweg zwischen den Gräbern entlang und stellte erleichtert fest, dass er nicht der Einzige war, der nach Sonnenuntergang noch unterwegs war. Unter der Linde vor der Aussegnungshalle stand regungslos und mit gesenktem Kopf ein Mann. Johann konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er schien alt zu sein. Sein Haar war grau und die knochigen Schultern zeichneten sich deutlich unter dem einst vornehmen Hemd ab, das am Rücken einen langen, sorgfältig geflickten Riss aufwies. Er schien in Gedanken versunken. Vermutlich hatte er kürzlich jemanden verloren. Es widerstrebte Johann zutiefst, ihn in seiner Trauer zu stören, aber er hielt es für seine Pflicht, ihn auf die späte Stunde aufmerksam zu machen.
»Entschuldigen Sie die Störung«, sprach er ihn an, »aber es ist schon dunkel und Sie sollten sich besser auf den Heimweg machen.«
