GegenStandpunkt 3-14 -  - E-Book

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Beschreibung

Der Dollar-Imperialismus des 21. Jahrhunderts – oder: Die westliche Wertegemeinschaft in Aktion Die Partnerländer des sogenannten Westens haben sich einer alles bestimmenden ökonomischen Staatsräson verschrieben: dem private Eigentum und seiner Vermehrung. Der Erwerb von Dollars resp. Euros oder verwandtem Geld, näher: dessen erfolgreiche Verwendung als Kapital, ist das gesellschaftliche Lebensmittel, die allgemeine, unerbittlich geltende gesellschaftliche Lebensbedingung, also der die Gesellschaft beherrschende Lebenszweck. Zur Staatsräson der Mitglieder des sogenannten Westens gehört deren Selbstverpflichtung, weltweit für Respekt vor der Freiheit des Gelderwerbs und seines Gebrauchs als Kapital einzutreten. Das Geld, um das die Menschheit frei konkurrieren und um dessen solide Vermehrung sie sich damit verdient machen soll, steuern die hoheitlichen Geldschöpfer dieser Länder resp. deren Kreditinstitute auch gleich bei. Der Führungsmacht USA kommt dabei unbestritten eine maßgebliche Rolle zu. Sie lässt ihr nationales Geld und ihre nationalen Schulden in der ganzen Welt als Kredit und Finanzmittel zirkulieren und durch Privateigentümer wie durch Staaten als Geschäftsmittel benutzen. Die weltweite Konkurrenz der Nationen hat Konsequenzen: Der Einsatz der Völker und der Reichtümer der Nationen für einen ordentlichen Konkurrenzkampf der Kapitalisten führt nicht nur unter den ökonomischen Weltmarktagenten zu gewissen Unterschieden beim Gelingen ihrer Geschäfte und insgesamt immer wieder in Krisen ihres Geldwachstums überhaupt. Auch die Vorteilsrechnungen etlicher Staaten gehen nicht auf. Sie werden mit den Notwendigkeiten, die der globale Dollar- und Euro-Kapitalismus für die Bewirtschaftung ihres Landes und für die Ausstattung ihrer Macht mit sich bringt, einfach nicht fertig. Viele sehen sich geschädigt, manche ruiniert. Ihre Brauchbarkeit fürs Weltgeschäft lässt immer mehr zu wünschen übrig. Und manche Regierung sieht sich sogar genötigt, ihr Land weiterer tendenziell ruinöser Benutzung durchs internationale Kapital zu entziehen und am Ende sogar gegen den Kanon verbindlicher Werte zu verstoßen, den die Aktivisten der weltweiten Konkurrenzordnung ihnen vorgegeben haben. Der im laufenden Weltgeschäft praktisch wahrgemachten Verfügung der USA, dass der Wert ihres Geldes unterschiedslos weltweit gilt und dass Privateigentümer und Staaten in aller Welt ihrem Kredit vertrauen dürfen, steht der Anspruch der großen Dollar-Macht gegenüber, einzelne Nationen und deren Geldbesitzer vom diskriminierungsfreien Gang des Weltgeschäfts auszuschließen, die garantierte Freiheit des Eigentums, sich weltweit zu betätigen, also im gegebenen Fall auch einzuschränken. Dann wird der freie Weltmarkt, die mit ihm eingegangene geschäftliche Abhängigkeit ganzer Nationen von Dollar- und Euro-Geschäften und damit von deren politischen Oberorganisatoren, zur Waffe, die gegen Eigenmächtigkeiten ökonomisch geschädigter Nationen, gegen unliebsame Machtambitionen, aber auch gegen politisch störende Geschäfte innerhalb der westlichen Bündnispartner selber von den USA in Anschlag gebracht wird. Für Gemeinsamkeit und Konkurrenz der führenden Weltwirtschaftsnationen bei der Organisation des freien Weltmarktgeschäfts wie umgekehrt für politische Eingriffe in dieses Geschäft und dessen Instrumentalisierung als politischer Waffe in der Mächtekonkurrenz bietet die westliche Wertegemeinschaft, insbesondere deren Führungsmacht USA aktuell reichlich Anschauungsmaterial. Dazu im GegenStandpunkt die aktuellen Artikel.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Impressum

GegenStandpunkt – Politische Vierteljahreszeitschrift

erscheint in der Gegenstandpunkt Verlagsgesellschaft mbH Kirchenstr. 88, 81675 München Tel. (089) 272 16 04; Fax (089) 272 16 05 E-Mail: [email protected] Internet: www.gegenstandpunkt.com

Redaktion: Dr. Peter Decker (verantwortlicher Redakteur), T. Ebel, Dr. H. L. Fertl, H. Kuhn, W. Möhl, H. Scholler Anschrift der Redaktion und des verantw. Redakteurs: siehe Verlagsanschrift

© 2014 by Gegenstandpunkt Verlag, München. Alle Rechte vorbehalten.

GegenStandpunkt erscheint viermal im Jahr und ist zu beziehen über den Verlag oder über den Buchhandel Die Zeitschrift erscheint jeweils gegen Ende des Quartals.

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Chronik (1)

Die „Kaufkraft der Lohnminute“ – oder: die volkswirtschaftsgelehrte Verwandlung von Ausschluss in Teilhabe

Regelmäßig wird der Zeitungsleser mit einer volkswirtschaftlichen Entdeckung bekannt gemacht, für die zuletzt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IWK) die statistische Aufbereitung geliefert hat. Das Institut geht in einigen Studien der Frage nach, wie lange man heute eigentlich für eine Ware arbeiten muss, und kommt zu dem Ergebnis: Der deutsche Lohnempfänger kann „zufrieden sein“, denn die durchschnittliche „Kaufkraft der Lohnminute“ nimmt tendenziell zu. (www.iwkoeln.de. Ebenso alle folgenden Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet) Dass ein „Warenkorb, der 1950 noch dem Gegenwert einer vollen Stunde Arbeit entsprach, (…) heute bereits nach elf Minuten verdient“ ist, wird über die verschiedensten Bestandteile dieses Korbs – Brot, Bier, Kaffee, Kleidung, Waschmaschine, Fernseher, Kinobesuch, Energie usw. – ermittelt. Bei der Erklärung der unterm Strich konsumentendienlichen Preisveränderungen kommen die Männer und Frauen vom Fach auf den Grund zu sprechen:

„Teurer geworden sind (…) manche Dienstleistungen wie der Friseurbesuch – nicht zuletzt deshalb, weil bei handwerklichen Leistungen meist kaum Produktivitätssteigerungen möglich sind.“ „Besonders deutlich sind die Kaufkraftgewinne dort, wo viele elektrische oder elektronische Bauteile eingesetzt werden – der technische Fortschritt und der durch die Globalisierung verstärkte Wettbewerb drücken hier besonders auf die Preise.“

Die Rechnung mit der steigenden Kaufkraft einmal ernst genommen, also vom Kopf auf die Füße gestellt

Bemerkenswert ist an dieser Auskunft – neben dem schlechten Scherz, eine Wirtschaftsweise dafür zu loben, dass tatsächlich auch die darin tätigen Arbeiter etwas davon haben – bereits die Fragestellung, von der die Studie des IWK lebt: Wieviel Kaufkraft repräsentiert eine Lohnminute? Denn die ist absolut doppeldeutig: Wie lange man heute im Vergleich zu gestern für ein Produkt arbeiten muss, nimmt einerseits den Lohn in den Blick, den eine Arbeitsminute einbringt, sowie den Umfang an Produkten, die sich mit dem verdienten Geld kaufen lassen; darauf, auf den Arbeitenden als dem letzten Glied in der Produktionskette, als zahlungsfähigen Endverbraucher kommt es der volkswirtschaftlichen Statistik zur „Kaufkraft der Lohnminute“ an. Die gänzlich andere Auflösung derselben Frage nimmt mit dem Hinweis auf den „technischen Fortschritt“ den Arbeitsaufwand ins Visier, der zur Herstellung eines Produkts nötig ist. Dass eine „Lohnminute“ auf immer mehr Waren zugreifen kann, verdankt sich nach Auskunft des IWK dem Sinken von Warenpreisen, das wiederum im Wesentlichen auf einer Steigerung der Arbeitsproduktivität beruht, die im Herstellungsprozess dieser Waren zur Anwendung kommt, also letztlich darauf zurückgeht, dass besagte Produkte mit immer weniger Arbeit herzustellen sind.

Die Rechnung der Volkswirtschaftsgelehrten, dass die „Kaufkraft der Lohnminute“ in Abhängigkeit von Produktivkraftsteigerungen – irgendwie – zunimmt, einmal ernst genommen: Welche Implikationen sind in dem Argument des „technischen Fortschritts“ enthalten und was haben die mit der „Kaufkraft der Lohnminute“ zu tun?

Die unausgesprochene Gleichung, die in der Produktivkraftsteigerung unterstellt ist, mit der das IWK die Tendenz einer Kaufkraftzunahme pro „Lohnminute“ begründet, setzt das Arbeitsquantum, das verausgabt werden muss, um eine Ware herzustellen, und im Maße steigender Produktivkraft schwindet, ins Verhältnis zum Warenpreis: Je weniger Arbeit zur Produktion einer Ware erheischt ist, desto niedriger ist ihr Preis, d.h. das Geldquantum, das die Ware repräsentiert und im Verkauf realisiert.

Auch wenn die Konstrukteure der „Kaufkraft der Lohnminute“ nichts davon wissen wollen, über welche ökonomische Bestimmung von Arbeit und Reichtum sie mit diesen Wirkungen des „technischen Fortschritts“ reden – der von ihnen als selbstverständlich unterstellte Zusammenhang von sinkendem Arbeitsquantum und entsprechend sinkendem Warenpreis unterstellt die gemeinhin verpönte Arbeitswertlehre von Marx. Erstens heißt das ja, dass in der Marktwirtschaft an den Arbeitsresultaten als gesellschaftlich gültiger Reichtum einzig die Geldmenge zählt, die durch ihren Verkauf zu erlösen ist, die also der Käufer zahlt, ihr Wert – im Unterschied zu all den konkreten Eigenschaften der Güter, dank derer sich diverse Bedürfnisse befriedigen lassen. Wenn sich die im Warenpreis vorgestellte Geldmenge, die Wertgröße der Ware, in Abhängigkeit von der verausgabten Arbeitsmenge, unabhängig von ihrer jeweiligen konkreten Gestalt, verändert, dann bedeutet das zweitens, dass der Wert, den eine Ware repräsentiert, in dem Maße geschaffen wird, wie mehr oder weniger Arbeitszeit, also purer Arbeitsaufwand, in der Ware steckt. Die Rechnung des IWK – um den Zusammenhang noch einmal in Marx’ Worten auszudrücken – gibt auf ihre Weise zu, dass

„der Wert der Ware (…) Verausgabung menschlicher Arbeit überhaupt“ (Das Kapital, Bd. 1/59) darstellt und „die Wertgröße einer Ware nur das Quantum der in ihr enthaltenen Arbeit“ (60); und dass „dieselbe Arbeit (…) daher in denselben Zeiträumen stets dieselbe Wertgröße [ergibt], wie immer die Produktivkraft wechsle.“ (61)

Wenn das aber so ist, steht drittens damit auch fest: Für denjenigen, der die Waren kauft, mag sich der „technische Fortschritt“ lohnen, da er mit ein und derselben Geldsumme auf mehr, weil weniger Arbeitsaufwand und damit weniger Wert, also Geldanspruch repräsentierende Waren zugreifen kann. Für denjenigen aber, der die Waren herstellt, stellt sich die Steigerung der Arbeitsproduktivität als paradox dar: Der produziert in derselben Zeit vermittels gesteigerter Produktivität zwar mehr nützliche Gegenstände, aber mehr Wert, mehr von dem Reichtum, auf den es im Kapitalismus ankommt, produziert er deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Erst einmal bedeutet das ja nur, dass jedes einzelne Produkt wegen des sinkenden Arbeitsaufwands pro Ware weniger wert ist. Weil und insofern es beim Arbeiten aber auf die Herstellung eines Wert-Produkts, also darauf ankommt, dass Waren und Dienstleistungen über den Verkauf Geld einbringen, ist die Produktivkraftsteigerung, die vom Standpunkt nützlicher Arbeit betrachtet eine gesellschaftliche Errungenschaft wäre – mit weniger Arbeitsmühe verfügt die Gesellschaft über mehr nützliche Güter –, vom gesellschaftlich gültigen Zweck des Arbeitens aus gesehen völlig nutzlos. Sie mindert ja pro Ware den Zugriff auf den Reichtum, der zählt: das mit ihr zu erlösende Geld.

Wenn dennoch in der Marktwirtschaft immerzu und systematisch die Produktivität der Arbeit gesteigert wird, dann sicher nicht, weil es beim gepriesenen „technischen Fortschritt“ darum geht, den Arbeitenden Mühsal zu ersparen und ihnen mehr freie Zeit und Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu verschaffen – das ist , um es vorwegzunehmen, am Ende ja auch gar nicht das Ergebnis dieses Fortschritts. Diejenigen, die mit ihrer Arbeitsleistung den ganzen Warenreichtum schaffen, deren Arbeitsleistung also sich im Wert ihrer Produkte niederschlägt und einen Anspruch auf Bezahlung der produzierten Ware begründet, können unmöglich die maßgeblichen Subjekte einer Produktion sein, die alles, was für sie von Nutzen wäre, als geminderten Reichtum verbucht. Da bestimmen offensichtlich andere als die Arbeitenden über die produktive Tätigkeit, ziehen andere aus dem wertstiftenden Arbeitsaufwand und dem „technischen Fortschritt“ ihren Nutzen. In den Statistiken der Auskenner vom IWK kommen die wirklichen Nutznießer der Warenproduktion zwar nicht ausdrücklich vor, aber ihre Rechengröße „Lohnminute“, die entlohnte Arbeitsminuten statistisch zusammenfasst, verweist ja durchaus darauf: Das wirkliche Subjekt, das über die Produktion entscheidet und mit dem Verkauf der Produkte Geld erwirtschaftet, ist der Unternehmer, der arbeiten lässt, der die Arbeit anderer in seinem Betrieb in Anspruch nimmt und kommandiert und dafür einen Lohn zahlt – und dem deshalb die Waren gehören, die Lohnempfänger unter seiner Regie produzieren.

Das heißt zweitens aber auch: Der paradoxe Effekt, dass der ständig gesteigerte Wirkungsgrad der Arbeit das bezweckte Arbeitsergebnis, das allein zählt und auf das es den Veranstaltern allein ankommt, den Wert, mindert, kann auch nicht der eigentliche Zweck und die eigentliche Kalkulation der Unternehmer sein, die diese Produktion veranstalten und immer produktiver machen. Die rechnen ganz offensichtlich überhaupt nicht mit wertschaffender Arbeit als Reichtumsquelle, sondern stellen beim Umgang mit den von ihnen Beschäftigten eine andere Rechnung an, die ihnen die Ersparung von Arbeitsaufwand, also ausgerechnet die Minderung der Wertquelle, lohnend erscheinen lässt – und offenbar auch lohnend macht. Darüber legen die gelehrten Sprachrohre der Unternehmerschaft ebenfalls Zeugnis ab: Das IWK bespricht die durch Produktivitätsfortschritte bewirkten Preissenkungen, also die Verminderung des Arbeitsaufwands pro Ware, die es als vermehrte „Kaufkraft der Lohnminute“ anpreist, ja selber nur als Effekt von Preiskämpfen, die die Unternehmen im globalisierten „Wettbewerb“ veranstalten, um am Markt zu bestehen. Und dabei unterstellen die Propagandisten wachsender Kaufkraft der Lohnminute stillschweigend die Rechnung, die die Unternehmen, die mit niedrigeren Preisen um Marktanteile konkurrieren, tatsächlich mit der Arbeit anstellen: Dass an der nur der Preis zählt, den jede Arbeitsminute sie an Lohn kostet, sowie der Geldertrag, den sie ihnen in Gestalt verkäuflicher Güter produziert.

Tatsächlich ist den Unternehmern selber die Abhängigkeit des Warenwerts vom Quantum verausgabter Arbeit von Berufs wegen nur alsWirkung ihrer Konkurrenz um möglichst lohnenden Verkauf bekannt, als Konsequenz des Einsatzes arbeitssparender Produktionsmethoden, die ihnen ‚der Markt‘, also ihre Konkurrenten in Gestalt sinkender Warenpreise als Bedingung ihres Geschäftserfolgs stellen und die sie ihrerseits im eigenen Betrieb als Hebel nutzen, um sich gegen die Konkurrenz mit lohnenden Preisen durchzusetzen. Wertschaffende Arbeitsminuten kommen in ihrer Kalkulation ausschließlich als Lohnminuten vor – als bezahlte Arbeitsleistung, als Kostenaufwand, den sie treiben und treiben müssen, um lohnend verkaufen zu können. Sie interessiert von Anfang an nichts als die in einem Geldbetrag quantifizierbare Differenz zwischen dem Kostenaufwand für die im Betrieb angewandte Arbeit und dem Ertrag, den der Verkauf der unter ihrer Regie produzierten Arbeitsprodukte einbringt. Für sie zählt Arbeit daher nur in genau einer Hinsicht als Quelle von Wert: von mehr Wert, realisiert im Verkaufserlös, als sie in die Arbeit hineingesteckt haben, die ihnen die verkäufliche Ware liefert. Was sie daher interessiert und woran sie sich laufend zu schaffen machen, ist ein möglichst günstiges Verhältnis zwischen dem Arbeitsquantum, das für den Unterhalt der Arbeitskräfte draufgeht, d.h. zwischen der Geldsumme, die sie aus dem Verkaufserlös an Lohn verausgaben müssen, und dem Arbeitsquantum, das darüber hinaus einen Gelderlös begründet, der ihnen als den Eigentümern der Produktion und Anwendern der Arbeitskräfte als Gewinn zufällt. Je größer diese Differenz, desto lohnender das Geschäft, das sie mit ihrem Kommando über fremde Arbeit auf eigene Rechnung machen.

Die kapitalistische Natur des „technischen Fortschritts“

In dieser Rechnung spielt der „technische Fortschritt“ eine entscheidende, allerdings ganz andere als mit dem konsumentenfreundlichen Effekt der Preissenkung vorstellig gemachte Rolle. Um die Differenz von Kostenaufwand für den Einsatz von Arbeitskräften und Geldertrag, den sie als die Organisatoren der Produktion aus dem Arbeitseinsatz herauswirtschaften, zu steigern, führen Unternehmer einen ständigen Kampf um die Senkung der Lohnkosten. Dafür nutzen sie die mit ihrem Kapitaleinsatz erworbene Verfügungsmacht über die Agenzien der Produktion und die in Dienst genommenen Arbeiter. Da kommt – neben Lohndrückerei und Arbeitshetze – arbeitssparende Technik zum Einsatz; dafür und ausschließlich dafür, nämlich pro Warenprodukt bezahlte Arbeit einzusparen, und zwar mehr bezahlte Arbeit als die Investition in den „technischen Fortschritt“ kostet. Verbesserte Produktionsverfahren und Maschinerie dienen dazu, im Ergebnis das Quantum bezahlter Arbeit zu verringern und darüber den Überschuss zu steigern, den die geleistete Arbeit ihnen abliefert. Worum es bei der Steigerung der Produktivität der Arbeit also geht, ist die Steigerung der Produktivität des eingesetzten Kapitals. Dessen Produktivität ist gestiegen, auch wenn der Wert der einzelnen Ware durch die Reduktion wertschaffender Arbeit absolut sinkt, weil durch die Anwendung Produktivkraft steigernder Mittel dem Unternehmer pro Ware ein relativ größer werdender Anteil zufällt, wenn er mit seinen Investitionen in solche Mittel die Lohnstückkosten, den Lohnbestandteil pro hergestelltem Produkt, immer weiter reduziert. Die Arbeit, die noch im Betrieb verbleibt, produziert mit jeder einzelnen Ware Wert, von dem ein immer geringerer Anteil an die Lohnarbeiter weggezahlt werden muss.

Dieses Resultat der rastlosen Bemühungen um mehr Gewinn wird nicht dadurch hinfällig, dass sich die Unternehmen mit ihrer Konkurrenz um den Markt laufend den Vorteil gesunkener Produktionskosten durch Preissenkungen streitig machen. Umgekehrt: Die Anstrengungen, die Kosten zu reduzieren, sind ja darauf berechnet und taugen dazu, auch zum geringeren Preis mehr lohnend Verkäufliches zu produzieren und auf dem Markt abzusetzen. Und wenn das alle gegeneinander machen, dann nötigen sie sich eben nur wechselseitig diese Rechnung auf, so dass insgesamt die Preise sinken; die allgemein gesunkenen Preise aber repräsentieren an jeder einzelnen Ware und insgesamt ein lohnenderes Verhältnis von Kapitalaufwand für Arbeitskräfte und Kapitalertrag aus der mit diesem Lohn gekauften Arbeit. Als Ergebnis dieses Konkurrenzkampfs steht dem wachsenden Kapital eine relativ immer geringere Masse bezahlter Arbeit gegenüber. Ein Arbeiter mag nominell dasselbe verdienen, relativ, d.h. in Bezug auf das Produkt seiner Arbeit, wird er immer ärmer, weil er von einem größer werdenden Ertrag seiner Arbeit ausgeschlossen bleibt.

Wenn also die Steigerung der Arbeitsproduktivität als Hebel zur Steigerung des Wertquantums, das sich ein Unternehmer pro Ware aneignen kann, in der Konkurrenz der Unternehmen um den Markt als allgemeines Prinzip der Warenproduktion zur Anwendung kommt und dank dieser Konkurrenz zu sinkenden Preisen führt, dann mögen diejenigen, deren Arbeitsleistungen nach wie vor in Dienst genommen werden, mit ihren bezahlten „Lohnminuten“ ein Geld in Händen halten, mit dem sie sich – im historischen Vergleich – tendenziell mehr von den Waren kaufen können, die mit immer weniger Arbeitsaufwand herzustellen sind. Allerdings ist der vom IWK propagierte Kaufkraftnutzen der Konkurrenz für den lohnverdienenden Konsumenten nicht der Zweck – und am Ende auch gar nicht das wirkliche Ergebnis – des gepriesenen „technischen Fortschritts“ im Kapitalismus. Was die Propagandisten dieses Fortschritts als dessen entscheidende Leistung anpreisen, nämlich dass eine durchschnittliche „Lohnminute“ glatt auf immer mehr Waren zugreifen kann, ist in Wahrheit ein Abfallprodukt der immer perfekteren kapitalistischen Ausnutzung der Arbeit im gesamtgesellschaftlichen Maßstab: der allgemein gestiegenen Ausbeute an Wert aus der bezahlten Arbeit – der Ausbeutungsrate.

Die Konsequenzen des kapitalistischen Fortschritts für die Lohnarbeiterschaft

Um den ‚Kaufkraft‘-Effekt gewinnsteigernder Produktionsmethoden als gesellschaftliche Errungenschaft für die Lohnbezieher hochzuhalten, muss man schon absehen – und sieht das IWK mit seiner Durchschnittsberechnung eines sich ständig positiv verändernden Verhältnisses zwischen einem bestimmten Lohnquantum auf der einen und den Warenpreisen auf der anderen Seite auch ab – von allen maßgeblichen Kalkulationen, die in Wahrheit über Kapitalaufwand, Kapitalertrag, seine Steigerung und damit darüber entscheiden, welche Rolle einer von diesen Rechnungen abhängigen Lohnarbeiterschaft darin zukommt, wie deswegen ihr Arbeiten aussieht und was sie am Ende wirklich an Geld in Händen hält und sich an Konsum leisten kann. In der kapitalistischen Wirklichkeit machen die, denen der Produktivitätsfortschritt laut IWK zugutekommen soll, ganz andere Erfahrungen, als die, dass ihre „Lohnminuten“ sich für sie immer mehr lohnen würden.

Um mit der vom IWK beschworenen Kaufkraft zu beginnen. Soviel steht fest, wenn schon die Anschaffung von Auto, Fernseher und anderen heutzutage unverzichtbaren Dingen eines mobilen, zeitlich und geldlich gut einzuteilenden Arbeitnehmerdaseins als Errungenschaft gelten: Mit der Freiheit des Konsums ist es materiell gesehen soweit nicht her; das Wirtschaftsinstitut vergisst ja auch selber nicht, all die elementaren Güter wie Wohnen, Gesundheit, Energieversorgung aufzuführen, die in der Lohnminutenrechnung zunehmend negativ zu Buche schlagen. Dass, Kaufkraftsteigerung hin oder her, die Einteilungssorgen nicht geringer werden, das liegt allerdings an der anderen Seite, der Organisation von Leistung und Bezahlung der immer produktiveren Arbeit, die die Auskenner und Ausrechner des Instituts nur als durchschnittlich verdiente Geldmenge pro Minute aufführen. Denn was die Konsumenten mit ihrer Kaufkraft an sinkenden Preisen freuen mag, hat für die Lohnempfänger einen Preis, den sie als Produktionsfaktor des Kapitals zahlen müssen und der für sie gleich doppelt anfällt: bei der Arbeit und beim Lohn.

Erstens fallen den Produktivitätsfortschritten massenhaft Lohnabhängige zum Opfer, werden Beschäftigte durch Arbeit einsparende Technik überflüssig gemacht und verlieren Arbeitsplatz und Lohn. Sie sind zu viele, zu teuer – gemessen an der immer anspruchsvolleren unternehmerischen Rechnung mit der Differenz zwischen bezahlter Arbeit und deren Geldertrag –, ein durch produktivere Maschinen zu ersetzender Kostenfaktor. Verringerter Arbeitsaufwand bedeutet wegen dieser Rechnung eben keine Ersparung an Arbeit für alle, sondern eingesparte Arbeitskräfte.

Zweitens begnügt sich das Unternehmen nicht mit der Lohnstückkostensenkung, die ihm der Ersatz bezahlter Arbeitskräfte durch produktivere Maschinen aufs Ganze gerechnet einbringt. Der Gewinn entspringt schließlich nicht aus den eingesparten Lohnkosten der nicht mehr angewendeten Arbeitskraft, sondern aus dem Einsatz der weiterhin angewandten Arbeiter, der mit geringeren Lohnkosten mehr Geldertrag zu erwirtschaften erlaubt. Davon können dann die Unternehmer nicht genug kriegen, sowohl was die Arbeitszeit als auch die möglichst kostengünstige Gestaltung der Beschäftigungsverhältnisse betrifft. Und dafür taugt die Produktivitätssteigerung dann auch noch in ganz anderer Weise. Jede „Rationalisierungs“-Offensive ist unter der Regie der kapitalistischen Organisatoren immer auch ein Hebel, das Lohnniveau der weiterhin Beschäftigten „anzupassen“, also die Kosten für jede einzelne Arbeitsminute auch nominell zu senken. Durch den Einsatz neuester Technik wird die Trennung der produktiven und immer produktiveren Momente der Arbeit von der Tätigkeit der Arbeitenden vorangetrieben, bisheriges Können und Geschick hinfällig. Und das nutzen die Anwender der Arbeitskräfte nach den Gesetzen des Leistungslohns dazu, deren Leistung geringer zu bewerten, also geringer zu bezahlen. Mit dem „technischen Fortschritt“ werden Arbeitskräfte „dequalifiziert“; weil sie nur mehr einfachere Hilfsdienste an den gegenständlichen Kapitalbestandteilen leisten müssen, also auch leicht ersetzbar sind, werden ganze Teile der Belegschaft abgruppiert, verlieren ihren bisherigen Lohn, während ihre Arbeit zumeist an Eintönigkeit, Leistungsdichte und ‚Stress‘ gewinnt. Auch das, die pure Verdichtung der Leistung und pure Senkung des Lohns, trägt bei zur Steigerung der Produktivität des eingesetzten Kapitals, verbessert die Gewinnrechnung gerade so wie die Steigerung der Produktivität der Arbeit und macht die erst richtig lohnend.

Gemäß dieser Rechnung werden auch dort, wo sich zeitweilig oder dauerhaft technologische Produktivitätsfortschritte als nicht machbar bzw. als nicht lohnend, weil zu teuer, erweisen, die Arbeitskräfte für diesen Konkurrenznachteil haftbar gemacht: mit ihrer absoluten Leistungsbereitschaft und Billigkeit, für die die Unternehmer mit der Drohung des Arbeitsplatzverlustes sorgen; mit dem auch dem IWK wohl nicht unbekannten Ergebnis, dass gerade die miesesten Jobs auch die am schlechtesten bezahlten sind und dass es zur Normalität einer hochtechnisierten und hochproduktiven Ökonomie gehört, dass Millionen Arbeitskräfte mit mehr oder weniger ‚prekären Beschäftigungsverhältnissen‘ einen ganzen ‚Niedriglohnsektor‘ bevölkern.

Insgesamt nehmen mit den wachsenden produktiven Potenzen der Arbeit in Unternehmerhand also auch die unternehmerischen Mittel und Freiheiten zu, die Lohnsumme zu drücken, die Arbeitsleistung zu erhöhen, die Arbeitszeit gemäß den Betriebsbedürfnissen zu verlängern oder zu ‚flexibilisieren‘. Für die aber, die die Arbeit leisten, wird sie mit den kapitalistischen Produktivitätsfortschritten keineswegs produktiver. Sie gewinnen weder ständig an Mitteln noch an arbeitsfreier Lebenszeit, sondern erfahren beim Arbeiten und beim Geld, dass sie die Manövriermasse der Rechnung sind, die mit ihnen als Kostenfaktor angestellt wird. Sie rechnen daher auch nicht in immer kaufkräftigeren Lohnminuten, sondern können froh sein, wenn sie 35 Stunden und mehr arbeiten dürfen und einen Lohn verdienen, der für den Lebensunterhalt hinreicht. So macht sich im Arbeitsalltag der Lohnbezieher geltend, dass sie nicht die Subjekte und Nutznießer des vermehrten Reichtums sind, sondern mit ihrer Arbeit Mittel seiner Vermehrung in der Hand ihrer Anwender. Um auch das einmal in Minuten auszudrücken: In jeder Arbeitsminute, die Unternehmer verrichten lassen und bezahlen, ist mit den produktiven Fortschritten wachsender gesellschaftlicher Reichtum in Privathand eingeschlossen, von dem die Lohnarbeiter ausgeschlossen sind und der ihnen als vermehrte Geldmacht und Verfügungsmacht über ihre Arbeit gegenübertritt.

Der ideologische Ertrag der „Kaufkraft der Lohnminute“

Die immer kaufkräftigere „Lohnminute“ ist also eine pure Fiktion. Denn von all dem, was die wirklichen Gründe und Folgen der Produktionsfortschritte im Kapitalismus sind, abstrahiert das IWK zielstrebig und stellt damit die Sache gründlich auf den Kopf – für die eine Botschaft, auf die es ihm ankommt: Egal wie die Arbeits- und Einkommensverhältnisse der Lohnarbeiterschaft ausfallen, sie profitiert insgesamt vom kapitalistischen Fortschritt; ihr Wohlstand wächst – mit der steigenden „Kaufkraft der Lohnminute“ statistisch erwiesen und säuberlich ausgerechnet. So wird aus dem wachsenden Ausschluss der lohnarbeitenden Massen vom gesellschaftlichen Reichtum wachsende Teilhabe an ihm.

GegenStandpunkt 3-14

Chronik (2)

Bund Deutscher Tafeln: Ein Lückenbüßer beschwert sich über seine Funktion

Angesichts des marktwirtschaftlichen Phänomens, dass Lebensmittel zwar im Überfluss vorhanden, aber zum Verkaufen da sind, weshalb alle diejenigen, die sich das Essen nicht leisten können, hungern müssen, hat der Bundesverband Deutsche Tafel (BDT) eine bestechende Idee für ein gutes Werk: Er sammelt auf der einen Seite Lebensmittel ein, die zum Wegwerfen bestimmt sind, weil mit ihnen kein Geld (mehr) zu verdienen geht, deren Eigentümer aber zu spenden bereit sind, weil das ihr Geschäft nicht schädigt, um sie auf der anderen Seite an Bedürftige zu verteilen. Das tut der Verband seit 1993 – und verzeichnet seitdem nicht nur ein stetes Wachstum der Nachfrage, so dass er heute mit mehr als 900 Tafeln bundesweit regelmäßig über 1,5 Millionen Bedürftige versorgt; auch hinsichtlich des sozialen Charakters ist sein Empfängerkreis deutlich bunter geworden: Waren anfangs noch Obdachlose die Hauptabnehmer, so sind es inzwischen z.B. ALG-II-Empfänger, Alleinerziehende, Studenten, Beschäftigte, Flüchtlinge und, nicht zuletzt, viele viele Kinder.

Die Arbeit geht dem BDT also absehbarerweise nicht aus – aber eine Gefahr bei der flächendeckend organisierten Mildtätigkeit entdeckt sein Vorsitzender Jochen Brühl schon:

„Die Politik darf sich nicht auf dem Engagement der Zivilgesellschaft ausruhen.“ (SZ, 27.5.)

Offenbar tut sie es. Offenbar entdecken diejenigen, die ihrer Gesellschaft eine Wirtschaftsweise aufherrschen, in der nur ein zahlungsfähiges Bedürfnis zu dem Seinen kommt, in der privat initiierten Mildtätigkeit gegenüber den vielen Armen, die sich notwendigerweise ansammeln, eine sehr begrüßenswerte Sache. Solche aus persönlichen Beweggründen zustande gebrachten Hilfsdienste bringen nämlich keinen einzigen Sachzwang der Marktwirtschaft durcheinander, entlasten aber den Staat ein Stück weit von Kosten und Aufwand der Verwaltung verelendeter Volksteile. Die Tugend braver Bürger, angesichts der notorischen gesellschaftlichen ,Missstände‘ Privatinitiative zu ergreifen und ehrenamtliches Engagement zu zeigen, wird deshalb von oberster Stelle goutiert, z.B. mit der Vergabe des Verdienstorden des Bundespräsidenten oder durch die Schirmherrschaft der Kanzlerin. Der BDT weiß also um diesen zynischen Umgang der Politik mit der privaten Mildtätigkeit; er durchschaut die Funktionalisierung von Vereinen wie dem seinen für die Entlastung des Staatshaushalts von Almosen für die Armut, wenn er die Obrigkeit anklagt, dass sie sich auf dem ehrenamtlichen Engagement „ausruhen“ würde.

Das ist das eine. Das andere ist der Standpunkt gegenüber der Staatsgewalt, den der BDT zugleich sehr selbstgewiss mit seiner modalen Wendung „darf sich nicht …“ zum Ausdruck bringt und geltend macht: dass die Obrigkeit nämlich eigentlich damit beauftragt wäre, die „Ursachen von Armut“ zu bekämpfen und eine soziale „Verantwortung und Fürsorgepflicht“ zu praktizieren, aus der sie sich nicht stehlen dürfe. Der negative Befund über die wirkliche Praxis des Regierens, zu dem der BDT selber gelangt; sein eigenes Bewusstsein davon, dass Vereine wie der seine gerne als nützliche Idioten billiger Armutsbetreuung funktionalisiert werden, widerspricht zwar diesem der Staatsgewalt zugesprochenen sozialen Auftrag ziemlich fundamental, und verweist darauf, dass sie ihre Macht ganz anderen Dingen widmet. Das hält der Verband aber überhaupt nicht für einen Einwand gegen seinen Maßstab, an dem er den Staat misst, sondern für ein Dokument dessen, dass die praktizierte Politik sich an dem vergeht, was sie eigentlich zu tun hätte. Nämlich dem idealistischen Bild von Herrschaft zu entsprechen, in welchem der BDT diese als ,Bekämpferin‘ von Armut zeichnet:

„Die Tafeln können Armut nur lindern, aber nicht ihre Ursachen bekämpfen. Das ist Aufgabe des Sozialstaates.“ (Vorsitzender Brühl, Pressemitteilung 26.5.)

Die Erkenntnis über die Macht des Staates, dass diese so ungleich viel nachhaltiger auf gesellschaftliche Verhältnisse einwirkt als es privat organisierte Mildtätigkeit je vermag, führt beim BDT deshalb nie und nimmer zu dem Schluss, dass Armut dann möglicherweise das Resultat ihres Wirkens ist. In dem idealistischen Bild vom ,Sozialstaat‘ steht laut Auskunft des Verbandes der menschenfreundliche Auftrag dieser Machtinstanz über bürgerliche Lebensbedingungen felsenfest, und erklärt sich die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen um seine Tafeln drängeln, ganz aus der Verantwortungs- und Tatenlosigkeit der Obrigkeit. In der Anklage der praktizierten Politik, der er gar nicht genug Schlechtes nachzusagen weiß, drückt er so sein fundamentales Vertrauen in den Staat und dessen ,eigentliche‘ Ziele und Zwecke aus.

Das hat genau eine praktische Konsequenz. Nicht für die Ausübung der Staatsgewalt, aber für das Aufgabenspektrum und das Auftreten des BDT. Arme werden nicht mehr bloß gefüttert, sondern sorgfältig gezählt und katalogisiert, damit der Verband mit diesem Material seiner Obrigkeit als ihr schlechtes Gewissen und sie belehrende Instanz gegenübertreten kann:

„Wir erleben, dass Armut und Armutsbedrohung weiter in der Gesellschaft verbreitet sind als die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht vermittelt… Die Tafeln sind eine Kompassnadel für gesellschaftliche Entwicklungen. Bei uns wird die Not der Menschen sichtbar… Die Politik darf hier nicht einfach wegsehen.“ (Ebd.)

Der tiefere Sinn der Dauerübung, einer Instanz, der man bescheinigt, Armut zu beschönigen oder „einfach wegzusehen“, noch drastischere Armutszahlen und die Aufdeckung vielfältiger gesellschaftlicher Fehlentwicklungen öffentlich entgegenzuhalten, liegt einzig und allein darin, den unbezweifelbar guten Auftrag der Herrschaft dadurch zu bezeugen, dass man zeigt, wie sehr er von der Obrigkeit mal wieder nicht verwirklicht worden ist.

GegenStandpunkt 3-14

Chronik (3)

Chattanooga – ein amerikanischer Kampf um Gewerkschaftsvertretung bei VW

Anlässlich eines Referendums über die Zulassung der amerikanischen Autogewerkschaft UAW im VW-Werk von Chattanooga in Tennessee erfährt man in der deutschen Presse, dass es nach amerikanischer Gesetzeslage eines Mehrheitsentscheids der Belegschaft bedarf, damit eine Gewerkschaft sich als deren Interessenvertretung in einer Fabrik etablieren darf; und dass sich die UAW im Süden der USA, wo sich ausländische Automobilfabrikanten bevorzugt niedergelassen haben, seit Jahrzehnten vergeblich um dieses Privileg bemüht. Die Abstimmung bei VW soll da eine Wende bringen, und – so wird berichtet – der deutsche Vorzeigekonzern unterstützt das Vorhaben sogar. Eine Mehrheit der dort bei VW beschäftigten Arbeiter aber stimmt dagegen. Die hiesigen Berichterstatter äußern einhellig ihr Unverständnis darüber, dass das Wolfsburger Erfolgsmodell „Mitbestimmung“ abgelehnt wird, das sich hierzulande doch so bewährt, und viel Verständnis für das Bemühen der UAW um eine organisierte Arbeitervertretung im Unternehmen; sie hätten sich mit dieser Gewerkschaft die Einführung eines Stücks ‚deutscher Unternehmenskultur‘ in den USA gut vorstellen können...

Das Argument der UAW für eine Gewerkschaftsvertretung: ihre tätige Einsicht in die Härten kapitalistischer Standortkonkurrenz

Kein Wunder. Tritt doch die UAW mit dem Versprechen an, „in den USA neue Standards für innovative Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen einzuführen, die dem Unternehmen, der gesamten Belegschaft, den Shareholdern und dem Gemeinwesen im Allgemeinen Vorteile bringen.“(Bloomberg News, 4.2.14). Die Interessenvertretung der Arbeiter wirbt bei ihren Adressaten nicht für sich als deren Partei, die sich mit ihrer organisierten Macht für deren Interesse an Lohn, Altersversorgung und erträglichen Arbeitsbedingungen gegen die Unternehmerseite einzusetzen gewillt ist. Sie bringt sich von vornherein als Sachwalter eines überparteilichen Standpunkts guter Betriebsführung ins Spiel und verspricht, sich als mitwirkende Kraft für ein Gemeinschaftswerk ‚Unternehmen‘ starkzumachen, das alle Beteiligten zu dem Ihren kommen lässt: Mit ihrem ‚innovativen‘ Angebot will sie keinen Gegensatz der Unternehmensinteressen an Gewinn und politischen Interessen an lukrativen Geschäften in der Region zum Lohninteresse der Beschäftigten gelten lassen. Im Gegenteil: Sie distanziert sich ausdrücklich von der Rolle einer Einspruchsinstanz gegen die Ansprüche, die Unternehmen und Politik für einen konkurrenzfähigen Standort an die Belegschaften stellen. Den Vorwurf, die Gewerkschaft würde sich als Störfaktor unternehmerischer Freiheit betätigen, weist ihr Chef Bob King mit Verweis auf die gewerkschaftliche Beteiligung an der Rettung von Unternehmen – und damit von ‚Arbeitsplätzen‘ für die Belegschaft weit von sich:

FAZ: „Hochrangige Politiker aus Tennessee sagen, die UAW sei ein negativer Standortfaktor ...“

King: „Was für ein Unfug, die sollten es besser wissen. Wir haben zum Beispiel maßgeblich dazu beigetragen, dass ein Werk von GM in Tennessee gerettet worden ist. GM investiert wieder viel Geld in diesen Standort.“ (Interview mit UAW-Chef King, FAZ, 14.1.14 )

Die Rettungsleistung, für die King Anerkennung beansprucht, hat einen eindeutigen Inhalt, zu dem er sich in Form einer Selbstkritik ausdrücklich bekennt:

FAZ: „Ihnen schlägt in Tennessee viel Feindseligkeit entgegen. Hier heißt es, die UAW sei für den jahrzehntelangen Niedergang der amerikanischen Autoindustrie verantwortlich.“

King: „Die Schwierigkeiten der amerikanischen Hersteller hatten viele Gründe: zum Beispiel ein Produktportfolio, das an den Erwartungen der Kunden vorbeiging. Aber sicher war auch die Gewerkschaft früher manchmal kontraproduktiv.“ (Ebd.)

Auch wenn der Gewerkschaftsboss nicht gleich alle ‚Schuld‘ für die Konkurrenzsorgen der Automobilunternehmen auf sich nimmt – in der Vergangenheit mit überzogenen Forderungen die Wettbewerbsposition amerikanischer Autokapitale geschädigt zu haben, den Schuh zieht sich der UAW-Funktionär schon an: Wenn den Konzernen das Produzieren in Detroit zu teuer geworden ist und sie zu Protokoll geben, dass ihre Rechnungen sich nicht mit bisherigen Stundenlöhnen, Krankenversicherung für die Beschäftigten samt Familie und womöglich gar noch mit einer Betriebsrente 1) vertragen, dann spricht das nicht gegen diese Rechnungen, sondern gegen die ‚Besitzstände‘ und eine Gewerkschaft, die sie viel zu lange verteidigt hat. So eine Gewerkschaft will die UAW schon seit geraumer Zeit nicht mehr sein. Also, so ihr Selbstverständnis, hat sie die Feindseligkeit der Unternehmen auch nicht mehr verdient und muss sich auch nicht mehr nachsagen lassen, mit irgendeiner gewerkschaftlichen Gegenwehr Unternehmen in den Ruin getrieben zu haben. Sie betätigt sich ja längst als positiver Standortfaktor und ‚rettet‘ ganze Fabriken.

Wie das geht, hat die UAW in den letzten Jahren eindrucksvoll vorexerziert. Die Gewerkschaft beteiligt sich konstruktiv am Abbau einstmals von ihr erstrittener Leistungen, die den Ruf der auto workers als ‚Elite‘ der amerikanischen Arbeiterklasse begründet haben:

„Seit 2007 haben die United Auto Workers den Autofirmen das Recht zugestanden, bei Neueinstellungen bislang übliche Prinzipien der Lohnzahlung außer Kraft zu setzen sowie betriebliche Sozialleistungen zu kürzen oder ganz zu streichen, so die Krankenversicherung für Rentner, das Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit, Arbeitsplatzgarantien und Rentenzahlungen; im Gegenzug für den Erhalt von Arbeitsplätzen, die sonst nach Mexiko oder Asien verlagert worden wären.“

Der gewerkschaftliche Beitrag zur Sicherung des Bestands der Arbeitsplätze besteht in der Anerkennung der immer anspruchsvolleren unternehmerischen Maßstäbe für rentable Arbeitsplätze, der schrittweisen Preisgabe des bisherigen Lohns und der sogenannten benefits, die überhaupt erst erlauben, ein Arbeitsleben mit seinen Phasen von Krankheit und Rente halbwegs durchzustehen.2) Radikal verbilligte Arbeitsplätze – und der Abbau aller nicht mehr lohnenden – sind eine unerlässliche Bedingung für ihren Erhalt: Mit dieser Leitlinie gewerkschaftlicher Vertretung hat es die UAW in kürzester Zeit weit gebracht:

„Die Abkehr von der jahrzehntelang üblichen Gewerkschaftspolitik im amerikanischen Automobilsektor schlägt sich darin nieder, dass die Löhne, die dort neu eingestellten gewerkschaftlich organisierten Arbeitern gezahlt werden, inzwischen weitgehend niedriger sind als der Durchschnitt der Löhne, die in anderen Sektoren der produktiven Industrie, etwa in der Metall- und Holzproduktion oder in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie gezahlt werden.“ (beide Zitate: http://www.bloomberg.com)

Die UAW – durch die antigewerkschaftlichen Fortschritte der kapitalistischen Standortkonkurrenz belehrt

Die selbstkritische Einsicht der UAW, für falsche Privilegien ihrer Klientel gekämpft zu haben, ist durch die Konkurrenz gefördert worden, die die Kapitalisten ihr und ihrem Vertretungsmonopol in den USA zunehmend eröffnet haben. In jahrzehntelangen Kämpfen hatte die UAW bei den damaligen Weltmarktführern der ‚Big Three‘ aus Detroit nicht nur um bessere Arbeitsbedingungen, sondern gleichzeitig immer auch um ihre gewerkschaftliche Machtposition gestritten und ihren Vertretungsanspruch gegen alle Versuche der Unternehmen verteidigt, den leidigen Einigungszwang mit der Gewerkschaft abzuschütteln.3) Der lange Arm der UAW reichte dabei stets so weit, dass sie in den industriellen Zentren des Automobilbaus das Vertretungsrecht in jeder neuen Fabrik wie selbstverständlich für sich gewann. Damit ist es inzwischen vorbei. Die Ansiedlung neuer Autofabriken im Süden der USA unterläuft diesen Vertretungsanspruch der UAW und das von ihr erstrittene Lohnniveau. Arbeitskräfte lassen sich angesichts des im Süden vorherrschenden niedrigen Lohniveaus und der Masse an Arbeitssuchenden zu vergleichsweise niedrigen Löhnen akquirieren, weil selbst die immer noch ein besseres Auskommen bieten als die ortsüblichen Jobs. Diesen Standortvorteil gilt es nach dem Interesse der Unternehmen auf jeden Fall zu sichern bzw. auszunutzen, indem bzw. dafür, dass die Gewerkschaft aus den Betrieben herausgehalten wird. Die neu angesiedelten Unternehmen machen sich dafür die Gesetzeslage, die vor jede gewerkschaftliche Vertretung die mehrheitliche Zustimmung der Belegschaft dazu vorschreibt, zunutze: Das erpresserische Argument tut da seine Wirkung, dass sie schließlich gerade wegen der Aussicht, die Arbeitsbedingungen nicht mit der Gewerkschaft aushandeln zu müssen, in den Süden gekommen seien und die ersehnten Arbeitsplätze geschaffen hätten; die deshalb sofort in Gefahr geraten, wenn dieser Standortvorteil entfallen sollte. Diese Logik lassen sich die Arbeiter im Süden so umfassend einleuchten, dass die UAW dort kein Bein auf den Boden bekommt.4) Und das bleibt auch für die Arbeitsplätze und Löhne in Detroit nicht folgenlos. Die Kombination der Produktivkraft modernster Fabrikanlagen mit billiger Arbeitskraft zu einer Autoproduktion mit überlegener Rentabilität auf dem inneramerikanischen Standort setzt für die Produzenten in Detroit neue Konkurrenzmaßstäbe in puncto rentable Arbeitsplätze. Also machen sie der UAW die Rechnung auf, dass die Produktion nur weitergeht, wenn sie durch eine radikale Senkung der Lohnkosten den neu gesetzten Konkurrenzstandards genügt. Die Drohung besteht dabei nicht allein in der Alternative, ebenfalls gen Süden abzuwandern. Die Produktivkraftsteigerung, mit der die Unternehmen massenhaft bezahlte Arbeitskräfte überflüssig gemacht haben, und die zusätzlichen Massen an Entlassungen wegen anhaltender Krisenlage sorgen schließlich dafür, dass auch im traditionellen Zentrum der Autoindustrie kein Mangel an unbeschäftigten Arbeitskräften herrscht, die bereit sind, den Vergleich mit ihren Schicksalsgenossen aus dem Süden auszuhalten. Diese Fortschritte der Unternehmenskonkurrenz, tatkräftig unterstützt von der Politik,5) untergraben also die einst errungene Machtposition der Automobilarbeitergewerkschaft. Die UAW stößt damit an die Grenzen ihrer collective bargaining power.