Beschreibung

Die Ich-Erzählerin reist mit ihrem Vater in ein südeuropäisches Land. Ziel der Reise ist eine Pension in einer verlorenen Gegend, wo ihre Halbschwester lebt. Sie hat die uneheliche Tochter des Vaters noch nie gesehen. Um seine Ehe nicht zu gefährden, hatte der Vater keinen Kontakt zu Maries Mutter. In der abgeschiedenen Pension, die Maries Mutter betreibt, und in der noch Maries Halbbruder Fabian, eine Frau und ein Mann wohnen, geraten die Neuankömmlinge in ein Machtspiel, das durch ihre Ankunft aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Eine Vereinigung der Familienhälften scheint unmöglich, die Atmosphäre feindlich. Die Isoliertheit, in die sich Vater und Tochter auf diesem Grundstück begeben haben, wird zur Falle. Die Erzählerin fürchtet, ihren über die Grenzen des Familiären hinaus geliebten Vater an Marie zu verlieren. Die emotionale Bedrohlichkeit der Situation spiegelt sich in der bis zur Unheimlichkeit gesteigerten Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Am Schluß verläßt sie die Gegend, allein. Ob ihr die Ablösung vom Vater geglückt ist, bleibt offen.

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GEGEND

Die Ich-Erzählerin reist mit ihrem Vater in ein südeuropäisches Land. Ziel der Reise ist eine Pension in einer verlorenen Gegend, wo ihre Halbschwester lebt. Sie hat die uneheliche Tochter des Vaters noch nie gesehen. Um seine Ehe nicht zu gefährden, hatte der Vater keinen Kontakt zu Maries Mutter. In der abgeschiedenen Pension, die Maries Mutter betreibt, und in der noch der Halbbruder Fabian, eine Frau und ein Mann wohnen, geraten die Neuankömmlinge in ein Machtspiel, das durch ihre Ankunft aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Eine Vereinigung der Familienhälften scheint unmöglich, die Atmosphäre feindlich. Die Isoliertheit, in die sich Vater und Tochter auf diesem Grundstück begeben haben, wird zur Falle. Die Erzählerin fürchtet, ihren über die Grenzen des Familiären hinaus geliebten Vater an Marie zu verlieren. Die emotionale Bedrohlichkeit der Situation spiegelt sich in der bis zur Unheimlichkeit gesteigerten Wahrnehmung der Ich-Erzählerin. Am Schluss verlässt sie die Gegend, allein. Ob ihr die Ablösung vom Vater geglückt ist, bleibt offen.

PRESSESTIMMEN

»Nora Bossong gehört ohne Zweifel zu den jungen, um nicht zu sagen: jüngsten und obendrein, obwohl ihre erste Veröffentlichung jetzt erst kommt, schon preisgekrönten Autoren. Die Ich-Erzählerin ihres ersten Romans reist mit ihrem Vater, den sie auf ungesunde Weise liebt, in eine Pension im Süden, in der unter anderen ihre Halbschwester, deren Mutter und ein weiterer Halbbruder leben. Was eher aufs Geratewohl begann, entpuppt sich als bedrohlicher Thriller, der an Poe und Stoker erinnert. Wie durch einen Sehschlitz nimmt der Leser in dieser Versuchsanordnung lauter Merkwürdigkeiten wahr und erfährt die Magie eines einsamen Ortes, der die Reisende schließlich doch noch in die Flucht schlägt.«

Edo Reents, FAZ, 2006

»Mit großer Suggestivität gelingt es Nora Bossong in ihrem literarischen Debüt, eine düster-bedrückende Atmosphäre zu erzeugen und Albträume ins Leben zu spinnen, deren Realitätsgehalt undeutlich bleibt. Gegend ist der richtige Titel für ihre Konzentration auf ein eng begrenztes, ödes Grundstück, dessen wenige Gegebenheiten sie variations- und anspielungsreich durchdekliniert und das zunehmend zur unentrinnbaren Falle wird. Gegend steht in seiner Schlichtheit aber auch für ihren unpathetischen, leisen Erzählton ein, der Wert auf genaue Beobachtungen und atmosphärische Details statt auf dramatische Höhepunkte und effektvolle Inszenierungen legt. Hier meldet sich eine Erzählerin zu Wort, die über eine betörend stimmungsvolle, verstörende Prosa verfügt, die an traumartig-preziöse Texte des Fin de siècle ebenso gemahnt wie an manches Kunstmärchen der Romantik.«

FAZ, 2006

»Nora Bossong hat vor einiger Zeit einige bemerkenswerte Gedichte veröffentlicht, in denen durch die Präsenz von Tieren eine irritierende Geheimnishaftigkeit erzeugt wird. Diese Tendenz zur mysteriösen Aufladung des Geschehens setzt sich im Roman fort. Man summt fremde Melodien in einer rätselhaften Sprache, Vögel mit biblischen Namen lagern auf Kupferdrähten, Kinderzeichnungen von gelben und blauen Fischen verweisen auf verbotene innerfamiliäre Liebesverbindungen. […] Wenn der Ich-Erzählerin am Ende die Flucht aus dem Bannkreis der Gegend gelingt, erwacht der Leser wie aus einem schweren Traum.«

Michael Braun, In der Familienhölle, NZZ, 2006

Nora Bossong

Gegend

Roman

»The external world could take care of itself.In the meantime it was folly to grieve, or to think.«

Edgar Allan Poe, »The Masque of the Red Death«

»Lot fürchtete sich nämlich, in Zoar zu bleibenund wollte lieber mit seinen beiden Töchternin einer Höhle leben.«

Genesis 19,30

Die Häuser des Dorfes lagen am Hang, sie waren alle aus denselben ockerfarbenen Steinen gebaut und die Straßen rochen nach den Bäuchen von Schnecken. Jede Hauswand roch danach, warm und feucht. Die Kirche unterschied sich von den Wohnhäusern durch zwei Sandsteinfiguren vor dem Eingang und einem Eisenkreuz auf dem Dach. Der Vater ging auf die heilige Katharina zu und sah hinauf, zwei Tauben paarten sich zwischen zerbrochenen Ziegeln. Er klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Nasenflügel, hielt inne, als prüfe er, ob noch Luft aus den Nasenlöchern kam. Eine der Tauben plusterte ihr Kehlgefieder auf.

Hinter mir hörte ich jemanden pfeifen, eine Melodie, die ich nicht kannte, ausgedacht vielleicht oder von einem Lied, das man nur in dieser Gegend sang. Ich drehte mich um, ein Mädchen fuhr auf einem Dreirad auf mich zu. Sein kupferfarbenes Haar war zu zwei dünnen Zöpfen geflochten, mit Gummibändern zusammengehalten, an denen links ein roter, rechts ein blauer Plastikschmetterling hing. Das Mädchen scheuerte mit den Schuhsohlen über das Pflaster und blieb direkt vor mir stehen. Es sah mich an. Seine Pupillen waren rot wie auf einer Blitzlichtaufnahme.

In einer Sprache, die ich nicht verstand, sagte es etwas und schnippte dabei gegen den linken Schmetterling. Als ich nicht antwortete, legte das Mädchen seinen Kopf schräg, zwinkerte, die Farbe der Wimpern schimmerte auf seiner blassen Haut. Das Mädchen zeigte hinauf zu den Tauben und den zerbrochenen Ziegeln, kicherte, setzte seine Füße auf die Pedale und fuhr wieder an, der Lenker streifte meinen Oberschenkel.

Der Vater schlug mit der Handfläche auf die Landkarte. »Die Straße gibt es nicht«, sagte er. Ich sah dem Mädchen nach, die Plastikschmetterlinge hüpften auf seinem Rücken.

»Such du danach«, sagte der Vater und hielt mir die Karte hin. Mit dem Zeigefinger fuhr ich über das Blatt, die wenigen Straßennamen entlang und hatte die Plastikschmetterlinge vor Augen.

»Nein«, sagte ich, »die Straße gibt es nicht.«

»Das kann doch nicht angehen«, sagte der Vater und seine Kehle spannte sich an. »Das kann doch nicht wahr sein.« Er faltete die Karte zusammen, ungeduldig und nicht entlang der vorgefalzten Linien, ging über die Straße, ohne nach einem Auto zu sehen, und ich lief ihm hinterher, ohne nach einem Auto zu sehen, ich suchte mit dem Blick nach dem Mädchen, das in eine der Seitengassen abgebogen sein mußte. Der Fußweg war leer, und die Tauben flatterten auf dem Dach.

Der Vater hielt an einer Tankstelle und ließ die Hände in den Schoß fallen. Ich gurtete mich ab und stieg aus. Die surrenden Tanksäulen erhitzten die Luft. Ein junger Mann mit einem Armeehemd kam auf mich zu, winkte noch, als er schon dicht vor mir stand, seine Nägel waren schwarz und stanken nach Autoreifen. Ich hielt ihm den Zettel mit dem Namen der Straße hin. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, mit der Schuhsohle scharrte er auf der Steinplatte.

»Das Haus, das Sie suchen, liegt außerhalb«, sagte er in gebrochenem Englisch und wies die Straße hinunter. »Viel Glück.« Er verzog seinen Mund zu einem kalten Lächeln.

Wir nahmen die Straße, die uns der Mann gewiesen hatte und erreichten einen schmalen Schotterweg. Die Kiesel spritzten gegen das Getriebe, es hörte sich an, als zerknittere Stanniolpapier, der Wagen war nur ein Spielzeug und die Wände zum Zerreißen dünn. Die Kieselschläge setzten aus. Die Pappeln zu unseren Seiten hatten die Farbe, die zu dem Geruch der Häuser gepaßt hätte, dunkelbraun und glänzend, ihre kahlen Äste wippten. Wieder das Knistern. Durch die Windschutzscheibe brannte die Sonne in unsere Gesichter.

Nach einer Viertelstunde sagte der Vater, wir seien falsch, das sei nur ein Feldweg, und er riß das Lenkrad herum. Ich klopfte eine seiner Zigaretten aus der Schachtel, zündete sie an und steckte sie ihm zwischen die Lippen.

»Fahr weiter«, sagte ich.

I

Auf der Rasenfläche vor dem Haus zog der Vater die Handbremse an, den Motor ließ er laufen. Durch die Windschutzscheibe sah ich auf eine sanft abfallende Böschung, auf der vier Zelte aufgeschlagen waren. Die Plane des vordersten war so durchgewetzt, daß sie vor nichts mehr schützen konnte als vor dem Gefühl, unter freiem Himmel zu schlafen. Weiter hinten reflektierte ein Wohnwagen das grelle Tageslicht, Blechplatten verschlossen die Fenster, die Reifen waren von der Hitze geplatzt. Kein Mensch war zu sehen. Von irgendwoher kamen in gleichmäßigem Takt Trommelschläge, die Richtung war nicht auszumachen.

Der Vater klappte das Handschuhfach auf, ich zog den Bauch ein, um nicht von seiner brennenden Zigarette gestreift zu werden. Das Fach roch nach der Banane, die seit unserer Abfahrt dort lag. Der Vater nahm ein Stofftaschentuch heraus und steckte es sich in die Hosentasche. Noch einmal sah ich in das graue Gesicht des Seefahrers auf dem Titel des Buches, das ich auf der Fahrt gelesen hatte, ehe ich die Klappe mit meinem Knie zudrückte und ausstieg.

Vom obersten Stockwerk des Hauses aus spannte sich ein Kupferdraht quer über den Hof, der von Rhododendronbüschen eingesäumt war. Der Vater lehnte sich über die Motorhaube, um Blätter unter den Scheibenwischern hervorzuzupfen. Aus dem Gebüsch kroch eine Katze hervor, eng an den Boden geduckt, mager und mit braunem Fell. Ich stieß die Fußspitze in den Boden und ließ Schotter in ihre Richtung fliegen. Die Katze sprang nicht weg, ließ ihren Schwanz ein S in die Luft malen und tapste zurück in die Büsche.

»Hallo«, rief ich. »Ist jemand da?«

Der Vater lachte, trat die Zigarette aus und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. Ich ging zum Haus hinüber und klopfte an die Tür: drei Schläge gegen den Trommeltakt. Und danach nichts als der Trommeltakt.

Ich spähte in ein Fenster, sah aber nur den Vater in der Scheibe gespiegelt, der sich mir von hinten näherte. Sein Hemd roch wie die Sitzpolster im Auto. Ich nahm ihn an die eine Hand, mit der anderen tastete ich die unverputzte Wand entlang. Die Fugen waren gefüllt mit dem Ocker der Stadt. Ein Pfad führte ums Haus. Dem Vater tippte ich den Trommeltakt auf das untere Daumengelenk, er blähte die Nasenflügel, die Ränder seiner Brille drückten ihm in die Haut, seine Stirn war gerötet. Es war zu heiß für diesen Monat.

»Hier also«, sagte ich und zog seine Hand nach vorn. Ich ließ ihn selbst auf den Jungen zeigen, der nackt und kopfüber an einer Metallstange hing. Die Beine angewinkelt, nahm er kaum einen Meter ein. Sein Hintern war angespannt und die Füße so weit nach hinten gebogen, daß ich auf seine Zehennägel sehen konnte. Er ließ sich von der Stange heruntergleiten. Seine im Gras verstreuten Kleider hob er nacheinander auf und hielt sie prüfend gegen das Licht, ehe er sie anzog.

Kaum hatte er sich zu uns umgedreht, redete er auf den Vater ein, so als führe er eine Unterhaltung fort, die nur kurz unterbrochen worden war. Seine Worte klangen ähnlich wie die des Mädchens auf dem Dreirad, seine Stimme war nur ein wenig tiefer.

»Sag du etwas«, flüsterte der Vater mir zu.

Der Junge lachte, seine Zähne waren zu breit für sein Gesicht. »Sie sind Besuch?« fragte er.

Der Vater sah über den Jungen hinweg auf das Haus. Seine Hand klopfte auf die Brusttasche, in der seine Zigaretten steckten.

»Ja, ja«, sagte ich. »Besuch.«

»Das ist gut«, sagte der Junge. »Das ist gut.«

Er ging uns voran zur Haustür, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und machte einen kleinen Sprung bei jedem dritten Schritt. Der Vater legte die Stirn in Falten, das machte die Röte etwas blasser. Die Tür klemmte, der Junge rüttelte am Griff und trat mit dem Fuß gegen das Holz. Ich sah den Flaum auf der Wölbung seiner Wirbel, vom Nacken lief der Haarstrich hinab unter den Kragen seines T-Shirts und weiter. Krachend löste sich die Tür aus den verzogenen Angeln.

Der Eingangsraum des Hauses war die Küche. In der Mitte stand eine Arbeitsplatte aus Edelstahl, in die ein Herd eingelassen war. Die Wände waren unverputzt wie die Außenmauern, roter Backstein, zwei Kinderzeichnungen hingen daran, die eine zeigte einen roten, die andere einen blauen Fisch. Da der Hintergrund der Bilder weiß gelassen war, schienen die Fische im Nichts zu schwimmen. Gelbe Kreise stellten die Augen dar und ragten über die Konturen der Fische hinaus. Ich stellte mir vor, wie ein solcher Fisch in der Pfanne briet; ich hätte lieber die gammelige Banane aus dem Handschuhfach gegessen als das.

Der Junge beobachtete, wie ich meine Oberlippe verzog.

»Den Blauen habe ich gemalt und den Roten hat meine Schwester später dazugemalt«, sagte er. »Es ist dumm, sich einen blauen Fisch auszudenken, hat sie gesagt. Weil man den im Wasser gar nicht sehen kann.«

»Das gelbe Auge würde man sehen«, entgegnete ich.

»Ein Auge würde man nicht fangen. Und man sucht doch Fische, um sie zu fangen.«

Er drückte die einzige Tür auf, die von der Küche abging. Dahinter lag ein Flur, dessen Wände mit einer Stofftapete bespannt waren. Die Hälfte des Lichts versackte im Gewebe.

»Hier unten sind die Gästezimmer«, sagte der Junge zum Vater. »Sie kriegen das letzte Zimmer links. Es ist fast das größte. Mama hat gesagt, wenn Sie kommen, sollen Sie es gut haben.«

Der Vater sah nicht zum Flur hinüber, er starrte auf die Spiegelung seines Gesichts auf der Stahlplatte und seine Finger glitten die Kanten entlang.

»Und wo ist deine Mutter?« fragte ich.

»Grad nicht da.« Der Junge sprang hoch und tippte mit seinen Fingerspitzen gegen die obere Kante des Türrahmens. »Aber Sie müssen sich jetzt Ihr Zimmer ansehen.« Er rannte bis zum Ende des Flurs. »Du schläfst oben bei Marie«, sagte er und verschwand im linken Zimmer.

Über die Stahlplatte gebeugt blieb der Vater reglos. Ohne ihn wollte ich nicht zu dem Jungen in das Gästezimmer gehen. Als ich den Vater am Ärmel faßte, um ihn mitzuziehen, hörte ich ein Kratzen unter der Platte. Der Vater sah unverwandt auf sein verzerrtes Gesicht, da sprang die Ofentür auf. Ich schreckte zurück, der Vater hob langsam seinen Blick. Er sah mich an und runzelte die Stirn.

»Eine Katze«, sagte ich. Die Katze lief zwischen meinen Beinen hindurch, strich mit ihrem Schwanz über meine Wade und verließ die Küche durch eine Luke in der Eingangstür.

Als wir das Zimmer betraten, knarrten die Fensterflügel im Wind, aber der Junge war verschwunden. Der Vater legte eine silberne Armbanduhr auf den Nachttisch, die ich ihn nie hatte tragen sehen.

»Die Zeiger springen zu langsam«, sagte ich.

Der Vater öffnete seinen Koffer und breitete die Oberhemden auf dem Bett aus. »Sie muß aufgezogen werden«, sagte er und öffnete die Schranktüren. »Warum gibt es hier keine Bügel?« Er griff mit der Hand ins Innere, als erwarte er, wie ein Zauberer einen Bügel aus dem Nichts hervorzuholen.

Ich setzte mich auf den Bettrand. »Du mußt die Uhr aufziehen«, sagte ich. »Die Zeiger springen zu langsam.«

Der Vater drehte sich zu mir um. »Siehst du nicht, daß die Hemden zerknittern?«

Ich rutschte von der Matratze herunter und legte mich auf den Boden. Der Teppich war weich und hellblau.

»Unter dem Schrank«, sagte ich, »da liegen Bügel.«

»Was liegst du auf dem Boden? Benimm dich!« Er zog seine Hosenbeine ein Stück hoch und ging in die Hocke.

»Zu Hause liege ich auch auf dem Boden. Da haben wir nicht so einen Teppich.«

»Wir sind nicht zu Hause.« Er holte drei Bügel unter dem Schrank hervor.

»Ich habe im Urlaub immer auf dem Boden gelegen, in allen Hotelzimmern. Du hast nie was gesagt.«

»Das hat dir nicht gut getan.« Der Vater kam zum Bett herüber und sah auf die Hemden, dann auf mich. »Und mir auch nicht.« Mit einem Bügel tippte er auf die Matratze. »Außerdem sind wir nicht in einem Hotel. In einem Hotel hängen die Bügel im Schrank.«

Er nahm die Uhr vom Nachttisch und steckte sie sich in die Jackettasche. »Hast du kein eigenes Zimmer?« fragte er.

Wo die Treppe lag, die ins obere Stockwerk führte, hatte der Junge uns nicht gezeigt. Der Flur kam mir jetzt schmaler vor, die Türklinken zu nah an meiner Hand; der Vater hätte das Herunterdrücken nicht gehört in seinem Zimmer, über sein Oberhemd gebeugt, über die Falten am linken Ärmel, dort, wo ich gesessen hatte.

In der Küche roch es nach frischem Karamell. Ich hielt meine Hand über das Herdgestänge, es war nicht warm. Die Ofentür war noch geöffnet, ich beugte mich hinab, außer einem Backblech und einer Gugelhupfform stand nichts darin. Als ich die Kuchenform herauszog, schwappte eine gelbe Lache in den Rillen. Ich stellte die Form auf den Herd und ging zur Haustür.

In ihrem gleichmäßigen Schaukeln bildeten die Rhododendronzweige eine geschlossene Fläche, es sah nicht aus, als hätte man einen einzelnen herausbrechen können. Am Hang vor mir blähten sich die Zeltplanen und etwas weiter entfernt markierte der Wohnwagen die Grenze des Grundstücks. Unter dem Fenster steckte ein blaues Plastikstäbchen im Hofboden, nicht länger als eine von Vaters Zigaretten. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, daß es der Arm einer Plastikfigur war, mit zur Faust gekrümmten Fingern. Die Trommelschläge kamen unverändert im gleichen Rhythmus und aus keiner Richtung. Der Wind blies heiß von der Schotterstraße her und brachte keine Kühlung.

Ich ging ums Haus. Unter der Metallstange war der Rasen dünngescheuert, ich zog mich hinauf und versuchte, über die Büsche hinwegzusehen, aber die Stange war nicht hoch genug. Von der Sonne war das Metall erhitzt.

Ich wünschte mir, ausgeschlafen zu sein. Es ist nicht so heiß, dachte ich. Das ist nur die Müdigkeit. Vergangene Nacht hatten wir im Auto verbracht, ich auf der Rückbank mit angewinkelten Beinen, der Vater vorn, die Hände vor dem Bauch gefaltet, die Daumen hatten das Lenkrad berührt. Nach einer Stunde war ich aufgewacht. Selbst in der Nacht war es schwül gewesen. Ich hatte vor Durst nicht wieder einschlafen können und dem Vater lange auf die Daumen gesehen.

Meine Lider fühlten sich geschwollen an. Ich probierte, ob ich sie noch schließen konnte. Es gelang, aber die Augen brannten dahinter, so als hätte ich mir Seifenschaum hineingerieben. Neben mir raschelte es. Ich riß die Augen auf. Das Licht war so grell, daß meine Lider kurz flatterten.

Der Junge brach aus dem Gebüsch hervor. Er warf einige Zweige ins Gras und lehnte sich neben mich an die Stange, an seiner linken Wange klebte Erde.

»Du wohnst hier allein?« fragte ich. »Deine Mutter überläßt dir das ganze Haus und fährt einfach weg?«

»Ich bin nicht allein. Aber die anderen wollen nicht mit euch sprechen. Es kommen nicht oft Leute hierher.«

»Wie kann das hier eine Pension sein«, fragte ich, »wenn ihr keine Gäste habt?«

»Meine Mutter wollte eine Pension haben, an die Gäste hat sie nicht gedacht«, sagte der Junge und zog sich auf die Stange. Ich roch seinen Karamellatem. »Ein paar Gäste sind da«, sagte er. »Sie reden nicht gern mit Fremden. Wir haben Gäste, die unter sich bleiben wollen.«

»Sind sie alle so alt wie deine Mutter?«

»Es gibt ein Mädchen.« Der Junge wippte, die Arme von sich gestreckt, vor und zurück, berührte meine Schulter dabei. »Aber sie ist kein Gast.«

»Deine Schwester«, sagte ich.

Der Junge krümmte seine Finger zu einer halbgeöffneten Faust. »Marie«, sagt er, kurz und tonlos, als sei es kein Name, sondern lediglich ein Füllwort in der fremden Sprache, Marie.

»Du mußt unseren Obstgarten sehen«, sagte er, sprang von der Metallstange und deutete mit der Hand über die Büsche hinweg. »Da hinten liegt der See, den mußt du dir auch anschauen. Du mußt hier alles sehen.« Er trat mit seiner Fußspitze ins Gebüsch, Blätter rissen in Fetzen, die aufs Gras wehten. Als ich von der Stange herunterrutschte, stach mich der Plastikarm in meiner Hosentasche.

»Kannst du mir mein Zimmer zeigen?« fragte ich, so leise, daß es kaum zu hören war durch das Rascheln seiner Tritte hindurch.

Er sagte: »Maries Zimmer.«

»Wer wohnt noch im oberen Stockwerk? Nur du und Marie?«

»Nur ich und Marie. Meine Mutter ist grad nicht da.« Er riß einen Ast aus dem Gebüsch. »Eine Frau benutzt die Toilette im oberen Stockwerk, die heißt Lo. Im Erdgeschoß gibt es eine Toilette für die Gäste, alle halten sich daran, nur Lo nicht. Außer Lo kommt niemand ins obere Stockwerk.«

Er faßte nach meiner Hand und zog mich in Richtung des Hauses. Ich machte kleinere Schritte als er.

Der Vater hatte einen Ellbogen auf das Wagendach gestützt. Als er uns kommen sah, begann er mit seinem Taschentuch den Seitenspiegel zu polieren. Die Haustür war nur angelehnt, der Junge drückte sie mit der Schulter auf. Auf dem Herd stand noch die Gugelhupfform, der Junge spuckte hinein, dann zog er mich weiter.