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GuL 95 (2022), Heft 3 Juli - September 2022 n. 504 Notiz Andrea Riedl Zwerge auf den Schultern von Riesen [223-224] Nachfolge Yann Vagneux MEP Im Geist leben. Der Briefwechsel zwischen Henri Le Saux und Thérèse Lemoine [226-234] Manfred Grimm SJ Helfende Hände. Mnemotechnik als Frömmigkeitsübung [235-240] Markus Kneer Guillaume Pouget und die Spiritualität der historischen Kritik [241-248] Nachfolge | Kirche Georg Lauscher Missbrauchte Eucharistie? Wie das Gegebene sich entzieht [249-257] Anna Slawek Spirituellem Missbrauch zuvorkommen. Was wir von Frankreich lernen können [258-266] Philipp Müller Berufung - ein gefährlicher Topos? Pastoralpsychologische Impulse zur Priesterausbildung [267-275] Nachfolge | Junge Theologie Markus Adolphs Grundvertrauen und Gottvertrauen. Eine Verhältnisbestimmung [276-280] Reflexion Sebastian Maly SJ Spiritualität studieren (Teil II). Studiengänge im deutschsprachigen Raum [282-290] Ralph Kunz Hoffnung für die Welt. Eine Aufgabe der Theologie [291-297] Isabella Bruckner Perlen des Glaubens. Der Rosenkranz mit Michel de Certeau gelesen [298-306] Lektüre Martin Blay Erweckung - Kairos - Unterscheidung. Willibald Sandlers Analyse geistlicher Neuaufbrüche [308-316] Iuliu-Marius Morariu "Das Tagebuch der Freude" von Nicolae Steinhardt [317-323] Buchbesprechungen [324-330]
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Heft 3 | Juli–September 2022
Jahrgang 95 | Nr. 504
Notiz
Zwerge auf den Schultern von Riesen
Andrea Riedl
Nachfolge
Im Geist leben.
Der Briefwechsel zwischen Henri Le Saux und Thérèse Lemoine
Yann Vagneux MEP
Helfende Hände.
Mnemotechnik als Frömmigkeitsübung
Manfred Grimm SJ
Guillaume Pouget und die Spiritualität der historischen Kritik
Markus Kneer
Nachfolge | Kirche
Missbrauchte Eucharistie?
Wie das Gegebene sich entzieht
Georg Lauscher
Spirituellem Missbrauch zuvorkommen.
Was wir von Frankreich lernen können
Anna Slawek
Berufung – ein gefährlicher Topos?
Pastoralpsychologische Impulse zur Priesterausbildung
Philipp Müller
Nachfolge | Junge Theologie
Grundvertrauen und Gottvertrauen.
Eine Verhältnisbestimmung
Markus Adolphs
Reflexion
Spiritualität studieren (Teil II).
Studiengänge im deutschsprachigen Raum
Sebastian Maly SJ
Hoffnung für die Welt.
Eine Aufgabe der Theologie
Ralph Kunz
Perlen des Glaubens.
Der Rosenkranz mit Michel de Certeau gelesen
Isabella Bruckner
Lektüre
Erweckung – Kairos – Unterscheidung.
Willibald Sandlers Analyse geistlicher Neuaufbrüche
Martin Blay
„Das Tagebuch der Freude“ von Nicolae Steinhardt
Iuliu-Marius Morariu
Buchbesprechungen
GEIST & LEBEN – Zeitschrift für christliche Spiritualität. Begründet 1926 als Zeitschrift für Aszese und Mystik
Erscheinungsweise: vierteljährlich
ISSN 0016–5921
Herausgeber:
Zentraleuropäische Provinz der Jesuiten
Redaktion:
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Britta Konlechner-Mühl (Redaktionsassistenz)
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Diesem Heft liegt folgender Prospekt bei: Religiöse Lyrik im Echter Verlag
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Andrea Riedl | Dresden
geb. 1984, Dr. theol. habil., Fachbereichsleiterin für Kirchengeschichte an der TU Dresden, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN
In der Antike war die Überzeugung weit verbreitet, dass Wahrheit mit dem Alter zu tun habe: Nur etwas, das sehr alt ist, könne wahr sein. Indem man das Alte oder besser: das Altehrwürdige (lat. antiquitas) bewahrte, war für die antike Welt die Garantie gegeben, dass man auf einer soliden und tragfähigen Basis aufbaute und nicht dem Irrtum der Neuerung verfiel – eine Neuerung, wie man sie etwa dem Christentum im Gegensatz zum Judentum vorwarf. Was alt ist, ist wahr – was älter ist, ist wahrer und damit in jedem Fall zu bevorzugen. Diese Vorstellung galt in der Antike nicht nur für religiöse Belange, für Kult und Lehre, sondern auch für die Wissenschaft, für die Philosophie und das Denken. Dass ein Gedanke völlig neu und noch von niemandem der gelehrten Vorgänger gedacht und entfaltet worden war, provozierte mindestens Skepsis, wenn nicht sogar offenes Misstrauen – ganz anders, als heutige Wissenschaft, Patentkompetenz und Innovation funktionieren. Für die Wahrheit und Zuverlässigkeit eines Gedankens (beziehungsweise für seine reliability, wie es im Englischen so treffend heißt und kaum adäquat übersetzt werden kann) spricht in der Antike demnach, wenn man zeigen kann, dass er nicht neu und innovativ ist, sondern zum Traditionsgut gehört und insofern ein Gütesigel trägt, als er bereits früher gedacht und nun in die Gegenwart transferiert worden sei.
Ein schönes Sinnbild des französischen Gelehrten Bernhard von Chartres (gest. um 1126) ist unter anderem Zeuge dafür, dass dieses antiquitas-Prinzip der Antike seine Fortschreibung im akademisch blühenden Mittelalter gefunden hat. Auf ihn, der zuletzt Kanzler der einflussreichen Kathedralschule von Chartres und in dieser Funktion ebenso Lehrender war, geht das Bild der „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ zurück. Sein Schüler Johannes von Salisbury schreibt: „Bernhard von Chartres pflegte zu sagen, wir seien gleichsam Zwerge auf den Schultern von Riesen, so dass wir mehr und weiter sehen können als diese; nicht aber wegen der Schärfe unseres eigenen Blickes oder unserer eigenen Körpergröße, sondern weil wir durch die Erhabenheit jener Riesen in die Höhe gezogen und emporgehoben werden“ (Ioh. Sal., Metalogicon III, 4, ed. CCCM 89, p. 116, 46–50).
Dieses Bild fügt sich zunächst nahtlos in das Konzept der Antike ein. Wir finden es sogar in leicht veränderter, weil die Schriftauslegung betreffender Form in der Sakralarchitektur der berühmten Kathedrale von Chartres: Die Glasfenster des Südquerschiffes, die in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datieren, zeigen die vier Evangelisten auf den Schultern der vier alttestamentlichen Propheten sitzend: Matthäus auf Jesaja, Markus auf Daniel, Lukas auf Jeremia und Johannes auf Ezechiel. Johannes von Salisbury schreibt nun, basierend auf der zeitgenössischen Entdeckung des einflussreichen aristotelischen Gedankenguts, das Prinzip der Antike fort: Es sei nicht die Wahrheit, deren Garant das Alter ist. Die Arbeit moderner Autoren, Gelehrter, Literaten und Philosophen seiner Zeit stünde jener der Alten hinsichtlich ihrer Wahrheit sowie der Eleganz ihrer Sprache um nichts nach. Nicht um Wahrheit gehe es – sondern um auctoritas: Autorität zu erlangen sei uns modernen Menschen unmöglich oder zumindest äußerst erschwert. Aufgabe und Kompetenz der Gegenwart hingegen sei es, den Gedankenreichtum der Vergangenheit gewissermaßen in moderne Kleidung, ja in leichte Sprache (verbis facilibus) zu kleiden und das Sichtbare ebenso wie das Verborgene in ihnen zur Geltung zu bringen.
Der Streifzug durch Antike und Mittelalter bietet uns im Hinblick auf die Gegenwart zwei Ansatzpunkte: Zunächst veranschaulicht er den Grundsatz historischer Kritik, dass Selbstverständliches selten in Erinnerung gerufen werden muss. Die Crux historischer Textzeugnisse besteht darin, dass sie mehr Außergewöhnliches als Normales, mehr zu Forcierendes als ohnehin Bestehendes überliefern. Indem wir diese Zeugnisse daher mehr als Aufforderung und als Werben des Autors lesen, kommen wir ihrem Anspruch näher: Sei kein(e) Alleinkämpfer(in)! Profitiere von den Errungenschaften und Erfahrungen deiner Vordenker(innen) und erfinde nicht neu, was sie vor dir bereits erfunden haben! Zolle ihnen Tribut, indem du ihren Beitrag dafür anerkennst, wo du heute stehst und was du heute leisten kannst! Und – zweitens – auf Fragen der Spiritualität und des kirchlichen Lebens angewandt: Kirche muss sich nicht neu erfinden, um attraktiv zu sein, denn auctoritas rührt nicht von der Gegenwart, sondern von ihren Ursprüngen her. Sich zu Recht um die moderne Kleidung und die leichte Sprache als Aufgabe der Gegenwart zu sorgen, setzt – mit Antike und Mittelalter gesprochen – die Kenntnis und Überzeugung, aber auch die Kraft dessen voraus, was eingekleidet und übersetzt werden soll; eine Kraft, die von der Offenbarung selbst herrührt und sich durch die zweitausendjährige Geschichte hindurch geformt, konturiert, neu ausgerichtet und jeweils wieder verankert hat.
„Das ganze irdische Leben des Abhishiktananda wird den Augen der großen Öffentlichkeit verborgen bleiben“, schrieb Raimon Panikkar im Vorwort zum intimen Tagebuch seines Freundes1. Weil er uns zeitlich und räumlich fern ist, bleibt uns die Gestalt von Henri Le Saux (1910–1973) auch heute noch ungreifbar, ungeachtet all dessen, was über ihn geschrieben wurde. Einige Jahrzehnte lang wurde uns der Schlüssel zur Interpretation seines einzigartigen Lebens durch R. Panikkar selbst gegeben: „Er ist Mönch, sannyasi, einer, dessen Ideal weltlos ist: ohne Geburt, ohne Ort, ohne Ende, ohne Nichts. (…) Und gegen Ende seines Lebens wird er mehr und mehr Christ, indem er mehr und mehr Hindu wird, indem er alle dvanda (Dichotomien) übersteigt, die ihn geplagt haben.“2 Aber indem Panikkar ihn zu einem sannyasi, zugleich Christ und Hindu3, macht, können wir uns zurecht fragen, ob Panikkar auf Abhishiktananda nicht sein eigenes Profil projiziert hat, das er so zusammenfasst: „Ich habe Europa als Christ verlassen, ich habe in Indien entdeckt, dass ich Hindu bin, und ich bin zurückgekehrt als Buddhist, ohne deshalb aufgehört zu haben, ein Christ zu sein.“4
Die in den letzten Jahren veröffentlichte Korrespondenz5 wirft ein gänzlich anderes Licht auf Henri Le Saux. Die Briefe bestätigen jenen, die etwa daran gezweifelt hätten, seine christliche Verwurzelung. Im Gegenteil: Sie hat sich in dem Maß vertieft, als er dem Hinduismus begegnete. Darüber hinaus zeigt die Korrespondenz seine tiefe Menschenverbundenheit, weit entfernt von der Radikalität eines Akosmismus, vor allem, wo es um humane Beziehungen geht. So erklärt er in einer letzten Botschaft an seinen Schüler Marc Chaduc: „Welche Freude, dich so menschlich zu erfahren, wo doch manche deiner ‚extremen‘ Äußerungen mich mehr als einmal erschauern ließen.“6 Beeindruckend erscheint sein Profil in dem Gedankenaustausch, den H. Le Saux über vierzehn Jahre mit Thérèse Lemoine führte, einer Karmelitin von Lisieux, die ihm später nach Indien folgte. In der Begegnung mit dieser um 15 Jahre jüngeren Ordensschwester, die sich wie er der Kontemplation geweiht hatte, offenbarte sich der Mönch als Meister im geistlichen Leben.
Diese Zeugnisse geistlicher Begleitung stellen einen überaus kostbaren Schatz der Kirche dar. In einer Zeit, in der zahlreiche Fälle von Machtmissbrauch im Gewissensbereich bekannt werden, darf man das Kostbare einer solchen Beziehung nicht aus dem Auge verlieren, wenn sie in reinster Authentizität gelebt wird. Sie kann mit drei Begriffen beschrieben werden: Tiefe (profondeur), Hingabe (abandon) und Freiheit (liberté). Wir können uns an der Einzigkeit dieser Beziehung erfreuen, die in das Leben des Geistes hineinführt, zu dem wir alle berufen sind.
Henri Le Saux trat von Indien aus, wo er lebte, in Briefkontakt mit dem Karmel von Lisieux. Die damalige Priorin bat die Novizenmeisterin, Sr. Thérèse de Jésus, sich um diese Korrespondenz zu bemühen. Ohne Zweifel ahnte Mutter Françoise-Thérèse bereits den geistlichen Nutzen, den die junge Schwester aus diesem Briefkontakt ziehen konnte. Schon zwei Jahre später vertraute Thérèse dem Benediktiner an: „Von meiner frühen Kindheit an hatte ich die Sehnsucht nach ‚Gott allein‘. Und wo immer ich mich aufgehalten habe, sogar in der Familie, wo ich alles hatte, um glücklich zu sein, habe ich mich gleichermaßen fremd gefühlt mit der verzehrenden Sehnsucht nach etwas Höherem, einem Absoluten.“7 Rasch fanden zwei Menschen, die einander nicht kannten, zu einem Austausch in voller Transparenz. Bereits einige Monate später schrieb Henri Le Saux: „Es ist bewegend, mit Thérèse in einem so unmittelbaren Kontakt zu sein, die mir auf derart einfache Weise die Geheimnisse ihres Herzens anvertraut.“8 Offenkundig hatten weder der Benediktiner noch die Karmelitin eine genaue Vorstellung, wohin sie ihr Briefaustausch führen sollte. Trotzdem ergab sich zwischen ihnen ein wahres geistliches Verstehen und ein Gleichklang in der Sehnsucht nach Tiefe: „An diesem 22. Juli 1959 – ein Gedenktag für mich –, an dem ich zum ersten Mal mit Shantivanam in Kontakt getreten bin, erfuhr ich einen tiefen Schock, eine Art Intuition, dass mir plötzlich das gegeben wird, was ich dunkel erwartete, nämlich meinem geistlichen Leben eine Form zu geben, wenn ich so sagen kann. Ich glaube, dass meine Entscheidung unmittelbar und definitiv folgte. Sie haben mich in diesen 18 Monaten viel gelehrt, aber jetzt kann ich nicht mehr zweifeln, ich muss mich in meinem tiefsten Grund engagieren. Sie würden mir helfen, auf diesen Ruf der tiefen Wahrheit zu antworten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich nur durch diesen Ruf konstituiert bin.“9
Thérèse fand im Mit-Begründer des Shantivanam einen, der sie verstehen und der ihren Durst an den Quellen des Geistes löschen konnte. Aber Henri Le Saux bot ihr keine leichten Tröstungen. Im Gegenteil, er hörte nicht auf, sie zu ermutigen, weiter den Weg zu gehen „in jener verlassenen und brutalen Einsamkeit, die die Armen im Geist bewohnen“10. „Der Kontemplative ist nicht einer, der auf jene Vorstellung von Gott fixiert ist, die er sich gebildet hat und an der er sich erfreut. Der wahrhaft Kontemplative ist jener, der es dem Geist überlassen hat, ihn emporzuheben und ihm jeden Halt zu nehmen, selbst in dem, was er seine Kontemplation nannte.“11 Immer von neuem lud der Benediktiner die Ordensfrau ein, in den Grund ihres Herzens zurückzukehren, um da „die blendende Fülle der Gegenwart (des Herrn)“12 zu entdecken. „Was bedeutet dagegen alles, was um uns geschieht? Auf die Mitte unseres Selbst allein müssen wir uns stützen. Und diese Mitte stützt sich selbst auf den göttlichen Felsen. Es sind nicht zwei Felsen. Im Akzeptieren des Felsens, der man selbst ist, enthüllt sich der innere Fels (und nicht die Seele) an diesem Felsen. (…) Dieser Fels ist der Glaube. Und der Glaube ist die Erfahrung des ‚Drüber‘ im tiefsten Grund.“13 Für Abhishiktananda war dieser geheime Ort, an dem sich der Pilger des Absoluten unbewegt aufhält, die Erfahrung des trinitarischen „Ich bin“. Nur auf dieser Ebene wird er seine wahre und unersetzbare Berufung in der Kirche entdecken können. Auch als Thérèse die Schrecken der geistlichen Nacht erfahren hatte, als sie nicht verstand, wohin der Herr sie führen werde, hörte der Mönch nicht auf, sie in die abgründigsten Tiefen zu führen: „Sie werden mich heute zweifellos als hart empfinden. Aber ich glaube, sie müssen sich auf diese ihre wahre Ebene erheben, wo sie sie selbst sind.“14
Die ersten Jahre des Briefverkehrs zwischen dem Swami und der Karmelitin sind ein wahres Juwel christlicher Spiritualität. Sie zeigen auch, welch hohe Vorstellung Abhishiktananda vom Priestertum hatte. Dies kommt in einem Text aus dem Jahr 1966 mit dem Titel „Der Priester, den Indien erwartet, den die Welt erwartet“ klar zum Ausdruck: „Im Kontext Indiens kann der christliche Priester nur ein Guru sein. (…) Der Guru (…) ist ein Mensch, der aus Erfahrung spricht. Der Guru ist einer, der die Lehre vom Heil vermittelt. Ist es nicht so, dass man nur im Grund des Herzens das Geheimnis der Weisheit versteht, dass sich die Erfahrung des Heils auftut? (…) Nur der Guru oder der geistliche Meister ist einer, der eines Tages im Grunde seiner Seele dem ‚wahren und lebendigen‘ Gott begegnen wird, von dem die Schrift auf jeder Seite spricht. Von da an wird er für sein Leben mit dem Brandmal dieser Begegnung geprägt sein.“15
Die Figur des Gurus ist leider häufig durch „Betrug“ verunstaltet. Es scheint, dass außerhalb Indiens sehr wenige jene zentrale Rolle verstehen können, die dem geistlichen Meister in der Übermittlung der Weisheit der Alten zukommt. Doch das reine Ideal des Guru in der Hindu-Tradition war für Abhishiktananda ein machtvoller Ruf in jene Tiefe, in der er sein Priestertum leben sollte: „Die Rolle des Meisters ist vor allem die, den Schüler aufzuwecken. Er soll ihm das innere Ohr öffnen, das ins Innere eintaucht und das Mysterium erkennt. Er soll den Geist des Schülers öffnen für jenen Geist, der in ihm wohnt, für jenen Geist, der die Tiefen Gottes erspürt.“16 Es war ihm gegeben, diese Wirklichkeit am Ende seines Lebens voll zu leben mit Schwester Thérèse ebenso wie mit Lalit Sharma, Ramesh Srivastava und besonders mit Marc Chaduc. In seinem Tagebuch vertraute er uns an: „Ich bin geweiht für einen ‚Dienst‘ (ministère), aber für einen Dienst, der die sogenannten kirchlichen Vollzüge überschreitet. Es ist ein Dienst am Mysterium, für das Offenbarwerden des Mysteriums: Es ist eine Offenbarung an die Menschen, das Offenbarwerden des eigenen, persönlichen Mysteriums und auch des umfassenden Mysteriums, des Geheimnisses schlechthin.“17
Abhishiktananda wollte eines nicht: das Wirken des Geistes bei Thérèse behindern. Seine Rolle sah er darin, in die Tiefe zu rufen, in der Rolle des „Freundes des Bräutigams“ (Joh 3,29), ohne die Stelle des Bräutigams bei der geistlichen Hochzeit einzunehmen. An dieser Stelle zeigte sich die typisch benediktinische Diskretion von H. Le Saux: „Warum große Worte machen wie ‚führen, leiten, begleiten‘. Einer führt, der göttliche Geist. Fahren Sie fort – wie in der Vergangenheit –, mir offen zu schreiben. Wenn der Geist sich meiner Hand und dieser Feder bedient, um Ihnen zu helfen, besser zu verstehen, was er Ihnen in der Tiefe sagt, dann loben (preisen) sie ihn. Der Tag, an dem ich wüsste, dass ich ‚mit Autorität‘ schreibe, da würde mir bewusst, dass ich Ihnen nichts mehr zu sagen habe (…).“18 Dennoch ließ die Korrespondenz zwischen Lisieux und Shantivanam im Lauf der Monate in Thérèse einen „Ruf nach Indien“ reifen, als ob dieses vom Geist gesegnete Land sie zu einem neuen Aufbruch riefe, um ihre karmelitanische Berufung aufs Neue zu verwirklichen. Auch Abhishiktananda hatte Sehnsucht nach dem Entstehen eines Shantivanam für Frauen. Doch wollte er Thérèse nicht drängen, ihn zu treffen, obwohl er fühlte, dass sie für eine solche Gründung die ideale Person wäre. Im Gegenteil, er schlug ihr vor, sich durch alle Umstände auf die Probe stellen zu lassen – in Richtung auf den Ort eines Friedens ohne Trübung, an dem sie sich unaufhörlich aufhalten sollte: „Ich glaube, es braucht noch mehr an Reinigung für den Ruf, den Sie vernehmen. Solange Sie nicht ihren Frieden in Lisieux finden können, fürchte ich, werden Sie nicht fähig sein, ihn anderswo zu finden. Gott ist im Inneren und das Innere ist unabhängig von allen (äußeren) Umständen. Gott für Gott allein und Indien für Gott allein, nicht für Ihr Wohlbefinden, selbst geistlich. Im Augenblick Ruhe und Hingabe. Der Herr wird ein Zeichen geben, sobald er es für gut befindet.“19
Nach vielem Hin und Her schiffte sich Thérèse nach Indien ein, wo sie am Hafendamm von Bombay Abhishiktananda am 20. September 1965 zum ersten Mal begegnen sollte. Von da reiste sie weiter zum Karmel von Pondicherry. Dann folgten lange Monate des Unterscheidens, bevor sie im November 1967 den Swami an den Ufern des Ganges wiedertreffen konnte. Viele Fragen stellten sich, um für die Inkarnation ihrer Berufung zu einer christlich-kontemplativen Präsenz in der Hindu-Welt eine Form zu finden. In seinen Briefen erinnerte sie der Benediktiner an die einzig entsprechende innere Disposition: die wahre Hingabe an den Herrn, die „nur der erreicht und findet, der bereit ist, sich zu verlieren. Mehr als alles: verfügbar zu sein für den Geist.“20
In den folgenden Jahren nahm diese Hingabe eine dramatische Wendung. Thérèse bemühte sich um die Erneuerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung und darüber hinaus um ihr Indult zur Exklaustration. Im August 1970 wurde sie von der Ordenskongregation unterrichtet, dass sie um Dispens von den feierlichen Gelübden ansuchen müsse, wenn sie auf ihrem Verlangen beharre, ihr Experiment fortzusetzen: Sie wollte unter den brahmanischen Familien von Allahabad leben, um sich sprachlich und kulturell auf ein Leben als Eremitin in Indien vorzubereiten. Dieses Vorhaben hatte in den Augen des Vatikans „wenig oder gar keinen Bezug zum Leben einer Karmelitin“21. Thérèse verweigerte die Zustimmung zu einer Versetzung in den Laienstand. Aber diese zweifache Treue zu ihrem Ordensgelübde und zu ihrer Berufung für Indien versetzte sie für ein Jahr in eine dunkle Nacht. Aus der Entfernung ermutigte sie Abhishiktananda ohne Unterlass, vor dieser schrecklichen Prüfung, die sie erfuhr, nicht zu fliehen, sondern in ihr auszuharren in einer noch größeren Hingabe an den Herrn und die dunkle Gegenwart anzunehmen, ohne ein Zurück zum Vergangenen und ohne eine Zukunftsperspektive. Entscheidend sollte das lebendige Verlangen sein, ihre einzigartige Berufung als Karmelitin im Herzen des Hinduismus zu leben: „Dieses Dilemma ist wirklich qualvoll und niemand hat das Recht, Ihnen eine Entscheidung vorzugeben. Das sind Fälle, in denen man vor Gott einen Sprung wagen muss. Man sucht, den Willen Gottes zu erfüllen. Das ist nicht falsch, aber der Wille Gottes ist nicht etwas Objektives, weit entfernt, als brauchte es die Linsen der Astronomen (…). Gott ist in der Wahl selbst, die ich treffe, in dieser Hingabe, die nichts anderes ist als ein dunkler Akt der Hoffnung und des Glaubens.“22 Dieser Bezug auf den „Willen Gottes“ wird regelmäßig konterkariert durch die perverse Art der Kirche, die Gewissen zu manipulieren23. Am liebsten sollte man die folgende Passage des Briefes des Benediktiners in Goldbuchstaben schreiben: „Jeder soll vor allem seine eigene Wahrheit entdecken und verwirklichen. Mit anderen Worten: Was Sie vielleicht lieber als Wille Gottes bezeichnen würden, soll nicht in einem abstrakten Ideal gesucht werden, sondern im Grund des eigenen Gewissens: was Gott von mir erwartet in diesem absolut einmaligen Ruf, der mich als Person konstituiert; was ich in mir entdecke als ganz wahren Antrieb, als das ganz Spontane aus meiner Quelle.“24
Dank (der Hilfe) von Abhishiktananda und anderer, die ihren einzigartigen Ruf verstanden, verzweifelte Thérèse nicht, sondern erfuhr im Gegenteil die Kraft zu einer noch größeren Hingabe: „In den ersten Tagen war ich ein wenig deprimiert und die erste Reaktion der Natur war, meine Unabhängigkeit wahrzunehmen und wegzugehen, aber nun habe ich meinen Frieden wiedergefunden. Ich glaube, dass der Herr damit zufrieden sein wird, dass ich mich ganz ihm anheimgebe, auch wenn ich durch dieses Tun die Türen auf der menschlichen Ebene verschließe.“25 Als der Vatikan am 16. Juli 1971 ihr „das offizielle Mandat gab, ihren Versuch als ‚geistliche Erfahrung‘ fortzusetzen, und damit Zeugin zu sein für Jesus, den Herrn“, triumphierte Thérèse über ihre „Weigerung, die einfache Versetzung in den Laienstand zu unterschreiben“ und fühlte sich „für dieses Jahr des Glaubens und der Hingabe (…) mehr als bezahlt.“26 Sie konnte nun für sechs Monate in der heiligen Stadt von Haridwar am Ufer des Ganges leben und dort ihren „Vater“ Le Saux treffen.
Ein letzter Aspekt charakterisiert die besondere geistliche Begleitung, die Abhishiktananda Thérèse geboten hat: der Ruf zu einer wahrhaft inneren Freiheit. Offenkundig hat er dies selbst bei seiner Ankunft in Indien 1948 erfahren. Der Swami wertete diese Herausforderung der Karmelitin, die der Übergang von der geschützten Situation eines klausurierten Lebens in der Normandie zu den Weiten Indiens bedeutete: „Sie reift und entdeckt den Wert ihrer Person von Jahr zu Jahr. Es ist ein weiter Weg, sich von den Beschränkungen eines eingeschlossenen Lebens zu befreien! Man müsste die Verinnerlichung dieses Lebens mit der persönlichen Lebensgestalt vereinen können. Es ist wunderbar, sobald diese Synthese einmal gelungen ist. Ich habe volle Zuversicht für sie.“27
Es war trotzdem schwer für Thérèse, sich von so vielen psychologischen und spirituellen Bedingtheiten zu befreien, um ihre volle „Gestalt“ zu erreichen. Auch wenn der Mönch sie in dieser Anfechtung tröstete, so konnte er die Ordensschwester auch hart angehen in der Hoffnung, dass sie zu guter Letzt innerlich „abhebt“: „Sie haben mich in meinem letzten Brief als hart empfunden (…). Aber es ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was Sie im Grunde sind, was Sie sehr wohl in diesem Grund empfinden, und den unwahrscheinlich großen Ängsten an der Oberfläche ihres Ich. Ich will damit sagen: Im Grunde Ihres Wesens sind Sie wirklich frei, an der Oberfläche aber gar nicht. Ich wünschte endlich bei Ihnen eine Explosion (…), die den ganzen Staub an der Oberfläche, der Sie hindert, Sie selbst zu sein, in alle vier Winde zerstreut.“28 In den Augen von Abhishiktananda war diese Prüfung die einzigartige Gelegenheit, sich von sich selbst zu lösen, um sich noch intensiver dem Herrn anheimzugeben. Mit der Zeit verstand Thérèse die Kraft, die diesem harten Weg innewohnt: „Ich denke, dass für mich die wahre Freiheit innerlich ist. Ist man da einmal angekommen, hindern die menschlichen Grenzen nur mehr den Leib. So erklärte es die kleine Thérèse, die in ihrem so engen Milieu völlig frei sein konnte: ‚Umsonst spannt man ein Netz aus vor den Augen derer, die Flügel haben‘ (Spr 1,17). Man muss immer auf den tiefsten Grund seiner selbst zurückkommen, wo man sich selbst besitzt, indem man sich in jedem Augenblick von Gott empfängt, da, wo man jedem anderen Zugriff, welcher Art auch immer, entflieht.“29
