Geheimnisflut - Nelly Pliem - E-Book

Geheimnisflut E-Book

Nelly Pliem

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Beschreibung

Womit kann man einen wortkarg pragmatischen Gesetzeshüter am besten aus der Fassung bringen? Natürlich mit einer Frau, einem Pubertier und der Enthüllung folgenreicher Familiengeheimnisse inklusive Verbrecherjagd. Nicht ganz so selbstlos, wie es zunächst scheint, verkürzt Markus kurzerhand seinen Heimaturlaub und macht sich auf Emmas Bitte hin mit Katharina und deren Tochter Paula auf den Weg in die USA. Doch schon der Flug in seine Wahlheimat gestaltet sich extrem chaotisch, und als er Katharina und ihre pubertierende Tochter dann auch noch in seinem Apartment unterbringen muss, wird er mehr und mehr in die mysteriöse Familiengeschichte der beiden verwickelt. Als Polizist ganz Freund und Helfer unterstützt er Katharina bei der Suche nach einem alten Bekannten ihrer Großmutter und versucht, das schwierige Verhältnis zwischen ihr und Paula zu verbessern. Doch dadurch gerät nicht nur sein eigenes, sorgsam gehütetes Dunkel ans Licht, sondern er entdeckt auch eine Flut von Geheimnissen, die alle miteinander verwoben zu sein scheinen und Katharina und Paula mehr als nur in große Gefahr bringen. Ein spannender Roman über lange und steinige Wege zur großen Liebe, die allen Umständen zum Trotz immer ein Happy End bekommen sollte.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Meiner Tante Hedwig in liebender Erinnerung

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Epilog

PROLOG

18. Oktober 1944

HEDWIG stand in der Küche ihres Elternhauses und ihre Mutter packte gerade ein dünn mit Schmalz bestrichenes Brot in ein mit Fettflecken übersätes Stück Papier. Hedwig hatte schon die Tasche in der Hand, die ihre Mutter aus einigen Stoffresten genäht hatte und Unterwäsche, Strümpfe und Hedwigs zweites Leinenkleid zum Wechseln enthielt. Sie nahm das Brot, das bis zum Abend ihren Hunger stillen musste, und legte es zu ihren Anziehsachen. Dann verschloss sie die Tasche mit den beiden Knöpfen, die ihre Mutter zwischen den Henkeln befestigt hatte, die sie aus dem speckigen Leder eines alten Gürtels angenäht hatte.

In den letzten Wochen war das zu einem morgendlichen Ritual geworden. Das Brot gegen den Hunger und die Wäsche, falls eine Rückkehr in ihr Zuhause nicht mehr möglich sein würde. So ausgerüstet machte sie sich jeden Tag auf den Weg in den Kindergarten, in dem sie bei der Betreuung der Mädchen und Jungen half.

Aber heute war es irgendwie anders. Ihre Mutter schaute sie mit verweinten Augen an. Sie sah sehr erschöpft aus, so als hätte sie in der Nacht zu wenig geschlafen.

Gestern Abend, als die zwei Soldaten an die Haustür geklopft hatten, war Hedwig von ihrer Mutter in ihr Zimmer geschickt worden. Natürlich hatte sie durch das Schlüsselloch gespinkst und gesehen, dass ihre Mutter den beiden Männern schon kurz nach deren Auftauchen einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Danach war sie ins Schlafzimmer gegangen und erst wieder herausgekommen, als es heute Morgen Zeit war, ihrer Tochter ein Brot zu schmieren.

Hedwig schaute auf die Tasche in ihrer Hand und fragte: „Mutti, was wollten die Soldaten gestern Abend von dir?“

„Nichts Wichtiges. Sie haben gefragt, ob wir auch evakuiert werden wollen“, antwortete ihre Mutter und drehte ihr dabei den Rücken zu.

„Aber das möchtest du nicht?“

„Nein.“

„Aber es fallen doch immer öfter Bomben auf Bonn, sogar das Krankenhaus wurde schon getroffen. Darüber hast du doch vorgestern erst mit Frau Schmitz gesprochen?“

„Hedwig, vertrau mir, wir sind hier auf der rechten Rheinseite sicher. In Beuel gibt es nichts, was sich zu bombardieren lohnt.“

„Außer das Krankenhaus“, erwiderte Hedwig patzig und ihre Mutter drehte sich um und schaute sie streng an. Hedwig senkte ihren Blick und betrachtete ihre abgewetzten Schuhe, die ihr hoffentlich noch eine Weile passen würden.

„Jetzt geh endlich, sonst kommst du noch zu spät“, ignorierte ihre Mutter ihr vorlautes Verhalten und Hedwig lief aus dem Haus.

Sie verstand ihre Mutter nicht. Sie packte ihr jeden Tag eine Notfalltasche und schärfte ihr ein, falls ihr Haus zerstört oder sie nicht auffindbar sein sollte, den Beueler Bahnhof aufzusuchen, damit sie sich da wiederfanden. Und das, obwohl sie sich so sicher war, dass hier keine Bomben fallen würden? Vielleicht war Hedwig ja mit ihren vierzehn Jahren zu jung, um so was zu verstehen. Sie wünschte sich, ihr Vater wäre hier, der würde ihnen bestimmt raten, von hier zu verschwinden. Genau wie seine beiden Kameraden, die gestern vor der Tür gestanden hatten.

Mittlerweile war Hedwig im Kindergarten angekommen und auch ihre Freundin Irmgard und die Leiterin der Einrichtung war da. Nur einige Kinder fehlten noch. Sie warteten eine ganze Weile, bevor sie die anwesenden Mädchen und Jungen in einer Zweierreihe aufstellten. Die Kinder wussten, dass es jetzt für den Rest des Tages zum Spielen in den Bunker ging. Seit die Angriffe zugenommen hatten, war das jeden Vormittag ihr Ritual. Der Keller im Kindergarten war als Schutzraum nicht geeignet und der Bunker war im Fall eines Fliegeralarms zu weit entfernt, um ihn mit den Kleinen rechtzeitig genug zu erreichen.

Der Krieg bestimmte ihr Leben, auch wenn sie sich bemühten, den Kindern so viel Normalität wie möglich zu vermitteln. Hedwig hängte der kleinen Erna noch schnell deren Kindergartentasche um und begab sich in die Mitte der Zweierreihe. Jetzt konnte es losgehen.

Doch plötzlich mischte sich der unerbittliche Sirenenton eines Fliegeralarms in das Geplapper der Mädchen und Jungen.

„Kinder, wir müssen heute ganz schnell laufen, nehmt euren Nachbarn an die Hand und los gehts!“, rief die Leiterin in die erste kurze Pause des Dauertons.

Sie liefen los und Hedwig versuchte, auf die Kinder in ihrer Nähe zu achten. Draußen rannten die Menschen bereits Richtung Bunker, und sie hatte Mühe, ihre kleinen Schützlinge im Auge zu behalten. Längst hatte sich die akkurate Zweierreihe aufgelöst und Hedwig blickte ängstlich zu ihrer Kollegin Irmgard am Ende der Schlange. Die Kinder schrien, einige weinten und Irmgard schaute sie verzweifelt an. Da stürzte die kleine Erna. Hedwig nahm sie schnell auf den Arm und rannte weiter. Dabei zählte sie die Kinder und versuchte sie zusammenzuhalten. Ernas Knie blutete auf Hedwigs Kleid, aber sie konnte sich nicht darum kümmern. Während der zweite Teil des Alarms als langer Heulton über ihre Köpfe brauste, wurde das Gewirr von rennenden Menschen immer unübersichtlicher. Nicht jeder nahm Rücksicht auf die Kindergartenkinder. Auch Peter fiel hin und Hedwig hörte, wie er nach Irmgard rief. Einige Kinder schrien nach ihrer Mama. Hedwig wartete den endlos langen Sirenenton ab und versuchte sie dann zu beruhigen. Erna fühlte sich auf ihrem Arm immer schwerer an und sie weinte Hedwig leise ins Ohr. Hedwig zählte eins, zwei, drei, vier, fünf … halt, wo war das sechste Kind? Wo war Karl? Sie schaute hilflos nach hinten. Irmgard kämpfte gerade ihren eigenen Kampf gegen die drängelnde Menschenmasse. Sie hatte Peter auf dem Arm. Vorne kümmerte sich die Leiterin um Hans und dann sah Hedwig Karl. Für eine Sekunde war sie erleichtert. Sie dachte kurz an ihre Mutter. Hatte sie es noch vor dem Alarm zu ihrem Arbeitsplatz ins Kessko Werk geschafft? Es kamen immer mehr Menschen auf die Straße. Jeder, der keinen sicheren Keller hatte, wollte in den Bunker. Hedwig zählte wieder die sechs Kinder durch, für die sie sich verantwortlich fühlte.

Endlich erreichten sie den sicheren Hochbunker und drängten sich am Luftschutzwart vorbei durch die Tür ins Innere. Die meisten Kinder weinten und Hedwig musste aufpassen, dass sie nicht von ihren Schützlingen getrennt wurde. Die nachdrängenden Schutzsuchenden machten es unmöglich stehen zu bleiben. Die Männer an den Türen schafften es gerade noch, diese zu schließen, als bereits das Signal akuter Luftgefahr durch die gespannte Atmosphäre peitschte. Und schon begann eine unregelmäßige Abfolge von sausenden Geräuschen, denen jedes Mal ein heftiger Einschlag folgte. Die Kinder weinten und Hedwig zählte eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Alle da. Sie schaute Irmgard an, die sofort ihren Kopf schüttelte. Dann drängte sich Irmgard durch die vor Angst erstarrten Menschen und bat den Luftschutzwart, die Tür zu öffnen. Dieser weigerte sich und Irmgard kullerten dicke Tränen über die Wangen.

Die Leiterin, die ihr gefolgt war, nahm sie in den Arm und sagte: „Mir fehlt auch eins, aber daran können wir jetzt nichts ändern. Wir müssen uns um die kümmern, die hier sind.“

Irmgard nickte tapfer, aber ihr Blick zeigte pure Verzweiflung. Schlagartig wurde Hedwig klar, was passiert war. Sie waren mit achtzehn Kindern losgelaufen, aber sie hatten nur sechzehn in Sicherheit gebracht. Ihr wurde schlecht, während bei jedem Einschlag der ganze Bunker vibrierte und die Lüftungsklappen, die während eines Angriffs eigentlich geschlossen sein sollten, im brausend schwankenden Luftdruck laut klapperten. Zu kurz war die Zeit zwischen Warnung und Angriff gewesen. Hilflos und voller Angst hockten dutzende Menschen dicht gedrängt hinter den meterdicken Wänden und zwölf kleine Kinderärmchen klammerten sich an Hedwigs Körper.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann hörte das Stakkato der Einschläge auf. Hedwig spürte, wie die Anspannung der Menschen um sie herum langsam nachließ. Leise Stimmen begannen, die nach Brand riechende Luft zu füllen. Die Kinderärmchen ließen von ihr ab und sie versorgte Ernas Knie mit einem Pflaster, das ihr eine ältere Frau gereicht hatte. Erna strahlte zufrieden. Hedwig holte ihr Schmalzbrot aus der Tasche und gab jedem Kind ein Stückchen davon. Sie konnte nichts essen, zu schwer lag ihr die Vorstellung im Magen, dass zwei ihrer kleinen Schutzbefohlenen diesen Angriff draußen vor dem Bunker vielleicht nicht überlebt hatten.

Sie sah, dass es Irmgard gar nicht gut ging. Ihre Freundin war kreidebleich und wirkte abwesend. Hedwig stand auf und schlängelte sich auf der Suche nach den vermissten Kindern zwischen den auf dem Boden und auf Bänken verharrenden Menschen hindurch. Vielleicht waren die beiden Kinder ja doch im Bunker angekommen und saßen bei Bekannten, die sich um sie kümmerten. Schließlich kannten sich die meisten Bewohner dieses Stadtteils wie in einem Dorf auf dem Land. Aber ihre Suche blieb erfolglos. Irgendwann gab es dann Entwarnung und alle drängten nach draußen. Hedwig hatte keine Ahnung, was sie dort erwarten würde.

Als auch sie dann vor die Türe trat, starrte sie auf eine riesige Feuerwand, die sich über dem Rhein erhob. Gleichzeitig donnerte es hinter ihr, so als würde der Bahnhof immer noch bombardiert. Die Luft war voller Rauch und das Atmen fiel ihr schwer. Es dauerte nicht lange und die ersten Mütter holten ihre Mädchen und Jungs ab. Als nur noch drei Kinder im Bunker waren, befahl die Leiterin Hedwig Irmgard nach Hause zu bringen und dann selbst heim zu gehen. Irmgard war immer noch völlig verstört. Sie hakte sich bei Hedwig ein und die beiden verließen das schützende Gebäude.

Das Haus, in dem Irmgard mit ihren Großeltern wohnte, solange ihr Vater an der Front war und ihre Mutter als Krankenschwester in einem Feldlazarett arbeitete, war ganz in der Nähe. Während um die Mädchen herum die Welt unterzugehen schien, klammerten sie sich eng aneinander und liefen, ohne nach rechts und links zu schauen, Richtung Kirche.

Ein kleiner Junge kam ihnen weinend entgegengelaufen, sein Gesicht war rußverschmiert. Er war aber keins von den Kindern, die sie auf dem Weg in den Bunker verloren hatten. Hedwig hätte sich gerne um ihn gekümmert, aber Irmgards Zustand ließ das nicht zu. Es machte ihr Angst, sie so zu sehen. Bleich, mit starrem, leerem Blick. Zum Glück war das Haus ihrer Großeltern, welches sich direkt hinter der Kirche befand, unversehrt. Hedwig überließ ihre Freundin der Obhut ihrer Großmutter, die ihnen schon entgegengelaufen kam, und machte sich dann auf den Weg zu ihrem Elternhaus. Der kleine weinende Junge war verschwunden.

Auf dem Weg Richtung Rhein konnte sie die große Hitze der Feuerwand auf ihrer Haut spüren. Aber nicht etwa der Fluss, sondern die Bonner Altstadt brannte lichterloh. Im Vergleich dazu schien die Zerstörung auf dieser Uferseite viel geringer. Dennoch hatte ihr Elternhaus keinen Dachstuhl mehr. Er war vermutlich von umherfliegenden Trümmerteilen zerstört worden. Ihre Mutter konnte sie hier nicht finden und so machte sie sich auf den Weg zum Bahnhof, ihre Notfalltasche fest im Griff.

Auch hier brannte es und Menschen liefen über die Straßen auf der Suche nach Angehörigen oder nach Hilfe. Manche schrien, andere weinten und wieder andere transportieren Verletzte in Richtung Krankenhaus. Sie hörte die Sirenen der Feuerwehr näherkommen. Das Bahnhofsgebäude schien jedoch unversehrt, das Feuer war offenbar auf einen Teil der Schienen begrenzt. Dort hatten doch Waggons mit Munition gestanden, erinnerte sie sich. Das würde die kleinen Explosionen erklären, deren pfeifendes Getöse immer wieder durch die Luft peitschte.

Hedwig setzte sich auf die Bank neben dem Haupteingang des Bahnhofs und spürte, wie erschöpft sie war. Sie hatte gestern Abend das letzte Mal etwas gegessen und hatte trotzdem keinen Hunger. Ihre Anspannung machte sich langsam und leise durch ein sanftes Zittern ihrer Muskeln bemerkbar. Der schreckliche Bombenangriff, die verlorenen Kinder, ihr beschädigtes Elternhaus und ihre verzweifelte Freundin, all diese Bilder schossen beinahe gleichzeitig durch ihre Gedanken. Und zu alledem kam auch noch die Angst, ihrer Mutter könnte etwas zugestoßen sein. Vielleicht war sie verletzt oder sie hatte den Angriff nicht überlebt.

Als ihre Mutter endlich eintraf, hatte Hedwig sich bereits zweimal übergeben, ein unwürdiger Kampf mit nichts als Säure im Magen. Sie zitterte wie Espenlaub und war genauso bleich, wie Irmgard es zwei Stunden zuvor gewesen war. Ihre Mutter nahm sie wortlos in die Arme und wiegte sie sanft in Sicherheit.

Nachdem es Hedwig ein bisschen besser ging, sagte ihre Mutter leise: „Ich werde dafür sorgen, dass du so schnell wie möglich evakuiert wirst. Das hier ist kein Platz mehr für dich, dein Vater hätte das bestimmt auch so gesehen“.

Hedwig fiel sofort ihre Formulierung „hätte“ auf und sie starrte ihre Mutter entsetzt an.

Diese senkte ihren Blick und sagte: „Die Soldaten gestern, die haben nicht über unsere Evakuierung gesprochen.“

Dann nahm sie Hedwigs Hände in die ihren und streichelte mit ihren Daumen über die vom Ruß und Staub verschmutzen Handrücken ihrer Tochter.

„Dein Vater … er ist gefallen“.

Warum steht er dann nicht wieder auf, war Hedwigs erster trotziger Gedanke. Aber sie wusste natürlich nur zu genau, was die Erwachsenen mit dem harmlosen Wort „gefallen“, welches schlimmstenfalls einen Knochenbruch oder eine fiese Platzwunde an irgendeinem Körperteil vermuten lassen würde, wirklich meinten.

An diesem Tag brannte das Feuer des Angriffs immer noch, als ihre Seele vom Bombenhagel und dessen Folgen verstört, vom Schmerz über den Tod ihres Vaters tief verletzt und durch die Furcht vor der Evakuierung, die sie von ihrer Mutter und ihrer Heimat trennen würde, zerriss.

Dieser Tag war der Letzte ihres bisherigen Lebens gewesen, und wenn sie gewusst hätte, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnte, dann wäre sie vielleicht nicht ganz so verzweifelt gewesen, als sie sich schon zwei Tage später vor dem alten, klapprigen Bus, der sie in die Fremde bringen würde, von ihrer Mutter hatte verabschieden müssen.

TEIL 1

„ICH kann unseren Flug nicht finden. Sind Sie sicher, dass 10:30 Uhr die richtige Abflugzeit ist?“

„Ganz sicher“, antwortete Markus und stellte den Gepäckwagen, auf den er soeben die zwei großen Koffer und die Reisetasche gestapelt hatte, neben Katharina ab.

„Aber hier gibt es keinen Flug nach Amsterdam“, erwiderte Paula und ihre langen roten Locken wippten im Takt ihrer Worte. Sie hatte genau wie ihre Mutter auf die große Anzeigetafel in der Abflughalle des Köln-Bonner Flughafens gestarrt.

„Das kann nicht sein“, war sich Markus sicher.

„Is aber soo“, stellte Paula klar, grinste ihn frech an und fuhr fort: „Tja, das wars dann wohl mit der Reise über den Atlantik. Trina, kommst du? Wir fahren zurück nach Hause zu Papa.“

„Paula, jetzt lass uns doch erst mal herausfinden, warum unser Flug nicht an der Anzeigetafel steht, und dann sehen wir weiter“, versuchte Katharina ihre Tochter aufzuhalten, doch die hatte sich schon auf den Weg Richtung Ausgang gemacht.

„Ich kläre das“, sagte Markus, nachdem auch er die Daten des gebuchten Cityhoppers nach Amsterdam auf der großen schwarzen Wand mit den ständig wechselnden Fluginformationen nicht finden konnte. Dann machte er sich auf den Weg zum Informationsschalter.

Katharina schnappte sich den Gepäckwagen und lief das schwere rädrige Gefährt vor sich herschiebend, ihrer Tochter hinterher. Sie hasste es, wenn diese sie mit dem Vornamen ansprach, aber sie wusste auch, dass Paula sie damit nur provozieren wollte. Gleichberechtigt und auf Augenhöhe wollte sie sein. Aber das war sie nicht, zumindest noch nicht. Der Tisch mit den Beinen darunter fiel Katharina ein, doch auf solche Sprüche wollte sie sich nicht berufen. Stattdessen ignorierte sie die Provokation und beschleunigte ihren Schritt.

„Paula, warte bitte! Was soll das denn? Du kannst doch nicht einfach weglaufen. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr“, keuchte sie, als sie die Flüchtende endlich eingeholt hatte. Sie hätte sich seit Paulas Geburt eindeutig mehr um ihre körperliche Fitness als um das Haus, den Haushalt und die extravagante kulinarische Versorgung ihres Ehemanns kümmern sollen.

„Ach, jetzt auf einmal bin ich kein kleines Kind mehr? Gut, dann kann ich ja auch allein nach Hause zu Papa fahren“, zickte Paula ihre Mutter an.

„Nein, das kannst du nicht, denn Papa hat keine Zeit für dich. Er hat dringende Termine und ist selbst nicht zu Hause.“

„Na und! Die nächsten Tage wäre ich doch sowieso mit den Pfadis in Dortmund und danach bleib ich einfach allein zu Hause.“

„Paula, du bist dreizehn, du kannst nicht mit deinen Freunden nach Dortmund fahren und danach allein zu Hause bleiben, während ich in den USA bin und dein Vater irgendwo am anderen Ende der Welt Geschäfte macht. Das haben wir doch wirklich lange genug ausdiskutiert.“

„Ausdiskutiert nennst du das!“, schrie Paula ihre Mutter an. „Du hast mich einfach gezwungen mit dir und diesem muskelbepackten Bullen in die USA zu fliegen!“

„Paula, Eltern haben die Pflicht, sich um das Wohlergehen ihrer Kinder zu kümmern, und genau das habe ich mit der Entscheidung, dich mitzunehmen, getan“, erklärte Katharina und blieb trotz der verbalen Angriffe ihrer Tochter erstaunlich ruhig.

„Eltern, ganz genau. Also kann genauso gut Papa auf mich aufpassen. Das hat er mir selbst gesagt, aber du hast das einfach ignoriert“, trompetete Paula sofort wütend durch die Flughafenhalle.

In der Tat, das hatte sie, und zwar aus gutem Grund. Katharina erinnerte sich nur zu gut an den großen Streit, währenddem Jochen ihr lautstark verboten hatte, in die USA zu reisen. Aber sie hatte sich nicht davon abbringen lassen. Daraufhin hatte er ihr nicht minder lautstark untersagt, Paula mitzunehmen, und ihr Konsequenzen angedroht, falls sie es doch wagen sollte, ihm seine Tochter auf diese Weise zu entziehen. Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, Paula mit über den Großen Teich zu nehmen, aber nach dieser Ansage ihres Ehemanns hatte sie ihre Tochter auf keinen Fall mehr bei ihm lassen wollen. Auch wenn sie Paula damit das Wochenende in Dortmund vermasselt hatte. Aber das konnte sie ihr unmöglich erzählen, denn dann müsste sie ihr auch erklären, warum sie sich mit Jochen gestritten hatte und was dieser mit dem Wort „Konsequenzen“ gemeint hatte.

Deshalb stellte sie nur noch einmal energisch klar: „Paula, Papa ist auf einer Dienstreise!“

„Na und! Dann begleite ich ihn eben auf seiner Dienstreise“, ließ Paula nicht locker und stemmte ihre Hände in die Hüften. Sie waren längst beide stehen geblieben und nur der Gepäckwagen trennte Mutter und Tochter voneinander.

„Das geht nicht!“, erwiderte Katharina, vielleicht ein wenig zu scharf, aber die erfundene Dienstreise lastete wirklich schwer auf ihrem Gewissen.

„Und warum nicht?“, hinterfragte Paula sofort lautstark.

„Weil das Leben nun mal kein Wunschkonzert ist!“, platzte es aus Katharina heraus, dabei waren ihr solche Phrasen doch eigentlich zuwider.

„Na klar! Wenn ihr Erwachsenen keine Argumente mehr habt, dann kommt ihr mit blöden Sprüchen“, fauchte Paula und verschränkte ihre Arme vor der Brust.

„Wir Erwachsenen haben immer Argumente, und meine, habe ich dir oft genug vorgetragen. Wenn du sie nicht hören willst, dein Problem. Auf mich jedenfalls wirst du hören müssen, denn ich bin deine Mutter und somit für dein Wohlergehen verantwortlich. Punkt!“ Katharina hatte ihre kleine Ansprache bemüht sachlich und mit ruhiger Stimme vorgetragen, Paulas Reaktion darauf war hingegen weder sachlich noch ruhig.

Sie brüllte über das Gepäck hinweg ihrer Mutter voller Inbrunst ins Gesicht: „Du bist so was von scheiße!“

Vom Informationsschalter zurückgekehrt, hatte Markus mehr als ihm lieb war, vom Streit zwischen Mutter und Tochter mitbekommen. Und von Katharinas ruhiger Stärke, mit der sie Paula Grenzen setzte. Bewundernswert. Er schaute Paula mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

„Was glotzt du so?“, zickte diese sofort, drehte sie sich um und beschäftigte sich mit ihrem Handy. Markus wendete sich an Katharina.

„Die Verbindung Köln/Amsterdam gibt es seit zwei Jahren nicht mehr. Ich besorge uns einen Mietwagen, damit müssten wir es schaffen, unseren Anschlussflug in Schiphol noch zu erreichen. Sie warten bitte beide hier.“

Katharina schaute dem muskelbepackten Bullen, wie Paula Markus genannt hatte, ungläubig hinterher. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Sie hatte vor zwei Wochen zwei Flüge gebucht und bezahlt, die es seit zwei Jahren nicht mehr gab? Und Herr Weber hatte sogar gestern erst seinen Rückflug in die USA auf diese Strecke umgebucht.

Keine zwanzig Minuten später kam Markus mit einem Autoschlüssel in der Hand zurück und lotste sie, Paula und das Gepäck durch die Menschenmenge in der Abflughalle bis auf das Parkdeck mit den Stellplätzen des Autovermieters. Katharina war froh, dass sie sich für ein Longshirt, Jeans und bequeme Sneakers entschieden hatte, Schuhe mit Absatz wären ihr bei dieser Rennerei durch das Flughafenareal zum Verhängnis geworden.

Schnell war der Wagen gefunden und das Gepäck im Kofferraum verstaut, und während Katharina versuchte, das Ziel in das Navigationsgerät einzugeben, steuerte Markus den Mercedes sicher auf die nahe Autobahn.

Paula hatte es sich still schmollend auf der Rückbank bequem gemacht und war mit den Stöpseln ihres Kopfhörers in den Ohren in ihr Smartphone abgetaucht.

„Es tut mir leid, dass Sie das eben mit anhören mussten, aber für Paula ist die Situation im Moment nicht gerade einfach“, sagte Katharina und startete mit einem Touch auf das Display die Routenberechnung.

„Schon okay“, brummte Markus.

„Die Route ist berechnet, bitte folgen sie der Strecke die nächsten …“, tönte es aus dem Lautsprecher und Markus regelte die Lautstärke etwas nach unten.

„Haben Sie Kinder?“, erkundigte sich Katharina und er antwortete mit einem kurzen „Nein!“.

„Also, Paula ist zurzeit in der Pubertät und außerdem läuft es gerade auch zu Hause nicht rund … zwischen Paulas Vater und mir. Das macht es doppelt schwer für sie … Sie hängt sehr an Jochen … Sie dürfen ihr Verhalten nicht persönlich nehmen“, klärte Katharina ihren vermeintlich kindererziehungsunerfahrenen Reisebegleiter auf.

Markus konzentrierte sich stumm auf den immer dichter werdenden Verkehr. Er nahm Paulas Verhalten nicht persönlich. Er wusste, dass die Pubertät aus niedlichen Kindern unausstehliche Jugendliche machte, die nur wenige Jahre später, wenn alles gut lief, zu verantwortungsvollen Erwachsenen wurden … Aber manchmal lief es eben nicht gut, dachte er und ignorierte seine schmerzhaften Erinnerungen an Anna geübt erfolgreich.

„Wissen Sie, ich bin Krankenschwester. Ich weiß also, wie man mit Menschen in jedem Alter umgehen sollte. Nur wenn es um das eigene Kind geht, ist das natürlich umso schwieriger. Wegen der emotionalen Bindung zu dem Schutzbefohlenen … und Sie sind uns dann ja auch sofort wieder los, wenn Sie die Adresse von Mr. Mitchel gefunden haben“, setzte Katharina ihren Vortrag fort und er schaute sie kurz an.

Sie war ungefähr Mitte Vierzig mit naturblonden, lockigen Haaren, die zu einem Bob geschnitten waren, und einer eher vollschlanken, sehr weiblichen Figur. Nicht unattraktiv, und würde er in einem Krankenhaus liegen, würde ihm allein das zuversichtliche Lächeln, das sie ihm gerade schenkte, den Aufenthalt schon ein bisschen angenehmer machen. Und das Leuchten in ihren Augen auch.

„In welchem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu Emma Müller?“, unterbrach Katharina seine Gedanken.

„Sie ist die Ehefrau meines besten Freundes“, antwortete Markus knapp und suchte nach dem Schalter für die Warnblinkanlage, denn sie näherten sich gerade einem Stauende.

„Sie sind der Polizist aus Emmas Romanen? “

„Yep!“

„Dann sollten Sie wissen, dass ich die beiden Bücher, die Frau Müller geschrieben hat, verschlungen habe. Im Strudel der Ereignisse, den das Vermächtnis von Emmas Großtante ausgelöst hat und im anschließenden Wirbel um das wertvolle Gemälde, waren Sie mein absoluter Held … Ist das wirklich alles so passiert?“

„Yep!“ Das Auto war mittlerweile zum Stehen gekommen und er entdeckte aus den Augenwinkeln wieder dieses Leuchten in Katharinas Augen, das jedoch sofort verschwand, als Paula sich von hinten lautstark zu Wort meldete.

„Ha, ein Stau, wie praktisch. Läuft doch!“

Markus schaute in den Rückspiegel und Paula erwiderte seinen Blick mit weit herausgestreckter Zunge, bevor sie wieder ihren Kopf im Rhythmus der Musik bewegte, die aus ihren Ohrstöpseln wummerte.

Katharina hatte die Worte ihrer Tochter einfach ignoriert und studierte auf ihrem Smartphone die neuesten Meldungen.

„In ungefähr einer Stunde soll dieser Autobahnabschnitt wegen der Entschärfung einer Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesperrt werden.“

„Bis dahin sind wir längst in Amsterdam“, war sich Markus sicher.

Katharina betrachtete den Endvierziger aufmerksam, der sich gerade auf die Autoschlange vor ihnen konzentrierte. Er war etwas größer und auch deutlich muskulöser als ihr Ehemann. Sein aschblondes Haar war an den Schläfen bereits ein wenig ergraut und an den Seiten und im Nacken sehr kurz geschnitten, während es auf dem Kopf gut einen Zentimeter länger und wilder wuchs. Er trug eine Bluejeans und ein dunkelblau grün kariertes Sommerhemd. Ganz im Gegensatz zu Jochen, der seinen schmächtigen Körper fast immer in einen Anzug hüllte.

„Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, dass Sie uns begleiten.“ Das hatte sie ihm einfach noch sagen müssen, schließlich hatte er dafür einen Teil seines Heimaturlaubs geopfert.

„Ich musste sowieso zurück nach D.C.“, erklärte Markus brummig.

„Oh je, das klingt aber nicht gut. Privat oder beruflich?“, erkundigte sich Katharina mitfühlend und diesmal erntete sie von Markus eine hochgezogene Augenbraue.

„Bitte entschuldigen Sie, ich wollte natürlich nicht indiskret sein. Es geht mich ja auch gar nichts an.“ Katharina starrte wieder auf das Display ihres Handys, während ihre Gedanken um den stillen Helden in Emma Müllers Romanen kreisten. Als pragmatisch und meistens wortkarg hatte diese den Polizistenfreund ihres Ehemanns in ihren beiden Büchern beschrieben. Eine äußerst wohlwollende Charakterisierung, wie sie leider feststellen musste.

Der Verkehr hatte wieder Fahrt aufgenommen, als Katharina in die Stille hinein entschlüpfte: „Ist Ihre Freundin eigentlich mit in die USA gezogen?“

„Meine Freundin?“, stieß Markus mehr verwundert als entrüstet aus.

„Ja, ich sagte doch, ich habe Frau Müllers Romane gelesen und da hatten Sie eine Freundin“, versuchte Katharina ihre indiskrete Frage zu entschuldigen und Markus brummte, ohne sie dabei anzuschauen:

„Ich habe keine Freundin.“

Kein Wunder, dachte sie und schaute aus dem Seitenfenster, während das Auto mittlerweile buchstäblich über die Autobahn flog.

Nach einer guten halben Stunde wurde ihr Herrn Webers anhaltende Schweigsamkeit zunehmend unangenehm. Mit ihrer Großmutter konnte Katharina wunderbar schweigen und auch am Bett ihres Großvaters hatte sich die Stille immer wie gemeinsam empfundene Nähe angefühlt. Aber neben dem stummen Polizeibeamten hatte sie das Gefühl, dass dieser sich weder für sie noch für Paula interessierte und seine Reisebegleitung als beruflichen Einsatz betrachtete. So als hätte man ihn als Privatdetektiv engagiert. Na ja, genau genommen war er ihr tatsächlich von Emma Müller als solcher zur Seite gestellt worden. Und vermutlich war es für ihn ein reiner Freundschaftsdienst. Also sollte sie ihm lieber dankbar sein, anstatt sich über seine fehlende Kommunikationsfähigkeit aufzuregen.

Katharina kramte ihr E-Book aus der Handtasche und versenkte sich in die Geschichte einer jungen Detektivin, die sich in einen muskulösen Bösewicht verliebt hatte. Na immerhin, das konnte ihr nicht passieren, denn erstens stand sie nicht auf aufgepumpte Männerkörper, und zweitens war Markus auf jeden Fall das Gegenteil eines Bösewichts. Wie kam sie bloß auf solche Gedanken? Da weckte wohl mal wieder ein Roman ihrer Lieblingsautorin mit einer ihrer wunderbar erotischen Liebesgeschichten eine gewisse Sehnsucht in ihr.

Als der Wagen plötzlich holperte, als wäre Markus durch ein tiefes Schlagloch gefahren, wäre Katharina fast das E-Book aus der Hand gefallen. Er hatte einige Mühe, den Mercedes in der Spur zu halten.

„Was war das denn!“, kreischte Paula von der Rückbank und riss sich die Kopfhörer aus den Ohrmuscheln.

Auch Katharina blickte Markus fragend an, der den Benz jetzt wieder unter Kontrolle hatte und auf das Display hinter dem Lenkrad starrte.

„Der linke Vorderreifen verliert Luft“, erklärte er.

„Können wir damit weiterfahren?“ In Katharinas Frage schwang die Angst mit, das Auto könnte manövrierunfähig werden.

„Gleich kommt eine Raststätte“, stellte Markus kurz fest, lenkte den Wagen auf die rechte Spur und schließlich sicher auf den angekündigten Parkplatz.

Kritisch beäugte er dann den bereits sichtbaren Luftverlust des Reifens. Wenn sie den Flieger noch erreichen wollten, war ein Reifenwechsel keine Option.

„Sie können doch so nicht weiterfahren! Das ist doch viel zu gefährlich!“, warf Katharina sofort ein, als er sich wieder hinter das Lenkrad setzte und den Motor startete.

„Der Reifen ist noch nicht ganz platt und es sind nur noch ein paar Kilometer“, erklärte Markus und steuerte den Wagen wieder auf die Autobahn.

Katharina legte ihre Hand ängstlich verkrampft um den Griff über der Beifahrertür.

„Hey, schnallt ihr’s eigentlich nicht? Was muss denn noch passieren, damit ihr kapiert, dass wir die fliegende CO2-Schleuder nicht betreten sollen?“, meldete sich Paula lautstark von der Rückbank.

„Paula, ich verstehe dich ja, aber wie sollen wir denn sonst auf die andere Seite des Atlantiks kommen?“ Katharina hatte sich zu ihrer Tochter umgedreht und wartete auf deren Antwort.

„Mit einem Segelboot. So wie Greta“, zickte diese sie herausfordernd an.

„Ach Paula“, stöhnte Katharina und wendete sich an Markus.

„Paula hat an einigen ‚Fridays for Future‘ Demonstrationen teilgenommen.“

„Ganz genau! Und ich wollte in Dortmund bei der großen Aktion mitmachen. Stattdessen werde ich gezwungen, in ein Flugzeug zu steigen und meinen ökologischen Fußabdruck damit riesengroß zu machen.“

Endlich kam mal etwas Vernünftiges aus dem Mund der Dreizehnjährigen, dachte Markus und bemühte sich, den unruhig laufenden Wagen in der rechten Spur zu halten. Im Rückspiegel sah er, wie Paula ihre Kopfhörer wieder in die Ohren steckte und ihn dann kurz anstarrte. Markus nickte ihr mehr mit den Augen als mit dem Kopf zu und sie antwortete tatsächlich mit einem klitzekleinen Lächeln.

Auf den Stellplätzen der Autovermietung angekommen, war der Reifen dann endgültig platt. Markus überreichte dem heraneilenden Mitarbeiter den Autoschlüssel und holte alle Koffer und Taschen aus dem Wagen.

In der Abflughalle fluchte er dann leise in sich hinein, als er sah, dass man hier das Einchecken an einer der vier eigens dafür installierten Computersäulen selbst vornehmen musste. Er hasste diese neumodische Art des Reisens, bei der die Eingabe der Reisedaten und das Scannen des Reisepasses sowieso meist nicht reibungslos funktionierte. Und wie zum erneuten Beweis dieses Erfahrungswertes zeigte das Display auch gleich an, dass der Check-In für den gebuchten Flug nicht möglich sei. Weder bei ihm noch bei seinen beiden Begleiterinnen. Genervt versuchte Markus eine der Mitarbeiterinnen hinter dem Help-Desk zu erreichen, aber die Schlange vor dem Schalter war lang und man musste zuerst wie bei einer Behörde eine Nummer ziehen. Als die freundliche Dame des Flughafenpersonals dann endlich Zeit hatte für sein Anliegen, hatte das gebuchte Flugzeug nach Washington D.C. längst abgehoben.

So etwas habe sie in den vielen Jahren ihrer Arbeit am Help-Desk noch nie erlebt, erklärte die hilfsbereite Frau hinter dem Counter unnötig oft, und letztendlich dauerte es über eine Stunde, bis sie den Reisenden eine Ersatzverbindung anbieten konnte. Von Amsterdam nach Paris und von dort aus mit einer großen Maschine nach Washington D.C.

Da das Boarding für den Flug nach Paris bereits begonnen hatte, musste dann alles sehr schnell gehen. Einchecken mit Gepäckabgabe, Personen- und Handgepäckkontrolle und ab zum Gate, alles im Dauerlauf. Gefühlt kaum im Flugzeug, landete die Maschine auch schon auf einer Rollbahn des Flughafens Charles de Gaulle in Paris.

Ein riesiges Gewirr aus Gängen, Rolltreppen, Laufbändern und unterirdischen Elektrobahnen erwartete die Drei hier und wieder ging es im Laufschritt von einer Ecke des Flughafens in die andere, erneut durch sämtliche Kontrollen.

Schließlich erreichten sie den Boardingschalter am Eingang zum Gate. Die meisten Passagiere hatten diesen bereits passiert und waren in die Maschine nach Washington D.C. eingestiegen. Nur Markus, Katharina und Paula wurde dies verweigert. Es gäbe ein Problem mit Klärungsbedarf, erklärte die Flugbegleiterin hinter dem Counter und bat die Drei auf den Stühlen neben dem Schalter Platz zu nehmen.

Vom Spurt durch die Gänge völlig erschöpft, ließ sich Katharina auf einen der Metallsitze fallen. Einige ihrer blonden Locken klebten an ihrer verschwitzten Stirn und ihr Brustkorb hob und senkte sich bei jedem ihrer hastigen Atemzüge. Markus reichte ihr eine Wasserflasche, die er gerade im Duty-free Bereich gekauft hatte, und sie bedankte sich mit einem angestrengten Lächeln. Paula war stehen geblieben und sprach aus, was mittlerweile auch den Erwachsenen durch den Kopf ging.

„Habt ihr’s denn immer noch nicht kapiert? Oder muss das Universum etwa noch deutlichere Zeichen senden, bevor ihr schnallt, dass diese Reise in die USA völliger Schwachsinn ist. Habt ihr eigentlich mal darüber nachgedacht, wie alt Omama ist? Der Typ, den sie in ihrer Jugend kennengelernt hat, lebt doch längst nicht mehr.“

„Mag sein, aber deiner Omama ist es eben wichtig, dass wir nach ihm suchen. Und gerade weil sie schon so alt ist, sollten wir ihr diesen vielleicht letzten Gefallen tun“, antwortete Katharina immer noch atemlos, und Paula drehte ihrer Mutter mürrisch den Rücken zu.

Der Flieger nach D.C. glitt nun schon seit einer Stunde über den Wolken dahin. Die Stewardess hatte ihnen nach gefühlt endlosen Minuten endlich erlaubt, ihre Sitze im hinteren Teil der Maschine einzunehmen. Markus beobachtete von seinem Platz am Gang die Flugbegleiterinnen, die begonnen hatten, das Abendessen zu servieren. Katharina, die neben ihm saß, war eingeschlafen. Ihr Kopf war dabei irgendwie an seiner Schulter gelandet und er hatte seitdem den angenehmen Vanilleduft ihrer Haare in der Nase. Aber das war natürlich nicht der Grund, warum Markus sie so an ihn gelehnt schlafen ließ. Nein, er ließ es zu, weil Katharina sich diese Ruhe vor ihrer Tochter, die ihre Kopfhörer wieder in den Ohren hatte und durch ihre Sonnenbrille aus dem Fenster starrte, redlich verdient hatte. Diese ewigen Diskussionen mit Paula waren zweifellos anstrengend und er war fasziniert davon, mit wie viel Geduld und Ruhe sie den verbalen Widerborsten ihrer Tochter begegnete.

Markus versuchte sich zu entspannen, aber sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Eigentlich hatte er zwei Wochen Urlaub in „Good Old Germany“ machen wollen, aber dann … Er hatte es gründlich verbockt und die Möglichkeit, an Emmas Stelle mit Katharina und Paula schon nach sechs Tagen wieder zurück in die USA reisen zu können, war ihm vorgekommen wie ein Wink des Schicksals. Dem Kerl, der einer alten Dame zuliebe seinen Heimaturlaub opferte, stellte schließlich keiner Fragen, die dieser nicht beantworten wollte. Markus verscheuchte mit einem Räuspern seine Gedanken und schloss die Augen.

Augenblicklich sah er Anna, die lachend auf ihn zugelaufen kam und sich dann auf den Gepäckträger seines Fahrrads setzte. Verdammt, so einen intensiven Flashback hatte er bestimmt seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gehabt. Panisch riss er seine Augen auf und starrte in das freundlich lächelnde Gesicht einer Flugbegleiterin, die ihn mit ihrer Bitte, sein Tischchen für das Abendessen herunterzuklappen, wieder in das Hier und Jetzt zurückholte.

Katharina erwachte gähnend und Markus reichte ihr und Paula die einzelnen in Kunststoff verpackten Teile des Menüs, die ihm die Stewardess in die Hand drückte. Dann aßen sie schweigend. Erst jetzt merkte er, wie hungrig er war und während er schließlich seinen Nachtisch löffelte, zickte Paula schon wieder ihre Mutter an. Er hörte nicht genau zu, scheinbar ging es um die Plastikverpackungen. Verständlich, aber in diesem Moment nicht zu ändern.

Katharina ignorierte ihre Tochter nach einer Weile einfach und widmete sich stattdessen ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Formulieren unnötiger Fragen.

„Nehmen Sie immer noch in den USA an dem Austauschprogramm teil, bei dem Polizisten beider Länder im jeweils anderen Land für eine Weile arbeiten und neue Erfahrungen sammeln dürfen?“

Sie hatte Emmas Romane wirklich aufmerksam gelesen und dem kurzen „Yep“, zu dem Markus sich wohl oder übel durchrang, ließ sie sofort die nächste Frage folgen.

„Ist die Familie Ihres ehemaligen Bundeswehrkameraden denn wirklich in Sicherheit? Von D.C. aus können Sie den Müllers wohl kaum noch einmal das Leben retten.“

„Es geht allen gut.“, erklärte er knapp.

Aber die Antwort reichte ihr nicht. Wie zu erwarten war, wollte sie alles ganz genau wissen. Also erklärte er knapp, dass Emmi und Bobby nach den Sommerferien in die Schule kommen würden und dass Freddy bereits in den Kindergarten ging.

Er hatte dessen Geburt zweieinhalb Jahre zuvor durch seinen Umzug nach D.C., knapp verpasst und hatte sich wirklich gefreut ihn kennenzulernen.

Während er an den kleinen Wirbelwind dachte, der es sich bereits kurz nach dem besagten Kennenlernen in seinen Armen gemütlich gemacht hatte, hörte er schon wieder Katharinas Stimme.

„Arbeitet Emma eigentlich wieder?“

„Yep“, antwortete er einsilbig und hoffte, sie würde sich jetzt endlich mit seinen Informationen zufriedengeben.

Aber da drang die nächste Frage schon in sein Ohr.

„Konnte Frau Müller mich deshalb nicht begleiten? Meine Großmutter wollte doch, dass sie mit mir in die USA fliegt.“

Ja, das war der Plan gewesen: Emma verwandelt als „Ghostwriterin“ die Lebensgeschichte von Katharinas Großmutter in einen Roman, und um das Ende der Geschichte zu finden, die das Großmütterchen ihr erzählen wollte, fliegt sie zuvor mit Katharina in die USA.

„Emma hat einen Außen- und Innenbandriss am linken Fußknöchel“, brummte Markus.

Genau genommen hatte sie mit dem Laptop auf dem Schoß an einem neuen Buchprojekt gearbeitet. Dann war sie aufgestanden und gestürzt. Ein Arbeitsunfall beim Schriftstellern, hatte Emma gekichert, als sie Markus den Unfall geschildert hatte. Ihr war vom langen Sitzen das Bein eingeschlafen, deshalb der Sturz.

„Oh je, die Arme. Nochmals danke, dass Sie so kurzfristig für Frau Müller eingesprungen sind“, sagte Katharina und lächelte Markus an. Wieder mit diesem Leuchten, das er schon ein paarmal in ihren Augen gesehen hatte.

WAS für eine verrückte Flugreise hatte das Universum diesmal für sie bereit gehabt? Katharina war sich sicher, dass das Chaos an ihr gelegen hatte. Entweder war ihre Anwesenheit der Auslöser gewesen, oder Sie hatte ein Händchen dafür, treffsicher ausschließlich Problemflüge zu buchen.

Sie war zuvor erst ganze zwei Mal mit einem Flugzeug gereist und jedes Mal hatte es irgendwelche Komplikationen gegeben.

Das erste Mal war sie nach ihrem Abitur mit ihrem damaligen Freund nach Mallorca geflogen und prompt war die Fluggesellschaft während ihres Aufenthalts dort pleitegegangen. Es hatte also zunächst keine Rückflugmöglichkeit mehr gegeben und sie hatten einen ganzen Tag im Abflugbereich des Flughafens von Palma verbringen müssen, bis der Flieger einer anderen Gesellschaft sie sicher nach Hause gebracht hatte.

Ihr zweiter Flug ins schöne Griechenland hatte ihr einen Urlaub ohne Gepäck beschert. Das war nämlich ganz woanders hingereist, ganz im Gegensatz zu Paulas und Jochens Koffern, die pünktlich im Urlaubsort angekommen waren. Damals war ihre Tochter knapp zwei Jahre alt gewesen und Katharina hatte sich auf diesen ersten Urlaub mit ihrer kleinen Familie sehr gefreut. Aber Jochen hatte direkt zu Anfang schon Stress gemacht, weil er nicht mit Paula und ihr in einem Zimmer hatte schlafen wollen. Glücklicherweise war im Hotel noch ein Einzelzimmer für ihn freigewesen, sonst wäre er wieder abgereist.

Katharina verdrängte die Gedanken an diesen Familienurlaub, der in den fast fünfzehn Jahren ihrer Ehe der Einzige geblieben war. Jochens Eltern hatten kurz danach ein kleines Haus am Gardasee gekauft und von da an hatte sie jedes Jahr die Sommerferien mit ihrer Tochter dort verbracht. Ohne Jochen, denn der arbeitete damals wie heute lieber in der Kanzlei, als sich um Frau und Kind zu kümmern. Hatte sie zumindest jahrelang geglaubt.

Während des achtstündigen Flugs hatte Katharina die meiste Zeit geschlafen. Unbeabsichtigt mit dem Kopf an Markus’ Schulter gerutscht, hatte sie von dem muskulösen Bösewicht aus dem Roman ihrer Lieblingsautorin geträumt. Ob der wohl auch so gut roch wie Markus, hatte sie sich gefragt, als sie erwachte und noch einen Augenblick weiterträumte.

Jetzt standen Mutter und Tochter tatsächlich mit vollständigem Gepäck, viele Stunden später als ursprünglich geplant, vor dem Flughafengebäude des Dulles Airports am Rand von Washington D.C.

Markus war unterwegs, sein hier geparktes Auto zu holen. Es war bereits Abend und Katharina beschloss ihre Großmutter anzurufen. Die machte sich bestimmt schon Sorgen, weil sie sich noch nicht gemeldet hatte. Beim Blick auf ihre Armbanduhr, die noch die deutsche Zeit anzeigte, stellte sie jedoch fest, dass es für einen Anruf schon viel zu spät war. Großmama ging immer sehr früh zu Bett und schlief jetzt garantiert schon tief und fest. Und auch Katharina freute sich darauf, bald schon in einem gemütlichen Hotelbett ihre Knochen ausstrecken zu können. Dieser lange und schreckliche Tag schrie förmlich danach, friedlich beendet zu werden.

„Fährt uns der Bulle jetzt in unser Hotel?“, wollte Paula wissen und zog sich ihre Kopfhörer aus.

„Ja, das hat er uns netterweise angeboten“, antwortete Katharina und betrachtete ihre Tochter aufmerksam. Schlafend hatte sie eben so friedlich ausgesehen.

„Hoffe, ich hab da ein eigenes Zimmer, ich hab nämlich nicht vor, mein Zimmer mit dir zu teilen“, zickte Paula sie ziemlich unfriedlich an. Manchmal war sie erschreckend deutlich Jochens Tochter.

„Das wirst du wohl müssen. Ich habe nur ein Zimmer gebucht“, antwortete Katharina und war froh, dass sie die Buchung von zwei Zimmern in einem teuren Hotel noch hatte stornieren können, als sie erfahren hatte, dass Emma Müller nicht mitreisen würde.

„Na super! Du hattest also gar nicht vor, mich mitzunehmen! Und wieso stehe ich dann hier?“, fauchte Paula sofort los.

„Paula bitte, nicht schon wieder. Du weißt genau, warum ich dich mitgenommen habe“, erwiderte Katharina mit ruhiger Stimme.

„Ja klar! Schieb du nur wieder Papa die Schuld in die Schuhe, als ob der auf Dienstreise ist.“

„Paula. Dein Vater ist nicht zu Hause“, erklärte Katharina geduldig und erntete von ihrer Tochter einen bösen Blick, bevor diese sich wieder die Kopfhörer in ihre Ohren steckte und sich auf das Display ihres Handys konzentrierte. Gut so, diese ewigen Diskussionen nagten ganz schön an Katharinas Substanz.

Ein paar Minuten später kam Markus in einem komfortablen schwarzen SUV vorgefahren und Paula schrie sofort: „Da steig ich auf keinen Fall ein!“

„Das wirst du wohl müssen“, erwiderte Katharina, öffnete die vordere Autotür und kletterte auf den Beifahrersitz.

Markus verstaute das Gepäck im Kofferraum und redete dabei mit Paula, aber leider konnte Katharina nicht verstehen, worüber sich die beiden unterhielten. Als alle Gepäckstücke eingeladen waren, setzte sich Paula auf die Rückbank und zog die dicke Tür mit Wucht ins Schloss. Katharina hatte keine Ahnung, was diesen Sinneswandel bei ihrer Tochter herbeigeführt hatte, und es war ihr im Moment auch egal.

Vom Flughafengelände abgebogen, quälten sie sich langsam durch die Rush Hour. Paula streckte ihren Kopf zwischen die Vordersitze und wollte von Markus wissen, ob er mit dem SUV, in dem sie saßen, wirklich schon Verbrecher gejagt hatte.

„Yep, und dafür braucht man Autos, die robust und schnell sind“, hörte Katharina ihn antworten, während sie die Augen schloss.

„Das macht Sinn“, erklärte Paula. „Würden Sie denn auch mit einem E-Auto oder einem Auto mit Wasserstoffantrieb auf Verbrecherjagd gehen?“

„Selbstverständlich, aber im Moment gibt es noch keine geeigneten Modelle und der Kaufpreis spielt auch eine Rolle.“

„Klar, und bis es so weit ist, können Sie die Gangster natürlich nicht einfach laufen lassen“, konstatierte Paula.

„Du bist ein kluges Mädchen“, stellte Markus fest.

Wer hätte das gedacht, der wortkarge Pragmatiker hatte ihre Tochter gezähmt, zumindest für den Moment. Zufrieden döste Katharina ein, bis sie eine halbe Stunde später von Paulas Geschrei unsanft aus ihren Träumen gerissen wurde.

„Was? Hier sollen wir wohnen?“

Durch die Windschutzscheibe erkannte sie den Namen des gebuchten Hotels, der in großen, blinkenden Leuchtbuchstaben über dem Eingang hing.

„Na ja, das ist nicht gerade die beste Gegend von D.C.“, erklärte Markus.

„Aber eine, die wir uns leisten können“, meldete Katharina sich mit Nachdruck zu Wort. Doch als sie das heruntergekommene Gebäude genauer betrachtete, war auch sie entsetzt.

Die ehemals weiß gestrichene Holzfassade war schmutzig, die Treppe, die zur Tür führte, verwittert, und am Geländer blätterte die Farbe ab. Sie stieg aus dem Auto und machte sich auf den Weg, vorbei an der Bank mit den fleckigen Kissen, die einsam auf der staubigen Veranda stand, hinein in den mit muffig abgestandener Luft gefüllten Eingangsbereich. Dort mussten sich ihre Augen erst an das dämmrige Licht gewöhnen, welches sie hier umgab.

Die Rezeption war ein kleiner Tresen aus fast schwarzem Holz, das seinen Glanz längst verloren hatte. Was ebenfalls auf den älteren Herrn mit den Bartstoppeln und den fettigen Haaren zutraf, der hinter diesem stand und sie mürrisch anschaute. Sie begrüßte ihn freundlich und erklärte ihm, dass sie ein Doppel-Zimmer gebucht habe.

„Lady, you are late“, antwortete er, als ob sie das nicht selbst wüsste. Viele Stunden früher wären sie normalerweise in D.C. angekommen, aber leider war an ihrer Reise über den Atlantik rein gar nichts normal gewesen.

Sie erklärte ihm, dass sich das Flugzeug verspätet hatte, und er zuckte mit den Schultern, bevor er sie mit einem Redeschwall überschwemmte, in einem Slang, der so gut wie nichts gemein hatte mit dem Englisch, das sie beinahe fließend beherrschte.

Nachdem Jochen ihr verboten hatte, nach Paulas Geburt wieder arbeiten zu gehen, hatte sie sich viele kleine Hobbys zugelegt. Eins davon war die Perfektionierung ihrer Englischkenntnisse gewesen. Trotzdem verstand sie gerade kein Wort.

Als der Rezeptionist das bemerkte, sagte er ganz langsam: „No room.“

Sie holte die Buchungsbestätigung aus ihrer Handtasche und legte sie ihm auf den Tresen.

„One room with two beds“, erklärte sie dabei und klopfte mit dem Zeigefinger auf den Zettel.

„Lady, you are late“, wiederholte er daraufhin, und sie nannte ihm noch einmal den Grund ihrer Verspätung in der Hoffnung, dass er danach nicht schon wieder seinen Redeschwall über sie ergoss und sie diese befremdliche Unterhaltung in diesem heruntergekommenen Hotel in einer Endlosschleife würde fortführen müssen. Doch der ältere Herr hatte tatsächlich ein Einsehen. Er drehte ihren Computerausdruck der Zimmerreservierung so auf dem Tresen, dass sie ihn lesen konnte und tippte seinerseits mit dem Zeigefinger auf eine Textstelle. Schnell erfasste sie den Inhalt der sehr klein gedruckten Sätze in deutscher Sprache, die besagten, dass das Hotel ab einer Verspätung von mehr als fünf Stunden das gebuchte Zimmer weitervermieten durfte.

Entsetzt starrte sie den Mann an, der abermals mit den Schultern zuckte und sie dann mit seinen vom Rauchen verfärbten und ungeputzten gelben Zähnen angrinste. Was für ein Scheißtag, dachte sie, steckte die nutzlos gewordene Reservierung wieder in ihre Handtasche und verließ das Hotel, das sie Paula sowieso nicht hätte zumuten wollen.

Auf dem Weg zu seinem Apartment hielt Markus kurz bei IHOP und besorgte für alle ein kleines Abendessen. Katharina und Paula hatte er angewiesen, im Auto zu bleiben. Er hatte keine Lust auf große Diskussionen, die Pfannkuchen Auswahl betreffend. Schlimm genug, dass er den beiden angeboten hatte, bei ihm zu übernachten. Eine Nacht. Tagesanbruch würde er im Netz ein preiswertes Hotel für sie buchen. Aber vorher würde er direkt bei Tagesanbruch zu seinem Arbeitsplatz fahren. Der Polizeicomputer würde ihm verraten, ob dieser Mann, den Katharinas Großmutter suchte, noch lebte. Und falls ja, würde er auch dessen Adresse ausspucken. Und nachdem er dann die beiden zu ihrem Hotel gebracht hatte, war seine Arbeit getan.

„Mmh, das riecht aber lecker“, sagte Paula, als er in seinen SUV einstieg.

„Was bin ich Ihnen schuldig?“, fragte Katharina und zog ihr Portemonnaie aus ihrer Handtasche.

„Sie sind eingeladen“, erklärte Markus und entdeckte in ihrem Gesicht tatsächlich eine Spur von Erleichterung. Eheprobleme, Paulas Pubertät und Geldsorgen, eine schlechte Gemengelage, dachte er und startete seinen SUV.

Eine Stunde später waren die Eierpfannkuchen verspeist und Markus erhob sich von seinem Sofa.

„Sie beide können mein Schlafzimmer haben, ich werde es mir hier auf der Couch gemütlich machen“, verkündete er.

„Aber die Couch ist doch viel zu klein“, erwiderte Paula.

„Die kann man ausziehen, dann ist sie sogar groß genug für zwei Personen“, erklärte Markus.

„Haben Sie denn kein Gästezimmer?“

„Nein, mein Apartment hat außer diesem Wohnzimmer mit Küchenzeile nur noch ein Schlafzimmer und ein Badezimmer.“

„Das ist mein Stichwort, dürfte ich kurz Ihre Toilette benutzen?“, unterbrach Katharina seinen Wortwechsel mit Paula.

„Yep, die Tür links vom Eingang“, antwortete er.

Während Katharina im Flur verschwand, war Paula ebenfalls aufgestanden und erklärte mit vor ihrem Körper verschränkten Armen: „Ich schlafe auf keinen Fall mit Trina in einem Zimmer.“

„Das wirst du wohl müssen.“

„Sie haben mir gar nichts zu sagen. Wenn Sie es so cool finden, mit ihr in einem Zimmer zu schlafen, nur zu. Dann bleib ich hier auf der Couch.“

„Wie kommst du denn darauf, dass ich mit deiner Mutter in einem Zimmer schlafen will?“

„Na, warum haben Sie uns denn sonst hierhin abgeschleppt?“

„Weil ihr ein Dach über dem Kopf braucht“, erklärte er amüsiert über Paulas Interpretation seiner Gastfreundschaft.

„Dann hätten Sie uns auch einfach am Hyatt oder am Hilton absetzen können“, patzte Paula ihn an.

„Ich glaube kaum, dass deiner Mutter das recht gewesen wäre. Das sind, im Vergleich zu dem Hotel, das sie gebucht hatte, sehr hochpreisige Herbergen“, gab er zu bedenken.

„Mein Vater hat genug Geld. Wir können uns so ein Hotel leisten.“

„Nun, darüber solltest du besser mit deiner Mutter sprechen“, beendete er das Gespräch und brachte die Reste des Pfannkuchenmahls in die Küchenzeile. Doch Paula ließ nicht locker.

„Wo ist das Schlafzimmer?“

„Im Flur rechts. Warte, ich gebe dir frische Wäsche, dann kannst du das Bett schon mal beziehen.“ Er folgte ihr und holte aus dem Einbauschrank im Flur Bettwäsche und Handtücher.

Paula rollte währenddessen ihren Koffer in sein Schlafzimmer und erklärte: „Mein Vater würde uns niemals in so ein heruntergekommenes Hochhaus schleppen und in so einem Loch übernachten lassen.“

Dann schmiss sie ihren Trolley aufs Bett. Markus legte die Wäsche daneben und verließ wortlos den Raum.

Als Katharina aus dem Badezimmer kam, waren ihre Augen gerötet. Entweder war sie sehr müde oder sie hatte geweint.

„Paula ist schon im Schlafzimmer“, sagte Markus und begann die Couch in seinen Schlafplatz umzuwandeln.

„Ich danke Ihnen. Es ist wirklich sehr hilfreich, dass wir Ihre Gastfreundschaft genießen dürfen. Ich ziehe mich jetzt auch direkt zurück und störe Sie nicht weiter,“ ließ Katharina ihn wissen und wünschte ihm eine Gute Nacht.

„Ihnen auch eine Gute Nacht“, erwiderte Markus und schaute ihr hinterher. Ihr Gang war genauso kraftlos wie der Ausdruck ihrer blassblauen Augen. Schlechte Voraussetzung für eine Konfrontation mit ihrer Tochter, aber vielleicht hatte die sich ja wieder beruhigt.

Doch Katharinas Rütteln und Klopfen an der Schlafzimmertüre ließ nur einen Schluss zu: Paula hatte die Tür von innen verriegelt. Also keine Entwarnung. Es begann eine verbale Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter durch die verschlossene Tür. Auf dem Weg ins Badezimmer sah Markus Katharina mit der Faust gegen ebendiese klopfen. Als er das Bad wieder verließ, war es still geworden. Katharina saß mit dem Rücken gegen die verriegelte Holztür gelehnt, auf dem Fußboden. Er blieb stehen. Eins zu null für Paula. Katharina tat ihm ehrlich leid.

„Ein schlechter Platz für eine erholsame Nacht“, sagte er leise und sie zuckte mit den Schultern.

„Hab leider keine andere Wahl, Paula hat sich eingeschlossen.“

„Soll ich die Tür öffnen, das wäre kein Problem für mich?“

Katharina schaute ihn einen Moment nachdenklich an.

„Lieber nicht. Ich habe heute Abend nicht mehr die Kraft für die daraus entstehende weitere Auseinandersetzung mit meiner Tochter.“

Er nickte und streckte ihr seine Hand entgegen. „Kommen Sie, hier können Sie nicht schlafen. Sie können mein Sofa haben und ich lege mich auf meine gute alte Isomatte.“

Katharina ergriff seine Hand und er half ihr auf die Beine.

Während Markus eine weitere Decke und ein Laken aus dem Flurschrank holte, erklärte sie: „Das kommt überhaupt nicht infrage. Ich nehme die Isomatte.“

„Wollen Sie sich jetzt auch mit mir streiten?“, erwiderte er und hoffte, dass ihm ein kleines Grinsen gelungen war.

Sie seufzte und antwortete: „Okay, ich nehme das Sofa, aber Sie auch. Es ist groß genug für uns beide und wir sind zwei erwachsene Menschen. Ich möchte am Ende nicht für Ihre Rückenschmerzen verantwortlich sein, die Sie nach einer Nacht auf der Isomatte garantiert haben werden. Schließlich sind Sie nicht mehr der Jüngste.“

„Das ist sehr fürsorglich von Ihnen, Frau Schrüding, und in meinem Alter ist es wohl wirklich das Beste, wenn ich Ihr Angebot annehme“, erklärte er vielleicht ein bisschen zu trocken, wie ihre Reaktion zeigte.

„Ich wollte doch nur … ich meine … Sie sind natürlich noch nicht alt … aber …“

Markus unterbrach ihr Gestammel mit einer Geste und versuchte sich an einem Lächeln.

„Alles gut. Ich bin froh, nicht auf der harten Matte schlafen zu müssen.“

Katharina lag auf der Seite und starrte auf Markus Rücken. Durch das Mondlicht, welches durch die großen Wohnzimmerfenster schien, konnte sie seine Schulter- und Oberarmmuskeln sehen, die sich durch sein weißes T-Shirt drückten. Jochen hatte keinen so definierten Oberkörper, was durchaus für ihn sprach, denn sie stand bekanntlich nicht auf Männer mit aufgepumpten Muskeln. Aber aus der Nähe betrachtet sah Markus’ Oberkörpermuskulatur gar nicht so unnatürlich üppig aus und sie spürte die wohltuende Stärke und Männlichkeit, die sein warmer Körper ausstrahlte. Eine Brust zum Anlehnen und Arme, von denen sie im Moment nur allzu gerne gehalten werden würde, um ihre Probleme wenigstens für einen Augenblick zu vergessen.

Markus war längst eingeschlafen und schnarchte leise und regelmäßig, aber sie konnte die vielen Gedanken, die durch ihren Kopf brausten, einfach nicht ausschalten. Sie lag in einem fremden Land im Bett eines fremden Manns und fürchtete sich. Vor dem nächsten Tag, vor den nächsten Wochen und hauptsächlich davor, ihre Tochter zu verlieren.

„Können Sie nicht schlafen?“, hörte sie Markus plötzlich sagen.

Hatte ihre Unruhe ihn etwa geweckt? Sie entschuldigte sich dafür, ihn gestört zu haben.

„Haben Sie nicht. Dachte, es liegt eher an mir, dass Sie nicht schlafen können“, antwortete er.

„Nein, mit Ihnen das Bett zu teilen, ist nicht das Problem.“

Es war zumindest nicht das einzige Problem, denn es war für sie tatsächlich völlig ungewohnt, nicht allein im Bett zu liegen.

Markus drehte sich auf den Rücken. „Dann ist es Paula?“

„Nein! Aber es tut mir wirklich leid, dass Sie das alles mitanhören mussten und ich jetzt ihretwegen auch noch in Ihrem Bett liege.“

„Muss es nicht“, erklärte Markus und drehte seinen Kopf in ihre Richtung. „Und Sie müssen Paulas Verhalten auch nicht immer entschuldigen. Mir ist bewusst, dass sie in einer schwierigen Phase steckt.“

Er richtete seinen Oberkörper auf, rutschte ein Stück nach hinten und lehnte sich dann an die Rückenlehne des Sofas. Katharina tat es ihm gleich und zog das Laken hoch bis unter ihr Kinn.

„Sie denken, ich sollte strenger mit ihr sein, stimmt’s?“

„Vielleicht, aber ich kenne Kids in dem Alter meist nur als Straftäter.“

„Und die muss man schon mal etwas härter anfassen, um sie zurück auf den richtigen Weg zu schubsen ,… denke ich zumindest.“

„Yep, je nach dem.“

„Das möchte ich aber nicht. Schließlich ist sie keine Kriminelle, sondern einfach nur eine Jugendliche in der Pubertät.“

Markus brummte nur kurz.

„Jochen sieht das auch so. Deshalb streitet er nie mit ihr“, ergänzte sie hastig und wusste selbst nicht, warum sie das gesagt hatte. Sie fand Jochens Haltung, jedem Streit mit Paula aus dem Weg zu gehen, furchtbar.

„Das können Sie nicht gut finden“, erwiderte Markus und es entstand eine peinliche Stille.

Katharina fühlte sich ertappt. Es war, als würde er ihre Gedanken lesen.

„Vielleicht haben Sie ja recht, aber ich möchte Jochen da nicht reinreden. Paula himmelt ihn an“, erklärte sie schließlich energisch.

„Das kann ich mir denken.“

„Wieso können Sie sich das denken?“, fragte sie verunsichert.

„Ihr Ehemann legt sich nicht mit seiner Tochter an und verwöhnt sie zudem mit Geld und Geschenken. Welcher Teenie würde so einen Vater nicht anhimmeln?“

„Woher wissen Sie das mit dem Geld und den Geschenken?“

„Das war nicht schwer. Das hochpreisige Handy, die Smartwatch, die teuren Sneakers … und sie wollte ins Hilton und nicht im Loch eines heruntergekommenen Hochhauses übernachten“, sagte Markus und sein Mundwinkel deutete ein Lächeln an.

„Hat sie das etwa gesagt?“, fragte Katharina entsetzt und er nickte. „Oh Gott, das tut mir wirklich leid. Das hat sie bestimmt …“

Weiter kam sie nicht, denn Markus legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen und bedeutete ihr so still zu sein.

„Du sollst sie doch nicht entschuldigen“, sagte er dann und sie schwiegen einen Moment.

Er hatte sie geduzt. Nun, sie lagen in einem Bett unter einem Laken, und sie redete mit ihm über ihre Tochter und ihren Ehemann, da gab es wahrlich keinen Grund mehr, sich zu siezen. So viel Fingerspitzengefühl hatte sie ihm gar nicht zugetraut.

„Ist Jochens Verhalten gegenüber Paula der Grund für eure Streitigkeiten?“

Markus’ Frage war indiskret. Ausgerechnet. Und woher wusste er überhaupt, dass sie sich mit Jochen gestritten hatte? Ach ja, sie hatte es auf der Fahrt nach Amsterdam angedeutet. Sie schwieg. Tja, sie hatte schnell von ihm gelernt.

„Verstehe“, sagte er.

Nein, konnte er gar nicht.

„Jochen wollte nicht, dass ich für meine Großmutter in die USA reise“, erklärte sie deshalb.

„Warum nicht?“

„Er ist es eben nicht gewohnt, dass ich eigene Entscheidungen treffe. Und deshalb hat ihn das etwas … na ja, aus der Routine gebracht, könnte man sagen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich bin die Frau, die ihm täglich den Rücken freihält, damit er sich auf seine Arbeit konzentrieren kann. Da kann ich doch nicht einfach verreisen und schon gar nicht ohne Paula, wie ich es ursprünglich geplant hatte. Er mag es nämlich nicht, mit seiner Tochter allein zu sein, denn er kann ihr dann viel schlechter aus dem Weg gehen. Da war es doch klar, dass er mir die Reise verboten hat.“

Markus schwieg und sie fragte sich, warum sie es nicht auch beim Schweigen belassen hatte. Den Blick auf ihre Finger gesenkt, zupfte sie nervös am Laken.

„Aber du bist trotzdem geflogen“, kam es plötzlich völlig unerwartet von ihm, und sie war verwirrt. Es war noch nicht mal eine Frage, sondern einfach eine Feststellung. Kein Vorwurf, so wie: Warum hast du dich deinem Ehemann so untergeordnet? Oder: Warum bist du mit einem Mann verheiratet, der meint, dir etwas verbieten zu dürfen und als Vater nicht bereit ist, Zeit mit seiner Tochter zu verbringen?

Sie hob ihren Kopf und schaute ganz vorsichtig zu ihm hinüber, bereit, schnell wieder auf ihre Hände zu starren. Sein Gesicht war beinahe ausdruckslos, so als hätte er die eigentliche Botschaft ihrer Worte gar nicht wahrgenommen. Insgeheim war sie davon ausgegangen, dass er ihren verzweifelten Sarkasmus verstehen würde, aber anscheinend hatte sie ihn überschätzt. Sie hatte ihm schon viel zu viel erzählt. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihr Eheleben vor ihm auszubreiten? Einem Fremden, den sie vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden erst kennengelernt hatte und der zudem noch nie verheiratet war.

Sie straffte ihre Schultern und sagte: „Ja, meiner Großmutter zuliebe bin ich trotzdem geflogen.“

„Gut“, antwortete er.

Das war alles? Einfach nur „Gut“? Doch dann nahm sie ein kleines Zucken seiner Mundwinkel wahr. Das war nicht nur ein einfaches „Gut“ gewesen. In diesen drei Buchstaben steckte alles, was sie brauchte, ohne Vorwürfe, ohne weise Ratschläge. Es war gut, dass sie Jochen die Stirn geboten hatte und sie war damit auf dem richtigen Weg. Auf den Punkt gebracht. Wie machte Markus das nur und warum war ihr das nicht schon viel früher aufgefallen? Emma Müller hatte ihn in ihren Romanen doch genau so beschrieben. Wortkarg, aber mit dem, was er sagte, die Dinge stets auf den Punkt bringend.

Und dann hörte sie ihn auch schon sagen: „Hat Jochen euch den Geldhahn zugedreht?“

„Wie kommst du denn darauf?“ Sie hatte keine Ahnung, woraus er das schloss, und allein die Frage war ihr schon mehr als unangenehm, denn die Antwort war ebenfalls einer der Gründe ihrer Schlaflosigkeit.

„Das billige Hotel, die Erleichterung, das Abendessen nicht bezahlen zu müssen“, antwortete Markus.

Er hatte sie und Paula ganz genau beobachtet, während sie ihm jegliches Interesse abgesprochen hatte. Was für eine eklatante Fehleinschätzung. Das Bild des distanzierten Polizeibeamten, das Katharina sich von Markus während der Reise gemacht hatte, zerfiel in Stücke und machte Platz für einen Menschen, dessen Nähe und Schweigsamkeit ihr angenehm wurde.

„Jochen hat mir vorgestern die Kontovollmacht entzogen. Er dachte vermutlich, das würde mich doch noch von der Reise abhalten. Beinahe hätte das auch funktioniert, denn nach dem Streit wollte ich Paula auf keinen Fall mehr bei ihm lassen. Da war es geradezu ein Glücksfall gewesen, dass du anstelle von Frau Müller mit uns gereist bist. So konnte ich die teuren Hotelzimmer für sie und mich stornieren, einen der zwei Flüge, die schon gebucht und bezahlt waren, für Paula nutzen und mit den Reiseschecks, die ich mir schon besorgt hatte, das billige Hotel bezahlen“, antwortete sie wahrheitsgemäß, denn Lügen hatten in Markus’ Gegenwart garantiert extrem kurze Beine.

„Ihr habt kein gemeinsames Konto?“

„Nein, denn ich habe keine Ahnung vom Umgang mit Geld“, erklärte sie und musste tatsächlich selbst über ihre sarkastische Bemerkung lächeln.

„Ist das so?“, erwiderte Markus und lächelte ebenfalls.

Es entstand ein wohltuend tröstliches Schweigen, das Markus schließlich mit den Worten beendete: „Ihr könnt so lange bleiben, wie ihr möchtet. Mit deinen altmodischen Reiseschecks kannst du hier fast nirgendwo bezahlen. Und jetzt sollten wir beide besser noch etwas schlafen, bevor die Nacht vorbei ist.“

Katharina fühlte sich unendlich erleichtert und endlich müde.

ES war sechs Uhr auf der Smartwatch, die Papa ihr letzte Woche geschenkt hatte. Ein irres Teil, das aussah wie eine Uhr in Wirklichkeit aber ein Fitnesstracker und gleichzeitig die kleine Schwester ihres Smartphones war. Auch wenn sie längst noch nicht alle Funktionen kannte, mochte sie das Ding nicht mehr hergeben.

Paulas Handy piepte und sie schaute auf das Display. Mist, ihr Datenvolumen war aufgebraucht. Sie blickte auf ihre Smartwatch. Heute war der vorletzte Tag des Abrechnungsmonats. Das hieß, sie hatte bis morgen kein Volumen. Ausgerechnet jetzt, wo Tom und die anderen sich bald auf den Weg nach Dortmund machten.