Gegendiagnose II -  - E-Book

Gegendiagnose II E-Book

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Beschreibung

In diesem Band liegt der Schwerpunkt auf den Momenten, in denen „wir“ uns pathologisieren und selbst regieren und welche Rolle dabei Begriffe wie psychische Gesundheit und Krankheit, Normalität und Eigenverantwortung spielen. Die ‚zweite Gegendiagnose‘ zeichnet sich durch eine große Vielfalt an expliziter und reflektierter Diversität der Perspektiven aus, ebenso durch eine Varianz der Beitragsformen. Von wissenschaftlicher abstrakter Theoriearbeit und Analyse über autoethnografische Zugänge bis hin zu sehr persönlichen Erfahrungsberichten und Prosa, von der Betroffenen- über die Angehörigen-Perspektive bis hin zu der Perspektive der ‚Professionellen‘ sind vertreten. Dieses Nebeneinander der Perspektiven ist als Kritik an der vorherrschenden Definitionsgewalt der Psy-Disziplinen und ihrer Institutionen zu verstehen. Die Beiträge analysieren Mechanismen und Auswirkungen des neoliberalen psychologischen_psychiatrischen Gesundheitssystems und fragen nach Widerstandsmöglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen.

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Seitenzahl: 490

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Esto Mader, Cora Schmechel, Kim Kawalska, Alex Steinweg (Hg.)

Gegendiagnose II

Die Reihe Get well soon. Psycho_Gesundheitspolitik im Kapitalismus entstand aus dem Bedauern über den Platz, den eine radikale Kritik an den Institutionen und Disziplinen Psychiatrie und Psychologie aktuell einnimmt. Das Thema Antipsychiatrie wird wieder zurück in den Kanon emanzipativer Politik gebracht und inhaltlich aktualisiert. Es ist notwendig, sich mit der Reformierung des psychiatrischen Systems auseinanderzusetzen und die Kritik dem aktuellen Zustand anzupassen, entsprechend auch auf die Kategorien von mentaler Gesundheit_Krankheit schon außerhalb der Anstalt auszuweiten. Zudem wird ein Raum geschaffen, um in Abgrenzung zum verkürzten Mainstream-Diskurs, welcher vorrangig eine skrupellose Pharma-Industrie am Werke sieht, radikal die gesellschaftliche Funktion des psychiatrisch-psychologischen Systems zu beleuchten und dabei auch die Leerstellen der bisherigen Antipsychiatrie zu füllen. Daher beschäftigt sich diese Reihe vor allem mit Fragen des Zusammenwirkens psychiatrisch_psychologischer Konzepte mit rassistischen, sexistischen und ökonomischen Unterdrückungsverhältnissen und ihren Wirkungsweisen im neoliberalen Gesundheitssystem.

Esto Mader, Cora Schmechel, Kim Kawalska, Alex Steinweg (Hg.)

Gegendiagnose II

Beiträge zur radikalen Kritik an Psychologie und Psychiatrie

Get well soon. Psycho_Gesundheitspolitik im Kapitalismus. Band 2

© 2019 by edition assemblage

Postfach 27 46

D-48014 Münster

[email protected] | www.edition-assemblage.de

Umschlag: Henna Räsänen

Digitalsatz: Zeilenwert GmbH | zeilenwert.de

Digitalvertrieb: Libreka GmbH | info.libreka.de

ISBN ePub: 978-3-96042-813-8

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort der Herausgeber_Innen

Alex Steinweg: ›Irre‹, ›Krank‹ und ›Wahn‹ – eine (zu) kurze Einführung in die Psychiatriekritik

Perspektiven und Erfahrungsreflexionen

Da: Give me a word

Kalle H. und Blu D.: Nicht-binär_trans* in Therapie? Eine (Selbst-)Reflexion aus zwei Perspektiven

Nello Fragner: Zwischen den Knallen wachsen zarte Pflänzchen Zu Depression und (den Versuchen von) Positionierung

Nadire Biskin: Wie meine Mutter mich mit Victoria Beckham verwechselte

Caroline von Taysen: Mein Ausstieg aus der »professionellen Neutralität« Vom Umgang mit Machtverhältnissen in der psychosozialen Arbeit

Robin Iltzsche: Mit dem Rücken zur Wand – Eine Autoethnographie zum Unbehagen … in meiner professionellen, psychiatrischen Identität

Kritik an konkreten Praktiken

Peet Thesing: »Dafür sind Sie nicht stabil genug« Mechanismen der Unterwerfung und des Widerstands in der Psychiatrie

Psychiatrie-kritische Gruppe Bremen: Zur Lage der forensischen Psychiatrie

Jay: Maulkorb Diagnostik – wenn aus Gewalterfahrungen Symptome werden

Anne Roth und Clara Kern: Antifeminismus vor Gericht – Über die Macht psychologischer Sachverständiger in Sexualstrafprozessen

Anne Allex: Keine Fiktion: Erst psychiatrisch begutachtet, dann wohnungslos

Theoriegenese

Franziska Hille: Auf dass Selbstfürsorge möglich(er) wird – und zugleich auch weniger nötig.

Selbstfürsorge, ver_Rückte Zustände und Psychiatriebetroffenheit im Kontext gegenwärtiger neoliberaler gesellschaftlicher Verhältnisse

Eva Georg: Selbstsorge. Distanzierung. Professionalität. Eine problematische Trias in Beratung und Psychotherapie

Robin K. Saalfeld: Von ›Zwischengeschlechtlichkeit‹, Störungen der Geschlechtsidentität und Geschlechtsdysphorie.

Beschreibung einer Genealogie der Transsexualität als Emanzipationsversuch

Sabrina Saase: Augen auf! – Zur historischen Ver(antw)ortung intersektional zu denken

Eliah Lüthi: PsychGewalt_ig: Psych(iatrische) Gewalt als Diskriminierungsstruktur verstehen

Kritik der Kritik

Michael Zander: Trauma, Trigger, Trivialisierung.

Zur Diskussion über »Trigger-Warnungen« an Hochschulen und in der politischen Linken

Judith (ohne Nachnamen): Würdest du freiwillig in eine Psychiatrie gehen?

– Eine Erlebnisreflexion

resist_pathologization: ›Un-/Fähig, sich selbst zu regieren‹

Vom Ausschlusscharakter einer neoliberalen Norm

Bonnie Burstow (Übersetzung: Clara Funk): Die Psychiatrie klein kriegen: Das Zermürbungsmodell

Autor_Innen und Mitwirkende

Endnoten

Weitere Bücher

Vorwort der Herausgeber_Innen1

Bald vier Jahre ist es her, dass der erste Gegendiagnose- Band der Reihe Get well soon! zur kritischen Analyse von Psycho- und Gesundheitspolitik erschien. Der Band war motiviert durch den Eindruck, dass eine Kritik an der Institution und wissenschaftlichen Disziplin der Psychiatrie, wie auch ihrer ›Schwester‹ der Psychologie, in der aktuellen linken Gesellschaftsanalyse kaum noch eine Rolle spielte. Psychische Krisen sowie Verhaltens- und Wahrnehmungskonflikte schienen vielfach unhinterfragt ein je individueller Fall für ›professionelle Hilfe‹. Die Geschichte der alten wie neuen Antipsychiatrie2 schien weitestgehend vergessen, während gleichzeitig in allen gesellschaftlichen und politischen Lagern eine Zunahme an psychiatrischen Diagnosen und psychischen Krisen festgestellt wurde.

Dies wurde vor sechs Jahren anlässlich des DSM-V (der fünften Auflage des internationalen Klassifikationskatalogs der psychischen Erkrankungen) maßgeblich auch vom US-amerikanischen Psychiater Allen Frances getan. Er kritisierte eine maßlose Gier und den Bedeutungsdrang von Psychiater_Innen und Pharmaindustrie, die Diagnosekriterien herunterstufen und neue Diagnosen ›erfinden‹ würden. Solche Ansätze beklagen zwar ein ›Zuviel‹ oder ›Zu weit gehen‹ einzelner Institutionen, aber nicht die grundlegende gesellschaftliche Funktion, die eine Unterscheidung von gesundem und krankem Denken und Empfinden bedeutet.

Das Anliegen der Gegendiagnose war und ist dagegen, eine Alternative zu allzu vereinfachten oder reformistischen Kritiken zu bieten und auch die antipsychiatrische und psychiatriekritische Bewegung selbst kritisch zu betrachten. Wichtig ist uns die Institution Psychiatrie und ihre Konzepte und Glaubenssätze in das Netz gesamtgesellschaftlicher Machtverhältnisse einzuordnen und sie gerade auch als Institution der Reproduktion und Stabilisierung gesellschaftlicher Unterdrückungsverhältnisse zu betrachten.

Anlässe einer linken Auseinandersetzung mit Konzepten und Erlebenswelten von Krise, Verrücktheit und sogenannten psychischen Störungen und vor allem mit der Frage, wie ein entstigmatisierender und emanzipativer Umgang damit aussehen kann, gab es auch in den letzten vier Jahren: die Debatte um das letztlich entschärfte Psychiatrie-Gesetz in Bayern, welches eine standardisierte polizeiliche Meldung von Psychiatriebetroffenheit zum ›Schutz‹ von Individuum und Gesellschaft vorsah; die permanente Prekarität von und bürokratische Hürden für alternative Institutionen wie dem Berliner Weglaufhaus und eine sich ausweitende Kultur des eigenverantwortlichen Selbstmanagements von Gefühlen, Stimmungen und Einstellungen in der individualisierenden und entpolitisierenden Rhetorik der Psy-Disziplinen, vom Mood Tracking bis zu Abgrenzungs- und Distanzierungstechniken als Self-Care.

Im vorliegenden zweiten Band liegt der Fokus nun auch verstärkt auf den Momenten der Selbstregierung unter Begriffen und Konzepten von psychischer Gesundheit und Krankheit, Normalität und Eigenverantwortung. Vor allem zeichnet sich die ›zweite Gegendiagnose‹ durch eine große Vielfalt an expliziter und reflektierter Diversität der Perspektiven aus, ebenso durch eine Varianz der Beitragsformen: von wissenschaftlicher abstrakter Theoriearbeit und Analyse über autoethnografische Zugänge, bis hin zu sehr persönlichen Erfahrungsberichten und Prosa, von der Betroffenen- über die Angehörigen-Perspektive bis zu der Perspektive der ›Professionellen‹. Dieses Nebeneinander der Perspektiven ist hierbei kein Zufall, sondern als Kritik an der vorherrschenden Definitionsgewalt der medizinisch-psychiatrischen Wissenschaft zu verstehen.

Und wie schon im ersten Band verfolgen wir keine einheitliche inhaltliche Stoßrichtung, weder innerhalb der Herausgebendengruppe noch in der Autor_Innenschaft. Vielmehr soll der Band Raum für unterschiedliche Sichtweisen bieten und die Vielseitigkeit aktueller kritischer Perspektiven auf Psychiatrie und Psychologie deutlich machen. Exemplarisch zeigt sich dies am Begriff der Selbstbestimmung, der in verschiedenen Beiträgen sowohl als Forderungsinhalt und Ziel wie auch als zu kritisierende Norm und voreingenommenes Ideal betrachtet wird.

Nicht zuletzt war und ist es Anliegen der Gegendiagnose, eine solidarische, aber durchaus kontroverse Debatte zu fördern.

Aufbau des Bandes

Den Auftakt macht Alex Steinweg mit einem Überblick zur Geschichte der Psychiatrie und ihrer Kritik sowie Anregungen für aktuelle praktische Psychiatriekritik und Betroffenensolidarität. Anschließend eröffnet ein Gedicht von Da das Kapitel »Perspektiven und Erfahrungsreflektionen«, in welchem Beiträge versammelt sind, die explizit oder implizit Fragen zu diversen Formen von Betroffenheit und verschiedenen Machtpositionen im psychiatrisch_psychologischen System aufwerfen. Kalle H. und Blu D. betrachten aus verschiedenen nicht-binären Trans*Perspektiven die konkreten subjektiven Auswirkungen der binär-logischen Zwangs-Pathologisierung und von Trans*geschlechtlichkeit im Gesundheitsversorgungsystem. Nello Fragner nimmt uns im folgenden Beitrag mit auf eine persönliche Retrospektive zur sanktionierenden Funktion einer immanenten Bedrohung von Psychiatrisierung. Nadire Biskins öffentlicher Brief »Wie meine Mutter mich mit Victoria Beckham verwechselte« macht im Anschluss deutlich, dass es neben ›betroffen‹ und ›nicht betroffen‹ von Psychiatrisierung durchaus noch weitere Formen der Involviertheit und Betroffenheit gibt. Die beiden anschließenden Beiträge von Caro von Taysen und von Robin Iltzsche berichten aus der Perspektive von ›kritischen Professionellen‹ von ihren Erfahrungen und Einsichten in die eigenen Verstrickungen und beschränkten Kritikpotentiale als Psycholog_In und Psychiatrie-Personal. Caro von Taysens Beitrag hinterfragt dabei die hierarchisierenden Grenzen zwischen ›denen‹ und ›uns‹, welche in der professionellen Ausbildung und Praxis sehr zentral und bedeutsam sind und Robin Iltzsche macht anhand persönlicher Erfahrungen eindrücklich deutlich, wie schwierig und ambivalent eine kritische Haltung in und zu der Institution Psychiatrie in der Praxis sein kann.

In der psychiatrischen Anstalt geht es sodann auch im zweiten Kapitel »Kritik an konkreten Praktiken« weiter. Peet Thesing beschreibt an einem Fallbeispiel die Unterwerfungs- aber auch Widerstandsmomente eines Psychiatrieaufenthaltes. Auch die Psychiatrie-kritische Gruppe Bremen beschäftigt sich mit der Institution Psychiatrie, speziell jedoch mit der forensischen, also kriminalistischen, welcher die Legitimation zukommt, Menschen auch nach Vollzug einer Haftstrafe weiterhin ›im Dienste der Sicherheit‹ gefangen zu halten. Die Praktik der Sicherheitsverwahrung wird in diesem Beitrag gesellschaftlich eingeordnet und als Menschenrechtsverletzung kritisiert. Massiv ist auch die Kritik von Jay an der Pathologisierung von Folgeerscheinungen gravierender und systematischer Gewalt. Statt gesellschaftliche Strukturen für krank zu erklären, die solche Gewalt ermöglichen, werden die Opfer pathologisiert und auf dieser Basis bevormundet und somit erneut zu Opfern gemacht. Auch Anne Roth und Clara Kern kritisieren den psychiatrisch_psychologischen Umgang mit sexualisierter Gewalt, hier konkret in Form der »aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsgutachten«, welche den Anspruch erheben zwischen ›falscher/eingebildeter‹ und ›richtiger/wahrer‹ Vergewaltigungs- und Missbrauchserinnerung unterscheiden zu können. Die Autor_Innen weisen nach, wie diese Praktik zu einer Täter-Opfer-Umkehr beiträgt und gesellschaftliche Machtverhältnisse stabilisiert. Den Abschluss dieses Kapitels bildet ein Beitrag von Anne Allex, welcher die immensen Folgen von psychologischen Gutachten durch den Ärztlichen Dienst der Arbeitsagentur für Betroffene darlegt.

Im anschließenden Kapitel » Theoriegenese« beschäftigen sich zunächst Franziska Hille und Eva Georg kritisch mit dem ambivalenten Konzept der Selbstsorge für Menschen in ver_Rückten Zuständen und für psychotherapeutisch oder beraterisch arbeitende Personen. Anschließend formuliert der Beitrag von Robin Saalfeld eine Genealogie des Konzeptes der Transsexualität sowie eine, auch aus persönlichen Erfahrungen speisende, aktuelle Situationsbeschreibung und Kritik. Sabrina Saase plädiert anschließend für die drängende Notwendigkeit der Einbeziehung intersektionaler Perspektiven in die wissenschaftliche Disziplin der Psychologie, gefolgt vom Beitrag Eliah Lüthis, in welchem das Konzept der »PsychGewalt« und ihre verwobenen Wirkungsformen anschaulich erklärt werden, um sie so an_greifbarer zu machen.

Ein letztes Kapitel bildet auch diesmal wieder die »Kritik der Kritik« in welchem aktuelle linke und psych_kritische bis antipsychiatrische Diskurse und Praktiken zum Gegenstand gemacht werden. Das Kapitel beginnt mit einem Beitrag von Michael Zander, der die Psychologisierung (linker) Politik kritisiert. Es folgt ein Artikel von Judith zu ihrem Erleben von allzu theoriegeleiteter linker Psychiatriekritik, die nicht an die realen Erfahrungen und Empfindungen Psychiatriebetroffener anschließen kann. resist_pathologization leistet im darauf folgenden Beitrag eine umfassende und fundierte Kritik am Konzept der Selbstbestimmung als Ziel emanzipatorischer Politik in Theorie und Praxis. Sehr freuen wir uns, als abschließenden und abrundenden Beitrag die erstmalige Übersetzung eines Textes der kanadischen antipsychiatrischen Wissenschaftlerin Bonnie Burstow präsentieren zu können. Mit dem von Clara Funk übersetzten Artikel zum »Zermürbungsmodell« endet der Band so mit einem selbstkritischen aber positiven Ausblick auf die Zukunft der emanzipativen, kritischen Umgangsweisen mit Psychologie und Psychiatrie.

Danksagungen

Zunächst einmal möchten wir uns bei all unseren Autor_Innen bedanken für die produktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit! Auch allen Leser_Innen des ersten Bandes, die für die Notwendigkeit einer zweiten Auflage gesorgt haben, danken wir hiermit – nicht zuletzt der große Erfolg des ersten Bandes hat zur Motivation für einen zweiten Band beigetragen. Auch die vielen Einladungen für Lesungen des Bandes, von Bremen bis Wien, und die hierbei geführten Diskussionen haben uns angetrieben, das Projekt weiter zu verfolgen. Trotz aller Kontroversen und letztlich getrennter Wege gilt der Dank auch Fabian Dion für die Initiierung der Gegendiagnose ›damals‹ 2014. Vor allem danken wir Willi Bischof und der edition assemblage für die Ermöglichung und Unterstützung des Projektes!

Wir freuen uns über Kritik, Anregungen und Vorschläge für den dritten Band an

[email protected]

›Irre‹, ›Krank‹ und ›Wahn‹ – eine (zu) kurze Einführung in die Psychiatriekritik3

Alex Steinweg

Einleitung

Innerhalb einer links-aktivistischen Szene scheint es in diskriminierenden Situationen einen Konsens über angemessene Handlungsweisen zu geben. Das Spektrum reicht davon eine von Abschiebung bedrohte Person zu verstecken, sexistischen und rassistischen Sprachgebrauch zu problematisieren und geht bis dahin Diskussionen über mögliche diskriminierende Lesarten einzelner Wörter, Kleidungsstile und Frisuren zu führen (vgl. u.a. Latton 2016: o.S.; Yaghoobifarah 2016a: o.S.; 2016b: o.S.).

Aber wie sieht es mit einem Konsens darüber aus, eine Person zu verstecken und zu unterstützen, die zwangsbehandelt werden soll? Schnell heißt es, dass von außen nicht nachvollziehbares Verhalten ›krank‹ sei und die Betroffenen ›professionelle Hilfe‹ bräuchten. Aber wodurch legitimiert sich ›professionelle Hilfe‹ eigentlich? Und was bedeutet eigentlich ›krank(haft)‹? Schon die ›Alte Psychiatriekritik‹, eine Bewegung vor allem kritischer Wissenschaftler_Innen und vereinzelt auch praktizierender Psychiater_Innen in den 1960er Jahren, hat sich mit diesen Fragen beschäftigt und es ist ihnen gelungen, eine emanzipative Kritik an vorherrschenden medizinisch geprägten Erklärungsmodellen zu formulieren (vgl. u.a. Basaglia: 1980; Chesler: 1977; Cooper: 1972; Dörner: 2001; Foucault: 1973; Laing: 1994; Schaps: 1982; Szasz: 1972) und ›psychische Krankheiten‹ als maßgeblich gesellschaftlich bedingt zu theoretisieren und damit zu entmystifizieren (vgl. Trotha, 2001 o.S.). Im Zuge dieser Bewegung begannen verschiedene Betroffenengruppen sich in Verbänden und Initiativen zu organisieren, eigene Kritiken zu formulieren und selbstbestimmte Unterstützungsstrukturen aufzubauen (die sogenannte »Neue Antipschiatrie« der 1980er Jahre) (vgl. ebd.).

Ziel dieses Artikels ist es, eine kleine Einführung in die formulierten Kritiken dieser Bewegung zu geben. Dabei sollen weniger die einzelnen Akteur_Innen im Vordergrund stehen, sondern der Fokus auf einer Zusammenfassung der Theorien liegen. Diese Theorien – so sehr auch diese bei weitem nicht frei von Kritik sind (vgl. Dudek 2015: 313 ff.) – können helfen, menschliches Verhalten zu entmystifizieren, die Bedeutung subjektiven Empfindens und Deutens hervorzuheben und Lebenssituationen in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu setzen. Dies stellt eine notwendige Grundlage eines emanzipatorischen Diskurses zur Unterstützung von Menschen dar.

Abschließend leite ich aus den theoretischen Vorarbeiten Reflexionsmaßstäbe her, welche bei der Selbstreflexion helfen sollen, um bei sich selbst sowohl diskriminierende Denk- und Verhaltensmuster zu entdecken und zu verändern, als auch es einem_R zu erleichtern, sich für und in der Unterstützungsarbeit zu sensibilisieren.

Ausgesuchte Aspekte der diskursiven Entwicklung des ›Wahnsinns‹4

Eine der Grundfragen dieser Thematik ist, wie es im Laufe der Geschichte geschehen konnte, dass einige Verhaltensweisen überhaupt als ›krankhaft‹, ›wahnsinnig‹, ›irre‹ oder generell als ›abnormal‹ beschrieben wurden und werden. Wird die Geschichte des ›Wahnsinn‹ betrachtet, wird in erster Linie deutlich, dass je nach zeithistorischem Kontext unterschiedliches Verhalten als ›abnormal‹ angesehen worden ist. Dies verdeutlicht, dass es sich bei diesen Zuschreibungen um gesellschaftliche Konstruktionen handelt. Im Folgenden werde ich einzelne Aspekte der geschichtlichen Entwicklung beschreiben, die ich als diskursive Einflussfaktoren für das heutige Verständnis von ›Verrücktheit‹ hervorheben möchte.5

Von Deutungskämpfen und dem Entstehen der ›Helfenden-Profession‹

Im 17. Jahrhundert wurde der ›Wahnsinn‹ noch als eine von Gott gegebene Krankheit zur Bestrafung für Fehlverhalten gesehen (vgl. Foucault 1973: S. 22). Zu diesem Zeitpunkt wurde dem Gedanken einer ›Heilung‹ der Person noch kaum eine Bedeutung zugesprochen. Stattdessen war es das vorrangige Ziel eine Isolation der Personen von der Gesellschaft zu erreichen (vgl. ebd.: S. 25 ff.). Im Laufe der Zeit machte die gesellschaftliche Bedeutung des ›Wahnsinn‹ verschiedene Veränderungen durch, welche stets von einer gewissen Doppeldeutigkeit geprägt waren (vgl. ebd.: S. 31).

Auf der einen Seite existierte durch die Assoziation von Freiheit und einem kritischen Bewusstsein eine fast schon romantische Vorstellung von ›Wahnsinn‹ (vgl. ebd.: S. 31, S. 48). Demgegenüber stand die Interpretation von ›Wahnsinn‹ als Symbol für gesellschaftliches Chaos und Weltschmerz (vgl. ebd.: S. 40 ff.). Die Deutungshoheit der Kirche wirkte dahingehend auf diesen Diskurs ein, dass ein eher abstraktes Verständnis von ›Wahnsinn‹ als gesellschaftlicher Zustand oder gesellschaftliche Bedrohung abgelöst wurde. Stattdessen setzte sich das kirchliche Erklärungsmodell durch, in welchem das ›wahnsinnige Verhalten‹ auf einzelne Menschen projiziert wurde, welche vom Satan gelenkt oder von Gott bestraft worden wären (vgl. ebd.: S. 48).

Die Sichtweise, dass sich die Ursachen von Verhaltensweisen in dem Menschen selbst verorten lassen würden, wurde durch das Aufkommen der Industrialisierung und der Psychopathologie als medizinisch-biologische Disziplin im 18. und 19. Jahrhundert deutlich verstärkt. Ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor dafür, lässt sich in dem neu entstandenen Arbeitsethos während der Industrialisierung sehen. Bestandteil von diesem war eine Verbindung von Arbeit mit ethischen Werten, wodurch Armut nicht mehr als ein Mangel an Waren oder bezahlter Arbeit gesehen wurde. Stattdessen wurde er durch ein Nachlassen von Disziplin erklärt (vgl. ebd.: S. 92). Dabei entstand eine Trennung in die sogenannten ›würdigen Armen‹, die aufgrund einer Beeinträchtigung nicht arbeiten konnten, und die sogenannten ›unwürdigen Armen‹, von denen angenommen wurde, dass sie nicht arbeiten wollten (vgl. Dörner 2001: S. 20). Galten die Gründe für die nicht geleistete Arbeit als nicht nachvollziehbar, wurden die Menschen zu den unwürdigen Armen gezählt und hatten mit einer Verbannung in die Arbeitshäuser zwecks Umerziehung durch Zwangsarbeit zu rechnen.

Die Industrialisierung zeigte jedoch noch weitere Effekte: Wurde in der vormodernen Gesellschaft die Pflege- und Fürsorgearbeit ebenso wie die (Re-) Produktionsarbeit meistens innerhalb der Haus- und Hofgemeinschaften erledigt, entstand durch die Einrichtung von Produktionshäusern wie Fabriken, Werkstätten und Büros eine räumliche Trennung von Arbeitsbereichen (vgl. ebd.: S. 22). Durch diese Aufspaltung kam es sowohl zu einer Verstärkung der Geschlechterungleichheit, da meistens Frauen in den häuslichen, unbezahlten Bereich der Reproduktion verbannt wurden, als auch dazu, dass zum ersten Mal eine breite Diskussion in Europa entstand, was mit denen geschehen soll, die für den Markt als zu ›leistungsschwach‹ oder zu ›störend‹ galten (vgl. ebd.: S. 23). Diese Diskussion beeinflusste die Entstehung von ›Sozialen Institutionen‹, in denen sich nun ›Professionelle‹ als Lohnarbeiter_Innen um die »Erziehung, Therapie, Verpflegung, Versorgung [und] Verwaltung« (ebd.: S. 24.) von Betroffenen kümmern sollten. So entwickelte sich mehr und mehr die Überzeugung, dass nur ›Professionelle‹ in der Lage wären, Menschen zu unterstützen und ihnen zu helfen (vgl. ebd.: S. 27)6.

Beeinflusst durch die Aufklärung und den immensen technischen Fortschritt dieser Zeit, erreichte die Naturwissenschaft und mit ihr die Psychopathologie als ›objektive‹ und ›rationale‹ Wissenschaft einen gottähnlichen Status (vgl. Harms 2011: S. 89).

Dabei beinhalteten psychopathologische Denkmodelle das Bild eines durch seine Biologie und die Genetik festgelegten Menschen (vgl.: ebd.). Es wurde somit davon ausgegangen, dass die Psychopathologie in einer direkten Beziehung zu einem natürlichen Menschen stehen würde und an diesen den Maßstab für ›Normalität‹ anlegen könnte (vgl. Foucault: S. 126). Diese Form der Pathologisierung von Verhalten führte dazu, dass als wahnsinnig klassifizierte Personen zu den sog. ›würdigen Armen‹ gezählt wurden (vgl. ebd.: S. 128), was zum einen dazu führte, dass sie gesellschaftlich als ›hilfebedürftig‹ eingestuft wurden, zum anderen jedoch den Effekt hatte, dass ihnen ihre Selbstbestimmung und -verantwortung verweigert wurde. Da schon zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich weiße7, gesunde, heterosexuelle, akademische Männer den Wissenschaftsbetrieb bestimmten und dadurch festlegten, was ›Natürlichkeit‹ bedeutete, wurde der Maßstab der ›psychischen Normalität‹ auf deren Sichtweise und Lesarten festgelegt. Dieses Erbe zieht sich bis heute durch (vgl. Haraway 1988: S. 581 ff.). Sollte nun eine Person sich also für Verhaltensweisen entscheiden, die zu weit von dem ›normalen‹ Raster eines weißen, gesunden, heterosexuellen, akademischen Mannes abweichen, müsse dies somit an dessen ›kranker‹ Natur liegen.

Vernichtung im Namen der ›Volksreinheit‹ – Der deutsche Sonderweg

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts spitze sich die Diskussion um die sogenannte ›soziale Frage‹ zu. Die Vorstellung eines biologisch determinierten Menschen in Kombination mit einem moralisch aufgeladenen Arbeitsethos und dem Konkurrenz- und Verwertungsgedanken des Kapitalismus führten dazu, dass über alle politischen Spektren und Länder hinweg die Frage diskutiert wurde, ob ›nicht wirtschaftlich Verwertbare‹ eher zwangssterilisiert oder vernichtet gehörten (vgl. Klee 2009: S. 25 ff.). Dabei ist es erwähnenswert, dass, trotz des weltweit stattfindenden Diskurses, die Deutschen als einzige sich dazu entschieden, im Namen der Wirtschaftlichkeit und Reinheit des ›Volkskörpers‹ die systematische Vernichtung all jener durchzuführen, die ihrem Traum eines ›arischen‹ und effizienten Volkes entgegen standen: Im Sommer 1939 verfasste Adolf Hitler ein formloses Ermächtigungsschreiben und die Deutschen setzten, geleitet von der herrschenden Ideologie, die Euthanasie in ihrer Vernichtungsmaschinerie um (vgl. Dießelhorst 1989: S. 120 f.). Zwar endete mit dem Sieg der Alliierten auch der sozialdarwinistische Vernichtungsfeldzug der Deutschen, jedoch kamen die für die ›Euthanasie‹ verantwortlichen Ärzt_Innen, Psycholog_Innen und Richter_Innen größtenteils straflos davon und konnten – teils nach kurzen ›Arbeitspausen‹ – wieder ihrer Arbeit nachgehen (vgl. Drecktrah 2008: S. 282; Hechler 2015: 143 ff.). Dies zeigte sich unter anderem auch in der Kontinuität der naturalisierenden Ideologie, welche es erlaubte, die ›Behandlung‹ von ›psychischen Krankheiten‹ weiterhin in dem Aufgabenbereich der Medizin und Psychiatrie zu verorten (vgl. Szasz 1972: S. 57).

Die ›alte‹ Psychiatriekritik in den 1960er & -70er Jahren

Während in den USA und Großbritannien schon in den Anfängen der 1950er Jahre die menschenverachtenden Verhältnisse in den Psychiatrien aufgedeckt wurden (vgl. u.a. Goffman: 1972), dauerte es in der BRD erheblich länger, bis sich mit den Verhältnissen in den Anstalten auseinandergesetzt wurde (vgl. Häfner 2003: S. 122). Dies war nicht zuletzt ein Resultat aus der »Verdrängung oder Verleugnung der Massentötung« (ebd.: S. 123) Psychiatrisierter während der NS-Zeit. Wie beschrieben, verblieb die Mehrzahl der an den sogenannten ›Krankenmorden‹ beteiligten Deutschen in ihren Ämtern (vgl. ebd.: S. 123). Daher verwundert es kaum, dass auch in den Jahren nach dem Krieg Einweisungen noch offen als eine »probate Lösung, [um] die Störung des Verwaltungsgeschäfts zu beheben« (Coché 2017: S. 81) genutzt wurde. Internationale Kritik an den Zuständen in Psychiatrien fand erst im Zuge der ›alten‹ psychiatriekritischen Bewegung Gehör in der Öffentlichkeit. Dabei schaffte es jedoch vor allem der menschenverachtende Zustand und Umgang mit den ›Patient_Innen‹ in das öffentliche Bewusstsein. Besonders die Kritik, dass Psychiatrien – genau wie andere totale Institutionen – hauptsächlich den Zweck verfolgten, »den Charakter von Menschen zu verändern« (vgl. Goffman 1972: S. 23) und sie damit auf einer Stufe mit Gefängnissen, Konzentrationslagern und Klöstern zu sehen seien, erlangte Aufmerksamkeit. Im Zuge einer Reihe von Studien, die erstmals die Sichtweise der Betroffenen und nicht der Psychiater_Innen in den Fokus rückten (vgl. ebd.: S. 8), wurde deutlich, was das geltende psychiatrische Paradigma mit den Betroffenen machte. Menschen, welche in allen Lebensbereichen systematisch durch dieselbe Instanz verwaltet, beobachtet, versorgt, erzogen und behandelt werden, laufen Gefahr eine »Diskulturation« (ebd.: S. 24) zu erleben. Dies bedeutet, dass ein »Verlern-Prozeß« (ebd.) von Verhaltensmustern einsetzt, der bis hin zu einem Identitätsverlust reichen kann (vgl. ebd.: S. 54). Eine totale Institution nutzt diese Dynamik »als strategischen Hebel zur Menschenführung« (ebd.: S. 25). Im Falle der Psychiatrie wäre das Ziel der Menschenführung somit die Anpassung der Betroffenen an das Verständnis der Psychiater_Innen von ›Normalität‹. Wobei die zu dieser angestrebten Normalisierung genutzten Techniken Menschen teils endgültig das selbstständige Zusammenleben in einer bürgerlichen Gesellschaft verlernen ließen.

Andere Kritiken griffen noch tiefer das psychologisch-psychiatrische Verständnis an und negierten grundsätzlich den Glauben an die Existenz von ›psychischen Krankheiten‹. Dabei lehnten sie eine individualisierende Sichtweise auf Verhalten ab und setzten es stattdessen in einen Zusammenhang mit familiären Strukturen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen (vgl. u.a. Cooper 1976: S. 90 ff.; Rittmeyer 1988: S. 29; Szasz 1972: S. 21). So kämen zum Beispiel Widersprüche, welche sich innerhalb eines familiären Systems finden, in dem Verhalten einzelner Personen zum Ausdruck (vgl. Cooper 1972: S. 36 ff.). Zum Schutz des Systems Familie*8 sei es nun notwendig, dass die betroffene Person sich entweder den Widersprüchen innerhalb der Familie* unterwirft, oder das System verlässt (vgl. ebd.: S. 33 f.). Teilweise komme es so dazu, dass die Betroffenen ihre zugeschriebene Rolle als die_der ›psychisch Kranke_n‹ annehmen und ihr System in ›akzeptabler‹ Form verlassen, mit der Hoffnung nach vollendeter ›Heilung‹ wiederkehren zu dürfen (vgl. ebd.: S. 46 f.). Durch die Abhängigkeit einer Person zu ihren direkten Bezugspersonen – dies ist gerade bei Kindern, welche in besonderer Abhängigkeit zu ihrer Familie* stehen, der Fall – könne es aufgrund widersprüchlicher Erwartungen an die Person zu einer Entfremdung der eigenen Person von sich selbst kommen. Dies könne dazu führen, dass der Mensch sich als fremdgesteuert wahrnimmt (vgl. ebd.: S. 50). Dabei sei es wichtig zu betrachten, wann welche Erklärungsmodelle oder Weltanschauungen als ›psychotisch‹ mystifiziert werden und warum z. B. antisemitische, rassistische und sexistische Überzeugungen als vielleicht verachtenswerte, jedoch trotzdem ›gesunde‹ Überzeugungen zu sehen seien (vgl. Cooper 1976: S. 53).

Nicht nachvollziehbares menschliches Verhalten ließe sich nach diesem Erklärungsansatz somit eher als eine »Sonderform von Kommunikation« (Szasz 1972: S. 26) sehen und es dürfe nicht darum gehen, mechanisch nach Ursachen zu forschen, sondern zu betrachten, wie diese Sprache »gelernt wurde und was sie bedeuten soll« (ebd.: Herv. i.O.). Durch ein solches Verständnis wird hervorgehoben, dass das Verhalten von Menschen letztendlich ein Produkt der sozialen Umgebung ist (vgl. ebd.: S. 28). Würde diese Sichtweise ignoriert, führe es schnell zu einer Stigmatisierung von Menschen als ›psychisch Kranke‹, was meist mit einer Absprache der (Selbst-)Verantwortung und Abnahme dieser einhergehe (vgl. ebd.).

Während die meisten Psychiatriekritiker aus einer rein ›männlichen‹ Perspektive heraus auf Verhalten schauen, zeigt Phillis Chesler von einer feministischen Analyse ausgehend auf, wie stark der Komplex Psychiatrie von einer patriarchalen Logik durchzogen ist und somit Frauen*9 in einer spezifischen Weise bedroht sind (vgl. Chesler 1977: S. 65 ff.). Nicht nur die Person des männlichen Psychiaters stelle hierbei eine spezifische Gefährdung dar, sondern ebenfalls die klinische Ideologie, die selbst einer patriarchalen Deutungshoheit unterliegt (vgl. ebd.). ›Professionelle von Beruf‹ würden von Beginn an darin geschult, jegliche Verhaltensweisen zu pathologisieren (vgl. ebd.). Diese durchgängig stattfindende Pathologisierung erfolge jedoch bei Frauen* und Männern nach unterschiedlichen Maßstäben (vgl. ebd.: S. 67). Studien zeigten, dass die Vorstellung der Psychiatrie von den Eigenschaften eines gesunden erwachsenen Mannes und denen eines gesunden Erwachsenen im generellen quasi identisch waren, und somit die allgemeine Vorstellung von gesund mit der spezifisch männlichen Vorstellung von gesund gleichgesetzt wird (vgl. ebd.). Eine andere Studie zeigte, dass die mit der männlichen Gesundheit einhergehenden Eigenschaften jene sind, welche als gesellschaftlich erwünscht gelten (vgl. ebd.: S. 68). Die Vorstellung über die Gesundheit einer Frau* unterschied sich jedoch signifikant von denen der beiden übrigen Kategorien und basierten auf Eigenschaften wie Unterordnung, Abhängigkeit, Beeinflussbarkeit, »weniger dem Konkurrenzkampf zugeneigt, leichter erregbar bei kleineren Krisen, […] emotionaler [und] eitler […]« (ebd.: S. 68). Daraus lässt sich folgern, »daß sich eine Frau, um als gesund zu gelten, an die Verhaltensnormen für ihr Geschlecht ›anpassen‹ und diese akzeptieren muß, obwohl diese Verhaltensweisen im allgemeinen als weniger gesellschaftlich erwünscht angesehen werden« (ebd.: S. 68). Hielten Frauen jedoch an ›männlichen‹ (oder geschlechtsunspezifischen) Verhaltensweisen fest, würden sie Gefahr laufen in psychiatrische Heilanstalten gebracht zu werden, »bis sie zu ihrer ›Weiblichkeit‹ bekehrt sind« (ebd.: S. 69). Es wird somit deutlich, dass die Normen, die an die ›psychische Gesundheit‹ der Frau* angelegt werden, jene devoten und angepassten Eigenschaften sind, welche die patriarchale Gesellschaft von der Frau erwartet (vgl. ebd.: S. 72).

Im Zuge der beschriebenen Theorien geriet auch die Stigmatisierung durch Diagnosen in das Zentrum der Kritik. Eine Diagnose im Bereich sogenannter ›psychischer Krankheiten‹ stelle letztendlich den Versuch dar, für Außenstehende nicht nachvollziehbares Verhalten durch mechanische Ursache-Wirkungszusammenhänge greifbar und somit ›heilbar‹ zu machen (vgl. ebd.: S. 51). Neben der oben beschriebenen Kritik, dass sich Verhalten aus den komplexen Biographien von Menschen ergäbe und sich somit nicht verallgemeinern ließe, könne eine einmal gestellte Diagnose, zum einen auch dazu führen, dass die Betroffenen sich unbewusst nachträglich die diagnostizierten Verhaltensweisen aneignen. Zum anderen könne auch auf Basis einer gestellten Diagnose Verhalten erst in eine Person hineingelegt werden, beziehungsweise zur ›Findung‹ einer Diagnose erst entdeckt werden. Ferner ließe sich die Diagnostik auch aus einer sehr pragmatischen Sicht heraus kritisieren:

Thomas Szasz beschrieb, dass der erste Schritt einer Diagnose erstmals der Einteilung in zwei verschiedene Klassen bedürfe: Klasse-A (›gesund‹) und nicht-Klasse-A (nicht-gesund) (vgl. ebd). Schon in diesem Schritt ergäben sich mögliche Fehlerquellen, die eine Diagnostik in diesem Bereich unmöglich mache:

1.Die klassifizierende Person verfügt nicht über das nötige Wissen um eine ›richtige‹ Klassifikation durchzuführen (vgl. ebd.).

2.Symptome eines Verhaltens sehen von außen betrachtet aus, wie eine bestimmte Klassifikation, sind aber eigentlich etwas anderes (vgl. ebd.: S. 52).

3.Symptome werden bewusst vorgetäuscht, um eine bestimmte Klassifikation zu erhalten (vgl. ebd.).

Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass es bei dieser Form der Klassifikation, um eine Bewertung und Beurteilung von Verhalten durch außenstehende Personen geht. Eine Bewertung ist niemals ›objektiv‹, sondern findet auf Basis von Moral- und Wertvorstellungen statt (vgl. ebd.: S. 56). Klassifikationsmo-delle und Diagnosen entstünden somit immer unter spezifischen historischen und herrschaftsvollen Situationen und wären somit nicht als ein »natürliches‹ Ereignis« (ebd.) misszuverstehen. Somit ergibt sich insgesamt die Frage, warum von der Norm abweichendes Verhalten, überhaupt klassifiziert werden müsse (vgl. ebd.: S. 57) und zum anderen, warum sogenannte ›Professionelle‹ die Definitionsmacht über die Diagnose haben sollten.

Stattdessen wäre es notwendig, Betroffenen mit ihrer subjektiven Sichtweise und ihren eigenen biographischen Erfahrungen und Deutungen die Definitionsmacht über ihren Seins-Zustand zuzugestehen (vgl. Laing 1994: S. 27). Anders als in medizinisch-psychiatrischen Modellen ist es in einem solchen Verständnis von psychosozialen Krisen nicht das Ziel ›wissenschaftlicher‹ oder ›objektiver‹ (ebd.: S. 37) zu sein, sondern sich einem Verständnis über den subjektiven Sinn und Zweck des Verhaltens anzunähern (vgl. ebd.). Aufgabe von Unterstützter_Innen ist es somit nicht, Betroffenen zu erklären, was sie zu tun hätten oder wie sie Dinge zu sehen hätten, sondern den Ausdruck des spezifischen »In-der-Welt-Seins« (ebd.: S. 39) nachzuvollziehen und je nach Wunsch Reflexions- oder Alltagsunterstützung zu bieten.

Exkurs: Kritik an der Naturalisierung menschlichen Verhaltens

Der vorher beschriebene gottähnliche Status der (Natur-)Wissenschaften (vgl. Lewontin et al. 1988: S. 40) zeigte sich auch darin, wie medizinisch-naturalistische Denkmodelle den Diskurs der Unterstützung dominierten und sich dies bis heute noch hält. Der Bezug auf eine angenommene Natur des Menschen wird genutzt, um gesellschaftliche Verhältnisse und individuelles Verhalten zu erklären. In diesem naturalistischen Erklärungsmodell wurde davon ausgegangen, dass sich »so unterschiedliche Phänomene wie die sexuelle Orientierung, psychische Probleme, Erfolg im Leben […] und die Gewalt auf den Straßen« (Rose 2000: S. 295) durch die einzelnen Gene der Individuen erklären ließen. Kritisch lässt sich einwenden, dass eine solche deterministische Betrachtung des Menschen grundlegende Aspekte außen vor lässt. Erstens lässt sich das menschliche Sein nicht alleine durch die biologische Materie begreifen. Der Mensch ist potenziell in der Lage auf seine eigenen Handlungen von außen zu schauen und diese an – in seiner individuellen Biographie erlernten – Werten und Normen zu messen (vgl. Mead 1968: S. 179). Durch diese Form der Selbstreflexion, kann ein Mensch das eigene Verhalten hinterfragen und verändern, zumindest innerhalb eines gesellschaftlich beeinflussten (aber nicht determinierten) und potentiell veränderbaren Möglichkeitsraumes (vgl. Leiprecht 2011: S. 39 f.). Der zweite grundlegende Denkfehler in der medizinisch-naturalistischen Theorie liegt in der Annahme, die menschliche Natur sei unveränderbar (vgl. Rose 2000: S. 9). Dabei sind sowohl die einzelnen Zellen, Körperstrukturen und Moleküle des menschlichen Körpers vergänglich, wodurch der Körper selbst einer sich ständig verändernden Dynamik unterliegt (vgl. ebd.: S. 55), als lebendige Systeme auch »definitionsgemäß offene Systeme« (vgl. ebd.: S. 112) sind und sich zum Überleben den umweltbedingten Schwankungen anpassen müssen (vgl. ebd.: S. 176).

Das naturalistische Erklärungsmodell für das Verhalten von Menschen trägt einen gewissen Doppelcharakter in sich, welcher sich einerseits darin zeigt, dass Betroffene leicht als ›Opfer der eigenen Gene‹ gesehen werden (Rose 2000: S. 21). Damit einher geht sowohl eine Befreiung aus der Verantwortung für das eigene Handeln, als auch das Absprechen des Selbstbestimmungsrechtes über den eigenen Körper, das eigene Verhalten, das eigene Denken und Sein im Generellen. In einer zweiten Erscheinungsform zeigt er sich andererseits darin, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse als Natur gegeben beschrieben und der Mensch als ›Opfer der Umstände‹ betrachtet wird (vgl. Lewontin, Rose & Kamin 1988: S. 40). Dies impliziert die Vorstellung, dass die betroffene Person sich in ihrem Verhalten den Verhältnissen und den damit einhergehenden Erwartungen anzupassen habe. In beiden Fällen wird die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnissen mit den Handlungen und Denkmustern der betroffenen Person ignoriert und das spezifische Verhalten durch eine biochemische Dysfunktion erklärt (vgl. Rose 2000: S. 310).

Die ›neue‹ psychiatriekritische Bewegung der 1970er & -80er Jahre

In Deutschland manifestierte sich die ›alte Psychiatriekritik‹ anfangs in der sog. Psychiatrie-Enquete, dem Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland von 1975 (vgl. Deutscher Bundestag 1975). Dieser kritisierte neben einer schlechten Versorgungsstruktur (vgl. ebd.: S. 8 ff.), einer mangelnden Qualifikation der ›Professionellen‹ (vgl. ebd.: S. 9 ff.), auch die Struktur und Bausubstanz der Gebäude (vgl. ebd.: S. 11). Was sich leicht lesen lässt, bedeutete für die Betroffenen in erster Linie eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Inhaftierung in einer geschlossenen Institution und die tägliche Gefahr in heruntergekommenen, überfüllten Schlafsälen der Willkür von Psychiater_Innen, Pfleger_Innen, Ärzt_Innen und Therapeut_Innen ausgesetzt gewesen zu sein. Die Psychiatrie-Enquete schaffte in der Praxis jedoch keine radikalen Veränderungen. Die vollzogenen Reformen ermöglichten im psychiatrischen System zwar die »Abkehr vom Konzept der Verwahrung und Ausschließung« (Trotha 2001: o.S.) der Betroffenen, jedoch ohne »die grundsätzlichen Positionen des psychiatrischen Diskurses in Frage stellen zu müssen« (ebd.). Hinzu kamen neue Entdeckungen im Bereich der Psychopharmaka, welche – im Zuge der ›Psychiatrie Reform‹ von Ärzt_Innen als Fortschritt gefeierten – zur Verschiebung von Behandlungsmethoden führte: Weniger direkte Gewalt durch die »mit Problem belasteten Elektro-, Kardiazol- und Insulinschocktherapie« (Häfner 2003: S. 124), mehr Gewalt durch teils unter Zwang verabreichten Psychopharmaka (vgl. Weigand 2015: 20 ff.).

Auch bei der ›alten‹ Psychiatriekritik, welche mit ihrer Dekonstruktion und Entmystifizierung von psychosozialen Krisen neue Denk- und Handlungsmuster zur Unterstützung anbot, blieb die Kritik – wie auch in diesem Artikel – meistens bei einer akademischen Betrachtung und Umdeutung stehen.

Jedoch begannen – durch den Einfluss der oben beschriebenen Kritiken gestützt – verschiedene Betroffenengruppen sich in Selbsthilfe- und Betroffenenverbänden zu organisieren. Dabei stand nun, wie auch in der ›alten‹ Psychiatriekritik weniger die Forschung an und über die Betroffenen und deren Verhalten im Vordergrund, sondern es wurden verstärkt die gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert unter denen Menschen leiden können. Neu war nun vor allem die hierbei entstehende Selbstorganisierung von Betroffenen bzw. Patient_innen. Einige sahen in dem Verständnis, dass ›krankes‹ Verhalten aus kranken Gesellschaftsverhältnissen entstünde, den Ausgangspunkt für eine Analyse, in der als ›krank‹ Klassifizierte die eigentlichen revolutionären Subjekte wären, sofern sie die »progressiven Momente der Krankheit in Anspruch [nehmen]« (Sozialistisches Patientenkollektiv & Sartre 1972: S. 61). Diese Haltung hatte jedoch auch einen gefährlichen Effekt: Sollten Parolen wie »Aus der Krankheit eine Waffe machen« (Sozialistisches Patientenkollektiv & Sartre 1972) ein neues Selbstbewusstsein erschaffen und so zu einem Umsturz der Verhältnisse führen, entstand für einige Betroffene durch den Verweis auf die Psychiatrie und Therapie als herrschaftsstabilisierende Institutionen ein Vakuum in Bezug auf gewollte Unterstützung. Dabei ging unter, dass auch gängige medizinische Erklärungsmodelle einigen Betroffenen durchaus helfen konnten, mit ihren Krisensituationen umzugehen.

Manche Gruppen versuchten daher Unterstützungsstrukturen aufzubauen, in denen sie sich möglichst ohne den Einfluss einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft um sich selbst kümmern konnten (vgl. Lehmann 1998: S. 31). Wieder andere versuchten mit Unterstützung von sog. Allies10 Strukturen aufzubauen, in denen Menschen vor psychiatrischer Gewalt geschützt leben und gleichzeitig ihre Krisen durchleben konnten (vgl. ebd.).

Dies ist der Standpunkt, an dem ich die heutige linke Bewegung nach wie vor sehen würde. Während die Psychiatrie-Reform im Zuge der 1970er Jahre gestarteten Psychiatrie-Enquête versucht hat, einige akademische Kritiken umzusetzen und in ihrer Reform die sog. Sozial-Psychiatrie erschaffen hat, haben radikalere Gruppierungen versucht sich ein unabhängiges Unterstützungssystem aufzubauen. Dabei gibt es innerhalb eines bewegungslinken Kontextes in Deutschland scheinbar zwei Hauptmeinungen zum Thema Psychiatriekritik und Unterstützungsarbeit: Die einen gehen davon aus, dass die alten Kritiken in der Psychiatriereform aufgehen würden und lediglich mangelnder Zugang zum System und stereotype Darstellung noch aktuell vorhandene Probleme seien. Diese Position schiebt somit die Verantwortung für eine als notwendig betrachtete ›Heilung‹ dem medizinisch-therapeutischen Komplex zu. Die andere Position beinhaltet meist den Gedanken, dass die Kritik am Unterstützungssystem bereits formuliert worden wäre, sich aber real in der herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nichts verändern kann. Diese Position betrachtet somit die spezifischen Verhältnisse als gegeben und unveränderbar und die Betroffenen müssten sehen, wie sie selbst in dieser Welt zurechtkommen.

Gemein ist beiden Positionen, dass als ›krank‹ erklärtes Verhalten auf irgendetwas in einer Person verortetes projiziert wird und diese daher professionelle Hilfe benötigen würden. Entweder es heißt, die Person trage keine Verantwortung für ihre ›Krankheit‹, da sie biologisch oder rein gesellschaftlich bedingt wäre, oder sie trüge die volle Verantwortung für ihr Handeln. Beides führt dazu, dass Menschen in Krisensituationen vor allem an sog. ›Professionelle‹ verwiesen werden.11

Und nun?

Die Fragen, die sich nun anbieten, wären: Was kann eine emanzipatorische Bewegung aus den vorhandenen Analysen lernen und wie könnte sich eine linke Bewegung einer fortschrittlicheren Unterstützung annähern? Dafür möchte ich einzelne Bezugspunkte für eine Selbstreflexion anbieten, welche sich aus den vorher beschriebenen Kritiken ergeben.

1. Die Differenzlinie psychisch ›gesund‹ // psychisch ›krank‹ ist gesellschaftlich konstruiert.

Es soll an dieser Stelle nicht behauptet werden, dass das Verhalten vom Menschen nichts mit biologischen Faktoren zu tun haben kann (vgl. Cooper 1972: S. 32; Szasz 1972: S. 27). Jedoch besitzt sowohl Verhalten als auch der Umgang mit Verhalten immer eine gesellschaftliche Dimension (vgl. Cooper 1972: S. 14; Laing 1994: S. 50; Rose 2000: S. 310). Sich als Verbündete_R für gesellschaftliche Dimensionen von Krisen zu sensibilisieren und nicht das daraus resultierende Verhalten von Menschen zu problematisieren, kann Entlastung für Betroffene schaffen. Gerade Strukturen wie der kapitalistische Verwertungsdruck, patriarchale und sexistische Verhältnisse, struktureller und direkter Rassismus, Unterdrückung und Ächtung von Lebensweisen etc. sind allgegenwärtig und schaffen beständige Drucksituationen, die zu Verhalten führen können, das zwar einen Sinn erfüllt, für nicht Betroffene jedoch nicht nachvollziehbar ist.

Reflexionsfragen: Bin ich mir bewusst, dass das individuelle und situative Verhalten von Menschen immer auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu betrachten ist? Was kann ich tun, um den ausgeübten Druck auf Personen zu verringern und sie dadurch zu entlasten? Was kann ich tun, um den Druck zu verringern, den ich auf Menschen ausübe? In welchen Situationen wird es mir selbst zu viel? Wie kann ich Räume schaffen, in denen Betroffene so sein können, wie es ihnen gut tut? Wie würde ein solcher Raum für mich aussehen?

2. Eine Klassifizierung menschlichen Verhaltens – von anderen als den Betroffenen selbst – ist abzulehnen.

Eine Diagnose stellt eine externe Beschreibung der Symptome einer komplexen Lebenssituation einer Person dar und verdeckt dabei die gesellschaftlichen und gruppenbezogenen Prozesse, die das Verhalten ausgelöst haben (vgl. Cooper 1972: S. 32; Szasz 1972: S. 26). Damit einhergehen kann ein Prozess der Depersonalisierung eines Menschen, da die Gefahr besteht, dass dieser fortan nur über die Diagnose definiert wird oder sich selbst nur darüber definiert (vgl. Laing 1994: S. 27). Gesellschaftliche Dimensionen werden spätestens ab dem Punkt der Klassifikation ausgeblendet und eine – meist naturalisierende – Erklärung für das Verhalten in die Person hineingelegt (vgl. Rose 2000: S. 306).

Reflexionsfragen: Was löst es bei mir aus, wenn mir eine Person von einer (psychischen) Diagnose erzählt? Wie sehr nutze ich Diagnosen von Menschen, um mir ihr Verhalten zu erklären? Projiziere ich in meinem Umfeld (verdeckte) gesamtgesellschaftliche Verhältnisse auf das Verhalten von Einzelpersonen und mache sie dafür (allein) verantwortlich? Erwarte ich aufgrund von Diagnosen bestimmtes Verhalten von Personen?

3. Den Menschen als selbstverantwortliches Subjekt betrachten.

Durch eine naturalistische Betrachtung von psychosozialen Krisen entsteht häufig ein Herrschaftsgefälle zwischen ›gesunden‹ und ›krank‹ klassifizierten Personen. Dies drückt sich im institutionellen Bereich nicht zuletzt durch den Zwang zur sog. ›Krankheitseinsicht‹ (vgl. Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie 2000: S. 155 f.) aus. Eine Ursache hierfür lässt sich darin sehen, dass die Definitionsmacht über den Gesundheitsstatus, bei Dritten liegt (vgl. Szasz 1972: S. 57). Diese versuchen meist, an Hand von historisch gewachsenen ›wissenschaftlichen‹ Kriterien (sprich weiße, männliche, heterosexuelle, westliche Sicht) (vgl. Haraway 1988: S. 585), die ›dysfunktionalen‹ Strukturen innerhalb einer Person zu verorten. Mit dem dadurch entstehenden hierarchischen Verhältnis, geht meistens auch eine Absprache der Selbstverantwortung für die eigenen Handlungen einher (vgl. Rose 2000: S. 315).12

Reflexionsfragen: Wann halte ich selbstverletzendes Verhalten für selbstbestimmt (z. B. Rauchen), wann spreche ich Personen ihre Selbstbestimmtheit ab (z.B. ›Ritzen‹)? Wie bewerte ich grenzüberschreitendes Verhalten von Personen mit und ohne Diagnose? Gibt es Momente in meinem Leben, an denen ich die Verantwortung über mich abgeben möchte? Was bedeutet es für mich, wenn ich die Verantwortung abgebe? Was bedeutet es für mich, wenn jemand mir die Verantwortung überlässt? Verweigere ich Menschen durch meine ›Hilfe‹ ihre Selbstbestimmung und welche Alternativen gibt es?

4. Emanzipatorische Diskurspositionen öffentlich vertreten.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse erlauben es nicht allen Menschen gleichberechtigt an der Gestaltung von Diskursen teilzunehmen. Einer der Ausschlussmechanismen besteht darin, den ›Wahnsinn‹ per Definition aus dem Diskurs auszuschließen (vgl. Foucault 2014: S. 16). Dies verdeutlicht noch einmal die Notwendigkeit von Allies sich öffentlich zu positionieren. Die Rolle von Unterstützer_Innen darf sich nicht durch ein hierarchisches Verhältnis definieren, stattdessen muss die Definitionsmacht über die Situation in der Hand der Betroffenen liegen (vgl. Laing 1994: S. 27). Die eigene privilegierte Stellung zu hinterfragen und sowohl zu teilen, als auch zu nutzen um eine politische Bewegung zu stärken, ist in vielen emanzipatorischen Diskursen angekommen. Diese Notwendigkeit besteht auch in Bezug auf die Differenzlinie psychisch ›gesund‹ // ›krank‹.

Reflexionsfragen (viele davon sind in dem Aufruf Bonnie Burstows Starting the New Year with a Bang zu finden) (vgl. Burstow 2016: o.S.): Wie ist meine Positionierung im Diskurs? Welche Meinung vertrete ich nach außen in Bezug auf biologisch-medizinische Erklärungsansätze? Wodurch legitimiert sich meine Rolle als Unterstützer_In? Muss ich mein theoretisches Wissen über psychiatriekritik noch verfeinern? Sehe ich die aktivistische Notwendigkeit einer psychiatriekritischen Bewegung? Sehe ich Überschneidungspunkte zwischen anderen emanzipatorischen Strömungen und einer psychiatriekritischen Bewegung? Nehme ich Erfahrungsberichte von Betroffenen ernst, oder relativiere ich sie auf Grund ihrer Diagnose?

Ziel dieser Einführung sollte es sein, eine Perspektive und einen kleinen Überblick zum Thema Psychiatriekritik zu geben. Hierbei lag der Schwerpunkt vorrangig auf einer akademischen, westlichen und weißen Analyse. Viele wichtige Positionen kommen in diesem Artikel somit zu kurz oder bleiben außen vor (vgl. u.a. Mader 2015: 76 ff.).13 Gerade in den letzten Jahren wurden die kritischen Analysen des psychiatrischen Diskurses deutlich erweitert. Dies beinhaltete auch die Erkenntnisse der Mad Studies (vgl. u.a. Burstow, LeFrancois & Diamond 2014; Russo & Sweeney 2016), welche Psychiatriekritik aus betroffener Perspektive äußert, und der disability Studies mit dem Neurodiversitätsansatz (vgl. u.a. Graby 2015), welche für eine Akzeptanz von neurologischen Unterschieden des menschlichen Organismus kämpft.

Wir als linke Bewegung müssen dahinkommen, dass das Verhalten einzelner auch Symptom einer kaputten Gesellschaft darstellt. Wir müssen einen anderen Umgang mit Krisensituationen, von außen nicht nachvollziehbarem Verhalten und persönlicher Überforderung finden, als die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft es vorsieht. Statt mit der Absprache von Selbstbestimmung, naturalistischen Ideologien oder mechanischen Tipps wie Therapie oder Medikamentation zu reagieren, sollten wir uns in einer solidarischen Form von direkter und diskursiver Unterstützung üben. Das ist natürlich anstrengender und komplexer, als auf existierende psychiatrische Strukturen und Denkmuster zurückzugreifen, ermöglicht aber langfristig den Weg für eine tatsächlich solidarische Unterstützung.

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Perspektiven und Erfahrungsreflexionen

Give me a word

Da

Gib mir ein Wort

eine Entschuldigung

dafür, wie ich mich verhalte

Ich lasse

mein Selbstverständnis gehen

wenn du es willst

Weil

du die Person bist

die mich am besten kennt

oder?

Und diese Person davor

Und diese Person davor

Ich habe gelernt

mir zu ent_trauen

weil

du mich am besten kennst

oder?

Du hast mich angesehen

wie die Gesellschaft

Da ist etwas falsch

mit mir

Anpassungsstörung

weil ich es nicht schaffe

zu funktionen

gut zu performen

Gib mir ein Wort

eine Entschuldigung

dafür, wie ich mich verhalte

eine Diagnose

weil die mich am besten beschreibt

weil die mir raus hilft

oder?

Lass uns vergessen we_r ich sein könnte

Lass uns vergessen, dass ich nicht (rein)

passe

Hilf mir

zu heilen

Lass meine Symptome verschwinden

Analysier mich

Ent_traue meiner Geschichte

Da sind Fehler in meiner Persönlichkeit

Ent_traue mir

weil

Das meine Geschichte ist

Vertrauensverlust

in mich

Weil wie ich sein

gibt es nicht

sagt die Gesellschaft

Weil wie ich sein

falsch ist

sagt die Gesellschaft

Wenn du möchtest, dass ich heile

hör mir zu

Hör einfach zu

lass es zählen

damit ich anfangen kann

Mir zu

Ver_trauen

Give me a word

Da

Give me a word

an excuse

to behave the way I do

I‘ll let go of

my self-concepts

if you want me to

Because

you‘re the person

who knows me best

right?

And this person before

And this person before

I‘ve learned

to dis_trust myself

because

you know me the best

right?

You looked at me

like society does

There‘s something wrong

with me

personality disorder

Anpassungsstörung

because I didn‘t manage

to work

to perform well

Give me a word

an excuse

to behave the way I do

a diagnosis

because that describes me the best

that will help me out

right?

Let‘s forget who i was meant to be

Let‘s forget that I don‘t fit in

Heal me

Cure me

Let my symptoms fade

Analyse me

Dis_trust my story

Looking for faults in my personality

Dis_trust me

because

That‘s my story

the loss of trust

in myself

Because being me

doesn‘t exist

society says

Because being me

is wrong

society says

If you want me to heal

listen

Just listen

and let it count

so I can start learning

to Re_trust

Myself

Nicht-binär_trans* in Therapie? Eine (Selbst-)Reflexion aus zwei Perspektiven

Kalle H. und Blu D.

Der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen ist für alle Personen, die sich nicht mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, bis heute beschränkt. Um Zugang zu Hormonen oder Operationen zu erhalten, müssen sich binäre wie nicht-binäre trans* Personen in Psychotherapie begeben.14Gegenüber Psychiater_innen oder Psychotherapeut_innen müssen sie immer wieder eine binäre Trans*identität nachweisen, bis ihnen am Ende ein Schreiben ausgestellt wird, dass ihnen diese bestätigt und somit den Zugang zu medizinischen Maßnahmen ermöglicht. Diese Situation ist für alle trans* Personen eine starke Einschränkung der Entscheidungsfreiheit und persönlichen Autonomie und sollte als ein Ausdruck von struktureller Trans*feindlichkeit verstanden werden. Inwieweit nicht-binäre trans* Personen in der Auseinandersetzung mit therapeutischen Settings jedoch noch einmal spezifische Erfahrungen (von Diskriminierung) machen, möchte der folgende Beitrag aus autobiographischer Perspektive untersuchen. Hierfür werden die Erfahrungen zweier Personen, die sich als nicht-binär trans* verorten, in ihren Verbindungen, Brüchen und Widersprüchen nebeneinander und miteinander vorgestellt. Wir verzichteten darauf, deutlich zu markieren, wer an welcher Stelle spricht, um einerseits diese Verbindungen aufzuzeigen. Andererseits hoffen wir, dass durch Verwirrung und Momente der Irritation alte Geschlechtervorstellungen und -bilder bewusster werden und ein Raum entsteht, um diese zu hinterfragen.

Unser erstes Treffen findet in einem spärlich eingerichteten Zimmer statt. Blick auf den Hinterhof. Weiße Wände, abstrakte Gemälde. Wir sitzen uns in unbequemen Kunstledersesseln gegenüber. Zwischen uns ein kleines IKEATischchen, auf das die Therapeutin ein Formular nach dem anderen legt. Ich unterschreibe ihr eine vorbereitete Erklärung zur Berichtspflicht gegenüber meines Hausarztes, eine Behandlungsvereinbarung, eine Honorar-Ausfallvereinbarung, eine Einverständniserklärung zur Bild- und Tonaufzeichnung für Ausbildungszwecke, eine Aufklärung nach dem Patientenrechtegesetz und eine Einverständniserklärung zur Behandlung. Wir haben wenig Blickkontakt und unser Gespräch ist auf die Erklärung zu den Formularen beschränkt.

Nach einer halben Stunde ist der bürokratische Teil unseres Kennenlernens beendet. In den letzten Minuten bekomme ich den Raum um zu reden. Nun möchte sie wissen: »Warum möchten Sie eine Therapie beginnen?« Meine Worte sind bereits zurechtgelegt, bevor ich zu sprechen beginne. Ich erzähle ihr m_eine Geschichte und merke, dass es für mich doch eine Überwindung ist, mich so verletzlich vor ihr zu zeigen. Ich erzähle ihr davon, dass ich mich als trans* verorte, dass ich seit mehr als eineinhalb Jahren einen selbstgewählten, männlich* gelesenen Namen für mich benutze, dass ich keine ›Frau‹ bin, nicht als ›Frau‹ in meinem Alltagsleben wahrgenommen werden möchte. Ich spreche davon, wie viel Energie es mir zieht, wenn mich Personen dennoch als ›Frau‹ wahrnehmen und z.B. mit dem Pronomen ›sie‹ über mich sprechen. Ich unterlasse es bewusst zu sagen, dass ich ein ›Mann‹ bin oder als ›Mann‹ in meinem Alltag wahrgenommen werden möchte. Stattdessen vertraue ich auf die binäre Logik der Gesellschaft, dass ich als Nicht-Frau dann wohl ein ›Mann‹ sein müsste. Ich verschweige meine nicht-binäre Identität und hoffe, dass ich auch ohne die Reproduktion von binären Trans*narrativen von ›falschen Körpern‹ und ›immer schon gewusst‹ für die Ohren der Therapeutin ›trans genug‹ bin.

Sie hört mir zu, Stift auf dem Klemmbrett. Ich überwinde mich ein bisschen und erzähle weiter, von verschlechterten Beziehungen zu meiner Familie und zu alten Freund_innen, seitdem ich zu meinem Trans*sein stehe. Zuletzt erwähne ich kurz meine sozialen Unsicherheiten und Ängste, die mich seit so vielen Jahren begleiten, die mich mal mehr und mal weniger einschränken.

Ich spreche mehrere Minuten, ohne dass sie mich unterbricht. Währenddessen spüre ich einen Druck, meine Anliegen kurz vor Ende unserer ersten Sitzung schnell und präzise zu erklären. Die Therapeutin zeigt keine emotionale Reaktion und wird mir erst beim nächsten Treffen sagen, dass sie meine Geschichte traurig fand. Dabei werde ich keine Spur von Traurigkeit in ihren Gesichtszügen erkennen.

In der nächsten Sitzung fragt mich die Therapeutin, mit welchem Pronomen ich angesprochen werden möchte. Ich bin positiv überrascht und denke, dass dies meine Chance auf Sichtbarkeit als nicht-binäre trans* Person ist. Ich erzähle vorsichtig, dass ich in meinem Alltag ein nicht-binäres Pronomen für mich verwende und mich am wohlsten damit fühle, wenn Personen bei einer förmlichen Anrede meinen Vor- und Nachnamen nutzen. Ich bin kein ›Er‹ und keine ›Sie‹, kein ›Herr‹ und keine ›Frau‹.

Die erste Reaktion der Therapeutin ist gelassen. Sie kommentiert meinen Pronomenswunsch nicht. Dann erklärt sie, dass sie keine Übung oder Sicherheit im Umgang mit nicht-binären Pronomen hat und sich nur die Verwendung von ›er‹ oder ›sie‹ als Pronomen vorstellen kann. Auch bei meiner Anrede ist sie wenig flexibel und bietet mir nur die Option ›Herr‹ an. Enttäuschung und Verärgerung. »Warum hatte sie mich überhaupt gefragt, welches Pronomen und welche Anrede ich verwenden möchte, wenn ich dann doch keine Wahl habe?«, überlege ich wütend auf dem Weg nach Hause.

Als ich mich für den Trans*March 2016 schminkte und mir das erste Mal knallroten Lippenstift auftrug, wurde die ganze Sache realer. Ich sah in den Spiegel und erkannte mich. Ich wollte von jetzt an für immer in femininer Kleidung und geschminkt herumlaufen, aber wer war ich dann? Und würde ich das wirklich aushalten?

Der Trans*March war wunderbar. Ich sah soo viele Queers und Trans* an diesem warmen, sonnigen Tag und fühlte mich sehr wohl. Angetrieben von den positiven Erfahrungen experimentierte ich weiter herum und stolperte irgendwann über den Begriff nicht-binär. Damit fingen auch Fragen nach körperlicher Veränderung an: Was sollte ich tun, wenn ich meinen Bart nach so vielen Jahren loswerden möchte, aber es mir nicht leisten kann?

Ich müsste Therapie machen. Das wollte ich nicht. Ich redete mit vielen Menschen über ihre Therapieerfahrungen und immer wieder kam neben dem ganzen Mist, den sie über sich ergehen lassen mussten, eine Sache raus: nicht-binär gibt es in der Therapie nicht. Wie sollte ich damit umgehen, wenn meine Trans*geschichte nicht zu der allgemein anerkannten und bekannten Trans*geschichte passt?

Auf dem Weg zur Therapie stelle ich fest, dass ich nicht auf meine Kleiderauswahl geachtet habe. Ich trage ein lockeres, hellblaues T-Shirt, darunter einen Binder15, eine enge Jeans mit eher femininem Schnitt und bronze-glänzende Turnschuhe. In meinem Alltag mag ich dieses Outfit und fühle mich wohl darin. Ich mag die Verwirrung, die ich damit provoziere. Mir gefällt es an bestimmten Tagen eher als queerer boy gelesen zu werden. Aber im Kontakt mit der Therapeutin ist mir dieser Geschlechtsausdruck auf einmal unangenehm und ich mache mir Sorgen, dass ich auf einer imaginären Trans*Skala Punkte verliere, sobald ich mich (so) zeige.

Ich rutsche verunsichert auf dem Kunstledersessel herum und versuche so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mein Outfit zu lenken. Vor allem versuche ich meine Schuhe und meine Hose zu verstecken. Jedes Mal, wenn ich die Beine überschlagen möchte, erinnere ich mich im letzten Augenblick daran, es nicht zu tun. Ich will nicht durch eine feminin konnotierte Körperhaltung noch weniger als trans*maskulin wahrgenommen werden. Um sicherzugehen entscheide ich mich daher für eine eher breitbeinige Pose und reproduziere damit eine normative Vorstellung von Männlichkeit. In den weiteren Sitzungen kontrolliere ich mein Auftreten genauer, bevor ich das Haus verlasse. Manchmal lackiere ich mir lieber noch einmal einen rosafarbenen Fingernagel ab. Manchmal entscheide ich mich dafür, noch einen Binder anzuziehen, obwohl ich mich an diesem Tag mit meinen Brüsten eigentlich ganz ok fühle. Manchmal ziehe ich kurzfristig einen Packer16 an, um mir Bestätigung für meine queere Form von Maskulinität zu geben.

Ich bin nicht abhängig von ihrem Blick, um mich zu sehen. Aber ich bin sehr abhängig von ihren Urteilen über meine Geschlechtsidentität. So wenige normative Vorstellungen, was Trans*sein ausmacht, treffen auf mich zu. Ich möchte kein Risiko eingehen. Ich weiß, dass ich hier durch meine Aussagen, Kleiderauswahl und Körperhaltung beweisen muss, welches Geschlecht ich habe. Und ich weiß, dass Therapeut_innen immer wieder über Kleidung und Körperhaltung Rückschlüsse auf die Geschlechtsidentität einer Person ziehen. Ein anderer Therapeut wird mir Monate später verraten, dass er es positiv vermerkt, wenn Patient_innen einen eindeutig femininen oder maskulinen Geschlechtsausdruck wählen und dementsprechend über einen längeren Zeitraum hinweg in der Therapie erscheinen. Er wird mir sagen, dass er meine Erscheinung positiv bemerkt hat.

Meine Geschichte handelt von einem Jungen, der sich nie so ganz wohlfühlte, aber auch nicht total unwohl, der gerne mit Jungssachen spielte, aber auch mit anderen Sachen, der einen Leidensdruck hatte, aber es nie als im falschen Körper beschrieben hätte.

Meine Geschichte handelt von einer Person, die dachte, dass es nur möglich ist, jetzt eine Frau zu sein, aber sich weder als Mann noch als Frau fühlt(e). Diese Person konnte sich dann mit dem Begriff nicht-binär anfreunden und sich in diesem Wort entspannen, auch wenn es nicht einfach ist. Als die Person diesen Ort gefunden hatte, war sie 26 Jahre alt.

»Hört sich nicht so gut an für die Therapie, hm?«, denke ich.

Mir bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder ich mache keine Therapie und versuche irgendwie so weiterzumachen oder ich würde mich durchlügen und -mogeln.

Es würde mir vermutlich ganz gut helfen, mich mit einer außenstehenden professionellen Person auszutauschen, aber wie soll mir das helfen, wenn ich nicht ehrlich sein darf?

Ich kann nicht entspannt über mein Leben reden, weil ganz viele Dinge nicht passen. Ich würde permanent in mir die Angst spüren, dass ich mich verquatsche. Unter diesem Druck kann ich das nicht.

Diese Person kann mir eine Tür öffnen, um vielleicht irgendwann eine Haarepilation durch die Krankenkasse finanziert zu bekommen. Diese Person bewacht eine Tür zu einem besseren Gefühl mit mir selbst. Sie reagiert auf Codes, die ich nur teilweise kenne. Ich bin von ihr und ihren Urteilen abhängig.

Wie kann ich für nicht-binär-Sein kämpfen, Menschen in Workshops sensibilisieren und empowern und gleichzeitig bei anderen Personen, die standardbinäre Geschichte erzählen? Und somit den einen Trans*weg, wie über trans* Personen gedacht und geredet wird, weiter zementieren? Dabei zieht es sich in meinem Bauch zusammen.