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Kann ein Vermächtnis wirklich mehr als nur ein materielles Erbe sein? Eigentlich hat sich die ruhige und prinzipientreue Lehrerin Emma mit ihrem Leben arrangiert. Doch dann stirbt ihre Großtante und hinterlässt ihr offenbar mehr als nur ein kleines Fachwerkhaus. Sie findet ein altes Tagebuch und taucht ein in die tief bewegende Lebensgeschichte der Verstorbenen. Bob, der am Beerdigungstag, scheinbar zufällig, vor ihrer Tür steht, scheint auf besondere Weise in die Schrecken der Vergangenheit ihrer Tante verstrickt zu sein, und als sie dies bemerkt, hat sie sich schon Hals über Kopf in ihn verliebt. Mit ihm ist alles so intensiv, dass sie nicht nur ihr altes Leben, sondern auch gleich ein paar ihrer Prinzipien einfach über Bord wirft. So glaubt sie ihm die abenteuerliche Geschichte rund um ein im Haus ihrer Tante verstecktes Gemälde. Auch seine Warnung vor rechten Schergen, die einen kriminellen Anspruch auf dieses Kunstwerk erheben, nimmt sie ernst und lässt sich in einen Vermächtnisstrudel mit ziemlichem Tiefgang ziehen. Aber bald schon kommen ihr die ersten Zweifel. Hat Bob sie etwa die ganze Zeit belogen und sie ist für ihn nur Mittel zum Zweck bei seiner eigenen Suche nach dem "Schatz"? Als sie endlich die Wahrheit erkennt, ist es bereits zu spät und ihr Leben hängt nur noch an einem seidenen Faden ...
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Meiner Tante Emma in liebender Erinnerung
VERDAMMT! Er hätte nicht mehr herkommen sollen.
Aber sein Großvater hatte ihn vorhin so inständig darum gebeten, die neue Besitzerin dieses alten Fachwerkhauses aufzusuchen, dass er es ihm nicht hatte abschlagen können.
Jetzt stand sie vor ihm, eine zierliche, zerbrechlich wirkende Frau in den Dreißigern mit rot verweinten Augen, die ihn fragend anschaute. Ihre glatten braunen Haare waren zu einem langen Zopf zusammengebunden, aus dem sich mittlerweile einige Strähnen gelöst hatten und an ihren feuchten Wangen klebten. Er hatte sie in ihrer Trauer gestört, das war offensichtlich, und am liebsten wäre ihm jetzt gewesen, er hätte gar nicht erst geklingelt.
„Ja, bitte?“ Ihre Stimme war genauso zart wie ihre ganze Erscheinung, die eingehüllt in eins von diesen engen schwarzen Kostümen augenblicklich seinen männlichen Beschützerinstinkt weckte.
„Guten Abend, mein Name ist Bob Wolfsbach. Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber ich habe Licht im Haus gesehen und dachte mir, dass ich die neue Besitzerin dieses wunderschönen alten Kleinods vielleicht sprechen könnte.“ Er hatte seinem Großvater versprechen müssen, erst mal vorsichtig die Lage zu sondieren. Dass er eine kleine Schreinerei besaß, konnte dabei sicherlich hilfreich sein.
„Das bin ich“, sagte sie so langsam, als könnte sie es selbst noch gar nicht glauben. „Emma Müller“, fügte sie dann schnell hinzu.
„Das dachte ich mir schon“, entgegnete er, „aber wie ich sehe, störe ich Sie. Am besten komme ich morgen noch mal wieder. Entschuldigen Sie bitte nochmals, dass ich geklingelt habe.“
„Nein, nein, das ist schon okay, was kann ich denn für Sie tun?“ Irgendetwas in ihrem Blick war magisch, und ihre wunderschönen dunklen Augen hielten ihn gefangen.
„Ehm … also …“, stotterte er, als wüsste er nicht mehr, warum er eigentlich mit ihr sprechen wollte.
Verdammt! Er hätte wirklich nicht mehr herkommen sollen. Jetzt benahm er sich auch noch wie ein pubertierender Fünfzehnjähriger, dem beim Blick ins Antlitz seiner Angebeteten das Sprachzentrum abhandengekommen war.
„Ich höre!“, sagte sie, und der strenge Unterton blieb ihm nicht verborgen.
Oh Mann, das erinnerte ihn an seine Mathelehrerin aus der Grundschule. Allerdings hatte die ihn nie mit so wunderschönen Augen angeschaut, wenn er mal wieder das Ergebnis einer einfachen Rechenaufgabe nicht sofort parat hatte.
Er wusste von seinem Großvater, dass Emma Müller an der hiesigen Hauptschule unterrichtete, und sein Azubi Tim, dessen Lehrerin sie gewesen war, hatte ihm eben erzählt, dass sie sehr streng, aber absolut gerecht sei und feste Prinzipien habe. Dass sie so atemberaubend schön war und dabei gleichzeitig tough und hilflos erscheinen konnte, hatte Tim ihm allerdings verschwiegen.
„Also“, versuchte er es noch einmal, „ich besitze eine kleine Schreinerei im Nachbardorf und habe mich auf die Sanierung alter Fachwerkhäuser spezialisiert.“ Na bitte, geht doch. „Ihr Haus ist wirklich wunderschön, ein richtiges Schmuckstück, aber leider kann man selbst von außen erkennen, dass es etwas in die Jahre gekommen ist. Ich würde Ihnen gerne helfen, diesen ‚Schatz‘ zu erhalten.“
Seine Worte hatten in ihr betrübtes Gesicht ein zartes Schmunzeln gezaubert. „Sie sind genau der Mann, den ich jetzt brauche.“
Wow, obwohl ihm klar war, dass sie diesen Satz eindeutig nicht zweideutig meinte, war er mehr als geneigt, ihn zweideutig zu verstehen.
„Vorausgesetzt natürlich, ich kann Sie mir überhaupt leisten“, fügte sie schnell hinzu, und ihre Augen wurden wieder traurig.
„Selbstverständlich bekommen Sie von mir erst mal einen Kostenvoranschlag zum Nulltarif“, versprach er und lächelte sie aufmunternd an.
Sie betrachtete ihn einen Moment sehr ernst, und dann lächelte sie ebenfalls. „Mögen Sie Tee? Ich habe mir gerade einen aufgeschüttet.“
Hatte sie gerade wirklich einen wildfremden Mann in ihr Haus eingeladen? Emma konnte es selbst kaum glauben. Sie hatte tatsächlich den dunkelhaarigen Enddreißiger, der in schwarzer Cargohose und schwarzem T-Shirt vor der Tür gestanden hatte, mit der Aussicht auf einen heißen Tee in das Fachwerkhäuschen gelockt.
Na ja, „gelockt“ ist vielleicht das falsche Wort, schließlich hatte Bob Wolfsbach ihr vorher ein Angebot gemacht, das sie schlecht ausschlagen konnte. Da war ihre Einladung zum Tee doch nur die logische Konsequenz gewesen. Trotzdem fühlte sie sich jetzt, während sie beobachtete, wie er vor ihr langsam die knarrende Holztreppe nach oben stieg, ein wenig unsicher. Hoffentlich führte der Fremde, der sie vorhin so wohltuend aufmerksam betrachtet hatte, nichts Übles im Schilde. Der heutige Tag war nämlich schon aufreibend genug gewesen.
Emma hatte sich vor diesem Freitag, dem Tag der Beerdigung ihrer Tante Emma, gefürchtet. Seit deren Tod hatte sie kaum Zeit gehabt, in Ruhe zu trauern. Als einzige leibliche Verwandte hatte sie sich um so viele Dinge kümmern müssen.
Ihre verstorbene Tante war die Schwester ihrer Großmutter mütterlicherseits, also eigentlich Emmas Großtante, aber für sie war sie immer ihre Lieblingstante gewesen, und das nicht nur, weil sie denselben Vornamen trugen.
Jetzt war ihre Tante, nach ihrer Mutter, der zweite geliebte Mensch, der sie allein gelassen hatte.
Nach der Beerdigung war sie hergekommen, um endlich in aller Stille von ihrer Tante Abschied zu nehmen. Doch dann hatte es geklingelt, und der Mann, der ihr geerbtes Fachwerkhäuschen als Kleinod, Schmuckstück und Schatz beschrieb, hatte vor ihrer Tür gestanden.
Ach, was soll’s, dachte sie und machte sich ebenfalls auf den Weg in die obere Etage, vielleicht konnte Bob Wolfsbach ihr ja wirklich helfen, das alte Schmuckstück zu sanieren. Sie hatte zumindest seiner Wortwahl entnommen, dass er genau wie sie den ideellen Wert dieses verwunschenen Häuschens zu schätzen wusste.
Emma liebte dieses alte Haus. Sie hatte sich hier bei ihrer Tante schon als Kind immer wohlgefühlt.
Als sie vorhin den Schlüssel im Schloss gedreht hatte und die Scharniere der schweren alten Holztür quietschend und ächzend ihren Besuch ankündigten, hatte sie das Gefühl gehabt, ihre Tante noch immer zu spüren. Das Haus atmete förmlich ihren Duft aus, oder vielleicht hatte auch einfach ihre Tante den markanten Geruch dieses verwunschenen Fachwerkhauses angenommen. Es roch nach altem Holz, nach Farbe, nach mit Kalk geputzten Wänden und nach modrigen Abflüssen und Eisenrohren. Langsam war Emma die knarrenden Stufen der schmalen Holztreppe hinaufgeschlichen und hatte sich dann im Wohnzimmer auf das Sofa mit dem abgewetzten Stoff gesetzt.
Draußen war es dunkel geworden, und sie stand auf und tastete nach dem Lichtschalter. Im Schein der blassen Deckenlampe war ihr zum ersten Mal aufgefallen, wie alt und abgenutzt alles in diesem kleinen Wohnzimmer aussah.
Als ihre Tante noch gelebt hatte, hatte sie trotz ihrer 92 Jahre dieses Haus mit so viel Kraft und Leben gefüllt, dass der heruntergekommene Look ihres Inventars bei ihren Besuchern keinerlei Beachtung gefunden hatte. Selbst Emma, die ihre Tante in der letzten Zeit versorgt hatte, bemerkte den bemitleidenswerten Zustand der Inneneinrichtung erst jetzt so richtig.
Aber nicht nur das Mobiliar hatte seine besten Tage hinter sich, auch das Fachwerkhaus war mächtig in die Jahre gekommen. So lief zum Beispiel der Boden im Wohnzimmer in Richtung des alten Ofens beinahe steil bergab. Deshalb hatte ihr Vater vor einigen Jahren den kleinen Wohnzimmerschrank nicht nur mit Holzkeilen unterlegen, sondern auch noch fest an der Wand verdübeln müssen.
Kurz und gut, das Haus war schief, Fenster und Türen undicht, die Strom- und Wasserleitungen marode, und es gab keine Zentralheizung und kein Badezimmer. Ein kompletter Sanierungsfall, der jetzt Emma gehörte.
Bob war langsam die schmale Treppe Stufe für Stufe nach oben gestiegen. Er wusste jetzt, dass Emma keine Ahnung hatte, in welcher Gefahr sie schwebte. Sie hätte sonst doch niemals, einfach so, einen wildfremden Mann mit ins Haus genommen. Zum Glück hatte er vor ihrer Tür gestanden und nicht … Nein, daran wollte er lieber nicht denken.
„Ist Earl Grey in Ordnung? Es wäre sonst nur noch Kamillentee da“, fragte sie und ging dicht an ihm vorbei, Richtung Küche.
„Ja klar, Earl Grey ist okay. Ich hoffe, ich mache Ihnen keine allzu großen Umstände?“
„Ach was, das Wasser ist schnell noch mal heißgemacht. Sie können sich ja in der Zwischenzeit die Zimmer dieser Etage ansehen.“
„Gerne“, sagte er, und als Emma in der Küche verschwand, fing er an, Raum für Raum mit seinen geschulten Augen aufmerksam zu betrachten.
Oh je, hier gab es schon auf den ersten Blick viel zu tun, und dabei wusste er noch nicht einmal, welche Überraschungen hinter den verputzten und sorgsam tapezierten Wänden auf ihn warten würden. Da würde er mit Sicherheit alte, marode Stromleitungen vorfinden, ganz zu schweigen davon, dass er noch nicht einmal sagen konnte, ob die alten Balken des Holzständerwerks überhaupt noch in Ordnung waren.
„Der Tee ist fertig!“, rief Emma aus der Küche und riss ihn damit aus seinen Gedanken.
Eins war klar, auch wenn seine Mathelehrerin in der Grundschule seine Mathekünste immer bezweifelt hatte, hier musste man nicht lange rechnen, um zu erkennen, dass die Sanierung eine Menge kosten würde. Hoffentlich hatte das liebe Tantchen ihrer Nichte ebenfalls einen Batzen Geld vererbt und nicht nur dieses kleine, absolut wunderschöne Fachwerkhaus.
Auch in der Küche schien die Zeit stehen geblieben zu sein. „Kochen wie zu Urgroßmutters Zeiten“ hätte man auf die Tür schreiben können, wenn da nicht der Wasserhahn über einem steinernen Waschtrog das Vorhandensein von fließend kaltem Wasser gezeigt hätte.
„Hat Ihre Tante sich eigentlich irgendwann einmal ein Badezimmer einbauen lassen?“, fragte er und setzte sich auf einen der Stühle am Esstisch.
„Nein, kein Badezimmer, aber hier hinter der Küche ist eine Toilette installiert worden. Das ist noch gar nicht so lange her. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich in meiner Jugend auf das Plumpsklo neben dem Schweinestall gehen musste.“
„Das heißt, es gibt im ganzen Haus auch kein warmes Wasser?“
„Nein, meine Tante hat das Wasser immer auf dem Ofen heißgemacht. Am Samstag wurde dann die alte Badewanne vom Speicher geholt, hier in die Küche gestellt und mit dem so erwärmten Wasser gefüllte. Das dauerte jedes Mal ziemlich lange. In den letzten Jahren ist Tante Emma aber einmal in der Woche zum Duschen zu uns gekommen.“
Er musste schmunzeln bei der Vorstellung, eine alte Badewanne mit mühsam erwärmtem Wasser befüllen zu müssen und in der Küche zu baden. Als er jedoch hörte, dass das Tantchen in den letzten Jahren immer bei Emma geduscht hatte und diese scheinbar nicht allein wohnte, erstarb sein Lächeln.
Sie hatte „zu uns“ gesagt. Was meinte sie damit? War sie am Ende etwa verheiratet? Was kümmerte ihn das überhaupt? So gut wie sie aussah, war sie garantiert schon längst vergeben. Und das sollte sie wohl auch.
Bob hatte keine Ahnung, warum er sich darüber so aufregte, und als er sie jetzt fragte, ob sie und ihr Mann denn das Haus überhaupt behalten wollten, musste er sich ziemlich anstrengen, damit seine Stimme nicht allzu unfreundlich klang.
„Oh, ich habe keinen Mann! Na ja, zumindest bin ich nicht verheiratet.“
Mist!
„Sie wohnen also mit ihrem Freund zusammen?“, hörte er sich sagen und bereute diese indiskrete Frage sofort. Was ging ihn das überhaupt an? Hoffentlich schmiss sie ihn jetzt nicht raus, dann könnte er sich seine „Schatzsuche“ gleich abschminken. Großvater würde ihn enterben oder Schlimmeres.
Emma lächelte ihn an und antwortete ganz unbedarft: „Nein, ich wohne bei meinem Vater im Nachbarort. Er hat Parkinson und braucht seit dem Tod meiner Mutter meine Unterstützung, also bin ich in mein Elternhaus zurückgezogen.“
Puh, kein Freund, Glück gehabt!
„Mein Verlobter wohnt in Konstanz, wir sehen uns deshalb leider nicht sehr oft.“
Kein Puh! Doch Mist!
„Das tut mir leid“, log er und nahm erst mal einen großen Schluck von seinem heißen Tee.
„Muss es nicht“, entgegnete Emma knapp und beendete damit das Thema.
Seit ihrem Umzug in das elterliche Haus führte sie mit Daniel nur noch eine Wochenendbeziehung, und das machte sie nicht gerade glücklich. Ganz im Gegensatz zu ihrem Verlobten, der dieses Arrangement sichtlich zu genießen schien.
Beklagt hatte sie sich nie darüber und einem völlig Fremden würde sie jetzt bestimmt nicht ihr Herz ausschütten.
Bob räusperte sich und begann dann mit seinen Ausführungen über den wahrscheinlichen Sanierungsbedarf des Fachwerkhauses.
Emma hörte sehr interessiert zu, unterbrach ihn nur ein paarmal mit kurzen Zwischenfragen, und als er fertig war und sich erneut einen Schluck des inzwischen kalt gewordenen Tees gönnte, verbalisierte sie die große Frage, die wie ein Damokles- Schwert die ganze Zeit über ihnen zu schweben schien. „Mit welchen Kosten muss ich denn jetzt rechnen?“
Bob wusste, dass er ihr jetzt eine hohe Summe würde nennen müssen und hatte Angst, dass er den Auftrag, das Haus zu sanieren, noch in dieser Minute verlieren würde. Damit wäre dann auch die Mission, die sein Großvater ihm auferlegt hatte, erheblich schwieriger.
Er schaute sie an, und für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, sich in ihren fragenden Augen zu verlieren.
Er musste sie irgendwie hinhalten. „Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Ich müsste dazu erst mal das ganze Haus gründlich in Augenschein nehmen, alle Leitungen und das Holz begutachten und eventuell Proben der Bausubstanz untersuchen, um Schimmelbefall ausschließen zu können. Außerdem muss ich natürlich wissen, wie das Haus nach der Sanierung aussehen soll.
Ob Räume verändert werden sollen, Wände versetzt werden oder vielleicht sogar die Scheune in Wohnraum umgewandelt werden soll.“
„Das hört sich aber nach einer Menge Arbeit an.“
Das sollte es auch, so schnell würde sie ihn nicht mehr los, dachte er und sagte: „Ja, das stimmt wohl. Aber ich glaube, eins kann ich Ihnen jetzt schon sagen: Es lohnt sich auf alle Fälle. Dieses Haus ist ein Schmuckstück. Um ehrlich zu sein, habe ich mich bereits ein bisschen verliebt … in Ihr Häuschen.“
„Aber diesen ganzen Aufwand zur Kostenkalkulation können Sie doch wohl kaum ohne Entschädigung betreiben?“
„Na, lassen Sie das mal meine Sorge sein. Ich habe Ihnen versprochen, kein Geld dafür zu nehmen und dabei bleibt es auch.“
„Das ist mir aber sehr unangenehm, ich weiß ja noch nicht mal, ob ich mir die Sanierung am Ende überhaupt leisten kann.“
„Das Risiko gehe ich ein. Also abgemacht?“ Er hielt ihr seine Hand hin, und nach kurzem Zögern schlug Emma ein.
Als sich ihre Hände berührten, fühlte er ein intensives Prickeln, das sich in Schallgeschwindigkeit durch seinen Arm über seinen Brustkorb bis in seine Leisten fortsetzte, und ihre Augen verrieten ihm, dass sie es auch gespürt hatte.
Oh mein Gott, so was war ihm noch nie passiert. Noch vor ein paar Stunden hatte er noch nicht mal etwas von der Existenz dieses Fachwerkhauses, geschweige denn von seiner hübschen Besitzerin geahnt und jetzt …
Sie hatte es tatsächlich auch gespürt. Bob hielt immer noch ihre Hand, und es fühlte sich gut an, fest und warm. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug, ihr Unterleib kribbelte und ihre Knie langsam weich wurden.
Was war nur mit ihr los? Bestimmt lag es an diesem tränenreichen Beerdigungstag, dass ihre Gefühle gerade Purzelbaum schlugen. Es war wohl doch alles ein bisschen viel gewesen, und jetzt machte ihr Körper eben einfach schlapp oder besser gesagt: Er machte, was er wollte. Sie brauchte dringend etwas Ruhe.
„Ich würde jetzt gerne nach Hause fahren, es war ein langer, anstrengender Tag", sagte sie leise und stand auf. Ihre Hand lag immer noch in seiner.
„Oh ja, selbstverständlich. Ich möchte Sie keinesfalls aufhalten“, beteuerte Bob, während er ganz vorsichtig ihre Finger wieder frei gab und sich ebenfalls von seinem Stuhl erhob.
„Herr Wolfsbach…“, begann Emma langsam.
„Bitte, sagen Sie Bob zu mir“, unterbrach er sie und lächelte.
„Also gut, Bob, ich bin Emma“, jetzt lächelte sie auch.
„Hallo Emma“, sagte er leise und schaute sie andächtig an.
Emma vergaß völlig, was sie ihm eigentlich hatte sagen wollen. Sie sah nur noch seine großen, dunklen Augen, die mit ihren zu verschmelzen schienen, und nach einer gefühlten Ewigkeit nahm sie wahr, dass Bob sie etwas fragte.
„Emma? Sie wollten mir, glaube ich, etwas sagen.“
„Oh ja, Entschuldigung, ich bin wohl ziemlich erledigt.“
„Soll ich Sie nach Hause fahren?“
„Nein danke, das ist nicht nötig, ich bin selbst mit dem Auto da.“
„Können Sie denn überhaupt noch fahren? Ich bringe Sie wirklich gerne nach Hause. Kommen Sie, Sie können sich ja kaum noch auf den Beinen halten.“ Er nahm ihre Handtasche vom Stuhl, legte seine Handinnenfläche knapp über dem Po auf ihren Rücken und führte sie mit sanftem Druck Richtung Treppe.
Emma war froh, dass er darauf bestanden hatte, sie nach Hause zu bringen. Während der Fahrt hatte Bob ihr versprochen, in den kommenden Tagen das Fachwerkhäuschen zu begutachten, und als sie vor dem Haus ihres Vaters angekommen waren, gab sie ihm noch einmal die Hand.
„Vielen Dank, das war wirklich sehr nett von Ihnen. Wie abgemacht erwarte ich Sie dann morgen früh, und wir fahren wieder gemeinsam zum Haus. Dann können Sie sich in Ruhe überall umsehen, während ich wohl oder übel damit beginnen muss, die Sachen meiner Tante zu sichten.“
„Ich werde da sein.“
„Gute Nacht, Bob“, hatte Emma zufrieden gesagt.
„Gute Nacht, Emma,“ hatte Bob erwidert und nur sehr widerwillig ihre Hand losgelassen.
Es dauerte lange, bis Emma endlich zur Ruhe kam. Sie legte sich zwar direkt ins Bett, aber sie konnte einfach nicht abschalten. Zu groß war der Schmerz, den der Verlust ihrer geliebten Tante in ihr hinterließ.
Und sie war enttäuscht. Mächtig enttäuscht, denn Daniel hatte es tatsächlich nicht für nötig gehalten, seine langjährige Verlobte an diesem schweren Tag zu begleiten. Er hatte sie noch nicht einmal angerufen, um sie wenigstens mit ein paar liebevollen Worten zu trösten. Sie hatte sich zwar damit abgefunden, dass er kein einfühlsamer „Frauenversteher“ war, aber gerade heute hatte sie ein bisschen mehr von ihm erwartet …
Neben Trauer und Enttäuschung breitete sich schließlich noch ein anderes Gefühl in ihr aus. Es war ein schönes Gefühl, ein warmes, erregendes Kribbeln, das sie jedes Mal durchflutete, wenn sie an Bob dachte.
Sie spürte noch immer seine Finger warm auf ihrem Rücken, und die Innenfläche ihrer Hand brannte leicht, dort, wo Bob sie berührt hatte …
Irgendwann schlief sie dann völlig erschöpft ein.
AM NÄCHSTEN MORGEN kam Emma gerade aus der Dusche, als ihr Handy klingelte. Auf dem Display stand „Daniel“. Auf den hatte sie im Moment wirklich keine Lust. Ihre Enttäuschung war inzwischen in Wut umgeschlagen, und so drückte sie ihn einfach weg. Aber ihr Verlobter ließ nicht locker, und als Emmas Telefon zum wiederholten Mal den Klingelton spielte, den sie für seine Anrufe festgelegt hatte, nahm sie das Gespräch genervt an.
Daniel entschuldigte sich tatsächlich für sein gestriges Verhalten, erkundigte sich erstaunlich fürsorglich nach ihrem Befinden und bat sie dann, mit ihm mittags essen zu gehen. Er müsse dringend mit ihr reden, drängte er und versuchte so, seiner Bitte Nachdruck zu verleihen. Emma schluckte schließlich so wie immer ihre Wut herunter, nahm seine Einladung an und beendete das Telefonat.
Verärgert über sich selbst und ihre Nachgiebigkeit wickelte sie sich in ihr dünnes Handtuch.
Während sie mit ihren nackten Füßen über die kalten Fliesen hüpfte, ging die Türglocke.
„Papa, der Pflegedienst ist da!“, rief sie missmutig. Wo waren bloß wieder ihre Flipflops abgeblieben? Immer, wenn man sie brauchte, waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Es klingelte ein zweites Mal, und Emma musste wohl oder übel barfuß zur Türe gehen. Sie wunderte sich, dass Schwester Stephanie nicht den Hausschlüssel benutzte, den sie ihr vor einiger Zeit ausgehändigt hatte. Als sie die Türe öffnete, stand da aber nicht etwa Schwester Stephanie, sondern Bob.
Der lächelte sie mit seinen warmen Augen freundlich an, und ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie nur in ein dünnes Handtuch gehüllt, barfuß und mit klatschnassen Haaren vor ihm stand. Schnell schlang sie ihre Arme eng um ihren Körper, damit das Tuch jetzt nicht auch noch herunterrutschte.
Das Lächeln in Bobs Gesicht verwandelte sich in ein Grinsen und Emma spürte, wie sie rot wurde. Oh je, wie peinlich ist das denn? Gestern Abend hatte sie diesen Mann erst kennengelernt, und jetzt stand sie schon halb nackt vor ihm.
„Guten Morgen, Emma! Wie ich sehe, haben Sie sich schon frisch gemacht.“ Das Grinsen in Bobs Gesicht wurde noch breiter und Emma wäre am liebsten im Boden versunken.
Was hatte dieser Kerl denn überhaupt so früh hier zu suchen, er sollte sie doch erst in zwei Stunden abholen? Mittlerweile hatten ihre tropfenden Haare dafür gesorgt, dass das Handtuch komplett durchnässt war und ihre nackten Füße in einer kleinen Pfütze standen. Bob nahm das mit amüsiertem Blick zur Kenntnis.
Oh je, Miss wet Handtuch, dachte Emma entsetzt.
Sie konnte ihren Herzschlag bereits bis in den Hals spüren und fragte schroff: „Was machen Sie denn jetzt schon hier?“
Bob war ihr eisiger Tonfall nicht entgangen, und er hielt schnell die Hand mit der Brötchentüte hoch.
„Ich dachte mir, ich bringe Ihnen ein paar frische Brötchen vorbei, denn schließlich ist es Samstag, da gibt es die bei mir zu Hause immer. Ihr Auto steht ja noch bei ihrer Tante, und bis zum Bäcker ist es zu Fuß doch ziemlich weit“, entschuldigte er sein frühes Auftauchen.
Emma bereute sofort, dass sie ihn so angeblafft hatte. Sie hatte tatsächlich vollkommen vergessen, dass sie ja gar kein Auto hatte, und fand es sehr aufmerksam von ihm, dass er daran gedacht hatte.
Bob machte einen Schritt auf sie zu und überreichte ihr die Tüte mit den warmen, duftenden Backwaren.
„Ich komme dann in zwei Stunden wieder und hole Sie ab.“ Grinsend fügte er noch hinzu: „Bis dahin haben Sie sich ja bestimmt trockengelegt.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt, stieg in seinen Pickup und fuhr davon.
Emma starrte ihm hinterher. Wo waren bloß ihre Manieren geblieben? Sie hätte ihn doch einfach zum Frühstück einladen können, das wäre ja wohl das Mindeste gewesen, was sie hätte tun können. Mist, warum war sie bloß so abweisend gewesen? Okay, sein Grinsen und seine Bemerkungen hatten sie sehr verlegen und auch ein bisschen wütend gemacht, aber das war noch lange kein Grund gewesen, ihm nicht mal einen guten Morgen zu wünschen. Emma ärgerte sich schon wieder über sich selbst.
Der Tag fing ja schon „richtig gut“ an …
EIN KLEINES STÜCK entfernt parkte Bob sein Auto auf dem Seitenstreifen. Er wusste nicht genau, was er von dieser morgendlichen Begegnung und Emmas Reaktion auf seine freundlich gemeinte Geste halten sollte.
Sie hatte ihn schlichtweg abblitzen lassen, das heißt, es würde für ihn ziemlich schwer werden, in ihrer Nähe zu bleiben, ohne dass sie ihn für aufdringlich hielt. Aber er konnte die Begutachtung ja nicht ewig hinziehen, irgendwann schöpfte sie mit Sicherheit Verdacht. Wenn er bis dahin nicht gefunden hatte, was er suchte, dann hätte er vermutlich keine Chance mehr, seine Mission zu einem positiven Ende zu bringen. Das wiederum wäre auch noch aus einem anderen Grund sehr schade, denn das, was er da gerade gesehen hatte und unter ihrem dünnen nassen Handtuch hatte erahnen können, hatte ihm ausgesprochen gut gefallen.
Bob hatte in seinem Leben nicht besonders viel Glück mit den Frauen gehabt. Die meisten seiner Beziehungen waren nur von kurzer Dauer gewesen. Nicht, dass er das so gewollt hätte, nein, er hätte gerne sein Leben dauerhaft mit einer Frau geteilt, aber es war einfach nie die Richtige dabei gewesen.
Bis auf das eine Mal, als ihm Iris begegnet war. Da war er sich sicher gewesen, dass sie die Frau ist, von der er immer geträumt hatte. Viel zu spät hatte er gemerkt, dass Iris nur in seine Uniform und seinen Rang als Offizier verliebt war. Sie hatte sich mit ihm schmücken wollen, und da er ein sehr attraktiver Mann war, dem die Uniform zudem auch noch ausgesprochen gut stand, hatte sie seine vielen Auslandseinsätze immer stoisch ertragen. In Gesellschaft der anderen Offiziersfrauen und vor allem der anderen Offiziere hatte sie sich die Wartezeit immer angenehm vertrieben, und nach Bobs Rückkehr schleppte sie ihn zu all ihren Freundinnen, um mit seinen „Auslandsabenteuern“ mächtig anzugeben. Das wiederum ließ Bob stoisch über sich ergehen.
Als er dann nach acht Jahren und einigen traumatischen Erlebnissen in Afghanistan genug vom Leben als Soldat gehabt hatte, entwickelte sich die Beziehung mit Iris langsam, aber sicher zu einem Kriegsschauplatz. Sie war mit nichts mehr zufrieden. Nicht mit ihm, nicht mit ihrem gemeinsamen Leben und schon gar nicht mit seiner Vorstellung von ihrer gemeinsamen Zukunft.
Bob hatte nach dem Abitur, dem Wunsch seines strengen Vaters folgend studiert. Eigentlich hätte er lieber ein Handwerk erlernt, aber so etwas war in den Augen seines Vaters, einer Familie von Wolfsbach, nicht würdig. In den Jahren seiner Schulzeit hatte er, so oft es ging, in einer kleinen Schreinerei unten im Dorf geholfen. Die Arbeit mit Holz und der damit verbundene kreative Schaffungsprozess hatte ihn völlig in seinen Bann gezogen, und er hätte am liebsten die Schule hingeschmissen und eine Ausbildung zum Schreiner gemacht.
Der alte Schreinermeister hatte sein Talent schon in den ersten Tagen wahrgenommen und bei Bobs Vater vorgesprochen. Der fand die Vorstellung, dass sein Sohn ein Handwerk erlernen wollte, schlichtweg untragbar und damit war das Thema für ihn erledigt. Bob hatte sich nicht getraut, sich ihm zu widersetzen und seine Schullaufbahn mit einem recht passablen Abi-Durchschnitt zu Ende gebracht.
Sein Vater hatte dann von ihm verlangt, ein Studium der Betriebswirtschaft zu absolvieren, denn er wollte, dass Bob später mal die Leitung seiner nicht ganz unbedeutenden Consulting Firma übernimmt. Aber diesmal wollte Bob sich nicht den Wünschen seines Vaters beugen. Er immatrikulierte nicht in Betriebswirtschaft, sondern im Studiengang Ingenieurwesen. Dieses Studium schloss er dann als Diplomingenieur mit Schwerpunkt Bauingenieur ab. Seinem Vater hatte er allerdings die ganzen Jahre verschwiegen, dass er gar nicht Betriebswirtschaft studierte.
Dann kam der Tag, an dem er seinem alten Herrn stolz sein Diplom vorgelegt hatte, in der Hoffnung, der gute Studienabschluss würde diesen besänftigen.
Sein Vater, Robert von Wolfsbach der Fünfte, war keineswegs besänftigt. Nein, er hatte seinen Sohn quasi aus dem Haus gejagt.
„Das ist in höchstem Maße inakzeptabel!“, hatte er gebrüllt und dabei offengelassen, ob er das Diplom seines Sohnes oder dessen heimliche Änderung des Studienganges „inakzeptabel“ fand. Bob hatte daraufhin seine Sachen gepackt und sich von seiner weinenden Mutter verabschiedet. Seitdem hatte er nie wieder ein Wort mit seinem Vater gesprochen, auch wenn er seiner Mutter damit fast das Herz brach.
Nach dem Abgang aus seinem Elternhaus war er dann in einer kleinen WG bei Freunden untergekommen und hatte sich bei der Bundeswehr beworben. Er hatte so weit wie möglich weg gewollt von seinem Vater, und dabei wäre ihm ein Einsatz in Afghanistan gerade recht gewesen.
Aber nach acht Jahren hatte er genug von Auslandseinsätzen, Kampfstiefeln und Galauniformen. Er hatte schreckliche Dinge erlebt und manche nur knapp überlebt, und er hatte bis heute noch nie mit jemandem darüber gesprochen, außer natürlich mit dem Psychologen, der alle Soldaten seiner Einheit nach jedem Einsatz betreut hatte. Mit Iris hatte er nicht darüber reden können. Sie hatte immer nur die schönen und repräsentativen Seiten des Soldatenlebens gesehen, die sie für ihren Geltungsdrang hatte nutzen können. Wahrscheinlich hatte sie schon davon geträumt, am Arm eines vier Sterne Generals durchs Leben zu marschieren, also durch die Öffentlichkeit zu schreiten.
Als er aus der Truppe ausschied, brach für sie eine Welt zusammen, und als er ihr eröffnet hatte, dass er ab sofort in der kleinen Schreinerei in seinem Heimatdorf eine Ausbildung zum Schreiner absolvieren würde, hatte sie ihre Koffer gepackt und war gegangen.
Das nennt man dann wohl Kollateralschaden, hatte er gedacht und sich gewundert, dass ihn dieser Verlust so wenig berührte.
Bobs Magen fing an zu knurren. Er hatte heute Morgen nur eine Tasse Kaffee getrunken in der Annahme, mit Emma gemeinsam frühstücken zu können. Na, dieser Plan war ja wohl gründlich danebengegangen. Bei Emma brauchte er erst wieder in anderthalb Stunden aufzukreuzen, und er überlegte, ob er sich nicht schnell beim Bäcker ein belegtes Brötchen besorgen sollte. Gestern Mittag hatte er das Letzte gegessen, denn als er gestern Abend nach Hause gekommen war, hatte ihn sein Großvater angerufen und zum Rapport gebeten. Danach war er so müde gewesen, dass er direkt ins Bett gegangen war.
Nach einem ausgiebigen Frühstück in der Bäckerei hatte sich sein Magen wieder vollständig beruhigt. Die junge Bäckereifachverkäuferin hatte ihn die ganze Zeit angeschmachtet, was er sehr amüsiert zur Kenntnis genommen hatte, und seine Laune hatte sich deutlich gebessert.
Er war nicht wirklich sauer auf Emma gewesen, und wenn doch, dann jedenfalls nur ein ganz kleines bisschen. Wirklich ärgerlich war er über sich selbst, er hatte Emma eindeutig überrumpelt. Er hätte gestern Abend schon merken müssen, dass sie nicht zu den Frauen gehörte, die sich schnell mit ein paar freundlichen Gesten erobern ließen. Die kleine Bäckereifachverkäuferin hätte ihn bestimmt in der gleichen Situation abends schon zum Frühstück eingeladen, aber Emma Müller …
Emma frühstückte mit ihrem Vater und wartete dann vor der Haustür auf Bob. Sie hatte heute viel Zeit, sich um den Nachlass ihrer Tante zu kümmern, denn Ruth, die Nachbarin, hatte versprochen, nach ihrem Vater zu schauen.
Pünktlich um 9:00 Uhr fuhr Bob mit seinem Pickup vor.
Während er ausstieg, sein Auto umrundete und ihr die Beifahrertür öffnete, lächelte sie ihn freundlich an und säuselte:
„Guten Morgen. Neues Auto oder neue Frau?“
Wow, Frau Müller konnte ja doch witzig sein, wer hätte das nach heute Morgen gedacht.
„Weder noch“, antwortete Bob und grinste, „das Auto ist schon älter, und die Frau gehört mir nicht.“
Emma kletterte auf den Beifahrersitz und Bob schloss die Türe. Dann setzte er sich hinters Steuer und fuhr los. Emma hatte ein total schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Er war so ungeheuer hilfsbereit und für einen Handwerker ziemlich gentlemanlike, und sie musste auf ihn wirken wie eine Zicke, die seine Freundlichkeit ausnutzte. Da war wohl eine Entschuldigung fällig.
Sie schaute vor sich auf die Straße, als sie sagte: „Bob, ich …“
Doch sie kam nicht weiter, denn Bob hatte genau im selben Moment „Emma, ich…“, gesagt. Auch er beendete seinen Satz nicht und schaute zu ihr.
„Sie zuerst“, sagte er lächelnd und drehte seinen Kopf wieder nach vorne. Emma betrachtete sein Profil.
„Nein, Sie zuerst“, erwiderte sie und fand, dass er ausgesprochen gut aussah. Er hatte dunkles, lockiges Haar, ein sehr männliches Gesicht, und sein Drei-Tage-Bart war schon ein wenig grau und wirkte dadurch ungeheuer sexy. Das alles war ihr gestern Abend gar nicht aufgefallen.
Gerade als sie ihren Blick gesenkt hatte, um seinen Oberkörper in Augenschein zu nehmen, sagte Bob: „Emma, ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.“
Emma war fasziniert vom Anblick seiner durchtrainierten Muskeln, die sich perfekt durch das schwarze T-Shirt abdrückten, und bemerkte nicht direkt, dass Bob mit ihr sprach.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie heute Morgen so überrumpelt habe. Mir ist natürlich klar, dass Sie mich so gut wie gar nicht kennen und ich kenne Sie ehrlich gesagt ja auch erst seit gestern Abend. Vielleicht können wir einfach noch mal von vorne beginnen und den heutigen Morgen vergessen?“, fuhr dieser jetzt fort und Emma schaute ihn erstaunt an.
Wieso entschuldigte er sich bei ihr? Sie war doch die unhöfliche Zicke gewesen.
„Bob, Sie müssen sich wirklich nicht bei mir entschuldigen. Wenn sich hier jemand unmöglich benommen hat, dann war ich das, und dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen“, erwiderte Emma schnell.
„Okay, ich sehe, wir sind quitt“, sagte Bob erleichtert. „Also alles auf Anfang?… Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bob Wolfsbach, Sie können mich gerne Bob nennen, und ich habe eine kleine Schreinerei im Nachbardorf.“ Bob schaute zu ihr rüber und lächelte.
Emma blickte in seine warmen Augen und lächelte ebenfalls.
„Ich bin Emma Müller, und ich bin Lehrerin an der hiesigen Hauptschule. Sie dürfen mich gerne Emma nennen.“
„Sie sind Lehrerin? So wie ‚Frau Müller muss weg‘?“, erwiderte Bob und drehte grinsend seinen Kopf schnell wieder nach vorne.
„Dann sind Sie wohl ‚Bob der Baumeister‘?“, konterte Emma, und als Bob sie wieder ansah, mussten beide herzhaft lachen.
„Autsch, den hatte ich wohl verdient“, bekannte er schmunzelnd.
AM HAUS ANGEKOMMEN zog sich Emma sofort in das Schlafzimmer ihrer Tante zurück, während Bob zunächst den Keller inspizierte. Er sagte ihr, er wolle dort das alte Gewölbe überprüfen und nach möglichem Schimmelbefall und nach Schädlingen Ausschau halten.
Emma setzte sich auf den alten Sessel, auf dem sie quasi die letzten Tage bis zum Tod ihrer Tante neben deren Bett verbracht hatte. Sie saß eine ganze Weile einfach nur da und ließ den gestrigen Tag noch einmal hinter ihren geschlossenen Augen Revue passieren.
Alles in allem konnte man sagen, dass es eine schöne Beerdigung gewesen war, sofern man Beerdigungen mit diesem Adjektiv beschreiben wollte. Ihre Tante war keine sehr gläubige Frau gewesen, deshalb hatten sie auf eine kirchliche Beisetzung verzichtet und stattdessen eine Feier in der Trauerhalle des Beerdigungsunternehmens mit einer Trauerrednerin organisiert.
Dass dies die richtige Entscheidung gewesen war, hatte sich schon beim Besuch der Besagten bei ihr und ihrem Vater zur Vorbereitung der Feierlichkeiten gezeigt. Denn so jemanden wie diese Frau, die sich für das Leben ihrer Tante interessiert hatte und sich dabei mehrere Stunden fast ausschließlich aufs aufmerksame Zuhören konzentriert hatte, findet man bei den Männern der Kirche wohl eher in Ausnahmefällen.
Die Halle, in der ihre Tante im Sarg aufgebahrt war, war feierlich geschmückt gewesen, und es war gefühlt das halbe Dorf gekommen, um sich zu verabschieden. Die Rede, gespickt mit erzählten Erinnerungen aus dem Leben der Verblichenen, war so intensiv und bewegend gewesen, dass Emma ihre Tränen nicht hatte zurückhalten können. Und doch hatte die ganze Zeremonie und die vielen lieben Menschen, die sie in den Arm nahmen und mit herzlichen Worten ihre Anteilnahme ausdrückten, etwas ungemein Tröstliches für Emma gehabt.
Sie wischte sich ein paar Tränen von den Wangen. Warum musste sie nur dauernd weinen, ihre Tante hatte ein erfülltes Leben gehabt und war in hohem Alter gestorben? Sie war bis zuletzt gesund und im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte gewesen und hatte nach einem Schwächeanfall ganze drei Tage im Bett gelegen, bis das Ende kam.
Es ist alles gut so, wie es ist, dachte Emma, aber sie musste sich trotzdem erst einmal sammeln, bevor sie beginnen konnte, die Sachen ihrer Tante zu sichten und das meiste davon schweren Herzens zu entsorgen. Allzu viel Zeit sollte sie sich allerdings nicht lassen, denn die Sommerferien würden nicht ewig dauern, und wenn die Schule erst wieder angefangen hatte, würde ihr für diese Aufgabe kaum genug von eben dieser bleiben.
Schließlich öffnete sie den Kleiderschrank und fing an, die Bettwäsche in große blaue Säcke zu sortieren. Einen Sack für die Bezüge und Laken, die ihre besten Tage hinter sich hatten und deshalb entsorgt werden mussten, und einen Sack für die Stücke, die sie bei der Nachbarschaftshilfe abgeben wollte. Tante Emma hatte Unmengen von Bettbezügen, Laken und Handtüchern. Manche davon sahen aus, als lägen sie schon seit 92 Jahren in diesem Schrank, andere wiederum waren noch original in Plastik verpackt.
Ganz hinten unten im Schrank zwischen zwei Grubentüchern, entdeckte sie plötzlich ein altes Schreibheft. Es war eins von der dicken Sorte mit stabilen Heftdeckeln. Ihre Tante hatte ein rotes Band sorgsam um das schwarz marmorierte Buch gebunden und mit einer Schleife fixiert. Auf dem weißen Aufkleber stand mit exakt gemalten Buchstaben:
Mein Tagebuch
Emmas Hände begannen zu zittern und Tränen füllten erneut ihre Augen. Ihre Tante hatte tatsächlich ein Tagebuch geführt.
Tante Emma hatte nie viel über sich erzählt, und Emma hatte nicht gefragt. Das Fachwerkhäuschen hatte den Eltern der Tante gehört, und nachdem Emmas Großmutter, also Tante Emmas Schwester, geheiratet hatte und ausgezogen war und die Eltern verstorben waren, hatte Emmas Tante das Haus geerbt. Sie hatte also ihr ganzes Leben hier verbracht, die meiste Zeit davon allein, denn einen Mann hatte es wohl auf ihrem Erdenweg nie gegeben.
Emma setzte sich in den Sessel und starrte das Tagebuch an. Sollte sie wirklich darin lesen? Hätte ihre Tante vielleicht etwas dagegen? Andererseits hatte diese ihr ja das Tagebuch quasi vererbt, also hatte sie vielleicht sogar gewollt, dass Emma es liest. Emma öffnete die Schleife und wickelte das Buch vorsichtig aus dem roten Band. Dann schlug sie die erste der schon vergilbten Seiten auf und begann zu lesen.
11. November 1938
Liebes Tagebuch,
ich brauche dringend jemanden, dem ich meine Gedanken anvertrauen kann, denn Onkel Gabriel ist fort. Er war der Einzige, mit dem ich immer über alles reden konnte, aber heute Morgen, als ich runter in die Raiffeisenkasse kam, saß er nicht so wie jeden Tag hinter seinem Schreibtisch. Also habe ich in seinem Wohnraum hinter der Kasse nach ihm gesucht. Sein Kleiderschrank war leer, und er war verschwunden. Ich bin sofort über den Flur zu Vater ins Lager gelaufen und habe ihn gefragt, ob er wisse, wo Onkel Gabriel sei. Vater hat mich in den Arm genommen und mir dann mit Tränen in den Augen gesagt, dass ich jetzt sehr tapfer sein müsse.
„Onkel Gabriel ist geflohen“, hat er mir erzählt. „Ich habe ihm unser ganzes Bargeld gegeben, und deine Mutter hat ihm eine große Tasche mit Lebensmitteln gepackt. Er wird nicht mehr zurückkommen.“ Ich habe fürchterlich geweint und bis jetzt noch nicht wieder damit aufgehört. Und das alles nur wegen dieser spontanen Volkserhebung gegen die Juden, so hatte es jedenfalls eine von diesen unerträglich lauten Stimmen irgendeines NS Propagandabeauftragten genannt, die gestern Morgen aus dem Radio geplärrt hatte. Er hatte die vorangegangene Nacht als „Reichskristallnacht“ bezeichnet und auch gleich die Erklärung für diesen Begriff geliefert.
„Das deutsche Volk hat die Scheiben jüdischer Geschäfte zerschlagen und die Ladenlokale geplündert.“ Er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass dieses Verhalten seine und die Zustimmung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda fand.
Vater hatte sich furchtbar über den Sprecher im Radio aufgeregt und behauptet, dass sich das deutsche Volk niemals zu solchen Gräueltaten hinreißen lassen würde und Onkel Gabriel meinte, dass es egal wäre, ob es das Volk oder die SS gewesen wäre, er wäre jedenfalls hier nicht mehr sicher.
„Wieso bist du hier nicht mehr sicher?“, hatte ich ihn gefragt.
„Weil ich ein Jude bin“, hatte er mir geantwortet. Und jetzt ist er weg. Vaters bester Freund und mein bester Freund.
12. November 1938
Liebes Tagebuch,
Onkel Gabriel fehlt mir sehr. Ich sitze jetzt schon seit zwei Stunden auf seinem Platz hinter dem großen Schreibtisch und kümmere mich um die Buchungen. Ich bin froh, dass Onkel Gabriel mir in den letzten Jahren alles über die Raiffeisengenossenschaft, die landwirtschaftlichen Produktionsmittel und die Bankgeschäfte der Raiffeisenkasse beigebracht hat. Wir säßen ohne ihn sonst ganz schön in der Patsche, denn Vater kennt sich mit der Bank nicht gut aus.
Eben kam Margot zu mir in den Kassenraum. Sie hat nicht einmal nach Onkel Gabriel gefragt. Vermisst sie ihn denn gar nicht? Als Frau Nägele, unsere Bäckersfrau, dann zu Vater ins Lager kam, hat diese sich sofort nach seinem Geschäftspartner erkundigt. Aber meine Schwester hat gar nicht bemerkt, dass er nicht mehr da ist. Vater hat der Bäckerin erzählt, Onkel Gabriel wäre auf einer Fortbildung. Ich muss jetzt weiterarbeiten, Vater braucht mich.
Als Margot heute Nachmittag vom BdM zurückkam, erzählte sie mir freudestrahlend von dem Pflichtjahr in der Landwirtschaft, das in diesem Jahr für alle Frauen unter fünfundzwanzig eingeführt worden war. Sie ist zwar erst vierzehn und voll und ganz begeistert vom Bund deutscher Mädels, aber auf dieses Pflichtjahr, das sie als junge Frau absolvieren soll, freut sie sich jetzt schon. Sie meint, dass sie gerne ihre Arbeitskraft dem deutschen Volk zur Verfügung stellt, bevor sie dann, als gute deutsche Mutter, Kinder fürs Reich gebären wird.
Ich kann das für mich nicht so sehen, auch wenn ich in meiner Zeit im BdM bis vor Kurzem noch, so wie alle deutschen Mädchen zwischen zehn und achtzehn, ebenfalls zu dieser Haltung erzogen worden bin. Aber darüber will ich mit meiner Schwester nicht reden. Schon gar nicht jetzt, wo uns diese NS-Doktrin Onkel Gabriel genommen hat.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann hat uns dieser ganze Nationalsozialismus nur Sorgen gebracht. Meine Eltern hätten nämlich beinahe den kleinen Raiffeisenmarkt verloren, den sie in unserer Scheune schon seit ich denken kann betreiben, denn die Nationalsozialisten haben die Raiffeisengenossenschaft in den Reichsnährstand zwangsintegriert. Zum Glück dürften die kleinen Märkte dann aber doch weitergeführt werden.
Das hat mir alles Onkel Gabriel erklärt. Er war es übrigens auch, der meinen Vater dazu überredet hat, mich nach der Schule hier auszubilden. Aber auch das war wegen der Nationalsozialisten schwierig, denn Mädchen sollten nur noch hauswirtschaftliche, pflegerische oder erzieherische Berufe erlernen. Dabei liebe ich es doch so, mich mit Zahlen zu beschäftigen. Da Vater keine Probleme wollte, bin ich seitdem eben die Tochter, die noch keinen Mann gefunden hat, um Kinder fürs Reich zu produzieren und deshalb im väterlichen Geschäft helfen muss.
Das ist alles nicht fair, Frauen sollten genauso wie Männer alle Berufe erlernen dürfen, die sie möchten. Das hat Onkel Gabriel auch immer gesagt. Wir haben oft über solche Dinge diskutiert. Jetzt habe ich keinen mehr, mit dem ich solche Gespräche führen kann. Ich vermiss ihn so, hoffentlich geht es ihm gut.
Du siehst liebes Tagebuch, ich brauche dich, du kannst mir zwar nicht antworten, aber ich kann mir wenigstens meine Gedanken von der Seele schreiben.
Bob hatte Emma schon im ganzen Haus gesucht und war froh, als er sie jetzt endlich im Schlafzimmer ihrer Tante fand. Sie saß mit angezogenen Beinen, die sie mit einem Arm umschlungen hatte, auf einem Sessel neben dem Bett. In der Hand hielt sie ein geöffnetes schwarzes Buch, und über der Sessellehne hing ein breites rotes Band. Emma war völlig vertieft in ihren Lesestoff und schien ihn gar nicht zu bemerken.
Er betrachtete sie eine ganze Weile und konnte nicht umhin zuzugeben, dass ihm das, was er da gerade sah, ziemlich gut gefiel. Emmas leichtes Sommerkleid war ihr in dieser Körperhaltung von den Beinen nach oben gerutscht, und Bob konnte ihre wohlgeformten Oberschenkel sehen. Ihre Sandalen lagen vor dem Sessel auf dem Boden, und die hübsch lackierten Zehen ihrer nackten kleinen Füße krallten sich förmlich in den Stoff des alten Sitzmöbels. Bob kämpfte gerade gegen das Verlangen an, ihre süßen zu küssen und die Küsse dann bis zu ihren Oberschenkeln fortzusetzen, als Emma das Buch plötzlich zuklappte und tief Luft holte.
Sie starrte auf das Bett ihrer Tante und flüsterte leise: „Warum hast du mir das nie erzählt?“ Dann liefen Tränen über ihre Wangen.
Mein Gott, diese Frau schien ein unerschöpfliches Tränenreservoir zu haben, aber er wäre gerne bereit, diese Tränen für sie weg zu küssen.
Als Emma ihn bemerkte, erschrak sie so sehr, dass ihr das Buch aus der Hand rutschte und auf den Boden fiel. Hastig sprang sie vom Sessel, bückte sich, hob es wieder auf und drückte es fest an ihre Brust.
„Müssen Sie sich so anschleichen? Wie lange stehen Sie denn überhaupt schon da?“, raunzte sie ihn an und ließ sich dann wieder, das Tagebuch immer noch an sich gedrückt, auf den Sessel sinken.
Wow, kalte Dusche, aber die hatte er bei seinen Gedanken wohl auch verdient.
„Sorry, aber Sie waren so vertieft in ihre Lektüre, dass ich Sie nicht stören wollte“, sagte er entschuldigend.
Emma sah ihn mit feuchten Augen an: „Diese Lektüre ist das Tagebuch meiner Tante. Ich habe es im Kleiderschrank zwischen den Handtüchern gefunden.“
„Ihre Tante hat ein Tagebuch geschrieben?“
„Ja, es beginnt genau einen Tag nach der Reichspogromnacht. Ich habe gerade die ersten Seiten gelesen, und es macht mich traurig, dass ich fast gar nichts vom Leben meiner Tante in dieser Zeit weiß. “
„Hat sie Ihnen denn nie etwas darüber erzählt?“
„Nein, ich weiß nur, dass sie unten in diesem Haus ganz allein bis zu ihrer Verrentung einen Raiffeisenmarkt geführt hat. Und das weiß ich, weil ich mich selbst noch gut daran erinnern kann. Als kleines Mädchen bin ich immer gerne auf den mit Torf gefüllten gelben Plastiksäcken herumgeklettert, die in der Einfahrt vor dem Lager standen. Sie sahen aus wie riesige Bauklötze, und im Sommer wurde das Plastik oft so heiß, dass ich mir meine nackten Beine daran ein paar Mal beinah verbrannt habe“, erklärte Emma, und ein zartes Lächeln umspielte bei dieser Kindheitserinnerung ihre Mundwinkel.
„Das klingt, als wären Sie oft und gerne hier bei ihrer Tante gewesen“, bemerkte Bob und lächelte sie an.
„Oh ja“, seufzte Emma, und eine kleine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und suchte sich einen Weg über ihre Wange.
„Soll ich uns einen Tee kochen?“, fragte er sie daraufhin behutsam und Emma antwortete:
„Oh ja, das ist eine schöne Idee.“
Bob setzte in der Küche den gefüllten Wasserkessel auf den Gasherd. Während er im Küchenschrank nach Tassen und dem Tee suchte, gingen ihm Emmas Worte nicht mehr aus dem Kopf.
Emmas Tante hatte ein Tagebuch geführt. Das könnte bedeuten, dass genau in diesem Tagebuch Hinweise auf den Verbleib der Kiste zu finden sein könnten. Er hatte bereits den ganzen Keller abgesucht, in jeden Winkel geschaut und jeden lockeren Ziegelstein sorgfältig überprüft, damit er auf keinen Fall ein geheimes Fach oder eine versteckte Nische übersah.
Das Tagebuch könnte ihm die ganze Sucherei womöglich ersparen, denn vielleicht hatte die Tante ja ihrem Buch das Versteck anvertraut. Er musste endlich mit Emma reden, denn nur so gab es eine Chance, diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen, bevor noch jemand, also im Klartext Emma, zu Schaden kam.
Das Wasser kochte schon bald, so ein Gasherd hatte tatsächlich einige Vorteile, und Bob schüttete den Tee auf.
Als er mit den dampfenden Tassen zurück ins Schlafzimmer kam, hatte er einen Entschluss gefasst. Er würde jetzt sofort mit Emma sprechen. Er würde ihr die ganze Geschichte erzählen, und dann könnte er das Tagebuch nach Hinweisen durchsuchen. Und wenn er die Kiste, von der sein Großvater ihm berichtet hatte, gefunden hatte, würde er den Inhalt sicherstellen und auf dem schnellsten Wege verkaufen. Sein Großvater hatte ja bereits einen geeigneten Käufer aufgetrieben.
Er überreichte Emma eine der Tassen und setzte sich auf den Boden. Mit dem Rücken lehnte er sich an den Kleiderschrank, und seine Füße stellte er mit angewinkelten Beinen auf den Teppich. Emma bedankte sich, rutschte von ihrem Sessel und setzte sich ganz dicht neben ihn. Sie nahm dieselbe Sitzhaltung ein wie er, und er konnte ihre Wärme spüren.
„Ich muss mich schon wieder bei Ihnen entschuldigen. Ich habe Sie eben sehr unfreundlich angeraunzt. Wenn meine Schüler so mit mir reden würden, bekämen sie ziemlichen Ärger. Sie müssen mich für eine echte Zicke halten.“ Während sie das sagte, dreht sie ihren Oberkörper leicht in seine Richtung und ihr Bein kippte gegen seins.
Bob spürte sofort ein erregendes Kribbeln. Sanft drückte er sein Knie gegen ihres und schaute in ihr lächelndes Gesicht. Verdammt, er war doch tatsächlich auf dem besten Weg, sich in dieses süße Geschöpf zu verlieben. Das konnte die ihm von seinem Großvater überantwortete Mission erheblich erschweren, dessen war er sich durchaus bewusst. Er sollte wirklich versuchen, seine Gefühle für Emma schnell unter Kontrolle zu bringen, zumindest bis alle Dinge geklärt waren. Danach hatte er immer noch die Möglichkeit, sich ausgiebiger um sie zu kümmern.
Aber sein Körper reagierte jedes Mal dermaßen intensiv, wenn Emma ihn berührte oder auch nur in seine Augen schaute, dass ihm klar war, dass es schwer werden würde, diese Gefühle zu ignorieren und Abstand von ihr zu halten.
„Ich gewöhne mich langsam daran, und einen rauen Umgangston bin ich spätestens seit meiner Zeit bei der Bundeswehr gewöhnt.“ Bob grinste sie verschmitzt an, bevor er sich schon wieder in ihren Augen verlor.
„Sie waren bei der Bundeswehr? Etwa einer von diesen gelangweilten Wehrdienstleistenden, die ihre Zeit dort absitzen mussten?“, fragte sie und grinste ebenfalls.
„Nein, da muss ich Sie enttäuschen. Ich hatte mich für acht Jahre verpflichtet und mich bis zum Hauptmann hochgedient. Stehen Sie auf schöne Uniformen und Rangabzeichen?“ Was für eine blöde Frage war das denn, hatte er sie das gerade etwa tatsächlich gefragt? Oh je, Iris, der Kollateralschaden. Von manchen Geistern kann Mann sich wohl nur schwer befreien, schoss es ihm durch den Kopf.
Emma schaute ihn verdutzt an und lachte schließlich, bevor sie sagte: „Nein, auf keinen Fall, außerdem hat die Bundeswehr doch sowieso keinen schönen Uniformen. Da gefallen mir die amerikanischen Galauniformen viel besser.“
„Also doch eine Vorliebe für Männer in Uniform“, stellte Bob fest und lächelte.
„Ich würde eher sagen für die Männer in den Uniformen, also ich meine generell für Männer, also nicht für alle Männer, also ich meine damit viele Männer, also nicht viele Männer, also … ich glaube, ich rede mich gerade um Kopf und Kragen“, erwiderte Emma und wurde dabei rot wie ein Teenager.
Hey, wie süß war das denn.
Bob tätschelte schmunzelnd ihr Knie, das sich eng an seins schmiegte: „Keine Sorge, ich halte Sie nicht für eine mannstolle Zicke.“ Dann nahm er erstaunt zur Kenntnis, dass sie tatsächlich noch stärker erröten konnte und ließ seine Hand einfach auf ihrem nackten Knie liegen.
So viel zum Thema „Abstand“, und das mit dem „Gefühle ignorieren“ klappte in diesem Moment auch „richtig gut“, er war nämlich auf dem besten Weg, ihnen nachzugeben und sie einfach zu küssen.
„Was ist denn hier los?“ Eine laute Männerstimme riss Bob aus seinen verwegenen Gedanken und Emma sprang blitzschnell auf ihre Füße.
„Daniel, was machst du denn hier?“, fragte sie den blonden Anzugträger, der im Türrahmen stand, mit leicht vorwurfsvollem Unterton.
„Wir sind zum Essen verabredet, schon vergessen?“, blaffte er zurück.
„Wie bist du denn hier reingekommen?“
„Ist das jetzt etwa wichtig? Die Eingangstür war offen. Aber vielleicht erklärst du mir erst mal, was ihr zwei hier gerade gemacht habt.“
„Wir? Wir haben Tee getrunken und über dieses Fachwerkhaus gesprochen“, sagte Emma und wunderte sich, dass ihr diese Lüge so leicht über die Lippen ging.
Bob, der mittlerweile auch aufgestanden war, hielt dem aufgebrachten Schönling, den Emma Daniel genannt hatte, die Hand entgegen.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bob Wolfsbach. Ich bin Schreiner und möchte Frau Müller dabei helfen, dieses wunderschöne Schmuckstück zu erhalten.“
„Und dazu müssen Sie auf dem Boden sitzen und das Knie meiner Verlobten berühren?“
„Daniel!“, mischte Emma sich ein, und Bob zog seine Hand wieder zurück. „Herr Wolfsbach hat mein Knie nur tröstend getätschelt, weil ich wegen Tante Emma schon wieder weinen musste“, log Emma erneut.
Daniel schenkte ihr einen verächtlichen Blick, als er sagte: „Ach, die alte Schachtel. Wegen der brauchst du bestimmt nicht mehr zu weinen, die hat ihr Leben gelebt. Am Ende hat sie dir eh nur Arbeit gemacht, und was hast du jetzt davon? Ein altes Haus, das man nur noch abreißen kann.“ Bei seinen letzten Worten drehte er sich zu Bob und schaute ihn herausfordernd an.
Bob sagte freundlich lächelnd: „Na ja, das haben ja zum Glück nicht Sie zu entscheiden.“ Dann marschierte er an Daniel vorbei aus dem Schlafzimmer und zog sich in die Küche zurück.
Was war das denn für ein unsensibler Schickimickivollpfosten, den Emma sich da geangelt hatte, und sie war sogar mit dem Typen verlobt? Zum Glück war dieser Daniel nicht ein paar Minuten später gekommen, denn dann hätte er bestimmt mehr als nur Emmas Knie berührt und das nicht nur mit seinen Händen. Andererseits …
Ach verdammt! Es gab jetzt Wichtigeres als seine Gefühle für Emma und Emmas Gefühle für diesen Hanswurst. Der besagte Hanswurst konnte nämlich nur deshalb einfach so ins Haus spazieren, weil er vergessen hatte, die Haustür abzuschließen, und das hätte ihm auf keinen Fall passieren dürfen. Er wusste ganz genau, dass diese alten Häuser keine Türen hatten, die man, wenn sie ins Schloss gefallen waren, von außen nicht mehr öffnen konnte. Es waren alte Holztüren mit einer Klinke auf beiden Seiten, bei denen man nur durch richtiges Abschließen das Eindringen ins Haus verhindern konnte. Und das hatte er nicht getan. Er hatte die Tür nicht abgeschlossen.
Was wäre gewesen, wenn nicht Daniel, sondern dieser Dressen plötzlich im Schlafzimmer aufgetaucht wäre? Bob musste besser aufpassen, und er musste so schnell wie möglich dieses Tagebuch lesen.
DANIEL HÜTTE war mächtig sauer auf seinen Vater. Was dieser von ihm verlangt hatte, war einfach unglaublich. Ach was, nicht unglaublich, es war schlichtweg kriminell. Der Alte hatte ihn heute Morgen noch vor sieben Uhr in sein Büro zitiert und ihm eine haarsträubende Geschichte aufgetischt.
Daniel arbeitete in der Immobilienfirma seines Vaters und konnte mit Fug und Recht behaupten, ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler zu sein. Sein Vater müsste eigentlich stolz auf ihn sein, aber der alte Hütte sah in seinem Sohn immer noch den kleinen, unreifen Jungen, den er belehren und rumkommandieren musste. Daniel hatte schon oft überlegt, die Arbeit bei seinem Vater einfach hinzuschmeißen, doch am Ende dieser Überlegungen hatte ihm dazu immer der Mut gefehlt.
Bis jetzt hatte er seinem Vater immer mehr oder weniger widerspruchslos gehorcht, doch diesmal war dieser definitiv zu weit gegangen. In die kriminellen Machenschaften seines Erzeugers hatte er auf keinen Fall verwickelt werden wollen.
„Du bist doch mit diesem kleinen Mäuschen zusammen?“, hatte sein Vater ihn gefragt, nachdem er Daniel einen Gin Tonic in die Hand gedrückt hatte.
„Vater! Das Mäuschen heißt Emma, wie du weißt, und wir sind bereits seit Langem verlobt, was dir auch bekannt sein dürfte.“
„Ja, meinetwegen, wie auch immer“, erwiderte der Alte und wedelte mit seiner Hand Daniels Antwort weg. „Wusstest du, dass die Tante der Kleinen gestorben ist?“
„Natürlich weiß ich, dass Emmas Tante gestorben ist.“ Auch wenn er es nicht für nötig gehalten hatte, Emma gestern zur Beerdigung zu begleiten, sollte seinem Vater doch wohl klar sein, dass er über den Tod der Tante seiner Verlobten informiert war.
„Deine Verlobte hat von ihrer Tante ein Fachwerkhaus geerbt, stimmt das?“
„Ja, Emma hat ein altes Fachwerkhäuschen geerbt. Was soll die Frage? Möchtest du dieses Haus etwa kaufen?“
„Na ja, wie ich hörte, ist das ziemlich heruntergekommen, also nicht gerade ein Investitionsobjekt. Hat deine Emma denn noch mehr von ihrer Tante bekommen? Geld etwa oder Kunstobjekte?“
„Nein, soweit ich weiß nicht. Was schert dich das überhaupt, du hast dich doch noch nie für Emma interessiert?“
„Pass auf Sohn, was ich dir jetzt erzähle, muss in diesen vier Wänden bleiben. Wenn irgendwas davon nach außen dringt, dann sind wir erledigt, und das heißt, dass dann auch dein feudales Leben, das du von meinem Geld führst, ein Ende hat.“
„Vater, mein feudales Leben, wie du es nennst, führe ich von dem Geld, dass ich mir als erfolgreicher Immobilienmakler verdient habe.“
„In meiner Firma, also ist es mein Geld, das du bekommst“, fauchte der Alte und nahm einen großen Schluck aus seinem mit Gin Tonic gefüllten Glas.
Daniel wusste, dass es keinen Sinn machte, jetzt weiter mit seinem Vater über dieses Thema zu diskutieren und genehmigte sich ebenfalls etwas Wacholderschnaps mit Bitterlimonade. Eigentlich war es für Alkohol noch viel zu früh am Tag, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass die jetzt folgenden Ausführungen seines Vaters mit etwas Gelassenheit im Blut besser zu ertragen sein würden.
„Daniel“, begann sein Vater und ließ seinen massigen Körper auf den Chefsessel hinter seinem Schreibtisch sinken, „ich komm direkt zur Sache. Ich habe unser ganzes Vermögen und geliehenes Geld an der Börse verloren.“
„Verloren? Du meinst, du hast alles an der Börse verzockt?“, schrie Daniel aufgebracht und starrte seinen Vater ungläubig an.
„Nenn es, wie du willst!“, blaffte dieser zurück. „Ich hatte mir bei Ansgar Dressen, einem Immobilienkollegen aus Leipzig, dieses Geld geliehen und als Sicherheit unsere Firma hinterlegt. Jetzt will der sein Geld mit horrenden Zinsen und in hohen Raten zurück.“
„Wo ist das Problem?“, fragte Daniel stirnrunzelnd. „Die Firma läuft doch gut.“
„Das stimmt zwar, aber der Gewinn reicht bei Weitem nicht aus, die Schulden fristgerecht zu tilgen. Fakt ist, dass ich das Geld nicht zurückzahlen kann, und die Bank will uns wegen meiner Spekulationen auch nicht helfen. Wir sind somit in ein paar Monaten die Firma los.“
