Inhaltsverzeichnis
Widmung
Dichte Schatten
Allein auf Reisen
Trauerfahnen
Zwei auf einmal
Gesellschaft
Copyright
Die Originalausgabe erscheint unter dem TitelThe Crowded Shadows bei O’Brien Press, Dublin
Für Mam und Dad, ich liebe euch.
Für Noel, Emmet und Grace, immer und von ganzem Herzen.
Für Fergus, Elaine, Luke und Karl. Auf dass wir niemals aufhören, Lagerfeuer zu machen und Zelte aufzustellen.
Ein Riesendankeschön an Svetlana Pironko von der Author Rights Agency für ihre Betreuung und ihren Rat. Auch an meinen ersten Verlag The O’Brien Press, der das Wagnis eingegangen ist, es mit mir zu versuchen, und der mich unterstützt und mir geholfen und während dieses ganzen Abenteuers meine Hand gehalten hat. Ganz besonders danke ich Michael O’Brien für seine Furchtlosigkeit. Meinen Dank und alles Liebe auch an Sorcha DeFrancesco (Ní Chuimín) und Phil Ó Cuimín, die mir ihre wunderschöne irische Alltagssprache zur Verfügung gestellt haben. Vielmals danke ich Gabriel Rosenstock dafür, dass er meine irische Rechtschreibung und Grammatik korrigiert hat. Verbliebene Fehler habe ausschließlich ich selbst zu verantworten. Außerdem möchte ich Pat Mullan danken, dessen Freundlichkeit und menschliche Größe eine Tür aufstießen, von der ich allmählich befürchtet hatte, sie wäre auf immer verschlossen. Pat, ich werde dir nie genug danken können. Und wie immer: Danke Catherine und Roddy.
Dichte Schatten
Wynter beugte sich tiefer über Ozkars Hals und senkte den Kopf, damit die dunkle Hutkrempe ihre Augen verbarg. Unruhig tänzelte der Hengst unter ihr und versuchte, sich rückwärts aus ihrem Versteck zu schieben. Er konnte Wynters Furcht spüren, und das flößte auch ihm Angst ein. Sie raunte Ozkar besänftigende Worte ins Ohr und streichelte ihm die Schulter, doch er schüttelte die Mähne, schnaubte und stampfte laut mit dem Huf auf.
Die Männer zwischen den Bäumen kamen näher. Angestrengt lauschte Wynter auf die Schritte ihrer Pferde, und als die Geräusche lauter wurden, zog sie sich vorsichtig weiter in die Deckung zurück. Sie konnte kaum fassen, wie leicht sich diese Reiter ihrer Aufmerksamkeit entzogen hatten. Der Wald war hier so dicht und dunkel, dass Wynter sie vielleicht überhaupt nicht bemerkt hätte, wären sie nicht so töricht gewesen, eine Pfeife anzuzünden, deren üppiges Tabakaroma sie vor ihnen gewarnt hatte. Bestürzt begriff Wynter, dass sie und diese Männer möglicherweise seit Tagen nebeneinanderher in die gleiche Richtung ritten, ohne einander wahrzunehmen, da die Pferde der Fremden den Klang von Ozkars Hufen aufhoben und umgekehrt.
Schon machte Wynter Anstalten, sich aufzurichten, um durch die Äste zu spähen, da ertönte ein leiser Pfiff von der Straße, und sie zog rasch den Kopf wieder ein. Ihr Herz pochte heftig. Die Männer verharrten einen Augenblick, dann pfiffen sie eine Antwortmelodie und trieben ihre Pferde zu Wynters Entsetzen durch das Dickicht genau auf sie zu.
Sie kamen beängstigend nahe - der Drang, den Kopf zu heben und einen Blick zu wagen, war beinahe unwiderstehlich. Doch schon eine einzige unbedachte Bewegung konnte sie verraten, also hielt sie die Augen fest geschlossen und rührte sich nicht. Langsam zogen die Fremden an ihr vorbei und lenkten ihre Pferde eine steile Böschung hinab außer Sicht.
Leise ließ Wynter Ozkar zur Seite treten, damit sie ihren Abstieg zur Straße beobachten konnte.
Die Köpfe der Männer befanden sich bereits weit unter ihr und wechselten gerade aus dem Schatten in den unbarmherzigen Sonnenschein. Auf der Straße angekommen, zügelten sie ihre Pferde und sahen erwartungsvoll in den gegenüberliegenden Wald. Wynter folgte ihrem Blick und kauerte sich unwillkürlich wieder zusammen, als sie vier weitere Reiter auf dem Abhang entdeckte. Sobald die Neuankömmlinge die Straße erreicht hatten, nahmen die beiden ersten Männer die dunklen Hüte ab und enthüllten ihre Gesichter: Es waren Comberer - ihre mit Harz eingeriebenen Haare und Bärte glitzerten in der Sonne. Misstrauisch blinzelten sie die vier von der anderen Seite an, und einer rief auf Südlandisch, der in Jonathons Königreich gesprochenen Sprache: »So weit?«
Die Neuankömmlinge entgegneten: »Und noch nicht angekommen?«
Allgemeine Erleichterung machte sich breit, und Wynter prägte sich diese Losung und die vorausgegangenen Pfiffe ins Gedächtnis ein.
Nun fragte der kleinere der Comberer: »Ich nehme an, dass wir dieselbe Richtung haben?«
»Möglich ist alles«, gab einer der vier fremden Reiter ausweichend zurück. Dann entledigten sie sich ihrer Kopfbedeckungen, und Wynter überlief ein ängstlicher Schauer. Sie waren Haunardier! Krieger, der Unmenge schimmernder Waffen nach zu urteilen. Lautlos lehnte sie sich in ihrem Sattel vor, um besser sehen zu können. Noch nie war Wynter Haunardiern in Fleisch und Blut begegnet, doch ihre Wildheit und Verschlagenheit waren berüchtigt. Die schmalen, leicht schräg gestellten Augen waren schwarz wie die Nacht, und sie betrachteten die Comberer verächtlich, die honigfarbenen Mienen erfüllt von spöttischer Geringschätzung.
»Diese Männer hier möchten Euch in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass Ihr nicht allzu geschickt darin seid, Euch zu verbergen«, höhnte der Jüngste der vier. »Welcher Narr hat solch ein Verlangen nach einer Pfeife Tabaks?«
Die Comberer warfen einander einen kurzen Blick zu, dann schob sich der Größere allmählich wieder dichter an die Bäume heran, die Pfeife fest zwischen die Zähne geklemmt. »Bleibt Ihr einfach auf Eurer Straßenseite, dann braucht mein Rauch Euch nicht zu bekümmern«, erklärte er bestimmt.
Die Haunardier wirkten belustigt. Sie grinsten einander an und lenkten ihre Pferde gemächlich rückwärts zum Straßenrand.
Für Wynter war es eindeutig, dass diese Männer - wie sie selbst - im Geheimen unterwegs waren und zugunsten der Deckung des dichten Waldes auf die Bequemlichkeit der Straße verzichteten. Es kam ihr vor, als hätten die Haunardier die anderen nur angerufen, um sich über ihren Leichtsinn lustig zu machen.
Lachend sagte der Jüngste noch: »Wir hoffen inständig, dass es nicht Eure Listigkeit ist, die Ihr an der Tafel des Rebellenprinzen andienen wollt.«
Der Rebellenprinz?, dachte Wynter. Alberon! Ungläubig starrte sie die Männer unten auf der Straße an. Dann versammelst du also Verbündete um deine Tafel. Aber Gütiger, Alberon! Erst Comberer und nun Haunardier? Hast du den Verstand verloren?
Unten stichelte der junge Haunardier weiter, seine hämische Stimme wehte zu Wynter herauf. »Wir möchten in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass Ihr ebenso gut grölend mitten auf der Straße tanzen könntet, so unauffällig, wie Ihr Euch dort oben im Wald gebärdet habt.«
»Was Ihr nicht sagt«, knurrte der kleinere Comberer. »Und Euer feinfühliges Geschick als Unterhändler wird für den künftigen König von unschätzbarem Wert sein, wage ich zu behaupten. Schlaft wohl in den kommenden zwölf Nächten, Ihr Haun, und seid gewiss, wir werden dann Euch im Feldlager treffen.«
Noch im Sprechen begannen die Comberer, wieder bergan zu steigen, und Wynter trieb Ozkar leise zurück ins Zwielicht, während sie den zwischen den Zähnen hervorgestoßenen Abschiedsworten lauschte. Die Comberer machten sich durch die Bäume davon, Pfeifenrauch und unterdrücktes Murmeln wehte hinter ihnen her. Die Haunardier mussten wohl den gegenüberliegenden Abhang erklommen haben und dort mit dem Wald verschmolzen sein.
Wynter blieb, wo sie war, tief in Gedanken versunken. Unter ihr döste Ozkar wieder ein.
War es möglich, dass der König recht gehabt hatte? War es tatsächlich Alberons Absicht, die Krone zu stürzen? Bei der Vorstellung, dass Alberon ein Bündnis mit den Haunardiern oder auch mit den Comberern eingegangen sein könnte, lief es Wynter eiskalt den Rücken hinunter. Hatte er sich wahrhaftig gegen seinen Vater gestellt, mit gierigen Eroberern zur einen Seite und frömmlerischen Eiferern zur anderen? Was sollte dann aus dem Königreich werden, und welchen Empfang hatte Wynter von ihrem alten Freund zu erwarten, falls er sich wirklich seinem Vater entgegenzustemmen versuchte?
Den Blick in den Wald gerichtet, dachte sie an die Haun und die Comberer und an alles, wofür sie standen. Wenn es hart auf hart käme und sie zwischen ihnen und König Jonathon abwägen müsste - Alberon hin oder her -, dann gab es für Wynter keinen Zweifel, für wen sie sich entscheiden würde. Sie schüttelte den Kopf und sah sich hilflos um. Über so etwas wollte sie jetzt nicht nachdenken. Urplötzlich wollte die Verzweiflung sie übermannen, und sie richtete sich kerzengerade auf, um sich innerlich dagegen zu stählen.
Schluss jetzt, ermahnte sie sich streng. Es hat keinen Zweck, sich Sorgen zu machen, bevor ich Alberon nicht gefunden und die Wahrheit herausbekommen habe. Dann sehen wir weiter, und die ganze Sache wird mit Leichtigkeit aufgeklärt werden. Grimmig entschlossen schob sie das Kinn vor. Sie hatten ihren Vater für diese Unternehmung geopfert, sie setzte ihr eigenes Leben aufs Spiel, und sie würde nicht scheitern.
Der Wald lag nun wieder still und dem Anschein nach menschenleer, also wagte sich Wynter endlich aus ihrem Versteck und rutschte von Ozkars Rücken. Müde lehnte sie sich einen Augenblick lang an seinen Hals. Sie und Ozkar waren kurz vor Morgengrauen aufgebrochen und hatten beide eine Rast dringend nötig. Am sichersten wären sie weiter hügelan, doch zuerst musste Wynter ihren Wasservorrat auffrischen. Sie beschloss, die Wasserschläuche im Fluss neben der Straße zu füllen, obwohl es riskant war. Gott allein mochte wissen, wann sie wieder Gelegenheit dazu bekäme.
Als sie die Schnüre löste, schnüffelte Ozkar an ihr und knabberte auf der Suche nach Futter an ihrem Hemd. Erschöpft und ungeduldig schob Wynter seinen Kopf beiseite. Morgens und abends bekam er jeweils einen Laib Pferdebrot, und das war mehr als ausreichend, selbst bei ihrem zügigen Marsch. Von ihr aus hätte er gern mehr haben können - sogar alles, denn nach fünf Tagen hingen ihr Pferdebrot, Käse und getrocknete Wurst weidlich zum Halse heraus. Selbst eingeweicht war das derbe Backwerk eine Zumutung für die Zähne und Folter für die Gedärme.
Was würde ich nicht für einen Teller Leber mit Zwiebeln geben, dachte sie, während sie die Wasserschläuche um beide Arme schlang und sich auf Hände und Knie niederließ. Oder, großer Gott, einen Becher Erdbeertrank … oder Apfelkuchen mit dickem Rahm. Vorsichtig glitt sie bäuchlings den Hang hinab. Ohren und Augen waren wachsam auf die Umgebung gerichtet, Herz und Magen träumten vom Essen.
Sie erreichte den Rand des Dickichts und spähte auf den flachen kleinen Bach hinunter, der sich blubbernd seinen Weg durch das tiefe Bett bahnte. Wynter wusste, dass sie nur ein unauffällig dunkler Fleck im Wechselspiel der Schatten war, solange ihr Gesicht verhüllt blieb. Aber sie verzichtete dennoch auf jede unnötige Bewegung, streckte vorsichtig die Arme aus und tauchte den ersten Schlauch ins Wasser. Langsam füllte er sich, und Wynter legte die Wange auf die Böschung, um die Straße im Auge zu behalten.
Der erste Sack war voll und Wynter im Begriff, den zweiten in den Bach zu halten, da vernahm sie Hufe durch das Gras in ihre Richtung stapfen. Hastig riss sie die Hand zurück und drückte sich flach auf den Boden, als das Pferd vorbeigaloppierte.
Es war ein Händler, dem Erscheinungsbild nach von mittlerem Einkommen, der ein voll beladenes Packmuli hinter sich herzog. Für die sperrige Last des Tiers ritt er viel zu schnell, und immer wieder drehte er sich um, Schrecken im Gesicht. Sorgenvoll blickte Wynter ihm nach und fragte sich, was zum Henker er wohl erwartet hatte, wenn er ganz allein auf dieser Straße reiste. Er hatte nicht einmal genug Umsicht gezeigt, sein kostbares Sattelzeug oder die edle Kleidung zu verstecken.
Zwei Verfolger waren ihm auf den Fersen; sie ritten sehr schnell und tief in die Sättel gebeugt. Rasch hatten sie ihre Beute eingeholt, nahmen das Packmuli in ihre Mitte wie Wölfe und schlossen zu dem Fliehenden auf. Im wilden Galopp holte der linke Räuber mit einem Stock weit aus und riss den Händler mit einem Hieb gegen den Kopf vom Pferd.
Der helle Hut des Getroffenen flog hoch durch die Luft und rollte vor Wynter in den Graben. Der Mann selbst stürzte zwischen die Pferde und wurde im Staub zurückgelassen, während die Räuber weiterrasten, um seine Tiere einzufangen.
Wynter konnte den Blick nicht von dem Händler abwenden, der rücklings auf der Straße lag. Er war völlig benommen, das Gesicht von Schmutz bedeckt, und unter seinem Kopf sammelte sich ein dünnes Rinnsal Blut zu einer Lache. Sie hörte, wie die Wegelagerer sein Pferd und das Muli erhaschten und umkehrten, und sie wusste genau, welches Schicksal dem armen Mann nun blühte. Geräuschlos zog sie das Kinn ein und ballte die Hände zu Fäusten, als die Wegelagerer wieder in Sicht kamen.
Einer von ihnen, der mit dem Stock, sprang behände aus dem Sattel und trabte auf den Händler zu. Wynter sah den auf dem Boden Liegenden eine behandschuhte Hand gen Himmel heben, sein Blick war fragend. Ganz offensichtlich begriff er nicht, was ihm geschehen war. Der Räuber hob den Stock hoch über den Kopf, und als er ihn auf das Gesicht des Händlers herabsausen ließ, kniff Wynter fest die Augen zusammen.
Danach folgten nicht mehr viele Schläge. Wynter blieb ganz still liegen, das Gesicht in die Hände vergraben, während die Diebe den Leichnam entkleideten. Angeregt plaudernd erledigten sie ihre Arbeit, sie schienen einander gut zu kennen und ihrem Beruf gänzlich ungezwungen nachzugehen. Sie erwähnten ein Gasthaus und eine Jenny und fragten sich, welchen von ihnen sie wohl lieber mochte. Sie überschlugen, wie viel ihnen ihr Fang einbringen würde, und kamen zu dem Schluss, dass es nicht wenig wäre. Vielleicht so viel, dass Jenny sie sogar beide gleichzeitig mögen würde, wenn sie es schlau anstellten. Dazu lachten sie reichlich und gut gelaunt, und Wynter musste sich die Finger fest gegen die Schläfen pressen und auf die Lippe beißen.
Endlich entfernten sich ihre Stimmen in Richtung Pferde, und Wynter wagte es, den Kopf zu drehen und den Händler anzusehen.
Die Räuber hatten ihn an den Straßenrand geschleppt und ordentlich am Fuße eines Baums abgelegt, als wollten sie höflich den Weg nicht blockieren. Mit dem Rücken zu ihr lag er zusammengekrümmt auf der Seite, und nachdem sie erst hingesehen hatte, konnte Wynter unmöglich den Blick wieder von ihm lösen. Das war vielleicht jemandes Vater, jemandes Sohn. Bis vor wenigen Augenblicken war er am Leben gewesen, hatte geatmet, Gedanken und Pläne gehabt. Und nun war er nichts als Fleisch, achtlos beiseitegeworfen und zurückgelassen als Aas für die Dachse und Füchse, und seine Familie würde nie erfahren, was ihm zugestoßen war.
Das könnte ich sein, dachte Wynter, von jetzt auf gleich getötet und ausgelöscht.
Plötzlich tauchte der Räuber mit dem Stock wieder auf. Er lief zum Straßenrand, kniete sich hin und beugte sich von der anderen Seite aus in das Flussbett, den Arm weit ausgestreckt, um etwas tief in den Brombeerbüschen zu erreichen. Dann hockte er sich grinsend zurück und hielt den Hut des Händlers hoch.
Wynter hätte den Kopf senken sollen, doch sie war so von Hass erfüllt, dass sie den Strauchdieb einfach nur anstarrte, während er den Staub aus dem Hut seines Opfers klopfte.
Schon wollte er aufstehen, als er den Blick hob und sie im Dickicht der Brombeerzweige entdeckte. Wynter sah ihn unter seiner Hutkrempe blinzeln und die Stirn runzeln, und als er langsam auf die Füße kam und mit fragender Miene angestrengt ins Zwielicht starrte, wurde sie von eiskalter Furcht ergriffen.
»Was ist denn?«, fragte der andere Räuber, der bereits im Sattel saß und losreiten wollte.
Der Mann mit dem Stock antwortete nicht, ging nur wortlos vor Wynters Versteck in die Hocke und blickte ihr über die tanzende Helligkeit des Wassers hinweg geradewegs in die Augen.
Alles, was Wynter jemals gelernt hatte, alles, was man in einer solchen Lage tun sollte, war wie weggeblasen. Zu ihrem eigenen Entsetzen blieb sie einfach liegen, erstarrt und hilflos, während der Mann sie in aller Ruhe von oben bis unten musterte.
Seine Augen wanderten über ihren Körper, und sie sah, dass er ihre Rundungen und Wölbungen zur Kenntnis nahm, ihre eindeutig weibliche Gestalt. Als er den Blick wieder hob und ihrem begegnete, war er berechnend und brennend. Er entblößte die Zähne, und die Gier in seinem Grinsen jagte Wynter lähmende, grauenhafte Furcht durch den Bauch.
»Heda! Tosh!«, rief sein Kumpan. »Was treibst du da?« Inzwischen hatte er sein Pferd gewendet, und Wynter hörte ihn herantrotten.
Da stand der Mann auf und bedeutete ihm, nicht näher zu kommen. »Nichts«, gab er zurück und schlenderte zu seinem Pferd zurück. »Nur ein Dachsbau. Ich dachte, da würde ein Mensch liegen. Hab wohl zu viel Sonne abgekriegt.«
Wynter fühlte gleichzeitig ungeheure Erleichterung und überwältigende Übelkeit. Sie presste sich die Hand vor den Mund, überzeugt, sich übergeben zu müssen. Als der Räuber wieder aufstieg, hörte sie ihn sagen: »Hör mal, Peter, wenn wir mit dem stummen Murk einen Preis ausgehandelt haben, kannst du Jenny heute Nacht für dich allein haben. Ich hab was vor.«
»Was vor?«, rief sein Freund ungläubig. »Anstatt Jenny … Was hast du denn vor?«
»Ach, nichts Besonderes. Hab nur Lust, bisschen auf die Jagd zu gehen.«
»Auf die Jagd?«, wiederholte der andere völlig verwirrt. »Statt Jenny? Tosh, ich will mich ja weiß Gott nicht beklagen, aber bist du irre?«
Der Räuber gluckste fröhlich. Nun trabten die beiden langsam von dannen, doch noch ehe sie außer Hörweite kamen, hörte Wynter seine Erwiderung.
»Nee, ich bin nicht irre«, sagte er umgänglich. »Ich hab bloß ganz plötzlich so einen Hunger auf Frischfleisch, das ist alles.« Und erneut lachte er - ein Lachen, dessen Klang Wynter zittern machte und ihr die Kehle zuschnürte.
Allein auf Reisen
Nach einer Weile begann Ozkar zu stolpern, doch Wynter trieb ihn gnadenlos weiter und weiter. Sie hatte jeden Sinn für Vorsicht und Besonnenheit verloren und drängte voran durch Hitze und Staub, achtete kaum auf die Richtung, wollte nur fort.
Ihr Vater hatte sie gelehrt, wie man allein reiste, und bis zu diesem Moment war Wynter seinen Ratschlägen gewissenhaft gefolgt; sie war beherrscht gewesen, umsichtig, hatte alles bedacht. Jetzt aber, von blinder Furcht getrieben, floh sie durch die glühende Mittagshitze, und das Einzige, woran sie denken konnte, waren die fiebrigen Augen dieses Mannes und die Angst, dass sie sie eines Tages wieder ansehen könnten.
Alles, was Lorcan sie je über Selbstverteidigung gelehrt hatte, kreiste zusammenhanglos in ihrem Kopf. Die Daumen fest in die Augen des Angreifers. Das Knie oder die Faust in die Weichteile, den Stiefelabsatz auf seinen Fußrist. Seine ganzen ausführlichen Anweisungen für den Fall, dass sie einmal von einem Mann angegriffen werden sollte, spulten sich endlos in ihrem Geist ab. Dreh ihm auf keinen Fall den Rücken zu, solange er sich noch rühren kann. Wenn er bewegungsunfähig ist, lauf wie der Teufel zur nächsten Ansiedlung. Wenn du allein bist und weit und breit auf keine Menschenseele zu hoffen ist, dann bring ihn an Ort und Stelle um. Tritt auf seinen Schädel ein. Stich ihm die Augen aus. Schlitz ihm die Kehle oder die Leistenbeuge auf. Wynter hatte sie so viele Male gehört - Lorcans unerbittliche Liste von Maßnahmen, um ihr eigenes Leben zu retten und ihre Feinde zu überwältigen oder zu töten. Und eines, das Wichtigste, hatte er ihr wieder und wieder eingeschärft: Furcht lähmt dich, mein Liebling. Furcht tötet dich. Du darfst die Furcht nicht zulassen. Wenn das geschieht, hast du den Kampf verloren.
Tja, es gab keinen Zweifel daran, dass sie den Kampf unten am Bach verloren hatte. Als dieser Mann sie über das glitzernde Wasser hinweg angesehen hatte, hatte Wynter gebibbert wie ein in die Ecke getriebener Hase, und in ihrem Inneren hatte es nur mehr Schrecken gegeben. Die Furcht hatte gewonnen. Dieser Mann hatte gewonnen. Hätte er sofort zugeschlagen, hätte Wynter ihm nichts entgegenzusetzen gehabt. Er und sein Kumpan hätten sie so leicht bezwingen können, wie man Beeren von einem Strauch pflückt.
Erneut strauchelte Ozkar, und Wynter trat ihm zornig in die Flanken. Sie würde immer weiterreiten, würde niemals mehr anhalten. Die Vorstellung, jetzt stehen zu bleiben, irgendwo in der Nähe dieses Mannes, die bloße Möglichkeit, er könnte sie finden, erfüllte Wynter mit Grauen.
Ganz unvermittelt stieg die Erinnerung an Christopher in ihr auf, klar und deutlich und unerwartet; seine lächelnden Augen und sein Grinsen, seine verwegene Tapferkeit. Christopher!, dachte sie mit aufrichtigem Kummer. Christopher!
Wie konnte sie ihn nur so vermissen, obwohl sie ihn doch kaum kannte? Aber so war es. Sie vermisste ihn und bewunderte ihn, sowohl für seinen Mut als auch für sein Lachen, ungeachtet all dessen, was man ihm genommen hatte. Nicht wie du!, dachte sie bitter. Dir wurde noch nie etwas genommen! Nichts wurde dir angetan außer einem Blick in deine Richtung. Und du lässt dich davon vernichten! Du armseliger Feigling! Du wehleidiges Kleinkind!
Mit einer abfälligen Grimasse lehnte sich Wynter im Sattel zurück und zog an den Zügeln. Erleichtert kam Ozkar zum Stehen und keuchte mit hängendem Kopf. Die Hitze war drückend, und Wynter zog die Schultern ein und horchte auf Verfolger. Doch abgesehen vom unablässigen Zirpen der Insekten war der Wald vollkommen still.
Tief atmend richtete sich Wynter wieder auf und presste die Hand auf die Brust, um ihren Herzschlag zur Ruhe zu zwingen. Razis Brief wisperte unter ihrer Handfläche. Das Zunftmedaillon kam still auf ihrer Brust zu liegen. Der Wald um sie herum schlummerte friedlich.
Sie lachte. Also gut, dachte sie noch etwas zittrig. Also gut. Das wäre vorbei.
Ohne noch mehr Zeit zu vergeuden, wendete Wynter Ozkar und trieb ihn den Hang hinauf. Sie ließ sich von ihm weit zwischen die hohen Bäume tragen und wählte dort rasch einen Platz, glitt aus dem Sattel und schlug ihr Lager auf.
Innerhalb einer halben Stunde war Ozkar gefüttert und getränkt, abgerieben und festgebunden und döste, zufrieden an einen Baumstamm gelehnt. Müde kroch Wynter in ihr einfaches Zelt. Sie lag mit dem Kopf auf dem Sattel, blickte hinauf gegen die helle, schlammbespritzte Leinwand und versuchte, an nichts als das gemächliche Summen des Waldes zu denken. Dann sprach sie ein Gebet für Lorcan, eines für Razi und aus tiefstem Herzen eines für Christopher, wo auch immer er sein mochte. Der Schlaf übermannte sie ganz plötzlich - ein dunkler Abgrund, der sich geräuschlos und riesengroß auftat und sie ohne Vorwarnung hinabzog.
Donner dröhnte im Himmel über den Baumwipfeln. Wynter schrak auf und wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Sie lag auf dem Rücken unter der Leinwand. Es war fast dunkel, sie musste stundenlang geschlafen haben. Die Luft war schwer vor Gewitterhitze, der winzige Unterschlupf dunstig und zu eng, und Wynter war froh, eine Seite offen gelassen zu haben. Blinzelnd sah sie hinaus auf die Lichtung, wartete darauf, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten.
Dort im Wald stand Lorcan und suchte besorgt die dunkle Umgebung ab. »Horch«, sagte er.
Bei seinem im Zwielicht flimmernden Anblick musste Wynter schlucken. »Vater«, flüsterte sie, »ich habe Angst.«
Lorcan machte ein missbilligendes Geräusch und schüttelte den Kopf. »Darauf habe ich dich vorbereitet, so gut ich konnte«, sagte er bestimmt. »Du bist jetzt auf dich selbst gestellt, meine Kleine.« Er richtete seinen düsteren Blick in die Finsternis. »Da draußen sind Wölfe. Sie kommen.«
»Vater«, bettelte Wynter, doch Lorcan war bereits entschwunden, sein weißes Hemd nur mehr ein blasser Fleck in der herabsinkenden Nachtschwärze. Als er sich noch einmal zu ihr umdrehte und einen Finger auf die Lippen legte, waren seine Züge verschwommen.
Da erhellte ein Blitz die Umrisse der Bäume durch die Leinwand ihres Zelts. Wynter schrie auf, und während über ihr der Donner grollte, wurde sie endlich vollständig wach. Ozkar wieherte unruhig, sie hörte ihn aufstampfen und ängstlich trippelnd an seinem Strick zerren. Heftig riss Wynter den Kopf herum, als sich in dem noch nicht ganz finsteren Wald etwas bewegte.
Er stand genau in dem offenen Kreis zwischen den Bäumen, keine fünfzehn Fuß von ihr entfernt. Seitlich zu ihr gerichtet, hielt der Räuber einen dicken Stock in der Hand und beobachtete sie durch die offene Seite ihres Unterschlupfs. Er musste ihre Augen in der Dämmerung aufleuchten gesehen haben, denn nun umschloss er den Stock fester und grinste sie an, seine Zähne schimmerten im Halbdunkel.
»Keine Angst«, sagte er leise. »Bin bloß ich … du hast mir ja eine hübsche Spur hinterlassen. Sehr aufmerksam von dir.«
Mucksmäuschenstill blieb Wynter liegen und sah zu, wie er sich über die Lichtung schlich, den Stock zur Seite gestreckt. Erneut flackerte ein Blitz auf, so dass sie das Messer in seiner anderen Hand erkennen konnte. Kurz war Wynter geblendet, doch dann konnte sie wieder sehen: Der Mann stand neben ihrem Zelt und blickte auf sie herab. Das Grinsen war verschwunden, seine Miene jetzt argwöhnisch.
»Also«, sagte er. »Ich werde dir nicht wehtun. Kapiert?« Er ging auf die Knie, den Stock immer noch erhoben, das Messer vor sich. Er ließ Wynter nicht aus den Augen, den Kopf hielt er leicht nach hinten geneigt. Seine Stimme war leise, als spräche er mit einem zähnefletschenden Hund. »Wenn du mir gibst, was ich will, dann tu ich dir nicht weh. Einverstanden?«
Wynter gab keinen Laut von sich und rührte sich nicht.
Immer noch kniete der Mann dort und versuchte, ihre Absichten einzuschätzen. Dann ließ er den Blick an ihrem Körper herabwandern, auf den Brüsten verweilen, zwischen ihre Beine sinken und wieder zu ihren Brüsten klettern. Seine Lider wurden schwer, die Lippen teilten sich. Wieder sah er Wynter in die Augen und zeigte ihr das Messer.
Und dann bückte er sich ins Zelt.
Wynter wartete, bis er ein Bein hob, um sich rittlings auf sie zu setzen, bevor sie ihm mit aller Kraft in den Unterleib boxte. Pfeifend schoss die Luft aus seinen Lungen, und als er sich zusammenkrümmte, warf Wynter den Kopf nach vorn und verpasste ihm einen heftigen Stoß zwischen die Augen. In hohem Bogen spritzte Blut aus der zerschmetterten Nase, und Wynter zog die Füße an und trat den Angreifer vor die Brust, so dass er unter dem Leintuch hinausrollte.
Sofort hechtete sie ihm hinterher, hastig nach ihrem Dolch tastend, weil sie hoffte, ihn töten zu können, solange er noch benommen war. Doch er musste die Konstitution eines Ochsen haben, denn im Nu rollte er sich herum und kam auf die Füße, das Messer erhoben, die freie Hand in den Schritt gepresst. Wynter sah ihm in die Augen und las darin, welches Schicksal ihr blühen würde, sollte sie sich von diesem Mann überwältigen lassen. Hinter ihnen warf sich Ozkar hin und her und schlug aus, versuchte, sich von seinem Strick zu befreien. Blitze durchzuckten den Himmel, Donner brüllte.
Ganz langsam stand Wynter auf und trat ihm gegenüber. Sein Blick fiel auf den Dolch in ihrer Hand, und er grinste durch das Blut, das seinen Mund umfloss.
»Jetzt lass mal schön das Gemüsemesser fallen, Kleine, sonst werde ich noch wütend.«
Als Antwort hob Wynter den Dolch höher und ging in Angriffsstellung. »Verschwinde«, sagte sie, »und du darfst deine Männlichkeit behalten.«
Die Miene des Räubers verfinsterte sich zu boshafter Heiterkeit. Dolch hin oder her, er wusste genau, dass Wynter nicht viel gegen ihn ausrichten konnte. Er war schwerer, größer und stärker als sie und wahrscheinlich gewöhnt, gegen Männer seiner eigenen Statur zu kämpfen.
»Na komm schon«, schmeichelte er. »Lass uns Freunde sein.«
Wynter wich nicht von der Stelle, und der Mann lachte. Ein lautloser Blitz flackerte auf, und Ozkar stampfte und warf den Kopf zurück, der Strick war inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. In diesem Moment machte der Räuber einen Satz nach vorn, und Wynter warf sich ihm entgegen, den Dolch auf Hüfthöhe haltend und bereit zum Zustechen.
Sie prallten zusammen. Der Mann fing ihre Angriffshand und verdrehte Wynter unerbittlich das Gelenk. Sie beugte sich dem Druck, wodurch sie verhinderte, dass ihr Arm brach, doch ihre Finger wurden sofort taub, und der Dolch fiel ins Unterholz. Dennoch ergab sie sich nicht, und der Räuber hatte alle Hände voll zu tun, sie weiter festzuhalten, denn sie schlug um sich, trat und biss. Fluchend packte er sie an den Haaren, riss ihr den Kopf zurück. Durch den brennenden Schmerz hindurch sah Wynter seine hoch in den Himmel gereckte Faust. Dieser Hieb würde ihr die Sinne rauben. Ich bin verloren.
Da löste sich eine riesige Gestalt aus der Dunkelheit, und Wynter wurde dem Griff des Mannes entrissen. Sie stürzte, schlug hart auf dem Waldboden auf und bekam keine Luft mehr, während das große Etwas über ihr und dem Angreifer aufragte. Der Räuber wirbelte herum und fand sich einer lebendigen Finsternis gegenüber. Abwehrend hob er die Arme, aber da wurde er schon durch die Luft geschleudert und landete krachend auf der anderen Seite der Lichtung.
Wynter wühlte unter den Kiefernnadeln nach ihrem verlorenen Dolch, bereit, sich auch gegen diese neue Bedrohung zu verteidigen. Doch da drang ihr der warme Pferdeduft in die Nase, und sie begriff, dass es Ozkar war, der dort in der Dunkelheit stampfend und scharrend über ihr stand. Überwältigt von Erleichterung ließ sie sich zurück auf den kalten Erdboden fallen, während das Pferd neben ihr wartete, den großen, starken Körper als Schutzschild zwischen Wynter und dem Mann, den es gerade bewusstlos getreten hatte. »Braver Junge«, krächzte sie. »O mein guter Ozkar. Braver Ozkar!«
Erschöpft zog sie sich am abgerissenen Ende von Ozkars Strick hoch und murmelte unablässig, was für ein Braver er doch war. Guter, guter Ozkar. Sie konnte einfach nicht aufhören, es zu sagen, und sie konnte ihn einfach nicht loslassen.
So packte sie ihre Sachen mit einer Hand zusammen, die andere blieb krampfhaft in die zerzauste Pferdemähne geklammert. Sorgsam achtete sie die ganze Zeit darauf, Ozkar zwischen sich und dem gekrümmten Mann im Schatten der Bäume zu halten. Als sie endlich aufbruchbereit war, konnte sie sich nicht überwinden, in den Sattel zu steigen; sie traute sich nicht, sich über den Hals des Pferdes zu erheben, denn sie hatte schreckliche Angst, dass der Räuber dann plötzlich durch die Luft springen und sie angreifen, sie endgültig und unwiederbringlich zu Boden reißen würde. Also lief sie zu Fuß von ihrem Lagerplatz los, immer noch das treue Pferd zwischen sich und dem Mann. Erst als die Lichtung schon längst außer Sichtweite, längst außer Hörweite war, gelang es ihr, den eisernen Klammergriff um die Pferdemähne zu lösen und sich schwerfällig in den Sattel zu schwingen.
Trauerfahnen
Als Wynter in das lang gezogene, namenlose Tal ritt, auf das ihre Landkarte sie vorbereitet hatte, wurde der Pfad allmählich flacher. Sie rechnete damit, gegen Mittag einen Fluss zu erreichen, dessen Lauf sie dann in den nächsten sechs oder sieben Tagen folgen wollte, bis sie zum Gasthof des Orange Cow Inn gelangte. Von dort aus ginge es wieder nach oben, höher in die Berge und hinauf Richtung Indirie-Tal und, hoffentlich, Alberons Feldlager.
Ozkar war auf diesem ebenen Untergrund viel zufriedener. Für ihn war der steile Abhang zunehmend schwierig zu begehen gewesen, und Wynter konnte seine Erleichterung spüren, denn die Last ihres Gewichts war nun besser verteilt. Sie freute sich für ihn, doch ihr selbst gefiel es gar nicht, dass sich die Bäume so lichteten. Die massigen Kiefern hatten hervorragende Deckung geboten, doch diese neue Art mit den hohen Stämmen und dem spärlicheren Grün wuchs nicht so dicht, weshalb es schwieriger würde, sich im Verborgenen zu halten.
Zweieinhalb Tage lag es zurück, dass der Räuber sie überfallen hatte, und Wynter war wieder uneingeschränkt die Herrin ihrer wachen Stunden - am Tag war sie beherrscht und vorsichtig, handelte mit Bedacht.
Die Nächte allerdings waren etwas ganz anderes. In ihren Träumen fand der Mann sie immer wieder und quälte sie, und jeden Morgen erwachte Wynter niedergedrückt von bleierner Müdigkeit, die Gedanken von einer dicken Schlammschicht aus Erschöpfung überzogen.
Und dann war da ihr Vater. Manchmal versetzte sie der Rhythmus der Pferdehufe in einen beinahe betäubten Dämmerzustand; dann liefen Wynter unversehens die Tränen über die Wangen, während sie an Lorcan dachte. Sie vermisste ihn so schrecklich, dass es ein Gefühl war wie Zahnweh. Der Kummer um ihn kroch ihr bei jeder Gelegenheit unter die Haut, und dann konnte sie einfach nicht anders als daran denken, wie einsam er sein musste und dass sie ihm an ihrem letzten gemeinsamen Tag nicht alles gesagt hatte, was sie hatte sagen wollen. All das würde nun wahrscheinlich niemals ausgesprochen werden außer als nutzloses Geflüster am Grab eines wundervollen Mannes. Wahrlich kein Trost.
Wieder einmal hatte der Kummer an Wynter zu nagen begonnen, als sich das Geräusch von Pferden in ihre Grübeleien drängte. Rasch zügelte sie Ozkar und lauschte aufmerksam. Die Reiter waren noch ziemlich weit entfernt, es musste eine große Gruppe sein, die schnell und laut auf der Straße unterwegs war. Wer diese Männer auch waren, sie hatten keine Angst und offensichtlich kein Bedürfnis nach Heimlichkeit.
Leise glitt Wynter aus dem Sattel und band Ozkar an eine kleine Birke. »Ganz ruhig«, raunte sie ihm zu und tätschelte seine Nase. Dann ging sie tief in die Hocke und rannte durch die Bäume, um mit ein bisschen Glück rechtzeitig die Straße zu erreichen und einen guten Aussichtspunkt zu finden, bevor die Männer vorbeigeritten waren.
Sie schaffte es gerade noch und hechtete ins Dickicht neben der Straße, bevor ein eindrucksvoller Reitertross um die Kurve galoppiert kam. Es war ein zu Jonathons fabelhafter Kavallerie gehörender Trupp, und an seiner Spitze ritten drei stattlich auf ihren Rossen thronende Wachen der königlichen Leibgarde.
Alle Männer waren in voller Bewaffnung und trugen ihre angestammten Farben. Aufrecht und vornehm saßen sie in den Sätteln, die Köpfe hoch erhoben, die Gesichter zum Schutz gegen den Staub bedeckt. Sie gaben einen prächtigen Anblick ab. Donnernd kamen sie auf Wynter zu, und als die Erschütterung sie auf und ab hüpfen ließ wie einen Kiesel im Eimer, kicherte sie vor Freude.
Doch dann entdeckte sie die Fahnen, und das Lachen blieb ihr im Halse stecken. Sie waren auf halbmast gesetzt und allesamt schwarz gefärbt. Wynter sah von Mann zu Mann und bemerkte voller Verzweiflung die flatternden Dreiecke aus schwarzem Tuch, die alle an der rechten Schulter trugen. Die Federbüsche an ihren Nasalhelmen waren ebenfalls schwarz eingefärbt und abgeknickt, so dass sie ihnen über den Rücken hingen wie Pferdeschweife.
Diese Männer führten die traditionellen Fahnen und trugen die formellen Zeichen höfischer Trauer. Das konnte nur eines bedeuten: Innerhalb der königlichen Familie hatte sich ein Todesfall ereignet. Alberon oder Jonathon oder Razi - einer von ihnen war tot. Kein anderer Mensch, nicht einmal Wynters Vater, würde das Wehen einer schwarzen Fahne oder das Umknicken des Helmbuschs der Kavallerie rechtfertigen.
Wynter lag auf der bebenden Erde zwischen tanzenden Steinchen und Zweigen und starrte fassungslos die flatternden Banner an. Unterdessen galoppierten die Pferde vorbei und ließen die Luft schwer von gelbem Staub zurück. Endlich stand Wynter auf, trat zwischen dem Gestrüpp hervor und sah den letzten Reitern nach, die gerade um die Kurve bogen und außer Sicht verschwanden.
Ein Todesfall in der königlichen Familie, dachte sie. Ein Todesfall. Aber wer? Nicht Razi! Und auch nicht Albi! Und, o du lieber Gott … was soll aus uns werden, wenn Jonathon gestorben ist?
Was sollte sie jetzt tun?
Regungslos, den Blick auf die leere Straße vor sich gerichtet, stand sie im grellen Sonnenlicht, während um sie der Staub der Straße niedersank. Langsam erholte sich der Wald vom Schrecken der vorbeiziehenden Reiterschar, und kleine Vögel stimmten in den Büschen ihr Lied an, während sich Wynters Gedanken überschlugen. O Razi, klagte sie innerlich, als der erste echte Schmerzensstich sie plötzlich traf. O mein Bruder, mein Freund. Hoffentlich bist es nicht du! Und im selben Augenblick wusste sie, dass das die Wahrheit war, wusste mit rückhaltloser Gewissheit und bohrendem Schuldbewusstsein, dass von allen dreien Razi derjenige war, den zu verlieren sie nicht ertragen könnte.
All diese Überlegungen brannten fieberhaft in ihrem Hinterkopf, während im Vordergrund die alles beherrschende Frage stand, was sie jetzt tun sollte. Sie befand sich fast genau auf halbem Wege zu Alberons Lager. Wäre es angesichts der Trauerfahnen besser, weiterzureiten, oder doch klüger, umzukehren und herauszufinden, für wen die Fahnen wehten?
Ohne eine bewusste Entscheidung zu treffen, ritt Wynter in die gleiche Richtung weiter. Und so fand sie sich gegen Mittag am Ufer des breiten Flusses wieder, der sie durch sein Tal bis zum Orange Cow Inn und von dort weiter zu Alberons Feldlager führen würde.
Stirnrunzelnd blickte Wynter über das behäbige grüne Wasser, dann musste sie plötzlich lachen. Aha! Während ihr Kopf sich nicht entscheiden konnte, hatte ihr Herz sie hierher geführt. Auf zu Alberon also.
Sie lenkte Ozkar gen Osten und trat ihm sanft in die Flanken. Eine Stunde noch, mehr nicht - eine Stunde würde sie noch reiten und dann rasten. Sie holte eine Handvoll Nüsse aus dem Beutel an ihrem Reisegürtel und kaute bedächtig, während sie Ozkar vorantrieb.
Zwei auf einmal
Erst fünf Stunden später stieg Wynter schließlich vom Pferd, und auch da nur, weil sie vor sich zwischen den Bäumen etwas gehört hatte. Der Tag neigte sich seinem trägen, goldenen Ende zu, und der Wald war durchbrochen von staubigen Lichtstrahlen. Lautlos blieb Wynter stehen, eine Hand auf Ozkars Hals, und horchte.
Sie erkannte die unverwechselbaren Geräusche eines Lagers, das aufgeschlagen wurde; durch die stille Abendluft hörte man das Einhämmern von Pfählen, das Sägen und Hacken von Feuerholz, hin und wieder das Wiehern von Pferden. Der Geruch von Lagerfeuer wehte heran. Es musste sich um eine ziemlich große Gruppe handeln, mindestens zehn Mann, vielleicht mehr. Gütiger, dachte sie, in diesem Wald herrscht ja mehr Betrieb als auf einem Jahrmarkt. Alberon muss goldgeprägte Einladungen verschickt haben.
Sie klopfte Ozkar auf die Schulter und kraulte ihn geistesabwesend zwischen den Ohren, während sie überlegte, was sie tun sollte. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass da vorn die Kavallerie war, die dort die Nacht verbringen wollte. Falls das so war - könnte Wynter nicht einfach mitten ins Lager reiten und fragen, wie ihr Auftrag lautete? Vor der Reiterei selbst fürchtete sie sich nicht - ihr Vater hatte dieser hehren Truppe große Achtung entgegengebracht. Was sie zögern ließ, waren die drei königlichen Leibwachen. Wenn Jonathon tot war, wem gälte nun ihre Gefolgschaftstreue? Falls sie inzwischen irgendeiner Wynter nicht bekannten Splittergruppe die Treue geschworen hatten, wie würden sie es dann wohl aufnehmen, dass die Hohe Protektorin des Königs einfach so in ihr Lager spazierte und Auskunft verlangte?
Andererseits: Sollte es doch Alberon sein, der gestorben war, und die Soldaten auf der Suche nach seinen Anhängern - welchen Eindruck würde es dann machen, wenn die Hohe Protektorin durch einen Wald ritt, in dem es vor mutmaßlichen Rebellen nur so wimmelte?
Oder was, wenn es sich überhaupt nicht um die Kavallerie handelte, sondern um irgendwelche bis jetzt noch nicht in Erscheinung getretenen Figuren in Alberons verwickelten Händeln?
Seufzend fuhr sich Wynter mit der Hand über das Gesicht. Konnte denn nichts einmal einfach sein? Also gut, beschloss sie. Ich gehe mir das Ganze mal anschauen, und dann sehe ich weiter.
Es tat ihr leid, dass sie Ozkar gesattelt zurücklassen musste, doch sie versprach ihm hoch und heilig, dass sie nur rasch ihre Neugier befriedigen und dann einen Schlafplatz für sie beide suchen würde. Noch ein letztes Mal rieb sie ihn zärtlich zwischen den Augen, dann band sie ihn an ein langes Seil und rannte los.
Schnell wurde Wynter klar, dass die Lagerstelle sehr klug gewählt war. Es wäre so gut wie unmöglich, unbemerkt nahe heranzukommen. Verdrossen verschnaufte sie, an eine breite Eiche gelehnt. Die Geräusche des Feldlagers waren jetzt viel deutlicher, und hin und wieder konnte sie vereinzelte Rufe in einer Sprache hören, die sehr nach Hadrisch klang. Das war nicht die Kavallerie.
Eine Zeit lang lauschte sie, war jedoch immer noch zu weit entfernt, um etwas Vernünftiges herauszubekommen. Am südlichen Rand des Lagers stieg der Wald an, und Wynter huschte in einem kleinen Bogen hinter diese leichte Erhebung, in der Hoffnung, dort vielleicht einen Aussichtspunkt zu finden.
Hinter der Anhöhe drückte sie sich flach auf den Boden und krabbelte in Deckung. Das Lager befand sich jenseits der Kuppe, und sie konnte die Männer jetzt ganz deutlich bei ihrer Arbeit sprechen hören. Ruhig spähte Wynter durch die Äste und hielt Ausschau nach Wachposten. Sie müsste sich sehr geschickt anstellen, wenn sie zur Kante der Anhöhe robbte; der Wald war dort oben licht, und man könnte sie leicht entdecken.
Vier oder fünf Minuten verstrichen ohne jedes Anzeichen eines Wachpostens, also holte Wynter tief Luft, bedeckte ihr Gesicht, um mit der Umgebung zu verschmelzen, und schob sich leise aus der Deckung. Als sie ganz langsam auf dem Bauch den von Laub und Nadeln bedeckten Hang hinaufrobbte, dankte sie Gott für die jüngsten Regenfälle; ohne den Rest Feuchtigkeit hätte der Waldboden höllisch laut geknistert und geknackt.
Auf halber Höhe zur Kante ließ ein leises Geräusch Wynter zu Stein erstarren. Sie zog den Kopf ein und blieb einen Moment regungslos liegen, drehte dann das Gesicht zur Seite und blickte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Es dauerte einen Augenblick, bis sie ihn ausgemacht hatte, und dann war er so nah, dass sie sich einen Aufschrei verbeißen musste: Weniger als zehn Fuß entfernt kroch zu ihrer Rechten ein dunkel gekleideter Mann lautlos durchs Unterholz. Seine Aufmerksamkeit war nach oben gerichtet, noch hatte er sie nicht bemerkt.
Mühsam schluckend trat Wynter vorsichtig den Rückzug an. Mit ein bisschen Glück würde der Mann einfach weiterrobben, und sie könnte sich durch den Wald davonstehlen, ehe er sie überhaupt wahrnahm.
Doch da ertönte ein scharfes Zischen von oben. Sie wandte den Kopf und entdeckte einen weiteren Mann, fast auf der Hügelkuppe. Er deutete auf Wynter, und schon hörte sie hastiges Rascheln neben sich, als sich der erste Mann um die eigene Achse drehte und sein Messer zog. Sie verschwendete keine Zeit darauf, ihn auch nur anzusehen - so schnell sie konnte, krabbelte sie rückwärts bis zum Fuß des Abhangs, kam auf die Füße und rannte los zu Ozkar.
Es war eindeutig, dass sich diese Männer nicht erlauben konnten, irgendwelchen Lärm zu machen, und beim Anblick ihrer lautlosen, wölfischen Bewegungen, mit denen sie ihr nachsetzten, stellten sich Wynters Nackenhaare auf. Sie versuchte gar nicht erst, geduckt zu bleiben, sondern hastete mit fliegenden Gliedern vorwärts, um möglichst viel Abstand zwischen sich und das fremde Feldlager zu bringen, bevor sie sich den Verfolgern stellte.
Ihr Verstand brüllte sie an: Dreh ihnen nicht den Rücken zu! Dreh ihnen nicht den Rücken zu! Stell dich dem Kampf! Wenn sie dich zu Boden reißen, bist du tot! Doch sie schien keine Gewalt über ihre Arme und Beine zu haben, konnte sie nicht daran hindern, immer weiter auszuholen, und spürte, dass ihr die Augen allmählich aus dem Kopf traten. O mein Gott!, dachte sie. Sie sind zu zweit. Was soll ich nur machen?
Wynter hörte die Männer hinter sich durch die Büsche stürmen. Sie hatten sich getrennt und versuchten, sie von beiden Seiten anzugehen. Einer näherte sich sehr rasch in einem weiten Bogen, während sein Kumpan von hinten aufholte. Sie wollten ihr den Weg abschneiden und sie gemeinsam zu Fall zu bringen.
Allmählich ging Wynter die Luft aus, und mit einem Stich der Verzweiflung begriff sie, dass sie es nicht zurück zu Ozkar schaffen würde. Im Laufen zückte sie ihren Dolch und schlug einen Haken nach links, um Abstand zu dem schnellen Mann zu gewinnen, der versuchte, sie abzufangen. Sie wich einem dicken Brombeerstrauch aus und verlor ihn vorübergehend aus den Augen. Der Kerl hinter ihr war inzwischen sehr nah, sie konnte ihn nur wenige Meter entfernt durch einen Strauch brechen hören.
Erneut schlug sie einen Haken, sprang über einen Baumstamm und hielt sich weiterhin möglichst weit links, um den Mann rechts von sich abzuschütteln. Im Augenblick war nur noch der hintere Verfolger da. Vielleicht hatte sie eine Chance, wenn sie diese verbissene Flucht abbrechen und sich ihm stellen würde; wenn sie ihn angriff, solange er allein war. Sie könnte ihn mit ihrem Dolch erwischen, ehe sie zu müde zum Kämpfen wurde.
Immer noch gaben die beiden Verfolger keinen Laut von sich, die einzigen Geräusche waren das Flüstern ihrer Füße im Laub und das kurze, leise Rascheln, wenn einer von beiden durch einen Busch sprang.
Vor ihr stieg der Boden abrupt zu einer steilen Böschung an, auf deren Kuppe ein umgestürzter Baum lag. Auf diesen Hang raste Wynter zu in der Hoffnung, einen Vorteil über den Mann hinter sich zu erringen. Sie konnte Blut in ihrem Atem schmecken. Allmählich ging ihr die Kraft aus - es hieß jetzt oder nie.
Laut und ruhig hörte sie Lorcans Stimme im Kopf. Halt den Dolch niedrig, meine Kleine, und führ ihn von unten nach oben, wie ich es dir gezeigt habe. Weißt du noch?
Also drückte Wynter, als sie schlitternd zum Stehen kam, den Arm gerade nach unten und presste die Klinge an den Oberschenkel, so, wie Lorcan es ihr beigebracht hatte. Dann wirbelte sie genau in dem Moment zu dem Verfolger herum, als der sich hoch in die Luft warf, um sich auf sie zu stürzen.
Ehe sie wusste, wie ihr geschah, ging sie zu Boden und knallte so hart mit dem Rücken auf, dass ihr die Luft wegblieb. Das Gewicht des Mannes auf ihr drückte sie nieder. Einen Augenblick lang war sie wie gelähmt, und er nutzte die Gelegenheit, um sich rittlings auf sie zu setzen und ihr den Unterarm fest auf die Luftröhre zu pressen. Er war heiß und außer Atem, unglaublich stark, und er roch nach Schweiß und Pferd. Angst umklammerte Wynters Herz wie eine eisige Hand, all die Alpträume der vergangenen drei Nächte strömten über sie herein.
Da riss sie den Dolch nach oben und drehte gleichzeitig den Kopf. Als die Klinge zwischen den Beinen des Mannes emporschnitt, blickte Wynter triumphierend in zwei braune Augen, in denen goldene Sprenkel glitzerten.
Razi zuckte zusammen und stieß ein unterdrücktes Ächzen aus, als der Dolch in seinen Unterleib fuhr. Mit einem Aufschrei erstarrte Wynter. Sie hatte keine Ahnung, ob sie ihn verletzt hatte. Noch ehe sie jedoch irgendetwas unternehmen konnte, ertönte ein dumpfer Aufschlag über ihr, und als der zweite Mann über den toten Baum setzte und den Hügel hinabgerutscht kam, wurde Laub aufgewirbelt.
Razi hob den Blick und krächzte ein heiseres »Nicht!«
Kaum wagte Wynter zu hoffen. Sie wandte den Kopf, um das maskierte Gesicht des Mannes zu betrachten, der jetzt neben sie glitt, und flüsterte: »Christopher?«
Christophers Messer war schon an ihre Kehle gedrückt, doch als er ihre Stimme erkannte, wandelte sich sein Zorn zu Schrecken. Hastig riss er die Klinge weg. Einen Moment lang lag er ganz still, als traute er seinen Augen nicht. Dann zog er sanft das Tuch von ihrem Gesicht. Wynter konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sich seine klaren grauen Augen vor Freude verengten.
»Razi«, sagte er. »Endlich hast du den Halunken erwischt, der meine Jacke gestohlen hat.«
Razi, immer noch vollkommen erstarrt, schnaubte trocken. »O ja. Wobei es gut möglich ist, dass der Halunke mich erwischt hat. Wynter? Wärst du vielleicht so gütig …«
Als sich Christopher nach vorn beugte, um einen Blick zwischen sie und Razi zu werfen, musste Wynter lachen. Theatralisch kniff er die Augen zusammen, als spähte er in einen finsteren Kaninchenbau, und zog dann eine Augenbraue hoch, als er sah, wo sich ihr Dolch befand. »Au weia …«, hauchte er. »Sag mal, Razi, könnten wir vielleicht Plätze tauschen? Ich liebe Frauen, die geschickt mit ihren Händen sind.«
Gesellschaft
Gütiger …« Razis entgeisterte Stimme verlor sich in gemurmeltem Arabisch.
Wynter legte sich die Hand auf den Mund, hin- und hergerissen zwischen Belustigung und Bedauern. Ihr Freund saß auf dem belaubten Abhang, die langen Beine von sich gestreckt, den Oberkörper gebeugt, während er den Schlitz untersuchte, den Wynters Dolch im Schritt seiner Hose hinterlassen hatte. Christopher kniete neben ihm. Wegen des nahe gelegenen Feldlagers sprachen sie im Flüsterton.
»Du lieber Himmel.« Razi zog den kaputten Stoff auseinander und starrte fassungslos den langen, oberflächlichen Schnitt auf der Innenseite seines Schenkels an. »Wynter! Du hast mich beinahe entmannt!«
Christopher stieß ein gurgelndes Geräusch aus, woraufhin sich Razi beleidigt zu ihm umdrehte und Christopher entschuldigend die Hände hob, angestrengt bemüht, ernst zu bleiben. »Verzeih, mein Freund! Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich kann nicht …« Wieder prustete er los und musste den Kopf abwenden, um angesichts Razis gekränkter Miene nicht völlig die Beherrschung zu verlieren. »Immerhin«, kicherte er, sich mühsam zusammenreißend, »wollten wir ja nicht nur ein bisschen Fangen spielen. Wir waren wild entschlossen, der armen Frau die Kehle aufzuschlitzen.«
Diese Wahrheit verschlug allen dreien die Sprache, und das Lächeln, das sich auf Razis Gesicht geschlichen hatte, erstarb. Es war wirklich knapp gewesen. Eine falsche Bewegung mit Hand oder Dolch, und jeder von ihnen hätte einem geliebten Menschen schweren Schaden zufügen können.
Wynter schluckte heftig. »Davon träumst du wohl, Christopher Garron«, sagte sie leise. »So tölpelhaft, wie ihr beiden seid, und so furchtsam im Kampf. Seid bloß froh, dass ich Erbarmen mit euch hatte, und dankt euren Göttern, dass ich nicht eure ewige Unterwürfigkeit als Tribut fordere.«
Christopher lächelte sie schief an. »Was machst du überhaupt hier?«
Die Hand auf den Oberschenkel gepresst, betrachtete Razi Wynter einen Moment lang, dann stand er jäh auf. »Heben wir uns das alles für später auf«, sagte er. »Wir müssen hier weg.« Jammernd machte er sich auf den Weg den Abhang hinunter. »Eins sage ich dir, Wynter Moorehawke, wenn diese Wunde an meinem Sattel scheuert, dann werde ich dir das Fell gerben.«
»Willst du denn gar nicht nachsehen, wer diese Leute sind, Razi?« Wynter sprang auf die Füße. Sie musste sich beherrschen, ihn nicht am Arm zu fassen, so als hätte er das Bein ganz verloren und bräuchte sie als Stütze. Eigentlich hätte sie am liebsten beide Männer umarmt und gedrückt, bis ihnen die Köpfe platzten. Doch Razi humpelte schon von dannen, und Christopher blickte besorgt Richtung Feldlager. Er wirkte angespannt.
Razi bedeutete Wynter, ihm zu folgen. »Komm schon«, grunzte er. »Wir können uns das morgen genauer ansehen. Jetzt müssen wir erst mal hier weg.«
Wynter begriff, dass er versuchte, sie vor den Männern in dem Lager in Sicherheit zu bringen, und sofort wurde sie ungeduldig
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