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Drei Fälle von Krise und Krisenkonkurrenz in Europa: Deutschland, Spanien, Österreich Es gehört zu den Schönheiten des vereinten Europa, dass kein Euro-Staat wissen will, dass und wie sein nationales Kapital und er als dessen machtvoller Förderer zur Überakkumulation und Euro-Krise beigetragen hat. Alle sehen sich mit ihren kapitalistischen Wachstumsanstrengungen und -erfolgen reihum als Betroffene: als Opfer – und zwar der Misswirtschaft der anderen. Aus deutscher Sicht sind es die ‚Pleiteländer‘, die sich mit der Lizenz, den Euro als ihre Währung zu benutzen, in ihrer mangelnden Konkurrenzfähigkeit eingerichtet und, statt Wachstum zu produzieren wie die tüchtigen Nachbarn, nur immer mehr Schulden aufgehäuft hätten. In dieser Sicht der Dinge wird freilich darüber hinweggesehen, dass zu Schulden, auch und erst recht zu solchen von Staaten allemal ein Gläubiger dazugehört, der Kredit gibt, um sich zu bereichern. Die bemängelten Schulden sind anderswo verbuchte Vermögenswerte: bis neulich erfolgreiche, jetzt aber gefährdete Finanzgeschäfte mit den Kreditbedürfnissen europäischer Standorte und Staaten. In den katastrophalen Bilanzen der Euro-Problemstaaten bilanziert sich zugleich der deutsche Konkurrenzerfolg. In den politischen Widerständen, die sie dem deutschen Weg der Euro-Rettung entgegenbringen, zeigen sich andererseits die Schranken, auf die das Projekt eines für deutsche Weltmarktmacht tauglichen, nicht nur ökonomisch dominierten Europa stößt. Mit dem Fortgang der Euro-Staatsschuldenkrise steht also ein Hauptkapitel der Staatsräson der BRD auf dem Spiel. Umgekehrt machen andere Staaten, deren nationales Wachstum und deren staatliche Kreditwürdigkeit danieder liegt, Deutschland für ihre andauernde Misere haftbar: Mit Merkels Weigerung, für deren Schulden mit Garantien einzustehen, und ihrem Beharren auf harten Konditionen für den Euro-Rettungsfonds würgt Deutschland jede Möglichkeit ab, nationales Wachstum in Gang zu bringen, und bevormundet Europa bis zur Unerträglichkeit, so die Sicht – nicht nur – in Spanien und Italien. Damit wird vornehm verschwiegen, dass diese Länder bis neulich mit ihrer Teilhabe am Euro und europäischen Markt massenhaft finanzkapitalistische Spekulation auf sich gezogen und erfolgreich über ihre nationalen Schranken hinausgewirtschaftet haben – so dass sie jetzt zu Hauptbetroffenen der Finanzkrise und der politischen Konkurrenz um ihre nationale Bewältigung geworden sind. Sandra Maischberger, Anne Will, Frank Plasberg und Günther Jauch kümmern sich um Armut und Reichtum im Kapitalismus Anlässlich des regierungsamtlichen „Entwurfs des 4. Armuts- und Reichtumsberichts“ widmen sich gleich vier Talkshows der Sache: „High Society oder Hartz IV: Wer sind die wahren Asozialen?“ (Maischberger) „Mittelschicht in Abstiegsangst – Bleiben die Fleißigen auf der Strecke?“ (Will) „Die Zukunft ist grau: Leben die Alten auf Kosten der Jungen?“ (Plasberg) „Wer kann noch in Wohlstand leben?“ (Jauch) So die Themen, die sich um ein und dieselbe Frage drehen: Geht die Verteilung von Armut und Reichtum hierzulande in Ordnung? Das zeugt von professioneller Ignoranz: Keine Diskussion wirft einen Blick auf die Sphäre, in der Reichtum und Armut zustande kommen. In der Verteilungsfrage von heute ist offensichtlich jede Erinnerung an die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums, mit der über dessen Verteilung grundsätzlich entschieden ist, und jedes Bewusstsein von einem Gegensatz von Kapital und Arbeit getilgt. Was bleibt dann? Eine GegenStandpunkt-Studie über Techniken moralischer Urteilsbildung
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2013
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© 2013 GegenStandpunkt Verlag
General Motors verkündet das Aus für Opel in Bochum, Thyssen-Krupp stellt aufgrund von „Fehlinvestitionen in Brasilien und USA“ einen Konzernumbau nebst einem milliardenschweren Sparprogramm in Aussicht, Nokia-Siemens will sich in Zukunft aus der Kommunikationstechnologie zurückziehen und verkauft deshalb unrentable Sparten an kaufkräftige auswärtige Investoren. Die Folgen kennt jeder: Es werden Leute entlassen, die verbliebenen dürfen für weniger Lohn mehr leisten. Und was fällt den deutschen Gewerkschaften dazu ein?
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Für den Betriebsratsvorsitzenden von Opel Bochum steht fest: Die Amis sind schuld!
„Am Firmensitz von General Motors in Detroit schauten manche nicht über den Tellerrand hinaus, kritisierte Einenkel. So blieben Opel große Märkte verschlossen, weil das Mutterhaus die Autos anderer Marken dorthin schicke. Opel bleibe zu sehr auf den europäischen Markt beschränkt.“ (dpa 11.12.12)
Zwischen sich als Vertreter der Arbeiterschaft und dem Standpunkt des Betriebserfolges seiner Firma kennt der Mann keinen Unterschied mehr. Dass Opel-Arbeiter derenGeschäftsrechnung zum Opfer fallen, ist für ihn von vornherein ausgeschlossen. Für die elende Lage, die ihnen ins Haus steht, macht er unfähige Manager im Mutterkonzern verantwortlich: Die hätten zum Vorteil ihrer anderen Marken und letztlich zum eigenen Schaden Opel den Zugang zu den wirklich gewinnbringenden Märkten verwehrt, und Opels Schlager – „unser Auto des Jahres, der Zafira“- in Europa eingesperrt, wo es sich blöderweise nicht verkauft. Die Geschäftsführung in Detroit pocht borniert auf ihren amerikanischen Erfolg, verkennt die gewinnbringende Potenz von Opel und schießt sich deswegen ins eigene Knie. Den Reim sollen sich die Arbeiter bei Opel in Bochum auf den Umstand machen, dass ihre Arbeit sich kapitalistisch nicht rentiert und deswegen demnächst eingestellt wird: Die Amis haben keine Ahnung davon, was für ein wunderbares Auto da in Bochum gefertigt wird; und ebenso wenig davon, dass in ihrem eigenen Interesse statt Schließung des Werks umgekehrt die Ausweitung der deutschen Opel-Produktion und deren ungehinderter weltweiter Verkauf die einzig senkrechte Geschäftsstrategie wäre! Warum die Autos Marke Opel in einer Lage, in der die großen Firmen mit allen ihren Marken weltweit zu viele Autos produziert haben, garantiert das Zeug zum Verkaufsschlager haben, weiß Einenkels Rüsselsheimer Kollege:
„Opel und GM müssen sich klar zum Standort Deutschland bekennen. Es geht um die langfristige Zukunft Opels. Ohne Fertigung in Deutschland wird es keinen Erfolg geben.“ (Gesamtbetriebsratsvorsitzender Schäfer-Klug, Autogazette 31.12.12)
Made in Germany!
Damit soll der US-Konzern daran erinnert werden, dass die deutschen Filialen die besten sind, die er hat!Und das gilt gerade dann, wenn der Konzern nach dem Durchstehen seiner letzten großen Krise schon gegen die Folgen der nächsten kämpft. Getreu der Devise: ‚Nur am deutschen Standortwesen kann GM genesen!‘, stilisiert diese Sorte Gewerkschaftsnationalismus die heimischen Fabriken zum Herzstück des Weltkonzerns: Dass Opel-Autos deutsch sind und in Deutschlandproduziert werden, setzt er gleich mit einer weltweiten Erfolgsgarantie. Damit geben diese Arbeitervertreter kund, worauf ihre Klientel in jedem Fall ein Recht hat: Darauf, dass die Konzern-Zentrale in Detroit endlich anerkennt, dass der deutscheStandort als der kapitalproduktivste das Non-Plus-Ultra von GM ist.
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Dieselbe nationalistische Sichtweise geht auch anders. Während die Opel-Gewerkschafter darunter leiden, dass ihre Firma nur in Europa Geschäfte macht, aber weltweit, wegen ausländischer Intransigenz, quasi eine Nullnummer schiebt, kritisiert der Vertrauensleute-Körper von ThyssenKrupp, dass sich der Konzern zu viel und noch dazu erfolglos im Ausland herumtreibt und damit den Heimatstandort beschädigt:
„Fakt ist: 12 Milliarden wurden bisher in Übersee verbuddelt. Milliarden, die auch hier an unserem Standort mit unserem Arbeitseinsatz verdient wurden und die nun für notwendige Investitionen und Rücklagen fehlen.“ (Vertrauensleute in der IGM vom 16.7.12)
Als säßen sie selbst in den Chefsesseln des heimatlichen Stammwerks, werfen sie den eigenen deutschenManagern Versagen auf ganzer Linie vor, weil ihre Investition im Ausland daneben ging: In Brasilien und den USA Stahlfabriken hinzustellen, die sich dann dort am Markt nicht durchsetzen – die Verantwortlichen in den Führungsetagen sind damit nicht nur als fachliche Nieten, sondern auch als vaterlandsloseGesellen entlarvt, weil sie dem Mutterkonzern Schaden zufügen und damit gegen ihre vornehmste Pflicht gegenüber den Beschäftigten verstoßen, in ihrem Geschäft gefälligst erfolgreich zu sein! Da müht sich der deutsche Arbeitsmann ab, bringt Opfer, damit es dem heimischen Stahlriesen gut geht und er massig Kapitalwachstum zustande bringt – und was machen die Herren in den oberen Etagen? Verschwenden das gute Kapital, das deutsche Arbeiter aus sich herauswirtschaften lassen, im Ausland – und vergeben dabei zu allem Überfluss noch nicht mal die Bauaufträge an die eigenen Konzerngesellschaften! Wenn die gewerkschaftlichen Kollegen im Aufsichtsrat nicht aufpassen würden, würden die Kapitalvertreter wohl noch mehr Mist bauen:
„Beispielsweise hatten sich die Arbeitnehmervertreter beim Bau der Kokerei (in Brasilien) vehement dafür eingesetzt, dass der Auftrag an den konzerneigenen Anlagenbauer Uhde geht und nicht das Unternehmen CITIC aus China damit beauftragt wird. Die Thyssen-Tochter baut nämlich ebenfalls Kokereien, wenn auch zu einem höheren Preis als die Chinesen (...) Da sei mal wieder an der falschen Stelle gespart worden.“ (IG-Metall-Website)
Für die Gewerkschaft steht also von vornherein fest: Deutsche Fabrikanten sind einfach besserals ihre chinesischen Konkurrenten. Damit ist auch schon ihre Einbildung, wie man ThyssenKrupp aus der Krise führen kann, auf den einen, aber für Gewerkschaftler offensichtlich unwidersprechlichen nationalistischen Punkt gebracht: Daheim investieren, bei der Vergabe von Aufträgen deutsche Firmen bevorzugen und auf jeden Fall die Chinesen draußen halten!
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Auch Nokia Siemens zieht wie GM und ThyssenKrupp ein hartes Sanierungsprogramm durch. Der Konzern streicht Arbeitsplätze, verkauft in Berlin Verlustsparten und will sich künftig nicht mehr aufs Festnetz-, sondern aufs mobile Breitbandgeschäft konzentrieren. Für den Berliner IG-Metall-Bezirksleiter Klaus Abel ist das ein besonders krasser Fall von fehlender patriotischer Gesinnung:
„Wenn sich durch die Zerschlagung von Nokia Siemens Networks der Siemens-Konzern in Deutschland weiter aus der Kommunikationstechnologie zurückzieht, betrifft das auch die Sicherheit unseres Landes. Die Entwicklung der Software für die Telekommunikationstechnologie würde anderen Staaten überlassen und damit eine Sicherheitsgefährdung entstehen.“ (IG-Metall-Pressemitteilung vom 10.12.12).
Wenn ein Konzern wie Siemens, „seine hochqualifizierten Mitarbeiter einer unsicheren Zukunft überlässt“ (ebenda), dann droht nicht einfach nur der Verlust von etwa 1000 Arbeitsplätzen. Für die IGM stehen da noch weitaus höhere Güter auf dem Spiel: Deutschland und seine nationale Sicherheit sind in Gefahr! Für den Gewerkschaftsfunktionär ist die Staatssicherheit das stärkste Argument im Kampf für deutsche Arbeitsplätze. Denn im Unterschied zu den vom Profit geblendeten Siemens-Managern ist ihm bewusst, was sicherheitsrelevante Schlüsselindustrien sind und welchen Gefahren unsere schöne Republik ausgesetzt ist, wenn wichtige Geschäftszweige in die falschen Hände geraten. Deshalb kommt er nicht umhin, den Konzernherren die Leviten zu lesen: „Unternehmen entscheiden nicht nach Sicherheitsaspekten, sondern nach ihren Gewinnerwartungen“ (ebd.). Das schlagendste Argument gegen den Profit ist eben nicht dessen Unverträglichkeit mit dem Lebensunterhalt der Mitglieder seines Vereins, sondern die Verantwortungslosigkeit der Firmenleiter gegenüber dem Vaterland. Die hat schon zu einem nicht unbeträchtlichen Teil dazu beigetragen, dass die Infiltration durch feindliche Kräfte weit vorangeschritten ist:
„Bereits heute ist die Telekom in hohem Maße von dem chinesischen Staatskonzern Huawei abhängig. Man könnte es zugespitzt auch so formulieren: Die Zerschlagung des NSN-Standortes in Berlin ebnet den Weg, dass künftig chinesische Armeegeneräle mit Hilfe des Staatskonzerns Huawei nach Belieben die Telekommunikationswege in Deutschland kontrollieren könnten.“ (ebd.)
Da tun sich Abgründe von Landesverrat auf: Das kommunistische China, ein Staat, in dem Politik und Militär Hand in Hand gehen, ist auf dem Sprung, unsere schöne Republik zu übernehmen, und profitgierige Unternehmer spielen der gelben Gefahr in die Hände!
Genau an derlei fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen Politik, Staatssicherheit und sicherheitsrelevanter Industrie fehlt es nach Meinung des IG-Metall-Bezirksleiters hierzulande, denn die zuständigen Instanzen haben bis dato in dieser Angelegenheit durch ihr zögerliches Verhalten den äußeren Feind geradezu eingeladen, deutsche Spitzentechnologie auszuspionieren. Damit muss endlich Schluss gemacht werden, und er weiß auch, wie:
„Beispielsweise bestehen die USA auf ihren nationalen Kompetenzen bei dieser Schlüsseltechnologie. Wir fordern von der Politik eine wirtschafts- und sicherheitspolitische Strategie“ (ebd.).
Für so einen Gewerkschaftsfunktionär ist die Welt der Arbeit erst dann in Ordnung, wenn verantwortliche Politik ausländische Unterwanderung abwehrt, damit sich verantwortungsvolle Belegschaften wie die von Nokia-Siemens voll ausgelastet dem Erfolg des Unternehmens und dem Schutz nationaler Belange widmen können.
***
Wenn man vom Nationalismus leben könnte, dann hätten es die deutschen Arbeiter mit ihrer Gewerkschaft wirklich gut getroffen. Das ist leider nicht so. Weil aber deutsche Gewerkschafter offenbar tatsächlich der Meinung sind, ein nationaler Standpunkt sei ein prima Lebensmittel der Arbeiter, entblöden sie sich angesichts der miesen Lage, in der sich die Beschäftigten bei Opel, Thyssen-Krupp und NokiaSiemens befinden, nicht, ihren Mitgliedern immer wieder vorzurechnen, dass sich ihre Probleme ausgerechnet einem Mangel an Nationalismus in der deutschen Wirtschaft verdanken.
© 2013 GegenStandpunkt Verlag
Armut gehört in dieser Gesellschaft dazu, nicht nur ausnahmsweise und nicht nur als Krisenphänomen. Das wird nicht geleugnet. Die Medien berichten vom Überlebenskampf aller möglichen Elendsgestalten: Man erfährt von Obdachlosen, die zu erfrieren drohen, von Leuten, die auf Essensspenden von Tafeln angewiesen sind, um zu überleben, von Armen, die sich eine medizinisch notwendige Therapie nicht leisten können, und von den Schwierigkeiten, die ganz normale Leute mit dem Bezahlen ihrer Mieten und Lebensmittel haben. Auch der Regierung ist die Armut ihres Volkes bestens vertraut, und nicht nur das: Sie geht ganz selbstverständlich von ihrem Fortbestand aus und beobachtet Art und Umfang ihrer „Entwicklung“. Dazu gibt sie über die materielle Situation der Bevölkerung statistische Erhebungen in Auftrag und lässt das Ergebnis alle vier Jahre veröffentlichen, auf dass sich in der Demokratie, in der nichts verschwiegen wird, jedermann ein von offizieller Seite beglaubigtes Bild von der sozialen Lage im Land machen kann. Im September 2012 ist es wieder so weit: Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales legt seinen „Entwurf für den 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“ den anderen Ministerien zur Ressortabstimmung vor – und weiß erstaunlich Positives über die „Lebenslagen“ in Deutschland zu berichten.
Folgendes haben die dienstbaren Experten über die „abhängig Beschäftigten“ herausgefunden:
„Alles in allem belegen die Daten eine positive Entwicklung der Lebenslagen in Deutschland: Die Entwicklung des Arbeitsmarktes ist in den vergangenen Jahren besonders gut verlaufen. Als Ergebnis insbesondere der Arbeitsmarktreformen werden heute in Deutschland auch bei bescheidenem Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze geschaffen. Die Arbeitslosigkeit insgesamt ist auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken, die Arbeitslosenquote Jugendlicher hat sich halbiert und auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen konnte deutlich reduziert werden. Die Zahl der Kinder und Erwerbsfähigen in Bedarfsgemeinschaften sind rückläufig. Gerade vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise ist dies eine beachtlich positive Entwicklung.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Zufrieden ist man also mit der „positiven Entwicklung der Lebenslagen“, die wesentlich mit der „Entwicklung des Arbeitsmarktes“ zusammenhängen. Die Lage nicht gerade weniger Leute hängt ja tatsächlich davon ab, dass sie für an-dere arbeiten. Obwohl mittellos, gelten sie nicht als arm, jedenfalls nicht, so lange sie einen Arbeitsplatz haben. Ob sie einen haben, liegt allerdings nicht an ihnen: Maßgeblich dafür ist die Gewinnrechnung derer, die ihre Arbeitskraft gegen Entgelt nutzen, und da für die Lohn eine möglichst knapp zu kalkulierende Kost ist, wird so mancher Arbeitsplatz eingespart. Das ist ein Risiko, das bei dieser Lebenslage immer dazugehört, das aber auch dann noch lange kein Fall von Armut ist, wenn es einen trifft: Die, die keine Arbeit mehr haben, erhalten schließlich Stütze vom Staat.
Sie haben es dann schon wieder mit einer neuen Lebenslage zu tun: Sie fallen den Kassen des Staates zur Last, und weil die nicht dazu da sind, Leuten sinnlos den Lebensunterhalt zu finanzieren, sorgt die Obrigkeit schon immer – und mit den „Arbeitsmarktreformen“ der letzten Jahre um so dringender – dafür, diese Kundschaft möglichst schnell wieder einer nützlichen Verwendung zuzuführen. Diese Fürsorge, zusammen mit der „konsequenten Anwendung der in den Arbeitsmarktreformen vorgesehenen Sanktionsmaßnahmen“, hat dafür gesorgt, dassdiesbezüglich „die Entwicklung“ „besonders gut verlaufen ist“, und zwar für den Staat wie für die Betroffenen: Für den Staat, weil er sich Kosten spart, die nicht produktiv sind, und für die Arbeitslosen, weil die dann ja wieder einen „Arbeitsplatz“ haben, der garantiert, dass sie auch dann kein Fall von Armut sind, wenn sie mit Arbeit so viel oder kaum mehr Einkommen haben als ohne sie. Wer sich gegen Entgelt nützlich macht, ist ja ohne Rücksicht auf dessen Höhe definitionsgemäß nicht arm.
Besonders „positiv“ ist daher die „Entwicklung von Lebenslagen“ bei Jugendlichen und Langzeitarbeitslosen. Die sinkende Zahl letzterer spart dem Sozialstaat dauerhafte Unterstützungszahlungen, während die Abnahme der Jugendarbeitslosigkeit ein ökonomischer und sittlicher Wert an sich ist: Je früher einer sich daran gewöhnt, mindestens ein Drittel seiner Lebenszeit an irgendeinem Arbeitsplatz zu verbringen, desto besser. Ob und wie der seinen Inhaber ernährt, ist eine offene Frage. Schön ist jedenfalls, dass so die Chancen der Jugendlichen steigen, in keiner öffentlichen Armutsstatistik zu erscheinen.
All diese Erfolgsmeldungen aus der Welt der „abhängig Beschäftigten“ sind umso erfreulicher, weil „auf dem Hintergrund einer Finanz- und Wirtschaftskrise“ viel Schlimmeres zu erwarten war. Jeder weiß doch, dass der Kapitalismus noch ganz anders kann und „eigentlich“ noch viel mehr Arbeitslose fällig gewesen wären, weil ja irgendwer die Krise ausbaden muss. Das gehört schließlich erfahrungsgemäß zu den Spezialitäten proletarischer Lebenslagen. Was für ein Glück also,dass es doch nicht ganz so kam, und die „Finanz- und Wirtschaftskrise“ mit ihrem bedrohlichen „Hintergrund“ viel schonender mit den „abhängigBeschäftigten“ umgesprungen ist, als man gedacht hätte. Die Arbeitsministerin von der Leyen ist damit und mit ihrer Organisation der „Armutsrisiken“ sehr zufrieden. Armut im Kreis der Arbeitsplatzbesitzer kann sie jedenfalls ganz klar dementieren.
Allerdings sind Ausnahmen von der Regel, dass sich mit Arbeit gut leben lässt, nicht selten, dem Armutsbericht fehlt es da nicht an Problembewusstsein. Es gibt jede Menge „Problemgruppen“, bei denen das Zurechtkommen mit ihrer Lebenslage in Frage steht. Den Alleinerziehenden mit und ohne Job, den teilzeit- und vollzeitberufstätigen Frauen, denen, die Familie und Beruf zu vereinbaren, Kinder zu betreuen oder Alte zu versorgen haben, den zu jung heiratenden und den frisch Geschiedenen – all denen und dazu noch den ganz Alten und nicht wenigen ganz Jungen attestiert der Bericht ein hohes „Armutsrisiko“ und liefert eine interessante Differenzierung: Armut fängt dort an, wo das Sich-Einrichten in und das Durchwursteln durch lauter Entbehrungen nicht mehr klappt, und für den Eintritt dieses „Risikos“ braucht es nicht eben viel: Der Bericht führt vor, dass im Grunde alle, die vom Lohn leben, Kandidaten für soziale Hilfsleistungen sind, sobald in ihrem Lebensplan auch nur das Geringste schief läuft. Ein bisschen kapitalistisches Pech reicht da schon für den Übergang mancher Arbeiterfamilie zur „Bedarfsgemeinschaft“. Aber Armut als Möglichkeit heißt eben noch lange nicht, dass einer wirklich arm ist, selbst wenn er es ist:
„Niedriglöhne können mit einem materiellen Armutsrisiko verbunden sein. Diese Verknüpfung ist aber nicht zwingend. Es kommt immer auch auf den Umfang der Beschäftigung sowie den Haushaltszusammenhang an. Auch ein niedriger Lohn kann zu einem ausreichendem Haushaltseinkommen beitragen und eine Niedriglohnbeschäftigung kann der Einstieg oder Wiedereinstieg in eine besser bezahlte Beschäftigung sein. Stundenlöhne aber, die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen, sowie eine einseitige und polarisierende Lohnentwicklung generieren, verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Beim Niedriglohn, von dem man eingestandenermaßen nicht überleben kann, kommt es ja ganz darauf an, mit wie vielen Stunden abgelieferter Arbeitsleistung er multipliziert wird. Das muss ja auch gar nicht nur an ein und demselben Ar-beitsplatz geschehen, wie es ja auch sein kann, dass sich mehrere solcher Empfänger von Niedriglohn zusammentun und so zu einem „ausreichenden Haushaltseinkommen beitragen“. Überhaupt kann es ja auch sein, dass einer demnächst wieder einen besser bezahlten Job findet, so dass es auch bei niedrigsten Löhnen ganz darauf ankommt, was einer aus ihnen zu machen versteht und ob aus ihm ein Fall von Armut wird oder nicht. Erst dann, wenn der Monatslohn auch bei einer 40-Stunden-Woche seinen Empfänger nicht ernährt, kann – nein, nicht von Armut, sondern allenfalls – davon die Rede sein, dass sich gewisse „Risiken“, arm zu werden, „verschärfen“. Insbesondere droht dann, wenn solches im Standort Deutschland zur Regel wird, der „soziale Zusammenhalt“ geschwächt zu werden – und da entdeckt die Ministerin Handlungsbedarf: Dieses „Risiko“, das aus der wachsenden Armut im Lande erwachsen könnte, nimmt sie als Indiz und gleichermaßen an sie adressierten Auftrag, für ein besseres politisches Management der nützlichen Armut zu sorgen. Dafür hat sie nicht nur prima Rezepte, sondern auch eine Idee, wie sich die leidige Frage nach deren ‚Finanzierbarkeit‘ lösen ließe.
Womöglich hat die personifizierte soziale Kompetenz der Union den Vorwurf der unsoliden Haushaltspolitik – „in Zeiten knapper Kassen“ und so –einfach nur satt. Jedenfalls sieht sie sich bemüßigt, ihre guten Ideen zur nachhaltigen Elendsverwaltung und ihren Tatendrang mit einem Vorschlag zu verbinden, wie sich all das finanzieren ließe, was ihr da vorschwebt, und dessen Genialität liegt darin, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie kennt nicht nur eine Geldquelle, sondern sie kann auch noch darauf verweisen, dass es nur gerecht wäre, sie anzuzapfen. Denn recht betrachtet, haben die Armen nicht so sehr ein Problem mit ihrer eigenen Armut, sondern mit dem Reichtum der anderen:
„Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt. (…) Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich in Deutschland positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat damit zugenommen. (…) Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher – und noch bevor irgendwelche Betroffenen ihre Unzufriedenheit darüber äußern, buchstabiert ihnen ihre Arbeitsministerin vor, worauf die sich allenfalls beziehen könnte: Nicht auf ihre eigene trostlose Lebenslage, sondern auf ein Gerechtigkeitsproblem. Schlecht an der Armut ist der relative Reichtum der anderen, denn die „Einkommensspreizung“ hinterlässt Spuren im Gemüt des kleinen Mannes. Oder wie Frau von der Leyen es im Dezember formuliert: „Armut ist relativ“ Armut unter Armen ist eine Sache, mit der sich leben lässt, aber wenn den Minderbemittelten Reiche gegenüberstehen, dann tut Armut erst richtig weh. Da sieht von der Leyen Handlungsbedarf, und der verträgt sich aufs beste mit ihrem Geldbedarf. Denn wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, lässt sich Armut gut bekämpfen, indem man den Besserverdienenden etwas mehr wegnimmt als bisher. Davon profitieren dann die Armen gleich doppelt: Die Reichen haben zwar immer noch viel mehr als sie, aber ein bisschen weniger als gestern, und der Staat hat mehr Geld, das er für die Organisation erträglicher Armut verwenden kann. Jedenfalls ist Frau von der Leyen auf die in ihren Reihen etwas extravagante Idee verfallen, dass man doch einmal die zur Kasse bitten könnte, die für die „leeren Kassen“ des Staates maßgeblich verantwortlich sind:
„Die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung entwickelt auch die Analyse des Reichtums in der Gesellschaft weiter. Der steigende Wohlstand in Deutschland spiegelt sich in der gesamtwirtschaftlichen Vermögensentwicklung wider. Im Jahr 2010 belief sich das Volksvermögen auf knapp 12 Billionen Euro und war damit fünf Mal so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt mit rund 2,48 Billionen Euro. Im Zuge der notwendigen Rettungsmaßnahmen anlässlich der Finanz- und Wirtschaftskrise ist eine Verschiebung privater Forderungen und Verbindlichkeiten in staatliche Bilanzen feststellbar. In der Folge ist der Schuldenstand der staatlichen Haushalte im Jahr 2010 auf rund 83 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Ohne die Krise hätte er bei rund 70 Prozent gelegen... Während das Nettovermögen des deutschen Staates zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Mrd. Euro zurückging, hat sich das Nettovermögen der privaten Haushalte (einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbszweck) von knapp 4,6 auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Sie hat die Reichen als Quelle der Finanzierung ausfindig gemacht und dafür ein ökonomisches Argument: Die sind nicht nur unermesslich viel reicher geworden, sondern verdanken einen Gutteil ihres gewachsenen Reichtums den staatlichen Geldern, die im Zuge der Finanzkrise in den Bankensektor geflossen sind. Ohne diese zusätzlichen Schulden des Staates wären sie so reich nicht, weshalb es doch nur billig und gerecht wäre, wenn sie jetzt ihrerseits einen Beitrag zur Finanzierung von Angelegenheiten öffentlichen Interesses leisten würden. Zumal sie ja sonst auch für jeden Scheiß jede Menge Geld übrig haben:
„Persönliches und finanzielles Engagement zeigen Vermögende bisher aber vorrangig in Sportvereinen (45,2 Prozent) und Berufsverbänden (25,1 Prozent), Heimat- und Bürgervereinen (22,6 Prozent) sowie privaten Klubs (21,6 Prozent). Stiftungen und soziale Initiativen dagegen werden nur von unter fünf Prozent der befragten Vermögenden genannt“.(Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Die Reichen gehen stiften, aber nicht für die Armen. Der eine kauft sich einen Trainer, der nächste einen ganzen Fussballclub, für jeden Spleen haben sie Geld – ihr Sinn fürs Soziale aber ist ziemlich schwach ausgeprägt, und dem würde Frau von der Leyen gerne etwas auf die Sprünge helfen:
„Die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 17.9.12)
Mit diesem sozialismusverdächtigen Einfall landet die „Superpowerfrau“ einen echten Kracher.
Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung ihres Entwurfes wird am Thema ‚Reichtum und Armut‘ in sämtlichen Medien herumgezerrt. Dass die Existenz von bitterster Armut im Lande – wenn auch nur als „Risiko“ – eingeräumt wird, nehmen die Kritiker der Bundesregierung wie das Eingeständnis unhaltbarer Zustände. Angesichts der politisch gewollten Erfolge und zählbaren Nebenwirkungen bei der Senkung des nationalen Lohnniveaus, die sich alle dafür Verantwortlichen immer wieder zugutehalten, drücken Attac, Gewerkschaften, Sozialverbände und Politiker aus Oppositionsparteien des linken Spektrums auf die Moraltube und demonstrieren für einen fairen Umgang mit dem Fußvolk der Nation. Sie nehmen Formulierungen wie „die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ als Eingeständnis eines politischen Versagens, das Resultat der gelaufenen Politik der Verelendung, den sorgfältig beobachteten und nachgezählten Anstieg der Massenarmut im Lande bei gleichzeitigem Wachstum des Reichtums weniger Privatiers als „Offenbarungseid der Bundesregierung“, als Unterlassung gerechter Sozialpolitik, und klagen bei den für sie Verantwortlichen eine „Kehrtwende“ ein: So bleibt die doppelte Lüge intakt, Armut wäre kein Resultat der Produktion des Reichtums, sondern eine Frage von dessen gerechter Verteilung, und der Staat der berufene Anwalt dafür, den Armen auch auf diesem Feld Gutes zu tun.
Die Oppositionsparteien greifen den Entwurf von der Leyens begeistert als Steilvorlage für die eigenen Wahlkampfparolen zum Umgang mit der wachsenden Armut im Billiglohnstandort Deutschland auf: Reichensteuer verlangen sie, Anhebung des Höchststeuersatzes und Einführung von Mindestlöhnen! SPDlern, Grünen und Linken wird es ganz warm ums Herz, wenn das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ungefähr die gleichen Vorschläge für die künftige Bewirtschaftung der Massenarmut ventiliert wie sie selbst und ihre Genossen. Das halten sie für einen guten Grund, die SPD an die Macht zu wählen: Was beweist schöner die Berechtigung sozialdemokratischer Vorschläge als der Umstand, dass eine CDU-Ministerin sie auch hat!
Die Kanzlerin sieht das in etwa genauso, bloß umgekehrt, und ist überhaupt nicht amüsiert über eine CDU-Ministerin, die im Wahlkampfjahr Wasser auf die Mühlen der Opposition leitet. Aber vor allem vom FDP-geleiteten Wirtschaftsministerium wird Korrekturbedarf angemeldet.
„Anstoß nimmt Röslers Ministerium vor allem an jener Passage in von der Leyens Entwurf für den Armutsbericht, in der es heißt: ‚Die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann.‘ Das Wirtschaftsministerium wertet dies als Plädoyer für die Einführung höherer Steuern für Besserverdiener.“ (Stern, 20.9.12)
Aus der Sicht des Wirtschaftsministers ist es völlig verfehlt, die Leistungsträger der Wirtschaft vermehrt zur Kasse zu bitten. Mit dieser Auffassung setzt er sich gegen von der Leyen durch. Noch bevor der Entwurf des Arbeits- und Sozialministeriums zur Ressortabstimmung geht, wird verlautbart, dass er „nicht die Meinung der Bundesregierung“ repräsentiert.Im November wird die in diesem Sinne überarbeitete Fassung veröffentlicht, und siehe da:
„Die Bundesregierung hat ihren Armuts- und Reichtumsbericht in einigen entscheidenden Passagen deutlich geglättet. (…) Die erste Fassung der amtlichen Analyse, die das Bundesarbeitsministerium alle vier Jahre erstellt, war Mitte September an die anderen Ressorts gegangen. Zwei Monate später fehlen nun bestimmte Sätze, mit denen die Beamten des Ministeriums von Ursula von der Leyen (CDU) einen durchaus kritischen Blick auf die Republik warfen. (SZ, 28.11.12)
Die Änderungen sorgen für einen Sturm im Wasserglas der sozialen Entrüstung. Das Streichen der Passagen, die die Wirkung von Einkommensdifferenzen und das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung problematisieren, wird als Beschönigung der Armut gelesen:
„In der ersten Variante stand: ‚Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen.‘ Diese verletze ‚das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung‘ und könne ‚den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden‘. Stattdessen wird nun angeführt, dass sinkende Reallöhne ‚Ausdruck struktureller Verbesserungen‘ am Arbeitsmarkt seien. Denn zwischen 2007 und 2011 seien im unteren Lohnbereich viele neue Vollzeitjobs entstanden, und so hätten Erwerbslose eine Arbeit bekommen. Vorsichtiger beschreibt die Bundesregierung nun auch, dass manchen Alleinstehenden mit Vollzeitjob der Stundenlohn nicht für die Sicherung des Lebensunterhalts reicht. In der ersten Fassung wurde angemerkt, dies verschärfe die Armutsrisiken und schwäche den sozialen Zusammenhalt. (SZ, 28.11.)
Das Wirtschaftsministerium ebenso wenig wie das Arbeitsministerium bestreitet, dass es massenweise Vollzeitjobs mit Löhnen unterhalb der Armutsgrenze gibt. Und auch darin, wie diese Tatsache zu bewerten ist, sind sie sich weitgehend einig: Sinkende Reallöhne und Stundenlöhne, die oft nicht zum Überleben reichen, sind ein Fortschritt, denn wenn man vom Lohn abhängt, sind Löhne unterhalb der Armutsgrenze erstens besser als gar keine und zweitens vor allem dann, wenn mit ihnen ein „Vollzeitjob“ drin ist, weil ja auch „eine Arbeit“ besser als keine ist. Die Korrekturwünsche des von der FDP geleiteten Wirtschaftsministeriums drängen auf eine andere Sorte Richtigstellung. Wenn Niedriglöhne ein Fortschritt sind, dann verbietet es sich, den auch nur irgendwie zu problematisieren und kleinlich auf irgendwelchen Schattenseiten des gesenkten Lohnniveaus herumzureiten. Stattdessen gehört sich deutlich gesagt, worauf es hierzulande ankommt:
„Die wachstumsorientierte Politik der Bundesregierung hat im Berichtszeitraum für steigenden Wohlstand und neue Arbeitsplätze in Deutschland gesorgt.“ (Armutsbericht, Entwurf vom 21.11.12)
Gearbeitet wird in Deutschland nicht für den Lebensunterhalt von irgendwem, sondern dafür, dass Wachstum geschaffen wird. Alles, was dem dient, ist eine „Strukturverbesserung“, und allein das gilt es in einem Bericht, in dem von Armut die Rede ist, zu vermelden. Denn Löhne sind ganz ungeachtet ihrer Höhe kein Problemfall, sondern der „Wohlstand“, den einer sich mit seinen nützlichen Beiträgen zum Wachstum erwirtschaftet – soweit die amtliche Klarstellung des Ministers für Wirtschaft zum Thema ‚Armut in Deutschland‘: Wo es auf das Wachstum des Reichtums ankommt, spielt sie einfach keine Rolle – und sozialkritisch gestimmte Gemüter halten ausgerechnet das für eine „Beschönigung“!
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Mitte September 2012 macht die Süddeutsche Zeitung den vom Bundesarbeitsministerium erstellten „Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts“ publik und befördert so die aktuelle, regierungsamtliche „Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland“ für ein paar Tage zum Top-Thema des Parteienstreits und der diesen kritisch begleitenden Öffentlichkeit. Ihren Beitrag zu diesem von oben angezettelten öffentlichen Diskurs – die Minderbemittelten in Deutschland waren insoweit nicht zu vernehmen – steuern gleich vier Talkshow-Redaktionen der ARD bei. Sie machen binnen einer Woche den neuen alten gesellschaftspolitischen Problemschlager von Armut und Reichtum in der Marktwirtschaft zum Gegenstand der von ihnen geladenen Diskussionsrunden:
Wo Arm und Reich so radikal auseinander klaffen, da gibt es für Sandra Maischberger zwei gesellschaftliche Randgruppen, die sie zur Auswahl stellt, um von ihren Gästen ermitteln zu lassen, wer sich ganz und gar am Wohlstand der Nation vergeht: „High Society oder Hartz IV: Wer sind die wahren Asozialen?“ Und wenn es schon bei Arm und Reich darum geht, ob und inwieweit die deutsche Gesellschaft als Ganzes darunter leidet, dann sorgt sich Anne Will um deren tragende Säule: Mit der Frage „Mittelschicht in Abstiegsangst – Bleiben die Fleißigen auf der Strecke?“ thematisiert sie das Schicksal all derer, die sich mit viel Leistung für wenig Ertrag redlich um ihr Auskommen bemühen. Frank Plasberg fokussiert das Thema auf „Die Generationen-Debatte“, legt seinen Gästen also einen jedem Fernsehzuschauer wohlbekannten Streit als den Kern des Problems zur Diskussion vor und provoziert mit vorderhand eindeutiger Stoßrichtung: „Die Zukunft ist grau: Leben die Alten auf Kosten der Jungen?“ Schließlich steuert Günther Jauch zielstrebig darauf zu, dass hier nicht weniger als eine gesellschaftliche Grundsatzfrage im Raum steht, die wirklich jeden betrifft und angeht, nämlich „Eine Frage der Gerechtigkeit“, die da lautet: „Wer kann noch in Wohlstand leben?“
Mit seiner Themenstellung gibt der Vorzeigemann der ARD fast schon erschöpfend Auskunft über den gemeinsamen Nenner aller vier Sendungen: Sie handeln vom Nebeneinander von Armut und Reichtum in der modernen kapitalistischen Gesellschaft – und dem Reim, den einer sich darauf machen soll. Wo es darum geht, ob „die Fleißigen“ von ihrem Fleiß denn auch etwas haben, ob die Alten den Jungen was wegnehmen oder umgekehrt, ob die Superreichen oder die Sozialschmarotzer auf Kosten von uns allen leben und wer überhaupt vom gesellschaftlichen „Wohlstand“ wie viel abbekommen soll – die dem Publikum offerierte Themenstellung dreht sich immer um ein und dieselbe Frage: Geht die Verteilung von Armut und Reichtum hierzulande in Ordnung? Unter einem beliebig herausgegriffenen, aber in jedem Fall irgendwie anerkannten Gesichtspunkt werfen alle Talkshow-Macher in ihrer Runde die Frage auf, welcher gesellschaftliche Charakter in welchem Maße gerechterweise am gesellschaftlichen Reichtum partizipieren darf, wobei eine Unterstellung immer mitschwingt: Es wird immer schwieriger, diesem Verteilungsproblem gerecht zu werden; denn in Zeiten von „Wirtschafts- und Eurokrise“ wird der allgemeine Wohlstand immer fraglicher…
Diese Gemeinsamkeit hat einen Grund. Er liegt in der Ignoranz gegenüber dem Grund der Verteilung, an der alle Talk-Runden herumproblematisieren. Alle handeln von Armut und Reichtum in Deutschland – aber in keiner von ihnen wirft man einen Blick auf die Sphäre, in der beides zustande kommt, auf die Produzenten des Reichtums in den Fabriken, auf die Unternehmer, denen dieser Reichtum gehört, und auf den Streit dieser politökonomischen Charaktere um eben diesen Reichtum. Ein Gewerkschafter, der auf der klassischen Gerechtigkeitsfrage in Sachen gesellschaftlicher Reichtum und seiner Verteilung, der des ‚gerechtenLohns‘, bestehen würde, ist – soweit sich noch einer gefunden hätte – als Diskutant nicht geladen. Der Interessenkonflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital, der Kampf ums Geld als dem Zugriffsmittel auf den Reichtum, der an rentablen Arbeitsplätzen produziert wird, hat in der ARD-Themenwoche keinen Platz. Die ideologische Verwandlung marktwirtschaftlichen Produzierens in ein Verteilungsproblem ist weit gediehen: In der Verteilungsfrage von heute ist jede Erinnerung an die kapitalistische Produktion des gesellschaftlichen Reichtums, mit der über dessen Verteilung ganz grundsätzlich entschieden ist, und jedes Bewusstsein von einem Gegensatz von Kapital und Arbeit getilgt.
Was bleibt denn dann?
Zu den im Armuts- und Reichtumsbericht angesprochenen Einkommens- und Vermögensverhältnissen in Deutschland fällt Maischberger das Stichwort „asozial“ ein. Damit gibt sie die Ebene vor, auf der sie Arm und Reich problematisiert haben möchte: Wo von diesen zwei ökonomischen Stellungen an den beiden Extremen der gesellschaftlichen Einkommenshierarchie die Rede ist, möchte sie eine Prüfung der moralischen Einstellungen haben, die die oberen Zehntausend und die Millionen von Sozialfällen an den Tag legen. Wenn die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, liegt für diese Talkshow der Verdacht nahe: Sind da Figuren unterwegs, die gegen die Sitten verstoßen, deren Einhaltung die Gesellschaft von ihnen verlangt? Lassen sie es an der Quintessenz aller Moralität fehlen – am Willen, sich mit Anstand und Tüchtigkeit produktiv „ins große Ganze“ einzugliedern? Oder wollen sie vielmehr an ihm schmarotzen?
Dabei enthält Maischbergers Fragestellung – wie es sich für eine kritische Talkmasterin gehört – eine Provokation: Bei ihr werden nicht nur die Hartz-IVler unter den Verdacht gestellt, asozial zu sein; von diesen Objekten der staatlichen Elendsverwaltung denkt das ohnehin so ziemlich jeder, kriegen sie doch von der Gesellschaft ein Existenzminimum „spendiert“. Aber die Superreichen? Ihnen mag man vielleicht Angeberei und Verschwendungssucht nachsagen, aber keiner mag die „High Society“ – das sind die besagten Superreichen, sobald sie ihren Reichtum genießen und standesgemäß zur Schau stellen – so schnell als „asozial“ beschimpfen. Mit dieser Gleichsetzung von Überfluss und Elend in Form eines gleichmäßig verteilten Verdachts auf parasitäres Verhalten stellt Maischberger die Weichen: In ihrer Sendung soll es ganz objektiv und vorurteilsfrei zugehen, wenn man sich auf die Suche nach Schmarotzern begibt.
Das Ganze lebt zugleich von einem riesigen Kompliment an „die Mitte“. Auch wenn diese beliebte Figur in der Themenstellung gar nicht explizit zur Sprache kommt, so bildet sie doch in dieser Perspektive das Maß aller Dinge. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie als der sozioökonomische Durchschnitt zum Inbegriff der gesellschaftlichen Normalität erklärt wird, von dem aus Arm und Reich überhaupt zu „Extremen“ werden. Wo die soziale Außenstellung weit oben wie weit unten die Vermutung einer moralischen Abseitsstellung nach sich zieht, da liegt der ganz große Rest nicht nur in ökonomischer Hinsicht dazwischen, sondern auch in moralischer Hinsicht vollkommen richtig.
Den Anfang macht ein Gast, der in den letzten Jahren mit seinen Aussagen über die Mitglieder der Unterschicht – vor allem über die mit „Migrationshintergrund“ – für einiges Aufsehen gesorgt hat:
Als Bezirksbürgermeister von Neukölln hat es Heinz Buschkowsky jeden Tag mit dem unteren Rand der Gesellschaft zu tun: „80-90 % der Schüler im Hartz-IV-Bezug“. Und was er da mit eigenen Augen sieht und am eigenen Leib erfährt, macht ihn zu einem ausgewiesenen Experten in Sachen Armut und Arme. So hautnah, wie er diese Kreaturen tagtäglich erlebt, kann man ihm kaum widersprechen, wenn er zum sachlich-nüchternen Befund kommt: „Arbeitslose, vor allem Migranten, leben am Schnuller des Staates“. Mit diesem denunziatorischen Bild von erwachsenen Menschen, die sich wie Babys vom Staat durchfüttern lassen, sind die ökonomische Lage von Arbeitslosen und ihre sozialstaatliche Betreuung für ihn auf den Begriff gebracht:
„Es gibt für mich keine sinnvolle Begründung, dass ein gesunder junger Mann von 22 Jahren langzeitarbeitslos ist. Diese Begründung würde ich gerne mal hören!“
Die Begründung wäre zwar leicht zu haben: Arbeitslose gibt es, weil die Masse der Bevölkerung unter die Rubrik „abhängig Beschäftigte“ fällt, die nur dann eine Anstellung finden, wenn sich ein Unternehmer von ihrer Arbeit die Vermehrung seines Geldes verspricht. Gemessen an diesem unternehmerischen Bedarf nach rentabel auszunutzender Arbeit gibt es eine ganze Menge Arbeitsuchende, die schlicht überflüssig sind, und sämtliche Institutionen zur Betreuung der Arbeitslosen künden davon, wie felsenfest der Staat mit der steten Existenz solcher überflüssig gemachten Menschen auf allen Altersstufen rechnet. Aber die Begründung, nach der Buschkowsky sucht, ist von vornherein etwas anders gestrickt. Er will von den Arbeitslosen eine Rechtfertigung für ihre Arbeitslosigkeit hören – und der Satz, den er seiner Forderung voranstellt, macht deutlich, dass die nicht zu leisten ist. Klar, „Schicksalsschläge“ – die ganz zufällig immer die gleiche Klasse treffen – mag es geben, und dafür ist der Sozialstaat „eine tolle, solidarische Sache“. Aber wenn sich dieser Status hinzieht, dann wollen diese Menschen das so, dann haben sie ihr Leben in diesem Status selbst „entworfen“. Dafür muss Buschkowsky den Willen, den er da vorfindet, schon etwas umdeuten: Wenn sich Arbeitslose – wie überhaupt alle Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft – an die Lebenslage anpassen, die ihnen aufgezwungen wird, um daraus das Beste zu machen, dann sieht er darin das Resultat einer freien Entscheidung, eines selbst entworfenen Plans, nach dem einer zu leben trachtet. Dass das Sich-Einrichten von Hartz-IVlern in ihrer elenden Lage nichts anderes ist als das Lebensprogramm, es sich bequem machen zu wollen – dafür stehen schon deren Klagen:
„Ich bin arbeitslos, weil das Job-Center mir keinen Job besorgt; die Noten meines Kindes sind schlecht, weil die Schule schlecht ist, weil der Lehrer schlecht ist. D.h. ich suche mir immer einen Schuldigen für mein eigenes Wohlergehen ... das hat nichts damit zu tun, dass der Einzelne eigentlich einen Lebensentwurf macht und nach diesem Lebensentwurf strebt, dass er einen Aufstiegswillen hat und sich an seinen eigenen Erfolgen erfreuen will und auch Niederlagen ertragen muss... Es geht um den Leistungswillen.“
Die Art und Weise, wie diese Typen sich über ihre Lebenslage beklagen, ist ein eklatanter Verstoß gegen Buschkowskys Forderung nach einem Lebensentwurf, der alle Schranken und Niederlagen als Ermunterung nimmt, genau so weiter einen Aufstieg anzustreben. Weil das die fraglos gültige Lebenseinstellung ist, sprechen für ihn die zitierten Klagen nur dafür, wie zufrieden diese Typen letztlich mit dem Leben sind, das siefür sich da ausgesucht haben. Und nachdem Buschkowsky die Behauptung weit von sich weist, er würde alle in Hartz IV und alle Migranten zu Schmarotzern erklären, vielmehr nur „die Feststellung eines Zustands“ präsentieren, den er aus seinem eigenen, hautnah erlebten Abschnitt der Hauptstadt kennt, steht die Allgemeingültigkeit seines Befunds fest und ist seine Message hieb- und stichfest: „Neukölln ist überall!“
Schlimm genug, wie sich vor allem die Migranten in der Unterschicht aufführen, doch sie sind nicht das primäre Ziel von Buschkowskys Kritik. Er will ja „nicht Menschen kritisieren, sondern menschliche Verhaltensweisen“ – und da hat er vor allem den Sozialstaat im Visier, der diese
