Geheimakte Rumpelstilzchen -  - E-Book

Geheimakte Rumpelstilzchen E-Book

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Beschreibung

Die meisten von uns haben den mystischen Zwerg »Rumpelstilzchen« seit Kindertagen als bösartig und furchteinflößend in Erinnerung. Doch könnte nicht sein, dass er in unserer Zeit ganz anders in Erscheinung tritt? Vielleicht ist er ja das Opfer übelster Nachrede, dem nie eine Möglichkeit gegeben wurde, sich von allen Vorwürfen reinzuwaschen? Nun haben sich 10 Autoren und der wunderbare Illustrator Kadeé zusammengefunden, um von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit dem sagenumwobenen Männlein zu berichten.

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Geheimakte Rumpelstilzchen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Kadée

Schnee für Rumpelstilzchen: Matthias Albrecht

Soko Zwerg: Jana Heidler

Wer Rumpelstilzchen wirklich war: Susanne Weinsanto

Belauscht: Iris Fritzsche

Das Stadtparkphantom: Reni Dammrich

Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich in der realen Welt Ausnahmezustand heiß!: Susanne Ulrike Maria Albrecht

Dorada Rumpelstolz: Astrid Gavini

Lasst Rumpelstilzchen gut werden: Nancy Meissner

Rumpelstilzchen: Udo Rupp

Gutes Tun beflügelt: Susanne Ulrike Maria Albrecht

Fee als Nebenjob: Jana Heidler

Rumpelstilzchen und das Seniorenheim: Iris Fritzsche

Wer anderen eine Grube gräbt: Reni Dammrich

Vitae

Matthias Albrecht

Schnee für Rumpelstilzchen

Es war zur Zeit des ausgehenden Mittelalters. Da machte ein Gnom von sich reden, der den Frauen des Landes, gleich ob arm oder reich, für ihr Neugeborenes ungeahnte Reichtümer versprach. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um weibliche oder männliche Säuglinge handelte.

Nun sollte man denken, dass insbesondere arme Leute dieser Versuchung nicht zu widerstehen vermochten; dem war jedoch nicht so. Sie liebten ihre Kinder zumeist ungleich mehr als Adlige und reiche Gutsbesitzer, sofern es sich hier nicht gerade um den erstgeborenen Thron- oder Erbfolger handelte. Das mag jeder Logik entbehren, doch ausgerechnet diese Reichen hatten nie genug Geld oder Vermögen, um sich noch mehr Luxus zu gönnen, noch mehr Kriege zu führen, noch mehr Ländereien zu erwerben oder sich im Wettbewerb mit Ihresgleichen das noch schönere Schloss und die noch größere Dienerschar zu leisten.

Auch war dem zahlreich vorhandenen, sogenannten „verarmten Adel“ sehr daran gelegen, seine Schulden zurückzahlen und sich endlich wieder im Glanze der ihm angestammten, anerkannten Würde sonnen zu können.

Was der Gnom mit den Kindern vorhatte, sagte er nicht. Aber er hielt stets Wort. Für jeden neugeborenen Säugling zahlte er mit gediegenen Schmuckstücken aus Edelmetallen jeglicher Art. Ein Vermögen, mit dem Arme ein Leben lang, und Schwerreiche, bei denen moralische Überlegungen zumeist nicht die Erste Geige spielten, immerhin noch für die Dauer eines Monats alle finanziellen Sorgen vergessen konnten.

Doch auch die strenggläubigen Ärmsten der Armen hatten oftmals keine Wahl. Wenn der Hunger ständiger Gast bei Tische war und die dringend benötigten Medikamente für das todsterbenskranke Familienmitglied nicht bezahlt werden konnten, blieb die Moral auf der Strecke. Denn von deren Aufrechterhaltung wurde man damals nicht satt. Und gesund schon gar nicht.

Der Gnom hatte also keine Schwierigkeiten damit, seine frischgeborenen Neuzugänge in ausreichender Zahl zu erwerben. Doch was tat er nun mit ihnen? Wofür brauchte er sie?

Da er es nicht verriet, machten sich die Leute ihre Gedanken. Einige vermuteten, er würde die Kinder zusammen mit seinen Volksgenossen fressen, um sich die Fertigkeiten und Fähigkeiten der Menschen anzueignen. So wie die Kannibalen dieser Welt noch Jahrhunderte später die Herzen und andere Körperorgane ihrer geschlagenen Gegner verspeisten, damit deren Mut und Kraft auf sie übergehen mochten. Andere „Geistesverwandte“ glaubten, dass Teile der Säuglinge – getrocknet oder in Essigsäure aufgelöst – als Wundermittel gegen Gicht, Impotenz, Unfruchtbarkeit oder unzureichende Libido Verwendung finden sollten. Paradox und makaber zugleich: Säuglinge mussten sterben, um Kinder zeugen zu können!

Diesem bereits zu damaliger Zeit ungesetzlichen Treiben Einhalt zu gebieten, war nicht möglich, denn es galt das Prinzip: Was jeder weiß, doch niemand wissen darf! Oder noch ignoranter: Was nicht sein darf, das nicht sein kann! Hätte es nur die unteren Bevölkerungsschichten betroffen, wäre des Gnoms illegaler Kinderkauf auf Bestrebungen der Herrschenden bald zum Erliegen gekommen. So aber waren es in der Regel die Vermögenden, die ihm mit ihrer Raffgier in seine klobigen Hände spielten. Und, mal ehrlich, welche Krähe hackt schon der anderen ein Auge aus?

Ihr habt es sicher längst vermutet, dass mit unserem Gnom niemand anderes gemeint ist als das sagenumwobene Rumpelstilzchen. Was ihr jedoch von diesem märchenhaften Wesen aus der Feder der Gebrüder Grimm zu wissen glaubt – vergesst es getrost. Zumindest fünfundneunzig Prozent von alldem. Denn hier nun kommt die Wahrheit über das ominöse Rumpelstilzchen. Lest diese Offenbarung getrost bis zum Ende. Dann könnt ihr selbst entscheiden, welche Variante ihr favorisieren wollt.

Rumpelstilzchen war der König des Gnomenreichs und somit Chef und Anführer. Er allein hatte die Macht und Befugnis, zu entscheiden, was aus seinem Volk wurde. Und dieses vertraute ihm. Ließ ihm freie Hand bei all seinen Bemühungen und Unterfangen, das Beste für die Seinen herauszuholen. Egal, worum es sich drehte.

Sein lustiger Name, der nie einem Menschen zu Ohren gekommen war, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Gnom faustdick hinter selbigen hatte. Denn als die Zeiten schwerer wurden, die Hexen- und Ketzerverfolgungen verebbten und die Menschen vom Aberglauben nach und nach abzufallen drohten, fürchtete Rumpelstilzchen um die weitere Existenz seines Volkes auf Erden. Zwerge, Elfen und Kobolde hatten sich bereits aus dem Staub gemacht. Die Wissenschaft war auf dem Vormarsch, seit niemand mehr wegen seiner Überzeugung auf dem Scheiterhaufen den Flammentod fand. Die Herrschaft des Mystischen, Übernatürlichen schien ihr Ende gefunden zu haben.

Was sollte nun werden? Ohne diese leichtgläubigen, furchtsamen Menschen konnten die Gnome ihre Schätze nicht veräußern. Und damit nicht überleben. Denn Gold allein machte sie nicht satt. Solange es nicht zu Schmuck verarbeitet war, hatte es überdies keinen Wert. In den Händen der Menschen verwandelte es sich zu dem viel gescholtenen, billigen „Zwergengold“, das schlussendlich nur aus unnützem Glimmer bestand. Viel weniger wert als ein gleichgewichtiger Feldstein, welchen man immerhin noch für das Pflastern einer Straße verwenden konnte oder dafür, dem ungeliebten Nachbarn im Streit den Schädel zu beklopfen.

Doch da griff Rumpelstilzchens spontane Idee: Die Menschen, also gerade die, welche für das Dilemma verantwortlich zeichneten, würden die Lösung sein. Sie waren ja, allem Fortschritt zum Trotz, Mysterien gegenüber noch immer sehr angetan und somit gut zu manipulieren.

Um zu verstehen, was ihn antrieb, muss man wissen, dass die Hände der Gnome nicht gerade feingliedrig zu nennen sind. Es fällt ihnen ungeheuer schwer, filigrane Kunstwerke aus dem gewonnenen Gold und Silber herzustellen. Ihre Feinmotorik gleicht der einer Abrissbirne oder – im besten Fall – eines Vorschlaghammers. Erschwerend kam damals hinzu, dass immer weniger von ihnen die Goldschmiedekunst erlernen wollten, dauerte es doch etwa hundert Menschenjahre, bis ein Gnom sein Handwerk zufriedenstellend beherrschte.

Noch waren die Schatzkammern mit dem in mühsamer Arbeit gefertigten Geschmeide mäßig gut gefüllt, doch würden sie es nicht mehr lange sein. Und dann wäre es aus mit Rumpelstilzchens Volk.

Freiwillig würden die Menschen den Gnomen nicht helfen – das war klar. Also musste man sie zwingen. Oder auf geeignete Art überzeugen. Und so verfiel Rumpelstilzchen auf den Gedanken, sie ihrer Kinder zu berauben. Nein, nicht eigentlich zu berauben, denn er bot ihnen ja etwas im Tausch: Silber- und Goldgeschmeide. Schmuckstücke, welche sich nicht in Glimmer verwandelten, wenn die Menschen sie in ihren Händen hielten.

Mit den so erworbenen Kindern hatte Rumpelstilzchen leichtes Spiel. Sie lernten ja ihre wahren Eltern nie kennen. Wuchsen bei den Gnomen auf, um letztlich selbst wie diese zu denken und zu handeln. So waren sie willenlose, formbare Werkzeuge in den Händen der Gnome. Sie wurden darüber hinaus bewusst einfach und dumm gehalten. Einzig und allein darauf getrimmt, unter dem Einfluss leistungssteigernder Drogen, das pure Gold professionell zu bearbeiten und künstlerische Kostbarkeiten zu fertigen.

Dann kam der Tag, an dem die Menschenkinder ohne erkennbare Ursache nachlässig wurden. Fast jedes Kleinod ließ qualitativ zu wünschen übrig. Fehler häuften sich. Schmuckstücke verloren ihren Wert und wurden in den Händen der Menschen zu Glimmer. Das war ein für Rumpelstilzchen unhaltbarer Zustand!

Er ging der Sache auf den Grund und mutmaßte, dass die den Menschenkindern verabreichten Drogen eine Art von Resistenz bewirkt hatten. Die bisherige Dosis reichte einfach nicht mehr aus. Ein Zuviel des Guten konnte jedoch ebenso problematisch sein.

Was nun tun? Rumpelstilzchen beschloss, es auf eigene Faust herauszufinden und begann, an sich selbst mit einer neuen Art von Drogen zu experimentieren: Einem weißen Pulver, das aus den Bergen eines fernen Landes stammte, und das man sich in die Nase zog. Er tat dies in aller Heimlichkeit, denn führte sein Selbstversuch zu nichts, verlor er vor seinem Volk weder sein Gesicht noch seinen Königsstatus. Und erwies sich das Experiment als Treffer, konnte er sich weiterhin im Glanze seiner Genialität sonnen.

Beim ersten, vorsichtigen Versuch empfand er zunächst nur eine gewisse Euphorie. Dann nahm er die doppelte Dosis zu sich und sah Farben und goldene Sterne. Er flog durch glitzernde Nebel, atmete die herrlichsten Düfte, tauchte mit den schönsten Frauen seines Reichs in nie geahnte Wonnen. Und hatte Ideen, die ihm in hundert Jahren nicht in den Sinn gekommen wären. Dass er für den Rest des Tages mit glasigen Augen, einem feuchten Höschen und Dauergrinsen im Gesicht durch seinen unterirdischen Palast taumelte, war für ihn (und nur für ihn) dabei von untergeordneter Bedeutung.

Doch wenige Wochen später – noch bevor er seine neue Errungenschaft an den Menschenkindern testen konnte – ging es mit Rumpelstilzchen endgültig bergab. Sein mitternächtlicher Tanz um das Zauberfeuer und der dabei aufgesagte, immer gleiche Spruch, welcher seine mystische Gnomenkraft alltäglich zu erneuern vermochte, schien plötzlich nicht mehr zu wirken. Sobald es auch nur ein Wort falsch aussprach, loderte das Feuer in giftgrünen Flammen auf, worauf unser Rumpelstilzchen seine Kräfte schwinden spürte. Als es noch nicht auf Kokain war, konnte es den Spruch ohne zu stottern fehlerfrei aufsagen: „Heute back ich, morgen brau ich, und übermorgen hole ich der Königin ihr Kind! Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Dabei spielte es keine Rolle, wessen Kind sich der Gnomenkönig wirklich zu holen gedachte; das erste Neugeborene, dessen er sich bemächtigte, war aber nun mal das der Königin gewesen. Seitdem hatte sich dieser Spruch bei allen nachfolgenden Kindeserwerbungen immer wieder bestens bewährt.

Und jetzt bekam er ihn nicht mehr zusammen! So sehr er sich auch bemühte. Das Kokain, von dem er nicht mehr lassen konnte, hatte ganze Arbeit geleistet.

Als die Gnome bemerkten, dass ihr König seine Zauberkraft verlor und er sich massiv weigerte, seiner Drogenabhängigkeit zu entsagen, setzten sie ihn kurzerhand ab und jagten ihn davon. Das war unumstößliches Gnomenrecht.

In der Folge wurden keine Neugeborenen mehr „rekrutiert“; das Gnomenreich zerfiel nach und nach, und sein Volk zerstreute sich in alle Welt. Die von Rumpelstilzchen erkauften Menschenkinder nahm es mit sich im Glauben, dass diese ihm unter Umständen noch gute Dienste zu leisten vermochten.

Und was wurde aus Rumpelstilzchen? Es hatte keine finanziellen Mittel mehr, sich Drogen zu beschaffen. Doch konnte ihm auch sein unfreiwilliger, kalter Entzug nicht mehr helfen; sein kleines Gnomenhirn war ohnehin längst von dem weißen Pulver zerfressen. So tanzte es, von Krämpfen geschüttelt, noch monatelang weiterhin um sein Feuer im tiefen, für Menschen unzugänglichen Wald und versuchte, seine schwindenden Kräfte zurückzugewinnen.

„Heute pack ich ’s, morgen klau ich, und übermorgen mach ich der Königin ein Kind!“ Zisch – grellgrüne Funken stoben aus dem Feuer.

„Nein falsch. Jetzt aber: Heute lach ich, morgen rauch ich, und übermorgen ist die Königin dann blind!“